Ein Bote aus Casterly Rock
„Ein Bote aus Casterly Rock!“ rief er und hielt einen versiegelten Brief in den Händen. Vater nahm ihn sofort entgegen, brach das rote Siegel mit dem Wappen des Hauses Lannister – dem goldenen Löwen – und begann zu lesen. Ich trat neben ihn, neugierig und angespannt.
Der Brief war in der Handschrift von Kevin verfasst:
An Ser Jaime Lannister und Lord Lukas,
die Zeit drängt. Die Götter haben ihr Zeichen gegeben. Lady Brienne spürt die ersten Vorzeichen – das Baby kündigt sich an. Die Schmerzen haben begonnen, und auch wenn die Geburt noch nicht unmittelbar bevorsteht, ist es an der Zeit, dass Ihr Euch auf den Weg nach Hause macht.
Jorah und ich werden sofort alles vorbereiten. Es ist wichtig, dass ihr rechtzeitig zurückkehrt, um bei der Geburt zu sein.
Außerdem ersuchen wir euch eindringlich, auch Ser Cengiz mitzunehmen. Wir können es im Brief nicht ganz erklären, doch Brienne hat seinen Namen mehrmals genannt – es scheint, dass seine Anwesenheit ebenfalls wichtig sein könnte.
Die Reise ist lang, aber wir haben gute Hoffnung, dass Ihr rechtzeitig eintrefft. Beeilt Euch – eure Familie erwartet Euch.
In den Namen der Sieben,
Kevin Mormont und Jorah Mormont Casterly Rock
Ich sah Vater an. Seine Lippen bewegten sich stumm, als er das letzte Wort las. Dann ein flüchtiges Lächeln – voller Vorfreude, Nervosität, fast so, als wäre er plötzlich wieder der junge Mann, der zum ersten Mal Vater werden sollte.
„Es ist so weit...“, flüsterte er. Ich nickte, mein Herz pochte. „Wir müssen los.“
Wir packten unsere wichtigsten Sachen – leicht, schnell, das Nötigste. Vater benachrichtigte Jorah über einen Boten, informierte Lennard über die Lage. Dann ging ich zu Cengiz, der in seinem Zelt gerade mit Bronn sprach.
„Cengiz“, sagte ich, „du kommst mit uns. Nach Casterly Rock.“ „Was?“ Er blinzelte. „Warum? Was...?“ „Das Baby kommt. Und... Kevin und Jorah meinten, du solltest dabei sein. Brienne will es wohl so.“
Cengiz zog die Stirn kraus, sichtlich verwirrt, aber auch irgendwie gerührt. „Na gut… ich nehme das als Kompliment. Dann packen wir mal.“
Wenig später standen wir vor dem großen Hauptzelt. Die Sonne hatte sich hinter grauen Wolken versteckt, ein milder Wind ging, und das Lagerleben nahm seinen gewöhnlichen Rhythmus auf. Doch für uns begann eine neue Reise.
Bevor wir auf unsere Pferde stiegen, kam Maester Ortengryn auf uns zu, begleitet von Ser Rodrik.
„Ich hörte, Ihr reitet zurück wegen des Kindes.“ „Das stimmt“, sagte Vater. „Wir wollen es auf keinen Fall verpassen.“
Ortengryn nickte langsam. „Wenn Ihr erlaubt, würde ich Euch begleiten. Ich habe viele Geburten begleitet – und es beruhigt, wenn ein erfahrener Maester dabei ist.“
Vater und ich sahen uns an. „Das wäre eine große Hilfe“, sagte ich dankbar. „Er hat mich zur Welt gebracht“, warf Ser Rodrik mit einem lauten Lachen ein. „Und ich lebe noch. Also kann er so schlecht nicht sein.“
Wir schmunzelten, dann reichte Ortengryn seine Hand. „Dann will ich sehen, ob ich noch immer ein gutes Händchen habe.“
Und so verließen wir mit leichtem Herzen, aber eiliger Seele das Lager.
Vater, Cengiz, Ortengryn und ich – ein kleines Gespann auf dem Weg nach Hause, dorthin, wo bald ein neues Leben beginnen würde.
Der Ritt nach Hause
Die Reise nach Casterly Rock verlief ungewöhnlich ruhig. Kein Regen, keine Straßensperren, keine Späher der Tullys oder anderer Feinde – nur der Wind, der über die Hügel strich, das Hufgetrappel der Pferde und unsere Gedanken, die leise zwischen uns ritten.
Ortengryn, der mit seinem braunen Bart und den wachsamen, aber müden Augen eine Mischung aus Weisheit und Melancholie ausstrahlte, nutzte die Zeit, um uns ein wenig von sich zu erzählen.
„Ich habe als junger Maester Haus Forrester gedient“, begann er. „Damals war Gregor Forrester der Lord, ein Mann mit starker Hand, aber viel Herz. Es war eine angespannte Zeit… immer war der Norden im Wandel, und wir standen zwischen den Häusern, die um Macht kämpften. Ich habe viele Kinder geboren, einige sterben sehen, viele überleben.“
Er erzählte von Ethan, Rodrik, Mira… Namen, die mir nur flüchtig bekannt waren, aber in seiner Stimme lagen Bedeutung und Erinnerung. „Ich bin froh, dass das Haus wieder aufrecht steht… und dass es diesmal auf der richtigen Seite kämpft.“
Cengiz war während der Reise eher ruhig, ritt neben Jaime oder mir, seine Stirn immer leicht gerunzelt. Gelegentlich murmelte er: „Ich versteh’s trotzdem nicht… warum ich?“
Vater und ich sahen uns bei solchen Worten oft nur schweigend an, aber in unseren Augen lag dieselbe leise Hoffnung, derselbe ungesprochene Gedanke: Vielleicht hatte das Schicksal einfach mehr mit Cengiz vor, als wir bisher ahnten.
