SEASON VI · KAPITEL 25

The Price We Pay

Die Anklage

WORUM ES GEHT

Auf der Lichtung wird Lukas im Namen der Krone des Mordes an Cersei beschuldigt; er stellt sich, um Jaime zu schützen, und Jaime und Tyrion gehen freiwillig mit ihm in Gefangenschaft. In einem Gefängniswagen werden sie nach King's Landing gebracht, unterwegs von Ramsay verhöhnt, und landen nach einem Spießrutenlauf durch die Stadt im Kerker, wo König Euron ihnen erlaubt, einen Brief zu schreiben. In Storm's End erfährt Lennard durch den Brief von der Gefangennahme und von Briennes Schwangerschaft, holt ein verfluchtes Schwert seines Vaters Stannis hervor und bricht mit Brienne, Erik, Paul und Bronn nach King's Landing auf. Dort dürfen sie die Gefangenen nacheinander besuchen, bevor Euron, Ramsay und Qyburn den Prozess für den nächsten Tag ankündigen. Lukas beschließt, den Mord auf sich zu nehmen, und wird am Morgen in den vollen Thronsaal geführt.

1

Gefangen auf der Lichtung

Schauplatz: Storm's End · Lukas Lannister, Jaime Lannister, Tyrion Lannister, Qyburn, Ramsay Bolton, Gyrontius Greyjoy

Meine Adern froren. Zum ersten Mal seit langer Zeit war da wieder diese lähmende Angst. Ich spürte, wie ich mich automatisch an Jaime klammerte, sein Mantel fühlte sich plötzlich kalt an.

Ich flüsterte: „Papa… ich hab so Angst. Ich kann mich nicht bewegen.“

Er drehte den Kopf zu mir, seine Stirn war schweißnass, seine Augen zitterten. Doch seine Stimme blieb ruhig, nur für mich: „Ich weiß gerade auch nicht, was passiert. Aber… du brauchst keine Angst zu haben, okay. Ich bin hier. Ich beschütze dich, euch.“

Auch Onkel Tyrion war ganz still geworden, rückte näher, klammerte sich ebenso an Jaime.

So saßen wir da. Auf der Lichtung. Inmitten dieses paradiesischen Ortes – mit dem blanken Tod im Blickfeld. Dicht aneinander, während Qyburn, Gyriontius und Ramsay näher kamen und schließlich ihre Pferde stoppten.

Sie sagten noch kein Wort. Aber sie hatten uns gefunden.

Und wir wussten dass nichts Gutes kommen konnte.

…Der kühle Wind bewegte die Blätter über unseren Köpfen, als Papa sich noch rasch zu Onkel und mir beugte. Sein Flüstern war kaum hörbar, aber eindringlich: „Sagt nichts über Brienne. Nicht ein Wort.“

Wir verstanden sofort, tauschten einen kurzen Blick, ehe wir uns wieder ruhig und wachsam aufrichteten.

Die Hufe der Pferde stampften dumpf gegen den Waldboden, als unsere Feinde vor uns zum Stehen kamen. Einer nach dem anderen stiegen sie ab. Zuerst Ramsay Bolton, der gewohnt mit einem hämischen Lächeln sprach: „Na seht mal einer an… wen haben wir denn da? Der Zwerg. Der Königsmörder, der meinen Vater Roose abgeschlachtet hat. Und...“ – sein Blick blieb an mir hängen – „Königsmörder Nummer zwei. Wie geht’s deinem Arm, Lannister? Ach, wie dumm von mir das sollte ich ja dich und deinen alten Herren fragen.“

Wir saßen noch immer, mein Rücken war starr, meine Gedanken rasten. Mein Herz schlug in meinem Hals, als ich Ramsays Stimme hörte.

Erinnerungen flackerten auf: Der dunkle Raum auf Pyke. Seine Stimme. Die Schmerzen. Wie er mir meine Hand nahm… Wie ich davor, voller Panik, gebettelt hatte, alles angeboten habe, bereit war ihm alles zu geben… Und wie er mir dann, mit krankem Stolz, meine Hand um den Hals hängte und mich wie ein Trophäentier zum Schiff brachte. Ich erinnerte mich an Onkel Tyrions entsetzten Blick, an seine zitternden Hände. Dann wie ich auf Vater zu stolperte und mich an ihn klammerte. Seine Worte hallten in mir: „Alles wird gut… alles wird wieder gut, mein Junge…“

Doch jetzt war Ramsay zurück. Und diesmal… war ich schwächer als damals. Ich konnte mich nicht bewegen.

Dann fiel mein Blick auf Gyriontius… Und es durchfuhr mich. Euron Greyjoy. Er war sein Sohn. Sein Blick, seine Art zu sprechen… Ich erkannte plötzlich das Blut in seinen Adern. Der Sohn des Kraken. Ich konnte kaum atmen. Ich hatte ihm vertraut.

Ich rückte dichter an meinen Vater, klammerte mich an ihn, suchend nach Schutz. Seine Hand lag auf meinem Rücken, ruhig und fest. „Schon gut…“, murmelte er leise. „Er kann dir nichts tun, nicht solange ich hier bin.“

Doch Ramsay hörte ihn – natürlich. „Ach wie süß… der große Jaime Lannister spielt Daddy“, spottete er mit einem breiten Grinsen.

Ich zuckte zusammen, und Vaters Hand bewegte sich beruhigend auf meinem Rücken. „Ich pass auf dich auf… mein Junge… ich schwör’s dir“, flüsterte er noch einmal.

Da ergriff Onkel Tyrion das Wort, seine Stimme schneidend wie ein Dolch, aber auch gespielt ruhig: „Darf ich fragen, was genau die drei ehrenwerten Herren des Todes hier von uns wollen? Ein Gespräch über Blumen? Oder ist’s etwas ernster?“

Die drei warfen sich einen vielsagenden Blick zu. Dann trat Qyburn vor, seine Stimme klar und ohne Regung: „Ser Lukas Lannister.“

Ich sah auf.

„Im Namen der Krone wirst du beschuldigt, deine Königin – Cersei Lannister, die Erste ihres Namens – ermordet zu haben. Du wirst dich vor dem Rat zu King's Landing verantworten.“

Die Welt schwankte. Ich konnte nichts sagen. Vater sah mich an. Tyrion auch. Niemand sprach. Ich wusste, dass ich niemals verraten würde, was wirklich geschah. Niemals würde ich sagen, dass er es war. Ich würde lieber sterben, damit er leben konnte – mit Brienne. Und mit meinem kleinen Bruder.

Jaime‘s Gedanken: „Nein. Nein, das darf nicht sein. Er ist doch nur ein Junge. Mein Junge. Mein Sohn. Ich hab Aerys getötet. Ich habe Cersei getötet. Ich trage ihre Schatten, nicht er. Er… er wollte sie retten. Ich wollte sie retten. Jetzt steht er da, wie ich einst vor Robert stand. Aber er… er hat keinen König ermordet. Er hat nichts getan. Ich bin es. Ich muss… Ich muss es beenden.“

Er wollte schon den Mund öffnen, sein Blick wurde entschlossen. Doch bevor er ein Wort sagen konnte, war ich es, der sich aufrichtete.

„Ich stelle mich. Nehmt mich mit.“

Seine Hand griff nach meinem Mantel. „Nicht…“ hauchte er. „Lass mich das tun…“

Ich schüttelte nur langsam den Kopf. „Du musst glücklich sein… bitte.“

Jaime’s Gedanken: „Er… er will mich schützen. Mein Sohn… Er opfert sich. Für mich. Wie kann ich das zulassen? Wie kann ich leben, wenn er fällt? Ich wollte ihn retten. Ich wollte nie, dass er dieses Schicksal teilt… und jetzt…“

Er und Tyrion standen auf, als mir von der Königsgarde die Arme gefesselt wurden – die goldene Hand blitzte kurz auf.

Die drei Männer grinsen.

Dann – unerwartet – riss sich Jaime los. Er stieß die Wache hinter mir brutal zur Seite, packte mich und presste mich in eine Umarmung. „Ohne dich… kann ich aber niemals glücklich sein“, flüsterte er, seine Stimme zitterte. Tränen standen in seinen Augen.

Tyrion trat vor. „Wir kommen mit“, sagte er entschlossen. „Werft uns auch in den Kerker, wenn es sein muss, aber er geht nicht alleine.“

Ich blickte sie fassungslos an. Vater. Onkel. Sie wollten sich mit mir stellen.

Ramsay grinste spöttisch. „Wie rührend… Eine Familie, in der keiner alleine geht. In der man sich lieber gemeinsam dem Tod stellt, als ihn alleine zu empfangen.“

Wir sahen uns an. Diese Worte hallten tief in uns wider.

Ich trat vor. Mein Blick fest, mein Herz mutiger denn je. „So sind wir eben. Die beste Familie, die Westeros je gesehen hat.“

Gemeinsam standen wir da. Drei Lannister-Männer. Unbeugsam.

