Wiedersehen in Storm's End
Die Mauern von Storm’s End wirkten nach den offenen Landschaften Tarths beinahe einschüchternd, aber auch vertraut. Unsere Zimmer waren bereits vorbereitet – schlicht, aber gemütlich.
Ich machte mich auf den Weg nach unten, als mir im Flur drei vertraute Gestalten entgegenkamen: Erik, Paul – und Bronn, in seiner typischen, lässigen Haltung mit dem Schwert an der Seite und einem schiefen Grinsen im Gesicht.
„Na endlich!“, rief ich und breitete die Arme aus. „Meine Jungs!“
Erik lachte und klopfte mir auf die Schulter, Paul zog mich direkt in eine feste Umarmung. „Hey du alter Saubär“, kommentierte Bronn trocken. „War der Urlaub gut?“
Ich grinste. „Oh ja, das war er.“
Dann schaute ich die drei an und fragte: „Hat einer von euch Lust auf einen grünen Apfel?“
„Immer“ sagte Paul und rieb sich den Bauch.
„Ich auch“, sagte Erik.
„Ich hab gerade gegessen“, murmelte Bronn und kratzte sich am Bart. „Wo sind denn dein Vater und die anderen?“
Ich zuckte leicht mit den Schultern und antwortete: „Leo ist mit Brienne irgendwo im Übungshof, die beiden vergleichen wohl gerade Schwerter, und Vater... der wollte sich einen Überblick über die Wachen verschaffen. Meinte, wenn er schon hier ist, will er sich auch drum kümmern, dass nicht jeder Depp durchs Haupttor spaziert.“
Bronn nickte. „Klingt nach ihm.“
Wir setzten uns in den kleinen, sonnenbeschienenen Garten am Rand der Festung, wo der Wind durch die Bäume strich. Ich reichte Paul und Erik je einen Apfel, dann ließ ich mich ebenfalls auf die Bank fallen und sah die beiden an.
„Wo ist eigentlich Cengiz?“, fragte ich.
Erik lächelte leicht und stützte sich auf die Knie. „Ihm wurde’s zu bunt. Die ganze Sache mit dem Adel, den Intrigen, den Schlachten... er meinte, er braucht Abstand. Ist runter Richtung Dornische Marschen. Meint, da will er ne Weile sein, irgendwo mit heißem Sand, kühlem Wein und keiner Sau, die ihn erkennt.“
Ich lachte leise und schüttelte leicht den Kopf. „Klingt typisch.“
Dann atmete ich kurz durch, sah auf meinen Apfel, drehte ihn in der Hand und sagte: „Wisst ihr… ich bin echt froh, wieder hier zu sein. Aber als ich das letzte Mal in Storm’s End war… da war alles anders.“ Ich sah sie an, ernst, ehrlich. „Ich hab mich hier mit Vater gestritten. Beziehungsweise, ich hab gedacht, er hätte mich belogen, dass er alles falsch gemacht hat. Ich war… so wütend. Ich hab ihn geschlagen, bis er blutete, nicht mehr aufstehen konnte. Ich hätte ihn fast getötet.“
Erik und Paul wurden still.
„Aber dann hat er nichts gemacht. Gar nichts. Er hat nur da gesessen, mir gesagt dass er mich lieb hat und immer lieben wird, egal was kommt. Und ich hab’s gesehen – wie kaputt er war. Wie viel er durchgemacht hat. Und dass er… mich nie verlassen wollte. Sondern mich immer nur beschützen wollte. Selbst als Mutter ihn gehasst hat… selbst als alles auseinandergefallen ist.“
Ich sah kurz auf, in die Zweige über uns.
„Ich hab ihn zum ersten Mal richtig gesehen. Seitdem… hat sich alles verändert.“
Ich erzählte ihnen von unseren Tagen auf Tarth – von Brienne, Tyrion, Leo, Jaime. Vom Wasserfall, von der Nacht unter den Sternen. Und davon, wie sich alles irgendwie… zusammengefügt hatte. Fast wie in einem dieser Geschichten, an die man lange nicht geglaubt hatte.
