SEASON II · KAPITEL 13

A Place Beyond the Pines

Der See mit dem Apfelbaum

WORUM ES GEHT

Jaime kann nach dem Brief nicht schlafen, trifft nachts in der Küche Marlis und weicht ihr mit einer Ausrede aus. Am Morgen geht er zu einem kleinen See mit einem Apfelbaum und zwei Schaukeln, wo er sich an den ersten Kuss mit Cersei in seiner Jugend erinnert. Marlis folgt ihm dorthin, Jaime vertraut ihr unter dem Schwur der Verschwiegenheit Cerseis Brief an, und sie tröstet ihn. Gemeinsam planen sie eine Überraschungsfeier für Lukas am See. Zurück in Casterly Rock zeigt Lukas stolz seine neue goldene Hand.

1

Schlaflose Nacht

Schauplatz: Casterly Rock · Jaime Lannister, Marlis of the Blackwater

Jaime legte sich ins Bett, die Müdigkeit in seinen Knochen spürte er kaum. Der Brief, jedes Wort, war wie eine Last, die ihn schwer atmen ließ. Er schloss die Augen, versuchte die Gedanken zu verdrängen, doch sie kreisten unaufhörlich in seinem Kopf. Cerseis Anschuldigungen, ihre verbitterten Worte, und das bittere Eingeständnis, dass sie Lukas nur verletzt hatte, um ihm Schmerz zuzufügen. Er drehte sich von einer Seite auf die andere, doch der Schlaf blieb ihm verwehrt. Schließlich gab er auf und stand auf. Vielleicht könnte ein heißer Tee ihn beruhigen.

Leise schlich er in die große Küche, suchte im Schrank nach einer Teekanne und Kräutern, die ihm Ruhe bringen sollten. Seine Bewegungen waren automatisch, abwesend, die Gedanken noch immer an dem Brief hängend. Doch plötzlich bemerkte er eine Bewegung hinter sich, und als er sich umdrehte, stand Marlis da und lächelte ihn verschlafen an.

„Jaime, was machst du noch so spät hier?“ fragte sie leise, die Stimme noch warm von der Müdigkeit.

„Oh… Marlis,“ murmelte er, überrascht und ein wenig verwirrt, wie sie plötzlich so unbemerkt hinter ihm stehen konnte. „Ich… konnte nicht schlafen.“

Er sah wieder auf den dampfenden Tee vor ihm, spürte, wie seine Hand sich an der Kanne festkrallte. Der Gedanke, dass Marlis vielleicht bemerken könnte, wie tief ihn etwas beschäftigte, ließ ihn nervös werden. Was, wenn sie ihn fragen würde? Was, wenn sie spürte, dass etwas nicht stimmte und dann Lukas davon erzählen würde? Jaime wollte sich nichts anmerken lassen. Er wollte niemanden wissen lassen, wie gebrochen er sich in diesem Moment fühlte.

„Und was macht dich wach?“ fragte er beiläufig, um das Gespräch von sich abzulenken, während er ihre Tasse vorbereitete.

„Ach,“ sagte Marlis schmunzelnd, „ich hatte einfach Lust auf einen Tee.“ Sie beobachtete ihn für einen Moment, schien ihn zu studieren, doch schien den Blick dann fallen zu lassen, als ob sie ihm seinen Raum geben wollte.

Jaime atmete erleichtert durch, doch dann sprach sie erneut, mit einer Mischung aus Müdigkeit und guter Laune: „Hast du nicht Lust, ein wenig zu plaudern? Wir reden sonst so selten zu zweit.“

Jaime senkte den Blick und schüttelte leicht den Kopf. Unter anderen Umständen hätte er vielleicht das Gespräch mit Marlis genossen, ihre Anwesenheit und die Art, wie sie ihm oft half, seine Gedanken zu ordnen. Doch in dieser Nacht war sein Herz zu schwer, und seine Gedanken ließen keinen Raum für leichte Worte. „Danke, Marlis, aber ich warte nur auf den Tee und wollte dann schlafen gehen. Ich muss morgen früh aufbrechen… ein paar Dinge erledigen.“

Er dachte einen Moment nach, bevor er fortfuhr. „Mein… Bruder hat mich gebeten, nach einigen alten Dokumenten zu suchen. Ich weiß nicht genau, was er plant, aber ich habe ihm versprochen, danach zu sehen.“

