Das Paket
Dort warteten bereits: Lennard, Rodrik, Bronn, Dickon, Kevin und Jorah. Ihre Gesichter waren ernst, gezeichnet vom Druck der letzten Tage. Doch als wir eintraten, erhob sich ein Moment der Hoffnung – alle Blicke richteten sich auf uns.
„Wie geht’s dem Kind?“, fragte Kevin sofort.
Ich trat vor. „Er ist gesund. Stark. Er heißt Joren.“
Ein Lächeln durchbrach die düsteren Mienen – nur kurz, aber spürbar. Rodrik nickte ehrfürchtig. Jorah sagte leise: „Das sind gute Nachrichten... in finsteren Tagen.“
Dann sahen wir es. Das Paket. Es lag auf dem Tisch, umwickelt in dunklem Stoff, das Siegel von Edmure Tully noch sichtbar. Das Lächeln verschwand aus allen Gesichtern.
Jorah trat vor. „Wir wollten euch nicht im Brief belasten, aber ihr müsst es sehen.“
Langsam löste er die Tücher.
Ein kolossaler Schock durchfuhr den Raum. Darin lag ein einzelner, blutiger Finger. Der Ringfinger. Um ihn – unverkennbar – Gorwins Siegelring.
Ich hörte, wie Nina leise einatmete, Cengiz' Kiefer mahlte, Ortengryn schluckte schwer. Vater starrte nur reglos auf den Finger, sein Gesicht angespannt. Ich selbst konnte kaum hinsehen, meine Hände zitterten.
„Das war eine Warnung“, sagte Jorah düster. „Aber auch ein Zeichen, dass sie noch leben.“
„Dann holen wir sie jetzt raus“, sagte Vater leise, aber mit eiskalter Entschlossenheit.
Ich trat einen Schritt vor. „Wir bereiten alles vor. Riverrun fällt. Heute Nacht.“
Kevin und Rodrik nickten sofort. Dickon drehte sich bereits um, um die Männer zu sammeln.
Inmitten der beginnenden Aufbruchsstimmung wandte ich mich an Lennard.
„Wo ist Paul?“, fragte ich leise.
Lennards Blick senkte sich. „Im Nebenzelt. Er hat’s erkannt. Den Ring. Den Finger. Ist ziemlich fertig.“
Ohne zu zögern, ging ich zum benachbarten Zelt. Der Regen wurde etwas stärker, das feuchte Tuch schlug mir ins Gesicht, als ich eintrat.
Paul saß zusammengekauert in der Ecke. Seine Augen waren leer, seine Schultern zitterten. In den Händen hielt er das kleine Holzkreuz, das er immer bei sich trug.
„Paul“, sagte ich ruhig.
Er blickte nicht auf. „Das war sein Finger...“, flüsterte er. „Ich weiß es. Ich hab den Ring hundert Mal gesehen... bei ihm... Gott, Lukas, was ist, wenn sie ihn–“
„Er lebt“, sagte ich bestimmt. „Sie alle. Das war eine Drohung. Kein Abschied.“
Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, was ich sehen werde da drin. Ich hab Angst.“
Ich kniete mich vor ihn. „Du musst mitkommen. Nicht nur für ihn. Für dich. Du bist stark, Paul. Und wir sind nicht allein. Wir holen sie gemeinsam raus.“
Langsam hob er den Kopf. Tränen standen in seinen Augen, aber da war auch etwas anderes – Entschlossenheit. Ich reichte ihm die Hand.
Er griff zu.
Ich zog ihn hoch.
Sturm auf Riverrun
Wenig später standen wir alle an der Brücke vor dem Haupttor von Riverrun. Die Männer bereiteten sich vor. Die Banner flatterten im stärker werdenden Wind.
Neben mir stand Paul – bleich, aber gefasst.
Vater trat zu mir. Cengiz, Lennard, Bronn, Dickon, Jorah, Rodrik und Kevin kamen von der anderen Seite. Ortengryn und Nina blieben als Sanitäter in einem Zelt. Jeder trug nun die Kleidung und Haltung von jemandem, der wusste: Jetzt zählt es.
Jetzt beginnt der Kampf um unsere Familie.
Der Regen war stärker geworden. Niesel ging in Ströme über, als wir in Reih und Glied vor der alten Festung standen, die sich wie ein gefallener Riese vor uns erhob. Die Banner der Tullys hingen schwer an den Mauern, von innen beleuchtet vom zuckenden Licht der Fackeln und Feuerstellen.
