Hass in der Zelle
Die Kerker von King’s Landing sind kalt, feucht und riechen nach Schmutz, Angst und Tod. Mein Rücken lehnt gegen die rauen Steine der Zellenwand, doch ich spüre sie kaum. Mein Kopf dröhnt, meine Gedanken sind ein endloses Echo.
Marlis ist tot.
Das Bild von ihr liegt vor mir, jedes Detail gebrannt in meine Augen.
Ihr Körper, leblos. Ihre Lippen, leicht geöffnet.
Ich höre es immer noch. Das schneidende Lachen von Cersei, das Aufblitzen des Dolches in ihrer Hand.
Ich höre Jaimes Schrei.
Jaime.
Mein Blick fällt auf meine Hand. Sie zittert. Ich balle sie zur Faust, spüre meine Nägel in meiner Haut.
Mein Vater.
Ich habe ihm immer vertraut. Mehr als jedem anderen Menschen auf dieser Welt. Ich hätte ihm alles erzählt. Egal was es war, er hätte es verstanden. Er war der Einzige, den ich wirklich bewundert habe.
Und er hat es einfach weggeworfen.
All die Jahre, all das Vertrauen – für nichts.
Warum?
War er so blind? So dumm?
Oder war ihm alles egal?
Nein. Ich habe sein Gesicht gesehen, als Marlis starb. Den Schmerz, die Angst. Er wusste genau, was er verloren hat.
Aber das ändert nichts.
Ich hasse ihn.
Bei den Göttern, ich hasse ihn so sehr.
Ich kann es nicht einmal beschreiben. Es ist nicht einfach nur Wut, nicht nur Schmerz. Es ist ein brennender, alles verzehrender Hass, der in mir wächst, der mich auffrisst.
Ich würde ihn nicht nur töten. Ich würde ihn zerstören.
Ich würde ihm alles nehmen.
Ich würde ihn genauso zerbrechen, wie er mich zerbrochen hat.
Aber es bringt nichts.
Ich sitze hier, gefangen, während er irgendwo da draußen ist.
Ein Fluch entweicht meinen Lippen, und ich lehne meinen Kopf gegen die kalten Steine, schließe meine Augen.
Und dann –
Die Zellentür wird aufgestoßen.
Ich zucke zusammen, öffne die Augen, als ich höre, wie ein Körper auf den Boden geworfen wird.
Ein junger Mann, etwa in meinem Alter, rappelt sich auf. Er streicht sich den Staub von seinen abgetragenen Klamotten, seufzt tief und schüttelt leicht den Kopf.
„Muss das sein?“ sagt er und klingt dabei… gelangweilt. „Das ist ja so öde.“
Ich blinzele. Mein Kopf ist noch ein Chaos aus Wut und Schmerz, doch ich finde meine Stimme.
„Wer... wer bist du?“
Er schaut mich an, seine dunkelbraunen Augen mustern mich kurz, dann zuckt er die Schultern.
„Gyrontius.“
Ich schnaube erschöpft.
„Lukas.“
Gyrontius nickt, setzt sich entspannt auf den Boden, als wäre das hier einfach nur eine kurze Pause und nicht eine verdammte Kerkerzelle.
Ich beiße mir auf die Lippe, kämpfe mit den Tränen, die sich in meinen Augen stauen.
„Warum bist du hier?“ frage ich leise.
Gyrontius gähnt. „Beim Klauen erwischt.“ Dann grinst er leicht. „War’s wenigstens wert.“
Mein Blick bleibt an ihm hängen.
So eine Gleichgültigkeit. So eine Arroganz.
Ich spüre, wie meine Stimme bricht.
„Wenigstens... wenigstens hast du noch etwas, wofür es sich gelohnt hat.“
Sein Grinsen verblasst leicht, als er mich mustert.
„Und du? Was hast du getan?“
Ein bitteres Lachen entkommt mir.
„Ich?“
Ich starre an die Decke, während mir das Gewicht der letzten Stunden auf die Schultern drückt.
„Ich habe alles verloren.“
Ich erzähle ihm alles.
Von Marlis.
Von Cersei.
Von Jaime.
Von dem Verrat, dem Schmerz, dem Hass.
