Ein Abschied im Schlaf
Jaime beobachtete mich aufmerksam, sein Blick auf meinen friedlich schlafenden Körper gerichtet. Mein Atem war ruhig, gleichmäßig – ein klares Zeichen, dass der Mohnblumensaft seine Wirkung vollständig entfaltet hatte. Er atmete tief durch, seine Brust hob und senkte sich schwer, als Erik und Sansa den Raum wieder betraten.
„Er schläft tief“, stellte Erik fest, während er einen kurzen Blick auf mich warf.
Sansa nickte. „Das sollte uns genug Zeit verschaffen.“
Jaime schwieg einen Moment, dann hob er den Blick zu ihnen. „Geht noch einmal raus bitte. Ich... ich will kurz alleine mit ihm sein.“
Erik und Sansa wechselten Blicke, doch sie widersprachen nicht. Ohne ein weiteres Wort verließen sie den Raum und schlossen leise die Tür hinter sich.
Jaime blieb regungslos sitzen. Seine Augen glitten über mein Gesicht – entspannt, unschuldig, in tiefer Ruhe. Ein Zittern durchlief seine Finger, als er langsam nach meiner Hand griff und sie in seine größere, raue Hand legte. Er strich sanft mit dem Daumen über meinen Handrücken, während sein Atem bebte.
„Lukas...“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, fast so, als hätte er Angst, mich aus dem Schlaf zu reißen. Doch er wusste, dass das unmöglich war.
Er senkte den Kopf, ließ die Hand kurz über sein Gesicht fahren und holte tief Luft. Dann begann er zu sprechen.
„Ich hoffe, du kannst mir eines Tages verzeihen... oder wenigstens verstehen, warum ich das tue. Ich habe so verdammt viel Angst und ich will nicht riskieren, dass dir noch mehr passiert.“ Seine Stimme brach leicht, doch er zwang sich weiterzureden. „Ich bin ein guter Kämpfer, ein guter Anführer, aber ich bin kein guter Vater. Das weiß ich.“
Sein Griff um meine Hand wurde fester, als er die Augen schloss. „Ich habe dich so oft nicht beschützen können, nicht so, wie ich es hätte müssen. Ich habe zugelassen, dass du verletzt wurdest, körperlich und mental. Ich habe dich nicht davor bewahrt, in diese Welt voller Krieg und Schmerz hineingezogen zu werden.“
Sein Blick wurde hart, sein Kiefer spannte sich an. „Und jetzt? Jetzt stehe ich hier und muss dich zurücklassen. Wieder einmal. Ich will dich nicht hier lassen, glaub mir. Ich will dich mitnehmen, dich beschützen... Aber ich weiß, dass du mitkommen würdest, wenn du könntest. Und ich weiß, dass die Chance bestehen würde, dass ich dich dort nicht retten kann. Ich kann einfach nicht riskieren, dich zu verlieren.“
Ein leises, bitteres Lachen entrang sich seiner Kehle. „Vielleicht hasst du mich dafür, wenn du aufwachst. Vielleicht verstehst du nicht, warum ich es getan habe. Aber ich kann versuchen damit zu leben, dass du mich hasst, weil du dann immer noch da bist. Ich kann aber niemals damit leben, dich zu verlieren.“
Seine Schultern bebten leicht, als er eine einzelne Träne von seiner Wange wischte. „Ich schwöre dir... ich werde alles versuchen um Marlis zurückzuholen. Ich werde versuchen sie zu retten. Ich werde dich beschützen, koste es, was es wolle. Selbst wenn ich Kings Landing niederbrennen muss... ich werde es tun. Für dich.“
Seine Stimme wurde leiser, rauer. „Denn ich habe dich so lieb, Lukas. Mehr als alles auf dieser Welt. Und das wird sich niemals ändern.“
Für einen Moment herrschte Stille. Eine tiefe, unendliche Stille, in der nur sein ruhiger, gebrochener Atem zu hören war.
Dann beugte er sich langsam vor, fuhr mir sanft mit den Fingern durch die Haare, ließ seine Hand ein letztes Mal über meine Stirn gleiten. Behutsam neigte er den Kopf und drückte einen sanften Kuss auf meine Stirn. Als er sich zurückzog, verharrte er noch einen Moment, sein Blick voller unendlicher Zärtlichkeit und Trauer.
Ein leises, kaum hörbares Flüstern verließ seine Lippen.
„Ich liebe dich mehr als alles auf der Welt.“
Mit einem letzten traurigen Lächeln ließ er meine Hand los, stand langsam auf und trat zurück. Dann drehte er sich um, wischte sich über die Augen und verließ das Zimmer, um sich der bevorstehenden Dunkelheit zu stellen.
Jaime trat leise aus dem dunklen Raum, schloss die Tür sanft hinter sich und blieb für einen Moment stehen. Seine Augen waren noch leicht gerötet, seine Atmung tief und kontrolliert, doch seine Gedanken rasten. Erik und Sansa, die vor der Tür gewartet hatten, sahen ihn erwartungsvoll an. Ohne ein Wort zu sagen, trat Jaime näher und zog erst Erik, dann Sansa in eine feste Umarmung.
„Versprecht mir, dass ihr auf ihn aufpasst und er in Sicherheit ist“, sagte er mit belegter Stimme und ließ seinen Blick zwischen den beiden hin und her wandern. „Und… versucht, dass er uns nicht zu sehr hasst.“
Sansa legte sanft eine Hand auf Jaimes Arm. „Wir werden auf ihn achten Jaime, wir versprechen es. Er wird es verstehen… irgendwann.“
Erik nickte zustimmend. „Er wird wütend sein, aber wenn er sieht, warum wir es getan haben, wird er nicht ewig böse sein und ich werde ihn beschützen.“
Jaime atmete tief durch, nickte kaum merklich und löste sich dann von ihnen. Mit einem letzten Blick zur Tür, hinter der Lukas friedlich schlief, drehte er sich um und machte sich auf den Weg nach unten.
Dort warteten Tyrion, Bronn, Theon, Podrick und Paul bereits in der großen Halle, ihre Mienen ernst. Als Jaime die Treppe hinabstieg, sahen sie ihn schweigend an, jeder mit seinen eigenen Gedanken und Sorgen im Kopf.
Tyrion trat einen Schritt vor. „Schläft er?“
Jaime nickte langsam. „Ja.“ Seine Stimme war ruhig, doch in seinen Augen lag immer noch eine tiefe Traurigkeit.
Einen Moment lang sagte niemand etwas. Dann atmete Bronn hörbar aus, Theon zog sich seinen Mantel fester um die Schultern, und Paul strich sich nervös über das Kinn. Sie alle wussten, was als Nächstes kam.
Ohne ein weiteres Wort drehten sie sich um und verließen die Halle. Die schweren Türen schlossen sich hinter ihnen, und mit entschlossenen Schritten machten sie sich auf den Weg nach King’s Landing.
