Ankunft bei Lennard
Der Himmel über Storm’s End war grau, als wir das gewaltige Tor erreichten. Der Wind vom Meer wehte kalt, als würde er mich daran erinnern, warum ich hier war.
Mein Herz schlug schneller. Ich war angespannt.
Nicht nur wegen meines Vaters.
Nicht nur wegen dessen Schuld.
Sondern auch wegen all der anderen. Die mich im Stich gelassen hatten. Die einfach weiterlebten, während Marlis tot war.
Neben mir lief Paul, ruhig wie immer. Ich wusste, dass er mich beobachtete, aber er sagte nichts.
Dann öffneten sich die Tore.
Ein Mann trat hinaus.
Er war groß – etwa 1,85m – mit blonden Haaren und blauen Augen. Sein Blick war offen, seine Haltung entspannt, fast freundlich.
Lennard Baratheon.
„Lukas Lannister,“ begrüßte er mich mit einer festen Stimme. „Mein Beileid für das, was passiert ist.“
Seine Worte waren ehrlich. Keine leeren Phrasen, kein höfliches Gerede. Ich hielt kurz inne, dann streckte ich ihm die Hand hin.
„Danke, dass Ihr uns hier aufnehmt.“
Lennard schüttelte meine Hand und nickte. „Kein Problem. Ich bin mit Brienne schon lange befreundet – ihre Freunde sind auch meine.“
Sein Griff war fest, aber nicht erdrückend. Ich ließ meine Hand sinken und trat mit Paul durch das Tor.
Während wir durch die Festung gingen, musterte ich Lennard aus den Augenwinkeln.
Er sah nicht aus wie ein typischer Baratheon.
Paul stellte die Frage, die mir bereits durch den Kopf ging:
„Haben Baratheons nicht eigentlich alle schwarze Haare?“
Lennard lachte nur. „Nicht ich. Meine Mutter hatte blonde Haare.“
Ich beließ es dabei und sah mich in der Festung um.
„Wo sind die anderen?“ fragte ich schließlich.
Lennard blickte mich an und erklärte ruhig:
„Bronn, Erik und der Dornische sind in einem Treffen mit meinen Soldaten.“
„Brienne musste für einige Tage nach Tarth, Tyrion begleitet sie zum Hafen.“
Dann zögerte er kurz, bevor er fortfuhr.
„Jaime hält sich meist im kleinen Garten im Innenhof auf… aber er hat nicht viel gesagt.“
Ich nickte.
Innerlich… verspürte ich eine gewisse Befriedigung.
Er war nicht glücklich.
Das war gut. Das war richtig.
Und doch war da auch der Hass.
Der Hass darauf, dass er noch atmete. Dass er nicht wirklich litt.
Paul brach das Schweigen. „Ich gehe kurz auf mein Zimmer und schaue dann bei den Soldaten vorbei. Ich will mich informieren.“
Lennard nickte. „Natürlich.“
Dann wandte er sich mir zu.
„Ruh dich erstmal aus, wenn du willst. Oder… du kannst zu deinem Vater gehen.“
Ich holte tief Luft. Mein Blick wurde hart.
„Das werde ich auf jeden Fall tun.“
Zorn loderte in meiner Stimme.
Lennard führte mich durch die steinernen Gänge von Storm’s End. Der Wind draußen heulte leise, als wollte er mir zuflüstern, dass ich umdrehen sollte.
Doch ich würde nicht umdrehen.
Wir erreichten eine schwere Holztür, die er aufstieß.
„Das ist dein Zimmer,“ sagte er und trat zur Seite.
Ich warf einen kurzen Blick hinein. Ein großes Bett, ein Tisch, eine Waschschüssel – schlicht, aber komfortabel.
Ich drehte mich zu ihm. „Danke, Lennard.“
Er nickte. „Kein Problem.“ Dann musterte er mich kurz. „Du willst wirklich direkt zu ihm?“
Ich atmete durch. „Ja.“
Lennard seufzte leicht. „Er ist wahrscheinlich im kleinen Garten. Ich erkläre dir den Weg.“
Er beschrieb mir die Richtung – durch den Hauptraum, dann links durch einen schmalen Gang, bis ich eine Tür mit eisernen Beschlägen sehen würde. Dahinter war der Garten.