Meine Stimme bebt, meine Hände zittern, aber ich höre nicht auf zu reden.
Als ich fertig bin, ist Gyrontius still.
Dann lehnt er sich an die Wand, verschränkt die Arme hinter dem Kopf und fragt mich leicht gelangweilt.
„Und? Was wirst du tun, wenn du deinem Vater wieder gegenüberstehst?“
Ich hebe den Blick.
Dann, ohne zu zögern, ohne zu blinzeln, sage ich:
„Ich werde ihn töten.“
Und diesmal meine ich es so wie ich es sage.
Flucht durch die Unterwelt
Nur das entfernte Tropfen von Wasser und das Echo der schnellen Schritte hallen durch die Katakomben von King’s Landing. Die Luft ist feucht, stickig, durchdrungen vom modrigen Geruch alter Steine und vergessener Geheimnisse.
Jaime, Tyrion, Erik, Bronn und Cengiz rennen durch das unterirdische Labyrinth. Jeder Atemzug ist schwer, jeder Schritt ist ein Kampf gegen die Panik, die sich in ihnen ausbreitet.
Tyrion wischt sich mit zitternden Fingern über die Stirn, während Erik neben ihm läuft, den Blick wachsam auf die Schatten gerichtet. Bronn hält sein Schwert bereit, immer wieder fluchend, während Cengiz kaum zu bremsen ist – noch vollgepumpt mit Adrenalin nach dem Kampf mit dem Mountain.
Jaime sagt kein Wort. Er rennt einfach nur. Seine Augen sind leer, sein Gesicht bleich.
Dann, plötzlich – Bewegung vor ihnen.
Brienne und Paul treten aus einer dunklen Seitengasse.
Brienne, ihr Schwert bereit, spannt sich an, entspannt sich jedoch sofort, als sie erkennt, wer da kommt. Paul steht daneben, seine Miene ernst, doch seine Augen weiten sich, als er die Gruppe sieht.
„Was zum Teufel ist passiert?“ fragt Brienne atemlos. „Die ganze Stadt ist in Aufruhr!“
Paul schaut sich um, seine Stirn legt sich in Falten. Dann fragt er:
„Wo ist Lukas?“
Stille.
Alle sehen sich um, als hätten sie erst in diesem Moment realisiert, dass er nicht da ist.
Jaime fährt sich durchs Gesicht. Ein winziges, fast unmerkliches Zucken überkommt seinen Körper.
Tyrions Atem wird flacher.
Dann flüstert er:
„Verdammt... er muss drinnen geblieben sein.“
Der Schock in Jaimes Augen erreicht seinen Höhepunkt.
Sein Gesicht erstarrt, seine Lippen öffnen sich leicht, als würde er etwas sagen wollen, doch es kommt kein Ton heraus.
Tyrion sieht seinen Bruder an, seine eigene Sorge nicht verbergend, aber zwingt sich zur Rationalität.
„Wir müssen weg.“ sagt er gepresst. „Jetzt.“
„Nein.“ Paul schüttelt sofort den Kopf. „Ich bleibe hier. Ich werde nach ihm suchen.“
Brienne sieht ihn prüfend an, dann dreht sie sich zur Gruppe.
„Wir müssen nach Storm’s End.“
Alle sehen sie überrascht an.
„Storm’s End?“ fragt Bronn.
Brienne nickt. „Lennard Baratheon ist ein Verbündeter. Ich habe ein gutes Verhältnis zu ihm. Er kann uns helfen.“
Ein Moment der Stille.
Dann nicken sie, einer nach dem anderen.
Doch die Sorge bleibt.
Vor allem in Jaimes Augen.
Als würden seine Gedanken sich in einem Strudel drehen, seine Seele in tausend Stücke zerbrechen.
Ohne ein Wort dreht er sich um und geht mit den anderen weiter.
Paul bleibt zurück.
Sein Blick ruht auf dem dunklen Tunnel hinter ihm.
Seine Hände ballen sich zu Fäusten.
Er wartet.
Und hofft.
