SEASON IV · KAPITEL 17

Fear the Night

Marlis wird entführt

WORUM ES GEHT

Kurz nach der Hochzeit taucht Sansa verletzt bei Tyrion, Bronn, Theon und Podrick auf: Ihr Zug wurde kurz außerhalb von Casterly Rock von maskierten Männern überfallen, Marlis und andere wurden in eine Kutsche verschleppt. Tyrion bringt Sansa zum Feierlager am See, wo die Nachricht Lukas völlig zusammenbrechen lässt; Jaime und Tyrion bleiben bei ihm. Auf dem Rückweg nach Casterly Rock zeigt Bronn den Erwachsenen heimlich eine Nachricht mit Cerseis Siegel: „Die Hochzeit ist vorbei, Jaime.“ In der Burg fehlen Marlis, Brienne, Arya, Bran und Marlis' Familie. Jaime gesteht den anderen seinen Brief an Cersei und ihre verlogene Antwort; man beschließt, nach King's Landing zu ziehen, Lukas aber zu seinem Schutz mit Mohnblumensaft im Apfeltee schlafen zu legen und ihn mit Erik und Sansa zurückzulassen.

1

Sansas Flucht aus dem Dunkel

Schauplatz: Casterly Rock · Tyrion Lannister, Sansa Stark, Bronn, Podrick Payne, Theon Greyjoy

Die vier stehen still, die Schwerter gezückt und die Blicke nach vorn gerichtet, bereit auf alles, was aus der Dunkelheit auf sie zukommen könnte.

Die Schritte werden lauter, und plötzlich stolpert eine Gestalt aus der Dunkelheit direkt auf die Männer zu. Es ist Sansa. Ihr Kleid ist zerrissen, ihr Gesicht von Schrammen gezeichnet, und Blut läuft von einer Wunde an ihrer Stirn. Sie keucht, stützt sich schwer atmend auf ihre Knie und wirkt völlig außer sich.

Podrick sagt erschrocken „Lady Sansa?!“

Theon tritt schnell zu ihr „Was… was ist passiert?! Bist du verletzt?“

Bronn schaut sich sofort um, sein Schwert weiterhin erhoben „Sind sie noch hinter dir? Wer war es?“

Sansa ringt nach Luft, ihre Stimme zittrig und voller Panik „Wir… wir wurden überfallen… kurz außerhalb von Casterly Rock.“

Tyrion tritt vor, seine Augen weiten sich vor Besorgnis, als er die Erschöpfung und Verzweiflung in ihrem Gesicht erkennt.

Tyrion: „Überfallen? Von wem? Wo sind die anderen? Was ist passiert?“

Sansa fährt sich mit einer zitternden Hand durch das zerzauste Haar, Tränen strömen über ihre Wangen „Es… es ging alles so schnell. Männer in schwarzen Umhängen, maskiert. Sie kamen aus dem Nichts. Wir haben uns gewehrt, so gut wir konnten, aber…“

Sie bricht für einen Moment ab, ihre Worte versiegen in einem erstickten Schluchzen. Tyrion legt ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter, seine Stimme wird weicher.

Tyrion: „Sansa, bitte. Tief durchatmen. Was ist mit den anderen passiert?“

Sansa schluckt schwer und spricht, ihre Stimme bricht immer wieder „Einige… ich weiß nicht, wie viele, aber einige wurden in eine Kutsche gezerrt. Sie haben geschrien. Marlis… Marlis war bei ihnen. Ich… ich weiß nicht, was mit den anderen passiert ist. Ich bin weggelaufen, als ich eine Lücke sah…“

Theon verstummt, sichtlich schockiert „Marlis…“

Bronn knurrt und greift nach seinem Schwertgriff „Verdammt. Wer auch immer das war, sie werden dafür bezahlen.“

Tyrion steht regungslos da, während Sansas Worte in seinem Kopf widerhallen. Sein Magen zieht sich zusammen, und eine dunkle Vorahnung breitet sich in ihm aus.

Cersei… natürlich Cersei. Das Timing, die Zielstrebigkeit, die Brutalität – es könnte niemand anderes sein. Die Männer in Schwarz, die Entführung, und Marlis, ausgerechnet Marlis? Es war ihre Handschrift. Sie hat alles geplant. Aber warum jetzt? Warum gerade bei dieser Feier, nach allem, was geschehen war?

Er presst die Lippen zusammen, ein bitterer Geschmack breitet sich in seinem Mund aus. Cersei würde niemals aufhören, ihre Feinde – oder besser gesagt, ihre Familie – zu quälen. Doch war es wirklich Cersei? Was, wenn er sich irrte? Was, wenn sie noch grausamere Pläne schmiedete, die er nicht vorhersehen konnte?

Dann denkt er an Lukas. Cersei hatte in ihrem Brief an Jaime beteuert, dass sie Lukas liebe, dass sie ihn nicht verletzen wolle. Aber konnte er das glauben? Würde sie so weit gehen, ihrem eigenen Sohn – seinem Neffen – auch Jaime, ihrem Bruder, ihrem Geliebten so etwas anzutun? Die Gedanken schmerzen, und Tyrion fühlt die Schwere der Verantwortung. Er musste einen klaren Kopf behalten. Für Sansa, für Marlis, und besonders für seinen Bruder und Lukas. Wenn er jetzt versagte, würde er sie alle enttäuschen.

Er lässt seine Gedanken zurück zu Jaimes Worten schweifen. Er hatte immer betont, dass Cersei trotz allem noch Liebe für ihren Sohn und eine Mischung aus Liebe und Hass für ihn hegen würde. Aber konnte Jaime so blind sein? Oder täuschte sich Tyrion, und es war tatsächlich jemand anderes hinter dem Angriff? Die Zweifel nagen an ihm, aber er weiß, dass sie keine Zeit verlieren dürfen.

Tyrion flüstert fast zu sich selbst, seine Stimme schneidend leise „Cersei… was hast du getan? Was bist du wirklich bereit zu tun – sogar gegen deinen eigenen Sohn?“

Tyrion blinzelt schnell, schüttelt die aufkommende Panik ab und versucht, einen klaren Kopf zu behalten. Tausend Gedanken schwirren ihm durch den Kopf, doch er weiß, dass sie jetzt handeln müssen.