„Na schön, wenn ihr das so seht…“, sagte Ramsay schmunzelnd.

Die Soldaten der Königsgarde traten vor und schoben uns in die große, dunkle Kutsche – ein Gefängnis auf Rädern. Die Tür schlug krachend zu.

2

Im Gefängniswagen

Schauplatz: Unterwegs · Lukas Lannister, Jaime Lannister, Tyrion Lannister, Qyburn, Ramsay Bolton

Die Kutsche schwankte auf dem holprigen Weg, das dumpfe Klacken der Räder und das gelegentliche Schnauben der Pferde waren die einzigen Geräusche. Es war dunkel und feucht in dem engen Wagen. Die Luft war kalt, stickig, voll von Eisen und Angst. Meine linke Hand – die noch aus Fleisch und Blut bestand – war an eine rostige Eisenkette geschlagen, die an der Wand verankert war, aber etwas Bewegungsfreiraum hatte. Die goldene Rechte lag nutzlos in meinem Schoß, das kalte Metall schwer und fremd.

Wir saßen zu dritt nebeneinander: Vater zur Rechten, Tyrion zur Linken. Niemand sprach. Nicht einmal Tyrion. Nur das dumpfe Rollen, das leise Knarzen der Planken unter uns, das ferne Klirren der Kette an meinem Handgelenk.

Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus. „Warum?“ fragte ich leise. „Warum habt ihr euch das angetan? Warum seid ihr mitgekommen… warum habt ihr mich nicht einfach gehen lassen?“ Meine Stimme war brüchig. Der Satz ein einziger Riss.

Tyrion sah mich an, seine Augen müde, aber warm. „Weil wir Lannisters sind. Und weil Lannisters zusammenhalten – zumindest die Guten.“ Seine Stimme war weich, fast schon traurig. Er sah dann zu Jaime.

Jaime nickte langsam, sein Blick ging ins Leere, bevor er sich zu mir drehte. „Tyrion hat recht. Lannisters, die Guten von uns halten zusammen. Immer. Und…“ – er hielt kurz inne – „Ich hätte dich damals aufhalten sollen. Ich hätte nie zulassen dürfen, dass Ramsay auch nur in deine Nähe kommt… und diesmal… diesmal konnte ich nicht einfach stehen bleiben. Ich konnte dich doch niemals mit dem Mann alleine lassen, der dir die Hand genommen hat. Niemals.“

Meine Kehle zog sich zusammen. Ich konnte nichts sagen, nur schlucken. Irgendwo in mir riss ein Faden, den ich nicht mal bemerkt hatte.

Die Stille danach war schwerer als alles. Ich sah auf meine gefesselte linke Hand, dann zu Jaime, dann zu Tyrion.

„Hat jemand von euch… einen Plan?“

Tyrion hob leicht die Schultern, sein Blick wanderte zum Boden. „Noch nicht. Aber manchmal… ergibt sich etwas. Es gibt Zeiten für Pläne und Zeiten fürs Warten. Und im Moment… können wir nur abwarten.“

Ich nickte schwach. „Na schön.“ Ich rutschte näher zu Vater, und er zog mich ohne ein Wort an sich heran, legte den Arm um meine Schulter. Die Geste war sanft, fast zerbrechlich.

„Du bist nicht allein, mein Junge“, flüsterte er. „Und falls es dazu kommt, werde ich mich für dich opfern, dir passiert nichts.“

„Nein“, entgegnete ich sofort, fast heftig. Ich sah ihn an, sah in seine Augen. „Tu das nicht. Bitte. Dein Sohn… mein kleiner Bruder… er braucht dich mehr als alles andere. Und ich weiß das, weil ich dich auch mehr brauche als alles andere.“

Er sagte nichts. Aber seine Augen füllten sich mit Tränen. Er zog mich nur noch näher an sich, als könnte er mich vor allem schützen, was kommen würde.

Ich legte meine Stirn gegen seine Brust, seufzte heiser. „Das ist doch alles Scheiße. Warum dürfen wir nicht einfach glücklich sein? Warum… warum passiert immer irgendetwas? Warum reicht’s nie einfach?“

Und dann – die Kutsche kam ruckartig zum Stehen. Der Wagen schwankte leicht nach vorne. Die Pferde wieherten dumpf. Stimmen von draußen. Schritte. Dann das Geräusch eines Schlüssels im Schloss.

Die Tür öffnete sich. Kalte Nachtluft drang herein – und mit ihr: Ramsay Bolton.

Er stand da, in seinem Mantel, leicht gebückt wegen der Kutschenhöhe. Sein Grinsen war wie aus Stein gemeißelt. Falsch. Bösartig.

„Na, wie geht’s der Familie Lannister? Ganz kuschelig beisammen – fast wie bei einem Kaminabend, nur ohne Kamin, ohne Wein, ohne Freiheit. Aber hey – man kann nicht alles haben, nicht wahr?“

Jaime und ich rutschten sofort zurück in die Ecke. Ich zog Tyrion, der im Halbschlaf war, mit mir, und Jaime beugte sich schützend etwas vor uns. Er legte seine Hand auf meinen Rücken, fest, ruhig, obwohl ich seinen angespannten Atem hörte.

Ramsay bemerkte es sofort.

„Ohhh… wie rührend. Der verlorene Vater schützt seinen verkrüppelten Sohn und den missratenen Bruder gleich mit. Fast wie ein Nest. Nur dass der Fuchs schon mittendrin ist.“

Er trat näher, hockte sich vor die offene Tür, lehnte sich an den Rahmen. Sein Blick war kalt. Messerscharf.

„Weißt du, Lukas… ich erinnere mich noch ganz genau, wie du geschrien hast. So ein süßer, fast kindlicher Klang. Und der Blick in deinen Augen, als du realisiert hast, was fehlt. Herrlich. Wirklich ein Meisterwerk.“

Ich spürte, wie Jaime sich noch ein Stück vor mich schob. Seine Hand auf meinem Rücken wurde fester.

Ramsay grinste breiter. „Und du, Jaime… wie war das nochmal? Du wurdest 'Kingslayer' genannt, nicht wahr?

Ach nein, du wirst es immer noch! Das bricht dich, nicht wahr? Jeder der es dir sagt, dich verachtet und es dir reindrückt. Dann kam auch noch Locke und nahm dir alles was dich ausmachte, wie tragisch. Und dann wurdest du nach so etwas glorreichem zu dem Mann, der nicht mal seinen Sohn beschützen konnte. Dessen Sohn selbst zum Königsmörder wurde. Ist das nicht tragisch? Oder… nein, warte. Komisch. Ja. Komisch trifft es besser. Ohhh oder ironisch, das ist doch auch treffend.“

Vater blieb still, aber ich spürte, wie sich seine Muskeln anspannten, wie sein Atem schneller wurde und die Angst in seinen Knochen, als Ramsay den Namen Locke sagte.

„Ich frage mich oft… wie tief man sinken muss, um freiwillig in Ketten zu mir zurückzukommen. Oder war’s Schuld? Oder Liebe? Oder einfach… Dummheit?“

Er sah Tyrion an, der inzwischen die Augen geöffnet hatte, aber nichts sagte.

„Ach, und der kleine Dämon ist auch wach. Du warst schon immer mein Favorit, weißt du das? So viel Verstand – und doch so wenig Gewicht. Ich könnte dich mit einem Arm brechen. Aber ich warte noch. Man soll sich ja nicht den Appetit verderben.“

Er sah wieder zu mir, sein Blick ein Dolch.

„Sag, Lukas… träumst du manchmal noch von dem, was wir gemacht haben? Vom Moment, als du deine Hand verloren hast? Als du geweint hast? Ich schon. Ich träume oft davon. Manchmal… wache ich sogar lächelnd auf.“

Dann wandte er sich an Vater.

„Und Papa Löwe hier träumt sicher noch von seinem besten Freund Locke. Ach, ich vermisse ihn, er war so… so konsequent, das habe ich an ihm geliebt.“

Jaime antwortete: „Nein ich träume nicht mehr von ihm, lange nicht mehr und außerdem hat mein Sohn ihn getötet.“ Er grinste überlegen, doch Ramsay ließ sich nicht aus der Fassung bringen.

„Oh glaub mir, du kannst mir nichts vormachen. Ich spüre es Kingslayer. Du denkst an ihn. Die ganze Zeit ist er irgendwo in deinen Gedanken, auch wenn es in den tiefsten Ecken ist. Er hat dich gebrochen, dir die Hand genommen und das, obwohl du doch so ein großer Ritter werden wolltest wie Ser Arthur Dayne. Sag mir doch Jaime, wie sieht dein Ritterbuch Eintrag aus, hm?