Marlis nickte verständnisvoll und nahm ihren Tee in die Hände. „Na gut, Jaime,“ sagte sie mit einem sanften Lächeln. „Schlaf gut.“

Jaime erwiderte nichts, nur ein kurzes Nicken, bevor er sich abwandte und in Richtung seines Zimmers ging. Eine große Erleichterung durchströmte ihn. Marlis hatte nichts bemerkt, und ihm blieb noch ein wenig Zeit, sich wieder zu sammeln. Mit dem Tee in der Hand kehrte er ins Schlafzimmer zurück, lehnte sich gegen das Kopfende des Bettes und nahm einen Schluck. Die Wärme des Tees sickerte durch seinen Körper, und nach einer Weile konnte er endlich die Augen schließen und schlafen.

In ihrem eigenen Zimmer saß Marlis noch einen Moment wach, den Tee in den Händen. Jaime war so still und ernst gewesen, wie sie ihn selten erlebt hatte. Es war etwas an ihm, das sie nachdenklich machte, doch sie beschloss, es zu ignorieren und den Schlaf zu suchen. Nach einigem Grübeln gab sie schließlich nach, legte sich ins Bett und fiel in einen unruhigen Schlaf.

2

Die Schaukeln am See

Schauplatz: See mit dem Apfelbaum · Jaime Lannister

Am nächsten Morgen erwachte Jaime, sein Körper von der schweren Müdigkeit der Nacht noch erschöpft, und die Bilder seiner Träume verblassten nur langsam. Für einen kurzen Moment fragte er sich, ob die Worte aus Cerseis Brief bloß in einem Albtraum existiert hatten. Doch als sein Blick über das Zimmer schweifte, sah er den Brief auf dem Schreibtisch, und die schmerzhafte Realität kehrte zurück. Ohne einen weiteren Gedanken ließ er sich zurück ins Bett sinken, wo er lange regungslos verharrte, überwältigt von der Schwere der vergangenen Nacht. Die Erinnerung daran, wie er Marlis eine Ausrede präsentiert hatte, nagte an ihm, doch wusste er, dass er jetzt etwas Abstand brauchte, um seine Gedanken zu ordnen.

Er entschied sich, an einen Ort zu gehen, der ihm seit Kindheitstagen Trost gespendet hatte. Nach etwa fünfzehn Minuten Fußweg kam er schließlich an den kleinen See, gesäumt von einer weiten Blumenwiese und einem großen Apfelbaum, der einladenden Schatten bot. In diesem Baum, an seinem dicksten Ast, hingen zwei Schaukeln mit eingeritzten Initialen: J.L. und C.L... Jaime setzte sich auf die Schaukel mit seinen eigenen Initialen und blickte zur anderen hinüber, die leer im sanften Morgenwind schwang. Mit einem traurigen Lächeln begann er, leicht hin und her zu wippen, während seine Gedanken zurück in die Vergangenheit glitten.

„Jaime kommst du endlich? Marc wartet schon auf uns“ rief Cersei genervt.

Gott, wie ich Marc hasste… er war aus einer anderen reichen Familie, die mit unserer befreundet war. Vater mochte sie nur weil er wollte, dass Cersei Marc heiratet und ich seine Schwester Kattrin.

Ich hasste ihn, er schien wirklich in Cersei verliebt zu sein. Das schlimmste war, dass ich mir nicht einmal sicher war, ob Cersei vielleicht dasselbe empfand und das, obwohl ich doch...

„Ja gleich, geh schonmal vor ich komme gleich nach, ich sehe noch kurz nach Tyrion“ rief ich ihr flüchtig zu.

„Ernsthaft? Was willst du von diesem Monster ich verstehe es nicht, er hat Mutter getötet!“ fuhr sie mich an.

„Er ist unser Bruder und ich werde mit dir über diese lächerliche Sache nicht mehr diskutieren, das Thema hatten wir oft genug“ gab ich genervt zurück.

Ohne ein Wort zu sagen, ging sie nach unten und ich ging kurz zu meinem Bruder, der in seinem Zimmer saß und mit der Nanny spielte. Nachdem ich mich kurz versicherte, ging ich los nach draußen, wo wir mit Marc und Kattrin picknicken wollten.

Als ich dort ankam, sah ich Cersei wie sie mir voller Zorn und Tränen entgegenkam.

„Was ist los, was ist passiert?“ fragte ich voller Sorge.