Dann sagt er mit zitternder, aber bestimmter Stimme „Okay… Theon, du kommst mit mir. Du nimmst Sansa auf den Rücken und trägst sie. Sie kann keinen Schritt mehr laufen, und wir müssen sie in Sicherheit bringen.“

Theon nickt, seine Augen immer noch voller Sorge, doch er hebt Sansa vorsichtig hoch. Sie klammert sich an ihn, schwach und zitternd.

Er wendet sich an die anderen „Bronn, Podrick, ihr schleicht euch unauffällig in Richtung Casterly Rock. Seid vorsichtig, bleibt in Deckung und schaut, ob die Luft rein ist. Wenn ihr Spuren findet, irgendetwas, das uns Hinweise auf diese Bastarde gibt, die das getan haben, dann bringt es sofort zu mir.“

Bronn nickt knapp, ein scharfes Grinsen auf den Lippen.

„Wird erledigt. Aber wenn wir die Typen finden, lass mir ein bisschen Spaß, bevor wir sie erledigen.“

Podrick sagt unsicher, aber entschlossen „Wir machen das, Mylord.“

Tyrion nickt, und sie teilen sich auf. Während er und Theon mit Sansa aufbrechen, verschwinden Bronn und Podrick lautlos in der Dunkelheit.

Tyrion läuft hinter Theon, der mit Sansa auf dem Rücken tapfer voranschreitet. Doch in seinem Kopf herrscht Chaos. Gedanken prasseln auf ihn ein wie ein Sturm, jeder widerspricht dem anderen.

Cersei… könnte sie das wirklich tun? War sie dazu fähig, Jaime in ihrem Brief zu belügen? Und wenn ja, warum?

Tyrion erinnert sich wieder an die Worte, die Jaime ihm immer wieder gesagt hatte: „Cersei liebt ihre Familie, auch wenn sie es nicht zeigt. Sie würde uns niemals schaden.“ Doch konnte das wirklich stimmen? Cersei hasste ihn, daran bestand kein Zweifel. Er war das Monster in ihrer Geschichte, das schwarze Schaf der Familie. Aber Jaime? Sie hatte Jaime immer geliebt und er zeigte ihr wie sehr er sie liebte. Würde sie ihn auch täuschen, nur um ihre eigenen Ziele zu erreichen?

Und was war mit ihrem Sohn. Lukas liebte seine Mutter immer noch auf irgendeine Weise, das wusste er. Und Cersei behauptete in ihren Briefen, dass sie Lukas liebe, dass sie niemals etwas tun würde, um ihn zu verletzen. Aber wie glaubwürdig war das, nachdem sie ihn benutzte, um Jaime zu verletzen? War ihre Liebe zu Lukas stärker als ihr Hass auf Tyrion und Jaime?

Ein weiterer Gedanke durchzuckt ihn: Vielleicht war es nicht Hass, der sie trieb, sondern Angst. Angst davor, ihre Macht zu verlieren, Angst davor, dass sie Lukas an Jaime und ihn „verlieren“ würde. Wenn das wahr war, würde sie vielleicht alles tun, um die Kontrolle zurückzugewinnen, sogar lügen und Intrigen spinnen.

Tyrion fühlt, wie seine Hände zittern, doch er ballt sie zu Fäusten. Er musste einen klaren Kopf bewahren. Er musste stark sein, auch wenn die Zweifel ihn innerlich auffraßen.

Er flüstert kaum hörbar vor sich hin, „Cersei… Wenn du das getan hast… Wenn du Lukas und Jaime das angetan hast… dann werde ich dich dafür zur Rechenschaft ziehen.“

Er hebt den Blick und strafft die Schultern. Die Nacht mag dunkel sein, aber er weiß, dass er diese Wahrheit ans Licht bringen muss – egal, wie schmerzhaft sie sein könnte.

Während Tyrion hinter Theon herläuft, der Sansa weiterhin tapfer trägt, reißt dieser ihn aus seinen Grübeleien.

„Tyrion, wir sind fast wieder am See. Ich glaube, ich höre schon die Stimmen der anderen“ sagt Theon.

Tyrion bleibt kurz stehen, hebt den Kopf und lauscht. Tatsächlich – gedämpft, aber eindeutig sind Stimmen zu hören, fröhliches Lachen und Gesprächsfetzen, die aus der Richtung des Sees zu kommen scheinen. Normalerweise würde dieser Klang ihm ein Lächeln ins Gesicht zaubern, doch jetzt verdichtet er nur die Last, die auf seinen Schultern liegt.

Tyrions Gedanken schießen in alle Richtungen. Wie sollte er das den anderen erklären? Die Hochzeit war ein Moment des Glücks und der Liebe gewesen, und jetzt war dieser Frieden zerschmettert worden. Er wusste, dass Jaime sich sofort die Schuld geben würde. Jaime, der sich immer als Beschützer sah – als jemand, der alle, die er liebte, vor allem bewahren wollte. Das Letzte, was er brauchte, war ein weiterer Grund, sich selbst zu verurteilen.

Tyrion schluckte schwer. Wie konnte er seinem Neffen, das alles erklären? Lukas hatte so viel Hoffnung und Vertrauen in ihre Familie gesetzt, selbst in Cersei, trotz allem. Was würde passieren, wenn diese Illusion zerstört wurde? Wenn Lukas realisierte, dass jemand, den er liebte, Teil dieser Intrige sein könnte? Tyrion konnte nicht zulassen, dass Lukas darunter zerbrach. Er hatte schon so viel durchgemacht.

Tyrion spürte, wie sein Atem schneller wurde. Seine Hände zitterten erneut, und ein Teil von ihm wollte einfach umdrehen und weglaufen – den Schmerz und die Konfrontation vermeiden. Doch er wusste, dass das keine Option war. Die anderen zählten auf ihn. Jaime zählte auf ihn. Lukas zählte auf ihn.

Tyrion flüstert zu sich selbst, fast trotzig „Ich werde das Richtige tun. Für Jaime. Für Lukas. Für alle, die auf mich zählen.“

Mit einem tiefen Atemzug zwingt er sich, weiterzugehen. Die Stimmen am See werden lauter, und bald würde die unausweichliche Wahrheit ans Licht kommen. Tyrion weiß, dass er das nicht allein tragen kann, aber er muss stark sein – für die, die er liebt.