Nächtlicher Ritt
Die Nacht lag still über dem Land, als Jaime und die anderen durch die Dunkelheit ritten. Bronn, Theon, Podrick und Paul gingen ein Stück voraus, ihre Silhouetten bewegten sich im Schein der vereinzelten Fackeln. Hinter ihnen, in etwas Abstand, ritten Jaime und Tyrion Seite an Seite.
Für eine Weile sprach keiner von ihnen. Nur das Knirschen der Hufe auf dem Kiesweg und das leise Rauschen des Windes begleiteten ihre Gedanken. Schließlich war es Tyrion, der die Stille brach.
„Bist du sicher, dass du das tun willst?“ fragte er leise, ohne Jaime anzusehen. „Wir können umkehren. Du kannst zurück zu Lukas gehen.“
Jaime atmete tief durch. „Glaubst du, ich würde nicht genau das am liebsten tun?“ Seine Stimme war rau, voller Emotionen. „Alles in mir will umdrehen, zurück in dieses Zimmer gehen, mich zu ihm setzen und einfach dort bleiben. Ich will da sein, wenn er aufwacht. Ihn in den Arm nehmen und ihm sagen, dass alles wieder gut wird. Ich will es ihm erklären. Ich will nicht, dass er sich allein fühlt.“ Er schüttelte den Kopf. „Aber ich kann nicht. Ich kann nicht, weil ich das für ihn tun muss. Ich muss Marlis zurückholen. Ich muss herausfinden, warum Cersei das getan hat. Ich muss…“
Seine Stimme brach kurz, und er holte tief Luft, bevor er leiser fortfuhr. „Ich muss das richtigstellen. Für ihn. Ich bin sein Vater. Ich muss ihn beschützen – auch wenn er das gerade nicht sieht.“
Tyrion beobachtete ihn nachdenklich. Er verstand seinen Bruder besser, als Jaime es vielleicht dachte. „Er wird es irgendwann verstehen“, sagte Tyrion sanft. „Aber glaubst du… glaubst du, dass er dir das verzeihen kann?“
Jaime schwieg für einen Moment. Sein Blick war auf die Dunkelheit vor ihnen gerichtet, doch er sah sie nicht wirklich.
„Ich weiß es nicht“, gab er schließlich zu. Seine Stimme war leise, fast verloren. „Ich hoffe es. Aber ich fürchte… dass er mich hassen wird. Und vielleicht hat er sogar recht damit.“ Er fuhr sich mit der linken Hand müde über das Gesicht. „Ich habe ihn betäubt und bin gegangen, ohne ihm eine Wahl zu lassen. Ich habe entschieden, was das Beste für ihn ist – so wie es unser Vater immer getan hat.“
Er lachte bitter auf. „Und ich habe das immer verabscheut.“
Tyrion schwieg. Er wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Also ließ er seinen Bruder einfach reden.
Jaime sah nach vorn, auf den dunklen Weg, der sich vor ihnen erstreckte. „Vielleicht wird er mir nie verzeihen, Tyrion. Vielleicht wird er mich immer für das hier hassen.“ Er schluckte schwer. „Aber wenn es bedeutet, dass er in Sicherheit ist, dann kann ich damit leben. Vielleicht…“
Ein paar Sekunden lang war nur das Hufgetrappel der Pferde zu hören. Dann nickte Tyrion langsam.
„Das ist es also, was es bedeutet, ein guter Vater zu sein“, murmelte er. „Man tut, was das Beste für das Kind ist – auch wenn es einen dafür verachtet.“
Jaime antwortete nicht. Aber in seinen Augen lag eine tiefe, unausgesprochene Wahrheit.
Der Wind war kühl, die Sterne am Himmel wirkten fern und unbeteiligt an dem inneren Sturm, der in Jaime tobte. Tyrion hielt sich eng an seiner Seite, spürte die Schwere der Worte, die sein Bruder zuvor gesprochen hatte. Er wusste, dass Jaime kämpfte – mit sich selbst, mit seinen Entscheidungen, mit seiner Angst, dass er gerade den wichtigsten Menschen in seinem Leben verlor.
Plötzlich lachte Jaime leise. Es war kein amüsiertes Lachen, kein echtes – es war düster, ein bitteres Lachen, das sich langsam in etwas Verzweifeltes, beinahe Gebrochenes verwandelte. Er schüttelte den Kopf, als könne er kaum fassen, was er gerade fühlte.
„Weißt du, Tyrion…“, begann er, seine Stimme rau, „diese ganze verdammte Situation… sie zeigt mir nur eines ganz klar.“ Er drehte den Kopf zu seinem Bruder und in seinen Augen lag ein Schmerz, den Tyrion nur selten bei ihm gesehen hatte. „Es gibt nichts und niemanden auf dieser Welt, den ich mehr liebe als ihn. Niemanden. Keine Ehre, keinen Titel, keinen Ruhm. Nicht einmal Cersei.“
Tyrion hielt den Atem an.
Jaime sah wieder nach vorn, seine Finger krampften sich fester um die Zügel. „All die Jahre… ich dachte immer, Cersei wäre der Mittelpunkt meines Lebens. Dass es nichts gäbe, dass unsere Verbindung zerstören könnte, dass ich sie immer lieben würde, egal was passiert.“ Seine Stimme brach kurz, bevor er weiter sprach. „Aber jetzt… jetzt weiß ich, dass ich mich geirrt habe. Cersei kann mir alles nehmen, was sie will. Sie kann mich hassen, sie kann mich verraten, mich auf jede erdenkliche Art und Weise verletzen. Doch was ich für Lukas empfinde…“ Er schluckte schwer. „Es gibt nichts, was das zerstören könnte. Keine Macht der Welt. Er ist mein Sohn. Und ich liebe ihn mehr als alles andere auf dieser verdammten Erde.“
Für einen Moment herrschte Stille. Nur das entfernte Geräusch der anderen, die vor ihnen ritten, war zu hören. Tyrion wusste, dass sein Bruder diese Worte nicht leichtfertig sagte. Jaime war nicht der Mann, der mit Gefühlen um sich warf – und doch stand er nun hier, mit nichts als seiner nackten, schmerzhaften Wahrheit.
„Und das Ironische daran?“ Jaime lachte wieder, diesmal leiser, trauriger. „Gerade in dem Moment, in dem mir das so klar wird, setze ich alles aufs Spiel. Ich gehe weg, ohne zu wissen, ob er mir das je verzeihen kann.“
Tyrion biss die Zähne zusammen, weil er spürte, wie seine eigenen Emotionen in ihm aufstiegen. Er konnte sich kaum erinnern, wann er Jaime das letzte Mal so verzweifelt gesehen hatte. Er sah, wie sein Bruder sich an diesem Widerspruch aufrieb – an der tiefen, bedingungslosen Liebe zu seinem Sohn und der Angst, genau diese Liebe zu zerstören, weil er tat, was er für richtig hielt.
