SEASON IX · KAPITEL 36

Argentus and Aurelion

Die Zwillingsschwerter

WORUM ES GEHT

In einer verborgenen Kammer finden Jaime und Lukas die Zwillingsschwerter Aurelion und Argentus sowie das Buch 'Cor Unum'. Ortengryn liest vor, dass der Schmied Auric der Flüsternde sie einst unter Casterly Rock für Vater und Sohn aus dem Haus Lannister schuf und dass sie im Einklang geführt zum Lichtschwert Cor Unum werden können. Beim Morgentraining entdeckt Tyrion den Fluch der Klingen: Jaime und Lukas teilen Schmerz und Angst des anderen, was ein Test bestätigt. Danach verbringt die Familie einen friedlichen Tag am Apfelbaum und in der großen Halle.

1

Zwei Altäre

Schauplatz: Casterly Rock · Lukas Lannister, Jaime Lannister, Tyrion Lannister, Lewyn Ortengryn

Dahinter lag ein runder Raum, fast sakral.

Die Wände aus fein behauenem Stein, und in der Mitte – zwei gegenüberliegende Altäre.

Der eine war weiß, aus glänzendem Kalkstein, der andere schwarz, aus kühlem Marmor.

Dazwischen: ein Podest, auf dem ein Buch lag, dick und von Leder eingefasst.

An der Decke – ein Mosaik aus farbigen Glasstücken: Löwen, eine Sonne, und ein strahlendes Schwert inmitten eines leuchtenden Kreises.

Es war, als hätte dieser Ort seit Jahrhunderten niemanden mehr gesehen – und doch… fühlte er sich wach an.

Vater trat vor den weißen Altar. Dort stand in goldenen Buchstaben in den Stein geritzt: „Aurelion“

Auf dem Altar lag ein Schwert: Die Klinge aus goldenem Stahl, durchzogen von silbernen Adern, der Griff mit einem kunstvoll gearbeiteten Löwenkopf verziert.

Ich trat langsam zum schwarzen Altar. In ihn war in schimmerndem Silber der Name „Argentus“ eingraviert.

Auf dem kalten schwarzen Stein lag ein zweites Schwert: Silberner Stahl, durchzogen von goldenen Linien, der Griff geziert mit dem Kopf eines Löwenjungen – zarter, feiner.

In der Mitte stand Tyrion, vor dem Buch.

Er wischte behutsam mit dem Ärmel über das Leder, und entblößte den vergilbten Titel:

„Cor Unum“ („Ein Herz“)

Gerade als er den Mund öffnete, um zu sprechen, hob Vater das Schwert vom Altar. Auch ich – als wäre es ein Reflex – schloss meine Finger um Argentus und hob es ebenfalls hoch.

„Nein! Wartet!“, rief Tyrion mit hochgezogenen Brauen. „Seid ihr vollkommen von Sinnen? Ihr könnt nicht einfach – einfach antike Waffen aus einem verborgenen Raum anfassen, der durch eine geheime Falltür versteckt war!“

Vater sah ihn kurz an, schmunzelte. Ich ebenfalls, leicht verwundert über die Wärme, die durch meine Arme strömte.

„Es fühlt sich… richtig an“, sagte ich leise.

„Finde ich auch“, meinte Vater. „Es ist, als würde etwas in mir – erwachen.“

Tyrion rollte mit den Augen, rieb sich die Schläfen.

„Ihr seid wie zwei Kinder, die im Tempel eine heilige Reliquie finden und denken: ‚Hm, das könnte man bestimmt werfen!‘“

Ich hob das Schwert etwas höher. Es funkelte – und dann… begann es plötzlich ganz schwach zu leuchten.

Die goldenen Linien in meiner Klinge flackerten auf – wie Licht, das aus der Tiefe kam. Auch Vaters Schwert, durchzogen von silbernen Adern, begann zu pulsieren – im gleichen Rhythmus wie meines.

Wir sahen uns erstaunt an.

Tyrion trat näher, murmelte:

„Nein, nein… das darf nicht… das ist nicht gut. Das hier ist alte Magie… wir sollten Ortengryn holen. Und das Buch mitnehmen. Ich will wissen, was das alles bedeutet.“

Vater nickte langsam. Ich auch.