2

Das jähe Ende der Feier

Schauplatz: Casterly Rock · Lukas Lannister, Jaime Lannister, Tyrion Lannister, Sansa Stark, Erik Stark, Bronn, Paul Lannister, Podrick Payne, Theon Greyjoy

Tyrion und Theon treten mit der verletzten Sansa in den kleinen Kreis aus Licht, den die Fackeln am See werfen. Ihre Ankunft ist wie ein kalter Windstoß, der die Wärme und Freude der Party in einem Augenblick erstickt. Erik und Paul, die direkt in die Richtung der Ankommenden blicken, erstarren und springen dann entsetzt auf.

„Was... was zur Hölle ist passiert?!“ ruft Erik. „Sansa! Was ist los? Wer hat euch das angetan?“ schreit Paul entsetzt.

Ihre Schreie lassen Jaime und Lukas auf der anderen Seite des Tisches innehalten. Sie sitzen noch mit dem Rücken zu den Ankommenden, drehen sich aber aufgeschreckt um. Jaime sieht zuerst Sansa – das Blut an ihrer Kleidung, ihr blasses Gesicht, das gequälte Zittern ihrer Lippen. Sein Magen zieht sich augenblicklich zusammen, eine bleierne Übelkeit breitet sich in ihm aus. Dann sieht er Tyrion.

Augenblicklich schießen Gedanken durch seinen Kopf. Tyrions Gesicht ist blass und von einer düsteren Ernsthaftigkeit gezeichnet, die Jaime nur allzu gut kennt. Es ist das Gesicht eines Mannes, der weiß, dass er gleich Worte aussprechen muss, die alles verändern werden. Jaimes Herz setzt einen Schlag aus. Sein Verstand weigert sich, die Szene vor ihm vollständig zu begreifen.

Cerseis Name schießt ihm durch den Kopf. „Nein... Nein, das ist unmöglich. Sie würde... nicht... Sie könnte das nicht tun. Oder doch? Gott, bitte lass es nicht wahr sein.“ Erinnerungen an ihren Brief vor wenigen Wochen fluten seinen Geist. Ihre Worte, ihre Art, wie sie ihn damals beruhigt hatte, dass es keine Gefahr gäbe. Hat sie gelogen? Hat sie mich angelogen? Und warum?

Doch noch bevor er seine Gedanken zu Ende bringen kann, drängt sich ein anderer Gedanke auf: „Lukas.“ Jaimes Blick wandert unwillkürlich zu Lukas, der neben ihm sitzt, das Lächeln verschwunden, ersetzt durch einen Ausdruck tiefen Unwohlseins. Jaime spürt, wie sein eigenes Herz schwer wird. Was wird das mit ihm machen? Wie soll ich ihn davor beschützen? Wie kann ich ihn jetzt noch schützen?“

Jaime blickt wieder zu Tyrion, sein Magen dreht sich bei der stillen, aber klaren Botschaft in den Augen seines Bruders. Jaime schluckt schwer, unfähig, auch nur ein Wort zu sagen. Sein Gesicht bleibt regungslos, aber innerlich tobt ein Sturm, ein Sturm angetrieben von Schuld, Angst und Versagen.

Tyrion beobachtet, wie sich das Lachen in Lukas' Gesicht verflüchtigt, wie die Wärme und Freude einer eiskalten, lähmenden Angst weichen. Aber auch Jaimes Reaktion, macht ihm das Herz schwer. Der Ausdruck auf seinem Gesicht – ein Schmerz, den Tyrion viel zu gut kennt, aber selten bei Jaime gesehen hat – trifft ihn wie ein Schlag.

„Er denkt, es ist seine Schuld.“ Der Gedanke sticht tief. „Er denkt, er hat versagt. Ich kann es in seinen Augen sehen.“ Tyrion kämpft gegen den Drang an, seine Vermutung zu äußern, alles sofort zu erklären. Aber er weiß, dass das nichts bringen würde. Die Wahrheit wird schwer genug zu ertragen sein – für alle.

Er strafft sich, auch wenn seine Beine sich anfühlen, als könnten sie ihn jeden Moment im Stich lassen. „Ich muss stark sein.“

Er hebt den Blick, sieht in Lukas' Augen und hört die Frage, die er bereits erwartet hat.

„Tyrion... was ist passiert?“

Ich stand langsam auf, meine Beine fühlten sich schwer und unsicher an. Mein Blick war fest auf Tyrion gerichtet, während ich mich wie in Trance auf ihn zubewegte. Alles in mir schrie nach einer Antwort.

„Tyrion... bitte... was ist passiert? Sansa?“

Sansa hob mühsam den Kopf, ihr Gesicht war blass und von Schmerz gezeichnet. Ihre Stimme klang leise, brüchig, fast wie ein Flüstern, das in der angespannten Stille kaum zu hören war.

„Wir... wir wurden überfallen...“ Sie schnappte nach Luft und schloss kurz die Augen, als ob jede Silbe eine Qual für sie war. „Es war kurz nachdem wir Casterly Rock verlassen haben... Männer... sie kamen plötzlich... wir hatten keine Chance. Sie haben... einige in eine Kutsche gezerrt.“

Ihre Worte stockten, und ich sah, wie ein Krampf durch ihren Körper ging. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie schien am Rande der Kraft zu stehen.

„Ich konnte... nichts tun. Marlis... sie haben Marlis...“

Diese Worte trafen mich wie ein Schlag in die Magengrube. Meine Beine gaben nach, und ich sank langsam auf die Knie. Alles um mich herum verschwamm, und meine Atmung wurde flach. Ich konnte nichts anderes tun, als meinen Kopf zu senken, während sich meine linke Hand in meinen Haaren verkrallte.

„Das kann nicht wahr sein... das darf nicht wahr sein... Marlis...“ Bilder von ihr durchzogen meinen Kopf: ihr Lächeln, ihr Lachen, ihre Stimme. Die Panik wuchs in mir wie eine dunkle Welle, die alles mit sich riss.