„Er hat mich betrogen. Ich sah ihn wie er diese Schlampe Fuchsia geküsst hat und er wollte es nicht einmal verstecken…“

„Ich kümmere mich darum, keine Sorge.“

Sie sah mich weinend an und lief mir hinterher, als ich auf Marc zulief.

„Hey du Bastard!“ rief ich ihm entgegen.

Fuchsia verschwand und nur Kattrin stand noch neben ihm, welche versuchte mich zu grüßen. Nichts konnte mich stoppen, er hat Cersei verletzt. Niemand tut das.

Noch bevor er ein Wort sagen konnte, schlug ich ihm mit voller Wucht ins Gesicht. Er taumelte zurück und versuchte gegen mich zu kämpfen. Er schlug mir mit der Faust an das Auge und es tat weh jedoch ließ ich mich nicht stoppen und verprügelte ihn, bis er winselnd auf dem Boden lag und versuchte sich zu entschuldigen.

„Das wird noch ein Nachspiel haben“ drohte ich ihm, als ich mich besorgt umsah und Cersei nicht mehr sah. Doch ich wusste genau wo sie war.

Ich lief los in Richtung des abgelegenen Sees und sah sie aus der Weite auf ihrer Schaukel sitzen. Ich hörte ihr Weinen aus der Ferne. War sie wirklich so gebrochen und so sehr in ihn verliebt? Die Angst davor, dass sie jemand anderen lieben könnte, nagte an mir. Ich näherte mich langsam an, meine Wange war leicht aufgeschürft und mein Auge tat etwas weh, doch das war mir egal, mir war alles egal, ich wollte nur sie.

„Cersei…“ sagte ich leise und legte meine Hand auf ihre Schulter.

Sie drehte sich um und sah mir in meine Augen, ihre wunderschönen blonden Haare strahlten im Sonnenlicht und ich sah in ihre mit Tränen überschwemmten grünen Augen.

Sie griff mir an meine Wange, was ziemlich schmerzte und sagte leise „du bist verletzt…“

Ich ignorierte den Schmerz und sagte ihr stolz und lächelnd „ist doch egal, solange es dir gut geht.“

Ein leichtes Lachen zeichnete sich in ihrem Gesicht und ich zog meine Lippen ebenfalls nach oben und grinste sie an.

„Niemand bricht meiner Schwester das Herz…“ sagte ich.

„Ach dieser Idiot, verflucht sei er, ich werde es Vater erzählen und dann sollen er und seine dreckige Familie mal sehen wie viel sie noch zu melden haben“ antwortete sie fluchend.

„Außerdem, hat er mein Herz nicht gebrochen, ich habe ihn eh nicht geliebt, mir ging es nur darum dass er alles gemacht hätte, was ich will dieser Hund.“

Ich habe ihn eh nicht geliebt – diese Worte erlösten mich mehr als alles auf der Welt.

„Ja dieser Idiot, hast du mal seine Schwester gesehen? Nie im Leben könnte ich so eine Person lieben“ spottete ich.

„Ja, solche Trottel“ sagte sie und streichelte meine Wange.

Mir wurde etwas komisch und ich merkte die Schmetterlinge, die sich immer in meinem Bauch breit machten, wenn ich bei Cersei war. Ich wusste nicht was ich tun sollte. Schon als wir klein waren, waren wir schon immer intimer miteinander als normale Geschwister, doch Mutter versuchte unseren Kontakt zu minimieren. Vermutlich hatte sie schon damals Angst was passieren könnte, deshalb sie trennte unsere Zimmer. Wenn dort etwas passieren würde und ans Licht kommt, wäre unsere Familie für immer abgeschrieben. Doch ich musste etwas tun, die Gefühle waren einfach zu stark, vor allem wenn sie mich so zärtlich streichelt.

„Hör zu, ich…“ doch noch bevor ich die Worte, die ich sagen wollte, aussprechen konnte, zog sie meinen Kopf zu ihrem und unsere Lippen trafen sich. Ich schloss meine Augen. Wir küssten uns im goldenen Licht der Sonne. Ich drückte mit meiner Hand ihren Kopf nah an meinen und sie begann mir durch die Haare zu fahren, als wir uns küssten.

