SEASON VI · KAPITEL 27

Abandon All Hope

Die letzte Nacht

WORUM ES GEHT

Lukas träumt in der Zelle, dass er im Kampf gegen den Mountain stirbt und als Geist am Löwenbaum von Casterly Rock sieht, wie Jaime später mit dem kleinen Joren um ihn trauert. Erwacht, flüstert er dem schlafenden Jaime einen Abschied zu. Am Morgen wird er zur Arena geführt, verabschiedet sich unter Tränen von Tyrion und Jaime und verrät Jaime den Namen Joren aus seinem Traum. Brienne, Lennard, Erik, Paul und Bronn müssen in Ketten zusehen, Jaime bricht zusammen. Als Euron ein letztes Mal nach einem Kämpfer fragt, ruft jemand am Eingang der Arena „Halt“.

1

Ein Traum vom Tod

Schauplatz: King's Landing · Lukas Lannister, Jaime Lannister, Tyrion Lannister

Ich stand in der Mitte der Arena, der Sand unter meinen Füßen fühlte sich heiß und unnachgiebig an, als wollte er mich verschlingen. Meine goldene Hand schimmerte nutzlos an meiner Seite, ein kaltes Gewicht, das mich an meine Grenzen erinnerte. Meine echte Hand umklammerte ein Schwert, das viel zu schwer war – meine Finger zitterten, meine Muskeln schrien bei jedem Versuch, es zu heben. Angst durchzog mich wie ein kalter Wind, meine Augen waren weit aufgerissen, doch tief in mir glühte ein Funke Entschlossenheit – ich musste kämpfen, für Papa, für meinen Bruder, für uns alle.

Ich hörte einen Schrei, schwach, wie aus weiter Ferne. „Lukas!“ Es war Papa, seine Stimme erstickt, verzweifelt, doch als ich mich umsah, konnte ich ihn nicht finden. Die Menge brüllte, ein Chor der Grausamkeit, und vor mir ragte der Mountain auf, eine monströse Gestalt aus Stahl und Tod. Sein Schwert glänzte im fahlen Licht, und jeder seiner Schritte ließ die Erde erzittern. Ich wollte rufen, wollte Papa sagen, dass ich ihn liebte, doch meine Kehle war trocken, meine Stimme versagte.

Der Kampf begann, und jeder Hieb des Mountains war wie ein Donnerschlag. Ich wehrte mich, meine Bewegungen schnell, aber verzweifelt, mein Atem ging in keuchenden Stößen. Meine Arme brannten, meine Beine zitterten, doch ich dachte an Vater, an sein Lächeln, an meinen kleinen Bruder, den ich nie gehalten hatte. Ich durfte nicht aufgeben. Aber der Mountain war zu stark, zu schnell. Ich sah die Klinge kommen, ein tödlicher Bogen, und ich wusste, ich konnte nicht ausweichen. Der Schmerz explodierte in meiner Brust, ein grauenhaftes Geräusch von Metall, das Fleisch durchschnitt, hallte in meinen Ohren. Ich schrie, ein roher, verzweifelter Laut, und sank in den Sand, mein Blut floss in dunklen Strömen, warm und klebrig, färbte den Boden rot.

Die Welt wurde dumpf, die Menge verblasste, und ich spürte, wie mein Körper schwer wurde. Doch dann war er da – Papa. Er stolperte zu mir, fiel auf die Knie, seine Hände griffen nach mir, zogen mich in seinen Schoß. „Lukas…“, schluchzte er, seine Stimme war ein rohes Flehen, seine Tränen tropften auf mein Gesicht, vermischten sich mit meinem Blut. Mein Hemd war durchweicht, meine Sicht verschwamm, doch ich sah ihn an, sein Gesicht, voller Schmerz und Liebe. Ich wollte ihm so viel sagen, aber meine Kraft schwand. Mit Mühe hob ich ein schwaches Lächeln, schmerzverzerrt, und flüsterte: „Vater… es… es tut so weh…“

Er wiegte mich, seine Arme zitterten, als er mich fester hielt, als könnte er mich am Leben halten. „Halt durch, mein Junge… bitte…“, flehte er, seine Hand presste sich gegen meine Wunde, doch das Blut sickerte durch seine Finger, unaufhaltsam. „Du darfst nicht gehen… ich brauch dich… ich liebe dich…“ Seine Worte waren ein Gebet, ein Schrei, und ich spürte, wie mein Herz langsamer schlug, wie die Kälte sich in mir ausbreitete.