Trotz aller Sorgen um Tyrion, Sansa, Erik und Gorwin war die Reise von einer stillen Vorfreude durchzogen. Jedes Mal, wenn der Wind aufkam oder die Sonne durch die Wolken brach, spürte ich es – wie das Leben sich regte, wie etwas Neues begann. Vater sprach oft vom Kind. „Ich frage mich, wie er aussehen wird… ob er auch blonde Locken hat wie du als Baby. Oder wie Brienne, so stark in der Statur.“
„Oder beides“, lachte ich. „Ein kleiner goldener Berg.“ Er lachte mit. Es war schön, das zu hören.
Eine alte Wunde
Als wir endlich Casterly Rock erreichten, ragten die goldenen Mauern wie immer gewaltig über die Landschaft. Die Luft war milder hier, der Wind wärmer, und als wir durch das Haupttor ritten, kam uns Jorah Mormont mit Kevin entgegen.
„Willkommen zurück“, sagte Kevin knapp, doch mit einem ehrlichen Lächeln. „Wie geht es ihr?“, fragte Vater sofort. „Die Wehen haben noch nicht begonnen“, antwortete Jorah. „Aber es ist nicht mehr lang. Gut, dass ihr da seid.“
Wir stellten ihnen Ortengryn vor, der sich mit ruhigem Ton und respektvoller Haltung verbeugte. „Ich danke für euer Vertrauen. Ich werde bei der Geburt zur Seite stehen.“ Jorah nickte zufrieden. „Dann ist Brienne in guten Händen.“
Nach wenigen Worten stiegen Kevin und Jorah wieder auf ihre Pferde. „Wir brechen auf nach Riverrun. Gebt gut Acht – und viel Glück mit dem neuen Leben, das euch erwartet.“ „Ebenso euch. Holt uns unsere Familie zurück“, sagte ich. „Wir glauben an euch“, fügte Vater hinzu.
Dann ritten die beiden davon – zwei vertraute Gestalten, die kleiner und kleiner wurden, bis sie hinter den Hügeln verschwanden.
Wir gingen ins Innere der Festung. Die hohen Wände gaben mir sofort wieder dieses Gefühl von Heimat, aber auch von Geschichte – als ob jeder Stein einen Teil von uns kannte. Im Speisesaal setzten wir uns kurz, nahmen ein wenig Wasser und Brot, während Diener uns mitteilten, dass Brienne sich in ihren Gemächern im Ostflügel aufhielt.
Kurz darauf trat Rina ein, in ihrem blauen Kleid, wie immer voller Energie und wacher Augen. „Ihr seid endlich da!“, rief sie erleichtert, umarmte mich und dann Vater und dann Cengiz. „Das Baby kommt bestimmt bald… und Brienne hat schon gefragt, wann ihr endlich ankommt.“
Wir stellten ihr Ortengryn vor. Sie betrachtete ihn erst skeptisch, dann lächelte sie. „Wenn du der bist, der Rodrik Forrester zur Welt gebracht hat, dann vertraue ich dir auch mit Brienne.“ „Das ist mein Ziel, Mylady“, erwiderte Ortengryn mit einem warmen Nicken.
Sie führte ihn durch die Gänge zu Brienne. Vater, Cengiz und ich blieben zurück, tranken noch einen Schluck, bevor wir uns selbst auf den Weg zu Briennes Zimmer machten.
Der Gang war hell, das Licht der Nachmittagssonne fiel durch hohe Fenster. Kaum dass wir die Ecke zum Korridor vor Briennes Tür erreichten, öffnete sich diese langsam – wie auf ein stilles Kommando.
Eine junge blonde Frau trat hinaus. Ihre Bewegungen waren elegant, fast lautlos. Ihr Blick traf uns – oder besser gesagt, Cengiz.
Er blieb wie angewurzelt stehen.
Ihre Augen verengten sich, seine ebenso. Ein Moment der absoluten Stille, die so dicht war wie der Regen vor Tagen.
Dann kniff Cengiz die Lippen zusammen, seine Schultern spannten sich.
„Du…“, sagte er. Seine Stimme war rau, bitter. Verletzt. Und zutiefst überrascht.
Vater und ich sahen uns an, überrascht, verwirrt, voller Fragen. Cengiz stand da wie versteinert, sein Blick auf die blonde Frau gerichtet, die gerade aus Briennes Zimmer getreten war.
Dann – wie aus dem Nichts – bewegte er sich.
Zireael zischte aus der Scheide, schneller als mein Auge folgen konnte. Im nächsten Atemzug war Cengiz bei ihr, drückte sie gegen die Mauer, sein Schwert nur Millimeter von ihrem Hals entfernt. Die Klinge reflektierte das Licht, und für einen Moment hielt alles an. Die Luft, die Zeit, sogar das Zittern in meinem Herzen.
„Cengiz, hör mir zu – ich hatte keine andere Wahl!“ Die Frau sprach ruhig, nicht flehend, aber mit einem flammenden Ernst in der Stimme. Kein Zittern, keine Angst. Nur Wahrheit. Nur Schmerz.