„Wer könnte so etwas tun? Wer hat die Kälte und Grausamkeit, so etwas zu tun? Und...“ Der Gedanke an Mutter kam plötzlich, unerwartet und beängstigend klar. „War sie das? Könnte sie so weit gehen? Würde sie Marlis etwas antun? Würde sie uns... das antun?“

Ich schüttelte den Kopf, als ob ich die Gedanken abschütteln könnte. „Nein... sie liebt uns. Sie liebt mich. Oder? Aber... wenn ich mich irre?“

Jaime kniete sich plötzlich neben mich, seine Hand legte sich schwer, aber beruhigend auf meine Schulter.

„Lukas,“ sagte er leise, aber mit Nachdruck, „wir finden sie. Ich verspreche es dir.“

Ich hob den Kopf und sah ihn an. Sein Blick war fest, voller Entschlossenheit. Doch ich konnte auch die Angst und die Zweifel darin lesen.

Tyrion war immer noch wie erstarrt, doch dann atmete er tief ein und richtete sich auf. Seine Stimme war fest, auch wenn ich das leichte Zittern darin nicht überhören konnte.

„Wir... wir müssen uns aufteilen. Zeit ist entscheidend.“

Erik und Paul nickten sofort. Paul wandte sich an Theon und klang entschlossen.

„Komm, Theon. Wir machen uns sofort auf den Weg. Bronn und Podrick brauchen jede Unterstützung.“

Theon nickte ebenfalls. „Alles klar. Lasst uns gehen.“

Ich stand plötzlich auf, das Adrenalin in meinen Adern ließ mich zittern.

„Ich komme mit,“ sagte ich, und meine Stimme war fester, als ich mich fühlte.

Doch Tyrion hob eine Hand, um mich zu stoppen, während Jaime sich vor mich stellte, fast wie ein Schutzschild.

„Nein, Lukas,“ sagte Tyrion eindringlich. „Du bleibst hier. Du musst dich um Sansa kümmern. Sie ist verletzt und braucht jemanden, der bei ihr bleibt. Und...“ Er zögerte, und seine Stimme wurde weicher. „Wir können es uns nicht leisten, dich zu verlieren. Wir wissen nicht, ob die Männer auch hinter dir her sind.“

Jaime legte mir eine Hand auf die Schulter. „Tyrion hat recht. Du bleibst hier. Wir finden heraus wer das war und dann bringen sie zurück. Vertrau uns.“

Ich spürte, wie die Wut und Verzweiflung in mir tobten, aber ich konnte nichts erwidern. Erik und Paul stimmten ebenfalls zu, und ihre Worte waren ruhig, aber bestimmt.

„Du bist hier am besten aufgehoben, Lukas,“ sagte Erik. „Wir brauchen dich, um einen klaren Kopf zu behalten.“

Widerwillig ließ ich mich von ihnen beruhigen.

„Okay… aber Vater? Onkel? Könnt ihr bitte auch hier bleiben. Ich brauche euch jetzt, glaube ich…“ winselte ich, den Tränen nahe.

„Natürlich bleiben wir bei dir,“ versprachen die beiden.

So blieb ich mit Onkel Tyrion und Vater bei Sansa, während Erik, Paul und Theon in die Dunkelheit verschwanden, bereit, Marlis und die anderen zu retten.

Nachdem wir Sansa vorsichtig in eines der kleinen Zelte gelegt hatten, versorgten Vater, Tyrion und ich ihre Wunden so gut wir konnten. Sie wirkte erschöpft, ausgelaugt und voller Schmerz, während wir ihr Wasser reichten und sie beruhigten. Ihre Lider fielen bald schwer zu, und Tyrion blieb noch kurz bei ihr sitzen, um sicherzugehen, dass sie schlafen konnte.

Vater und ich verließen leise das Zelt und setzten uns an den Tisch, der noch von den Feierlichkeiten übrig geblieben war. Die Lichter der Fackeln flackerten im Wind, und die Dunkelheit um uns herum schien plötzlich erdrückend.

Ich fühlte, wie meine Hand zitterte, während ich meine Finger um die Finger der goldenen Hand verschränkte und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Schließlich brach ich die Stille, meine Stimme schwach und stockend.

„Papa...“ Ich hielt inne, schluckte schwer, bevor ich weitersprach. „Kann es sein, dass... dass das Mutter war? Dass sie das geplant hat?“

Vater rutschte sofort näher zu mir, und ich spürte, wie sein Arm sich langsam um meine Schultern legte. Er zog mich behutsam an sich, und die warme, vertraute Geste ließ die Tränen, die ich verzweifelt zurückgehalten hatte, langsam über meine Wangen laufen.

„Oh, Lukas...“ flüsterte er mit einer Stimme, die zitterte. Ich fühlte, wie auch sein Körper leicht bebte, während seine Hand beruhigend über meinen Rücken strich. Er drückte mich fester an sich, und ich hörte plötzlich ein leises Schluchzen von ihm.

„Wie kann ich ihm das sagen? Wie kann ich ihm jemals beichten, dass ich etwas wusste, dass ich Cersei diesen Brief geschrieben habe, ihre Antwort gelesen habe und dass ich... nichts gesagt habe, ihr einfach blind vertraut habe? Er würde mich hassen. Und... wenn ich mich irre?“

Der Gedanke, dass Cersei tatsächlich hinter diesem Angriff stecken könnte, bohrte sich wie ein Dolch in Jaimes Brust. „Sie hasst Tyrion, ja. Und mich... vielleicht auch, ach was denke ich da natürlich hasst sie mich… oder wahrscheinlich... Aber Lukas?“

Er schloss die Augen, während er mich festhielt, und versuchte, die widersprüchlichen Gedanken zu ordnen. „Ich kann ihm das nicht sagen. Nicht jetzt. Nicht so. Wenn ich mich irre, zerstöre ich alles. Und wenn ich recht habe...“

Er öffnete die Augen und sah in Richtung des Zeltes, aus dem Tyrion gerade herauskam. Ihre Blicke trafen sich, und Jaime wusste, dass Tyrion ahnte, was Lukas ihn gerade gefragt hat.