Mit aller Kraft hob ich meine echte Hand, zitternd, schwach, und legte sie auf seine Wange, seine Haut war warm unter meinen kalten Fingern. „Du warst… immer da…“, murmelte ich, jedes Wort ein Kampf, Blut tropfte von meinen Lippen. „Sag meinem Bruder… dass ich ihn lieb hatte… dass ich ihn beschützen wollte…“ Ein Schluchzen brach aus mir heraus, meine Augen suchten seine, voller Liebe, trotz des Schmerzes. „Und Brienne… sag ihr… sie war die Beste…“

Papa schüttelte den Kopf, seine Tränen fielen auf meine Stirn, seine Stimme war ein verzweifeltes Flehen. „Nein, Lukas… du wirst es ihnen selbst sagen… du musst leben… bitte…“ Doch mein Lächeln wurde schwächer, meine Hand glitt von seiner Wange, und mit einem letzten, zitternden Atemzug flüsterte ich: „Ich hab dich lieb… Papa…“

Dann wurde alles still. Die Welt löste sich auf, und ich war fort, ein letzter Gedanke an Papa, an meinen Bruder an die Liebe, die ich zurückließ.

Jaime stand in einem kleinen Raum in Casterly Rock, die Sonne malte warme Streifen auf den Boden, und Brienne saß auf einem Stuhl, sein kleiner Sohn, schlief in ihren Armen, sein Atem leise und gleichmäßig. Jaime kniete sich vor sie, seine Hand legte sich sanft auf ihre, seine Augen glänzten vor Schmerz, aber auch einer stillen Entschlossenheit.

„Brienne…“, begann er, seine Stimme rau, jedes Wort schwer vor Emotion. „Ich… ich bin bereit. Ich will Joren an seinen Ort bringen… zu Lukas.“ Seine Kehle zog sich zusammen, und eine Träne lief über seine Wange, doch er hielt ihren Blick, seine Hand drückte ihre fester.

Brienne erstarrte, ihre blauen Augen weiteten sich, und sie schluckte schwer, ihre Finger zitterten unter seinen. „Jaime…“, flüsterte sie, ihre Stimme brach, „bist du sicher?“ Ihre Augen glänzten, voller Liebe und Sorge, und sie legte eine Hand auf Jorens Kopf, als könnte sie ihn so vor dem Schmerz schützen. „Es ist… es ist so schwer… für dich, für uns…“

Jaime nickte langsam, seine Lippen zitterten, doch seine Stimme war fest, trotz der Tränen. „Ich bin sicher“, sagte er, seine Hand hob sich, um ihr Gesicht zu berühren, seine Finger strichen sanft über ihre Wange. „Ich muss es tun… für Joren… für Lukas. Er hat es verdient, dass sein Bruder ihn kennt… dass er weiß, wie sehr Lukas ihn geliebt hat.“ Seine Stimme brach, und er senkte den Blick, seine Schultern bebten. „Ich vermiss ihn so sehr… jeden Tag… aber ich will, dass Joren ihn fühlt, so wie ich ihn fühle…“

Brienne lehnte sich vor, ihre Stirn berührte seine, ihre Tränen vermischten sich mit seinen. „Ich weiß…“, flüsterte sie, ihre Stimme voller Schmerz, aber auch Liebe. „Und ich werde bei dir sein… immer.“ Sie zog ihn an sich, ihre Arme schlossen sich um ihn, Joren zwischen ihnen, und für einen Moment waren sie eins, vereint in ihrem Verlust und ihrer Liebe.

Ich stand wieder an meinem Ort, unter dem Löwenbaum, wo die Sonne tief über den Klippen von Casterly Rock hing, ihr goldenes Licht auf den Wellen des Meeres tanzte. Der Baum war gewachsen, seine goldenen Blätter flüsterten im Wind, ein Lied, das von mir erzählte, von meinen Lachen, meinen Träumen. Um den Stamm lagen die Muscheln, die ich am Strand gesammelt hatte, ihre schimmernden Oberflächen glänzten wie Perlen, und der winzige, geschnitzte Löwe, den Papa für mich gemacht hatte, ruhte zwischen ihnen – ein Stück von uns, von meiner Stärke, meiner Liebe. Ich war ein Geist, durchscheinend im Morgenlicht, meine goldene Hand schimmerte sanft, meine Augen warm vor Liebe, und ich lehnte mich gegen den Baum, meine Finger strichen über die Blätter, als könnte ich ihre Wärme spüren.