Doch in uns – in mir – spürte ich, dass sich etwas verändert hatte. Etwas hatte mich erkannt. Etwas Lebendiges, in dieser Waffe. Und in mir.

Tyrion runzelte die Stirn.

„Legt sie vorsichtig wieder auf die Altäre. Dann bringen wir das Buch zu Ortengryn. Und dann… dann sehen wir weiter.“

Doch während ich das Schwert noch einmal betrachtete, sah ich, wie das Licht in den goldenen Linien etwas stärker wurde – als hätte es meinen Namen gehört.

Und das von Vater.

Tyrion wandte sich uns zu, mit der typischen Mischung aus Ungeduld und Sorge in seiner Stimme.

„Ihr bleibt hier. Keine Spielereien mehr. Fasst diese Schwerter nicht noch einmal an, bis ich mit Ortengryn zurück bin. Versprochen?“

Ich und Vater sahen uns an, dann nickten wir.

„Versprochen“, sagte Jaime ruhig. „Kein Schritt ohne dich, Bruder.“

„Das hoffe ich“, murmelte Tyrion und verschwand den Gang hinauf, die Fackeln an den Wänden warfen seinen kleinen Schatten riesengroß auf die Wände.

Als er fort war, sah Vater mich an. Er drehte das Schwert in seiner Hand leicht, als hätte er es im Geiste noch immer bei sich.

„Hast du das gespürt, Lukas?“, fragte er leise. „Diese… Wärme. Als wäre das Schwert nicht nur Stahl, sondern eine Art Wesen.“

Ich nickte langsam, blickte auf Argentus, das auf dem schwarzen Altar ruhte, als würde es mich beobachten.

„Es war, als hätte es mich erkannt. Als ob es wusste, wer ich bin…“

„Oder was du bist“, ergänzte Vater, nachdenklich. „Ein Lannister. Vielleicht ist das der Schlüssel.“ Er sah zur Decke, auf das Mosaik aus Löwen und Licht. „Und dieses Buch… Cor Unum – ‚Ein Herz‘… Meinst du, es meint uns?“

„Vielleicht“, sagte ich leise. „Oder die Schwerter selbst.“

Wir verstummten für einen Moment, beide von derselben Vorstellung gefesselt: Dass diese Klingen mehr waren als bloß Waffen. Vielleicht… ein Band. Eine alte Geschichte, die nun wieder zu leben begann.

Da hörten wir Schritte, und kurz darauf tauchte Tyrion im Gang wieder auf – neben ihm Ortengryn, sein Blick neugierig und wach, trotz der späten Stunde.

„Wir haben nichts angerührt“, sagte Vater grinsend.

„Wow dann bin ich noch nie so stolz auf euch gewesen“, murmelte Tyrion.

Ortengryn trat langsam in den Raum, ließ den Blick über die Altäre schweifen, dann zum Mosaik.

„Bei den Göttern… das hier… das ist älter, als ich erwartet habe.“ Er trat zu uns. „Tyrion hat mir erzählt, was ihr gespürt habt. Ich denke… ihr solltet die Schwerter mitnehmen.“

„Wirklich?“ fragte ich überrascht.

„Wenn sie auf euch reagieren… dann gehören sie vielleicht wirklich euch. Ich sehe mir währenddessen das Buch an. Vielleicht kann ich etwas über sie herausfinden.“

Vater und ich nahmen Aurelion und Argentus in die Hände – vorsichtig, ehrfürchtig. Tyrion hob das schwere Buch vom Podest.

Dann verließen wir den geheimen Raum und gingen zurück durch den stillen Gang, die Fackeln brennend wie Wachposten der Vergangenheit.

2

Das Buch Cor Unum

Schauplatz: Casterly Rock · Lukas Lannister, Jaime Lannister, Tyrion Lannister, Lewyn Ortengryn

In Ortengryns Zimmer angekommen – klein, voller Pergamente, Bücher und getrockneter Kräuter – setzten wir uns um den runden Tisch, während er das Buch vor sich legte und begann, vorsichtig die Seiten durchzublättern.