Tyrion schluckte schwer, rieb sich kurz über die Augen und atmete dann tief durch. Dann sagte er, mit aller Überzeugung, die er aufbringen konnte:
„Ich werde alles tun, Jaime. Alles. Damit du und Lukas wieder zusammen sein könnt. Auch wenn er sauer auf dich ist… ich werde ihm so lange einreden, dass diese Rettungsaktion nur die besten Absichten für ihn hatte, bis er das auch wirklich versteht. Dass du das nicht getan hast, um ihn zu verletzen, sondern um ihn zu schützen.“
Er machte eine Pause, dann sah er seinen Bruder an.
„Und wenn das alles vorbei ist… wenn wir Marlis gerettet haben, wenn wir Cersei zur Rechenschaft gezogen haben… dann werden wir in Frieden leben. Lukas, du, ich, Marlis – und alle, die uns wichtig sind.“ Ein schwaches Lächeln umspielte seine Lippen. „Und ob er will oder nicht, er wird Teil dieser Familie sein. Er wird wissen, dass er nicht allein ist. Und dass sein Vater ihn niemals aufgeben wird.“
Jaime sah ihn lange an. Dann nickte er langsam, schloss für einen Moment die Augen, als wolle er sich die Worte einprägen, sich an ihnen festhalten. Schließlich ließ er ein leises, erschöpftes „Danke“ verlauten.
Und für den Rest des Weges ritten sie schweigend nebeneinanderher.
Allein zurückgelassen
Die letzten Worte meines Vaters hallten in meinem Kopf wider, während ich langsam aus dem Schlaf erwachte.
"Ich liebe dich so sehr, mein Junge."
"Ich werde immer auf dich aufpassen."
Ich blinzelte, richtete mich langsam auf und rieb mir die Schläfen. Mein Kopf fühlte sich schwer an, mein Körper träge. War das alles nur ein Traum gewesen? Hatte ich mir das eingebildet? Nein… sein Gesicht, sein sanftes Lächeln, sein ernster Blick, als er mir das sagte – es war zu real, um nur eine Einbildung gewesen zu sein.
Ich seufzte tief, ließ meinen Blick durch das dunkle Zimmer schweifen. Dann fiel mein Blick zum Fenster, und ich bemerkte, dass draußen wieder die Nacht hereingebrochen war. Ich muss den ganzen Tag geschlafen haben…
Langsam setzte ich mich auf die Bettkante und lauschte. Doch das Schloss war still. Zu still.
Niemand war in meinem Zimmer. Kein Vater, kein Tyrion, nicht einmal Erik oder Sansa. Ein ungutes Gefühl beschlich mich. Ich nahm eine Laterne vom Nachttisch, zündete sie an und öffnete leise die Tür.
Der Flur war ebenfalls leer. Die Schatten der Kerzen flackerten an den alten Steinwänden. Vielleicht ist Vater ja in seinem Zimmer. Ich ging zur Tür, klopfte vorsichtig. Keine Antwort. Ich öffnete sie einen Spalt – doch der Raum war leer.
Ich runzelte die Stirn. Komisch…
Ein leiser Anflug von Panik keimte in mir auf, doch ich schob ihn beiseite. Vielleicht sitzt er mit Onkel Tyrion unten in der kleinen, gemütlichen Stube und trinkt Wein. Das klang logisch. Das taten sie oft.
Ich wollte gerade losgehen, doch mein Hals war trocken, als hätte ich tagelang nicht getrunken. Also ging ich in die Küche. Dort nahm ich mir eine Kanne und bereitete mir meinen Lieblingstee zu – grüner Apfeltee. Der süße, frische Duft stieg mir in die Nase, und ich spürte eine seltsame Mischung aus Trost und Unruhe.
Während ich langsam trank, machte ich mich auf den Weg zur Stube. Mein Herz klopfte etwas schneller, eine unangenehme Vorahnung lag in meinem Kopf. Ich konnte es nicht erklären, aber etwas fühlte sich falsch an. Doch vielleicht war es auch einfach nur die Angst, die mich nicht losließ. Angst um Marlis. Angst um Vater. Ich wollte einfach nur, dass er hier war. Ich brauchte ihn jetzt. Ich wollte ihn sehen, ihn hören.
Als ich näher kam, hörte ich Geräusche und Stimmen aus der Stube. Für einen Moment war ich erleichtert. Das musste er sein. Er und Tyrion, so wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich sehnte mich so sehr nach seiner Anwesenheit, nach seiner Wärme, nach dem Gefühl, dass ich nicht allein war.
Mit dem Ellenbogen stieß ich die Tür auf und trat ein.
„Hey, ich bin wach! Habt ihr noch etwas Wein für mich?“ rief ich mit einem schiefen Grinsen und versuchte so, die Stimmung etwas aufzulockern.
Doch anstatt meines Vaters und meines Onkels sah ich Erik und Sansa. Sie saßen auf dem gemütlichen Sofa vor dem warmen Ofen, ein Glas Wein in der Hand, und starrten mich an.
Ich blinzelte, völlig verwirrt.
Was zur Hölle war hier los?
„Oh, du bist schon wach“, sagte Erik mit einem sanften Lächeln, das nicht ganz überzeugend wirkte.
Ich runzelte die Stirn und sah ihn und Sansa abwechselnd an. Eine seltsame Spannung lag in der Luft, etwas, das mir gar nicht gefiel.
„Wo ist Vater?“ fragte ich direkt, meine Stimme voller Sorge und Verwirrung.
„Setz dich doch zu uns“, sagte Sansa ruhig und klopfte auf das Sofa neben sich.
„Nein“, erwiderte ich scharf. „Ich will erst wissen, wo Vater ist. Und was heißt überhaupt ‚du bist schon wach‘? Was ist hier los?“ Mein Blick wurde misstrauisch, meine Brust zog sich zusammen. Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in mir aus.
Erik und Sansa sahen sich an, als würden sie sich wortlos beraten, wer das unangenehme Gespräch beginnen sollte. Dann atmete Erik tief ein und sagte:
„Lukas, hör bitte zu. Die ganze Situation ist schwierig… und schwer zu verdauen, okay?“
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken, mein Magen drehte sich um. Ich schluckte schwer, meine Hände ballten sich unbewusst zu Fäusten. Irgendetwas sagte mir, dass ich nicht hören wollte, was als Nächstes kam. Aber ich musste es wissen.
Ich atmete einmal tief durch und sagte nur: „Okay.“
Dann begannen sie zu erzählen.
Von dem Brief, den mein Vater an Cersei geschrieben hatte. In dem er sie angefleht hatte, um alles in der Welt die Hochzeit nicht zu stören und uns alle in Ruhe zu lassen. Von ihrer Antwort, in der sie versichert hatte, nichts zu tun – eine glatte Lüge.
Von dem Tee mit dem Mohnblumensaft, mit dem sie mich schlafen gelegt hatten.