Dann sah ich sie kommen – Papa und mein Bruder. Papa ging langsam, seine Stiefel knirschten auf dem Pfad, seine echte Hand hielt seine kleine, warme Hand fest, während seine goldene schwer an seiner Seite hing. Er war anderthalb, seine Schritte tapsig, aber entschlossen, seine blauen Augen – Briennes Augen – funkelten vor Neugier. Sein goldenes Haar wehte im Wind, und er gluckste, als er über eine Wurzel stolperte, sich sofort wieder aufrappelte. „Pah-pah!“, rief er, seine Stimme hoch und süß, das „Papa“ weich und undeutlich, und ich lächelte, auch wenn niemand es sah, weil es Papas Herz zum Schmelzen brachte, selbst durch den Schmerz hindurch.

„Alles okay, Joren mein kleiner Löwe?“, murmelte Papa. „Ja“ sagte Joren lächelnd. Ein schwaches Lächeln zog über seine Lippen, als er Joren’s Haare durchstrubbelte, wie er es immer bei mir tat und Joren sagte „Pah-pah aufhören.“ Jaime seufzte mit einem Grinsen doch seine Augen waren trüb, voller Trauer, die mich wie ein Dolch traf. Ich wollte rufen, wollte ihm sagen, dass ich hier war, dass ich ihn liebte, doch mein Mund war stumm, meine Gestalt unsichtbar. Sie erreichten die Lichtung, und Papa stockte, sein Atem ging schwer, als sein Blick auf den Baum fiel, auf die Muscheln, den Löwen. Eine Träne glänzte in seinem Augenwinkel, und ich streckte meine Hand aus, wollte ihn trösten, doch meine Finger glitten durch ihn hindurch.

Papa kniete sich ins Gras, seine Knie sanken tief in die weiche Erde, und er hob Joren auf seinen Schoß, seine echte Hand hielt ihn fest, während seine goldene schwer auf Jorens Rücken ruhte. Joren gluckste, seine kleinen Finger griffen nach einem goldenen Blatt, das herabgeweht war, und er hielt es triumphierend hoch. „Guck, Papa!“, sagte er, seine Stimme ein süßes Kauderwelsch, und Papa lachte leise, ein Laut, der Schmerz und Liebe vermischte. „Ja, das ist wunderschön“, murmelte er, doch seine Augen waren auf den Baum gerichtet – auf mich, auch wenn er es nicht wusste.

„Joren…“, begann Papa, seine Stimme rau, jedes Wort ein Kampf gegen die Tränen, die ich in seinen Augen sah. „Das ist der Ort deines großen Bruders… von Lukas.“ Seine Kehle zog sich zusammen, ein Schluchzen drohte, ihn zu überwältigen, und er schloss die Augen, als könnte er den Schmerz bändigen. „Er hat diesen Baum geliebt… hat immer gesagt, die Blätter sind wie Gold, wie unsere Familie… wie wir, wenn wir zusammen waren…“

Ich lächelte sanft, meine geistigen Finger strichen über den Baum, und ich flüsterte, auch wenn niemand mich hörte: „Ich hab ihn immer noch lieb, Papa… die Blätter, dich, Joren…“ Seine Worte trafen mich wie ein warmer Wind, und ich lehnte mich dichter an den Baum, als wollte ich ihn umarmen, als könnte ich so näher bei ihnen sein.

Papa zog Joren fester an sich, seine Lippen zitterten, als er weitersprach. „Lukas war… er war der mutigste Junge, den ich je gekannt hab“, sagte er, seine Stimme brach, Tränen liefen über seine Wangen, tropften ins Gras. „Er hatte eine goldene Hand, genau wie ich… aber das hat ihn nie aufgehalten… nie… er hat gekämpft, geliebt, alles gegeben, um uns zu schützen… um dich zu schützen, Joren.“ Seine Hand zitterte, als er Jorens weiches Haar berührte, und er presste sein Gesicht gegen den Kopf des Jungen, seine Tränen durchnässten die Tunika.

Ich schluchzte unhörbar, meine geistigen Tränen schimmerten, als ich ihn ansah. „Ich liebe ihn immer noch…“, flüsterte ich, meine Stimme verlor sich im Wind, und ich trat näher, meine Hand streckte sich nach Joren aus, doch sie glitt durch ihn hindurch, ein schmerzhafter Beweis meiner Unsichtbarkeit. „Ich wollte da sein… ich wollte ihn sehen, wie er läuft, wie er spricht…“

Papa stockte, seine Schultern bebten, und seine Stimme wurde zu einem verzweifelten Flüstern. „Er war mein Licht… mein Junge… und ich hab ihn verloren… ich konnte ihn nicht retten…“ Ein Schluchzen brach aus ihm heraus, laut und roh, und er wiegte Joren fester, seine Tränen flossen heißer. „Ich vermiss ihn so sehr… jeden Tag, jede Sekunde… warum musste er gehen? Warum konnte ich ihn nicht halten?“ Seine Finger gruben sich ins Gras, seine goldene Hand schlug dumpf gegen die Erde, ein machtloser Akt der Verzweiflung.