Dann sah ich die beiden wieder an.
„Und? Wie war’s hier? Alles gut geblieben?“
Paul grinste. „Sagen wir so… es gab weniger Aufregung ohne dich, aber auch weniger Äpfel.“
Erik nickte. „War ruhig. Keine großen Probleme. Ein paar Gerüchte, ein paar Händler mit dummen Ideen… nichts, was wir nicht unter Kontrolle hatten. Aber – es war leer. Ohne dich.“
Ich lächelte leicht. „Dann ist’s gut, dass ich wieder da bin.“
Die nächsten Tage in Storm’s End verliefen friedlich und erfüllt. Wir alle genossen die ruhige Zeit nach all dem Trubel der letzten Wochen.
Leo trainierte oft mit Brienne auf dem Hof – seine Haltung wurde besser, seine Hiebe präziser, und Brienne war nicht nur seine Lehrerin, sondern auch seine Freundin. Tyrion verbrachte die Vormittage meist in der Bibliothek, wo er alte Bücher über Diplomatie und Familienrecht wälzte – „für alle Fälle“, wie er sagte – und sich abends zu uns in den Garten oder an den großen Tisch setzte, wo er Witze erzählte und die besten Weine servierte. Bronn, Paul und Erik hatten sich schnell wieder eingelebt. Manchmal patrouillierten sie, manchmal zockten sie Karten, und oft saßen wir einfach zusammen, aßen, lachten und machten Pläne.
Jaime kümmerte sich mit Ernst und klarem Blick um die Sicherheit der Burg – fast so, als wolle er nicht nur ein Zuhause beschützen, sondern das neue Leben, das er sich langsam aufgebaut hatte.
Und Brienne? Sie schien ruhiger, weicher, strahlender. Wenn sie mit Jaime sprach oder Leo beim Trainieren zusah, lag ein Ausdruck tiefer Zufriedenheit in ihrem Blick, wie jemand, der genau da ist, wo er sein sollte.
Ein Kind von uns beiden
Der Wind rauschte leise um die Mauern von Storm’s End, und draußen überzog ein sanfter Regen das Land. Im Inneren war alles still – bis auf ein leises Knistern aus dem Kamin im Zimmer von Jaime und Brienne.
Die beiden lagen bereits im Bett, eingehüllt in Leinen und Nähe. Brienne stützte den Kopf auf ihre Hand, während sie Jaime ansah.
„Weißt du…“, begann sie leise, „ich habe in letzter Zeit öfter darüber nachgedacht… über Kinder.“
Jaime wandte sich ihr zu, sah sie liebevoll an. „Du meinst... ein eigenes?“
Sie nickte. „Ich weiß, es ist vielleicht albern in unserem Alter, aber... ich würde gerne Mutter sein. Es klingt verrückt, ich weiß.“
„Nein“, sagte Jaime sofort. Seine Stimme war weich, warm. „Es klingt wunderschön. Ich würde mich freuen, noch einmal Vater zu werden. Mit dir.“
Brienne lächelte schüchtern. „Glaubst du… die anderen würden es gut aufnehmen?“
Jaime lehnte sich näher zu ihr, nahm ihre Hand. „Ich habe mit Lukas darüber gesprochen. Wir kamen irgendwie auf das Thema, und er meinte, er würde sich freuen. Er sagte, es wäre schön, ein Geschwisterchen zu haben. Etwas, das von uns beiden stammt.“
Brienne blinzelte, ihre Augen glänzten sanft. „Wirklich?“
Jaime nickte. „Wirklich.“
Sie beugte sich vor, küsste ihn zärtlich, und für einen Moment war alles andere vergessen. In jener Nacht lagen sie eng beieinander, Körper an Körper, Herz an Herz. Keine Worte mehr nötig, nur noch Nähe, Wärme – und das stille Wissen, dass etwas Neues beginnen konnte.