Tyrion näherte sich langsam, seine Schritte schwer und seine Augen gerötet von den Tränen, die er in Sansas Zelt zurückgelassen hatte. Er blieb kurz stehen, bevor er sich schließlich zu uns setzte.

Ich fühlte plötzlich seine Arme um mich und Vater, und wir drei saßen eng aneinander gedrückt, jeder von uns gefangen in seiner eigenen Spirale aus Schmerz und Schuld. Tyrion begann zu weinen, und seine leise Stimme durchbrach die Stille.

„Ich... ich weiß, wie schwer das jetzt ist. Aber... ich glaube... ich glaube, dass alles wieder gut wird.“

Seine Worte klangen zerbrechlich, und doch schienen sie aus tiefstem Herzen zu kommen.

Die Tränen liefen nun unkontrolliert über mein Gesicht, und ich begann laut zu schluchzen. „Wie kann das sein?“ rief ich, meine Stimme brach immer wieder. „Wie kann mir so etwas an meiner Hochzeit passieren? Wieso…“

Vater drückte mich fester, seine Tränen tropften auf meine Schulter, während Tyrion mich ebenfalls noch enger umarmte. Die Dunkelheit um uns herum schien für einen Moment unendlich, nur durchbrochen von unserem gemeinsamen Schmerz, der uns wie eine unsichtbare Kette zusammenhielt.

Die Nacht war von einem schweren, drückenden Schweigen erfüllt, nur unterbrochen von gelegentlichen leisen Schluchzern, die aus unserem engen Kreis kamen. Vater, Tyrion und ich saßen so am Tisch, unsere Arme umeinander geschlungen, während die Zeit langsam verstrich. Die Kälte der Nacht war kaum spürbar – stattdessen brannte ein anderes Gefühl in mir. Ein tiefes Loch der Verzweiflung, das nicht zu füllen war.

Niemand von uns sprach viel. Es gab nichts zu sagen, was den Schmerz lindern konnte. Irgendwann, als die Nacht schon weit vorangeschritten war, rieb Tyrion sich über die Augen und atmete tief durch. „Wir... wir sollten los. Es bringt nichts, hier noch länger zu bleiben.“

Vater nickte langsam, doch ich konnte sehen, dass es ihn Kraft kostete, sich aufzuraffen. Auch mir fiel es schwer, mich zu bewegen, als hätte mich die Verzweiflung an Ort und Stelle gefesselt. Aber wir hatten keine Wahl.

Bevor wir aufbrachen, gingen wir leise zu dem kleinen Zelt, in dem Sansa lag. Ich kniete mich vorsichtig neben sie und berührte sanft ihre Schulter.

„Sansa...?“

Langsam öffnete sie die Augen, noch immer erschöpft und blass. Sie zuckte leicht zusammen, als sie sich aufsetzte, ihr Körper von Schmerzen durchzogen. Ich sah, dass sie zwar etwas erholter wirkte, aber dennoch weit davon entfernt war, in Sicherheit zu sein – zumindest nicht in ihrem Inneren.

„Wir gehen zurück nach Casterly Rock“, sagte ich sanft. „Kannst du aufstehen?“

Sansa nickte schwach, doch ihr Blick war leer. Ihr Geist schien noch immer weit entfernt zu sein, gefangen in den Schrecken, die sie erlebt hatte. Mit vorsichtigen Bewegungen half ich ihr auf, und zusammen mit Vater und Tyrion verließen wir das Lager.

Die Nacht lag still über dem Wald, als wir auf dem schmalen Pfad in Richtung Casterly Rock schritten. Nur das entfernte Zirpen der Grillen und das sanfte Rauschen der Blätter begleitete uns.

Plötzlich bewegten sich Schatten zwischen den Bäumen, und ein dumpfes Geräusch von Schritten ließ uns innehalten.

Dann erkannten wir sie – Paul, Erik, Theon, Bronn und Podrick. Sie kamen auf uns zu, ihre Gesichter ernst, ihre Blicke schwer.

„Habt ihr etwas herausgefunden?“ fragte Tyrion sofort, seine Stimme war rau von der Erschöpfung.

Bronn und Podrick tauschten einen kurzen Blick, bevor Bronn antwortete. „Es ist... kompliziert.“

Ich runzelte die Stirn. „Kompliziert? Was heißt das?“

„Wir sollten erst in Casterly Rock darüber reden“, sagte Erik schnell und mit einem angestrengten Lächeln, das mich sofort misstrauisch machte.

Ich wollte weiter nachhaken, doch in diesem Moment spürte ich, wie sich ein unangenehmer Druck in meiner Blase meldete. Seufzend trat ich einen Schritt zurück. „Ich... ich muss kurz weg“, murmelte ich, bevor ich mich ein Stück tiefer in den Wald begab.

Kaum war ich außer Sicht, brach die Fassade der Ruhe in unserer Gruppe zusammen. Bronn zog ein zusammengefaltetes Pergament aus seinem Wams, hielt es hoch, und als Jaime und Tyrion das darauf gepresste Siegel erkannten, wurde ihnen schlagartig schlecht.

Jaime riss Bronn das Pergament aus den Händen, entfaltete es mit seiner Hand so gut er konnte und las die Worte, die darauf standen.

"Die Hochzeit ist vorbei, Jaime."

Ein einfacher Satz. Und doch war er so kalt, so endgültig, dass sich ein Gefühl des Unwohlseins tief in seiner Brust festsetzte.

Jaimes Atem wurde schwer, und er merkte, wie seine Sicht verschwamm. „Das... das kann nicht sein.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

Tyrion sah ihn an, und als er die Tränen in Jaimes Augen erkannte, trat er schnell näher. „Nicht jetzt“, murmelte er eindringlich. „Wir dürfen Lukas nicht noch mehr beunruhigen. Nicht hier. Nicht jetzt.“

Jaime schluckte schwer und nickte schließlich, auch wenn die Worte ihm die Luft abschnürten.

Dann hörten sie meine Schritte auf dem Laub. Schnell steckte Bronn den Brief weg, und als ich zurückkam, standen alle still und taten so, als wäre nichts gewesen.

„Alles in Ordnung?“ fragte ich misstrauisch und sah in die Runde.