Ich sank neben dem Baum auf die Knie, meine geistigen Tränen fielen, ohne Spuren zu hinterlassen, und ich flüsterte: „Ich bin hier, Papa… ich hab dich nicht verlassen… ich bin immer bei dir… bei Joren…“ Meine Hand schwebte über seiner Schulter, unfähig, ihn zu berühren, und mein Herz brach, als ich seinen Schmerz sah, so roh, so unheilbar.

Papa brach zusammen, seine Arme schlossen sich um Joren, als wäre der Junge das Einzige, was ihn noch hielt, und er presste sein Gesicht gegen Jorens Haar, seine Schluchzer schüttelten ihn. „Lukas…“, flüsterte er, seine Stimme ein gebrochener Schrei, „komm zurück… bitte… ich brauch dich… ich kann das nicht ohne dich…“ Seine Hände zitterten, seine Tränen fielen wie Regen, und er wiegte Joren, als könnte er die Leere füllen.

Joren, der still zugehört hatte, spürte Papas Schmerz, seine kleinen Hände griffen nach seinem Gesicht, seine blauen Augen weiteten sich vor Sorge. „Pah-pah… taurich?“, fragte er, seine Stimme hoch und süß, das „traurig“ ein kindlicher „taurich“, und ich fühlte, wie mein Herz sich zusammenzog, weil es Papa wärmte und brach zugleich. Papa nickte, seine Tränen liefen weiter, und er zog Joren dichter, seine Stimme war kaum hörbar. „Ja… Papa ist sehr traurig… und wird es immer sein… weil er deinen großen Bruder vermisst…“

Joren blinzelte, seine kleinen Finger strichen über Papas Wange, als wollte er die Tränen wegwischen, und dann sagte er, mit einer Klarheit, die mich traf wie ein Blitz: „Lukas.“ Mein Name, weich, fast ein Flüstern, doch es war, als würde die Welt stillstehen. Joren legte den Kopf schief, seine Stimme wurde noch süßer, als er hinzufügte: „Habe Lukas auch lieb.“ Und dann, mit einem neugierigen Blick zum Baum: „Wo Lukas?“

Ich sank ins Gras, meine Tränen liefen unaufhaltsam, und ein Lächeln brach durch meinen Schmerz. „Joren…“, flüsterte ich, meine Stimme unhörbar, doch voller Liebe. „Du kennst mich… du liebst mich… ich bin hier, kleiner Bruder…“ Meine Hand schwebte über seinem Kopf, unfähig, ihn zu berühren, und ich sah Papa an, mein Herz schwoll vor Freude. „Er trägt mich in sich… danke, Papa…“

Papa erstarrte, ein Schluchzen brach aus ihm heraus, und er presste Joren an seine Brust, seine Tränen flossen heißer, seine Stimme war ein verzweifeltes Flehen. „Oh, Joren…“, flüsterte er, seine Hand strich über das Haar des Jungen, zitternd vor Liebe und Schmerz. „Du hast ihn lieb… das weiß Lukas… er weiß es…“ Seine Augen suchten den Baum, als könnte er mich sehen, und er schluchzte: „Er ist… er ist hier, irgendwie… in diesem Baum, in den Muscheln, in dir… aber ich wünschte… ich wünschte, er wäre wirklich hier…“

Ich fühlte, wie mein Herz brach, Jorens Worte waren ein Geschenk, das mich wärmte, aber auch ein Dolch, der sich in mich bohrte, weil ich nicht antworten konnte, nicht berühren konnte. Papa umarmte Joren fester, seine Arme schlossen sich um ihn wie ein Schutzwall, und er presste sein Gesicht gegen Jorens Haar, seine Schluchzer wurden leiser, doch seine Tränen flossen weiter. „Ich liebe dich, Joren…“, flüsterte er, seine Stimme rau, „und Lukas liebt dich… wir werden dich immer lieben…“

In diesem Moment kniete ich mich zu ihnen, meine geistige Gestalt legte ihre Arme um sie beide, eine Umarmung, die die Grenzen zwischen Leben und Tod überwand. Ich fühlte eine Wärme, die durch mich hindurchströmte, wie ein Sonnenstrahl, der Wolken durchbricht, und ich wusste, sie spürten mich, auch wenn sie mich nicht sahen. Joren gluckste leise, seine kleinen Hände griffen nach Papas Gesicht, und er murmelte: „Warm…“, als spürte er meine Liebe, meine Präsenz. Die Sonne strahlte heller, ihre Strahlen tauchten die Lichtung in ein goldenes Licht, das den Löwenbaum erglühen ließ, die Muscheln funkeln ließ wie Sterne.

