Vor den Mauern Riverruns
Die Tage vergingen im Ritt wie im Flug. Die Sonne wanderte über Wälder, Felder, Berge und Flüsse – während wir ritten, redeten und planten. Die Armee zog diszipliniert, kraftvoll, aber jeder in der ersten Reihe wusste: Der wahre Kampf beginnt erst am Ziel.
Und schließlich war es soweit.
Riverrun lag vor uns.
Die mächtigen Mauern ragten in den Himmel, die Zugbrücke war oben, das Wasser um die Festung ruhig, trügerisch. Die Tully-Banner wehten, doch statt dem Anblick einer freien, ehrbaren Burg, fühlte sich alles falsch an. Es war zu still. Zu kontrolliert. Und die Banner – sie hingen nicht mit Stolz, sondern mit Zwang.
Wir hielten an.
Vater, Cengiz, Bronn, Lennard, Paul, Dickon und ich gaben klare Befehle. „Zelte aufbauen! Wehrtürme beobachten! Kein Mann verlässt die Formation!“ Die Lannister-Soldaten reagierten schnell – aus jahrelangem Drill, aus Respekt, aus Angst.
Ich blickte auf Riverrun, beobachtete jeden Turm, jede Schießscharte, jeden möglichen Zugang. Wie sollen wir verhandeln? Wie sieht ein Ausgang aus, bei dem wir sie retten, ohne alles zu verlieren?
Dann kam der Moment.
Vater, Cengiz, Lennard und ich traten mit erhobenem Haupt vor das Tor.
Oben auf den Zinnen bewegten sich Wachen, schwer bewaffnet. Der Ton war klar, als Ketten ratterten und sich das massive Tor langsam öffnete. Die Zugbrücke blieb oben, doch durch das geöffnete Tor trat er:
Edmure Tully.
Flankiert von einem alten Maester mit wettergegerbtem Gesicht und zwei stummen Wachen. Edmures Blick war spöttisch, sein Gang theatralisch. Als er uns erkannte, grinste er verächtlich:
„So, so. Der Königsmörder. Und sein Sohn – ebenfalls Königsmörder. Und… wer sind die anderen?“
Vater blieb eisern. Ich ebenso. Wir antworteten nicht. Cengiz trat vor, mit festem Blick. „Cengiz Martell. Vielleicht sagt dir der Name in Dorne etwas.“ Edmure lachte kalt. „Oh ja. Der Verstoßene. Warst zu gefährlich für ihre Sonne, was? Oder einfach nur ein unberechenbarer Hund?“
Lennard stellte sich vor, ruhig, klar: „Lennard Baratheon.“ „Ein Baratheon, blond?“, Edmure spuckte auf den Boden. „Du siehst aus wie ein blasser Knabe mit einem breiten Schwer, das zu schwer für dich ist. Du glaubst wirklich, du kannst in die Fußstapfen eines Stannis treten? Dümmer als ich dachte.“
Die Luft zwischen uns vibrierte vor Spannung. Ich legte unbewusst die Hand auf den Griff meines Schwerts.
Doch Vater blieb ruhig, entschlossen: „Was verlangst du, Edmure? Was wollt ihr, um Tyrion, Erik, Gorwin und Sansa freizulassen?“
Edmure hob den Kopf. Seine Stimme wurde förmlich – aber triefte vor Arroganz: „Im Namen des Königs verlangt die Krone: Die Lannisters sollen die Herrschaft über die Westerlands aufgeben. Casterly Rock wird verlassen. Ihr werdet euch ergeben – und wenn ihr Glück habt… gewährt man euch Gnade.“
Einen Moment lang war es still. Dann tauschten Vater, Cengiz, Lennard und ich wortlose Blicke aus.
Und wir drehten uns um.
Ohne ein Wort.
Hinter uns rief Edmure: „Überlegt es euch gut, Lannister! Ihr wisst, was auf dem Spiel steht!“
Wir antworteten nicht. Der Klang unserer Schritte auf dem nassen Stein sagte genug.
Zurück im Lager.
Das Hauptzelt stand, die Feuer loderten, Wachen hielten Position. Ich wandte mich an Vater, Cengiz und Lennard: „Wir dürfen Casterly Rock und die Westerlands nicht aufgeben. Niemals.“
Vater sah mich ernst an. „Niemals.“ Cengiz nickte grimmig. „Wir werden darum kämpfen. Mit allem, was wir haben.“ Lennard fügte hinzu: „Wir finden eine andere Lösung. Dafür sind wir hier.“
Dann trennten wir uns.