Die Emotionen die ich verspürte, diese Hingabe, dieses Glück, die Leidenschaft. Nie in meinem Leben war ich bisher so glücklich gewesen und ich wollte dass dieser Moment nie aufhörte, egal ob es falsch war was wir dort gerade taten. Ich war unsterblich verliebt und hatte genau das, was ich wollte. Cersei.

Nach einem langen, zärtlichen, intensiven Kuss sah ich ihr verliebt wie noch nie in die Augen und lächelte.

„Ich liebe dich Jaime“ sagte sie ernst.

„Ich liebe dich auch Cersei“ antwortete ich und wir küssten uns erneut. Die Gefühle während des zweiten Kusses wurden nicht schwächer. Wir küssten uns und ich zog meine Jacke aus und warf sie auf den Boden. Wir liebten uns, so sehr wir nur konnten und sündigten, doch es war uns beiden egal. Danach legten wir uns auf meinen ausgelegten Mantel auf den Boden. Cersei legte sich in meine Arme und ich hielt sie fest, als würde ich sie nie wieder loslassen. Sie legte ihrem Kopf auf meine Brust und sah mir glücklich in die Augen. Wir blieben für bestimmt eine Stunde einfach nur aneinander gekuschelt liegen und sagten nichts, nun strich ich sanft über ihre Wange, während sie mit ihren Fingern durch meine Haare und über meine Brust strich.

„Denkst du… das war falsch?“ fragte ich zögerlich.

„Nein, wir gehören zusammen, das war doch schon immer so und es wird auch immer so sein, wir sollten nur darauf achten dass uns niemand so sieht“ antwortete sie entschlossen. Das war genau das, was ich hören wollte.

„Natürlich“ gab ich grinsend zurück.

Dann nahm ich sie fest in den Arm und legte sie auf mich. Sie sah mich direkt an, als ich meine Finger nahm und ihre Haare aus dem Gesicht strich.

„Egal was kommt, egal wer, wenn jemand versucht uns auseinander zu bringen oder dir etwas antun will, werde ich ihn töten, ihn, sein Gefolge, die ganze Welt, bis du und ich die Einzigen zwei Menschen auf dem Planeten sind“ versprach ich ihr hoch und heilig.

Sie küsste mich wieder und ich umschlang sie erneut. So blieben wir noch für ein paar Stunden dort liegen und liebten uns, bis wir langsam losgingen, als die Sonne anfing unterzugehen. Doch bevor wir gingen, ritzten wir unsere Initialen in die Schaukel, als Erinnerung an jenen Tag.

3

Eine durchschaubare Ausrede

Schauplatz: Casterly Rock · Lukas Lannister, Tyrion Lannister, Marlis of the Blackwater

In der Zwischenzeit wachten Lukas und Marlis im Anwesen auf. Noch während sie sich für den Tag bereit machten, berichtete Marlis Lukas von ihrer Begegnung in der Nacht mit Jaime. Sie erzählte, wie sie ihn in der Küche angetroffen hatte, wie er still und gedankenverloren gewesen war, ein Verhalten, das sie selten bei ihm beobachtet hatte. „Er sah... abwesend aus, fast zerbrechlich,“ sagte sie nachdenklich. „Ich weiß nicht, was ihn beschäftigt hat, aber er schien nicht bei sich zu sein.“

Ich runzelte die Stirn. „Er hat gesagt, er würde früh aufstehen, um für Tyrion einige alte Dokumente zu suchen,“ murmelte er skeptisch. „Aber warum sollte Tyrion ihn mitten in der Nacht so etwas erledigen lassen? Das passt nicht zusammen.“

Beide waren etwas verwirrt und auch leicht besorgt. Noch während sie überlegten, klopfte es an der Tür. Tyrion trat herein und begrüßte sie mit einem Nicken. „Bist du bereit, Lukas? Der Schmied erwartet uns.“

Ich nutzte die Gelegenheit und fragte nach, ob mein Vater wirklich für Tyrion Dokumente suchen sollte. Tyrion runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. „Nein, das habe ich nie verlangt. Aber ich habe gesehen, wie er vorhin den Waldweg nahm. Ich nehme an, er ist zu dem kleinen See mit dem Apfelbaum unterwegs.“

Ich überlegte kurz, entschlossen, nach meinem Vater zu sehen. Doch bevor ich etwas sagen konnte, meldete sich Marlis zu Wort. „Ich gehe nachsehen. Vielleicht braucht er einfach jemanden, der ihm zuhört.“

Ich wollte protestieren, schließlich wusste ich nicht, was Jaime beschäftigen könnte, und wollte Marlis ungern allein dorthin schicken. „Bist du sicher? Es könnte vielleicht... nicht ganz ungefährlich sein, und—“

Doch Marlis unterbrach mich mit einem festen Blick. „Lukas, ich bin durchaus in der Lage, alleine dorthin zu gehen und auf mich selbst aufzupassen. Es ist nur ein Waldweg, und ich werde vorsichtig sein.“ Ihre Stimme trug einen bestimmten Ton, und sowohl ich als auch Tyrion mussten unwillkürlich lächeln.