Vater trat vor. Sein Blick glitt über uns, über Soldaten, Freunde, Söhne.
Dann hob er den Arm. Seine Stimme hallte wie ein Donnerschlag über den Hof.
„Katapulte! Auf das Haupttor! Feuer!“
Ein Moment der Stille. Dann das Grollen der Spannung, das Splittern der Mechanik – – und ein gewaltiger Stein flog durch den Himmel. Dann der nächste. Und der nächste. Mit jeder Detonation erbebte das hölzerne Tor mehr und mehr.
„Bogenschützen! Auf die Türme! Zielt auf die Verteidiger! Feuer!“ Der Befehl war kalt, präzise, tödlich. Die Pfeile zischten durch die Luft wie ein Hagel schwarzer Schatten. Die Tully-Bogenschützen fielen – einer nach dem anderen.
Ein letztes Krachen – dann zerbarstete das Tor.
„Los! Vorwärts! Holt sie euch!“, rief Vater und zog sein Schwert.
Wir stürmten vor.
Der Burghof von Riverrun war ein Schlachtfeld. Tully-Soldaten rannten uns entgegen – doch wir waren bereit.
Neben mir: Vater, goldenes Schwert in der Hand, mit eiserner Präzision, Paul, trotz Zittern fest im Griff seines Schwertes, Cengiz, stumm vor Wut, seine Klinge wie ein Wirbel, Lennard, brutal und kompromisslos, Bronn, grinsend wie immer, doch seine Schläge tödlich, Dickon, massig wie ein Berg, sein Schild ein Rammbock, Jorah, alt aber unermüdlich, Kevin, stoisch und klug, Rodrik, flüssig und elegant in seinen Bewegungen.
Wir kämpften uns durch. Ich hörte das metallische Kreischen von Klingen, das dumpfe Knacken von Knochen, das Stöhnen der Getroffenen. Doch wir waren schneller, präziser. Ein Feind fiel nach dem anderen.
Nicht einer von uns wankte. Kein Kratzer, nur Entschlossenheit.
Nach wenigen Minuten lag der Hof voller niedergerungener Gegner. Ein letztes Stöhnen verklang.
Wir atmeten schwer. Blut tropfte von den Klingen. Die Burg war noch nicht genommen, aber wir hatten den ersten Sieg.
Vater trat vor und blickte uns an. „Wir teilen uns auf.“
Ich nickte. „Kerker. Jetzt.“
Vater, Paul, Jorah, Kevin und ich machten uns bereit. „Cengiz, Lennard, Bronn, Dickon, Rodrik – haltet den Hof. Helft den Verwundeten. Kein Rückzug.“ Alle nickten.
Dann liefen wir los.
In den Katakomben
Dunkle Gänge. Feucht. Modrig.
Die Katakomben unter Riverrun waren wie ein Labyrinth, doch Vater kannte den Weg. Wir begegneten ersten Wachen – zwei Männer in Tully-Farben. Vater streckte den einen nieder, Jorah den anderen.
Tiefe. Noch tiefer. Dann noch drei. Kevin parierte einen Speerstoß, während ich dem zweiten einen Hieb durch die Schulter verpasste. Paul stieß dem dritten das Schwert in den Bauch.
Wir atmeten schwer. Blut auf unseren Gesichtern. Noch nicht unser eigenes.
Dann: Eine Tür. Groß. Verstärkt. Zwei brennende Fackeln links und rechts.
„Sie müssen dort drin sein.“, flüsterte Paul.
Doch kaum waren wir fünf Schritte davor – ein Knall! Zehn Männer kamen aus zwei Seitengängen.
Die besten. Tully-Elitesoldaten. Schwarze Lederrüstungen, Helme mit rotem Kamm. Schwerter gezückt. Keine Warnung. Kein Wort. Nur Angriff.
Ein brutaler Nahkampf entbrannte.
Fünf gegen zehn.
Ich kämpfte gegen zwei gleichzeitig – Schwert kreuzte sich mit Axt, mein Oberarm wurde aufgeschlitzt, warmes Blut rann herab. Ich ignorierte es. Traf den ersten am Hals. Der zweite stach mir in die Seite – ein Streifschuss. Ich biss die Zähne zusammen.