Vier Wochen später
Der Morgen graute, als Brienne mit flauem Magen aufwachte. Sie versuchte, es zu ignorieren, doch wenige Minuten später kniete sie bereits vor dem Waschbecken. Ihre Hände zitterten leicht, während sie sich stützte. Es war eindeutig.
Später am Tag – ohne dass jemand etwas bemerkte – sprach sie mit dem Maester von Storm’s End, einem alten, weisen Mann mit schlohweißem Haar und sanftem Lächeln. Sein Name war Maester Erwyn.
Er untersuchte sie sorgfältig, nickte dann mit ruhigem Ernst. „Ihr seid schwanger, Lady Brienne“, sagte er. „Und wenn ich mich nicht irre… wird es ein Junge.“
Brienne lächelte ungläubig, dann mit voller Freude. „Ein Junge…“
Am Abend entschied sie, Jaime auf eine besondere Weise davon zu erzählen. Sie besorgte Babykleidung, winzige Lederschuhe und ein kleines Holzschwert, das wie ein Spielzeug seiner alten Goldröcke aussah. Sie legte alles sorgsam auf seine Seite des Bettes, das Feuer flackerte sanft im Kamin, während sie wartete.
Da öffnete sich die Tür. Man hörte Jaimes Stimme von draußen: „Schlaf gut, mein Sohn!“ Dann kam er herein, schloss die Tür und lachte noch leise vor sich hin. „Hallo, Brienne“, sagte er.
„Hattest du einen schönen Abend?“, fragte sie.
„Mhm“, meinte er und zog seine Stiefel aus. „Leo hat beim Abendessen mit Tyrion über Philosophen gestritten – und gewonnen. Ich glaube, Tyrion ist jetzt beleidigt. Ich hab sie dann allein gelassen und Lukas, Bronn und Erik beim Karten spielen zugesehen. Sie haben sich alle gezofft. War unterhaltsam.“
Er zog sein Hemd aus, streckte sich und fragte dann: „Und du? Wie war dein Tag?“
„Ach ganz angenehm“, antwortete Brienne mit einem kleinen Lächeln. „Ich habe mich nur geschont.“
„Okay.“ Jaime trat näher ans Bett, wollte sich hinlegen – und blieb plötzlich wie angewurzelt stehen.
Sein Blick fiel auf das kleine Ensemble: die Kleidungsstücke, die Schuhe, das winzige Holzschwert.
Sein Mund öffnete sich leicht. In seinem Inneren rauschte plötzlich alles: Hoffnung, Erstaunen, Fassungslosigkeit. War das...?
Langsam drehte er sich zu ihr. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern: „Brienne… ist das… wahr?“
Sie nickte. „Maester Erwyn hat es mir heute bestätigt. Und… er meinte, es wird ein Junge.“
Jaime atmete tief ein, trat dann langsam zu ihr, als wolle er sicherstellen, dass er nicht träumte. „Ein Junge… von uns beiden…“, murmelte er, seine Stimme vibrierte leicht. Dann legte er eine Hand ganz vorsichtig auf ihren Bauch, sah sie an, als wäre sie das Kostbarste, das er je gehalten hatte.
„Du… du wirst die wundervollste Mutter, die ich mir vorstellen kann“, sagte er schließlich, seine Stimme tief und voller Gefühl.
„Und du…“, sagte Brienne leise, ihre Hand auf seiner, „...der Vater, den ich mir für mein Kind immer gewünscht hätte.“
Jaime sah sie lange an. „Weißt du… ich dachte, ich hätte meine Chance auf ein neues Leben längst verspielt. Aber du… du hast sie mir geschenkt.“
Brienne legte ihre Stirn gegen seine. „Du hast sie dir verdient, Jaime. Und jetzt fangen wir einfach noch mal an.“
Sie hielten sich, streichelten einander, und während seine Hand zärtlich auf ihrem Bauch ruhte, redeten sie weiter – leise, liebevoll, voller Hoffnung auf das, was vor ihnen lag.
Die Sonne lugte gerade erst über den Horizont, als Jaime erwachte – mit einem Lächeln, das nicht von dieser Welt zu stammen schien. Neben ihm atmete Brienne noch ruhig, als er sich aufsetzte und sich durch die Haare fuhr.
