SEASON IX · KAPITEL 35

Farewell

Abschied von Gorwin

WORUM ES GEHT

Auf einem Hügel hinter Casterly Rock wird Gorwin feierlich verbrannt; Ortengryn, Jaime, Tyrion, Lukas und Paul halten bewegende Abschiedsreden, und ein Sonnenstrahl fällt auf den Toten. Am Abend sitzt die Familie am Kamin, bis Jaime Jorens verlorenen Stofflöwen nicht finden kann. Bei der Suche entdeckt Lukas unter einem schweren Schrank eine verborgene Falltür. Jaime, Lukas und Tyrion steigen hinab und folgen einem alten Gang bis zu einer großen Tür.

1

Gorwins Scheiterhaufen

Schauplatz: Casterly Rock · Lukas Lannister, Jaime Lannister, Sansa Stark, Brienne von Tarth, Cengiz Martell, Lennard Baratheon, Erik Stark, Bronn, Kevin Mormont, Dickon Tarly, Jorah Mormont, Nina, Lewyn Ortengryn, Tyrion Lannister, Paul Lannister, Joren, Ser Gorwin, Rodrik Forrester, Rina

Langsam und schweigend trafen wir uns im Innenhof von Casterly Rock. Ich, Vater, Sansa, Brienne mit dem kleinen Joren im Arm, Cengiz, Lennard, Erik, Paul, Bronn, Kevin, Dickon, Jorah, Rodrik, Rina, Nina und Ortengryn. Niemand sprach viel. Selbst die Schritte klangen gedämpft auf dem Stein. Der Schmerz über Gorwins Verlust hing wie ein schwerer Schleier über uns allen.

Wir gingen durch das Tor hinaus auf die Anhöhe hinter dem Schloss. Dort, unter einem alten Baum, auf einem Hügel mit Blick auf das Meer – lag Gorwins Leichnam aufgebahrt. In ein schlichtes, weißes Gewand gehüllt, seine Hände ruhig auf der Brust verschränkt, der Ringfinger fehlte. Er lag auf einem Scheiterhaufen aus Eiche und Wacholder, bereit, in Frieden zurückzukehren.

Der Wind war kühl. Niemand sprach. Nur das Flüstern der Bäume.

Ortengryn trat als erster vor. Er schloss die Augen, seine Stimme war ruhig und fest, trotz des Schmerzes:

„Wir stehen heute hier, nicht um einen Soldaten zu ehren – sondern einen Freund. Einen, der mit seinem Mut, seiner Loyalität und seiner Liebe mehr bewirkt hat als viele Könige je vermochten. Er trug kein Banner, aber er war ein Schild für jene, die er liebte. Heute kehrt er heim. Mögen die sieben Götter ihn empfangen, wie er war: ein wahrer Mann.“

Dann trat Vater vor.

Er räusperte sich – einmal, zweimal. Doch als er sprach, zitterte seine Stimme leicht:

„Gorwin war… mein Bruder. Nicht durch Blut, sondern durch etwas, das viel stärker ist. Vertrauen. Treue. Jahre, Schlachten, Fehler – wir teilten sie alle. Ich bin besser geworden durch ihn. Und jetzt, ohne ihn, bin ich kleiner. Möge er wissen, dass ich ihn liebte.“

Tyrion trat nach ihm vor, den Weinbecher für einmal nicht in der Hand. Seine Stimme war sanft, beinahe flüsternd:

„Gorwin hatte ein Talent: Er sah durch unsere Fassaden. Er hörte das, was wir nicht laut sagen konnten – und manchmal… was wir nicht einmal selbst wussten. Die Welt verliert einen guten Mann. Ich… verliere einen der wenigen, der mich nie für einen Narren hielt.“

Dann trat ich vor. Mein Herz klopfte laut in meiner Brust, als ich die anderen ansah.

„Gorwin war… so vieles für uns alle. Für mich war er ein Fels. Er hat mich gesehen, als ich noch zu klein war, um mich selbst zu erkennen. Und er hat mich nie verurteilt. Er war da – still, ruhig, standhaft. Und jetzt ist da diese Stille… nur ohne ihn. Ich hoffe, er weiß, wie sehr wir ihn geliebt haben.“

Dann trat Paul vor. Langsam. Sein Blick war leer, seine Hände zitterten leicht. Er trat an Gorwins Seite, legte eine Hand auf dessen kalte – und sprach mit brüchiger Stimme:

„Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll… Du warst nie mein richtiger Vater – aber du warst für mich ein Vater. Du hast mich in den Arm genommen, als ich Angst hatte. Du hast mir beigebracht, wie man kämpft – und wie man nicht aufgibt. Du hast mir zugehört. Immer. Auch, wenn ich's nicht verdient hab. Du hast nie aufgegeben. Nie. Und jetzt… bist du einfach nicht mehr da.“

Er kämpfte mit den Tränen, seine Stimme brach ganz.