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Ser Jaime Lannister

Tötete seinen König Aerys II. bei der Belagerung von King’s Landing am Fuße des eisernen Throns. Von König Robert Baratheon I. begnadigt.

Fortan bekannt als der „Kingslayer“.

Verlor gegen Robb Stark im Battle of Whispering Wood.

Verlor seine Hand gegen einen Söldner.

Sein Sohn Ser Lukas Lannister I. ermordete wie er seinen König(in) Cersei Lannister I. Er, sein Sohn und sein Bruder Tyrion Lannister I. wurden von König Euron Greyjoy I. zum Tode verurteilt.

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Vater’s Gesicht fror ein. Ich erkannte die Angst, die er spürte, was die Worte die Ramsay sagte in ihm auslösten.

Ich konnte nicht antworten, mich nicht bewegen und gerade nicht für Vater da sein. Ich konnte nur in die Dunkelheit der Kutsche starren, die Worte wie Nadeln unter meiner Haut.

„Ihr Lannisters… so stark, so stolz. Und doch sitzt ihr hier wie geschundene Hunde. Wisst ihr, was euch wirklich zerstört?“ – er beugte sich näher – „Dass ihr drei euch liebt. Dass ihr etwas habt, was man euch nehmen kann.“

Seine Stimme wurde leiser. Fast ein Flüstern.

„Und ich werde es euch nehmen. Stück für Stück. Tag für Tag. Lächelnd.“

Dann richtete er sich auf, tätschelte den Türrahmen.

„Schlaft gut. Wirklich. Ruht euch aus. Denn wer weiß… vielleicht wacht einer von euch morgen mit einer kleinen Überraschung auf. Oder… vielleicht wacht einer gar nicht mehr auf.“

Er warf uns ein letztes Lächeln zu – kalt, leer, triumphierend – und schlug die Tür zu. Der Riegel fiel ins Schloss.

Stille.

Ich drehte langsam den Kopf, sah Vater an. Sein Blick war genauso leer wie meiner. Unsere Augen trafen sich – keine Worte nötig. Die Angst, der Schmerz, der Zweifel – alles lag offen zwischen uns.

Meine Stimme war kaum hörbar. „Glaubst du… dass wir das hier überleben?“

Er nahm mich in den Arm, hielt mich fest wie noch nie. „Ich weiß es nicht, mein Junge… ich weiß es nicht…“

Wir beide begannen zu weinen. Leise. Unaufhaltsam. Unsere Körper bebten.

„Ich… ich will, dass du deinen Sohn kennenlernst“, flüsterte ich heiser.

Er legte seine Stirn gegen meine. „Und ich will… dass du deinen kleinen Bruder kennenlernst.“

Dann half er mir, mich hinzulegen, so gut es ging, auch Tyrion zogen wir dicht an uns heran. Ich lag zwischen ihnen, mein Kopf an Vaters Brust, meine Hand an Tyrions Schulter.

Es war kalt. Der Boden hart. Aber das Schlimmste war nicht das Äußere – sondern das, was Ramsay uns genommen hatte.

Wir sagten kein Wort mehr. Nur Tränen liefen stumm über unsere Wangen, während wir, erschöpft, gebrochen, leise in den Schlaf fielen.

Der Sturm war gekommen, wie aus dem Nichts. Blitze zuckten durch den grauen Himmel, das Prasseln des Regens war so laut, dass es selbst durch die dicke Holzverkleidung der Kutsche donnerte. Jeder Schlag hallte in unseren Knochen nach. Ich saß auf dem Boden der Kutsche, an die Ecke gelehnt, meine linke Hand noch immer an der Kette. Tyrion döste neben mir, sein Gesicht fahl. Vater saß mir gegenüber, seine Schultern schwer, der Blick in die Dunkelheit verloren. Wir sagten kaum ein Wort.

Irgendwann öffnete sich die Tür einen Spalt. Ein Soldat stellte wortlos einen Tonkrug Wasser und ein kleines Stück Brot auf den Boden der Kutsche und schlug die Tür wieder zu.

Wir starrten das Essen an. Keine Hand bewegte sich. Niemand hatte wirklich Hunger.

Tyrion sagte leise: „Ein Festmahl, verglichen mit dem, was in den Zellen wartet.“

Ich lächelte bitter. „Vielleicht hebt es ja die Stimmung.“

Dann. Schritte. Und wieder ging die Tür auf.

Ramsay.

Er trat halb ein, in schwarzem Mantel, das Haar vom Regen leicht klamm, das Gesicht hell vor Freude.

„Guuuten Morgen! Oder… besser gesagt: der Morgen, an dem ihr endlich euer Ziel erreicht habt!“ Seine Stimme triefte vor gespielter Herzlichkeit. „Kings Landing. Goldene Dächer, spitze Worte und das süße Geräusch von Urteilen, die gesprochen werden. Herrlich, nicht?“

Er machte eine kleine Verbeugung. „Ich muss sagen, das hier war eine meiner… schmackhafteren Reisen. Drei Lannisters, eng beieinander, fast wie eine Herde goldener Ziegen. Und jetzt, meine Lieben, kommt der schönste Teil: Die Zelle. Danach das Urteil. Und dann, oh ja… dann sehen wir mal, wer noch so alles auftaucht, um euch beim… wie sagt man… Untergang zuzusehen.“

Er grinste mich an. „Ich frage mich, Lukas… ob du wohl nochmal beide Hände zum Beten falten willst.“

Dann drehte er sich zur Seite und sprang leichtfüßig aus der Kutsche. „Ich sehe euch dann! Beim Gericht. Oder… vielleicht schau ich vorher nochmal rein. Ich würde mir ja nur ungern das Gesicht verpassen, das ihr macht, wenn ihr endlich versteht, was wirklich auf euch wartet.“

Er lachte. Lang. Laut. Und es hallte noch nach, als die Tür wieder ins Schloss fiel.

3

Kerker von King's Landing

Schauplatz: King's Landing · Lukas Lannister, Jaime Lannister, Tyrion Lannister, Qyburn, Ramsay Bolton, Euron Greyjoy, Gyrontius Greyjoy

Dann waren wir da.

Die Kutsche hielt. Draußen hörten wir Stimmen, Schritte. Gyrontius öffnete die Tür. Er sah müde aus. Er stieg aus, streckte sich und sagte nur trocken: „Endlich. Es wurde Zeit. Hier draußen war es ja zum Sterben langweilig.“

Dann drehte er sich um und verschwand in Richtung Palast, als wäre das alles hier nichts weiter als ein verregneter Spaziergang.

Ramsay wartete schon, lachte wieder, rief uns nach: „Dann viel Spaß, mein kleiner Prinz! Wir sehen uns dann beim Schauspiel!

Dann trat Qyburn vor. Bleich wie eh und je, gefolgt von fünf Männern der Königsgarde. Ihre weißen Mäntel waren nass vom Regen, ihre Gesichter maskenhaft arrogant.

Einer sagte: „Die königliche Familie. In voller… Pracht.“

Ein anderer grinste spöttisch. „Na los. Zeit für euren Spaziergang. Wir bringen euch nach unten. Sehr exklusiv. Privatsphäre inklusive.“

Tyrion schnaubte. „Wie großzügig.“

Wir wurden aus der Kutsche gezerrt. Ich stolperte, meine Hand schmerzte von der Kette, und Jaime fing mich reflexartig auf. Sofort kam ein Schubser von der Seite.

„Nicht so liebevoll, Ser Jaime. Es reicht doch, dass ihr euren König getötet habt – müsst ihr jetzt auch noch euren Bastardsohn heiraten?“

Ein anderer lachte scharf. „Was ist es diesmal, Lannister? Bruder, Sohn, oder beides? Schwester ist ja wegen deinem Bastard nichtmehr möglich.“

Jaime sagte nichts. Er lief einfach weiter, stumm, den Blick fest auf den Boden gerichtet. Aber ich konnte ihn spüren – sein Kiefer war angespannt, seine Hände zu Fäusten geballt. Der Schmerz, die Scham, das alte Echo in seinem Herzen.

„Was habe ich aus mir machen lassen…?“ „Ich habe alles geopfert… für sie. Für ihn. Für uns. Und nun… stoßen sie mit dreckigen Worten auf unser Ende an.“ „Ist das der Preis für Liebe… oder für Schuld?“

Dann – die Wache lachte noch ein letztes Mal, beugte sich zu Tyrion. „Und du? Denkst du noch manchmal an Shae?“

Tyrion blieb stehen. Langsam hob er den Blick. In seinen Augen war nichts als tiefer, eiskalter Zorn.

„Ihr seid Männer in Rüstung und habt trotzdem nichts als kindische Zungen. Ich habe schon Könige scheitern sehen, die mehr Charakter hatten als ihr Pfeifen. Und ihr wagt es, euch über uns zu erheben? Ich habe Schlachten geführt mit weniger Elend als eure Worte.“

Die Wachen verstummten kurz, einer von ihnen spuckte demonstrativ auf den Boden, aber niemand sprach mehr. Wir gingen weiter.