„Ja, natürlich“, sagte Tyrion mit einem kleinen Lächeln. „Lass uns weitergehen.“

3

Der Tee mit Mohnblumensaft

Schauplatz: Casterly Rock · Lukas Lannister, Jaime Lannister, Tyrion Lannister, Sansa Stark, Erik Stark, Bronn, Paul Lannister, Podrick Payne, Theon Greyjoy

Die Burg von Casterly Rock lag vor uns, ihre Türme hoch aufragend, ihre Mauern in der Dunkelheit kaum zu erkennen. Die großen Tore waren bereits geschlossen, doch eine einzelne Laterne brannte in der Nähe des Eingangs, ihr Licht warf flackernde Schatten auf den Boden.

Draußen war es friedlich. Zu friedlich.

Ich blieb kurz stehen und betrachtete die stille Umgebung. Das sanfte Plätschern eines Brunnens war zu hören, irgendwo zirpte eine Grille, und eine leichte Brise ließ die Blätter an den Bäumen rascheln.

Wie konnte es so ruhig sein?

Wie konnte die Welt einfach weiterlaufen, als wäre nichts geschehen?

Ich spürte, wie die Wut in mir brodelte, gepaart mit Angst und Verzweiflung.

"Alles ist kaputt. Und doch sieht es aus, als wäre nichts passiert."

Ich presste die Lippen zusammen und senkte meinen Kopf, um meine Gedanken zu ordnen.

Hinter mir hörte ich die anderen näher kommen. Die Halle von Casterly Rock wartete auf uns. Und mit ihr die Antworten, die ich fürchtete.

Als wir durch die großen Tore von Casterly Rock traten, umfing mich ein seltsames Gefühl der Unwirklichkeit. Alles sah aus wie immer – die massiven Steinwände, die hohen Hallen, das gedämpfte Licht der Fackeln, das leise Echo unserer Schritte auf dem Marmorboden. Und doch fühlte sich nichts mehr richtig an.

Ich hatte gehofft, dass die vertraute Umgebung mir ein wenig Trost spenden würde, doch stattdessen wurde der Knoten in meiner Brust nur noch enger.

Etwas fehlte.

Nein... jemand fehlte.

Marlis war nicht da.

Es war, als wäre sie einfach... verschwunden. Keine Spur von ihr, kein Zeichen, dass sie je hier gewesen war. Und nicht nur sie – Brienne, Arya, Bran und Marlis' Familie waren ebenfalls nirgendwo zu sehen.

Ein Gefühl der Beklemmung breitete sich in mir aus, und die letzten Reste der ohnehin zerbrechlichen Hoffnung wurden von kalter Angst erstickt. Ich sah mich um, suchte nach irgendeinem Anzeichen, dass sie hier gewesen waren – ein Kleidungsstück, eine Notiz, irgendetwas. Doch die Burg war still.

Tyrion, Theon, Bronn, Paul, Erik, Podrick und die anderen standen ebenfalls mit ernsten Mienen in der großen Halle, und ich konnte sehen, dass sie es ebenso beunruhigend fanden wie ich. Sansa schwieg, ihr Blick ins Leere gerichtet.

Langsam drehte ich mich zu Vater um. Er stand neben mir, sein Gesicht angespannt, doch seine Augen ruhten sanft auf mir.

Ich zog leicht an seiner Jacke.

„Papa...“ Meine Stimme klang schwach, fast wie ein Flüstern. „Ist es okay, wenn ich kurz nach oben gehe? Ich... ich komme gleich wieder runter.“

Jaime sah mich an.

-

Als Lukas mich an meiner Jacke zog und mich mit traurigen Augen ansah, spürte ich, wie mein Herz für einen Moment aussetzte.

Mein schlimmster Albtraum war, dass er mich jetzt direkt fragen würde. Ob ich etwas weiß. Ob ich etwas geahnt habe. Ob ich eine Antwort darauf habe, warum all das passiert ist.

Ich wusste nicht, ob ich ihm in die Augen sehen und lügen konnte.

Die Angst schlich sich in meinen Nacken, ließ meine Schultern schwer werden. Aber dann kam seine Frage – und anstelle einer direkten Konfrontation bat er mich einfach nur um etwas Zeit für sich.

Eine Welle der Erleichterung spülte durch meinen Körper, doch sie wurde sofort von einem tiefen Schmerz begleitet.

Er war gebrochen.

Er wollte nicht streiten, keine Antworten, keine Vorwürfe – er wollte nur einen Moment allein sein. Und das war fast noch schlimmer.

Ich nickte langsam und zwang mich zu einem sanften Ton. „Natürlich, mein Junge.“

Ich schluckte. „Soll ich dich begleiten?“

Er schüttelte den Kopf, sah mich dabei aber nicht an. „Nein… ich will nur kurz alleine sein. Ich komme gleich runter.“

Ich betrachtete ihn, suchte in seinem Gesicht nach irgendeinem Zeichen von Wut oder Verdacht. Doch alles, was ich sah, war Traurigkeit.

Mir blieb nichts anderes übrig, als das zu akzeptieren. Also hielt ich seinen Blick fest und sagte mit so viel Überzeugung, wie ich nur aufbringen konnte:

„Alles wird gut, Lukas.“

Er sah mich an. Und ich wusste, dass er mir nicht glaubte.

Denn ich glaubte es ja selbst nicht.

-

Ich nickte langsam, wandte mich ab und begann, die Treppen hochzusteigen.

Meine Schritte hallten in der Stille, und mit jedem Schritt, den ich weiter nach oben ging, fühlte ich mich schwerer.

Casterly Rock war riesig, doch in diesem Moment fühlte sich jeder Flur eng an. Fast erstickend.

Ich ging an den dunklen Wandteppichen vorbei, an den alten Statuen und Gemälden meiner Vorfahren. Früher hatten mich diese Hallen beeindruckt – jetzt waren sie leer.

Als ich schließlich mein Ziel erreichte, legte ich langsam meine Hand an die Tür.

Das Zimmer von Marlis und mir.

Ich öffnete es leise und trat ein.

Die Luft war abgestanden, als wäre hier seit Tagen niemand gewesen.