Ich nickte, speicherte mir die Worte ab.
„Danke, Lennard.“
„Viel Glück,“ sagte er nur.
Ich trat hinaus.
Ich holte tief Luft.
Lass es dir nochmal durch den Kopf gehen.
Was er getan hat.
Was er nicht getan hat.
Wie er sie sterben ließ.
Wie er mich verlassen hat.
Die Wut brodelte in mir. Ich ballte die Fäuste.
Dann ging ich weiter.
Jeder Schritt hallte auf dem Steinboden wider.
Ich erreichte die Tür mit den eisernen Beschlägen.
Zögerte kurz.
Versöhnung im Garten
Dann stieß ich sie auf.
Der kleine Garten lag vor mir, fast friedlich im schwachen Sonnenlicht.
Und da saß er.
Mein Vater.
Den Rücken an den Baum gelehnt.
Sein Blick war bereits auf mich gerichtet.
Das Quietschen der eisernen Türscharniere schnitt durch die Stille des Gartens wie ein Dolch durch Fleisch.
Jaime hob den Blick.
Und dann sah er ihn.
Sein Herz machte einen Sprung – ein jäher, unkontrollierbarer Reflex, gemischt aus Erleichterung, Angst und einer tiefen, schneidenden Schuld.
Lukas.
Jaime war sofort auf den Beinen, sein Körper spannte sich an.
„Lukas...“ Seine Stimme war belegt, fast brüchig. „Ich bin so froh, dich zu sehen.“
Doch Lukas’ Augen waren dunkel.
Die Worte erreichten mich.
Für einen Moment – einen einzigen Moment – fühlte ich, dass sie ehrlich waren.
Doch dann...
Die Bilder kamen hoch. Die Erinnerungen. Der Schmerz.
Und die Wut riss alles nieder.
Jaime machte einen zögerlichen Schritt auf mich zu, und ich auf ihn.
Sein Blick – voller Schuld.
Mein Blick – unverändert, aber je näher ich ihm kam, desto mehr flammte die Wut darin auf.
Er begann zu sprechen.
„Lukas, bitte...“ Seine Stimme war flehend. „Ich wollte dich beschützen. Ich wollte dich retten. Ich wollte nicht, dass das passiert.“
Seine Worte prallten an mir ab wie Pfeile gegen eine Mauer.
„Bitte, glaub mir – ich hätte alles getan, um euch zu retten!“
Ich hörte nichts.
Ich sah nur sein Gesicht. Sein Verrat.
Und dann war ich nah genug.
Ich holte aus –
Meine Faust traf ihn direkt im Gesicht.
Jaime taumelte zurück, Blut sickerte aus einer aufgeplatzten Stelle an seiner Wange.
Tränen sammelten sich in seinen Augen.
Doch ich war nicht fertig.
Ich schlug weiter zu.
Ein Schlag.
Ein zweiter.
Ein dritter.
Er blutete. Doch er ließ es geschehen.
Er wehrte sich nicht.
„Es tut mir leid!“ keuchte er. „Ich wollte das nicht, Lukas, du musst mir glauben!“
Ich trat ihn mit dem Knie in den Magen.
Ein ersticktes Keuchen entkam ihm, als er zusammensackte, nun auf einem Knie vor mir.
Er blutete. Innerlich gebrochen.
Seine Augen waren rot vor Tränen.
„Ich verstehe, warum du mich hasst...“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Ich verstehe, warum du das tust.“
Ich packte ihn.
Meine goldene Hand blitzte im Licht auf, bevor sie mit voller Wucht in sein Gesicht krachte.
Jaime fiel auf den Rücken.
Schwer atmend. Blutig. Gebrochen.
Er lag auf dem Rücken, Blut rann über sein Gesicht.
Sein Atem ging schwer, seine Brust hob und senkte sich mühsam.
Dann öffnete er langsam die Augen, sah mich an – und sprach mit letzter Kraft:
„Töte mich, wenn du das für dich tun musst.“
Er versuchte sich aufzurichten, mühsam, keuchend – doch ich ließ es nicht zu.