Vater kämpfte wie ein Sturm. Zwei Männer lagen bereits am Boden, aber einer rammte ihm eine Klinge durch die Schulter.
Paul schrie auf – ein Hieb über den Rücken. Doch er stieß seinen Gegner wütend zurück, stürzte sich auf ihn, stach zu. Jorah bekam einen Faustschlag ins Gesicht, taumelte, schlug dann mit einem brutalen Schwertschwung zu. Kevin kämpfte ruhig, fast kalt – doch seine Stirn blutete bereits stark.
Die Halle war erfüllt vom Klang der Klingen, vom Keuchen, vom Blut auf Stein.
Endlich – der letzte Mann fiel. Zehn Leichen. Fünf Verwundete. Aber wir standen.
Ich atmete schwer, mein Hemd durchtränkt. „Scheiße…“, flüsterte ich.
Paul kniete bereits bei einem der Leichen. Er zog den Schlüsselbund vom Gürtel des Mannes. „Hier! Ich hab ihn!“
Ohne Zeit zu verlieren, rannte er zur Tür. Das alte Schloss klickte.
Er riss die Tür auf.
Tyrion, Erik und Sansa saßen dort, leicht verwundet und verdreckt, aber lebendig.
„Hey, wir sind hier, die Wachen sind ausgeschaltet. Ihr seid wieder frei,“ sagte Jaime.
Doch im gleichen Moment fragte Paul: „Wo ist Gorwin?“
„Ist er denn nicht bei euch? Wir dachten sie haben ihn freigelassen,“ antwortete Tyrion.
Wir schüttelten die Köpfe.
„Die Soldaten haben ihn vor eine Woche mitgenommen und meinte er sei der entbehrlichste von uns, wir gingen davon aus sie haben ihn als Zeichen des guten Willens gehen lassen,“ meinte Erik.
Paul schluckte schwer und sah mich an, ich sah Vater an.
„Okay, Kevin und Jorah, ihr bringt Sansa, Tyrion und Erik nach draußen zu den Sanitätern. Paul, Lukas und ich werden Gorwin suchen.“
Alle nickten und während Jorah und Kevin mit den anderen nach links gingen, bogen Paul, Vater und ich nach rechts ab, tiefer in die Katakomben, um Gorwin zu finden.
Nachdem wir jede Türe ausgecheckt hatten, war nur noch eine einzige Türe ganz am Ende übrig. Wir schritten zu ihr und drehten den Schlüssel im Schloss.
Die schwere Tür am Ende des Ganges öffnete sich mit einem langen, rostigen Knarren.
Der Geruch traf uns zuerst – Blut, Eisen, Verwesung. Dann das Bild:
Gorwin. In der Ecke. Kaum als Mensch zu erkennen. Seine Haut bleich und mit Dreck und Blut verschmiert. Sein Gesicht geschwollen, ein Auge fast zugeschwollen. An seiner Hand fehlte der Ringfinger – ein frischer, roher Stumpf. Schnittwunden zogen sich über seine Brust, seine Rippen deutlich zu sehen. Seine Beine… verdreht. Gebrochen.
Ein Moment des völligen Schocks. Dann brach Paul zusammen.
„Gorwin!“ rief er, taumelte zu ihm, fiel auf die Knie und schloss ihn schluchzend in die Arme. Gorwin stöhnte auf, regte sich schwach. Seine Stimme war ein Hauch:
„Hey… habt ihr sie gerettet?“
Ich trat zu ihm, während Vater stumm stehen blieb, beide Hände zu Fäusten geballt. „Ja… wir haben sie gerettet. Tyrion, Sansa, Erik… sie sind in Sicherheit. Jetzt retten wir dich.“
Gorwin blinzelte. Seine Lippen zitterten, dann flüsterte er: „Sie… sie wollten Informationen über euch… über die Lannisters… aber ich… ich hab nichts gesagt.“ Sein Blick irrte zwischen uns, blieb schließlich an Paul haften. Tränen liefen Pauls Gesicht hinunter, als er Gorwins Hand nahm.