Ich teilte mir das Zelt mit Vater. Cengiz mit Lennard, Bronn mit Dickon. Paul war noch bei uns, und als wir ihnen vom Gespräch berichteten, sah ich, wie Pauls Miene sich verfinsterte. Aber niemand sprach. Wir alle wussten: Die nächste Entscheidung würde über Leben und Tod bestimmen.
Geständnis im Zelt
Die Nacht hatte sich längst über das Lager von Riverrun gelegt. Die Geräusche der Lannister-Soldaten verstummten nach und nach. Zelte wurden dunkel, Gespräche leiser, bis nur noch das Knistern der Feuer und das leise Rufen der Wachen durch die Kälte hallte.
Ich saß auf dem breiten Feldbett im Zelt, den Blick leer gegen die grobe Stoffwand gerichtet. Der Wein vom Abendessen war lange verdunstet, zurück blieb nur die Schwere in der Brust. Gedanken kreisten, zogen an mir. Bilder. Worte. Vorwürfe. Gefühle, die ich nicht fassen konnte. Und Angst. Um Sansa, um Tyrion, um Gorwin und Erik – aber auch um das, was ich selbst verloren zu haben glaubte.
Dann hörte ich Schritte.
Vater trat ein.
Er hielt eine schlichte, aber verzierte Karaffe in der einen Hand, zwei Kelche in der anderen. „Ich hab uns was mitgebracht“, sagte er ruhig, fast beiläufig – aber ich hörte in seiner Stimme, dass er mich gesehen hatte, meine Verzweiflung, meine Unruhe.
Er setzte sich neben mich, schenkte die Kelche ein und reichte mir einen. „Zum Einschlafen“, sagte er – aber wir wussten beide, dass es nicht darum ging.
Wir tranken. Kräftiger, dunkler Wein. Er brannte auf der Zunge, doch im Herzen war es kälter als in der Kehle.
Wir starrten eine Weile schweigend auf das flackernde Licht der kleinen Laterne, die Schatten an die Zeltwände warf. Der Rauch roch nach Eisen, Leder und Ruß – alles roch nach Krieg.
Nach einer Weile holte ich tief Luft.
„Weißt du… was ich dir erzählen wollte, aber noch nicht konnte…“ Er sah mich an, legte mir den Arm auf die Schulter, seine Stimme weich und aufmerksam. „Was ist es, was dich bedrückt, mein Sohn?“
Ich begann zu reden.
Langsam, unsicher zuerst. Dann offener. Ich erzählte ihm, dass Sansa und ich uns geküsst hatten, kurz bevor sie nach Winterfell aufbrechen musste. Dass es sich wie ein Aufatmen angefühlt hatte – wie ein Moment, in dem alles wieder möglich war. Glück. Nähe. Liebe.
Er lächelte und sagte: „Das ist doch etwas Wunderschönes. Ehrlich gesagt… ich hab es mir fast gedacht. Schon bevor du Marlis diesen Brief geschrieben hast. Da war etwas zwischen euch, das konnte man spüren.“
Ich lächelte – aber gebrochen. „Wenn es doch nur so schön wäre…“
Er zog eine Braue hoch. „Was ist noch passiert?“
Und dann erzählte ich ihm alles.
Vom Streit. Von den Worten, die gefallen waren. Dass ich gesagt hatte, die Forresters hätten ihn wie Dreck behandelt und versucht, ihn zu töten, woraufhin Sansa mich konfrontiert hatte – wütend, verletzt.
Und dann… dann kam dieser eine Satz, den sie gesagt hatte. Ich holte tief Luft, doch meine Stimme versagte. Meine Augen füllten sich mit Tränen, meine Kehle schnürte sich zu. Ich schluckte.
„Sie… sie hat mich gefragt, ob ich… ob ich nie darüber nachgedacht habe, ob du es vielleicht verdient hast. Was dir passiert ist. Die Gefangenschaft. Die Hand…“
Ich konnte nicht weitersprechen. Ich kauerte mich neben ihm zusammen, mein Körper zitterte. Ich fühlte mich, als hätte ich ihn verraten, ohne es zu wollen.
Er legte sofort den Arm um mich.
„Ach mein Junge…“, flüsterte er.
Seine Stimme war nicht enttäuscht. Nicht wütend. Nur weich. Verständig. Vater.
„Ich versteh, wie du reagiert hast. Du hast mich verteidigt, weil du mich liebst. Und sie hat dich verletzt – nicht weil sie wollte, sondern weil sie sich selbst verletzt fühlte. Ihr wart beide in einem Moment, in dem die Wunden offen lagen.“
Ich hob den Kopf leicht. Mein Blick traf seinen.