Mein Fuß traf seinen Oberkörper.
Er stöhnte auf, wurde erneut zu Boden gedrückt.
Schwer atmend, blutend, gebrochen.
Dann, mit einer Stimme, die kaum mehr als ein Flüstern war, sagte er:
„Wenn du mich tötest, Lukas, bist du mein Ende – und das ist in Ordnung für mich. Außer dir habe ich nichts mehr.“
Er hustete, Blut spritzte auf den Boden.
„Aber glaub mir... Ich hab dich immer geliebt, egal was du tust. Und das wird sich auch niemals ändern.“
Seine Stimme brach.
Er schluchzte.
Und dann – kam der Moment.
Bilder blitzten vor meinen Augen auf.
Sein Stolz und seine Sorge, als ich Locke getötet hatte.
Die Wärme, die er mir gab, als Ramsay mir die Hand abtrennte – als ich in meiner Schwäche zu ihm zurückkehrte und er mich schützte.
Seine Rede an meiner Hochzeit.
Alles.
Ich sah ihn an.
Sein Gesicht. Sein Schmerz.
Seine Liebe.
Er hatte die Wahrheit gesagt.
Er wollte mich immer nur beschützen.
Selbst jetzt.
Selbst hier blutend am Boden, würde er mich immer noch lieben.
Meine geballte Faust... löste sich.
Mein Blick... veränderte sich.
Die Wut verschwand.
Und plötzlich stiegen Tränen in meine Augen.
„Was tue ich hier nur...? Was habe ich getan...?“
Meine Stimme brach.
Ich begann zu weinen.
Ich kniete mich langsam zu ihm.
Jaime zuckte leicht zurück, voller Angst.
Er dachte, ich würde ihn nun endgültig töten.
Doch stattdessen...
Nahm ich ihn in den Arm.
Ich spürte, wie sein Körper zitterte.
Ich schloss meine Arme um ihn.
„Papa...“
„Es tut mir so, so leid.“
Ich umarmte ihn so fest ich konnte.
So, wie er mich damals umarmt hatte, als Ramsay mir die Hand genommen hatte.
Mein Kopf lehnte an seinem, meine Tränen flossen unaufhaltsam.
„Es tut mir so leid... was ich dir angetan habe.“
„Ich verstehe jetzt, dass du mich nur beschützen wolltest.“
Meine Worte brachen zwischen Schluchzern.
Jaime war erst erstarrt – schockiert von dem plötzlichen Wandel – doch dann fühlte ich, wie seine Arme sich langsam um mich schlossen.
Mit der letzten Kraft, die er hatte, zog er mich an sich.
„Ist doch okay...“ seine Stimme war warm, aber zittrig.
„Alles ist gut... Ich bin nicht böse. Ich habe dich so lieb... Glaub mir, bitte glaub mir.“
Er weinte nun ebenfalls.
Ich klammerte mich an ihn.
„Ich dich auch Papa.“
Wir hielten uns fest, als könnten wir uns gegenseitig davor bewahren, wieder zu fallen.
Dann lösten wir uns kurz voneinander, unsere Blicke trafen sich.
Seine Augen waren glasig, voller Schmerz – aber auch voller Liebe.
Ich atmete tief ein.
„Ich bin so am Ende, Papa tut mir leid ich bin so überfordert...“
Ich kämpfte mit mir selbst, bevor ich ihn fragte.
„Aber denkst du, wir schaffen das? Dass alles irgendwie wieder okay wird?“
Jaime schluckte. Dann nickte er langsam.
„Natürlich, mein Junge.“
Seine Stimme war sanft, aber bestimmt.
„Wir schaffen das, okay? Wir schaffen das zusammen. Alles wird wieder gut.“
Doch die Schuld lastete schwer auf mir.
Meine Brust zog sich zusammen.
„Es tut mir so leid… unendlich leid…“
Ich umarmte ihn erneut, hielt ihn so fest ich konnte.
Er erwiderte die Umarmung sofort.
„Es ist okay...“
Seine Hand strich beruhigend über meinen Rücken.