Auf die Straße.

Sie führten uns durch einen schmalen Gang hinaus in eine öffentliche Gasse, wo bereits Menschen standen. Dutzende. Vielleicht mehr. Regen fiel auf sie, aber sie blieben. Sie wollten sehen.

Und sie riefen.

„Mörder!“

„Inzestbrut!“

„Wo ist eure goldene Krone, Jaime? Hat sie dein Bastard gefressen?“

„Hey, Zwerg! Suchst du deine Hure?“

„Der Junge da hat jetzt nur noch eine Hand! Wie sein Papa! Diese Krüppel sind doch alle nichts wert, werft sie den Hunden vor!“

Sie warfen Dinge. Ein modriger Apfel traf mich an der Schulter. Ein Huhn wurde gegen Tyrions Rücken geschleudert. Schlamm, Münzen, sogar ein alter Schuh flogen.

Ein Mann spuckte direkt vor Jaime aus. „Kingslayer! Mörder deiner Blutlinie!“

Eine Frau mit wildem Haar schrie: „Habt ihr auch mit eurem Bruder geschlafen, Junge? Oder war’s dein Vater?“

Ich wollte schreien, irgendetwas rufen – aber meine Stimme war wie abgeschnitten. Alles hallte nur noch in meinem Kopf wider.

Was haben wir allen getan…? Was ist aus unserem Ansehen geworden…? Das hier ist nicht Gerechtigkeit… das ist Hohn.

Dann, endlich, die Tore. Die Steintreppe nach unten. Dunkel. Nass.

Die Zelle war… kein Ort. Es war ein Grab.

Ein niedriger Raum mit Steinwänden. Ein kleiner vergitterter Fensterschlitz. Ein Eimer mit Wasser. Ein anderer – leer. Ein Kissen. Eine Decke. Stroh, das muffig roch und feucht war.

Drei Menschen. Ein Ort. Keine Hoffnung.

Ich ließ mich gegen die Wand sinken, spürte die Kälte an meinem Rücken. Die Kette rasselte. Dann sagte ich trocken: „So schlecht ist das doch gar nicht, oder, haha?“

Niemand antwortete. Aber wir sahen uns alle an – und wussten. Es war so schlecht.

Tyrion setzte sich neben mich. Jaime legte sich auf das feuchte Stroh. Ich hörte ihn leise atmen. Kein Wort kam mehr.

Dann – ein Klopfen.

Die Tür öffnete sich.

Euron Greyjoy. Jetzt König der Seven Kingdoms. In dunkler Rüstung, mit einem Umhang aus Seehundfell. Neben ihm ein Wächter.

„Na hallo, ihr drei. Wie lebt’s sich im Palast der Erinnerungen?“

Er trat hinein, schnupperte einmal. „Riecht fast wie Pyke. Nur weniger charmant.“

Dann wandte er sich mir zu. „Ich wollte dir nur sagen: Wow! Gyrontius… mein lieber Sohn… hat sich ausgezeichnet mit dir verstanden, Lukas. Ich glaube fast… er mag dich. So interessiert hab ich ihn selten erlebt, hat sich sogar erkundigt, ob du deinen Vater schön getötet hast und noch lebst. Als ich ihn dann mitgeschickt habe um euch gefangen zu nehmen glaube ich fast das ich da Freude in seinen Augen erkennen konnte. Ach ja, er ist schon ein komischer Junge.“

Dann grinste er Tyrion an. „Hey alter Freund. Ich vermisse dein charmantes Gift. Deine eloquente Zunge. Ich hab dich vermisst, ehrlich!

dann trat er näher zu Jaime. „Und du… Jaime. Ist lange her, was? Seit Pyke. Seit wir über deinen Sohn da verhandelt haben. Und wie ist das nochmal ausgegangen? Oh stimmt, er wurde daran erinnert, was es heißt einen Mann wie dich als Vater zu haben.“

Wut baute sich in mir auf, aber Vater stupste mich leicht an, um mir zu sagen dass ich ruhig bleiben soll.

Dann merkte er lachend an. „Wisst ihr… ich bin nicht nur zum Plaudern hier.“

Er holte ein Blatt Papier, eine Feder, ein Tintenfass aus einem Lederbeutel.

„Ein Brief. Einer. Ihr dürft schreiben. Wer zuschauen soll… wer euch noch Lebewohl sagen darf. Wäre doch ungerecht, wenn keiner da ist, um eure letzten Momente zu genießen, oder?“

Er lachte. Tief. Lang. „Wenn ihr fertig seid, klopft. Gebt es dem Wächter. Die Tauben fliegen jetzt schneller, wisst ihr. Qyburn hat… Verbesserungen vorgenommen.“ Er zwinkerte.

Dann drehte er sich um.

„Ich bin gespannt, wen ihr einladet. Wirklich. Und vergesst nicht, schön leserlich – man will ja keine Missverständnisse bei Hinrichtungen. Tyrion ich glaube du solltest schreiben du hast ja noch deine Rechte.“

Er grinste und hob seine rechte Hand, dann ging er.

Die Tür fiel ins Schloss.

Und wir saßen… …in der Stille.

Die Zelle roch nach feuchtem Stein, nach Eisen, nach Stroh. Die Kerzenflamme zitterte in der Laterne, als wäre selbst sie nicht sicher, ob sie hier brennen sollte.

Wir saßen im Kreis auf dem Boden. Jaime, Ich und Tyrion. Vor uns lag das Papier, daneben Feder und Tinte – mehr Waffen würden wir an diesem Tag nicht haben.

„Storm’s End,“ murmelte Jaime, den Blick auf die Tinte gerichtet. „Brienne muss es erfahren. Lennard auch.“

Ich nickte langsam. „Wir sollten keine Zeit verschwenden.“

Tyrion strich sich über das Gesicht, das längst zu müde war, um sich noch Sorgen zu machen. „Dann schreiben wir. Aber mit Bedacht. Jedes Wort muss sitzen.“

Er nahm die Feder in die Hand. Die Stille zwischen uns war schwer, aber nicht leer – sie war gefüllt mit allem, was unausgesprochen war.

Tyrion begann zu schreiben:

An Lady Brienne von Tarth An Lord Lennard Baratheon von Storm’s End

Von Jaime Lannister Tyrion Lannister Lukas Lannister

An diesem Ort, in diesen Mauern, wo Dunkelheit und Zweifel gleichermaßen gegen uns arbeiten, senden wir euch diesen Brief – nicht als Abschied, sondern als Hoffnung, dass Worte noch Bedeutung tragen.

Wir wurden gefangen genommen. Ramsay Bolton, Gyrontius Greyjoy und Qyburn – das ist die Allianz, die uns stellte. Sie übergaben uns an Euron. Und Lukas… Ihm steht nun eine Verhandlung bevor, angeklagt des Mordes an Cersei.

Lasst euch nicht erschüttern. Wir leben noch.

Noch.

Und wir werden alles daran setzen, das zu ändern – zu überleben, durchzukommen, wieder frei zu sein.

In dieser Zeit der Ungewissheit bitten wir euch um Folgendes: Holt Sansa Stark und Pfarrer Gorwyn aus Casterly Rock zu euch nach Storm’s End. Bewahrt sie. Beschützt sie.

Und dann an – Lennard, Erik, Paul, Bronn und Gorwyn: Kommt nach King’s Landing. Ihr werdet dort als Gäste vom König empfangen werden nicht als Feinde. Wir brauchen euch hier.

Liebe Brienne, jetzt noch Worte von jenem, dessen Herz euch gehört:

Von Jaime:

„Brienne… Ich liebe dich.

Alles, was in mir ist, will zurück zu dir. Nicht als Ritter, nicht als Lannister. Als Mann. Als Vater.

Ich spüre ihn – unseren Sohn. Nicht körperlich. Aber tief in mir.

Mach dir keine Sorgen. Du kennst mich. Ich komme zurück.

Wie immer. Irgendwie.“

Grüße von uns dreien an Erik, an Paul, an Bronn – an unsere Familie, ob durch Blut oder durch Bündnis.

Wir lieben euch.

Mit allem, was wir noch zu geben haben –

Jaime Lannister Tyrion Lannister Lukas Lannister

Tyrion legte die Feder ab. Schweigend schmolz Jaime das Siegelwachs über der kleinen Flamme. Tyrion drückte das Lannister-Siegel hinein – eine letzte Geste der Würde, der Familie, der alten Zeit.

„Wenn dieser Brief jemals ankommt…“, murmelte Tyrion.

„…dann wird er etwas in ihnen wecken“, sagte Ich leise.

Tyrion klopfte an die Tür. Der Wächter öffnete mürrisch. Tyrion reichte ihm das Schreiben.