„Na gut,“ sagte Ich schließlich. „Pass einfach auf dich auf.“

Tyrion gab ihr eine kurze Wegbeschreibung. „Du kannst den See kaum verfehlen. Der Weg führt dich direkt dorthin.“

Marlis nickte und wandte sich zum Gehen, während Ich und Tyrion Richtung Werkstatt aufbrachen. Auf dem schönen Waldweg war Marlis in Gedanken versunken, die kühle Morgenluft tat ihr gut, und die friedliche Atmosphäre beruhigte sie. Der leichte Wind rauschte durch die Bäume, und Sonnenstrahlen drangen durch das dichte Blätterdach. Es war ein Ort voller Ruhe und Schönheit, und während sie sich ihrem Ziel näherte, dachte sie über Jaime und die spürbare Last nach, die er zu tragen schien.

4

Unter dem Apfelbaum

Schauplatz: See mit dem Apfelbaum · Jaime Lannister, Marlis of the Blackwater

Als Marlis schließlich am See ankam, sah sie Jaime, der mit dem Rücken zu ihr saß und leicht auf der Schaukel hin und her wippte. Seine Haltung wirkte in sich gekehrt und gebrochen, als würde er den Augenblick und den Ort nutzen, um den Gedanken nachzuhängen, die ihn zu zerreißen schienen. Marlis bückte sich und hob zwei grüne, pralle Äpfel auf, die von den Ästen des Baumes gefallen waren. Sie trat leise auf Jaime zu und tippte ihm sanft auf die Schulter, um ihn aus seinen Gedanken zu holen.

Marlis spürte, wie Jaimes Schultern leicht zuckten, als sie ihn an die Realität zurückholte. Er drehte sich überrascht zu ihr um, seine Augen leer und müde, und murmelte, dass er sie nicht hier erwartet hatte. Sie lächelte ihm freundlich zu und reichte ihm den Apfel, den sie zuvor aufgehoben hatte. Jaime nahm ihn zögerlich an, hielt ihn jedoch nur in der Hand und begann, ihn gedankenverloren zu rollen, ohne wirklich daran zu denken, ihn zu essen. Marlis ließ sich auf die zweite Schaukel sinken und biss in ihren eigenen Apfel, der säuerlich und erfrischend schmeckte. Sie lächelte und sagte aufmunternd: „Lecker, diese Äpfel haben genau die richtige Säure.“

Jaime blickte auf und lächelte schwach, ein Hauch von Nostalgie flackerte in seinen Augen. „Ja... Ich esse die Äpfel von diesem Baum schon, seit ich laufen kann. Früher kamen wir immer hierher, Cersei, Tyrion und ich, zusammen mit unserem Vater. Wir sind geschwommen, haben gelacht... es war… friedlich.“

Marlis nickte verständnisvoll, als Jaime einen weiteren tiefen Atemzug nahm und leise hinzufügte: „Gut, dass du grüne, säuerliche Äpfel magst. Das ist eine Eigenart unserer Familie. Es scheint, dass Lannisters eine Schwäche für diesen Geschmack haben.“ Ein weiteres schwaches Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Lukas liebt die säuerlichen Äpfel auch,“ meinte Marlis. „Es passt also.“

Jaime nickte nachdenklich und murmelte, halb zu sich selbst: „Ja, er ist ja auch ein Lannister… mein Sohn.“ Doch seine Stimme wurde brüchig, und Marlis konnte das Zittern in seinem Tonfall hören.