„Du musst dich nicht entschuldigen. Alles ist gut. Alles wird gut.“
Jaime hielt mich weiterhin fest in seinen Armen, sein Griff fest, aber beruhigend. Mein Rücken war zur Tür gerichtet, mein Gesicht an seine Schulter gelehnt, während ich immer wieder „Es tut mir so leid…“ flüsterte.
Jaimes Blick jedoch hob sich – gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie sich die Tür langsam öffnete.
Tyrion trat ein, gefolgt von Lennard, der jedoch zögernd im Türrahmen stehen blieb.
Tyrions Augen verengten sich, als er Jaimes Gesicht sah – die blutende Wange, die geröteten Augen, das erschöpfte Zittern seiner Lippen. Ein Ausdruck von Verwirrung huschte über sein Gesicht.
Jaime fing seinen Blick auf.
Für einen Moment sagte er nichts, doch dann – ein kaum merkliches Kopfschütteln.
Ein kurzer, schwacher Zug um seine Mundwinkel, so als wollte er sagen:
„Es ist gut. Alles ist gut.“
Tyrion blinzelte. Dann verstand er.
Ein Lächeln zog über sein Gesicht – nicht spöttisch, sondern voller Erleichterung.
Er neigte kaum merklich den Kopf, ein stilles Einverständnis.
Dann drehte er sich um.
Lennard warf ihm einen fragenden Blick zu, doch folgte ihm, und gemeinsam schlossen sie leise die Tür hinter sich.
Draußen atmete Tyrion tief durch und strich sich übers Gesicht.
Lennard sah ihn schräg an.
„Also… das ist deine Definition von „alles ist okay“?“
Tyrion schnaubte leise, dann lachte er.
„Oh, Lennard… das da drin ist ein Paradebeispiel für „alles ist okay“, wenn es um meinen Bruder und meinen Neffen geht.“ Er schüttelte den Kopf, ein amüsiertes Funkeln in seinen Augen. „Wir müssen uns wohl keine Gedanken machen, das müssten wir erst wenn ein Körperteil fehlt.“
Lennard sah ihn etwas verwirrt an aber lachte und sagte „Na dann.“
Wir hielten uns noch einen Moment länger, ließen den anderen einfach spüren, dass alles wieder gut werden konnte.
Dann löste sich Jaime ein wenig von mir, blickte mir in die Augen und sagte mit einem sanften Lächeln:
„Hey, ich hab vielleicht eine erste Sache, die uns hilft, wieder zur Normalität zurückzukommen.“
Ich blinzelte. Sein Gesicht wirkte erschöpft, aber da war ein Funken Hoffnung in seinen Augen.
„Das klingt gut… Was ist es?“ fragte ich.
Ohne ein Wort stand er auf, trat ein paar Schritte zur Seite und streckte sich nach einem tief hängenden Ast aus. Ich sah, wie er mit seiner goldenen Hand vorsichtig das Gewicht des Astes abwog, dann mit der anderen zwei grüne Äpfel abriss.
Er kam zurück, reichte mir einen davon und setzte sich neben mich.
Ich betrachtete den Apfel kurz – kräftig grün, leicht matt – dann biss ich hinein.
Sauer.
Wie die Äpfel in Casterly Rock.
Der Geschmack zog mich sofort in die Vergangenheit zurück – in Erinnerungen an eine unbeschwerte Kindheit. Ein Moment des Glücks.
Doch dann blitzte ein anderes Bild in meinem Kopf auf.
Marlis.
Ich kaute langsamer, schluckte, sah zu Jaime und murmelte:
„Marlis hat diese Äpfel auch geliebt.“
Jaime hielt für einen Moment inne, dann legte er mir seine goldene Hand sanft auf die Schulter.
„Ich weiß, Großer.“ sagte er leise, mitfühlend.
Es war ein einfacher Satz, aber er traf mich tief.
Ich atmete durch, ließ den Schmerz für einen Moment da sein – dann versuchte ich, die Stimmung aufzuhellen.
„Aber ich bin so froh, dass ich die Äpfel mit dir genießen kann. Für Marlis.“
Jaime sah mich einen Moment lang an, dann lächelte er leicht.
Er hob seinen Apfel und stupste ihn an meinen.
„Für Marlis.“
Für einen Moment war alles in Ordnung.