„Für Storm’s End“, sagte er. „Keine Umwege. Und keine schlampigen Tauben.“

Der Mann nickte, fast gelangweilt, und verschwand.

Dann… war wieder nur die Zelle da.

Der Kissenhaufen war erbärmlich. Die Decke zu dünn, zu kurz. Wir musterten sie schweigend.

„Ich nehm das untere Drittel“, murmelte Jaime. „Bin sowieso halb taub auf der Seite.“

„Ich roll mich einfach ein. Weich genug“, sagte Ich und grinste schief.

„Und ich bleib in der Mitte“, seufzte Tyrion. „Wie ein wahrer Diplomat – zentriert, aber frierend.“

Wir begannen zu lachen.

Erst leise. Dann lauter. Bauchlachend. Tränenlachend.

„Drei Lannisters in einer Zelle…“, japste Tyrion, „das ist keine Tragödie mehr. Das ist eine Farce.“

Wir begannen zu lachen, bis wir kaum noch Luft bekamen. Dann, plötzlich:

„RUHE DA DRIN! Das Schloss will schlafen, verdammte Lannister-Bande!“

Stille. Dann nur noch Kichern.

Der Wächter trat ein, nahm wortlos die Laterne – und ging. Die Dunkelheit übernahm den Raum. Nur der Mond blieb.

„Na großartig“, murrte Tyrion. „Kein Licht mehr. Jetzt fehlt nur noch ein Ratte, die die Decke klaut.“

Wir lagen da, in den Schatten. Die Stimmung sank wieder.

„Der Brief…“, sagte Ich. „Er wird sie sehr treffen, oder?“

Jaime nickte langsam. „Brienne wird sich beherrschen. Aber ich kenne sie… es wird sie zerreißen.“

„Lennard wird handeln wollen“, flüsterte Tyrion. „Wie ein Sturm. Er wird kommen.“

„Und die anderen?“, fragte Ich leise. „Denkt ihr sie werden kommen?“

„Das werden sie“, sagte Jaime. „Wir sind nicht allein, unsere Freunde und Familie werden kommen.“

„Und dann schaffen wir das alles hier, zusammen.“, flüsterte Ich. „Dann lernen wir in 9 Monaten meinen Bruder kennen.“

„Das ist der Plan“, sagte Tyrion.

„Das werden wir, dann lassen wir ein Portrait von uns zeichnen, wir drei und der kleine, die Lannisters“ fügte Jaime hinzu.

Wir alle nickten selbstsicher.

Danach lagen wir noch eine Weile und wälzten und hin und her bevor wir einschliefen.

4

Ein Rabe für Storm's End

Schauplatz: Storm's End · Brienne von Tarth, Lennard Baratheon, Erik Stark, Bronn, Paul Lannister

Storm’s End, wenige Tage später

Der Nebel legte sich schwer wie eine Decke über die Klippen, und das Meer rauschte in weiter Ferne gegen die schwarzen Steine. In der Festung war es still, fast ehrfürchtig – als würde selbst die Burg den Atem anhalten.

Im Hof landete ein Rabe. Dunkel, erschöpft, zerzaust. Brienne bemerkte ihn zuerst. Der Anflug, die Hast, das versiegelte Pergament – ihr Herz begann zu hämmern.

„Ein Rabe von King’s Landing…“ murmelte sie. Ihr Blick fiel auf das Siegel. Lannister. Ihr Atem stockte.

Sie öffnete den Brief, mit vorsichtigen Fingern, als könnte ein falscher Griff die Welt zerreißen. Dann las sie. Erst stumm. Dann noch einmal, während ihre Augen glasig wurden. Und beim dritten Mal murmelte sie die Worte leise, fast wie ein Gebet, sie weinte dabei und legte ihre Hände auf ihren Bauch.

Lennard Baratheon trat auf den Hof. Seine Schritte waren fest, seine Schultern breit, doch als er Brienne sah – bleich, zitternd, den Brief in der Hand – fiel die Kraft aus seinem Blick.

„Was ist geschehen?“ fragte er, ruhig aber drängend.

Brienne reichte ihm das Schreiben. Ihre Finger zitterten leicht. Lennard nahm den Brief, seine Augen flogen über die Zeilen.

Gefangen. Ramsay Bolton. Gyrontius Greyjoy. Qyburn. Euron. Ein Prozess.

„Götter…“ murmelte er. Dann sah er Brienne an, sein Blick prüfend, sanft.

„Es gibt noch mehr“, sagte sie leise. „Ich bin schwanger.“

Lennards Ausdruck erstarrte für einen Moment. Dann trat er einen Schritt näher, legte ihr eine Hand auf die Schulter. Keine Worte – nur Präsenz. Stärke.

„Von Jaime?“ fragte er sanft. Sie nickte. „Ja, ich weiß es seit dem Tag bevor sie verschwunden sind. Ein Junge… Jaime war so glücklich. Als sie gefangen genommen wurden, also auf dem Weg wollte er es Lukas und Tyrion erzählen… doch jetzt...“ sie begann zu weinen.

„Dann gibt es kein Zögern mehr“, antwortete er. „Wir holen Sansa und Gorwyn sofort nach Storm’s End. Ich werde den Boten losschicken. Und dann… dann breche ich auf. Nach King’s Landing.“

Brienne sah ihn an, ihre Augen rot, aber fest. „Du gehst allein?“

„Nein. Ich hole sofort Erik, Paul und Bronn. Wir werden alle gehen. Sie brauchen uns dort.“

Sie nickte. Die Entscheidung stand in der Luft, wie ein Befehl der Götter selbst.

Lennard wandte sich ab, seine Schritte hastig. „Ich muss… noch etwas holen.“

In seinem Gemach war es dunkel. Nur ein einzelner Kerzenstummel brannte auf dem Tisch. Lennard trat schwer atmend ein, warf die Tür hinter sich zu. Er blieb stehen. Sein Körper bebte. Vor Angst. Vor Wut. Vor der bohrenden Ungewissheit, was ihn erwartete.

Seine Hände griffen nach dem Schrank. Er riss die Türen auf, wühlte sich durch Stoffe, Wappenröcke, Rüstungen. Ein Atemstoß entfuhr ihm. Er suchte. Verzweifelt. Panisch.

Dann – ein dumpfes Klopfen gegen Holz.

Ganz hinten, unter alten Fellen, verborgen zwischen vergessenen Dingen: Eine Truhe. Schwarz. Eisenbeschlagen. Schwer.

Lennard kniete davor. Seine Hand zitterte, als er den Deckel anhob. Er wusste, was er finden würde. Aber er hatte gehofft, es nie zu brauchen.

Die Kiste öffnete sich mit einem leisen Ächzen.

Darin: ein Schwert. Nicht irgendeines.

Der Griff: aus Gold, fein ziseliert, mit Baratheon-Symbolen durchzogen. Die Klinge: tiefschwarz, durchzogen von blauen und gelben Linien, die in der Dunkelheit lebten. Sie pulsierten leicht, als atmete das Schwert selbst – ein leises Aufleuchten, ein Flackern wie Sternenlicht im Sturm.

Lennard starrte es an. Dann hallten die Worte seines Vaters durch seinen Kopf – Stannis Baratheon, einst König, einst gebrochen, aber niemals weich.

„Auf diesem Schwert liegt ein Fluch.“ „Benutze es nur, wenn die Situation ausweglos für dich erscheint.“ „Aber denke immer daran, Lennard… es ist verflucht.“

Lennards Hände umfassten langsam den Griff. Kalt. Lebendig. Er schluckte.

Vater…, dachte er. Der Ernstfall ist eingetreten.

Er zog das Schwert langsam aus der Kiste, die Linien leuchteten in seinem Griff etwas heller auf. Die Klinge summte – nicht laut, aber spürbar.

Ich weiß nicht, was kommt, flüsterte er in Gedanken. Aber ich werde nicht tatenlos zusehen.

Er stand auf, das Schwert in der Hand. Draußen peitschte der Wind gegen die Fenster.

Die Zeit der Entscheidung war da.

Lennard stand noch einen Moment lang stumm in seinem Zimmer, das Schwert in der Hand. Das seltsame Lichtspiel der Klinge zuckte über seinen Brustharnisch, flackerte über seine Wangen, tauchte sein entschlossenes, aber gezeichnetes Gesicht in ein Zwielicht. Dann atmete er tief durch, schob die Klinge in ihre maßgeschneiderte Halterung auf seinem Rücken und schnürte die letzten Riemen fest. Das Gewicht des Schwertes war deutlich – nicht nur physisch, sondern auch in der Bedeutung dessen, was es mit sich brachte.

Er trat aus dem Raum und ging hinab in die große Halle von Storm’s End. Seine Schritte hallten in dem alten Gemäuer, jeder Tritt fest, aber innerlich bebte er noch immer.