Schon nach wenigen Augenblicken rief er:

„Hier… Ich hab’s.“

Er strich mit der Hand über die vergilbten Seiten, las laut vor:

Verfasst von Maester Thalor von Lannisport, im Dienst der Großen Bibliothek von Casterly Rock

„Es gibt Klingen, die schneiden. Es gibt Klingen, die glänzen. Und dann gibt es Klingen, die flüstern.“ Der Schmied: Auric der Flüsternde

Wenig ist über Auric den Flüsternden bekannt – und das meiste, was über ihn gesagt wird, ist in Schatten gehüllt. Er soll ein vergessener Schmied aus den Tagen vor dem Untergang Valyrias gewesen sein, von Geburt ein Sklave, von Beruf ein Zauberer mit Hammer und Amboss.

Die Alten berichten, dass er die Stimmen der Seelen hören konnte, die in Metall gebannt waren – und dass er diese Stimmen nutzte, um seine Klingen zu formen.

Nach der Katastrophe von Valyria floh Auric über das Meer. Während andere nach Essos strebten, ging er gen Westen – bis zu jenem Ort, an dem Gold aus dem Stein wächst: Casterly Rock.

Dort, unter dem Berg, fern von Licht und Zeit, schuf er im Auftrag eines mächtigen Hauses zwei Schwerter – keine gewöhnlichen Waffen, sondern lebendige Zeugen von Blut und Bund.

„Er schmiedete nicht für Ruhm, sondern für Blut. Und was er in den Stahl flüsterte, lebte ewig.“

Aurelion – das Goldene Löwenlicht

Der erste Träger von Aurelion war Ser Tyberion Lannister, genannt der Sonnenhengst. Ein Ritter der frühen Targaryen-Herrschaft – unbesiegt in Turnieren, im Herzen ein Löwe, und vor allem eines: seinem Sohn treu ergeben.

Auric schmiedete Aurelion für ihn. Die Klinge, aus goldenem Stahl mit silbernen Linien, soll geglüht haben, wenn Blut seines Hauses in Gefahr war.

„Aurelion erkannte das Herz des Trägers – und wurde zum Zorn der Familie, wenn Gefahr drohte.“

Argentus – das Silberne Löwenlicht

Lord Marrec Lannister, Tyberions Sohn, war ein Mann der Worte. Ein Diplomat. Ein Stratege.

Doch als die Stunde kam, hob er sein Schwert nicht für Krieg – sondern für Familie.

Argentus, sein Zwillingsschwert, wurde ihm zur Volljährigkeit überreicht – ein stilles Band zwischen Vater und Sohn, aus silberträchtigem Erz mit goldener Bindung.

Es hieß, die Klinge selbst sei ein Gedächtnis. Als Tyberion fiel, um Marrec zu retten, erwachte Argentus zum Zorn.

Und als Marrec starb, um Tyberions Enkel vor dem Dolch eines Meuchlers zu schützen, soll das Schwert ein letztes Mal gebebt haben – ehe es jahrzehntelang schwieg.

Schmiede und Material

Aurelion wurde aus einem seltenen, sonnenvergoldeten valyrischen Goldstahl geschmiedet. Die silbernen Venen stammen aus uraltem Mondstein, der bei Sonnenlicht aufleuchtet – als sei das Schwert selbst ein Wächter des Morgens.

Argentus hingegen besteht aus silberträchtigem Tiefenerz, gefunden in verlassenen Stollen im Westen Westeros. Durchzogen mit feinem Goldpulver und gesegnet mit Magie, die auf familiäre Bindung reagiert – ein leises Leuchten, wenn Blut in Gefahr ist.

Beide Schwerter entstanden in einer verborgenen Schmiede tief unter Casterly Rock – einem Ort, dessen Feuer nie erlosch, solange Auric lebte. Nach seinem Tod wurde die Schmiede versiegelt.

„Nur ein wahrer Lannister, so sagt man, könne sie jemals wieder betreten.“

„Zwei Schwerter. Zwei Träger. Ein Herz.“

Ortengryn schwieg, als er das Buch langsam schloss.

Der Raum war still.

Tyrion sah mich und Vater an – und zum ersten Mal wirkte auch er… bewegt.