„Du hast tapfer gekämpft, Gorwin. Wir bringen dich hier raus. Du wirst wieder gesund.“
Doch Gorwin schüttelte schwach den Kopf. Ein dünnes, blutiges Lächeln lag auf seinen Lippen. „Ist er da? Der kleine Junge?“
Vater trat vor. Seine Stimme war brüchig, als er sagte: „Ja. Er ist da. Joren. Gesund und munter.“
Gorwin lächelte, spuckte Blut. Dann flüsterte er, kaum hörbar: „Paul… mein Junge… ich glaube… ich werde es nicht mehr nach Casterly Rock schaffen.“
Schweigen.
Ich spürte, wie sich Vaters Hand zitternd um meine Schulter legte. Wir knieten uns neben Paul, der sich fest an Gorwin klammerte. Paul flüsterte: „Wie meinst du das… nein… Gorwin, bitte nicht… ich brauch dich…“
Gorwin sah Vater an. Seine Stimme war heiser, brüchig: „Jaime… mein alter Freund… kümmere dich um Joren, so wie du dich um Lukas gekümmert hast. Sei gut zu Brienne… du bist ein guter Mann… du warst es schon immer.“
Vater schloss die Augen. Ein Tränentropfen fiel auf den Boden.
Dann wandte Gorwin sich zu mir. „Lukas… pass bitte auf Sansa auf. Klärt euren Streit… sie hat mir davon erzählt… und sie bereut es.“ Ich nickte, weinend. „Ich verspreche es.“
„Und pass auf deinen Vater auf… dass er keine Dummheiten macht.“ Ich lächelte unter Tränen.
Dann wandte sich Gorwin ein letztes Mal Paul zu.
Er hob mühsam seine Hand, legte sie auf Pauls Wange. Seine Stimme war fast nur noch ein Hauch – aber jedes Wort drang tief in unsere Herzen:
„Paul… du warst… mein Licht. Mein Stolz. Ich habe dich… wie einen Sohn geliebt. Und ich werde… dich niemals ganz verlassen. Hörst du? Ich bin bei dir. In deinem Herzen. In deinen Erinnerungen. In allem Guten, das du tust. Du musst nicht perfekt sein. Sei du selbst… so wie du bist, bist du wundervoll. Schäm dich nie dafür, wer du bist. Und hab keine Angst mehr, zu lieben… du wirst dein Glück finden. Ich weiß es. Ich glaube an dich, Paul… so sehr.”
Paul weinte laut, hielt ihn fest, als ob er ihn so am Leben halten könnte. „Ich liebe dich, Gorwin. Bitte… bitte geh nicht…“
Doch Gorwin lächelte nur.
Mit zitternden Fingern nahm er die silberne Kette von seinem Hals – eine, die er immer getragen hatte – und legte sie Paul um den Hals.
Dann atmete er noch einmal tief ein… …sein Blick glitt zu Vater, zu mir, zu Paul…
Ein letztes, schwaches Lächeln.
Dann… war er fort.
Stille.
Nur unser Atem, unser Schluchzen, das Prasseln des Regens draußen.
Zweimal gerettet
Draußen im Regen.
Der Burghof war fast leer – nur noch einzelne Kämpfe flackerten auf, das Gröbste war vorüber. Cengiz trug einen verletzten jungen Soldaten über der Schulter, dessen Bein stark blutete. Er näherte sich dem Sanitätszelt, wo Nina und Ortengryn bereits eifrig verwundete Männer behandelten.
Mit angestrengtem Atem ließ er den Soldaten auf einer freien Liege nieder, drehte sich um – als plötzlich Nina laut schrie:
„CENGIZ! DUCK DICH!“
Ohne zu zögern, warf sich Cengiz reflexartig nach unten. Ein Wurfmesser surrte mit tödlicher Geschwindigkeit an ihm vorbei – und traf direkt die Stirn eines Angreifers, der gerade aus dem Schatten hervortrat, das Schwert erhoben. Er fiel ohne ein weiteres Geräusch tot zu Boden.
Cengiz riss die Augen auf, drehte sich um – sah den Mann, sah das Messer in dessen Schädel, dann Nina, deren Arm noch leicht ausgestreckt war. Ortengryn stand ebenfalls kampfbereit mit gezogenem Dolch.
„Alles okay?!“ fragte Nina mit bebender Stimme. „Geht’s dir gut?!“ fügte Ortengryn an.
Cengiz nickte, völlig überrumpelt. Er starrte Nina an – ihre Haltung, ihre Entschlossenheit, der feste Blick. Dann senkte er den Blick zum Toten und erkannte das Wappen des Grünen Tals auf dessen Brustplatte.