Sie blinzelte ihn verschlafen an. „Was grinst du so, hm?“
Er drehte sich zu ihr, zog seine Knie an und sah sie voller Wärme an. „Ich hab geträumt… von unserem Sohn.“
Brienne richtete sich halb auf, neugierig und wach. „Willst du mir davon erzählen?“
Jaime nickte, seine Stimme wurde leise, fast ehrfürchtig: „Er war… vielleicht sechs oder sieben. Hellblondes Haar, ein bisschen zerzaust, die Augen fast so blau wie deine. Er hatte ein Holzschwert, das er selbst gebastelt hatte – ganz stolz hat er’s mir gezeigt. Und wir standen da, auf den Klippen über dem Meer. Du warst mit Tyrion und Lukas ein Stück weiter hinten… ihr habt gelacht. Und unser Sohn stand neben mir, sah hoch und sagte: ‚Ich will wie du sein.‘“
Brienne lächelte sanft. „Und? Was hast du gesagt?“
Jaime lachte leise. „Ich fragte ihn, ob er ein Ritter werden will. Und er sagte: ‚Nein. Ich will wie mein Papa sein.‘“ Er atmete tief durch, seine Stimme brüchig. „Er hat mich so fest umarmt… Ich bin in diesem Moment aufgewacht, aber ich konnte den Geruch seiner Haare noch riechen.“
Brienne streichelte seine Wange. „Das ist der schönste Traum, den du mir je erzählt hast.“ Dann küsste sie ihn liebevoll. „Und ich hoffe, dass es bald kein Traum mehr ist.“
Die Lichtung im Wald
Der Frühstückstisch war reich gedeckt: warmes Brot, frischer Honig, knuspriger Speck, dampfendes Gemüse und süßes Obst. Ich saß mit Leo, Tyrion, Paul, Erik, Bronn, Brienne und Jaime am Tisch. Die Stimmung war locker, herzlich – Leo erzählte irgendwas davon, dass er im Traum fliegen konnte, und Onkel Tyrion konterte direkt: „Ich kann das auch – aus dem Fenster, wenn jemand hinter mir her ist.“
Ich lachte laut auf und kaute genüsslich auf einem Apfelstück herum. Mein Blick wanderte zu Vater, der heute besonders… strahlte. Seine Augen wirkten irgendwie tiefer, weicher, als würde er die Welt gerade zum ersten Mal wirklich sehen.
Als er dann aufstand und rüber zu Brienne ging, warf er ihr diesen einen Blick zu. Sie erkannte sofort, was er wollte – und nickte mit einem leisen Lächeln. Ich beobachtete es aus dem Augenwinkel, ohne direkt hinzuschauen, aber ich spürte: Da war etwas. Und es war gut.
Tyrion und ich hatten geplant, rauszugehen. „Ich hab gehört, südlich vom Wald hier gibt’s ’ne alte Lichtung“, meinte er, als wir den Burghof verließen. „Da hab ich mal ein paar Stunden mit einer Armbrust im Bein verbracht. Ich wollte dir das mal zeigen.“
Ich grinste. „Du weißt schon, dass du mir ständig neue Orte mit alten Verletzungen zeigst?“
„Das nennt man Lebenserfahrung, Neffe“, erwiderte er stolz.
Gerade als wir den äußeren Torbogen verließen, hörte ich Schritte hinter uns. Jaime kam hinter uns angerannt.
Mit einem breiten Grinsen legte er einen Arm um meine Schultern, den anderen auf Tyrions Rücken.