„Vielleicht… vielleicht habt ihr sie nicht gefunden. Vielleicht haben sie euch gefunden.“

Nachdem Ortengryn die Worte über Aurelion und Argentus vorgelesen hatte, war der Raum in tiefes, ehrfürchtiges Schweigen getaucht. Das flackernde Licht der Kerzen spiegelte sich in den Klingen, und es schien fast, als würden sie atmen – ruhig, verbunden, lebendig.

Ich sah zu Vater – und er sah zu mir. Unsere Blicke begegneten sich, lange, fragend und doch voller Gewissheit. Dann sagte ich leise:

„Meinst du… sie sind wirklich für uns gemacht?“

Er antwortete nicht sofort. Stattdessen betrachtete er Aurelion in seiner Hand, dann meine Klinge.

„Vielleicht… wurden sie nur erschaffen, damit sie irgendwann in unsere Hände finden.“

„Und das Buch… Cor Unum“, murmelte ich, mehr zu mir selbst. „Ein Herz…“

Tyrion lehnte sich leicht vor, sein Blick ruhte nun auf Ortengryn.

„Und was ist mit Cor Unum selbst?“, fragte er. „Das Buch trägt den Namen. Was bedeutet er wirklich?“

Ortengryn blätterte weiter, seine Finger ruhig und zielstrebig. Zwei Seiten weiter blieb er stehen. Er räusperte sich und begann vorzulesen:

Cor Unum – das Schwert, das kein Metall ist, sondern ein Schwur.

Es entsteht nicht durch Feuer, sondern durch Vertrauen. Nur wenn Argentus und Aurelion in perfektem Einklang geführt werden – nicht als Werkzeuge, sondern als Ausdruck zweier Herzen, die füreinander schlagen – offenbart sich Cor Unum.

Dann, für einen flüchtigen Moment, werden zwei Klingen eins: Ein Schwert aus Licht, geboren aus Blut, Liebe und unausgesprochener Schuld.

Es trennt sich, sobald Zweifel aufkeimt. Es stirbt, wenn einer den anderen verrät. Doch solange sie einander halten, hält das Schwert sie.

Als Ortengryn geendet hatte, war es Tyrion, der sich nun zu Wort meldete. Seine Stimme war leiser als sonst, fast sanft:

„Ich hätte euch vor einer Stunde noch ausgelacht, wenn ihr gesagt hättet, diese Schwerter gehören euch. Doch jetzt… Seht euch an. Ihr seid wie dafür gemacht. Ein Herz und eine Seele – im wahren Sinn. Wenn jemand Cor Unum führen kann… dann ihr.“

Vater und ich blickten ihn an, und ich spürte, wie meine Kehle eng wurde. Er sah uns so ehrlich an, so voller Stolz – ohne Spott, ohne Maske.

Wir standen gleichzeitig auf. Ohne Worte traten wir an Tyrion heran, schlossen ihn beide in eine feste Umarmung. Er klopfte uns zuerst leicht auf die Rücken, dann hielt er uns einfach nur fest.

„Danke, Onkel“, flüsterte ich. „Wir lieben dich“, sagte Vater.

„Ich euch auch“, murmelte Tyrion. „Mehr als ihr je glauben würdet.“

Wir lösten uns. Ortengryn sah uns mit sanfter Miene an.

„Nehmt die Schwerter mit. Ruht euch aus. Und dann… lasst uns sehen, was in euch steckt.“

Mit Argentus und Aurelion in den Händen verließen Vater und ich Ortengryns Zimmer. Tyrion blieb bei Ortengryn, das Buch weiter durchblätternd – als hätte er dort noch Antworten zu finden, für die er längst bereit war.

Im Flur war es still. Der Stein unter unseren Schritten klang weicher als sonst. Etwas hatte sich verändert – in uns, zwischen uns.

Als wir mein Zimmer betraten, legten wir die Schwerter nebeneinander auf den Tisch. Sie lagen dort wie zwei sich spiegelnde Seelen.

Wir setzten uns nebeneinander auf mein Bett. Ich warf Vater einen Seitenblick zu.