Der gestohlene Schlüssel
Die Zelle ist kalt. Dunkel. Nur das fahle Licht einer einsamen Fackel flackert an der feuchten Steinwand und wirft verzerrte Schatten auf den Boden. Ich sitze mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, meine Arme über meine Knie geschlungen. Mein Blick ist leer, mein Körper schwer vom Schmerz der letzten Stunden.
Gyrontius liegt auf dem kalten Steinboden, als wäre es das bequemste Bett der Welt. Er ist schlank, fast schmächtig, mit einem spöttischen Ausdruck auf dem Gesicht. Sein Ton ist gleichgültig, beinahe gelangweilt.
„Also… du bist wegen deinem Vater hier? Wegen… Cersei?“ Er spricht den Namen meiner Mutter aus, als wäre sie irgendeine Fremde.
Ich nicke langsam. „Und Marlis…“ Meine Stimme bricht fast, doch ich halte die Tränen zurück.
Gyrontius seufzt. „Ja, das Leben ist manchmal eine richtige Hure.“
Ich sehe ihn an. „Und du? Wer bist du?“
Er zuckt mit den Schultern. „Nur ein Niemand. Ein Streuner. Hab in meinem Leben schon überall gewohnt. Hier, da, auf Schiffen, in Bordellen, in Burgen. Manchmal reich, manchmal arm. Aber immer gelangweilt.“
Ich mustere ihn. Etwas an ihm wirkt seltsam… als würde er mir nicht die ganze Wahrheit sagen. Doch ich bin zu erschöpft, um es zu hinterfragen.
Dann – plötzlich – öffnet sich die Tür mit einem lauten Knarren.
Zwei Wachen treten ein.
Einer packt Gyrontius grob am Kragen und zieht ihn hoch.
„Komm mit.“
Gyrontius verdreht die Augen. „Jetzt schon? Hatte gehofft, ich könnte noch ein bisschen die feuchte Luft hier genießen.“
Die Wache gibt ihm einen Stoß in die Rippen. „Halt die Klappe.“
Er grinst nur schief und geht mit ihnen.
Ich bleibe zurück. Allein.
Die Minuten vergehen. Mein Kopf ist schwer, meine Gedanken ein einziger Wirbelsturm aus Hass, Trauer und Wut.
Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnet sich die Tür wieder.
Gyrontius wird zurück in die Zelle geworfen.
Er streckt sich seufzend und lehnt sich an die Wand.
Ich sehe ihn besorgt an. „Alles okay?“
Er grinst. „Ja. Die Idioten haben sich nur mal wieder über ihre eigene Dummheit unterhalten. Habe mich ein bisschen mit ihnen unterhalten. Nichts Besonderes.“
Ich nicke langsam, ohne weiter nachzufragen.
Die Wachen schließen die Tür und entfernen sich.
Dann – mit einer lässigen Bewegung – zieht Gyrontius einen kleinen, eisernen Schlüssel aus seiner Tasche und hält ihn in die Höhe.
Ich reiße die Augen auf.
„Wie…?“
Er zuckt mit den Schultern, sein Grinsen gelangweilt. „Die Idioten haben ihn sich klauen lassen.“
Etwas in mir sagt mir, dass das nicht stimmt. Aber jetzt ist nicht der Zeitpunkt, Fragen zu stellen.
Gyrontius wartet, bis die Schritte der Wachen verklungen sind. Dann schiebt er den Schlüssel ins Schloss, dreht ihn mit einem leisen Klicken – und die Tür springt auf.
„Komm“, sagt er nur.
Wir huschen durch die dunklen Gänge, geduckt, lautlos wie Schatten. Jeder Schritt ist ein Wettlauf gegen die Zeit.
Dann – eine Kreuzung.
Gyrontius bleibt stehen.
„Hier trennen sich unsere Wege.“
Ich blinzle. „Was?“
Er lehnt sich entspannt gegen die Wand. „Ich gehe da lang. Und du da lang.“ Er zeigt auf die dunklen Tunnel, die in die Katakomben führen.
Ich nicke langsam. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.
Schließlich strecke ich ihm die Hand entgegen. „Danke.“
Er sieht mich kurz an, dann nimmt er meine Hand. „Mach was draus.“
Dann dreht er sich um und verschwindet in der Dunkelheit.
Ich renne weiter.