„Und weißt du was… vielleicht hat sie nicht unrecht.“ Er lächelte, traurig, aber ehrlich. „Vielleicht hab ich das meiste davon verdient. Vielleicht nicht das mit der Hand, aber… Gefangenschaft? Schuld? Schmerzen? Ich hab viele Dinge getan, Lukas. Nicht alle davon waren ehrenhaft. Manche waren notwendig. Andere… waren einfach nur falsch.“
Ich schüttelte heftig den Kopf. „Nein. Du… du hast das nie verdient. Niemals. Du warst ein guter Mann. Du bist es noch. Du hast Dinge getan, ja. Aber du… du hast dich geändert. Du hast gekämpft. Für andere. Für uns. Für mich. Ich hasse es, wie die Leute dich sehen. Und dann… selbst wenn es Sansa war… das hat so wehgetan, Papa.“
Ich warf mich an ihn. Klammerte mich an seine Rüstung, an seinen Mantel, an das, was er für mich war: Halt.
Er hielt mich fest, legte die Stirn kurz gegen mein Haar. „Ich hab dich auch lieb, mein Sohn. Und es ist egal, was die anderen denken. Was sie über mich sagen. Oder über dich. Wichtig ist nur, dass die, die uns lieben, wissen, wer wir wirklich sind.“
Er ließ mich nicht los.
„Aber hör mir zu… sobald wir Sansa, Tyrion, Erik und Gorwin befreit haben, wirst du mit ihr sprechen. Ihr erklären, warum du so reagiert hast. Dich entschuldigen. Und ihr zeigen, dass das alles nur aus Liebe passiert ist. Verstanden?“
Ich nickte, noch während ich an seiner Schulter lag. „Okay. Natürlich. Ich werd’s tun.“
Er lächelte. Stolz. „Gut. Und jetzt… bettfertig machen. Morgen wartet Krieg. Und Hoffnung.“
Die Nacht war still geworden.
Das leise Knacken der Glut draußen vor dem Zelt war kaum noch zu hören, und auch die Stimmen und Schritte im Lager waren verstummt. Nur das schwache, warme Licht der Laterne über uns warf goldene Schatten an die Zeltwände, wie flüchtige Erinnerungen, die sich an die Stoffbahnen klammerten.
Vater und ich lagen nebeneinander auf dem breiten Feldbett. Kein Wort fiel mehr seit einer ganzen Weile, und doch wussten wir, dass wir beide wach waren. Der Schlaf wollte einfach nicht kommen – zu viel war geschehen, zu viel war bevorstehend.
Ich drehte mich ein wenig zu ihm, konnte in der Dunkelheit nur die Konturen seines Gesichts erkennen, das durch das Licht flackerte.
„Papa…“, murmelte ich leise. „Ja?“ Seine Stimme war weich, aber sofort aufmerksam.
„Ist es eigentlich… okay für dich, wieder hier zu sein? In Riverrun?“
Er schwieg einen Moment. Ich hörte ihn einatmen.
„Natürlich ist es okay,“ sagte er dann ruhig. „Wir sind hier, weil wir Tyrion, Sansa, Erik und Gorwin retten müssen. Und wir werden das schaffen.“
Er klang entschlossen – aber auch nachdenklich. Ich spürte, dass ihn etwas beschäftigte. Und richtig – nach einem kurzen Moment fuhr er fort:
„Aber ich denke viel an früher. Whispering Wood… ist gleich hier nebenan.“ Seine Stimme klang jetzt tiefer, schwerer. „Da hat Robb mich gefangen genommen. Da begann alles… der lange Weg, der mich verändert hat. Und…“ – er hob seine rechte Hand leicht an, die neue goldene – „…ich denke an den Moment, als ich meine Hand verlor.“
Ich rückte näher an ihn, drehte mich auf die Seite, sah ihn an – auch wenn ich kaum seine Augen erkennen konnte. „Du hast deine Hand wieder, Papa. Vielleicht nicht dieselbe – aber sie gehört zu dir. Und du bist stärker als jeder mit zwei Händen.“ Ich sprach leise, aber mit Überzeugung. „Was damals passiert ist… es war schrecklich. Aber es ist vorbei. Und es hat dich zu dem Mann gemacht, der du heute bist. Meinem Vater.“
Er sah mich an. Und für einen Moment meinte ich, ein kleines Lächeln zu erkennen, schwach, fast schon schüchtern.