Ich sah mich um – unsere Sachen lagen noch da, als wäre nichts passiert. Die Decken waren ordentlich, die Möbel unberührt. Doch es war still.

So still.

Und in meinem Inneren begann sich eine Wahrheit zu formen, die ich nicht aussprechen konnte.

Die Dunkelheit des Raumes drückte schwer auf meine Brust. Ich lag auf dem Bett, mein Blick an die Decke geheftet. Keine Gedanken, keine Bewegung – nur Stille.

Eine einzelne Träne rann langsam über meine Wange. Dann nichts mehr.

Alles in mir war taub.

Tyrion trat in die große Halle und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Die Anspannung war greifbar, als er Jaime neben der Säule stehen sah, den Blick gesenkt, die Schultern schwer.

„Wo ist Lukas?“ fragte Tyrion leise.

Jaime hob kaum merklich den Kopf und sah ihn an. „Er ist oben in seinem Zimmer. Er wollte kurz allein sein.“

Tyrion musterte ihn genau. „Und du hast ihn einfach gehen lassen?“

Jaime schloss für einen Moment die Augen und atmete tief durch. Dann packte er Tyrion am Arm und zog ihn einige Schritte von den anderen weg.

Als sie außer Hörweite waren, wirkte Jaime plötzlich... müde. Als würde er von einer Last erdrückt werden, die er nicht mehr tragen konnte.

„Ich kann nicht glauben, dass Cersei das wirklich getan hat“, murmelte er, mehr zu sich selbst als zu Tyrion.

Er sah auf seine Hände, als würde er darin eine Antwort finden.

„Ich habe ihr vertraut, Tyrion“, sagte er plötzlich. Seine Stimme war brüchig. „Trotz allem. Trotz dem, was sie bisher getan hat. Trotz dem, was sie ist. Ich habe sie immer geliebt und ihr vertraut.“

Er lachte bitter. „Und wahrscheinlich ist genau das mein größter Fehler.“

Tyrion sagte nichts, ließ ihn sprechen.

Jaime ballte die Hand zur Faust. „Ich habe ihr geglaubt. Ich habe sie verteidigt. Immer. Ich habe geglaubt, dass sie mich auch liebt. Dass sie... dass sie für mich, für Lukas nicht so weit gehen würde.“

Sein Blick wurde dunkler.

„Aber sie hat es trotzdem getan.“

Stille.

Jaime atmete tief durch und fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. „Und jetzt... ich mache mich so fertig für das, was passiert ist… jetzt hat Lukas niemanden mehr außer uns. Und ich hätte das alles verhindern müssen.“

Sein Blick wanderte nach oben, in Richtung der Treppe, die zu meinem Zimmer führte.

„Ich hätte ihn davor beschützen müssen.“

Tyrion legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Du hast getan, was du konntest, Jaime. Gib dir nicht die Schuld daran.“

Jaime sah ihn an, seine Augen waren voller Schmerz. „Ich werde es mir trotzdem immer vorwerfen.“

Tyrion nickte langsam. „Das weiß ich.“

Als Jaime und Tyrion wieder zu den anderen traten, hatten sich alle um den großen Tisch versammelt. Jaime atmete tief durch.

Er legte die Nachricht von Cersei auf den Tisch.

„Das hier... ist Cerseis Antwort auf meinen Brief.“

Alle sahen ihn überrascht an.

„Welchen Brief?“ fragte Sansa vorsichtig.

Jaime schloss kurz die Augen. „Den, den ich ihr Wochen vor der Hochzeit geschickt habe. Ich habe sie angefleht, nichts zu tun. Ich habe ihr gesagt, dass wir in Frieden auseinandergehen können. Dass sie sich nicht gegen uns wenden muss.“

Er nahm den Brief und öffnete ihn langsam.

„Sie hat mir geantwortet. Sie hat mir versichert, dass nichts passieren wird.“

Sein Blick verhärtete sich.

„Und sie hat gelogen.“

Stille breitete sich aus.

Sansa sah fassungslos auf das Stück Pergament. Theon ballte die Hände zu Fäusten.

Podrick flüsterte: „Sie hat es geplant.“

„Natürlich hat sie das“, murmelte Tyrion.

Niemand sagte etwas. Doch in den Gesichtern der Anwesenden war die Enttäuschung, die Wut und das Entsetzen deutlich zu sehen.

Jaime schloss langsam den Brief.

„Wir müssen nach King’s Landing.“

„Wir benachrichtigen unsere Armee, aber wir ziehen sie nicht direkt auf“, erklärte Tyrion. „Kein Krieg. Noch nicht.“

Bronn nickte. „Ich kümmere mich darum.“

Jaime rieb sich die Schläfe. „Wir müssen alles vorbereiten. Wir brauchen einen Plan.“

Dann stockte er.

Er hob den Blick.

„Was machen wir mit Lukas?“

Niemand sagte etwas.

Jaime sah in die Runde. Seine Gedanken rasten.

„Ich will ihn um alles in der Welt schützen“, sagte er leise. „Ich will nicht, dass er in diese Gefahr gerät.“

Er presste die Lippen zusammen. „Aber ich weiß, dass er mitkommen will. Und ich weiß, dass er mir das nicht verzeihen wird, wenn wir ihn hierlassen.“

Erik atmete tief durch. „Er darf nicht mitkommen.“

Jaime sah ihn an.

„Lukas ist stark, ja“, sagte Erik ruhig. „Aber das hier ist mit der ganzen Situation zu viel für ihn, für seinen Kopf. Wir müssen ihn schützen, auch wenn es heißt, dass er hier bleiben muss.“

„In Casterly Rock“, fügte Sansa hinzu.

Jaime ließ den Kopf sinken.

Tyrion sah ihn an. „Du weißt, dass es das Richtige ist.“

Jaime schwieg.

Er wusste es.

Er wusste es nur zu gut.

Aber es fühlte sich trotzdem falsch an.

„Aber wie bringen wir ihn davon ab, mitkommen zu wollen?“

Fragte er nachdenklich.

„Mohnblumensaft“, sagte Bronn schließlich. „Eine kleine Dosis, und er schläft. Wir gehen los, während er sich ausruht.“

Sansa zögerte. „Ist das wirklich die beste Lösung?“

„Es ist die einzige Lösung“, sagte Tyrion.