„Er trägt eine Rüstung aus dem Gre—“ Er kam nicht dazu, den Satz zu beenden.
Sechs bewaffnete Männer stürmten in das Zelt. Alle mit dem Emblem des Grünen Tals auf der Brust, die Schwerter gezückt. Das Blut in Cengiz' Adern gefror.
Aber nur kurz.
Wie aus reiner Intuition zückte er Zireael, das silberne Dornenschwert, und stellte sich zwischen die Angreifer und Nina und Ortengryn.
„Hinter mich!“ rief er, und dann tanzte er los – wie eine Klinge im Wind.
Er glitt zwischen den ersten beiden Gegnern hindurch, sein Schwert schnitt durch Knochen, als wären sie aus Butter. Ein Tritt in den Bauch des Dritten, ein tödlicher Hieb durch die Kehle des Vierten – blutige Eleganz, geschärft durch jahrelanges Training.
Nur noch zwei. Er drehte sich blitzschnell, die Haare an der Stirn voller Schweiß, kämpfte gegen den Fünften – ein harter, kräftiger Mann, der ihn beinahe zu Boden schlug. Doch Cengiz schlug zurück, mit einem wütenden Schrei, und stieß sein Schwert durch die Brust des Gegners.
Dann – ein Geräusch hinter ihm.
Ein metallisches Zischen. Ein Schatten. Er drehte sich zu spät um.
Der Sechste, ein hagerer Mann mit wilden Augen, hatte sich an ihn herangeschlichen, das Schwert bereits erhoben – als plötzlich ein Speer mit voller Wucht aus der Seite durch dessen Brust gedrückt wurde.
Der Mann röchelte – und sackte zusammen.
Cengiz keuchte, drehte sich um – und sah Nina.
Sie stand da, den Speer noch fest in der Hand, Schweiß auf der Stirn, die Brust hob und senkte sich schnell. Ihr Blick war fest auf ihn gerichtet – und dann lächelte sie.
„Zweimal.“ sagte sie, atemlos. „Ich hab dir jetzt zwei Mal in nur wenigen Minuten das Leben gerettet. Glaubst du mir jetzt endlich, wenn ich sage… dass ich dich liebe? Dass ich dich beschützen will? Dass es mir leid tut, dass ich nicht früher für dich da war?“
Stille.
Cengiz stand da – atmete schwer. Blut klebte an seiner Wange. Zireael tropfte. Und doch war in seinem Blick etwas anderes – Erinnerung. Jaime's Worte. Vergangene Blicke. Ein gemeinsamer Kuss im Tower of Joy.
Er ließ das Schwert sinken. Sah sie an. Und dann – ging er auf sie zu. Ohne ein weiteres Wort.
Er nahm sie fest in die Arme. Presste sie an sich, als wäre sie das Letzte, was ihn zusammenhielt.
„Es tut mir leid...“ flüsterte er. „Ich war so wütend. So blind. Ich hab dich weggestoßen. Aber... vielleicht hab ich's gebraucht. Um zu sehen, dass du’s wirklich ernst meinst.“ Er fuhr leise fort: „Danke. Danke, dass du geblieben bist. Danke, dass du… mich nicht aufgegeben hast.“
Nina schluckte. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Dann vergrub sie ihr Gesicht in seiner Schulter, und sie standen da – inmitten des Blutes, des Chaos, des Krieges – aber für einen Moment war es still. Nur ihre Umarmung. Nur ihre Wärme.
Dann hörten sie Schritte.
Dickon, Lennard, Bronn, Rodrik, Jorah und Kevin traten ein. Sansa, Tyrion und Erik folgten, schmutzig, gezeichnet, aber lebendig.
Die Gruppe blieb kurz stehen, als sie Cengiz und Nina sahen – umarmt, still, verbunden. Niemand sagte etwas.
Etwas hatte sich verändert. Nicht nur der Stand des Krieges.
Sondern ein Herz.
Ein Sieg ohne Freude
Die Luft war feucht, das Licht flackerte auf den Steinwänden. Noch immer lag die Kälte des Todes in dem Raum, wo Gorwin in Pauls, Vaters und meinen Armen gestorben war.
Wir blieben noch eine Weile still dort. Keiner sagte etwas. Keiner wagte es, das Schweigen zu brechen, das Gorwin hinterlassen hatte.