„Ich weiß, du würdest jetzt sagen: ‚Paul, reiß dich zusammen, das Leben geht weiter.‘ Aber verdammt, Gorwin… ich will nicht, dass es weitergeht ohne dich. Ich will, dass du siehst, wie Joren aufwächst. Dass du siehst, dass wir dich gebraucht haben. Ich hoffe nur… dass du weißt, dass ich dich liebe. Und dass du… mich nie ganz verlässt.“

Dann strich er mit seiner Hand zärtlich über Gorwins.

Und in genau diesem Moment – drang ein einzelner Sonnenstrahl durch die dichte, graue Wolkendecke. Er fiel genau auf Gorwins Körper und auf Paul, der dort neben ihm kniete.

Wir sahen alle auf.

Ein stilles Zeichen. Einer, der Abschied nahm – und sich gleichzeitig bedankte.

Vater, Tyrion und ich gingen zu Paul, umarmten ihn, hielten ihn. Er brach leise in Tränen aus – aber nicht mehr allein.

Dann nahmen wir jeder eine Fackel, entzündeten sie an der zentralen Flamme, traten vor und steckten gemeinsam das Holz in Brand.

Die Flammen loderten auf – erst klein, dann immer höher, umhüllten Gorwin in warmem Licht. Wir stellten uns nebeneinander, sahen in die Feuer, hörten das Knistern und fühlten – jeden auf seine Weise – die Endgültigkeit des Abschieds.

Erst als nur noch Glut übrig war, drehten wir uns langsam um und machten uns gemeinsam auf den Rückweg zum Schloss.

2

Der verlorene Stofflöwe

Schauplatz: Casterly Rock · Lukas Lannister, Jaime Lannister, Tyrion Lannister, Brienne von Tarth, Joren

Zurück im Schloss, war der Abend still.

Nach dem schweren Tag der Beerdigung saßen Vater, Onkel Tyrion, Brienne mit dem kleinen Joren auf dem Arm und ich gemeinsam in einem kleinen Raum mit einem prasselnden Kaminfeuer und weichen Sesseln.

Draußen fiel langsam die Nacht über die Hügel von Casterly Rock, und drinnen wärmte das Licht der Flammen unsere Gesichter.

Niemand sprach anfangs viel. Die Trauer um Gorwin lag immer noch schwer in der Luft, doch wir waren beisammen, und das machte alles etwas erträglicher.

Brienne hielt Joren zärtlich im Arm, wiegte ihn sacht, während sein kleines Gesicht in die Decke geschmiegt war. Er quengelte leise – seine Augen halb geschlossen.

Brienne sah zu Jaime und flüsterte:

„Er ist müde… Wollen wir ihn ins Bett bringen?“

Vater nickte sanft, nahm Joren vorsichtig an sich, gab ihm seinen kleinen Schnuller und reichte ihm auch das Löwenstofftier – ein kleines, weiches Tier mit goldener Mähne und aufgesticktem Gesicht.

„Na, mein kleiner Löwe“, murmelte er liebevoll, „Zeit, ins Traumland zu reiten.“

Er sah zu Tyrion und mir:

„Wir bringen ihn kurz ins Bett – bin gleich zurück.“

Dann verließ er mit Brienne den Raum – Joren auf dem Arm.

Der kleine Raum wurde stiller.

Tyrion schenkte mir ein Glas Wein ein und sah mich mit einem feinen Lächeln an.

„Du weißt schon, dass du kein bisschen anders warst als Baby, oder?“

Ich lachte.

„Ich war bestimmt ganz ruhig und brav!“

Tyrion schüttelte schmunzelnd den Kopf.

„Du warst nur ruhig, wenn Jaime dich getragen hat… oder wenn du mir an die Nase gefasst hast. Ich schwöre, dein kleiner Finger hatte magische Kräfte. Sobald er meine Nase berührt hat – Stille. Wie durch einen Zauber.“

Wir lachten gemeinsam. Zum ersten Mal an diesem Tag wirklich aus dem Bauch heraus. Der Wein schmeckte nach Brombeeren und Erinnerung.

Nach etwa zehn Minuten ging die Tür auf und Vater trat wieder herein.

Er wirkte etwas erschöpft – und leicht frustriert.

Tyrion schenkte ihm sofort ein Glas ein.

„Na, ist der kleiner Löwe sicher im Gehege?“

Vater schüttelte den Kopf, nahm den Wein und seufzte.

„Er hat seinen Stofflöwen auf dem Weg zum Zimmer verloren… Ich hab den ganzen verdammten Gang abgesucht, aber nichts. Jetzt weint er, weil er ihn nicht zum Einschlafen hat.“

Tyrion und ich standen sofort auf.