„Glaubst du wirklich… wir können das? Cor Unum – dass wir es schaffen, es zu aktivieren? Wenn wir einmal kämpfen müssen… gegen unsere schlimmsten Feinde?“

Er legte seinen Arm sanft um meine Schultern, zog mich leicht an sich. Sein Blick war fest, aber warm. Seine Stimme trug keinen Zweifel:

„Ich glaube das nicht nur… ich weiß es. Ich kenne dich, Lukas. Und ich kenne mich. Wenn wir kämpfen, dann nie gegeneinander. Sondern immer… füreinander.“

Ich lächelte, voller Wärme.

„Dann glaube ich es auch.“

Ich ließ mich zurückfallen, schloss die Augen. Vater fuhr mir sanft durch die Haare, immer wieder, mit einer Geste, die mehr sagte als tausend Worte.

„Möchtest du morgen früh… bevor alle wach sind… mit mir trainieren?“ „Nur du und ich. Die Schwerter. Das erste Licht.“

Ich nickte, schon halb im Schlaf.

„Gerne… Papa.“

Er beugte sich zu mir, küsste mich auf die Stirn.

„Gute Nacht, mein Sohn.“

Dann legte auch er sich hin.

Und ich schlief ein – zufrieden, voller Ruhe, mit einem warmen Strahlen im Herzen. Und einer stillen Vorfreude auf den kommenden Morgen, an dem nicht nur zwei Schwerter erwachen würden – sondern vielleicht auch ein altes Licht.

3

Training im ersten Licht

Schauplatz: Casterly Rock · Lukas Lannister, Jaime Lannister, Tyrion Lannister, Brienne von Tarth

Die Nacht wich nur zögerlich dem ersten Licht des Morgens, als Vater und ich lautlos unsere Zimmer verließen. Der Rest des Schlosses schlief noch tief, und nur das ferne Rauschen des Windes war zu hören, der über die Mauern strich.

Wir gingen nebeneinander über den stillen Hof, durch die steinerne Bogentür hinaus auf den Übungsplatz. Tau lag noch auf den Holzplanken, der Himmel war ein zartes Grau, das von den ersten Sonnenstrahlen durchbrochen wurde.

In unseren Händen lagen Aurelion und Argentus, und wir hielten sie hoch, bewunderten sie im schwindenden Dämmerlicht. Die Klingen reflektierten die Morgensonne – Aurelion mit seinem goldenen Glanz, durchzogen von silbernen Adern, und Argentus in kühlem Silber, von feinen Goldlinien durchzogen. Es war, als lebten sie.

„Wunderschön…“, murmelte ich. „Es fühlt sich an, als würden sie uns kennen“, sagte Vater leise, seine Augen auf Aurelion gerichtet.

Wir stellten uns gegenüber, verneigten uns voreinander und begannen, langsame Bewegungen zu üben. Klingen stießen sanft aneinander, wir drehten uns, wichen aus, lachten leise, als einer von uns die Deckung des anderen durchbrach. Wir fühlten uns eins.

Währenddessen, einige Stockwerke über uns, saß Tyrion in Ortengryns Arbeitszimmer. Er war über das Cor Unum-Buch gebeugt, die Seiten voller alter, feiner Schrift. Plötzlich stieß er auf einen Absatz, der ihn bleich werden ließ. Er las mit zitternden Lippen:

Der Fluch von Argentus: Wenn der Träger von Aurelion verletzt wird, pulsiert Argentus – und der Träger von Argentus spürt denselben Schmerz in der Klinge.

Der Fluch von Aurelion: Wenn der Träger von Argentus in Gefahr ist, beginnt Aurelion zu glühen – und der Träger von Aurelion spürt dieselbe Angst.

Tyrion schlug das Buch zu, sprang auf, rannte aus dem Zimmer, stürmte durch den Flur. Die Türen zu euren Zimmern standen offen, die Betten leer.

Er packte Brienne, die ihm verschlafen entgegenkam.

„Wo sind sie?! Wo ist Jaime? Lukas?“ „Sie… sie sind auf dem Übungsplatz. Draußen. Sie wollten früh trainieren!“, antwortete Brienne alarmiert.