Ich hielt sie fester, meine Tränen schimmerten, als ich flüsterte: „Ich bin hier… ich werde immer hier sein…“ Meine Liebe war ein Band, das nicht zerreißen konnte, und in diesem Moment, in dieser Umarmung, waren wir eins – Papa, Joren und ich, vereint unter dem Löwenbaum, im Licht der Sonne, die heller strahlte, als wollte sie unsere Liebe für immer bewahren.

2

Letzte Worte in der Nacht

Schauplatz: King's Landing · Lukas Lannister, Jaime Lannister, Tyrion Lannister

Der Traum verblasste, als ich langsam aus dem Schlaf gerissen wurde. Eine Wärme, eine zarte Nähe war darin gewesen – Bilder von Vater, wie ich ihn und meinen kleinen Bruder nach dessen Geburt umarmte. Geborgenheit. Glück. Hoffnung. Dann… nichts mehr.

Ich schlug die Augen auf. Die Kälte der Realität schlug mir ins Gesicht wie ein nasser Lappen.

Die Zelle war dunkel, nur das matte Glimmen einer Fackel draußen im Flur warf bewegte Schatten durch das Gitter. Der Gestank von Stroh, Schweiß und feuchtem Stein lag schwer in der Luft.

Tyrion lag auf der anderen Seite, zusammengerollt in einer Ecke, das Gesicht verkrampft. Er murmelte leise vor sich hin, wälzte sich auf dem Stroh, als kämpfe auch er gegen Gespenster aus seinen Träumen.

Ich drehte den Kopf.

Vater lag neben mir – halb aufrecht, den Rücken gegen die Wand gelehnt. Sein Kopf war leicht zur Seite geneigt, sein Gesicht von einer inneren Qual gezeichnet. Auch wenn er schlief, war da keine Ruhe in ihm. Nur die stumme Sorge eines Mannes, der zu viel verloren hat… und vielleicht im Begriff war, noch mehr zu verlieren.

Ich betrachtete ihn eine Weile.

Meine Gedanken schweiften. Ich dachte an ihn, an meinen kleinen Bruder. Daran, wie sehr ich mir wünschte, dass sie beide ein Leben in Frieden führen könnten. Ohne Ketten. Ohne Urteil. Zusammen mit Brienne, die ihn mit aller Macht beschützt. Und mit Onkel Tyrion, der trotz allem immer an unserer Seite war.

Ich wollte, dass sie lachen. Dass sie leben. Auch ohne mich.

Ganz leise setzte ich mich auf und rückte näher zu Vater. Dann nahm ich behutsam seine linke Hand in meine linke – sie war warm, schwer von Schlaf und Müdigkeit. Ich hielt sie fest, mein Daumen rieb leicht über seinen Handrücken.

Er regte sich nicht, öffnete nicht die Augen. Doch ich spürte, wie er meine Hand schwach zurückdrückte.

Und ich begann zu flüstern.

Ganz leise, nur für ihn. Meine Stimme war ruhig, kontrolliert, wie eine letzte innere Ordnung in einem brennenden Haus.

„Ich weiß nicht, ob ich morgen um diese Zeit noch leben werde. Vielleicht endet es hier. Vielleicht war das alles, was mir bestimmt war…“

Ich blickte auf seine geschlossenen Augen, seine müden Züge.

„Aber ich bereue es nicht, dich Vater genannt zu haben. Ich bereue keinen einzigen Tag, den ich an deiner Seite verbracht habe. Und selbst wenn die Welt uns hasst… ich habe dich geliebt. Ich liebe dich. Und ich bin stolz, dein Sohn zu sein.“

Meine Stimme blieb gefasst. Kein Zittern, kein Beben. Nur die Wahrheit.