„Weißt du…“, begann er dann, „...ich war schon einmal hier. In Riverrun. Damals haben die Freys die Burg belagert. Und Edmure Tully war ihr Gefangener.“
Ich hob die Augenbrauen. „Wirklich?“
„Ja. Ich habe ihn sprechen lassen. Er war überzeugt, dass er niemals seine Familie verraten würde – aber ich habe ihn… mit Worten gebrochen.“ Er schnaubte leise, nicht stolz, aber auch nicht beschämt. „Ich habe ihm gesagt, dass ich, wenn es nötig ist, jeden Tully töten werde, der jemals gelebt hat. Frauen. Kinder. Jeden. Und dass selbst sein ungeborenes Kind in den Fluss geworfen wird, wenn es uns aufhält.“
Ich starrte ihn an. Und dann – ich konnte nicht anders – ich lachte leise auf. „Das ist… brutal. Aber irgendwie auch… beeindruckend.“
Er lächelte schräg. „Ich habe damals keine Wahl gehabt. Und Edmure wusste es. Deshalb hat er nachgegeben. Ohne dass ein Schwert gezogen wurde.“
Ich grinste. „Warum versuchst du das nicht nochmal?“
Sein Lächeln verblasste ein wenig. „Ich habe darüber nachgedacht. Aber Edmure hat heute ein anderes Ego. Er hat das Königshaus hinter sich. Macht. Und…“ Er wurde ernster. „Damals waren keine unserer Familienmitglieder und Freunde auf der anderen Seite der Burgmauer gefangen.“
Ich seufzte leise. „Stimmt…“
Die Stille kehrte kurz zurück, bis ich vorsichtig fragte:
„Glaubst du… wir sind rechtzeitig zurück in Casterly Rock? Bevor mein kleiner Bruder kommt?“
Er drehte sich leicht zu mir und lächelte. „Auf jeden Fall. Jorah und Kevin haben uns versprochen, dass sie frühzeitig Bescheid geben. Sobald sich das Kind auf den Weg macht, reiten wir zurück. Ich vertraue ihnen – sie werden hier gut aufpassen.“
Ich nickte. „Ich hoffe trotzdem, dass wir vorher schon Tyrion, Sansa, Erik und Gorwin befreien können.“
„Das hoffe ich auch, mein Junge. Jeden Tag.“
Dann wurde seine Stimme sanft, fast schwärmerisch. „Ich freue mich so sehr auf deinen kleinen Bruder. Ich kann es kaum erwarten, ihn im Arm zu halten. Ihn großzuziehen. Zusammen mit Brienne. Mit dir. Mit Tyrion. Mit unseren Freunden. Ich möchte, dass er eine andere Kindheit hat. Eine bessere. Dass er weiß, was Liebe ist – und Stolz. Und Familie.“
Ich lächelte, aber… etwas drückte auf mein Herz.
„Papa…“, begann ich zögerlich. „…bin ich dann trotzdem noch dein kleiner Junge?“
Er drehte sich erschrocken zu mir. Ich sah, wie seine Stirn sich leicht in Falten legte. „Was meinst du denn? Natürlich bist du das.“
„Ich hab nur… ich hab Angst, dass ich das dann nicht mehr bin. Dass ich dann… nicht mehr so wichtig bin.“
Einen Moment war es ganz still. Dann hob er die Decke leicht an, zog mich ein kleines Stück näher an sich heran und legte seinen Arm um mich.
„Lukas. Mein kleiner Löwe. Du wirst immer mein Sohn sein. Mein Stolz. Niemand – niemand – wird je deinen Platz einnehmen.“
Er strich mir sanft durchs Haar, mit einer Wärme, die nur ein Vater seinem Kind schenken kann. „Ich werde deinen kleinen Bruder über alles lieben. Natürlich. Aber ich werde nie vergessen, was du und ich durchgemacht haben. Wie du mir das Herz zurückgegeben hast, als ich es verloren hatte. Ich liebe dich. Und das wird sich nie ändern. Versprochen.“
Ich drückte mich fest an ihn. Und ich glaubte ihm. Jeder Satz, jedes Wort, war voller Wahrheit, voller Herz.
Die Nacht deiner Geburt
Draußen hatte der Wind leise begonnen, an den Zeltwänden zu zerren.
Erst war es nur ein Rascheln in der Ferne, ein Flüstern zwischen den Bäumen, doch es wurde stärker, dichter, schwerer. Der Regen setzte ein – zunächst als vereinzelte Tropfen, dann ein stetiges Trommeln auf das Zeltdach. Donner grollte über das Lager hinweg, wie eine ferne Erinnerung, die sich nicht ganz verdrängen ließ.