„Doch, Nina!“ Cengiz' Stimme war eine zerrissene Mischung aus Zorn, Enttäuschung und purer Verwundung. „Du hattest eine Wahl. Du hast mich im Stich gelassen. Einfach so. Ich wurde verbannt, verstehst du das? Verbannt! Für einen Mord, den ich nicht begangen habe. Und du – du weißt es. Du warst bei mir!“
Mein Herz raste. Ich wollte zu ihnen stürmen, irgendetwas tun – sie trennen, ihn beruhigen, sie beschützen. Doch Vater hielt mich mit einer Hand am Arm zurück.
„Nicht.“ Seine Stimme war leise, aber entschlossen. „Er wird ihr nichts tun. Ich erkenne diesen Blick. Ich kenne ihn… zu gut.“
Ich schluckte schwer und sah zu Cengiz zurück. Sein Arm zitterte leicht. Die Klinge berührte fast ihre Haut. Doch Nina wich nicht zurück.
„Du weißt, dass ich es nicht sagen konnte“, sagte sie, fester als zuvor. „Ich bin die Prinzessin von Dorne, Cengiz. Wenn jemand erfahren hätte, was zwischen uns war… was denkst du, wie die Leute reagiert hätten? Cousin und Cousine.“
Cengiz schloss die Augen für einen Moment. Als er sie öffnete, war da nichts als Bitterkeit, Liebe und Verrat. „Es ist doch egal, wie die Leute reagiert hätten.“ Seine Stimme wurde tiefer, brüchiger, echter. „Ich hätte jeden für dich getötet. Jeden einzelnen Menschen auf dieser verdammten Erde. Solange wir beide übrig geblieben wären. Ich hätte… alles getan!“
Seine letzten Worte hallten durch den Flur wie ein Fluch – oder ein Schwur, der nie gehalten wurde.
Neben mir stand Vater still. Kein Wort kam über seine Lippen, aber ich sah, wie seine Gedanken zurücktrieben – weit zurück. Seine Kiefermuskeln spannten sich, sein Blick wurde glasig
„Der Junge wird nicht reden. Und falls doch… werde ich ihn töten. Ihn. Ned Stark. Den König. Die ganze verdammte Welt… bis du und ich die einzigen Menschen auf dieser Welt sind.“
Er schluckte. Eine alte Wunde klaffte da in ihm auf, die nie wirklich verheilt war. Seine Worte an Cersei, nachdem er Bran aus dem Turm gestoßen hatte. Und jetzt sah er sie in einem anderen Mann, in dessen zerbrochenem Herzen, gespiegelt.
Cengiz ließ langsam das Schwert sinken. Er drückte Nina noch einmal leicht gegen die Wand, als könnte er sie für diesen einen Moment an Ort und Stelle bannen – sie festhalten, ehe er sie wieder verlieren musste. Doch dann zog er Zireael zurück, steckte sie ohne einen Blick ein und ging einfach an uns vorbei.
„Ich geh mal spazieren“, murmelte er. „Ich kann das hier gerade nicht.“
Seine Stimme war brüchig, wie die eines Mannes, der ein zweites Mal verbannt wurde – nicht von einem König, sondern vom eigenen Herzen.
Nina folgte ihm sofort. Ihre Schritte waren schnell, aber sie zitterten leicht. „Cengiz, warte!“, rief sie ihm hinterher. Doch er blieb nicht stehen.
Dann – wenige Meter entfernt – drehte er sich um und brüllte mit aller Kraft:
„LASS MICH IN RUHE! ICH WILL DICH NICHT SEHEN!“
Seine Stimme schnitt durch die Gänge wie ein Donnerschlag. Ich zuckte zusammen. Nina blieb sofort stehen. Ihre Haltung war immer noch gerade, stolz – aber nun bröckelte etwas in ihrem Gesicht. Ihre Augen glänzten.
Und dann, leise, fest, aber mit einem Hauch von Schmerz sagte sie: „Ich liebe dich…“
Doch es war zu spät. Cengiz war schon verschwunden, hinter der nächsten Biegung.
Nina stand noch einen Moment da. Dann drehte sie sich wortlos um, ging zu einem der Gästezimmer, öffnete die Tür mit zitternder Hand – und schloss sie langsam, aber bestimmt hinter sich.
Die Stille, die folgte, war drückender als jedes Gewitter. Vater und ich sahen einander an. Keine Worte. Nur das Wissen: Die Vergangenheit findet immer ihren Weg zurück.
Vater und ich sahen uns immer noch wortlos an, während die schwere Tür, hinter der Nina verschwunden war, langsam in der Stille verharrte. Ich spürte, wie meine Gedanken noch bei Cengiz waren – bei seiner Stimme, die in den Gängen nachhallte, bei dem Schmerz in seinen Augen, der so tief ging, dass er mir selbst die Brust einschnürte.
„Glaubst du, das wird nochmal was zwischen den beiden?“ fragte ich schließlich leise und sah Vater an.
Er zögerte keinen Moment, nickte dann aber mit leiser Entschlossenheit. „Ja. Ich habe es gesehen. Ihre Blicke… die Verbindung. Die ist nicht einfach weg. Und wenn der kleine da ist, werde ich mal mit Cengiz reden.“
Ich nickte, das Lächeln, das sich auf meine Lippen schlich, war klein, aber ehrlich. „Okay… das ist gut.“
Er klopfte mir auf die Schulter, sanft, liebevoll. Dann atmete er tief durch und sagte: „Komm. Zeit, Brienne zu sehen.“
Jorens Geburt
Gemeinsam traten wir vor Briennes Zimmertür. Ich zögerte einen Moment, spürte die Aufregung wie Strom durch meine Adern schießen. Dann öffneten wir langsam die Tür.