Mein Herz rast. Meine Lungen brennen. Jeder Schritt bringt mich näher an die Freiheit.
Und dann – endlich – der Ausgang.
Ich stürze ins Freie, taumle nach vorne, unsicher, wohin ich gehen soll.
Doch dann höre ich eine Bewegung in den Büschen.
Ich zucke zusammen – fahre herum.
Und dann sehe ich ihn.
Paul.
Seine Augen weiten sich, sein Gesicht hellt sich auf.
„Lukas!“
Er rennt auf mich zu.
Paul rennt auf mich zu, sein Blick voller Erleichterung und Sorge zugleich.
„Lukas! Wo warst du? Was ist passiert? Wir müssen hier sofort weg!“ Seine Stimme ist drängend, voller Panik.
Ich stehe da, mein Körper schwer, meine Beine zittrig. Alles, was passiert ist, lastet wie ein tonnenschwerer Stein auf mir. Ich kann kaum atmen.
Langsam deute ich auf einen großen Felsbrocken neben mir und lasse mich schwer dagegen sinken.
„Paul…“ Meine Stimme bricht. Tränen steigen mir in die Augen. „Ich… ich konnte sie nicht retten… Marlis…“
Paul bleibt abrupt stehen, seine Miene verfinstert sich.
„Was ist passiert?“
Ich schlucke, dann sprudelt alles aus mir heraus.
Ich erzähle ihm alles. Vom Thronsaal. Von Jaime. Von Cersei. Von dem Moment, als ich Marlis‘ Hand hielt und sie mir entrissen wurde, wie mich trotzdem alle zurückgelassen haben.
Meine Wunden pochen, aber der Schmerz in meiner Brust ist viel schlimmer. Ich keuche, mir ist übel, alles verschwimmt vor meinen Augen.
Paul setzt sich neben mich, legt eine Hand auf meine Schulter. „Lukas… ich kann mir vorstellen, wie am Boden du bist.“
Ich schüttle den Kopf. „Nein. Das kannst du nicht.“ Meine Stimme ist leise, gebrochen – aber nicht wütend. Nur leer.
Paul senkt kurz den Blick. Dann sagt er ruhig: „Wir müssen los. Die anderen sind auf dem Weg nach Storm’s End. Da müssen wir auch hin.“
Ich atme schwer. Dann sehe ich ihn an, meine Augen voller Hass.
„Ich hasse ihn, Paul.“
Er runzelt die Stirn. „Wen?“
„Meinen Vater.“ Mein Körper bebt. „Wenn ich ihn wiedersehe… töte ich ihn.“
Paul sieht mich an – kurz, aber dann weicht sein Blick aus. Vielleicht nimmt er meine Worte nicht ernst. Vielleicht will er sie nicht hören.
Er steht auf und streckt mir die Hand entgegen. „Ja… ist okay. Aber jetzt komm, wir müssen los.“
Ich zögere einen Moment – dann ergreife ich seine Hand.
Wir machen uns auf den Weg.
Schuld in Storm's End
Storm’s End.
Die mächtigen Mauern der Festung ragten vor ihnen auf, trotzig gegen den stürmischen Wind der Stormlands. Die Reise war hart gewesen – nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Keiner sprach über das, was sie zurückgelassen hatten.
Als sie durch das Haupttor traten, empfing sie eine kühle Stille. Die Baratheon-Armee war geschwächt.
Bronn, Erik und Cengiz tauschten Blicke, dann wandte sich Bronn an die beiden anderen: „Sucht euch ein Zimmer, ruht euch aus. In einer Stunde treffen wir uns mit den übrigen Baratheon-Soldaten im Kriegsraum. Wir müssen einen Plan schmieden.“
Erik nickte müde. „Verstanden.“
„Muss das jetzt sein?“ Cengiz rieb sich den Nacken.
„Ja, muss es,“ erwiderte Bronn scharf. „Wir sind nicht hier, um Tee zu trinken. Und ich wette, Lennard Baratheon wird wissen wollen, was zum Teufel los ist.“
Die drei zogen sich zurück, während Brienne sich an Tyrion und Jaime wandte.