Von der Entscheidung, mich hier zu lassen.
Und davon, dass vor allem mein Vater sich schlechter fühlte als alles auf der Welt – und es immer noch tat.
Und schließlich von dem, was jetzt geschah: Vater, Tyrion, Bronn, Paul, Podrick und Theon waren auf dem Weg nach King’s Landing, zum Red Keep, um Marlis und die anderen zurückzuholen.
Während sie redeten, sagte ich nichts.
Kein einziges Wort.
Ich konnte nicht.
Ich spürte nur, wie meine Kehle sich zuschnürte, wie meine Brust schwer wurde und ein Schmerz in mir aufstieg, der sich unaufhaltsam ausbreitete. Meine Lippen bebten, und ehe ich es verhindern konnte, liefen mir lautlose Tränen über die Wangen.
Erik und Sansa sahen mich voller Mitgefühl an, und als sie mich umarmen wollten, schüttelte ich nur langsam den Kopf.
„Wir wollten nur, dass du in Sicherheit bist, dass es dir den Umständen entsprechend geht“, sagte Sansa sanft. „Und wir wollten dich damit nicht verletzen. Vor allem dein Vater nicht, glaub uns, Lukas. Er wollte dich niemals allein oder zurücklassen.“
Ich hob den Kopf und sah die beiden an.
Meine Augen waren gefüllt mit Trauer. Mit Entsetzen. Mit Angst. Mit Einsamkeit.
Meine Stimme war leise, gebrochen vor Schmerz und Emotionen. Doch jedes Wort kam klar über meine Lippen:
„Ich fühle mich weder sicher, noch geht es mir den Umständen entsprechend ansatzweise gut.“
Dann machte ich eine kurze Pause, meine Atmung stockte. Schluchzend, mit kleinen Pausen dazwischen, kam es mir schließlich über die Lippen:
„Und… Papa… hat… mich… allein… zurück… gelassen…“
Beim letzten Wort versagte meine Stimme vollständig.
Alles wurde mir zu viel.
Ich sprang auf, drehte mich um und rannte los.
„Lukas, warte!“, riefen die beiden mir hinterher.
Doch ich hörte nicht hin.
Ich rannte einfach weiter.
Durch den Gang, fort von den Worten, die mir das Herz gebrochen hatten. Fort von der Realität, die ich nicht ertragen konnte.
Ich lief.
Ich wusste nicht, wohin. Ich wusste nicht, was ich tun sollte.
Mein Atem ging schwer, meine Brust hob und senkte sich ruckartig, und in meinem Kopf tobte ein Sturm aus Gedanken, die ich nicht ordnen konnte.
Warum?
Warum haben mich alle angelogen?
Warum haben sie mir nichts erzählt?
Warum hat niemand mit mir geredet?
Warum haben sie mir stattdessen einfach Schlafmittel gegeben – als wäre ich ein Kind, das man ruhigstellen muss?
Warum haben sie mich zurückgelassen?
Warum hat Vater mich zurückgelassen?
Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Ich wollte nicht darüber nachdenken, aber die Gedanken fraßen sich in meinen Verstand, ließen mir keine Ruhe.
Ich wollte bei Papa sein.
Ich wollte mich bei ihm ausheulen, meinen Kopf an seiner Brust vergraben, seine Umarmung spüren.
Ich wollte einfach nur mit ihm Zeit verbringen, seine Stimme hören, seine Versuche mitbekommen mich lächeln zu sehen. Seinen Blick sehen, in dem ich Stolz erkannte.
Aber er war nicht hier.
Er hatte mich nicht mitgenommen.
Wieso?
Er war fort, und ich wusste nicht, was mit ihm war.
Ich stolperte leicht, fing mich wieder und zwang mich weiterzulaufen.
Doch dann kam sie.
Die eine Angst, die ich nicht zulassen wollte.
Die Angst, die sich langsam, heimtückisch, mit kalten Fingern an mein Herz klammerte.
Was, wenn Mutter Marlis tötet?
Mein Atem stockte.
Was, wenn sie alle tötet?
Mein Herz raste.
Was, wenn sie Vater tötet?
Ich schnappte nach Luft, als hätte mich jemand ins kalte Wasser gestoßen.
Ich wollte es nicht denken.
Ich wollte es nicht fühlen.
Aber es war da.
Wenn Cersei wirklich Rache wollte – dann würde sie nicht nur Marlis wehtun.
Sie würde ihn töten.
Zu 100%.
Vater.
Ich erinnerte mich an meinen Alptraum vor einiger Zeit, in dem Mutter Vater töten ließ.
Ein stechender Schmerz durchbohrte meine Brust. Ich sah ihn vor mir, seine traurigen Augen, seine sanfte Stimme. Seine letzten Worte, bevor ich einschlief:
„Ich liebe dich so sehr, mein Junge.“
„Ich werde immer auf dich aufpassen.“
Aber was, wenn er das nicht mehr konnte?
Was, wenn ich ihn nie wiedersehen würde?
Mein Magen zog sich krampfhaft zusammen, meine Knie wurden schwach, und ich stolperte gegen eine Tür.
Der Innenhof.
Ein Ort, den ich immer mochte.
Er war klein, quadratisch, mit einer Fläche aus weichem Gras. In der Mitte stand ein großer, wunderschöner Baum, dessen Äste sich weit in den Himmel streckten.
Ein Brunnen plätscherte leise vor sich hin.
Ich trat hinein.
Meine Beine fühlten sich schwer an, als hätte mich all die Last meiner Gedanken niedergerungen.
Ich setzte mich an den Baum, lehnte mich gegen die raue Rinde.
Und dann…
Starrte ich ins Leere.
Minuten verstrichen.
Vielleicht auch länger.
Ich fühlte nichts mehr.
Nichts außer der unaufhörlichen Leere in meiner Brust.
Dann hörte ich es.
Das leise Knarren einer Tür.
Ich bewegte mich nicht.
Doch ich wusste, dass jemand gekommen war.
Für einen kurzen Moment stellte ich mir vor, dass es Vater war. Er auf mich zulief, mich umarmte und mir sagte, wie leid es ihm tat, dass er mich hier gelassen hat und gegangen ist.
Als ich langsam den Kopf drehte, sah ich Erik, der in den Hof trat.
„Lauf nicht weg, bitte.“
Eriks Stimme war leise, voller Traurigkeit.
Er kam auf mich zu, vorsichtig, als hätte er Angst, dass ich jeden Moment zerbrechen könnte.
Ich spürte immer noch nichts.
Oder besser gesagt – ich wollte nichts mehr spüren.
Alles… meine ganze Welt war in Stücke gerissen worden.
Marlis – meine Frau, die ich über alles liebte – wurde entführt.
Und Papa… mein bester Freund, meine größte Stütze… er hatte mich verlassen, obwohl er immer für mich da sein wollte.