Brienne lag im Bett, Schweiß stand ihr auf der Stirn, ihr sonst so ruhiger Blick war jetzt angespannt, entschlossen. Neben ihr saß Rina auf einem Stuhl, besorgt, aber ruhig. Und Ortengryn stand am Bett, die Hände gefaltet, wachsam, professionell.
Als Brienne uns sah, hellte sich ihr Gesicht kurz auf – ein Lächeln, trotz der Schmerzen. Doch dann durchzuckte sie eine Wehe, sie krümmte sich leicht, kniff die Augen zusammen und presste ein langes, kehliges Keuchen heraus.
„Auuuh—verfluchte…!“
Vater war sofort bei ihr, zog sich einen Stuhl heran, setzte sich an ihre Seite und nahm ihre Hand in seine. Ihre Finger umklammerten seine – und in der nächsten Wehe presste sie mit solcher Kraft zu, dass Vater laut aufschrie: „AH! Brienne! Nur weil meine rechte Hand wieder normal ist, musst du mir doch nicht die linke brechen!“
Alle lachten – selbst Brienne inmitten ihrer Anstrengung. Die Spannung im Raum löste sich für einen Moment in warmem, gemeinsamem Lachen.
Ich setzte mich still auf den Rand eines kleinen Beistelltisches, beobachtete alles – Vater, der Brienne beruhigte, ihre stumme, schmerzverzerrte Miene, Ortengryn, der immer wieder prüfend ihre Stirn abtastete und sanft Anweisungen an Rina gab.
Mein Herz war erfüllt. Von Aufregung, von Hoffnung – und von der ganz stillen, bittersüßen Freude, die nur ein neuer Anfang bringen kann.
Doch als die Zeit verstrich und die Stunden sich zogen, spürte ich, wie meine Nervosität wuchs. Ich stand schließlich auf, schritt zum Maester und tippte ihm leicht an die Schulter. „Könnt Ihr… vielleicht mit mir kommen? Ich dachte, etwas Obst und Wasser wären gut für Brienne.“
Ortengryn nickte. „Eine gute Idee.“ Er wandte sich kurz an Rina. „Bleibt Ihr bei ihr? Ich bin sofort zurück.“ Sie nickte. „Natürlich.“
Im Gang, auf dem Weg zur Küche, ließ ich die Anspannung langsam aus meinen Schultern weichen. Ich sah zu Ortengryn. „Wird alles gut gehen?“ fragte ich leise.
Er sah mich aus den Augenwinkeln an, seine Miene blieb ruhig und zuversichtlich. „Du brauchst keine Angst zu haben, Lukas. Alles sieht sehr gut aus. Das Baby ist gesund, Brienne ist stark. Du musst nur fürchten, dass sie deinem Vater wirklich die Hand bricht.“
Ich lachte leise, zum ersten Mal seit Stunden befreit. „Danke.“
Dann, kurz bevor wir zurück zur Tür gingen, sah ich ihn neugierig an. „Wie heißt Ihr eigentlich mit Vornamen?“
Er lächelte sanft. „Mein Name ist Lewyn. Lewyn Ortengryn. Und du kannst mich duzen“
„Freut mich, Lewyn“, sagte ich aufrichtig. Er nickte leicht, und wir traten wieder ein.
Kaum hatten wir die Tür geöffnet, wurde die Stimmung sofort wieder ernster. Brienne atmete schwer, ihr Gesicht verzogen, der Schweiß lief ihr über die Stirn. Die Wehen waren nun deutlich stärker, regelmäßiger.
Ortengryn trat sofort an ihre Seite und prüfte ihre Lage, dann wandte er sich an alle im Raum. „Wir müssen alles vorbereiten. Es wird nicht mehr lange dauern. Die Geburt steht kurz bevor.“
Vater sah mich mit einem Blick an, in dem sich Furcht, Freude und pure Liebe mischten.
In diesem Moment öffnete sich erneut die Tür.
Nina trat ein.
Ihr Gesicht war gefasst, beinahe gelöst – als hätte sie sich in kurzer Zeit sortiert. Ihre Augen suchten kurz die meinen.
„Ich dachte, ich helfe ein wenig mit“, sagte sie mit ruhiger Stimme. „In Dorne habe ich oft bei Geburten geholfen. Ich weiß, was zu tun ist.“
Sie war schon an meiner Seite vorbei, bevor ich antworten konnte, und trat zu Ortengryn, der überrascht, aber nicht abweisend nickte. Gemeinsam begannen sie, die letzten Vorbereitungen zu treffen.
Ich sah Nina noch einen Moment hinterher. Und dann – dann fiel mein Blick wieder auf Brienne. Sie war stark. Vater war da. Und ich… ich war bereit, meinen kleinen Bruder willkommen zu heißen.
Ich rückte ein Stück näher an Vater heran, sein Blick ruhte mit stiller Entschlossenheit auf Brienne. Ihre Hände umklammerten das Laken, die Lippen bebten vor Anspannung. Ortengryn stand an ihrer Seite, ruhig und konzentriert, Nina bereitete Tücher und Wasser vor, während Rina beruhigend auf Brienne einsprach.
Dann ging es los.