Ohne ein weiteres Wort rannte Tyrion los, keuchend, seine Füße hallten über den steinernen Boden, hinaus in den Hof.

Er kam am Übungsplatz an, völlig außer Atem – und sah uns beide lachend und voller Energie trainieren, die Schwerter surrten durch die kühle Morgenluft. Wir hielten kurz inne, als wir ihn sahen.

„Onkel?“, rief ich verwundert. „Was ist denn los?!“

Er rang nach Luft, stützte sich auf die Knie und hob den Kopf.

„Die Schwerter… sie tragen… Flüche!“ „Was für Flüche?“, fragte Vater und senkte Aurelion.

„Wenn Lukas verletzt wird, spürt Jaime den Schmerz – und wenn Lukas in Gefahr ist, spürt Jaime die Angst! Und umgekehrt! Ihr teilt alles – Schmerz und Furcht!“

Wir sahen ihn beide ungläubig an, dann unsere Klingen.

„Das… das kann doch nicht wahr sein…“, stammelte ich.

„Nur ein Weg, das zu prüfen“, sagte Tyrion. „Setz Jaime einen kleinen Schnitt – nichts Gefährliches!“

Ich wich erschrocken zurück.

„Ich kann Papa nicht verletzen!“

Vater legte mir die Hand auf die Schulter, sah mich ruhig an.

„Ich spüre deine Angst. Du musst es tun, damit wir es wissen.“

Meine Hand zitterte, als ich Argentus hob. Ich setzte einen winzigen Schnitt an Vaters Handfläche – kaum mehr als ein Kratzer.

„Ahhh…“, keuchte er, während er die Zähne zusammenbiss. Gleichzeitig spürte ich ein brennendes Stechen in meiner eigenen Hand – genau an derselben Stelle, obwohl dort keine Wunde war.

Wir rissen die Köpfe hoch, sahen Tyrion an, der mit weit aufgerissenen Augen nickte.

„Es stimmt…“, sagte ich leise. „Alles, was im Buch steht.“

Wir standen still, jeder spürte noch das schwache Echo des Schmerzes.

Dann sah Vater mich an, sein Blick wurde fester.

„Vielleicht ist es kein Fluch. Vielleicht ist es ein Geschenk. Wir werden es wissen, wenn es darauf ankommt. Und wenn einer von uns leidet… wird der andere es nie ignorieren können.“

Tyrion nickte ernst.

„Ihr müsst vorsichtig sein – doch das könnte auch euer größter Vorteil sein.“

Wir atmeten tief durch, sahen auf die Schwerter in unseren Händen – jetzt schwerer, bedeutsamer als zuvor.

Dann legte Vater den Arm um meine Schultern, wir drehten uns um und gingen mit Tyrion zurück ins Schloss, die Schwerter sicher an unseren Seiten. Der Duft von gebratenem Fleisch und frischem Brot kündigte das Frühstück an.

Wir traten ein, während die ersten Sonnenstrahlen das Schloss in goldenes Licht tauchten – bereit, den Tag als wahre Wächter füreinander zu beginnen.

4

Unter dem Apfelbaum

Schauplatz: Casterly Rock · Lukas Lannister, Jaime Lannister, Tyrion Lannister, Brienne von Tarth, Sansa Stark, Paul Lannister, Joren

Nach dem Frühstück verließen wir das Schloss gemeinsam: Papa, Tyrion, Brienne mit Joren auf dem Arm, Paul, Sansa und ich. Die Sonne stand schon höher, wärmte unsere Gesichter, während wir gemächlich durch die Felder und Wiesen rund um Casterly Rock spazierten.

Während wir liefen, erzählten Vater und ich den anderen von Aurelion und Argentus, von ihrer Geschichte und den Flüchen, die uns nun verbanden. Tyrion ergänzte unsere Erzählung, erklärte das Cor Unum und dass es nur aktiviert werden könne, wenn wir im Einklang kämpfen – ein Schwert aus Licht, geboren aus unserer Einigkeit. Sansa und Brienne hörten aufmerksam zu, manchmal sorgenvoll, doch zusammen mit Tyrion gelang es uns, sie zu beruhigen. Wir versicherten ihnen, dass wir die Schwerter nur nutzen würden, um unsere Familie zu schützen – dass wir sie als Segen betrachten und nicht als Bürde.