Vater und ich lagen noch immer dicht nebeneinander. Er hatte seinen Arm leicht um mich gelegt, nicht fest, aber spürbar – wie ein schützendes Versprechen. Ich hatte die Augen halb geschlossen, doch ich wusste, dass auch er noch wach war. Der Sturm draußen spiegelte unsere Gedanken – aufgewühlt, unruhig, doch irgendwie auch tröstlich. Es war, als ob die Welt selbst kurz innehielt, um uns diesen Moment zu lassen.
Nach einer langen Stille hob Vater plötzlich leise die Stimme, seine Worte kaum mehr als ein Murmeln im Takt des Regens.
„Weißt du…“, sagte er, „…es ist verrückt. Das hier – der Regen, der Sturm, der Geruch der Nacht… es erinnert mich an den Abend, als du geboren wurdest.“
Ich drehte langsam den Kopf zu ihm, blinzelte.
„Du warst... dabei?“
Sein Blick war in die Ferne gerichtet, nicht auf mich, sondern irgendwo weit weg – in der Erinnerung.
„Robert war nicht da, natürlich nicht. Er war betrunken, irgendwo in der Stadt, mit einer anderen Frau,“ fuhr er fort, „und Cersei war erschöpft. Völlig fertig. Es hatte Stunden gedauert… du hast sie viel Kraft gekostet. Als du endlich da warst, war sie kaum ansprechbar. Die Maester versorgten sie, und dann – plötzlich – gaben sie dich mir.“
Ein leises Lächeln huschte über sein Gesicht, bittersüß. „Du hast geschrien. Götter, du hast geschrien wie ein kleiner Drache. Als hätte dich die ganze Welt erschreckt. Deine kleinen Hände haben gezittert, dein Gesicht war rot vom Weinen. Aber…“ – er hielt inne, sah mich jetzt direkt an – „…du hast genau in dem Moment aufgehört zu schreien, als sie mir dich in den Arm gelegt haben.“
Ich schluckte. Seine Stimme war so warm und zugleich so voller Trauer.
„Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich war überfordert. Ich war… allein. Mit dir. Und du… warst so klein. So leicht. Ich erinnere mich, dass ich dich hinausgenommen habe, auf die gedeckte Terrasse in der Festung. Es stürmte wie heute. Regen prasselte gegen die Steine. Aber du warst ruhig. Du hast einfach nur zu mir hochgesehen.“
Seine Stimme wurde noch leiser, sanfter. „Ich habe mit dir gesprochen. Die ganze Nacht. Über alles, was ich dachte, fühlte… über meine Ängste. Ich hab dir erzählt, wie sehr ich dich liebe. Dass ich dein Vater bin. Dass ich dich beschützen werde, egal was passiert.“
Er lächelte schwach.
„Ich habe dir auch erzählt, wie schwer es für mich ist, dass ich nicht öffentlich dein Vater sein darf. Dass ich nur dein Onkel sein sollte. Ich habe über mich selbst geredet, über das, was ich geworden war. Der Königsmörder. Der Mann, den alle verachteten. Und doch hast du mich angesehen, als wärst du stolz auf mich. Ein winziger Junge, kaum Minuten alt – und du hast mir das Gefühl gegeben, dass ich etwas wert bin.“
Ich spürte, wie mir ein Kloß im Hals aufstieg. Er fuhr fort: „Ich habe dich gehalten, deine Stirn geküsst, deine kleinen Finger berührt. Du hast meine Nase gepackt, mit deinen winzigen Händen. Und in dieser Nacht… da warst du mein Licht. Mein Beweis, dass ich noch etwas Gutes in mir hatte.“
Seine Stimme zitterte kurz. „Ich habe dir von all dem erzählt, was ich mir für dich wünsche. Ein Leben in Freiheit. Ohne Lügen. Ohne den Schatten meines Namens. Und du warst so friedlich… bis zum Morgen. Und dann… musste ich dich wieder abgeben.“
Er schwieg. Der Regen schlug hart gegen das Zelt, wie ein Takt, der das Herz nicht losließ.
„Das war der schlimmste Moment. Dich aus meinen Armen zu geben, obwohl ich dich nie wieder loslassen wollte. Ich musste mich verstellen. Musste wieder der Onkel sein. Konnte dich nur aus der Ferne ansehen. Aber Lukas…“
Er drehte sich jetzt zu mir, legte eine Hand auf meine Wange.