Die Wehen wurden heftiger, rollten über sie wie eine Flut, und Brienne kämpfte mit der Kraft einer wahren Löwin. Sie schrie, sie keuchte, aber sie gab nicht auf. Vater hielt ihre Hand, redete sanft auf sie ein, streichelte ihre Stirn, küsste sie immer wieder auf die Schläfe. Ich sah, wie seine Augen feucht wurden – Tränen, nicht vor Angst, sondern vor Staunen. Vor Liebe.
„Du machst das großartig, Brienne. Ich bin da. Ich bin bei dir.“
Brienne schrie auf, ihre Stimme füllte den Raum, dann hörte man Ortengryns ruhige, klare Stimme: „Noch einmal. Noch ein kräftiger Stoß, Brienne.“
Sie warf sich nach vorne, presste mit allem, was sie hatte – und dann, ein Herzschlag später, durchbrach das erste Schreien eines Neugeborenen die Luft.
Ortengryn hob das kleine Wesen sanft hoch – es war von Blut und Fruchtwasser bedeckt, aber lebendig, kraftvoll, wunderschön. Der Schrei war hell und durchdringend, als wollte er der ganzen Welt verkünden, dass er nun da war.
„Ein Junge“, sagte Ortengryn lächelnd und blickte uns an. „Er ist gesund. Stark. Ein wunderschöner kleiner Junge.“
Er reinigte ihn vorsichtig, wickelte ihn in ein weiches Tuch und legte ihn dann behutsam in Briennes Arme. Sie zitterte, aber ihr Gesicht strahlte. Vater schmiegte sich zu ihr, küsste sie liebevoll auf die Stirn, und sein Blick auf den Jungen war voller Ehrfurcht.
Ich stand still daneben, mein Herz voller Glück, so sehr, dass es beinahe schmerzte. Rina trat an das Bett und legte eine Hand auf Briennes Schulter. Nina nickte Ortengryn respektvoll zu.
„Herzlichen Glückwunsch“, sagte ich leise. „Er ist perfekt.“
Ortengryn lächelte. „Habt Ihr schon einen Namen für ihn?“
Brienne und Vater sahen sich an – ein stiller, langer Blick, voll unausgesprochener Worte – und dann nickte Vater.
„Joren“, sagte er ruhig. „Er soll Joren heißen.“
Ich sah überrascht auf. Mein Herz machte einen Sprung.
„Du meinst… wie in meinem Traum?“
Vater sah mich an, voller Stolz. „Seit du mir davon erzählt hast, wusste ich, dass es der richtige Name ist.“
Ich musste schlucken. Tränen brannten mir in den Augen. Joren.
Ortengryn, Rina und Nina fragten, ob wir noch etwas bräuchten, doch Vater schüttelte den Kopf. Sie verbeugten sich leicht und verließen das Zimmer. Ich wollte ihnen folgen, wollte den drei nun ihre Ruhe lassen, doch Brienne sah zu mir auf.
„Wohin willst du, Lukas?“ fragte sie, sanft aber bestimmt.
„Ich… ich dachte, ihr wollt vielleicht allein sein.“
Vater lachte leise, schüttelte den Kopf. „Du bist genauso Teil davon wie wir. Bleib. Bitte.“
Ich lächelte, gerührt, und ließ mich wieder auf den Stuhl sinken. Es fühlte sich richtig an.
Wir saßen eine Weile still da und betrachteten den kleinen Joren. Seine kleinen Finger zuckten leicht, seine Augenlider flatterten. Brienne wurde langsam müde, ihre Augen wurden schwer. Sie sah zu Vater.
„Willst du… mit ihm eine Runde gehen? Ich… ich brauche kurz etwas Schlaf.“
Vater nickte. „Natürlich.“
Brienne gab Joren vorsichtig in seine Arme. Ich sah, wie sanft Vater ihn hielt, wie sein Gesicht dabei so weich wurde wie nie zuvor. Dann reichte er mir Joren weiter.
„Dein Bruder“, sagte er nur.
Ich nahm ihn entgegen – vorsichtig, fast ehrfürchtig. Kaum lag er in meinen Armen, überkam mich ein Gefühl, das ich nicht in Worte fassen konnte. Wärme, Liebe, ein Stück Zukunft. Eine Träne löste sich aus meinem Auge und fiel auf Jorens kleine Stirn.
„Hallo“, flüsterte ich. „Ich bin dein großer Bruder.“
Wir verließen das Zimmer, leise, um Brienne nicht zu wecken. Gemeinsam wanderten wir mit dem Baby durch die alten Gänge von Casterly Rock, zeigten ihm die Porträts und Wandteppiche, die Geschichten unserer Familie. Vater erzählte kleine Anekdoten, und ich ergänzte mit Lächeln und Lachen.
Schließlich erreichten wir den Turm mit der Dachterrasse. Die Nacht war mild, windstill, die Sterne leuchteten über dem Meer. Wir setzten uns auf die alte gepolsterte Bank, Joren lag nun wieder in Vaters Armen, sein kleiner Mund öffnete sich zu einem stummen Gähnen.