„Ich habe dich oft bewundert, weißt du? Wie du durch all das gegangen bist, ohne zu zerbrechen. Ich habe gesehen, wie du gelitten hast. Und ich wollte dich retten. Immer. Vielleicht habe ich’s vermasselt. Vielleicht war ich nur ein weiterer Ballast. Aber… wenn es morgen vorbei ist, will ich, dass du weißt: Ich habe nie aufgehört, dich zu sehen. Dein wahres Ich.“

Ich senkte den Blick, spürte den Rhythmus seines Atems, das Gewicht seiner Hand in meiner.

„Mach weiter. Mit Brienne. Mit Tyrion. Mit… mit meinem Bruder. Er wird dich brauchen. Ich glaube an dich.“

Ich verharrte noch einen Moment so, dann lehnte ich mich leicht gegen seine Schulter. Die Wärme seiner Nähe war beruhigend. Und ohne dass ich es bemerkte, schlossen sich meine Augen wieder.

Die Nacht verging lautlos, schwer wie Blei.

Dann kam der Morgen.

Ein dünner Streifen Licht kroch durch das Gitter. Ich blinzelte. Der Schmerz in meiner Brust war nicht körperlich – er war die Schwere der Erkenntnis.

Der wahrscheinlich letzte Morgen meines Lebens war angebrochen.

Ich saß schon lange wach. Vielleicht Stunden. Vielleicht eine Ewigkeit. Der kühle Steinboden unter mir, die raue Wand, an die ich gelehnt war, gaben mir keinen Halt. Nur das Gewicht von Vater an meiner Seite erinnerte mich daran, dass ich überhaupt noch etwas fühlte – auch wenn es kaum mehr war als ein Echo.

Mein Blick war starr auf die Wand gerichtet. Ausdruckslos. Leer. Keine Angst mehr. Keine Hoffnung. Ich hatte fast mit allem abgeschlossen.

Dann klopfte es.

Zwei dumpfe Schläge gegen die alte Holztür, gefolgt von einer rauen Stimme: „Fünf Minuten. Dann geht’s los.“

Vater zuckte leicht zusammen. Ich spürte es an meiner Schulter. Er hob den Kopf und sah mich an – müde, panisch. Onkel Tyrion erwachte fast gleichzeitig, blinzelte verwirrt, dann voller Schmerz. Sein Blick fiel auf mich. Er sagte nichts. Aber in seinen Augen war ein Sturm. Trauer. Wut. Hilflosigkeit.

Die Tür öffnete sich. Zwei schwer gerüstete Wachen traten ein. Sie bedeuteten uns, aufzustehen.

Wir wurden hinausgeführt. Der Gang vor der Zelle war schmal, feucht, roch nach Metall und Moder. Keiner von uns sprach. Vater und Onkel waren dicht bei mir, fast so, als könnten sie mich mit ihrer Nähe schützen. Doch ich fühlte… nichts. Nur meinen Atem. Und jeden Schritt, den ich tat, war als würde der Boden unter mir zittern.

3

Abschied in der Arena

Schauplatz: King's Landing · Lukas Lannister, Jaime Lannister, Tyrion Lannister, Brienne von Tarth, Lennard Baratheon, Erik Stark, Bronn, Ramsay Bolton, Cengiz Martell, Paul Lannister, Euron Greyjoy, Gregor Clegane

Dann traten wir hinaus.

Der Duellplatz lag vor uns wie ein Relikt aus einer anderen Zeit – eine gewaltige Arena, die in das Steinherz der Festung geschlagen war. Ränge aus Stein, voll mit Menschen. Rufe. Johlen. Beleidigungen. Anfeuerungen.

Ich hörte nichts. Als wären alle Stimmen unter Wasser.

Mein Blick blieb geradeaus gerichtet, leer, kalt.

Auf der gegenüberliegenden Seite stand er schon: Der Mountain. Gregor Clegane.

Neben ihm: Ramsay. Flüsternd. Zischelnd. Doch Gregor reagierte nicht. Er starrte nur… mich an. Mit einem Blick, der nicht zu einem Menschen gehörte.

„Noch fünf Minuten bis zum Kampf!“, rief ein Herold laut.

Wir hielten an. Die drei von uns – Vater, Onkel, ich – standen im Kreis. Unsere Blicke begegneten sich. Niemand sagte etwas. Aber das Nicken, das durch uns ging, war mehr als Worte. Traurigkeit. Verbundenheit. Abschied.

Dann trat Tyrion vor. Er sah mich lange an. Seine Augen glänzten.