Sie legte ihren Apfel beiseite und sah ihn besorgt an. „Warum klingst du so traurig? Was ist los, Jaime? Schon gestern Nacht… da war etwas anders.“

Jaime seufzte tief und richtete seinen Blick auf das Gras zu seinen Füßen. Nach einem kurzen Moment des Zögerns wandte er sich ihr ernst zu und sagte: „Bitte, Marlis… bitte schwör mir, dass du Lukas nichts davon erzählen wirst.“

Ihre Augen weiteten sich leicht. „Ich schwöre es,“ sagte sie ruhig, obwohl ihr Herz schneller schlug, eine Mischung aus Aufregung und Besorgnis. Sie wusste, dass etwas Schwerwiegendes ihn plagte.

Jaime erhob sich von der Schaukel und setzte sich gegen den Stamm des Apfelbaumes. Marlis folgte ihm und ließ sich neben ihm nieder. Die sanfte Brise spielte mit den Ästen über ihnen, und für einen Moment herrschte nur Stille. Dann begann Jaime zu sprechen.

„Ich habe Cersei geschrieben,“ begann er leise, seine Augen starrten ins Leere. „Ich habe ihr alles gesagt, was ich in all den Jahren in mir begraben habe. Ich habe… ich habe ihr meine Liebe gestanden. Ich weiß nicht, warum… vielleicht ist es Wahnsinn, aber ich liebe sie immer noch, trotz allem. Trotz allem, was sie getan hat. Sie… sie ist ein Teil von mir, und das wird sie immer sein.“

Marlis lauschte gebannt, ihre Augen groß und voller Mitgefühl. Jaime fuhr fort, seine Stimme wurde zögerlich und brüchig, als er den Inhalt von Cerseis Antwort schilderte.

„Sie sagte, ich war nie ein Vater für unsere Kinder,“ begann er, seine Worte langsam und schwer wie Steine, die er zu Boden fallen ließ. „Für Joffrey, Myrcella, Tommen… und am schlimmsten für Lukas. Sie meint… sie meint, ich hätte ihn im Stich gelassen, ihn und die anderen.“ Ein bitteres Lächeln zuckte über sein Gesicht, und seine Hand ballte sich zur Faust. „Ich war nicht da. Als Vater, als jemand, der für seine Kinder da ist… da sein sollte… da sein muss… habe ich versagt. Ich war nicht da, als Lukas mich gebraucht hätte. Sie sagt, ich hätte ihn nicht beschützt – und dass ich der Grund bin, dass er seine Hand verloren hat.“

Seine Stimme brach, und er starrte mit gebrochener Verzweiflung auf seine zitternde Hand. „Er hat so viel verloren, wegen mir… wegen meines Versagens. Ich konnte ihn nicht beschützen. Ich… Er ist der einzige, den ich noch habe…“ Jaime schluckte schwer, und seine Augen füllten sich mit Tränen, die er mühsam zurückzuhalten versuchte. „Ich hätte ein besserer Vater sein müssen, jemand, auf den er sich verlassen kann. Aber stattdessen... hat er seine eigene Hand verloren. Seine Hand. Weil ich... nicht da war.“

Marlis spürte die Schwere seiner Worte und den unerträglichen Schmerz, der ihm ins Herz schnitt. Jaime hielt sich nicht mehr zurück, als er die Worte aussprach, die er so lange in sich vergraben hatte. „Ich liebe Cersei.“ gestand er erneut verzweifelt. „So sehr ich sie auch hasse… diese verdammte Liebe ist noch immer da. Und das Schlimmste ist, dass sie mich tot sehen will. Sie hasst mich so sehr, dass es all meine Gefühle zu ihr verblassen lässt. Trotzdem kann ich sie nicht hassen, niemals“ Tränen flossen nun unkontrolliert über sein Gesicht, und sein Körper zitterte unter der Last seiner Worte. „Ich wünschte, ich könnte. Ich wünschte, ich könnte sie hassen… und einfach loslassen.“

In diesem Moment schien Jaime in sich zusammenzufallen, völlig zerbrochen und schutzlos. Marlis sah ihn an überwältigt von der rohen Emotion des Moments. Sie kämpfte mit ihren eigenen Tränen, schockiert von der Tiefe seines Schmerzes und der Hilflosigkeit, die in jedem seiner Worte mitschwangen. Kurz darauf legte sie dann sanft ihre Hände um seine linke Hand, hielt sie fest und sprach mit einer ruhigen, warmen Stimme.