Ich sah Vater an. „Er ist so süß.“
„Er sieht aus wie du damals“, sagte Vater. „Leicht blondes Haar. Diese tiefblauen Augen.“
Ich lehnte mich an ihn, den Kopf gegen seine Schulter. „Es freut mich… dass du endlich eines deiner Kinder halten darfst. Ohne verstecken zu müssen, dass es deins ist.“
Er antwortete nicht sofort. Dann drückte er mich sanft mit der Schulter. „Und ich bin froh, dass du hier bist. Dass ihr beide hier seid.“
Dann legte er mir Joren in die Arme. Ich hielt ihn erneut, diesmal auf der Terrasse unter den Sternen. Und wieder war da diese Träne, diesmal aber begleitet von einem Lächeln.
Nachdem wir eine Weile dort saßen, still und vollkommen im Moment, machten wir uns langsam auf den Rückweg. Auf dem Weg durch den langen Flur begegnete uns der alte Glöckner. Er verbeugte sich ehrfürchtig.
„Herzlichen Glückwunsch, Ser Jaime. Ser Lukas. Mögt Ihr, dass ich zur Feier die Glocken läute?“
Vater und ich sahen uns an. Ich nickte. Er auch.
„Ja. Lass die Welt es hören“, sagte Vater.
Kurz darauf, als wir weitergingen, begann das klare, helle Läuten der Glocken von Casterly Rock. Ein neues Leben war geboren.
Cengiz' Geschichte
Gerade, als wir das Zimmer wieder erreichten, blieb Vater stehen.
Am Ende des Flurs sahen wir Cengiz.
Vater reichte mir Joren und sagte leise: „Pass kurz auf deinen Bruder auf. Ich bin gleich zurück.“
Ich nickte und trat zurück, Joren fest im Arm, als Vater langsam auf Cengiz zuging.
Cengiz lief mit schnellen, festen Schritten durch den Gang, seine Schultern waren angespannt, sein Blick wirkte abwesend. Gerade als er die Tür zu seinem Zimmer erreichen wollte, trat Vater vor ihn.
„Cengiz…“
Cengiz blieb stehen, drehte sich halb zu ihm um. Jaime sah ihn ruhig an, mitfühlend.
„Geht’s dir gut? Hast du dich ein wenig beruhigt?“
Ein Seufzen kam von Cengiz. „So richtig werde ich mich bei dem Thema wahrscheinlich nie beruhigen, Jaime.“ Dann sah er Jaime fragend an. „Die Glocken… ist er geboren?“
Ein warmes, stolzes Lächeln breitete sich auf Jaimes Gesicht aus. „Ja. Ein gesunder Junge. Er heißt Joren.“
Cengiz' Augen weiteten sich kurz überrascht, dann nickte er anerkennend. „Ein schöner Name. Glückwunsch… ich freu mich für euch.“
Jaime trat einen Schritt näher, seine Stimme weich. „Wenn du… drüber reden möchtest. Was damals passiert ist mit dir und Nina. Ich weiß, es ist nicht leicht.“
Cengiz sah für einen Moment zu Boden, dann atmete er tief ein. „Es ist eine lange Geschichte… aber vielleicht ist es Zeit.“
Er sah Jaime direkt an. „Nina und ich… wir standen uns immer näher als wir sollten. Schon als Kinder. Es war nie nur familiäre Nähe. Es war immer… mehr.“
Jaime blinzelte kaum merklich, ein kaum sichtbarer Schmerz durchfuhr seine Augen, doch dann nickte er leicht. „Ich verstehe das. Mehr als du denkst.“
Cengiz fuhr fort. „Vor einigen Jahren hatten wir mit der Familie einen Ausflug in die Nähe des Tower of Joy. Wir waren alle in einem alten Anwesen in den Bergen von Dorne. Eines Nachmittags entfernten wir uns von den anderen und landeten in einem der Räume im unteren Teil des Turms. Da haben wir uns geküsst und du weißt schon...“
Er schluckte. Die Erinnerung schien lebendig in ihm zu brennen.
„Plötzlich hörten wir oben im Turm einen Schrei. Dann schwere Schritte, jemand kam die Treppe runter. Schnell. Wir haben uns unter einem Bett versteckt. Irgendjemand verließ den Turm, wir konnten nicht erkennen, wer es war.“
Cengiz machte eine kurze Pause, dann sprach er leiser weiter. „Ich sagte Nina, sie solle rausgehen und warten, während ich nach oben gehe und nachsehe. Als ich den Raum betrat… sah ich ihn. Quentyn.“
Sein Blick wurde leer, schmerzerfüllt. „Er lag da. Leblos. Das Messer steckte noch in seiner Brust. Ich hab ihn geliebt wie einen Bruder. Ich zog die Klinge heraus – ein Reflex. Auf dem Griff war das Wappen der Martells. Einer von uns… aus der eigenen Familie…“
Seine Stimme bebte, und Jaime legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Ich hatte Tränen in den Augen, stand da wie erstarrt. Dann hörte ich plötzlich Schritte, viele. Ich drehte mich um – und da standen sie. Die Ältesten. Die Mächtigen meiner Familie. Und Nina. Sie sahen mich… mit dem Messer in der Hand… neben Quentyns Leiche.“
Jaimes Gesicht wurde hart, betroffen. „Und egal, was du gesagt hast… du warst in ihren Augen längst schuldig, nicht wahr?“
Cengiz nickte langsam. „Ich habe Nina nicht erwähnt. Ich wollte sie schützen. Niemand sollte wissen, dass wir zusammen dort waren. Dass wir… wir waren. Ich wurde verstoßen. Immerhin nicht hingerichtet. Und sie, sie hat mich nicht beschützt, sie hat es einfach so aussehen lassen als wäre ich schuldig, um ihre eigene Haut zu retten...“
Einen Moment herrschte Stille. Dann sagte Jaime leise: „Wenn einer dich versteht, dann ich. Ich kenne das. Die Angst. Den Wunsch, die Wahrheit zu sagen – und gleichzeitig die Furcht vor dem, was sie auslösen würde. Ich hab diese Angst mit Cersei gelebt. Jeden Tag.“
Cengiz sah ihn an, nachdenklich.