„Na, ihr zwei… was habt ihr heute Großes vor? Ihr seht ja aus, als würdet ihr heimlich Drachen jagen.“
Tyrion zog die Augenbraue hoch. „Du bist heute ungewöhnlich… lebendig.“
Ich sah Jaime an. „Du strahlst mehr als die Sonne.“
Er lachte. „Ich bin einfach gut in den Tag gestartet. Und da dachte ich mir – ich will wissen, was meine liebste Familie so treibt.“
„Wir gehen in den südlichen Wald“, erklärte ich. „Tyrion will mir ’ne alte Lichtung zeigen – mit einer sehr berühmten Armbrustgeschichte.“
„Oh, großartig“, sagte Jaime, „wenn ihr nichts dagegen habt, komm ich mit.“
Ich sah zu Tyrion. Der zuckte die Schultern. „Solange du nicht wieder in ein Kaninchenloch fällst, bist du willkommen.“
„Dann los“, grinste Jaime.
Der Wald roch nach Erde und Laub, nach dem feuchten Grün vergangener Nächte. Die Sonne filterte sich durch das Blätterdach, während wir uns tiefer durch den schmalen Pfad bewegten. Tyrion erzählte von alten Geschichten, machte Witze über den Maester, der ihn damals verarztet hatte „Ein echter Künstler – hat mir mehr Schmerzmittel gegeben als nötig, Gott segne ihn“, während Jaime neben mir lief, den Blick oft schweifend – als würde er schon wissen, was kommen würde.
Und irgendwie… spürte ich, dass dieser Tag anders war. Besonders.
Nicht weit hinter uns, nichtsahnend und voller Wärme durch das Unterholz ziehend, bewegten sich lautlos andere Gestalten. Gekleidet in dunkle Gewänder, begleitet von einer Handvoll kampferprobter Männer der Königsgarde, ritten Qyburn, Ramsay Bolton und Gyriontius Greyjoy in gebückter Haltung durch das Dickicht, ihre Augen kalt und wachsam.
Ramsays Blick war starr auf den Boden geheftet, während er neben Gyriontius ritt. Schließlich brach er das Schweigen mit rauer Stimme: „Da hast du aber Glück gehabt, Gyriontius. Dass diese drei Idioten sich ganz alleine vom Schloss entfernen. Nach allem, was passiert ist. Nach allem, was Lukas dir erzählt hat. Und dass dieser Bastard seinen Vater doch nicht getötet hat.“
Gyriontius schnalzte genervt mit der Zunge, wirkte selbst jetzt halb desinteressiert. „Ich dachte, er bringt ihn um. Ganz ehrlich. Nach dem, was er im Kerker über Jaime gesagt hat – dieser Hass in seiner Stimme – ich war mir zu hundert Prozent sicher.“
Ramsay sah ihn scharf an. „Du warst dir schon oft zu hundert Prozent sicher. Beim letzten Mal hat uns das beinahe das Leben gekostet.“
Qyburn, der vorneweg ritt, drehte leicht den Kopf. „So verlockend es wäre, sie jetzt zu holen… ich rate dringend zur Geduld. Lasst sie weitergehen. Wenn sie noch tiefer in den Wald vordringen, wenn sie weit genug weg von Storm’s End sind – dann kann ihnen niemand helfen.“
Ramsay zögerte, dann nickte er. Gyriontius seufzte theatralisch. „Gut. Aber ich hoffe, es dauert nicht mehr lange. Ich hasse warten.“
Qyburns Lippen verzogen sich zu einem schmalen, kalten Lächeln. „Geduld, Lord Greyjoy. Ihr werdet euren Spaß haben.“
Nach etwa einer Stunde Fußmarsch durch das dichte Grün, in dem Sonnenstrahlen wie goldene Bänder durch das Blätterdach fielen, öffnete sich der Wald vor uns wie durch Zauberhand. Wir traten auf eine Lichtung hinaus, die wirkte wie aus einem Märchen: weiches Gras, leicht von Tau benetzt, eine große knorrige Eiche stand in der Mitte wie ein stiller Wächter. In der Ferne rauschte ein kleiner Bach, und Vögel zwitscherten friedlich über unseren Köpfen.
„Wow“, murmelte ich, sah mich um. „Das ist wunderschön.“
Onkel Tyrion ließ sich seufzend auf einen moosbedeckten Stein nieder. „Das hier… ist die Stelle. Hier lag ich. Blutend. Zitternd. Und wie durch ein Wunder – lebendig.“
Ich setzte mich neben ihn, Jaime gegenüber. Er hatte dieses Strahlen in den Augen, als würde sein Herz übergehen. Er sah uns an, sah mich an – als wollte er gleich platzen vor Freude.