„Ich werde Lennard Baratheon aufsuchen und ihm alles erklären“, sagte sie ruhig. „Danach…“ Sie hielt inne, als würde sie sich sammeln. „Danach reise ich vielleicht kurz nach Tarth. Es gibt dort Dinge, um die ich mich kümmern muss.“
Tyrion nickte verständnisvoll. „Sag Lennard, dass wir seine Unterstützung brauchen werden. Und dass er sich auf das Schlimmste vorbereiten sollte.“
Brienne neigte knapp den Kopf, dann verließ sie die beiden.
Nun waren nur noch Jaime und Tyrion übrig.
Die beiden liefen langsam in den Innengarten von Storm’s End.
Der Garten war klein, aber er erinnerte an Casterly Rock. Dieselbe Art von Bäumen, dieselbe Luft der Einsamkeit. Es war, als hätte jemand ein Stück ihrer Heimat hierher verpflanzt.
Jaime setzte sich unter einen Baum und sagte kein einziges Wort.
Tyrion ließ sich neben ihm nieder, zupfte an seinem Wams. Er beobachtete seinen Bruder eine Weile.
Stille.
Schließlich brach Tyrion sie. „Möchtest du darüber reden?“ Seine Stimme war sanft, beinahe vorsichtig.
Jaime reagierte nicht. Sein Blick blieb ins Leere gerichtet, seine Hände ruhten schwer auf seinen Knien.
Tyrion lehnte sich etwas nach vorne. „Ich weiß, dass es dir nicht leichtfällt, aber—“
Plötzlich sah er, wie Tränen in Jaimes Augen aufstiegen.
Tyrion hielt den Atem an.
Jaimes Gesicht verzog sich vor Schmerz, doch kein Wort kam über seine Lippen. Er wirkte zerbrochen, als würde etwas in ihm zerreißen, und doch konnte er nichts ausdrücken, also griff er nach einem kleinen Ast vom Baum und riss diesen voller Wucht ab und fokussierte ihn mit seinen Augen.
Tyrion schluckte. „Brauchst du irgendetwas?“ fragte er leise.
Und dann, nach Minuten des Schweigens, kam es.
Ein einziges Wort.
Kaum hörbar. Erstickt.
„Ihn…“
Tyrion verstand sofort.
Er legte sanft einen Arm um Jaimes Schulter. „Ich glaube, Lukas wird seinen Weg hierher finden. Paul ist bei ihm. Sie werden es schaffen.“
Doch in diesem Moment brach Jaime endgültig zusammen.
Er begann laut zu weinen.
Nicht nur Tränen – ein verzweifeltes, tief aus der Seele kommendes Schluchzen, ein Johlen voller Schmerz.
Zerbrochene Wortfetzen verließen seinen Mund, unfähig, sich zu Sätzen zu formen:
„Er…“ „Cersei…“ „Marlis…“ „Allein gelassen…“
„Mich…hassen…“
Sein Körper zitterte unter der Last dieser Worte, seiner Schuld, seiner Angst.
Als Tyrion versuchte ihn zu umarmen stieß Jaime ihn leicht, verzweifelt weg, doch Tyrion ließ nicht locker.
Er hielt ihn fest. So fest, wie er konnte.
„Nein, Jaime. Ich glaube nicht, dass er dich hasst,“ sagte er leise. „Ich glaube, er wird zu uns zurückkommen. Und wenn wir Glück haben… wenn wir es irgendwie schaffen… dann werden wir eines Tages wieder glücklich sein.“
Jaime antwortete nicht.
Er weinte einfach weiter.
Jaime betrat sein Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Die Fackeln an den Wänden warfen flackernde Schatten, doch für ihn war es nichts als Dunkelheit. Dunkelheit und Verzweiflung.
Er sah sich um. Der Raum war groß, doch leer. So leer wie er selbst.
Mit schweren Schritten ging er zum Bett und ließ sich darauf sinken. Er wollte schlafen. Er wollte vergessen.
Doch die Erinnerungen ließen ihn nicht los.
Bitte… lass es wieder gut werden.
Die Zeit verging, ohne dass er sie wahrnahm. Die Dunkelheit wurde endlos, sein Körper schwer. Und irgendwann… irgendwann fiel er in einen unruhigen Schlaf.
Jaime öffnete die Augen.