„Ich verstehe deinen Zorn, Cengiz. Ich verstehe auch deinen Schmerz. Aber… ich habe gesehen, wie sie dich angesehen hat. Da war Liebe. Keine Reue wegen dir – nur Angst. Angst davor, was passiert, wenn es rauskommt. Sie ist hier. Sie hat sich entschuldigt. Sie hätte fliehen können. Hat sie nicht. Frag dich, warum.“
Cengiz schwieg lange, dann nickte er langsam. „Ich weiß. Ich hab’s auch in ihren Augen gesehen. Ich bin nur… verletzt. Zornig. Aber ich hör dir zu. Und ich danke dir, dass du mir zugehört hast.“
Jaime drückte seine Schulter kurz. „Wenn du willst… wenn das alles vorbei ist… dann reiten wir nach Dorne. Gemeinsam. Und finden heraus, wer Quentyn wirklich getötet hat.“
Cengiz hob die Augenbrauen. Dann nickte er entschlossen. „Ja. Das will ich.“
Jaime lächelte. „Dann machen wir das. Und wenn du Joren morgen sehen willst – komm einfach vorbei. Und wenn irgendetwas ist… du weißt, wo du mich findest.“
Cengiz sah ihm hinterher, als Jaime sich langsam umdrehte und wieder zu mir zurücklief, während die Glocken von Casterly Rock noch immer leise in der Ferne nachhallten – das Echo eines Neuanfangs.
Vater kam zurück, während ich noch mit Joren in der Armbeuge auf einer Bank saß. Er wirkte ruhig, etwas nachdenklich, aber nicht bedrückt.
„Ist alles okay mit Cengiz?“, fragte ich ihn leise, ohne Joren zu stören.
Er nickte leicht. „Ich denke… es wird dauern. Aber ich glaube, es wird wieder gut. Da ist noch viel Schmerz – aber auch etwas, das es wert ist, darum zu kämpfen.“
Ich lächelte erleichtert. „Das freut mich.“
Er sah mich und Joren an, sein Blick weich und stolz. „Und bei euch beiden? Alles gut?“
Ich grinste. „Alles super. Ich hab Joren schon erzählt, dass unser Vater der coolste und beste Vater auf der Welt ist.“
Vater schmunzelte, fast gerührt, und seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Und ich hab die besten Söhne, die man sich wünschen kann.“
Ich sah ihn an – und wusste, dass er es wirklich so meinte.
Dann gab ich ihm Joren vorsichtig in die Arme. Er nahm ihn sanft, voller Liebe, und ich sagte: „Ich geh mal schlafen, damit ich morgen wieder fit bin für meinen Bruder.“
Er nickte, und ich verschwand, mit einem Lächeln im Gesicht.
Die ersten Tage mit Joren
Joren war der Mittelpunkt von allem – der kleine König von Casterly Rock. Brienne war erschöpft, aber glücklich. Rina half ihr fast ununterbrochen, und auch Nina packte mit an, wenn auch meist schweigend, besonders wenn Cengiz im Raum war.
Am dritten Morgen, während wir alle beim Frühstück saßen – Vater, ich, Rina, Brienne, Cengiz, Nina, Ortengryn und selbst einige Diener leise am Rand – kam Cengiz näher ans Wiegenkörbchen, in dem Joren lag und sanft mit den kleinen Fäusten in die Luft boxte.
Er beugte sich herunter, sah ihn lange an – seine sonst oft harte Miene weich wie nie zuvor. Dann strich er ihm vorsichtig über den Kopf und sagte leise:
„Also… das ist er also.“
Vater grinste. „Das ist er.“
Cengiz stand wieder auf, sah einmal durch den Raum. „Eine Frage…“
Alle sahen ihn erwartungsvoll an.
„Warum zum Sieben Höllen heißt der Kleine eigentlich nicht Cengiz?“
Einen Moment war es still – dann brach das Gelächter los. Selbst Nina lachte, leise, aber ehrlich. Brienne schüttelte amüsiert den Kopf, Vater schlug ihm lachend auf die Schulter, und ich grinste: „Tut mir leid, der Name war leider schon für einen legendären Schwertkämpfer reserviert.“
Cengiz grinste und sagte gespielt beleidigt: „Unverschämtheit.“
Joren war ein ruhiges Baby – meistens. Wenn er schrie, war es laut, aber selten. Jeder von uns durfte ihn tragen, und es war beinahe ein Wettstreit geworden, wer ihn zum Einschlafen bringen konnte. Vater und Brienne wechselten sich liebevoll ab, Rina war wie eine Tante, Ortengryn wie ein sanfter Großvater.
Cengiz hielt sich oft zurück, aber man merkte, wie sehr ihn der kleine Joren berührte. Oft sah man ihn vor dem Fenster stehen, wie er Joren beobachtete, während er in Gedanken versunken war.
Zwischen ihm und Nina war es… still, aber nicht kalt. Wenn sie sich sprachen, dann höflich, respektvoll, aber immer lag da diese Spannung in der Luft – ein leises Zittern zwischen zwei Herzen, die nicht wussten, ob sie sich wieder finden sollten.