„Ich wusste damals schon: Du bist anders als deine Geschwister. Nicht besser, nicht schlechter – aber du warst… du warst mein Anker. Mein größter Schatz. Ich habe es gespürt. Und jetzt… jetzt bist du mein Sohn. Mein richtiger Sohn. Und ich bin so unendlich dankbar, dass wir endlich Vater und Sohn sind, dass wir diese Wahrheit endlich leben können.“
Ich schloss die Augen, fühlte, wie meine Kehle eng wurde, wie mein Herz zu groß für meine Brust war. Ich konnte nichts sagen. Nur seine Hand an meiner Wange spüren. Und diesen Moment atmen.
Er lächelte ein letztes Mal, strich mir sanft eine Strähne aus dem Gesicht. „Ich liebe dich, Lukas. Seit deinem ersten Atemzug. Und ich werde dich lieben bis zu meinem letzten Atemzug. Kein Sturm, kein Krieg, kein Name dieser Welt kann das je ändern.“
Ich hauchte nur ein: „Ich dich auch, Papa.“
Dann legte ich mich an ihn, den Kopf an seine Schulter. Seine Arme hielten mich fest. Der Regen draußen tobte, aber in seinem Griff war Wärme. Frieden. Familie.
Die Forresters kommen
Der Morgen kam langsam. Die Dunkelheit wich einem kühlen, grauen Licht, das sich schüchtern durch die Zeltritzen drückte. Der Regen hatte aufgehört, doch der Boden war noch feucht, der Himmel wolkenverhangen. Ich blinzelte mich wach, lag dicht an meinen Vater geschmiegt. Seine Hand ruhte immer noch leicht auf meiner Schulter, als hätte er die ganze Nacht über mich gewacht.
Ein leises Trappeln war zu hören. Dann stärker. Pferde. Viele. Ich setzte mich auf, horchte angespannter.
„Papa?“, fragte ich leise. Jaime öffnete die Augen, hörte nun auch das Hufgetrappel draußen. Er richtete sich auf, war sofort wach.
Wir standen auf, zogen uns rasch an und traten aus dem Zelt.
Vor dem Lager ritt gerade eine kleine Gruppe Männer durch das Tor. Sie trugen ein Banner, das ich sofort erkannte: „Das Banner der Forresters“, murmelte ich, verwirrt. „Was… was machen die hier?“
Vater trat einen Schritt vor, seine Augen scharf wie ein Schwert. „Das werden wir gleich erfahren.“
Gemeinsam gingen wir den Neuankömmlingen entgegen. Die Soldaten der Lannister-Armee waren bereits wachsam, hielten Abstand, doch keiner zog die Waffe.
Ein Mann in mittlerer Rüstung, mit stolzer Haltung und von ernster Miene, stieg ab. An seiner Seite ein älterer, gebildet wirkender Mann mit kurzen braunen Haaren und einem ruhigen Blick. Sie traten uns entgegen.
Der Ritter verbeugte sich leicht. „Guten Tag. Ich bin Ser Rodrik Forrester. Es freut mich, Euch kennenzulernen, auch wenn die Umstände alles andere als erfreulich sind.“
Vater nickte ihm respektvoll zu, ich tat es ihm gleich. „Jaime Lannister. Und mein Sohn Lukas.“ „Ser Rodrik“, sagte ich, nicht unfreundlich, aber wachsam.
Dann trat der Maester nach vorne. „Ortengryn, Maester des Hauses Forrester. Es ist mir eine Ehre, Ser.“ Er verbeugte sich ebenfalls.
„Willkommen,“ sagte Vater ruhig. Ich schwieg noch, musterte die beiden genau.
Ich konnte mich nicht dagegen wehren – in mir stieg ein Echo von Erinnerungen hoch. Die Vergangenheit zwischen den Lannisters und Forresters war... angespannt, vorsichtig ausgedrückt. Aber Vater blieb ruhig.
„Was führt Euch zu uns?“, fragte ich dann direkt.
Ser Rodrik trat einen halben Schritt vor. „Wir möchten Euch bei der Befreiung von Sansa Stark, Erik Stark, Tyrion Lannister und Gorwin unterstützen.“ Er sprach klar, bestimmt, aber mit dem gebotenen Respekt.
„Wir wissen um die alten Spannungen zwischen unseren Häusern. Es tut mir aufrichtig leid, was in der Vergangenheit vorgefallen ist. Doch Haus Forrester steht nun unter anderer Führung. Wir sind nicht mehr die, die wir damals waren.“ Sein Blick war ernst, ehrlich.