Unten warteten sie schon. Bronn, locker wie immer, doch sein Blick war ungewöhnlich ernst. Paul, die Stirn gerunzelt, eine Axt am Rücken. Erik, mit verschränkten Armen, bereit. Und Brienne.

Sie hatte ihre Rüstung angelegt – das vertraute Blau von Tarth, festgeschnallt über einem gepolsterten Wams. Sie wirkte stark. Unerschütterlich. Doch Lennard konnte sehen, wie sehr sie sich zusammenriss.

Er trat zu ihr. „Brienne… du musst hierbleiben.“ Seine Stimme war fest, aber ruhig, fast bittend. „Storm’s End ist sicher. Und falls Sansa und Gorwyn…“

Brienne sah ihn an. Ihre Miene war unbeirrbar.

„Ich gehe mit euch.“ Sie sprach nicht laut, aber mit einer Entschlossenheit, die in jedem Wort brannte.

Lennard öffnete den Mund, wollte widersprechen – da hob sie die Hand. „Ich werde dir sagen, warum. Weil ich nicht riskieren werde, Jaime nie wiederzusehen. Ich trage sein Kind, Lennard. Und ich will, dass dieses Kind weiß, dass ich alles getan habe… alles, um seinen Vater zurückzubringen.“

Stille.

Bronn blinzelte. „Also… du bist also…“

„Ja.“ Brienne nickte, sah nacheinander jeden von ihnen an. „Ich bin schwanger. Und ich bin nicht aus Glas. Ich werde auf mich aufpassen. Aber ich muss dorthin.“

Paul trat einen Schritt vor. „Dann wird keiner von uns es wagen, dich davon abzuhalten.“

Erik nickte nur. Bronn zuckte mit den Schultern. „Wenn du gehst, gehen wir. So einfach ist das.“

Lennard schloss kurz die Augen. Eine Mischung aus Respekt und Sorge lastete in seinem Blick, als er wieder aufsah. „Dann los. Keine Zeit verlieren.“

Brienne trat einen Schritt zurück und nickte. „Ich habe den Raben losgeschickt. Sansa und Gorwyn sollten innerhalb weniger Tage hier sein. Maester Erwyn wird bleiben und sich um sie kümmern.“ Sie sah zum Fenster, in den beginnenden Morgen. „Sie werden hier sicher sein.“

Alle schwiegen für einen Moment.

Dann, wie ein kollektives Echo, senkten sie leicht die Köpfe. Die Namen, die in ihren Herzen brannten – Jaime, Tyrion, Lukas – standen unausgesprochen im Raum. Ihr Schicksal war ungewiss. Ihre Lage war düster. Und trotzdem war da Hoffnung. In jeder Bewegung. In jeder entschlossenen Geste.

„Gut“ sagte Lennard schließlich. „Dann reisen wir. Und wir lassen uns von nichts aufhalten.“

Und so verließen sie Storm’s End – fünf entschlossene Gestalten, schwer bewaffnet, geführt von Liebe, Treue und brennender Entschlossenheit. Der Wind vom Meer peitschte gegen die Mauern, als das Tor sich schloss. Und der Weg nach King’s Landing begann.

5

Besuch in der Zelle

Schauplatz: King's Landing · Lukas Lannister, Jaime Lannister, Tyrion Lannister, Brienne von Tarth, Lennard Baratheon, Erik Stark, Bronn, Qyburn, Paul Lannister, Euron Greyjoy

Die Tore von King’s Landing öffneten sich mit einem lauten Quietschen, als Brienne, Lennard, Erik, Paul und Bronn auf ihren Pferden durch die steinerne Pforte ritten. Der Himmel war wolkenverhangen, als hätte selbst das Wetter sich der düsteren Stimmung gefügt, die sie in sich trugen. Ihre Reise war schnell, aber schwer gewesen. Die Sorge um ihre Freunde hatte sie wie ein ständiger Schatten begleitet.

Am Fuß der Red Keep standen zwei Gestalten bereit. Euron Greyjoy, lässig wie immer, lehnte sich gegen eine steinerne Säule, als hätte er nichts Wichtigeres zu tun, als den Tag zu genießen. Neben ihm – aufrecht, hager, und mit einem allzu freundlichen Lächeln – stand Qyburn, die Hände vor dem Körper gefaltet.

„Willkommen in King’s Landing,“ rief Euron spöttisch, als sie näherkamen. „Habt ihr euren Besuch angemeldet, oder war das wieder so ein Überraschungsspielchen von euch alten Freunden?“

„Wir fordern die Freilassung von Jaime, Tyrion und Lukas,“ sagte Lennard mit fester Stimme, ohne sich vom Pferd zu rühren. Sein Blick war fest, seine Hand ruhte am Griff seines Schwertes.

Euron lachte laut auf, schüttelte den Kopf. „Ach... das ist süß. Wirklich. Drei Männer, die das Herz ihrer kleinen Truppe sind – oder besser: waren. Aber ich fürchte, die Lage ist ein klein wenig… komplizierter.“

Qyburn trat vor, seine Stimme ruhig, fast höflich. „Ser Lukas Lannister wird des Mordes an Ihrer Majestät Königin Cersei angeklagt. Ser Jaime und Tyrion sind der Beihilfe verdächtig. So steht es nun mal.“

„Er hat sie erstochen!“ warf Euron mit einem breiten Grinsen ein. „Direkt am Fuße des Throns. Zack. Tot. Genau wie sein Vater damals bei Aerys, was für eine Ironie. Und sein Vater und sein Onkel haben ihm geholfen. Familie hält eben zusammen, hm?“ Er schnalzte mit der Zunge und trat näher. „Aber hey – ihr seid ja Gäste. Königliche Gäste.“

Qyburn nickte. „Tatsächlich. Und als solche möchten wir euch in eure Quartiere bringen. Ihr dürft mit den dreien sprechen. Doch…“ – er sah zu Euron, der grinsend übernahm:

„…einer nach dem anderen. Wir wollen doch, dass sich jeder ganz persönlich verabschieden kann – äh, unterhalten natürlich.“ Er zwinkerte.

Brienne ballte die Fäuste. Lennard atmete durch die Nase ein. Bronn hob nur leicht eine Braue, während Erik und Paul sich düster ansahen. Es war klar, dass sie keine Wahl hatten.

„Einverstanden,“ sagte Lennard knapp. „Zeigt uns unsere Zimmer.“

Sie wurden durch verwinkelte Gänge geführt, von stummen Wachen begleitet, bis sie in einen Flügel mit schlicht gehaltenen Gästezimmern gebracht wurden. Dort, als die Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte, setzten sie sich um einen Tisch, um zu beraten.

„Wer geht zuerst?“ fragte Erik.

„Lennard sollte zuerst gehen,“ meinte Paul ruhig. „Er trägt das meiste Gewicht dieser Entscheidung. Und wenn einer hier mit fester Stimme sprechen kann, dann er.“

Bronn zuckte mit den Schultern. „Klingt vernünftig.“

„Ich werde als Letztes gehen,“ sagte Brienne dann mit leiser Stimme. Ihre Hand ruhte unmerklich auf dem unteren Rand ihrer Rüstung, wo sich die erste Rundung ihres Bauches abzeichnete. „Ich... ich brauche einen Moment mehr.“

Alle nickten zustimmend.

„Dann Lennard, Erik, Paul, Bronn… und ich,“ schloss Brienne.

Wenig später trat eine Wache in den Raum. „Lord Lennard. Es ist Zeit.“

Lennard erhob sich. Die anderen blickten ihm hinterher, während er ohne ein weiteres Wort zur Tür ging. Seine Schritte hallten durch den kalten Gang, bis er mit der Wache den langen Weg durch die unterirdischen Flure der Red Keep beschritt – dorthin, wo nur Dunkelheit und Gefangenschaft herrschten.

Vor einer dicken Holztür mit Eisenbeschlägen blieb die Wache stehen.

Lennard atmete tief ein, hob die Hand – und klopfte.

Ein Moment Stille. Dann das metallene Geräusch eines Riegels. Und langsam öffnete sich die Tür zur Zelle, in der Jaime, Tyrion – und ich – gefangen waren.

Ich saß dicht zwischen Vater und Onkel Tyrion auf der kalten Steinbank, unsere Schultern berührten sich, als wollten wir wenigstens so die Kälte vertreiben. Der Gestank in der Zelle war beständig, unsere Kleidung feucht, fleckig, voller Dreck. Mein Blick war leer, meine Augen brannten noch von den letzten Tränen. Vater hatte einen dunklen Fleck auf der Wange, ich wusste nicht, ob es Schmutz oder Blut war. Onkel Tyrion starrte schweigend auf den Boden, sein Bart verfilzt, sein Blick schwer.

Da klopfte es.

Die Tür öffnete sich langsam. „Euer Besuch…“ hörte man die Wache murmeln, bevor sie beiseitetrat. Lennard trat ein.