Er hatte mich zurückgelassen, um sie für mich zu retten.
Aber was, wenn ich beide nie wiedersehen würde?
Was, wenn ich für immer allein bleiben würde?
Erik setzte sich neben mich.
Er sagte nichts. Legte nur vorsichtig seinen Arm um mich.
Ich rührte mich nicht.
Wir saßen einfach da, blickten ins Nichts, während die Minuten verstrichen.
Und dann…
Dann brach es aus mir heraus.
Erst nur ein Zittern, dann ein leises Wimmern – und schließlich konnte ich nicht mehr an mich halten.
Ich begann zu weinen.
Nicht einfach nur Weinen.
Ich schluchzte, keuchte, rang nach Luft, während die Tränen heiß über mein Gesicht liefen.
„Erik…“ brachte ich zwischen zwei Schluchzern hervor, meine Stimme erstickt vom Schmerz. „Ich… ich kann das nicht…“
Er blieb still, drückte mich nur fester an sich.
„Marlis…“ flüsterte ich. „Ich… ich glaube, sie wird sterben.“
Meine Kehle brannte, als ich die Worte aussprach.
„Vielleicht ist sie schon tot…“
Erik hob sofort den Kopf. „Lukas, das wissen wir nicht, wir dürfen nicht–“
„Doch!“ rief ich und weinte noch heftiger.
Ich krallte meine Finger in meine Haare. „Doch, Erik! Wir wissen es nicht! Niemand weiß es! Und ich… ich kann nicht…“
Ich schluchzte unkontrolliert, während ich mich mehr und mehr gegen ihn lehnte.
Und dann kam der nächste Gedanke.
Der eine Gedanke, der mich vollkommen zerstörte.
„Und Papa…“
Meine Stimme brach.
Ich konnte nicht weitersprechen.
Ich zog die Knie an meine Brust, schlang meine Arme darum, während meine Schultern bebten.
„Wieso… wieso hat er mich nur alleine gelassen?“ flüsterte ich. „Warum, Erik? Warum ist er mitgegangen? Warum hat er mich hier gelassen?“
Erik wusste keine Antwort.
„Ich will bei ihm sein!“ schrie ich plötzlich. „Ich will nicht hier sein! Ich will bei ihm sein, ihn umarmen, mit ihm reden… ich… ich habe so Angst!“
Mein Körper begann zu zittern.
„Mutter wird ihn töten…“
Meine Stimme war kaum mehr als ein Hauch.
„Sie hasst ihn… wieso auch immer… sie wird sich rächen… alles dafür tun, dass er stirbt… und wenn… wenn er stirbt…“
Ich rang nach Luft.
„Ich werde nicht weiterleben…“
Erik zuckte zusammen.
„Lukas, sag das nicht.“ Seine Stimme bebte. „Sag so etwas nie wieder.“
Aber es war die Wahrheit.
Ich konnte nicht ohne ihn sein.
Ich konnte nicht ohne Papa leben.
Ich brach endgültig zusammen.
Ich drehte mich zu Erik, schlang meine Arme um ihn und klammerte mich verzweifelt an ihn.
„Ich brauche ihn…“ flüsterte ich heiser gegen seine Schulter. „Ich brauche ihn so sehr…“
Ich weinte gegen sein Hemd, klammerte mich an ihn, als könnte ich so verhindern, dass die Welt um mich herum weiter auseinanderbrach.
„Warum… warum… warum?“
Ich wiederholte es immer wieder, flehte nach einer Antwort, die niemand mir geben konnte.
Warum hatte er mich verlassen?
Warum war ich hier und er nicht?
Warum musste ich das alles durchmachen?
Erik hielt mich fest.
Er zitterte selbst.
Und als ich meinen Kopf leicht hob, sah ich, dass auch seine Wangen nass waren.
Er weinte mit mir.
Trotzdem versuchte er, mir Hoffnung zu machen.
„Wir werden sie zurückholen, Lukas…“ flüsterte er heiser. „Wir werden sie zurückholen. Und Jaime wird zurückkommen. Sie werden alle zurückkommen.“
Aber in seiner Stimme lag ein Zittern.
Ein Zittern, das mir sagte, dass er selbst nicht wusste, ob es wahr war.
Wir saßen weiter nebeneinander, während der Sturm in meinem Inneren langsam zu einem dumpfen, schmerzenden Echo wurde. Als ich Erik ansah, lag so viel Traurigkeit in meinem Blick, dass es beinahe wehtat. Doch er sah mich an – direkt in meine Augen – und sagte mit leiser, fester Stimme:
„Alles wird gut werden.“
Sein Blick…
Es war dieser eine besondere Blick, den man nur seinem besten Freund schenkt. Voller Verständnis, voller Loyalität.
Ich versuchte, mich zusammenzureißen, kämpfte gegen die Tränen an und zwang mich zu einem schwachen, zitternden Lächeln.
Es war nicht viel. Aber es war ein Anfang.
Langsam lehnte ich mich wieder zurück, ließ den Kopf gegen den Baumstamm sinken und sagte nichts mehr.
Der Wind wurde stärker, streichelte meine Haut mit einer leichten Kälte, die ich kaum spürte, so taub war ich.
Ich versuchte mir einzureden, dass es besser werden würde.
Vielleicht… vielleicht war da noch Hoffnung.
Vielleicht würde Papa zurückkommen – mit Marlis an seiner Seite. Vielleicht war nicht alles verloren. Vielleicht war dieser Albtraum nur vorübergehend. Vielleicht…
Doch noch bevor ich mich selbst überzeugen konnte, spürte ich den ersten Regentropfen auf meiner Wange.
Dann den nächsten.
Und noch einen.
Innerhalb von Sekunden wurde der leichte Nieselregen zu einem kräftigen Schauer, der uns beide durchnässte.
Ich blieb sitzen.
Und als ich kurz zu Erik sah, bemerkte ich, dass er es genauso tat.
Keiner von uns machte Anstalten, aufzustehen oder nach drinnen zu gehen.
Der Regen prasselte auf uns herab, wurde immer stärker, aber wir blieben einfach… da.
Fünf Minuten vergingen, in denen wir stumm nebeneinander saßen, durchnässt bis auf die Haut.
Dann hörte ich, wie sich die Tür zum Innenhof quietschend öffnete.
„Kommt doch rein, ihr Idioten! Oder wollt ihr noch krank werden?!“ rief Sansa, genervt, aber auch mit einem besorgten Unterton.
Ich blickte zu Erik.
Und er sah zu mir.
Keine Ahnung, warum – aber plötzlich begann ich zu lachen.
Es war kein bitteres Lachen, kein erzwungenes – es war einfach ein ehrliches, fast absurdes Lachen, das aus mir herausbrach.
Erik stimmte ein, und bald lachten wir beide, während der Regen auf uns niederprasselte.