Der Ruf aus Riverrun
Nach circa einer Woche, saßen wir gemeinsam im oberen Salon, Ortengryn las aus einem alten Buch, Brienne schlief neben dem Wiegenkorb, Cengiz und ich unterhielten uns über Zireael, als ein Diener eintrat.
„Ein Rabe… aus Riverrun. Versiegelt mit dem Wappen von Haus Mormont.“
Vater nahm den Brief entgegen, ich trat zu ihm, Cengiz stellte sich neben mich, und auch Ortengryn kam dazu.
Vater brach das Siegel von Jorah und Kevin und entfaltete die Nachricht.
Die Luft wurde ein wenig kühler, als wir gemeinsam über das Pergament blickten.
An Jaime und Lukas Lannister, Casterly Rock
Möge diese Nachricht euch in Frieden und Freude erreichen.
Wir hoffen aus ganzem Herzen, dass das Kind wohlbehalten zur Welt gekommen ist – die Gedanken aller hier in Riverrun waren bei euch.
Doch leider drängt uns die Zeit.
Die Verhandlungen mit Edmure Tully haben auch nach mehreren Tagen keinerlei Fortschritt erzielt. Statt auf Einigung zu hoffen, sendete er ein Paket, das uns zutiefst beunruhigt hat. Wir möchten den Inhalt in diesem Brief nicht nennen – nur so viel: Es ist ernst. Sehr ernst.
Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass diese Entscheidung nicht in unserer alleinigen Verantwortung liegen darf. Ihr müsst zurückkehren. Umgehend.
Es scheint, als würden Worte nicht länger ausreichen. Wenn sich in den nächsten Tagen nichts ändert, wird es notwendig sein, Riverrun einzunehmen. Und das bedeutet: alles, wofür wir stehen, wird auf die Probe gestellt.
Wir warten auf euch. Beeilt euch.
Im Vertrauen, Jorah Mormont & Kevin Mormont
Stille.
Ich schluckte schwer und sah Vater an. Auch er wirkte betroffen, seine Stirn war angespannt, doch sein Blick war entschlossen. Ohne Worte wussten wir beide, was das bedeutete.
Wir mussten zurück.
Wir hatten keine Wahl.
Ich stand lange in meinem Zimmer, hielt ein kleines Spielzeug in der Hand, welches ich für Joren geschnitzt hatte. Vater saß an seinem Tisch und starrte auf das geöffnete Wappen des Briefes. Doch unsere Gedanken waren bei Brienne. Und bei dem kleinen Joren. Alles in uns schrie danach, zu bleiben.
Doch wir wussten: Wenn wir Tyrion, Sansa, Erik und Gorwin retten wollten, mussten wir gehen.
Die Verabschiedung von Rina war herzlich. Sie umarmte uns beide und sagte mir: „Du wirst ein großartiger großer Bruder sein – auch wenn du erstmal auf Reisen bist.“ Ich lächelte schwach. Sie war wie eine Schwester geworden.
Dann traten Vater und ich gemeinsam in Briennes Gemach.
Sie lag im Bett, Joren schlief in ihrem Arm.
Als sie uns sah, wusste sie es sofort.
Ihre Augen wurden feucht. Vater trat zu ihr, kniete sich ans Bett und nahm ihre Hand.
„Ich hasse es, dich zu verlassen“, flüsterte er.
„Dann bleib“, sagte sie halb im Ernst, halb in Hoffnung.
„Du weißt, dass ich muss.“
Brienne nickte. „Dann komm zurück. Beide. Mit allen.“
Er zog ihre Hand an seine Wange. „Ich verspreche es dir. Ich liebe dich, Brienne.“
„Ich liebe dich auch.“
Er beugte sich vor und küsste sie lange – voller Liebe, voller Traurigkeit, aber auch voller Hoffnung. Ich blickte weg, um den Moment ihnen zu lassen.
Dann traten wir gemeinsam an Joren heran.
Ich sah ihn an, diesen kleinen Menschen, meinen Bruder. Ich beugte mich vor, küsste seine Stirn und flüsterte: „Warte auf mich, ja? Ich bringe unsere Familie zurück.“
Vater hob ihn noch einmal hoch, hielt ihn an seine Brust. Seine Augen wurden feucht. „Ich werde dich wiedersehen. Das schwöre ich dir. Und dann werde ich dich niemals wieder loslassen.“
Als wir vor dem Tor standen – Vater, ich, Cengiz, Ortengryn, bereit zum Aufbruch –, hörten wir Schritte hinter uns.
Es war Nina.
„Ich komme mit.“
Cengiz' Stirn runzelte sich sofort. „Du kommst nicht mit.“
Doch Nina ließ sich nicht beirren. „Du bist nicht mein Wächter, Cengiz. Ich reite mit. Punkt.“
Er wollte gerade etwas sagen, doch Vater hob nur leicht die Hand. „Sie hat es entschieden. Und wir können jede Hilfe gebrauchen.“
Cengiz schnaubte leise, doch sagte nichts mehr.
Ortengryn nickte ruhig, saß bereits auf seinem Maultier. Ich stieg auf mein Pferd, sah Vater an, der mir zunickte.
Und so ritten wir los. Vater, ich, Cengiz, Ortengryn – und Nina. Fünf entschlossene Reiter, auf dem Weg zurück nach Riverrun.
Zurück zu Tyrion, Sansa, Erik und Gorwin. Zurück in den Sturm.