„Auch wir sind Feinde der Boltons und der Greyjoys. Und unser Haus… hat einen hohen Preis für alte Fehler gezahlt. Wir wollen, dass die Zukunft anders wird. Gemeinsam. In Zusammenarbeit mit Euch.“
Ich sah Vater an. Er schwieg kurz, überlegte.
Dann nickte er knapp. „Gut gesprochen. Ihr könnt Eure Lager bei unserem aufschlagen. Ser Rodrik, Maester Ortengryn – ich werde Euch bald über den Stand der Dinge informieren. Wir sind mitten in der Planung.“
„Vielen Dank, Ser Jaime.“, antwortete Ser Rodrik respektvoll. Ortengryn neigte leicht das Haupt. „Ihr werdet keinen Grund zur Reue haben.“
Vater und ich drehten uns um und gingen zurück in Richtung unseres Hauptzelts. Die Sonne kroch träge über den Horizont, ihre Strahlen blieben hinter den dicken Wolken verborgen.
„Glaubst du, wir können ihnen wirklich vertrauen?“, fragte ich ihn leise, während wir über den nassen Boden gingen.
Vater sah mich mit einem schrägen Blick an. „Ich glaube, ja. Ich habe von Ser Rodrik gehört. Er ist kein Narr. Und Ortengryn ist unter den Maestern bekannt als jemand, der Vernunft und Ehre schätzt. Sie scheinen mir aufrichtig. Und eins ist sicher – wir brauchen jede Unterstützung, die wir bekommen können.“
Ich zögerte. Dann fragte ich nochmals: „Vertraust du ihnen wirklich?“
Er blieb stehen, legte mir eine Hand auf die Schulter. „Ja, Lukas. Das tue ich.“
Ich sah ihn an. Wenn Vater das sagte, dann war es so. „Dann vertraue ich ihnen auch.“
Gemeinsam betraten wir das große Zelt. Dort warteten bereits Cengiz, Lennard, Bronn, Paul und Dickon, die sich um eine Karte gebeugt hatten.
„Guten Morgen“, sagte Cengiz mit einem Nicken. „Gibt’s Neuigkeiten?“
„Ja“, antwortete Vater. „Haus Forrester hat uns Verstärkung gebracht.“
Verwunderte Blicke. „Die Forresters?“, fragte Paul überrascht.
Ich erklärte es ihnen – alles. Die Ankunft, die Entschuldigung, ihre Absichten, ihre Worte.
Als ich geendet hatte, sagte Dickon knapp: „Dann hoffen wir, dass sie es ernst meinen.“ „Das tun sie“, sagte Vater ruhig. „Und wir werden bald sehen, ob sie halten, was sie versprochen haben.“
Noch am selben Tag ließen Vater und ich einen Boten schicken, der Ser Rodrik Forrester und Maester Ortengryn in unser Hauptzelt bat. Die beiden erschienen bald, mit Respekt in der Haltung, aber festem Blick. In der Mitte des Zeltes lag eine Karte von Riverrun und den umliegenden Gebieten. Cengiz, Lennard, Bronn, Paul und Dickon standen bereits um sie herum.
„Ser Rodrik, Maester Ortengryn,“
begann Vater und deutete auf die Karte. „Ihr sollt den vollen Überblick bekommen. Die Tullys fordern von uns, dass wir Casterly Rock und die Westerlands aufgeben. Dass wir uns ergeben – in der Hoffnung auf Gnade. Im Austausch für das Leben unserer Gefangenen.“
Ortengryn runzelte die Stirn. Rodrik presste die Lippen zusammen. „Eine Unverschämtheit,“ murmelte der Ritter. „Sie fordern das Herz Eures Hauses. Und bieten nichts als ein Versprechen auf vielleicht.“
„Ganz genau,“ sagte ich. „Deshalb seid ihr hier. Deshalb brauchen wir jede Stimme, jeden Blick, jedes Schwert, das unsere Sache versteht.“
Rodrik nickte. „Ihr habt es. Was auch immer Edmure Tully zu planen glaubt – wir stehen an Eurer Seite.“ „Gemeinsam reißen wir diese Mauern ein, wenn es sein muss“, ergänzte Ortengryn ruhig.
Drohung an Edmure
Einige Tage vergingen. Das Lager festigte sich, Späher kamen und gingen, das Wetter blieb wechselhaft. Immer wieder trafen sich Vater, ich, Rodrik und Ortengryn zu kleinen Kriegsräten, sprachen über Möglichkeiten der Belagerung, aber auch über Chancen, das Ganze ohne Blutvergießen zu beenden.