Mit übertriebener Ironie und einem Hauch von Wahrheit in meiner Stimme rief ich zu Sansa zurück:
„Natürlich! Ich will nicht nur krank werden, sondern auch sterben!“
Sansa verdrehte die Augen und schnaufte:
„Ja klar, Drama-Queen. Das Letzte, was ich brauche, ist ein Geist, der mich jeden Tag nervt. Komm einfach rein!“
Ich grinste sie an und zuckte mit den Schultern.
„Dann musst du mich wohl am Leben halten, hm?“
Sie schüttelte nur den Kopf und murmelte etwas Unverständliches, das nach „Idioten“ klang, bevor sie wieder ins Haus verschwand.
Noch einmal sah ich Erik an, und auch er grinste noch immer.
Er legte seinen nassen Arm um meine ebenfalls triefende Schulter und sagte leise, aber mit einem warmen Lächeln:
„Komm mit, Bruder… wir sollten uns was Trockenes anziehen.“
Ich nickte langsam, stand mit ihm auf, und wir gingen gemeinsam hinein, um uns umzuziehen.
Beim Umziehen war ich immer noch völlig abwesend. Mein Kopf war ein einziges Chaos aus Ängsten und dunklen Gedanken. Immer wieder spielte ich die schlimmsten Szenarien durch. Was, wenn Marlis… wenn Vater… Nein. Ich durfte nicht so denken. Aber was, wenn…
Ich zog mir ein gemütliches Shirt und eine gemütliche Hose an, doch alles fühlte sich schwer an, selbst der Stoff auf meiner Haut. Während ich mich vor den Spiegel stellte, versuchte ich, mich zu sammeln. Irgendwie musste ich weitermachen. Aber wie?
Mein Blick war leer, meine Augen gerötet. Ich fühlte mich wie ein Gefangener meiner eigenen Gedanken.
Vielleicht… vielleicht sollte ich einfach so tun, als wäre alles in Ordnung. Für eine Weile. Wenn ich es schaffte, normal zu wirken, niemandem zu zeigen, wie kaputt ich wirklich war, dann… dann könnte ich die anderen täuschen. Könnte sie glauben lassen, dass ich mich beruhigt habe.
Und dann, wenn niemand es erwartete…
Dann würde ich verschwinden.
Ich würde nach King’s Landing gehen.
Dorthin, wo Papa hingegangen war. Ich würde sie suchen. Beide. Egal, was es kostete. Egal, ob es gefährlich war. Ich musste es tun...
Ein tiefer Atemzug. Ich versuchte, die Emotionen zu unterdrücken, doch mein Herz schlug wie wild. Würde ich es schaffen? Würden sie es merken? Aber es gab keinen anderen Weg.
Langsam öffnete ich die Tür.
Erik stand bereits umgezogen vor mir. Seine Augen musterten mich kurz, und dann fragte er sanft:
„Hast du Lust, in die Stube zu kommen?“
Ich nickte stumm und folgte ihm.
Heimliche Verbündete
Wir gingen in die Stube, wo Sansa bereits mit Tee, Wein und Kuchen wartete. Ich hatte kaum etwas gegessen oder getrunken in letzter Zeit, und zu meiner Überraschung freute ich mich tatsächlich ein wenig darauf. Neben Sansa saß Ser Gorwin, der Pfarrer von Casterly Rock, der Marlis und mich getraut hatte. Ich mochte Gorwin. Er war immer nett gewesen und schon seit der Kindheit meines Vaters ein guter Freund von ihm.
„Lukas, mein Junge!“, begrüßte er mich herzlich mit einem warmen Lächeln. „Es tut mir so leid, was du gerade durchmachen musst.“
Ich nickte dankbar und setzte mich zu ihnen. Als wir Platz nahmen, sagte Gorwin leise, aber bestimmt: „Ich glaube fest daran, dass die Götter auf Marlis und deinen Vater aufpassen werden.“
Für einen kurzen Moment fühlte ich mich tatsächlich etwas getröstet. Wir saßen zusammen, unterhielten uns über Belangloses – nichts, was mich an meine Sorgen erinnern sollte – und ehe wir uns versahen, hatten wir den ganzen Kuchen und den gesamten Wein vernichtet, vor allem ich. Der Wein half, den Schmerz ein wenig zu betäuben. Sansa und Erik beschlossen, Nachschub zu holen, und ließen mich für einen Moment allein mit Gorwin.
Er sah mich besorgt an und fragte: „Lukas, wie geht es dir wirklich?“
Ich zögerte, aber dann platzte es aus mir heraus: „Wie soll es mir gehen? Mein Vater hat mich einfach hier zurückgelassen… allein.“
Gorwin legte seine Hand sanft auf meine Schulter. „Lukas, ich kenne deinen Vater schon, seit er ein kleiner Junge war. Ich habe ihn noch nie so erlebt wie in den letzten Tagen. Glaub mir, er tut das nicht, weil er dich verlassen wollte.“
Ich wollte widersprechen, wollte sagen, dass es genau so war. „Aber er hat mich doch hier gelassen, Gorwin. Er… er ist einfach gegangen…“
Er schüttelte den Kopf. „Nein, Lukas. Er hat dich nicht verlassen. Er liebt dich mehr als alles andere auf dieser Welt. Und gerade weil er dich so sehr liebt, hat er diese Entscheidung getroffen. Er will dich schützen – mit allem, was er hat. Ich bin mir sicher, dass er jede Sekunde an dich denkt.“
Ich schluckte schwer. „Aber… es fühlt sich an, als wäre ich ihm egal.“
Gorwin sah mir tief in die Augen. „Dein Vater würde eher sterben, als dich jemals im Stich zu lassen. Ich weiß das, weil ich es in seinen Augen gesehen habe. Er würde alles tun, um dich zu beschützen.“
Seine Worte trafen mich tief. Ich wollte nicht, dass sie wahr waren – denn dann würde es bedeuten, dass mein Vater diesen Schmerz genauso stark fühlte wie ich. Aber irgendwo tief in mir wusste ich, dass Gorwin recht hatte. Ich sah ihn an, und er wiederholte noch einmal ruhig, aber bestimmt: „Er tut das alles nur für dich.“
Ich sagte nichts mehr. In meinem Kopf kämpften Zweifel und Hoffnung gegeneinander, während ich versuchte, Gorwins Worte zu verarbeiten.
Gorwin sah mich an und sagte sanft: „Lukas, ich verspreche dir, dass ich in der Abwesenheit deines Vaters auf dich aufpassen werde. Ich bin für dich da, egal was passiert.“
Verzweifelt sah ich ihn an. „Gorwin… ich habe solche Angst.“ Meine Stimme zitterte. „Cersei… sie wird Marlis etwas antun. Und meinem Vater. Ich spüre es. Sie hasst ihn so sehr, und wenn sie sich rächen will…“ Ich konnte den Gedanken kaum aussprechen. Mein Herz schlug wie verrückt. „Ich… ich halte das nicht aus.“
Er nickte verständnisvoll. „Ich weiß, mein Junge. Diese Angst ist verständlich, aber—“
„Nein, lass mich ausreden.“ Ich unterbrach ihn hastig. „Vater… er… seine letzten Worte, bevor er gegangen ist... Er hat gesagt, dass er mich beschützen wird. Aber wie soll er das, wenn er jetzt selbst sein Leben riskiert?“ Meine Stimme brach fast.