Vater stand irgendwann auf, blinzelte die Tränen aus den Augen, die er nicht länger zurückhalten konnte. Er ging in eine Ecke des Raums, öffnete eine alte, staubige Truhe – und fand darin ein großes, dickes Tuch, stabil und robust, aus grobem, aber weichem Stoff gefertigt.
Er kniete sich wieder zu uns, und wir legten Gorwins Körper vorsichtig hinein. Seine Hände falteten wir über seiner Brust. Paul strich ihm ein letztes Mal über die Haare, sein Gesicht war rot von Tränen, seine Augen leer, doch seine Hände zitterten nicht – nicht mehr.
Dann trugen wir ihn zu dritt. Langsam. Schwer. Als wäre nicht nur sein Körper, sondern auch die Last seines Verlustes auf unseren Schultern.
Draußen im Burghof.
Zerstörung. Trümmer. Blut. Teile der Burgmauern waren eingeschlagen, kleinere Feuer brannten an Ecken und Kanten, der Rauch stieg in Spiralen zum grauen Himmel empor. Riverrun war gefallen – aber es fühlte sich nicht wie ein Sieg an. Nicht heute.
Wir gingen schweigend. Nur das Knirschen unserer Schritte auf dem Schutt war zu hören. Dann – das große Sanitätszelt kam in Sicht. Davor standen sie alle: Cengiz, noch mit Schweiß im Gesicht. Nina, an seiner Seite. Ortengryn, die Stirn gerunzelt. Dickon, Lennard, Bronn, Rodrik, Jorah, Kevin, und schließlich: Erik, Tyrion, Sansa – alle mit Verbänden, aber lebendig.
Als sie uns kommen sahen, füllten sich ihre Gesichter mit Hoffnung.
Doch je näher wir kamen – je deutlicher sie erkannten, wen wir trugen – desto mehr wandelte sich ihre Miene. Entsetzen. Verdrängung. Dann – Realisation.
Erik brach sofort weinend zusammen, Sansa fing ihn auf, hielt ihn fest, ihre eigenen Tränen liefen stumm über die Wangen. Tyrion stand nur da, seine Augen weit, fassungslos, als würde er in eine ferne Leere starren. Kevin ging langsam zu Paul, legte eine Hand auf dessen Rücken, sagte kein Wort – er wusste, dass es keine Worte gab. Jorah senkte den Kopf, wischte sich grob mit dem Ärmel über das Gesicht. Rodrik und Lennard standen regungslos da, während Bronn leise „Verdammte Scheiße...“ murmelte und sich dann an Dickon lehnte, der mit zusammengebissenen Zähnen zu atmen versuchte.
Cengiz sah zu Vater, dann zu mir – sein Blick sagte alles. Nina trat vor, legte sanft eine Hand auf Pauls Arm, und auch wenn er es nicht zeigen konnte – er spürte es.
Gemeinsam halfen sie uns, Gorwins Leiche auf einen Pferdewagen zu legen. Wir deckten ihn zu, aber nicht sein Gesicht – noch nicht. Nicht jetzt.
Kein Wort wurde gesprochen. Nur das dumpfe Schluchzen in der Luft.
Dann trat Vater nach vorn, gerade als er den letzten Blick auf Gorwin warf. Er holte tief Luft, trat zu einem der hochrangigen Soldaten der Lannister-Armee, der mit anderen Männern dort wartete.
„Reißt es nieder.“ sagte er leise, mit einer Stimme, die schneidend und brüchig zugleich war. „Ganz Riverrun. Stein für Stein. Keine Halle soll stehen bleiben.“
Der Soldat nickte, salutierte. Jaime drehte sich um, seine Augen rot, sein Gesicht aschfahl.
Er kam wieder zu uns. Sah jeden von uns an, nacheinander. Dann sagte er:
„Auf die Pferde.“ Eine kurze Pause. „Wir… reiten zurück nach Casterly Rock. Wir beerdigen ihn… zuhause.“
Seine Stimme brach beim letzten Wort. Er konnte nicht weitersprechen.
Niemand fragte. Niemand widersprach.
Wir gehorchten. Nicht weil es ein Befehl war, sondern weil wir es mussten.
Langsam, in tiefem Schweigen, ritten wir los.
Mit einem toten Freund. Und dem Gefühl, dass heute ein Teil unserer Familie in den Trümmern von Riverrun geblieben war.