Schließlich entschlossen wir uns zu einem weiteren Versuch der Diplomatie.
Die vier von uns – Vater, ich, Ser Rodrik und Ortengryn – verließen das Lager erneut und traten an die Tore von Riverrun. Die Wächter dort wirkten angespannt, aber sie ließen uns nicht lange warten.
Edmure Tully trat hervor, flankiert von zwei Soldaten, das Schwert an seiner Seite, der Blick kalt. Er sah aus wie ein Mann, der glaubt, sich im Recht zu befinden – und der daran gewöhnt war, dass andere es ihm bestätigen.
„Der Königsmörder und seine Sippe. Und unsere neuen Freunde aus dem Norden,“ spottete er. „Wie ehrenhaft von Euch, mit Verrätern zu verhandeln.“
Rodrik trat ruhig einen Schritt vor. „Haus Forrester ist kein Verräterhaus. Wir kämpfen für den Frieden. Für Gerechtigkeit.“ „Für Gerechtigkeit?“ Edmure lachte trocken. „Ihr habt Jahrhunderte lang für Holz gekämpft und euch wie Hunde um Schlamm gestritten. Jetzt meint ihr, mit den Lannisters Schulter an Schulter zu stehen, hebt euch auf unser Niveau?“
Ich spürte, wie sich meine Fäuste ballten. Doch ich schwieg.
„Edmure“, begann Vater ruhig, „wir sind nicht hier für leere Reden. Wir sind hier, um eine Lösung zu finden. Gib uns Sansa, Tyrion, Erik und Gorwin zurück. Du weißt so gut wie ich, dass ein Angriff auf Riverrun dir selbst mehr schadet als uns allen.“
„Ich handle im Auftrag der Krone!“, fuhr Edmure auf. „Und ich werde nicht weichen. Wenn ihr etwas wollt, gebt Casterly Rock auf. Zieht Euch zurück. Oder Ihr werdet sehen, wozu die Tullys fähig sind.“
Rodrik schnaubte leise. Ortengryn sagte nichts, beobachtete nur scharf.
Ohne ein Wort drehte sich Vater um. Rodrik und Ortengryn folgten. Auch ich wandte mich zum Gehen – doch dann hielt ich inne.
Etwas in mir kochte. Ich konnte nicht schweigen.
Langsam drehte ich mich wieder zu Edmure um. Unsere Blicke trafen sich.
„Weißt du, Edmure“, sagte ich laut und scharf, „mein Vater hat dich schon einmal mit nichts weiter als Worten dazu gebracht, Riverrun kampflos aufzugeben. Damals hattest du nichts zu verlieren. Keine Familie. Keine Gefangenen. Keine Last auf deinen Schultern.“
Ich trat näher, sah ihm direkt in die Augen. „Aber dieses Mal… ist alles anders. Dieses Mal hältst du geliebte Menschen gefangen. Und ich schwöre dir, falls auch nur einem von ihnen ein Haar gekrümmt wird, wird Riverrun brennen. Du wirst mit ansehen, wie dein gesamtes Haus untergeht. Stein für Stein. Name für Name.“
Edmure blinzelte, leicht erschrocken. Für einen Moment wirkte er wirklich getroffen. Dann – ein dünnes Lächeln. „Das wird nicht nötig sein. Ihr werdet noch früh genug einsehen, dass ihr auf meine Forderungen eingehen müsst. Spätestens, wenn die Zeit gegen Euch arbeitet.“
Ich drehte mich um und ging. Vater wartete ein Stück weiter. Als ich ihn erreicht hatte, sah er mich mit hochgezogener Augenbraue an.
„Was hast du ihm gesagt?“
Ich atmete durch, dann wiederholte ich ruhig, aber bestimmt jedes Wort.
Er schwieg einen Moment. Dann nickte er.
„Gut. Manchmal muss man Stärke zeigen. Und du hast es richtig gemacht. Aber jetzt... sollten wir uns vorbereiten.“
Und gemeinsam kehrten wir ins Lager zurück. Dort warteten bereits unsere Verbündeten. Die Entscheidung rückte näher – und mit ihr der unausweichliche Moment der Wahrheit.
Am nächsten Morgen, kaum dass die ersten Strahlen der Sonne durch das Zelt drangen und wir uns gerade an der Karte niederließen, um mit Lennard, Bronn, Paul und Dickon den nächsten Schritt zu planen, wurde der Zelteingang mit einem Ruck aufgerissen. Ein Soldat in den Farben des Löwen trat atemlos ein.