Dann strich Jaime mir mit seiner Hand durch die Haare – so wie früher.
Ich schmunzelte, nahm noch einen Bissen und ließ mich einfach in diesem Moment treiben.
Wir warfen die Apfelreste beiseite und zögerten nicht lange – vier neue Äpfel landeten in unseren Taschen. Dann verließen wir den Garten.
Als Jaime die Tür öffnete, sahen wir Tyrion und Lennard im Gang sitzen. Sie lehnten entspannt an der Wand, als hätten sie sich darauf eingestellt, lange warten zu müssen.
Ich konnte ein glückliches Lächeln nicht zurückhalten.
„Oh, hallo Onkel!“ sagte ich voller Freude und ging direkt auf Tyrion zu, um ihn zu umarmen.
Er wirkte kurz irritiert, erwiderte die Umarmung dann aber herzlich.
„Schön, dass du mich nicht vergessen hast.“ murmelte er mit einem Schmunzeln und klopfte mir auf den Rücken. Dann musterte er mich kurz. „Alles halbwegs okay?“
Ich nickte. „Ja… Alles soweit gut.“
Tyrion musterte mich mit prüfendem Blick, doch als er keine weitere Anspannung in meinem Gesicht erkannte, nickte er zufrieden.
In diesem Moment kam mir eine spontane Idee. Ich wandte mich an Jaime.
„Hast du noch einen Apfel? Ich hab Lust auf noch einen.“
Jaime zog einen Apfel aus seiner Tasche und reichte ihn mir, während er sich selbst ebenfalls einen nahm.
Tyrion verschränkte gespielt beleidigt die Arme. „Na super. Und keinen für mich?“
Jaime lachte und holte mit einer theatralischen Geste einen weiteren Apfel hervor, den er Tyrion reichte.
Tyrion nahm ihn mit einem amüsierten Gesichtsausdruck entgegen, biss hinein und schloss genießerisch die Augen. „Mmh, wie zu Hause.“
Lennard fing den Apfel, den ich ihm zuwarf, mit einer geschickten Handbewegung und nickte mir dankbar zu.
„Ich hab eine Idee.“ sagte Tyrion schließlich, als er seinen Apfel zur Hälfte aufgegessen hatte. „Wie wäre es mit einem ordentlichen Glas Wein, um den Abend ausklingen zu lassen?“
Niemand hatte etwas dagegen. Also machten wir uns auf den Weg in ein gemütliches Zimmer, das mit warmem Kerzenlicht und bequemen Polstern zum Verweilen einlud. Ein Diener brachte Wein, Brot und Käse.
Wir saßen zu viert beisammen, tranken den tiefroten, samtigen Wein und genossen die entspannte Atmosphäre.
Nach einer Weile, vielleicht durch die angenehme Wärme des Weins oder einfach die gelöste Stimmung, schlug ich begeistert vor:
„Was haltet ihr davon, für ein paar Tage nach Tarth zu reisen? Den Kopf freibekommen, etwas am Strand sein…?“
Einen Moment lang war es still. Dann sahen sich alle an.
Lennard zuckte mit den Schultern und grinste. „Warum nicht? Sollte kein Problem sein.“
Tyrion hob sein Glas. „Ich habe definitiv schon schlechtere Pläne gehört.“
Jaime lehnte sich zurück und nickte langsam. „Tarth… das wäre tatsächlich schön.“
Und so war es beschlossen. Morgen früh würden wir aufbrechen.
Doch heute Abend ließen wir einfach los.
Wir erzählten lustige Geschichten – Tyrion berichtete von einem Trinkspiel, das er einmal mit Bronn und einer Truppe betrunkener Soldaten gespielt hatte und das am Ende in einem hitzigen Streit darüber mündete, wer das beste Lied über einen betrunkenen Esel dichten konnte. Lennard lachte über eine Anekdote, in der ein betrunkener Ritter aus Versehen in eine Latrine gefallen war und sich danach für einen Geist hielt. Jaime erzählte von einem misslungenen Jagdausflug, bei dem er und sein Jagdgefährte vor einem Hirsch geflohen waren, der sich als weitaus aggressiver herausgestellt hatte als erwartet.