Heimkehr mit Gorwin
Casterly Rock – das große Tor öffnet sich
Als wir vor das Schloss ritten, standen Rina und Brienne bereits vor dem Tor, die Sonne stand tief, warf lange Schatten über den Vorhof.
Doch als sie uns sahen – und noch mehr: was wir mitbrachten – veränderten sich ihre Gesichter sofort.
Rina schlug sich die Hand vor den Mund, Tränen traten sofort in ihre Augen. Brienne blickte fassungslos von einem zum anderen – dann zu Jaime – und als ihr klar wurde, was passiert war, liefen auch ihr die Tränen über die Wangen.
„Nein… nicht Gorwin…“, flüsterte sie. Vater ging zu ihr, nahm ihre Hand, und sie lehnte sich wortlos an ihn. Kevin stand bei Rina, legte den Arm um sie. Sie weinte leise gegen seine Schulter.
Dann übernahmen Paul, Ortengryn, Dickon und Rodrik – ohne ein Wort zu verlieren – die Aufgabe, Gorwins Leichnam in die Kirche zu bringen.
Sanft, würdevoll. Jeder Schritt eine Hommage an das, was Gorwin für uns war.
Die Sonne verschwand langsam am Horizont. Ein trüber, grauer Abend legte sich über Casterly Rock.
Alle zogen sich in ihre Zimmer zurück. Erschöpft. Leer. Verloren in Gedanken.
Nur Vater, Brienne und ich blieben noch mit unseren Freunden: Kevin, Jorah, Tyrion, Erik und Sansa.
Wir standen gemeinsam vor dem Kinderzimmer.
Der kleine Joren war gerade aufgewacht. Er lag in seinem weichen Kissen, blickte uns mit großen, neugierigen Augen an und machte ein leises Geräusch, das irgendwo zwischen Gähnen und Quietschen lag.
Ein Lächeln, das die Dunkelheit für einen Moment durchbrach.
Alle traten näher. Kevin schüttelte ungläubig den Kopf. „Er ist... wunderschön.“
Jorah nickte. „So klein. Und doch fühlt es sich an, als würde er alles bedeuten.“
Erik, der noch Tränenspuren im Gesicht hatte, lächelte zum ersten Mal wieder. Sansa trat ganz vorsichtig näher, ihre Augen glänzten. „Joren…“, flüsterte sie. „Willkommen.“
Sie alle standen still um sein Bett. Und für einen Moment vergaßen wir, wie schwer die letzten Stunden gewesen waren.
Dann verabschiedeten sich Kevin, Jorah, Erik und Sansa und gingen in Richtung ihrer Gemächer.
Tyrion blieb.
Er trat ans Bett, und ich hob Joren auf und reichte ihn ihm. Tyrion nahm ihn mit beiden Armen entgegen, hielt ihn vorsichtig, sah ihm in die Augen – und Joren starrte ihn an mit einem ernsten, fast komischen Blick.
„Na, du kleiner Mann…“, begann Tyrion. „…du guckst mich an, als würdest du jetzt schon all meine Sünden erkennen.“ Er zwinkerte. „Lass dir gesagt sein: Die Liste ist lang – aber ich arbeite dran.“
Brienne lachte leise, und Vater schüttelte den Kopf, lächelte aber.
„Er ist perfekt“, sagte Tyrion leise, sah Joren weiter an. „Ich bin stolz, dein Onkel zu sein. Und wenn du irgendwann Fragen über deine Familie hast… bring zuerst viel Wein mit.“
Dann wandte ich mich zu Vater.
Ich zog ihn leicht zur Seite. Er folgte mir, sah mich mit einem vorsichtigen Blick an.
„Glaubst du… es ist sinnvoll, jetzt mit Sansa zu reden?“ Meine Stimme war leise, fast zaghaft.
Vater nickte langsam. Er legte mir die Hand auf die Schulter. „Ja. Es ist nie der perfekte Moment, Lukas. Aber manchmal ist das Herz genau dann offen, wenn alles still ist.“
Er atmete tief durch. „Zeig Verständnis. Sei ehrlich. Erklär ihr, dass ihr beide verletzt wart – aber nie böse. Und dass es dir leidtut. Du schaffst das und hab keine Panik.“
Ich nickte. Ein kleines, verunsichertes, schwaches Lächeln.