Er war nicht mehr in seinem Zimmer.
Tyrion, Bronn, Erik und Cengiz liefen vor ihm her. Ihre Schritte hallten auf dem steinigen Boden, doch Jaime blieb stehen.
Etwas zog ihn zurück.
Langsam drehte er sich um.
Und da war Lukas.
Er stand vor Marlis’ leblosen Körper.
Jaime spürte, wie sein Herz aussetzte. Sein Magen zog sich zusammen, seine Hände zitterten.
Lukas hob den Kopf und sah ihn direkt an.
Seine Augen… so voller Schmerz. So voller Vorwürfe.
„Du hast mich verlassen, Papa.“
Jaimes Kehle wurde trocken. Er versuchte zu schlucken, doch es gelang ihm nicht.
„Nein, Lukas… ich bin doch hier. Ich bin doch hier…“ Seine Stimme klang verzweifelt, flehend.
Lukas ließ ihn nicht aus den Augen. Er ging nicht darauf ein.
„Du hast sie sterben lassen.“
Nein.
Nein, das war nicht wahr.
„Nein, ich wollte dich beschützen, Marlis retten… wirklich, ich wollte euch beide retten!“ Jaimes Stimme überschlug sich. Er meinte es doch ernst! „Ich hätte alles versucht… Ich wäre dafür gestorben… ich hätte—“
Er wollte losrennen.
Doch seine Beine bewegten sich nicht.
Lukas drehte sich von ihm weg.
„Lukas!“ Jaimes Stimme brach. Warum konnte er sich nicht bewegen? Warum konnte er ihn nicht erreichen?
Plötzlich erklang eine vertraute, kalte Stimme hinter ihm.
Cersei.
„Du verlierst alles, Jaime.“
Sein Blut gefror in den Adern.
„Deinen Sohn. Deine Schwiegertochter. Mich.“
Langsam drehte er sich um.
Cersei stand vor ihm.
Sie blutete. Ihr Gesicht war blass, ihre Augen voller Hass.
„Ich habe dir alles genommen,“ flüsterte sie. „Für das, was du mir angetan hast.“
Ihr Blick brannte sich in seinen.
Dann griff sie nach seinem Schwert.
Sie hob es. Die Klinge glänzte im schwachen Licht.
Und als sie es auf ihn herabstieß—
wurde alles schwarz.
Als Jaime wieder „aufwachte“, stand er vor einer Tür.
Die Tür zum Garten.
Er öffnete sie langsam.
Ein leiser Windhauch streifte sein Gesicht. Der Garten war still, friedlich – fast zu still.
Und dann sah er ihn.
Lukas.
Er stand dort, das Gesicht zum Baum gerichtet.
Jaime schluckte.
Er wusste nicht, warum er Angst hatte. Er wusste nicht, warum seine Hände zitterten. Aber er wusste, dass er vorsichtig sein musste.
Langsam ging er auf Lukas zu.
Sein Herz hämmerte in seiner Brust.
Tränen stiegen ihm in die Augen.
Kurz bevor er Lukas erreichte, hob er zögernd eine Hand und legte sie leicht auf seine Schulter.
Lukas drehte sich um.
Sein Gesichtsausdruck war…
Leer.
Nicht voller Wut. Nicht voller Hass. Aber auch nicht voller Liebe.
Nur Stille.
Langsam hob Lukas die Hand und legte sie sanft auf Jaimes Schulter.
Er sagte nichts.
Er sah ihn einfach nur an.
Jaime schluckte schwer. Sein Herz schrie nach einer Antwort.
„Bist du echt?“ flüsterte er.
Keine Reaktion.
„Vergibst du mir?“ Seine Stimme bebte.
Aber es kam keine Antwort.
Der Traum begann zu verschwimmen.
Jaime streckte eine Hand nach Lukas aus, doch seine Finger griffen ins Leere.
Die Welt um ihn herum löste sich auf.
Jaime schoss hoch.
Schweißgebadet. Keuchend.
Sein Herz raste. Sein Atem war schwer.
Sein Körper bebte.
Seine Finger krallten sich in die Decke.
Lukas’ Blick… dieser Ausdruck…
Er hatte ihn in den Wahnsinn getrieben.