Paul schüttelte ungläubig den Kopf, doch er grinste.

„Ihr zwei seid wirklich Lannisters bis ins Mark…“

Schließlich erreichten wir die Lichtung am Waldrand: der große, alte Apfelbaum, dessen Äste sich weit über den kleinen, stillen See neigten. Die zwei Schaukeln baumelten leicht im warmen Wind.

Hier, an diesem Ort, hatten wir das letzte Mal gemeinsam gestanden, als die Erinnerung an Marlis Entführung uns noch kalt durch Mark und Bein gefahren war. Doch heute fühlte es sich anders an: friedlich, sonnig, richtig. Die Erinnerungen waren noch da, aber sie taten weniger weh, weil wir zusammen waren.

Papa, Tyrion, Paul und ich streckten uns gleichzeitig nach den grünsten Äpfeln, pflückten sie und bissen fast im selben Moment hinein. Das saure, erfrischende Aroma ließ uns alle auflachen. Brienne und Sansa standen neben uns, verschränkten die Arme und schüttelten lachend die Köpfe.

„Typisch Lannisters…“, meinte Brienne spöttisch.

„Immer die Sauersten zuerst“, lachte Sansa, während ihre Augen warm auf mir ruhten.

Wir grinsten nur, kauten weiter, der saure Geschmack trieb uns Tränen in die Augen, doch keiner wollte nachgeben.

Dann schnitt ich ein kleines Stück Apfel ab und hielt es Joren hin. Der Kleine hatte gerade erst seine ersten Zähnchen bekommen und kaute neugierig auf dem weichen Apfelstück herum. Alle um ihn herum hielten den Atem an, als er es kaute, schmatzte und schließlich gluckste. Ein strahlendes, zahniges Lächeln breitete sich auf seinem kleinen Gesicht aus.

„Er ist ein echter Lannister!“, rief Papa stolz.

Tyrion wischte sich gespielt gerührt eine Träne ab.

„Der Junge hat Geschmack – oder einfach unseren Dickkopf.“

Paul lachte laut, Brienne und Sansa tauschten einen liebevollen Blick und sahen Joren dabei zu, wie er mit seinen kleinen Händen nach mehr griff. Ich schnitt ihm den Apfel klein, und Stück für Stück fütterten wir ihn, während er vor Freude quiekte.

Die Sonne schien golden durch die Blätter des Apfelbaums, der Wind rauschte leise, und in diesem Moment war alles gut. Wir standen als Familie zusammen, unsere Schwerter an unseren Seiten, unser kleiner Löwe im Arm – bereit für alles, was kommen mochte.

5

Ein Abend in der Halle

Schauplatz: Casterly Rock · Lukas Lannister, Jaime Lannister, Tyrion Lannister, Brienne von Tarth, Sansa Stark, Cengiz Martell, Nina, Lennard Baratheon, Bronn, Kevin Mormont, Jorah Mormont, Erik Stark, Lewyn Ortengryn, Paul Lannister, Joren, Rodrik Forrester, Rina

Wir kamen lachend von unserem Spaziergang zurück und betraten durch das große Tor den Burghof. Dort trafen wir auf Cengiz, Lennard, Nina und Bronn, die gerade ihre Trainingsausrüstung zurechtrückten. Sie wollten noch ein paar Runden auf dem Übungsplatz drehen.

„Viel Spaß beim Kämpfen!“, rief Tyrion ihnen grinsend zu.

„Und passt auf, dass ihr euch nicht gegenseitig erschlagt!“, fügte ich lachend hinzu.

Sie lachten, winkten uns zu und zogen Richtung Platz.

Drinnen in der großen Halle herrschte schon reges Treiben: Kevin, Jorah, Rodrik, Ortengryn und Rina saßen an einem langen Tisch, Karten und Münzen vor sich ausgebreitet. Das Lachen der Runde hallte durch den Saal. Wir setzten uns zu ihnen, Papa mit Joren auf dem Schoß, ich neben Ortengryn, und bald schon mischten wir uns ins Spiel ein. Karten wurden gelegt, Münzen gewonnen oder verloren, spöttische Kommentare flogen über den Tisch.