Er blieb kurz im Türrahmen stehen, und ich sah, wie sich seine Gesichtszüge veränderten. Erst Erleichterung, dann ein Schock – und schließlich dieser Ausdruck von Trauer. Er sah uns an, wie wir hier lebten. Dreckig. Müde. Gebrochen. Und doch – lebendig.

„Götter…“ flüsterte er. „Was haben sie mit euch gemacht…“

Wir standen nicht auf, aber wir sahen ihn an, mit dem schwachen Schimmer eines Lächelns.

„Wir leben noch,“ sagte Vater leise.

„Wie geht es euch?“ fragte Lennard, seine Stimme kratzig. Er ging ein paar Schritte näher.

„Wie du siehst,“ murmelte Tyrion trocken, „wir genießen die Königssuiten von King’s Landing. Etwas kühl, aber mit einem gewissen… Charme.“

Lennard schüttelte den Kopf. „Habt ihr einen Plan? Was passiert jetzt?“

„Wir… warten auf die Verhandlung,“ sagte ich. „Dann sehen wir weiter.“

„Haltet durch,“ sagte Lennard, seine Stimme fest. „Ihr seid Lannisters. Ihr seid stärker, als sie denken. Wir holen euch hier raus.“

Plötzlich ging die Tür wieder auf. Die Wache trat ein. „Zeit ist um.“

Lennard sah uns noch einmal an. „Ich komme wieder.“ Dann wurde er hinausgeführt.

Kurz darauf öffnete sich die Tür erneut – und Erik trat ein.

Sein Blick fiel sofort auf mich, und er ging schnurstracks auf mich zu, umarmte mich fest. Ich spürte, wie seine Arme mich umschlossen, wie er zitterte.

„Es tut mir so leid, Lukas,“ murmelte er. „Wenn ich dich damals nicht mitgenommen hätte… wenn ich nicht so stur gewesen wäre… vielleicht wärst du jetzt nicht hier.“

Ich schüttelte den Kopf. „Erik…“

Doch er wandte sich auch an Jaime: „Es tut mir leid, Jaime. Ich hätte auf dich hören sollen. Ich hätte Lukas in Casterly Rock beschützen sollen.“

Vater erhob sich leicht. „Erik… nein. Es ist nicht deine Schuld.“

Ich nickte. „Alles hat seinen Grund. Vielleicht wären wir sonst jetzt tot, oder jemand anderes. Wir wissen es nicht. Mach dir keinen Kopf.“

Erik seufzte, seine Augen glänzten.

Ein weiteres Klopfen. Die Wache trat ein. „Nächster.“

Erik nickte uns zu und verließ die Zelle.

Dann kam Paul.

Kaum war er im Raum, sagte er trocken: „Also echt, ich dachte, wenn ihr schon einen Familienurlaub macht, sagt ihr wenigstens vorher Bescheid. Die Kerker von King’s Landing – ganz neue Reisedestination, hm?“

Wir lachten. Leise. Müde. Aber es tat gut.

„Naja,“ sagte ich, „falls es schiefgeht… musst du unser Erbe weiterführen. Du und Bronn – ihr müsst Casterly Rock übernehmen.“

Paul hob eine Braue. „Ihr vertraut MIR ein Schloss an? Junge, das wird ne wilde Nummer.“

„Dann wird’s wenigstens nicht langweilig,“ grinste Tyrion. „Du brauchst nur viel Wein. Und ein paar gute Geschichten.“

Wieder kam die Wache. Paul hob die Hand zum Abschied, ehe er verschwand.

Die Tür ging erneut auf. Bronn.

Er blieb in der Tür stehen, sah uns an und schüttelte den Kopf. „Wie schafft ihr’s eigentlich immer wieder, in den größten Mist zu geraten, den Westeros zu bieten hat?“

„Talent,“ murmelte Vater.

Ich grinste. „Du weißt ja… egal was passiert – die Lannisters sind immer die Bösen.“

Bronn lachte auf. „Da ist was dran.“

Dann legte er den Kopf schief. „Tyrion. Jaime. Ihr schuldet mir immer noch ein Schloss.“

„Stimmt,“ sagte Tyrion. „Falls wir’s nicht rausschaffen… gehört Casterly Rock dir. Zusammen mit Paul.“

Bronn nickte zufrieden. „Abgemacht. Dann krieg ich ja endlich meine verdammte Aussicht auf den Sonnenuntergang.“

Er zwinkerte und verschwand ebenfalls, als die Wache ihn hinausführte.

Und dann… kam Brienne.

Sobald sie die Zelle betrat, blieb sie einen Moment wie erstarrt stehen. Ihre Augen waren feucht, ihr Blick fixierte Jaime – und der sprang sofort auf. Er lief auf sie zu, umfing sie, hielt sie fest. Ganz fest. Als würde er sie nie wieder loslassen wollen.

„Ich… ich hatte solche Angst um dich,“ flüsterte er. „Ich… ich dachte, ich seh dich nie wieder. Brienne… ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr. Ich… ich wollte dich beschützen. Dich und… unser Kind. Ich hab so versagt.“

„Nein,“ hauchte sie, Tränen liefen über ihre Wangen. „Nein, Jaime. Ich hatte Angst. Um dich. Um Tyrion. Um Lukas. Als der Rabe kam… ich konnte es nicht glauben. Ich war wie gelähmt.“

„Geht es dem Baby gut?“ fragte Jaime mit bebender Stimme.

Brienne nickte langsam. „Ja. Uns geht es gut.“

Jaime schloss die Augen, presste sie gegen ihre Stirn. „Danke den Göttern…“

Tyrion und ich standen auf.

„Herzlichen Glückwunsch,“ sagte Tyrion sanft und umarmte sie. „Die Welt braucht mehr wie dich.“

Dann trat ich vor. Ich umarmte sie fest. Warm. Lang. Dann flüsterte ich ihr ins Ohr:

„Sag bitte irgendwann meinem kleinen Bruder, dass ich ihn sehr geliebt hätte. Und… mach dir keine Sorgen. Ich pass auf Vater auf. Ich sorge dafür, dass er da sein kann.“

Sie erstarrte kurz, dann schnappte sie leise nach Luft. Ihre Umarmung wurde fester, ihre Hände zitterten.

„Lukas… bitte sag so etwas nicht…“

Ich löste mich langsam. Sie wischte sich die Tränen aus den Augen, aber sagte kein weiteres Wort dazu. Jaime nahm sie noch einmal in die Arme, und sie hielten sich lange, leise murmelnd.

„Ich liebe dich, Brienne. Ich wollte bei dir sein. Ich wollte… wir sollten doch zusammen leben. In Ruhe. Weg von all dem hier…“

„Und das werden wir,“ flüsterte sie. „Ich warte auf dich. Ich geb dich nicht auf.“

Da ging die Tür auf. Zwei Wachen traten ein.

„Zeit.“

„Nein!“ rief Brienne. „Nur noch einen Moment! Ich will bei ihm bleiben!“

Doch die Wachen packten sie und zogen sie hinaus. „Bitte! Lass mich bei ihm bleiben!“

Die Tür schloss sich hart.

Vater taumelte nach vorne, schlug verzweifelt mit den Fäusten gegen das Holz. „Nein… NEIN… Brienne!“

„Vater!“ Ich und Tyrion zogen ihn vorsichtig zurück.

„Komm… leg dich etwas hin,“ sagte ich leise.

Tyrion legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Sie wird auf dich warten. Aber du musst es schaffen.“

Wir halfen ihm, sich auf die Bank zu legen, seine Hände noch immer zitternd. Seine Augen rot. Wir legten ihm die Decke über und setzten uns zu ihm. Still. In der Dunkelheit. Aber nicht allein.

6

Die Nacht vor dem Prozess

Schauplatz: King's Landing · Lukas Lannister, Jaime Lannister, Tyrion Lannister, Qyburn, Ramsay Bolton, Euron Greyjoy, Gyrontius Greyjoy

Die Zelle war wieder still. Vater lag noch halb zurückgelehnt, die Augen geschlossen, seine Brust hob sich schwer. Tyrion starrte ins Nichts, seine Finger spielten mit einem losen Faden am Ärmel seines Hemdes. Ich saß auf der Bank, die Hände in den Schoß gelegt, mein Blick leer, mein Herz hämmerte trotzdem gegen meine Rippen.

Dann hörten wir Schritte. Langsame. Schleppende. Schwere.

Die Tür ging auf. Euron Greyjoy trat zuerst ein. Dahinter Ramsay Bolton, ein süffisantes Lächeln auf den Lippen. Qyburn schloss die Tür hinter sich.