Jaime atmete tief durch und nickte schließlich.

„Gut. Aber jemand muss bei ihm bleiben“, fügte er entschlossen hinzu.

„Ich bleibe“, sagte Erik sofort.

Sansa sah zu Jaime. „Ich auch.“

Jaime musterte sie. Schließlich nickte er.

„Dann bleibt ihr beide, ich vertraue euch dass ihr auf ihn aufpasst, okay“, sagte er leise.

Die beiden nickten entschlossen.

Während Bronn sich auf den Weg machte, um die Armee zu benachrichtigen, bereitete Erik das Schlafmittel vor.

Jaime sah auf den Brief von Cersei.

Dann auf die Treppe, die nach oben führte.

Dann schloss er langsam die Augen.

Er wusste, dass er das Richtige tat.

Aber warum fühlte es sich dann so falsch an?

Erik kam mit einem kleinen Tablett in den Händen zurück, auf dem eine dampfende Tasse Tee stand. Sansa folgte ihm, ihre Hände vor sich gefaltet, und Jaime stand etwas abseits, die Arme verschränkt, seine Miene nachdenklich.

„Die Dosierung ist perfekt“, sagte Erik leise und stellte das Tablett auf den Tisch.

„Bist du sicher, dass das nötig ist?“ fragte Sansa zögernd.

Jaime schloss kurz die Augen. „Er würde niemals freiwillig hierbleiben.“

Erik nickte. „Dann bringen wir es ihm.“

Jaime sah zwischen den beiden hin und her. Für einen Moment schien er zögern zu wollen. Doch dann atmete er tief durch.

„Zu dritt“, sagte er leise. „Wir sehen zu dritt nach ihm.“

Ohne ein weiteres Wort nahmen sie das Tablett und verließen den Raum.

Ich hörte das leichte Knarren der Tür und hob müde den Blick.

Mein Herz zog sich leicht zusammen, als ich sie sah.

Jaime, Erik und Sansa.

Natürlich wusste ich, dass sie sich Sorgen um mich machten.

Eigentlich wollte ich alleine sein aber… trotzdem war ich irgendwie froh, dass sie kamen, um nach mir zu sehen.

Es bedeutete mir viel.

Erik trat vor. „Wir haben dir etwas mitgebracht.“

Sansa lächelte sanft. „Tee. Apfeltee. Dein Lieblingstee.“

Jaime setzte sich langsam auf die Bettkante und schenkte mir ein trauriges Lächeln. „Grüner Apfeltee, um genau zu sein.“

Ich runzelte kurz die Stirn. Irgendetwas an der Situation fühlte sich seltsam an, aber mal ganz ehrlich, was war momentan nicht seltsam?

Aber meine Kehle war trocken, und allein der Geruch des Tees ließ mich ein wenig entspannen.

Während ich mich langsam aufsetzte und meinen Rücken gegen das Kopfteil des Bettes lehnte, fragte Sansa sanft: „Wie geht es dir?“

Ich schnaubte leise. „Wie soll es mir schon gehen? Es ist der schönste Tag meines Lebens.“

Ein kurzes, humorloses Lachen entwich mir, doch meine Stimme war rau.

Erik und Sansa setzten sich an den kleinen Tisch im Raum, während Jaime sich komplett zu mir aufs Bett setzte.

Ich spürte, wie sein Blick die ganze Zeit auf mir lag.

Schwer. Traurig.

Fast... flehend.

Doch ich achtete nicht weiter darauf, sondern nahm die Tasse in beide Hände und trank langsam.

„Ich weiß, dass es sich gerade so anfühlt, als wäre alles verloren“, sagte Jaime schließlich.

Ich sah ihn an. „Ist es doch auch.“

Er seufzte und fuhr sich durch die Haare. „Das dachte ich damals auch. Aber das Leben... findet immer einen Weg, einen weiterzuziehen. Auch wenn man es sich nicht vorstellen kann.“

Ich schnaubte verzweifelt. „Sag mir es gibt wenigstens eine rührende Rittergeschichte, um mich aufzuheitern?“

Jaime lächelte schief. „Wenn du willst, kann ich dir von dem Tag erzählen, an dem ich in einen Misthaufen gefallen bin. Ich war dreizehn, und Tyrion hat mich tagelang ausgelacht.“

Ich verdrehte die Augen aber grinste schwach. „Großartig. Eine rührende Geschichte über Mist.“

Er lachte leise, und für einen Moment fühlte sich die Welt... leichter an.

Dann spürte ich seine linke Hand in meinen Haaren.

Er strubbelte sie leicht durcheinander.

Normalerweise hätte ich es gehasst.

Doch jetzt... fühlte es sich gut an. Beruhigend.

Ich nahm noch einen Schluck Tee.

Dann noch einen.

Es begann mit einem Gähnen.

Dann noch einem.

Mein Kopf fühlte sich plötzlich schwer an.

Ich runzelte die Stirn. „Ich...“

Ein weiteres Gähnen.

„Was ist los mit mir? Ich bin auf einmal so müde.“

Jaime strich mir weiter durch die Haare, sein Blick voller Liebe und Traurigkeit.

Hinter ihm sah ich, wie Erik und Sansa sich bei einem kaum merklichen Nicken von Jaime erhoben und langsam aus dem Raum gingen.

Mein Herz schlug plötzlich schneller, ich hatte etwas Angst, wusste nicht, was passiert.

„Papa...?“

Er lächelte. Doch es war ein trauriges Lächeln.

„Ich liebe dich so sehr, mein Junge.“

Seine Stimme war weich, aber sie klang... wie ein Abschied.

Mein Herz zog sich zusammen.

Ich blinzelte, kämpfte gegen die Schwere in meinen Gliedern an.

„Ich liebe dich auch“, murmelte ich müde, während ich versuchte wach zu bleiben.

Er nahm meine Hand und hielt sie sanft.

„Ich werde immer auf dich aufpassen.“

Ich wollte etwas sagen.

Ihn fragen, warum sich das wie ein Abschied anhörte.

Aber mein Kopf wurde schwerer.

Meine Augenlider flatterten.

Ich wollte...

Aber...

Schlaf...