„Dann lass uns helfen. Der Löwe muss gefunden werden!“

Gemeinsam verließen wir den Raum, gingen durch die langen Flure von Casterly Rock, dorthin, wo Jorens Zimmer lag.

Der Gang war dämmrig beleuchtet, das Licht der Fackeln tanzte an den alten Steinwänden.

Ich ging voran, ließ meinen Blick über den Boden schweifen – bis mein Blick an einem großen, breiten Schrank hängen blieb, der dicht an der Wand stand.

Ich bückte mich.

Und da – unter dem Schrank, ragte ein kleiner, goldener Stofffuß hervor.

„Ich hab ihn!“ rief ich, grinsend.

Jaime und Tyrion drehten sich sofort zu mir um.

Ich zog den Stofflöwen vorsichtig hervor und reichte ihn Vater, der erleichtert seufzte.

„Wirklich…? Er war unter dem Schrank?“ „Tja, du bist wohl einfach zu alt, um dich zu bücken“, sagte ich lachend.

Vater grinste, zuckte die Schultern.

„Ich hab nicht gedacht, dass er dort liegt.“

Er machte sich sofort auf den Weg zurück zu Joren, das Stofftier liebevoll an sich gedrückt.

3

Die Falltür

Schauplatz: Casterly Rock · Lukas Lannister, Jaime Lannister, Tyrion Lannister

Ich wandte mich wieder zum Schrank – doch da fiel mir etwas anderes auf.

Am Boden, knapp unter der Kante des Möbels, war etwas… ungewöhnlich.

Eine dunkle Umrandung.

Ich beugte mich noch einmal tiefer. Da war sie – ganz deutlich: Eine Falltür. Kaum sichtbar, aber da.

„Onkel… schau mal. Der Schrank steht auf einer Falltür.“

Tyrion trat heran, kniff die Augen zusammen.

„Bei den Göttern… du hast recht.“

Wir packten an. Doch der Schrank war massiv und schwer. Er rührte sich kaum.

Tyrion stöhnte leise.

„Na, mein Rücken ist nicht mehr der von früher… und du bist eindeutig zu schlank gebaut, Lukas.“

Wir versuchten es noch ein paar Minuten – vergeblich.

Dann – hörten wir Schritte.

Jaime kam zurück, und lachte, als er uns keuchend am Schrank sah.

„Was macht ihr zwei Trottel denn da?“

Ich richtete mich auf, grinsend.

„Da drunter ist eine Falltür. Wir wollten sie öffnen – aber ohne dich schaffen wir’s nicht.“

Vater runzelte die Stirn, trat näher.

„Eine Falltür? In unserem Schloss?“ „Ja. Und der Schrank hier stand direkt drüber.“

Gemeinsam packten wir an – und diesmal bewegte sich das schwere Möbelstück mit einem Knarren.

Wir schoben ihn langsam zur Seite – und da war sie:

Eine alte, eisenbeschlagene Falltür, staubig, mit abgenutztem Griff. Kein Schloss. Nur dunkles Holz und eine kalte Ahnung von etwas… Verborgenem.

Die Falltür öffnete sich mit einem leisen Knarren, als ich sie langsam anhob. Staub wirbelte auf, alte Luft drang empor – schwer, beinahe ehrwürdig. Es roch nach Stein, Metall und etwas… das ich nicht benennen konnte.

Vater griff zur nächsten Fackel an der Wand, entzündete sie am Kamin im Gang hinter uns, und trat dann als Erster die dunkle Treppe hinab.

Ich folgte ihm, und Tyrion bildete den Abschluss, mit einer Mischung aus Neugier und wachsamem Misstrauen auf seinem Gesicht.

Der Gang war unerwartet breit, die Wände glatt behauen und mit eingelassenen Fackelhaltern, in denen längst verloschene Fackeln steckten. Vater entzündete jede einzelne im Vorbeigehen mit seiner Flamme, bis der Korridor langsam in ein warmes, bernsteinfarbenes Licht getaucht war.

Obwohl der Gang eingestaubt war, wirkte er edel, wie aus einem vergessenen Teil der Geschichte – mit feinen Steinmetzarbeiten an den Rändern, alten Wappen, manchen längst verwittert.

Wir liefen schweigend. Die Schritte hallten dumpf.

Nach einigen Minuten kamen wir an eine große Tür – alt, aus dunklem Holz, von einer feinen Schicht aus Staub bedeckt, aber massiv wie ein Tor.

Wir hielten inne.

Tyrion trat neben uns, zog skeptisch die Brauen hoch.

„Vielleicht… ist es keine gute Idee, sie zu öffnen. Solche Türen sind selten Einladungen.“

Vater sah mich an. Ich nickte leicht, dann legte ich die Hand auf den Griff. Er war kühl – aber nicht feindlich.

Langsam drückte ich ihn hinunter – und die Tür schwang mit einem tiefen, widerhallenden Geräusch auf.