Tyrion beendete seine Geschichte, und dann geschah etwas Seltsames: Wir – Tyrion und ich – sahen uns an. Spürten es beide.
Gleichzeitig fragten wir: „Was ist los mit dir, Jaime?“ „Was willst du uns sagen Papa?“
Er lachte leise, rieb sich mit der Hand über den Nacken – typisch Jaime –, suchte nach Worten, die nicht zu kitschig, nicht zu plump klangen, und fand doch keine.
„Also… Brienne und ich… wir… ich meine… es hat sich was verändert. Ich hatte so ein Gefühl… und dann… also… wir haben gestern... wir bekommen—“
Tyrion rollte mit den Augen und hob die Hand. „Spuck’s aus, Bruder.“
Ich lächelte leicht. „Bekommen wir noch Zuwachs?“
Jaime lachte endlich. Breit, offen, glücklich. „Ja. Ja. Ich werde Vater. Noch einmal.“
Tyrion stand auf, ohne ein Wort, und umarmte ihn. „Herzlichen Glückwunsch, großer Bruder. Ich glaube, ich habe dich noch nie so glücklich gesehen.“ Dann zog er sich etwas zurück, klopfte Jaime auf die Brust. „Mach keinen Blödsinn. Und sorge dafür, dass dieses Kind so einen Blick wie Brienne bekommt und nicht deinen berühmten Schmollmund.“
Jaime lachte und erwiderte die Umarmung kräftig. „Ich geb mein Bestes, kleiner Bruder.“
Dann wandte er sich mir zu. Ich stand auf, trat direkt auf ihn zu und umarmte ihn fest. „Ich freu mich so für dich… und für Brienne. Das ist… das ist wunderschön.“ Ich trat etwas zurück und sah ihn direkt an. „Weißt du schon… ob es ein Junge oder ein Mädchen wird?“
Seine Stimme wurde leise, seine Augen glänzten leicht, als er mich ansah: „Junge… ein Junge… du bekommst einen kleinen Bruder.“
Ich spürte, wie sich mein Herz weitete, und ich nahm ihn wieder in die Arme. „Dann werd ich der beste große Bruder, den die Welt je gesehen hat.“
Jaime lachte auf, sein Griff um mich fest und herzlich. „Das wirst du bestimmt. Aber der beste große Bruder… das bin und bleibe ich.“
Ich lachte mit und hörte Onkel Tyrion hinter uns sagen: „Oh Götter, noch ein Lannister mit großem Ego. Die Welt ist nicht bereit. Bitte Götter, wenn ihr mich hören könnt, lasst dieses Baby bitte weniger Ego haben als sein Vater und Bruder es haben.“
Wir lachten alle, und Jaime zog uns beide fest an sich. „Ich war noch nie so glücklich. Und wenn mein Sohn… unser kleiner Löwe… diese Welt betritt, wird sie heller sein als je zuvor.“
Wir waren ganz eng beieinander, in dieser Umarmung, als eine seltsame Unruhe die Lichtung durchzog. Erst war es nur ein Rascheln – dann das Knacken von Ästen. Schritte. Viele.
Ich hob leicht den Kopf, löste mich aus der Umarmung. Auch Jaime und Tyrion wurden still. Die Geräusche wurden lauter – schwer, fest, gefährlich. Wir drehten uns alle gleichzeitig um – und dann kamen sie.
Aus dem Wald, zwischen den Bäumen hervor, kamen sie angeritten: Qyburn, sein Blick kalt wie Stein. Gyriontius Greyjoy, mit müdem Grinsen, als sei es alles nur ein Spiel. Und Ramsay Bolton – mit starrer, lodernder Wut in den Augen. Hinter ihnen: etwa 30 Männer der Königsgarde. Schwer gerüstet. Entschlossen.