Ich selbst erzählte eine Geschichte aus meiner Kindheit – ein Tag, an dem ich versucht hatte, Tyrion beim Schachspielen zu überlisten und er mich mit einem einzigen Zug schachmatt gesetzt hatte.
Es wurde gelacht, getrunken und gegessen.
Es fühlte sich leicht an.
Schließlich, als die Nacht hereingebrochen war und wir alle müde wurden, verabschiedeten wir uns voneinander und gingen schlafen.
Morgen würde ein neuer Tag beginnen – und mit ihm eine Reise, die vielleicht ein Neuanfang war.
Überfahrt nach Tarth
Die ersten Sonnenstrahlen tauchten die Landschaft in ein sanftes, goldenes Licht, als ich früh aufwachte. Ich fühlte mich erfrischt und voller Vorfreude. Schnell packte ich meine Sachen zusammen und verließ mein Zimmer.
Unser Treffpunkt war der Raum von gestern Abend, und als ich dort ankam, war Lennard bereits wach und stand mit seinem Gepäck bereit.
„Guten Morgen, bist du bereit?“ begrüßte ich ihn.
Er gähnte und erwiderte meinen Gruß mit einem müden Lächeln. „Morgen… Ja, ich bin bereit. Ich hab echt Lust auf die Reise, aber bin noch etwas müde. Aber hey, auf dem Weg nach Tarth kann ich ja schlafen.“
Ich lachte. „Klingt nach einem Plan.“
Nicht lange danach hörten wir Schritte auf dem Gang. Jaime und Tyrion tauchten auf, beide mit gepackten Sachen – Jaime sah wach und fokussiert aus, während Tyrion einen leicht gequälten Ausdruck auf dem Gesicht hatte.
Ich grinste. „Na, seid ihr auch endlich wach?“
Jaime schmunzelte. „Ich war es, aber dein Onkel hier...“ Er deutete auf Tyrion, der sich mit einer Hand an die Schläfe rieb. „Sagen wir mal so – er hat es gestern Abend ein bisschen übertrieben. Ich musste ihn wecken.“
Tyrion seufzte dramatisch. „Ihr jungen Leute und eure Energie… Ich bin vielleicht klein, aber meine Kater sind riesig.“
Wir lachten alle und machten uns auf den Weg zum Hafen.
Die Schifffahrt nach Tarth war ruhig. Eine angenehme Brise wehte über das Deck, während die Wellen sanft gegen den Rumpf des Schiffes schlugen. Tyrion hatte sich einen bequemen Platz gesucht und versuchte, seinen Kater mit Wasser und etwas Brot zu bekämpfen. Lennard hielt sein Wort und schlief fast die ganze Überfahrt, eingekuschelt in seinen Mantel. Jaime und ich standen an der Reling, blickten auf das endlose Blau des Meeres hinaus und sprachen über unsere Erinnerungen an alte Reisen.
Nach einigen Stunden tauchte Tarth am Horizont auf.
Die Insel wurde nicht umsonst „Sapphire Islands“ genannt. Das Wasser ringsherum schimmerte in einem tiefen, fast unwirklichen Blau, das wie ein Ozean aus flüssigen Edelsteinen wirkte. Die Küstenlinie war gesäumt von weißen Sandstränden und üppigen grünen Wäldern, die sich bis zu sanften Hügeln erstreckten. Überall in der Ferne glitzerten kleine Wasserfälle in der Morgensonne.
Wir näherten uns langsam dem Hafen.
Als wir schließlich anlegten, atmete Lennard tief durch und streckte sich. „Herrlich. Das ist genau das, was wir jetzt brauchen.“
Dann wandte er sich an uns. „Ich kümmere mich um ein Haus am Strand für uns. Außerdem lasse ich Brienne ausrichten, dass wir ein paar Tage hier sind.“
Wir nickten zustimmend, während der warme Seewind um uns wehte.
Tarth lag vor uns – ein Ort der Ruhe, der vielleicht genau das war, was wir jetzt brauchten.
Nach kurzer Zeit kam Lennard zurück, ein breites Grinsen im Gesicht und einen Schlüssel in der Hand.