Nach einer Weile kamen Cengiz, Lennard, Nina und Bronn vom Übungsplatz zurück. Verschwitzt, aber gut gelaunt, setzten sie sich zu uns und berichteten lachend von ihrem Training. Es war eine ausgelassene Stimmung, jeder lachte über die kleinen Pannen und komischen Situationen auf dem Platz.

Doch irgendwann begann die Runde sich aufzulösen:

Rina beugte sich zu Brienne, Nina und Sansa.

„Wie wäre es mit einem Frauenabend in der Therma? Ein bisschen Entspannung?“

Brienne, Sansa und Nina waren sofort begeistert. Rina küsste Kevin auf die Lippen, Nina Cengiz, Brienne drückte Jaime einen liebevollen Kuss auf den Mund und gab ihm Joren auf den Arm. Sansa beugte sich zu mir und küsste mich sanft, ehe die vier lachend Richtung Therma verschwanden.

Bronn, Tyrion, Erik, Paul, Jorah, Rodrik und Lennard klatschten sich ab, machten noch einen Scherz und beschlossen dann, gemeinsam in die Taverne zu ziehen. Cengiz strich sich verschwitzt übers Haar und meinte erschöpft:

„Ich bin fertig, ich geh schlafen.“

Er verabschiedete sich kurz und verschwand Richtung seiner Gemächer. Kevin sagte aufgeregt:

„Ich muss noch meine Aufzeichnungen durchsehen. Vielleicht finde ich noch etwas über uralte Artefakte!“

Er verschwand schnellen Schrittes, ein Buch unterm Arm.

Schließlich waren nur noch Papa, Joren, Ortengryn und ich im Saal. Wir saßen beisammen, lachten, tauschten Geschichten aus und Joren wechselte strahlend von Arm zu Arm, gluckste bei jedem, als wollte er sich bei allen bedanken.

Doch bald begannen seine Äuglein schwer zu werden. Er rieb sich die Augen, wurde quengelig und fing an, leise zu weinen.

Papa wiegte ihn sanft, küsste ihn auf den Kopf und sagte:

„Ich bring ihn ins Bett, bleib dann bei ihm. Wenn du willst, kannst du später zu uns kommen und bei uns schlafen.“

Ich nickte, lächelte ihn und Joren an.

„Gute Nacht, mein kleiner Löwe“, sagte ich leise, während Ortengryn und ich Joren über den Kopf streichelten. „Schlaf gut, Kleiner“, fügte Ortengryn hinzu.

Papa verschwand mit dem schlafenden Joren auf dem Arm die Treppe hinauf.

Ortengryn und ich blieben allein im Saal zurück. Nach einem Moment des Schweigens sahen wir uns an und beschlossen:

„Ein kleiner Spaziergang?“, schlug ich vor.

„Frische Luft schadet nie“, grinste Ortengryn.

Wir standen auf und traten hinaus in die kühle, klare Nacht.

Die Nacht war kühl, aber angenehm. Der Himmel über Casterly Rock war klar und die Sterne funkelten hell, während Ortengryn und ich durch den Burghof schlenderten. Ich zeigte ihm alte, versteckte Nischen zwischen den Mauern, kleine Türen, die in vergessene Gänge führten, und erzählte ihm spannende Geschichten: von längst verstorbenen Lannistern, die sich hier duellierten, von Geheimgängen, die einst Spione nutzten, und von dem Apfelbaum am Übungsplatz, unter dem Jaime mir früher das Schwertkämpfen beigebracht hatte.

Ortengryn hörte gebannt zu, seine Augen leuchteten bei jedem Detail.

„Es ist wirklich beeindruckend“, sagte er ehrfürchtig. „Du kennst jeden Winkel.“

Ich sah mich um, atmete die kühle Nachtluft ein und sagte mit ruhiger Stimme:

„Das hier… das ist mein wahres Zuhause.“

Für einen Moment war es still. Lewyn senkte den Kopf. Ich merkte sofort, dass ihn etwas bedrückte, und fragte sanft:

„Was ist los?“