Ich fuhr mir durchs Haar, spürte, wie mein Körper zitterte. „Und der Brief… ich habe ihn nie selbst gesehen, aber man hat mir davon erzählt. Vater hat ihn vor der Hochzeit geschrieben. Er hat Cersei angefleht, unsere Hochzeit nicht zu stören und uns in Ruhe zu lassen. Und sie… sie hat ihm ins Gesicht gelogen. Sie hat gesagt, sie würde es tun – nur um direkt nach der Hochzeit zuzuschlagen.“
Meine Stimme brach. Tränen stiegen mir in die Augen. „Er wollte uns schützen. Und jetzt… ist er weg. Und ich konnte nicht einmal mit ihm darüber reden.“
Gorwin seufzte schwer und legte eine Hand auf meine Schulter. „Lukas, ich… es tut mir so leid. Dein Vater… so habe ich ihn nie erlebt. Aber glaub mir… er hat das nur getan, um dich zu schützen. Er liebt dich sehr.“
Ich schüttelte den Kopf, wollte es nicht hören. „Er hat mich allein gelassen, Gorwin. Er hat mich hier gelassen, während er sich in den Tod stürzt!“
„Er hat dich nicht verlassen, Lukas. Er hat dich beschützt. Ich bin mir sicher, dass er keinen anderen Weg sah.“ Gorwins Stimme war fest, aber voller Mitgefühl. „Er wusste, dass du ihm gefolgt wärst. Dass du alles riskiert hättest. Genau deshalb hat er es so gemacht. Aus Liebe und Sorge.“
Ich sah ihn an, Tränen liefen mir über die Wangen. „Aber verstehst du nicht, Gorwin? Nach allem, was passiert ist… ich kann nicht einfach hier bleiben. Ich muss nach King’s Landing. Ich muss sie retten. Marlis… Vater… ich kann nicht warten, während sie dort…“ Meine Stimme versagte.
Gorwin seufzte tief. „Lukas, das ist zu gefährlich. Cersei—“
„Ich weiß, dass es gefährlich ist!“ Ich sah ihm direkt in die Augen. „Aber wenn du in meiner Lage wärst… würdest du es nicht auch tun? Würdest du nicht alles riskieren für die Menschen, die du liebst?“
Er sah mich lange an, und ich erkannte, dass er verstand. Schließlich nickte er langsam. „Ja… würde ich.“
„Hilfst du mir?“ Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Hilfst du mir, von hier abzuhauen?“
Ein Moment des Schweigens. Dann nickte Gorwin ernst. „Ja, Lukas. Ich helfe dir.“
Ich sah Gorwin an, Tränen noch in meinen Augenwinkeln, und nickte ihm dankbar zu. „Danke… wirklich.“ Meine Stimme war leise, aber voller Bedeutung.
Er legte mir kurz eine Hand auf die Schulter, drückte sie sanft. „Denk dran, Lukas – du bist nicht allein.“
In diesem Moment kamen Erik und Sansa zurück, mit mehr Wein und noch einem Stück Kuchen. Ich rieb mir schnell übers Gesicht, versuchte, meine Gedanken für einen Moment beiseitezuschieben. Wir setzten uns wieder, tranken und aßen weiter, doch irgendwann wurde die Stimmung ruhiger. Die Nacht war schon weit fortgeschritten, und nach und nach wurde klar, dass es Zeit war, schlafen zu gehen.
Beim Verabschieden trat Gorwin nah an mich heran und flüsterte mir leise ins Ohr: „Sag mir, wie ich dir helfen kann. Ich komme morgen wieder.“
Ich schluckte und nickte kaum merklich. „Danke.“
Dann verabredeten wir uns alle vier, uns morgen wiederzutreffen – einfach, um zu reden, Zeit miteinander zu verbringen und für einen Moment die Last der letzten Tage zu vergessen.
Schließlich zog ich mich zurück in mein Zimmer. Ich ließ mich auf mein Bett sinken und atmete schwer aus. Mein Blick wanderte zur Decke, doch meine Gedanken ließen mich nicht los.
Sie kreisten weiter um all das, was passiert war. Aber diesmal war es nicht nur Angst oder Verzweiflung – es war Wut. Wut auf Mutter. Wut auf die Situation. Wut, dass ich hier festsitzen sollte, während mein Vater sein Leben riskierte.
Und darunter… war immer noch die Besorgnis.
Marlis. Vater. Ich musste etwas tun. Ich konnte nicht einfach hier bleiben.
Gerade als ich versuchte, mit der Wut in mir zurechtzukommen, klopfte es an der Tür. Kurz, fast zögerlich. Bevor ich reagieren konnte, ging sie auf, und Erik trat ein.
Er warf mir einen langen Blick zu, dann setzte er sich wortlos neben mich auf das Bett. Einen Moment sagte keiner von uns etwas. Dann durchbrach er die Stille:
„Was ist los?“ Seine Stimme war ruhig, aber fest. „Und was hat Gorwin dir ins Ohr geflüstert?“
Ich spürte, wie sich mein Körper anspannte. „Nichts, nur… er wollte mir Mut machen. Dass alles gut wird.“
Erik sah mich direkt an, seine Augen durchdrangen mich. „Lukas…“
Ich wich seinem Blick aus. „Es ist nichts, wirklich.“
„Hör auf damit.“ Seine Stimme wurde schärfer. „Du lügst mich an.“
Ich presste die Lippen aufeinander, mein Herz pochte schneller. Ich konnte ihn nicht belügen – nicht Erik. Konnte ich das wirklich? Er sah mich so eindringlich an, als würde er jede Fassade, die ich hochzog, mit einem einzigen Blick durchbrechen. Ich biss die Zähne zusammen. Nein… ich konnte es nicht.
Ein Zittern durchlief mich, als ich den Entschluss fasste. Ich packte ihn mit meiner linken Hand fest am Arm, zog ihn etwas näher und starrte ihm in die Augen. Meine eigene Stimme bebte vor Emotionen.
„Ich will nach King’s Landing.“
Ich hob meine rechte Hand – oder das, was davon übrig war. Mein Blick brannte sich in seinen, während sich Tränen in meinen Augen sammelten.
„Denkst du wirklich…“ Meine Stimme war rau, kaum mehr als ein Flüstern. „Denkst du wirklich, dass ich nach dem Verlust meiner rechten Hand… nach dem Verlust von Marlis… und vermutlich von meinem Vater… nicht schon fast alles verloren habe?“
Erik schluckte, doch sagte nichts. Ich verstärkte den Griff um seinen Arm.