„Danke, Papa.“
Ich klopfte ihm auf die Schulter, sah noch einmal zu Joren, der gerade an Tyrions Finger nuckelte – und machte mich dann auf den Weg.
In Richtung von Sansas Zimmer.
Versöhnung mit Sansa
Ich trat langsam an Sansas Tür.
Die Stille im Flur war greifbar. Ich hob die Hand, zögerte einen Moment – dann klopfte ich vorsichtig.
Ein leises, fast flüsterndes „Ja?“ kam von drinnen. Zärtlich, unsicher… aber offen.
Ich öffnete die Tür.
Sansa saß auf ihrem Bett, in einem weichen, hellen Gewand, das im Schein der Kerze fast leuchtete. Ihre Augen waren rot, ihre Haltung müde. Doch als sie mich sah, richtete sie sich auf.
Ohne ein Wort kam sie zu mir, und zog mich in eine feste, warme Umarmung.
Ich spürte ihren Herzschlag, ihren Atem, die vertraute Wärme. Wir hielten uns einfach nur – für einen langen Moment, in dem es keine Vergangenheit, keinen Streit, kein „Davor“ mehr gab.
Dann lösten wir uns leicht voneinander – sahen uns in die Augen – und sagten gleichzeitig: „Es tut mir leid.“
Ein stilles, fast ungläubiges Lächeln zuckte über unsere Gesichter. Dann begann ich:
„Sansa… es tut mir so leid. Ich… ich hätte nie behaupten dürfen, dass deine Gefangenschaft nicht schlimm war. Ich war wütend, blind vor Zorn. Es war falsch. Und grausam. Ich hab… ich hab dich verletzt.“
Sie wollte etwas sagen, aber ich fuhr fort:
„Und… was ich über die Forresters gesagt habe. Du hattest recht. Rodrik ist ein guter Mann. Und Ortengryn… er hat ein gutes Herz. Wir sind jetzt mit ihnen verbündet – und ich bin froh darüber.“
Sansa sah mich an – ihre Augen glänzten.
„Nein… Lukas. Ich muss mich entschuldigen. Ich… ich wusste nicht, wie sehr eure Familien verfeindet waren. Ich kannte diese Geschichten nur vom Hörensagen, und Rodrik war für mich nie 'ein Forrester'. Er war einfach… Rodrik. Jemand, der für mich da war, als niemand da war. Aber ich habe nicht gesehen, was das für dich bedeutete. Und für deinen Vater.“
Dann brach ihre Stimme leicht. Sie blinzelte Tränen fort.
„Was ich über Jaime gesagt habe… Götter, es tut mir so leid. Ich war wütend, ich war… verwirrt. Ich wollte dich verletzen, so wie ich mich verletzt gefühlt habe. Aber ich hätte niemals so über ihn sprechen dürfen.“
Sie legte ihre Hand an meine Wange. Sanft. So zärtlich, dass es mir den Atem verschlug.
„Ich mag ihn, Lukas. Wirklich. Und ich… ich bewundere ihn. Er hat Fehler gemacht, ja – aber ich sehe in ihm, wie sehr er dich liebt. Wie wichtig er für dich ist. Und wenn ich in deine Augen sehe, dann… dann sehe ich, wie sehr du ihn brauchst. Gerade nach allem, was war. Ich kann mir kaum vorstellen, wie schwer es für dich als Kind gewesen sein muss – nicht zu wissen, dass er dein Vater ist, mit einem anderen „Vater“ aufzuwachsen der einen nicht beachtet hat.“
Die Tränen standen ihr in den Augen und auch mir.
Ich legte meine Hand auf ihre, ließ meine Stirn kurz gegen ihre sinken und flüsterte:
„Es tut mir so leid, Sansa. Für alles. Für die Worte. Für das Schweigen. Für die Zeit, die wir verloren haben. Ich liebe dich. Und ich hoffe… wir können das hinter uns lassen. Den Streit. Den Schmerz.“
Sie nickte langsam. Ein sanftes Lächeln lag auf ihren Lippen.
„Ich liebe dich auch, Lukas. Und ja – wir lassen das hinter uns. Alles davon.“
Dann küssten wir uns – und zum ersten Mal seit vielen Tagen fühlte sich etwas wieder heil an.
Am nächsten Morgen weckte uns ein stiller, grauer Himmel – als würde selbst die Welt um uns trauern.