„Lukas…“, begann er, seine Stimme kratzte. „Ich wünschte, ich könnte dir sagen, dass alles gut wird. Dass du morgen aufwachst und das alles hier war nur ein schlechter Traum… aber ich kann dich nicht belügen.“

Er trat näher, seine Hände griffen meine Schultern. „Du bist… das mutigste Wesen, das ich je kennengelernt habe. Du bist mein Neffe, ja. Aber in Wahrheit warst du mein Licht. In all dem Dreck, in all der Dunkelheit – da warst du. Und ich… ich habe dich geliebt, von dem Moment an, als ich dich zum ersten Mal sah.“

Er schluckte schwer.

„Und egal, was da heute passiert – du bist kein Monster. Du bist kein Mörder. Du bist ein Sohn, ein Bruder, ein Freund… und für mich wirst du immer einer der besten Menschen sein, die je durch diese verdammte Welt gegangen sind.“

Er zog mich fest in eine Umarmung. Ich spürte seinen Atem an meinem Hals, spürte, wie sein kleiner Körper zitterte.

Ich flüsterte leise: „Jedes Mal, wenn du Wein trinkst… nimm einen Schluck für mich.“

Tyrion nickte heftig, Tränen liefen ihm über die Wangen. Er küsste mich auf die Wange und trat dann langsam zurück, sich die Augen wischend.

Ich sah zu Vater. Unsere Blicke trafen sich.

Ein trauriges, gebrochenes Lächeln formte sich auf meinen Lippen – eine Fratze dessen, was früher einmal Freude gewesen war.

Er starrte mich an. Seine Augen… so offen, so voller Schmerz. Wie ein Hund, der nicht versteht, warum sein Herr ihn zurücklässt.

Wir schüttelten gleichzeitig die Köpfe. Wortlos. Und dann liefen wir aufeinander zu.

Wir umarmten uns fest. Ein letztes Mal. Ein letzter Moment.

Keiner wollte loslassen. Keiner sprach.

Dann neigten wir unsere Stirn aneinander. Seine linke Hand lag auf meinem Hinterkopf, meine auf seinem. Unsere Nasen berührten sich. Wir atmeten gleich.

„Noch letzte Worte?“, fragte eine Stimme der Königsgarde.

Ich sah ihn an, suchte seinen Blick.

„Joren“, sagte ich leise.

Er zog verwundert die Augenbrauen zusammen.

„Ich hab letzte Nacht von dir, von mir und dem Kleinen geträumt. Und er… er hieß Joren.“

Er starrte mich an. Etwas in ihm brach sichtbar.

Dann, nach einem langen, stockenden Atemzug, flüsterte er:

„Joren.“

Seine Stimme bebte.

Und da kamen die Wachen. Langsam, aber bestimmt. Sie zogen mich von ihm weg.

Ich spürte, wie seine Finger meine umklammerten – wie sie zitterten, sich festkrallten, bis es nicht mehr ging.

Dann riss man mich fort.

Die Wachen zogen mich grob weiter, ihre Hände fest um meine Oberarme. Der Sand unter meinen Füßen war trocken, heiß – oder ich bildete mir die Hitze nur ein, weil ich innerlich längst verbrannt war. Meine Schritte führten mich mitten in die Arena, und als ich mich kurz umsah, fiel mein Blick auf die rechte Seite, gleich am Rand.

In einem abgetrennten Areal, bewacht von mehreren Soldaten, standen sie. Brienne. Lennard. Erik. Paul. Bronn. Alle mit Ketten an den Handgelenken, die vom Sonnenlicht glühten.

Ihre Körper waren gezeichnet – Blut an den Armen, Schmutz im Gesicht, zerrissene Kleidung. Doch ihre Gesichter… ihre Gesichter waren das, was mir den Atem raubte. Zerschlagen. Erschöpft. Hoffnungslos.

Brienne stand vorn, zitternd, ihr Blick auf mich gerichtet. Lennard hielt sie mit beiden Armen fest, flüsterte ihr etwas zu, flehte sie an: „Bitte… schau weg, Brienne… du sollst das nicht sehen.“

Erik war zusammengesackt auf den Boden gefallen, sein Gesicht in den Händen vergraben, sein ganzer Körper bebte. Paul kniete neben ihm, verzweifelt, streichelte seinen Rücken, redete beruhigend auf ihn ein, doch seine Stimme war brüchig. „Erik… hey… schau mich an. Bitte, er wird das schaffen. Lukas ist stark… er… er…“ Seine Worte brachen in der Kehle.