Euron schlenderte hinein, drehte sich ein paar Mal um sich selbst, als würde er die Luft prüfen. „Also… das ist also das große Lannister-Ende,“ sagte er spöttisch. „Ein dreckiges Loch, der Geruch von Fäulnis und drei gebrochene Männer.“

„Ach, ich finde, sie sehen eigentlich ganz süß aus,“ grinste Ramsay, ging zu mir rüber und beugte sich tief. „Du vor allem, Lukas. Ich mag dieses… zitternde in deinen Augen. Als würdest du jeden Moment anfangen zu schreien, aber nicht mehr genug Kraft haben.“

Ich starrte ihn an, sagte nichts.

„Weißt du, ich hab mich gefragt,“ fuhr Ramsay fort, „ob du es aus Wut getan hast. Oder aus Angst. Oder vielleicht… weil du tief in dir genauso bist wie er.“ Er deutete mit dem Kopf auf Jaime. „Kalt. Berechnend. Ein Lannister eben.“

„Ihr seht erbärmlich aus,“ sagte Euron nun zu Vater und Tyrion. „Ich meine… er—“ er zeigte auf mich, „ist wenigstens noch jung und hat ein bisschen etwas an sich. Aber ihr beide… wie zwei zerschlagene Hunde. Und trotzdem…“ Er trat näher an Jaime. „...wird ganz Westeros morgen auf euch schauen. Die große Lannister-Familie. Verurteilt. Erniedrigt.“

Tyrion hob langsam den Blick. „Sag schon, Euron. Was willst du?“

„Ich?“ Euron lachte auf. „Nichts. Ich genieße einfach nur das Schauspiel. Aber ich hoffe, sie hängen euch nebeneinander auf. Drei goldene Löwen, die am Galgen baumeln. Das wäre doch ein Bild, oder?“

Ramsay ging langsam um mich herum, fast tänzelnd. „Oder vielleicht… vielleicht nimmt man dich, Lukas, und macht aus dir ein Beispiel. Der neue Kronprinz, der Mörder seiner eigenen Familie.“ Er blieb hinter mir stehen und flüsterte: „Stell dir vor, wie es sich anfühlt, wenn ganz King’s Landing deinen Namen ausspuckt wie Galle.“

Ich schluckte schwer. Mein Körper war starr, als würde jede Bewegung zu viel Energie kosten.

Dann trat Qyburn vor. „Verzeiht die Störung,“ sagte er mit ruhiger, beinahe freundlicher Stimme. „Ich wollte euch nur daran erinnern, dass morgen zur Mittagsstunde die Verhandlung stattfinden wird. Seid bereit.“

Wir nickten. Leer. Traurig.

Qyburn verneigte sich leicht und wandte sich zur Tür. Euron warf mir noch einen letzten Blick zu. „Träum was Schönes, Löwenjunge. Vielleicht deinen letzten Traum.“

„Und wenn du morgen weinst,“ fügte Ramsay an, „versuch nicht, es zu verstecken. Manche Schmerzen gehören gesehen.“

Dann verließen sie die Zelle.

Die Tür fiel zu. Stille.

Ich saß still da, hörte nur den eigenen Atem, dann hob ich langsam den Blick und sah zu den beiden Männern an meiner Seite. „Was… was soll ich überhaupt sagen morgen?“ flüsterte ich. „Ich habe doch nur zwei Optionen. Entweder ich gestehe den Mord an Cersei… oder ich sage, wie es wirklich war… und beschuldige Vater.“

Jaime hob den Blick, seine Augen glänzten.

„Dann sag, dass ich es war,“ sagte er heiser. „Sag ihnen die Wahrheit. Dass ich es getan habe. Nicht du.“

Ich schüttelte sofort den Kopf. „Nein. Ich werde mich nicht für dich opfern. Ich hab dir das schon gesagt. Wenn du das morgen sagst, werde ich direkt danach sagen, dass du lügst. Und du wirst mich nicht davon abbringen.“

Er wollte etwas sagen, öffnete den Mund – doch es kam kein Wort. Nur ein ersticktes, raues Geräusch. Er senkte den Blick. Seine Lippen zitterten.

Tyrion schloss die Augen und lehnte den Kopf gegen die kalte Wand. Ich sah ihn an, dann Vater, dann wieder zu Boden.

„Dann… dann werde ich es sagen,“ flüsterte ich. „Ich werde sagen, dass ich es war. Und hoffen… beten, dass die Götter wenigstens ein bisschen Gnade zeigen.“

Vater war es, der das Schweigen zuerst brach. Er hatte den Rücken an die kalte Steinwand gelehnt, die Hände vor sich auf dem Boden, den Kopf leicht zur Seite gedreht, zu mir. „Lukas…“ sagte er leise. „Wir schaffen das.“

Ich hob langsam den Blick. „Wie…?“ fragte ich. „Wie soll das gehen, Vater?“

Tyrion antwortete für ihn. „Indem wir atmen. Einen Moment nach dem anderen. Und wenn der schlimmste Moment kommt… dann erinnern wir uns daran, dass selbst dieser vorübergeht.“

Ich sah sie beide an. Zwei Männer, vom Leben gezeichnet, müde, aber nicht gebrochen.

„Ihr habt mich so oft beschützt… und jetzt…“ Ich spürte, wie meine Stimme brüchig wurde. „Jetzt kann ich euch nicht helfen. Ich kann nichts tun.“

„Doch,“ sagte Jaime, leise, aber bestimmt. Er setzte sich näher zu mir. „Du kannst leben. Selbst wenn sie dich verurteilen, Lukas. Du musst dich erinnern, wer du bist. Du bist mein Sohn. Du bist ein Lannister. Und du bist… stark. Auch wenn du’s nicht glaubst.“

Ich blinzelte, Tränen traten in meine Augen.

Tyrion stand langsam auf, kam zu uns, legte mir eine Hand auf die Schulter. „Versuch, etwas zu schlafen, Lukas. Du wirst es morgen brauchen. Lass uns wenigstens die Ruhe nutzen, die uns noch bleibt.“

Ich nickte. Vater rückte näher, legte seinen Arm um mich. Wir saßen eng beisammen, wie in einer zerbrechlichen Festung aus Wärme. Und irgendwann, trotz der Angst, trotz der Dunkelheit… …schlief ich ein.

Der nächste Morgen kam zu früh.

Die Tür öffnete sich. Kaltes Licht fiel herein, begleitet vom Tritt schwerer Stiefel. Wachen. Zwei. Und Qyburn dahinter, die Hände gefaltet, der Blick wie immer ruhig und unergründlich.

„Es ist Zeit.“

Ich stand langsam auf. Meine Beine zitterten, fühlten sich an wie aus Wasser. Tyrion erhob sich und wartete schweigend. Vater trat neben mich. Als er meinen Blick sah, hielt er inne.

Er sagte nichts zuerst. Legte nur eine Hand auf meinen Rücken. Dann beugte er sich zu mir, sodass ich seinen Atem spürte.

„Ich weiß, du hast Angst. Ich auch.“ Seine Stimme war tief, warm, voller Schmerz. „Aber du musst jetzt stark sein. Nicht nur für dich. Für uns. Für Marlis. Für deinen Bruder.“

Ich schluckte schwer. Mein Herz raste.

„Ich bin bei dir. Die ganze Zeit. Ich lasse dich nicht allein, hörst du?“ Er sah mich eindringlich an. „Was auch passiert, wir gehen gemeinsam da durch.“

Ich nickte langsam, die Tränen brannten in meinen Augen, aber ich kämpfte sie zurück. Dann schritten wir los. Die Wachen öffneten die Tür, und wir gingen durch die Flure von King’s Landing. Jeder Schritt hallte. Jeder Schritt brachte uns näher.

Als wir den Thronsaal betraten, blieb mir beinahe der Atem weg. Er war voll. Bis auf den letzten Platz.

Reihen über Reihen von Zuschauern, Noblen, Höflingen, alten Feinden und neugierigen Gesichtern. Sie standen, riefen, schrien durcheinander:

„Mörder!“ „Königsmörder!“ „Die Lannisters kriegen, was sie verdienen!“ „Vergeltung für Cersei!“ „Tötet den Bastard!“ „Gerechtigkeit für das Reich!“

Ich taumelte kurz. Mein Blick streifte den Thron. Dann… das Echo in meinem Kopf.

Marlis. Ihre leblosen Augen. Ihre Haut, blass. Cersei. Blut auf dem Boden. Vaters Schwert. Meine Schreie.

Ich schwankte.

„Lukas.“ Jaime hatte mich gehalten. Fest. Er drückte leicht meine Schulter. „Wir schaffen das.“

Wir wurden zum Tisch geführt. Drei Stühle. Direkt vor dem Thron. Über uns, auf einem Podest, saßen bereits die Mitglieder der sogenannten „Jury“. In der Mitte Euron, zur Seite Qyburn, Ramsay… und dann Gyrontius, ein Mann mit kalten Augen und einer eiskalten Miene. Alle in dunklen Gewändern.