„Glaubst du nicht, dass ich lieber sterben würde, als die beiden auch noch zu verlieren?“ Mein Atem zitterte. „Ich will nach King’s Landing. Mehr als alles auf der Welt.“
Erik sah mich an, und in seinem Blick erkannte ich etwas, das mich kurz innehalten ließ – Verständnis. Er verstand, wieso ich das wollte. Vielleicht verstand er sogar, dass ich gar nicht anders konnte. Doch dann atmete er tief durch und versuchte trotzdem, Gründe zu finden, warum ich nicht gehen sollte.
„Lukas… ich kann dich nicht einfach gehen lassen. Ich hab es Jaime versprochen, auf dich aufzupassen.“
Ich sagte nichts, hielt seinem Blick nur stand. Er schien zu überlegen, nach weiteren Gründen zu suchen.
„Du bist verletzt, du hast—du hast deine Hand verloren! Wie willst du kämpfen, wenn es drauf ankommt?“
Ich zuckte nicht einmal mit der Wimper.
„Und… und was, wenn es eine Falle ist? Wenn Cersei nur darauf wartet, dass du kommst?“
Ich ließ ihn reden, hörte ihn an, ließ jede einzelne Begründung durch mich hindurchgehen. Aber Erik merkte es selbst – nichts davon war stark genug, nichts davon konnte mich aufhalten. Er versuchte, seine Argumente zu erklären, sie logisch klingen zu lassen, doch irgendwann brach er ab. Er wusste, dass er mich nicht überzeugen konnte.
Wir sahen uns weiter an, als würde dieses Gespräch ganz ohne Worte weitergehen. Dann fragte ich ihn:
„Kommst du mit?“
Erik lachte leise, neigte den Kopf ein wenig zur Seite. Fast schien es, als hätte er die Frage erwartet. Dann umgriff er meine linke Hand, sah mir in die Augen und sagte:
„Lass uns nach King’s Landing gehen.“
Ein Lächeln huschte über mein Gesicht, und als er noch grinsend hinzufügte: „Ich hab ja versprochen, auf dich aufzupassen“, konnte ich mir ein kurzes Lachen nicht verkneifen. Ich schlug in seine Hand ein.
Doch während dieser Moment für uns beide fast leicht wirkte, ratterte es in meinem Kopf schon weiter. Ich dachte darüber nach, wie der Weg verlaufen würde – welche Route wir nehmen sollten, wie wir es vermeiden konnten, entdeckt zu werden. Ich stellte mir vor, wie wir in King’s Landing ankamen, mitten in einer Stadt, die von Cerseis Einfluss durchzogen war. Würden wir überhaupt unbemerkt hineinkommen? Und wenn ja, was dann? Ich wusste, dass ich Marlis finden musste, dass ich meinen Vater finden musste. Aber… was, wenn es schon zu spät war?
Nein. Ich durfte nicht so denken. Ich würde sie retten.
Ich dachte an Cersei. An das, was sie getan hatte, an das, was sie noch tun würde, wenn ich sie nicht aufhielt. Wut stieg in mir auf, aber diesmal war sie nicht unkontrolliert – diesmal war sie ein Feuer, das mich antrieb.
King’s Landing wartete auf mich. Und ich würde kommen.
Ich sah Erik an und begann, meinen Plan für unsere Route zu erklären:
„Wir nehmen zuerst den Weg über Clegane Hall und Silver Hill, dann stoßen wir auf die Gold Road und folgen ihr Richtung King’s Landing.“
Erik nickte nachdenklich. „Das macht Sinn. Die Gold Road ist die sicherste Route, auch wenn wir aufpassen müssen, nicht entdeckt zu werden.“
„Ja, aber alle anderen Wege wären zu gefährlich oder zu lang“, ergänzte ich.
Dann kamen wir auf ein anderes Problem zu sprechen: Sansa.
Ich grinste. „Du hast doch bestimmt noch ein paar Zutaten für eine kleine Mixtur Mohnblumensaft übrig?“
Erik hob eine Augenbraue, aber ein Lächeln zuckte über seine Lippen. „Worauf willst du hinaus?“
„Morgen, wenn wir uns mit Gorwin und Sansa treffen, gibst du ihr eine kleine Dosis davon. Nur genug, damit sie schläfrig wird. Ich werde Gorwin sagen, dass er auf sie aufpassen soll, während wir losziehen.“
Erik lachte leise und schüttelte den Kopf. „Das ist hinterlistig… aber es funktioniert.“
„Dann ist es beschlossene Sache.“ Ich atmete tief durch. „Morgen geht es los.“
Am nächsten Morgen nieselte es leicht, als wir uns alle in der Stube trafen. Erik ging, um Tee zu holen, während Gorwin, Sansa und ich am Tisch saßen.
Kurz darauf stand Sansa auf. „Ich bin gleich zurück.“ Sie verließ den Raum.
Sofort wandte ich mich an Gorwin. „Ich muss mit dir reden.“
Er runzelte die Stirn. „Was ist los?“
Ich lehnte mich näher zu ihm. „Erik und ich brechen heute auf. Wir gehen nach King’s Landing.“
Gorwin sog scharf die Luft ein, sagte aber nichts. Ich fuhr fort:
„Sansa darf nichts davon erfahren. Wir haben vor, sie für eine Weile schlafen zu lassen – mit einer kleinen Dosis Mohnblumensaft. Ich brauche dich hier, Gorwin. Ich brauche jemanden, der auf sie aufpasst.“
Gorwin sah mich einen Moment lang an, dann nickte er langsam. „Ich verstehe.“
„Wirst du hier die Stellung halten? Auf sie aufpassen, bis wir zurückkommen?“
Er legte mir eine Hand auf die Schulter und drückte sie leicht. „Ich verspreche es. Und ihr… passt auf euch auf. Holt sie alle zurück.“
In diesem Moment kamen Sansa und Erik zurück, Erik mit einer dampfenden Kanne Tee. Ich sah ihn kurz an, und er nickte mir kaum merklich zu.
Wir sprachen weiter, während der Regen draußen leise gegen die Fenster prasselte. Wie erwartet wurde Sansa nach einiger Zeit müde. Sie gähnte, blinzelte schwerfällig und versuchte, sich auf das Gespräch zu konzentrieren – doch schließlich gab sie nach, legte ihren Kopf auf ihre Arme und schlief ein.
Es war Zeit.
Gorwin sah uns an, stand auf und zog mich in eine Umarmung. „Passt auf euch auf. Und bringt alle zurück.“
Ich nickte. „Ich verspreche es.“
Dann verließ ich den Raum, eilte in mein Zimmer und schnappte mir mein Schwert und ein paar wichtige Sachen.
Draußen nieselte es immer noch, als Erik und ich schließlich durch die Tore von Casterly Rock schritten und aufbrachen. Der Weg nach King’s Landing hatte begonnen.