Bronn versuchte ruhig zu wirken, doch seine Kiefer mahlten, seine Augen waren glasig, und er legte Erik zögerlich die Hand auf die Schulter. „Du weißt, wie verdammt stur der Bengel ist. Wenn einer den Teufel selbst austricksen kann, dann er.“

Ich wurde weitergeführt, langsam, während sich die Welt um mich drehte. Jubel. Rufe. Stimmen, wie aus einer anderen Welt.

Onkel und Vater standen etwas weiter daneben an einer anderen Stelle am Rande der Arena. Als Jaime sah, wie ich in die Mitte geführt wurde, sackte er auf die Knie – als wäre er innerlich zusammengebrochen. Sein ganzer Körper bebte, seine Lippen formten ein stummes „Nein“, ehe ein erster, kehliger Laut aus seiner Brust kam.

„Er ist weg…“, hauchte er. „Er ist endgültig weg…“

Tyrion stürzte sofort zu ihm, fiel neben ihn, schlang seine Arme um ihn, so fest, wie es sein kleiner Körper nur konnte. „Nein, Jaime…“

„Ich hab immer geglaubt…“ Jaime schluchzte nun offen, mit zitternder Stimme, „dass da etwas ist… irgendetwas, das ihn retten könnte. Uns alle. Vielleicht ein Wunder. Vielleicht ein Zauber, irgendetwas. Aber jetzt… ich kann nichts mehr tun, Tyrion… nichts mehr…“

Tränen liefen ihm übers Gesicht, tropften auf den staubigen Boden.

Tyrion flüsterte schwer atmend: „Sollen wir gehen? Bevor es passiert?“

Doch Jaime schüttelte sofort den Kopf, ein entschlossener, gebrochener Ausdruck in seinen Augen. „Nein… wenn er stirbt… dann werde ich zu ihm rennen. In die Arena. Ich schwöre es dir. Egal, wer mich aufhalten will. Ich lasse ihn nicht allein… nicht in seinem letzten Moment.“

Tyrion sah ihn an. Lange. Dann nickte er stumm, Tränen in den Augen. „Dann rennen wir zusammen.“

Ein Moment des Einverständnisses.

Und dann… war ich wieder da. Stehend. In der Mitte der Arena. Vor dem Schatten, der sich über mich erhob wie eine Mauer aus Fleisch, Metall und Tod.

Der Mountain. Gregor Clegane. Er stand da, unbewegt, ein Koloss mit einem Schwert wie ein Baumstamm. Seine Maske funkelte im Licht. Er atmete. Langsam. Dumpf. Und er sah… nur mich.

Eine Wache reichte mir mein Schwert. In meine linke Hand. Die noch echt war. Die schwächer war. Die Hand, mit der ich nie gelernt hatte, zu kämpfen.

Ich schluckte. Mit der Rechten hätte ich vielleicht einen Hauch einer Chance gehabt. Einen Augenblick. Eine Klinge, die ihr Ziel trifft. Aber so…

Und dann erklang Eurons Stimme.

Er stand oben auf der Tribüne, breit grinsend, mit offenem Hemd, den Mantel über die Schultern geschwungen. Neben ihm: Ramsay, der kaum stillzuhalten schien, vor Aufregung bebte.

„Willkommen, ihr Bastarde, Narren, und hungernden Hunde!“, rief Euron. „Heute sehen wir Blut. Und falls irgendjemand… IRGENDJEMAND… noch meint, sich zwischen diesen armen Knaben und den Berg stellen zu müssen… dann wäre jetzt die letzte verdammte Chance!“

Ramsay trat neben ihn, seine Stimme hoch, zischend, spöttisch: „Wenn keiner mehr kommt, der für ihn sterben will – dann lasst die Vorstellung beginnen!“

Ein letztes Mal drehte ich mich um. Mein Blick ging zu ihnen. Brienne, Lennard, Erik, Paul, Bronn. Sie alle sahen mich an – verwirrt, entsetzt, bewegungslos. Meine Lippen bewegten sich kaum merklich, ein stummes, zerbrochenes Nicken. Dann blickte ich zu Vater und Onkel. Und auch ihnen nickte ich zu. Ein stilles, zärtliches Lebewohl.

Ich drehte mich zurück…

…und dann –

„HALT!!!“

Ein einziger Ruf, laut wie ein Donnerschlag, durchbrach alles.

Ich fuhr herum. Ein Raunen ging durch die Menge.

Am Eingang der Arena stand jemand… Ein Schwert in der Halterung. Ein entschlossener Blick im Gesicht. Ein breites, schelmisches Grinsen.