„Jaime… du bist ein wunderbarer Vater. Lukas erzählt mir immer wieder, wie stolz er auf dich ist und wie glücklich er ist, bei dir zu sein. Er liebt dich mehr, als du es dir vorstellen kannst. Für ihn war es kein weltendender Verlust, dass er seine Hand verloren hat. Solange er dich hat, solange ihr zusammen seid, ist alles in Ordnung.“ Ihre Augen glänzten, und sie lächelte ihn an, obwohl auch ihr Tränen in die Augen stiegen. „Du bist ein guter Mensch, Jaime. Ganz gleich, was Cersei gesagt hat oder sagt oder jemals sagen wird.“

Jaime starrte sie an, überwältigt von ihren Worten, als ob er kaum glauben konnte, was er da hörte. „Ehrlich?“ flüsterte er, seine Stimme kaum mehr als ein ersticktes, verwundetes Schluchzen. Marlis zog ihn sanft in eine Umarmung, drückte ihn fest an sich, und ihre eigenen Tränen liefen nun ungehindert über ihre Wangen. Sie flüsterte ihm sanft zu, während sie ihm über den Rücken strich. „Ehrlicher als alles auf der Welt.“

Für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen, und Jaime konnte sich der warmen, tröstenden Gewissheit hingeben, die Marlis’ Worte ihm gaben.

Nachdem Jaime sich gefangen hatte und seine Gefühle etwas zur Ruhe gekommen waren, begann er mit Marlis über erfreulichere Dinge zu sprechen. Sie lachten über alte Geschichten und sprachen von unvergesslichen Momenten, die sie beide erlebt hatten. Jaime erzählte von den ersten Malen, als er selbst hierhergekommen war und wie friedlich dieser Ort immer auf ihn gewirkt hatte. „Es war immer wie eine kleine Flucht aus dem Alltag,“ sagte er und ließ seinen Blick über den Apfelbaum und die Umgebung schweifen. „So viele Erinnerungen… Es gibt einfach einen Zauber hier, der mich an die einfacheren Zeiten erinnert, an all das Gute, was noch geblieben ist.“

Marlis nickte nachdenklich, und ihre Augen leuchteten sanft im Nachmittagslicht. „Genau das spürt Lukas auch, denke ich. Manchmal spricht er über diesen Ort, als sei er ein Geheimnis nur für ihn.“ Sie lächelte verträumt. „Es ist, als ob diese Wiese und dieser Baum eine Kraft besitzen, die den Geist beruhigt und gleichzeitig erfrischt.“

Beide verfielen in ein Schweigen, ließen die friedliche Atmosphäre auf sich wirken, und philosophierten leise darüber, wie ein Ort wie dieser – ein so simpler, doch so schöner Platz inmitten der rauen Welt – solch eine Wirkung haben konnte. Jaime sprach über das Spiel von Licht und Schatten unter den Apfelblättern, über das Zwitschern der Vögel und das leise Rauschen des Windes, das die Blätter in Bewegung brachte. „Es ist, als ob die Natur hier eine Geschichte erzählt,“ sagte er nachdenklich. „Eine, die uns daran erinnert, dass es immer Ruhe und Schönheit gibt, auch wenn ringsherum alles stürmt.“

Marlis legte sanft ihre Hand auf seine und schlug plötzlich vor: „Weißt du, nach der großen Hochzeitszeremonie und dem Festmahl könnten Lukas, seine engsten Freunde und unsere Familie vielleicht hier den Abend ausklingen lassen. Ganz in Ruhe, unter diesem Baum. Es wäre eine Überraschung für ihn – eine, die ihm gefallen würde.“ Jaime lächelte, sichtlich gerührt von der Idee, und nickte.

„Das wäre wundervoll,“ sagte er leise. „Ich weiß, wie viel ihm dieser Ort bedeutet. Es wäre ein perfekter Abschluss für diesen besonderen Tag.“ Die beiden sprachen weiter, schmiedeten Pläne für die Feier und ließen ihren Gedanken freien Lauf. Je länger sie redeten, desto entspannter und verbundener fühlten sie sich, als ob all die Sorgen und Ängste des Tages sich im sanften Licht dieses Platzes auflösten.

5

Die goldene Hand

Schauplatz: Casterly Rock · Jaime Lannister, Lukas Lannister, Tyrion Lannister, Marlis of the Blackwater

Schließlich, als die Sonne begann, tiefer zu sinken, beschlossen sie, sich zurück auf den Weg nach Casterly Rock zu machen. Marlis erzählte Jaime, dass Lukas mit Tyrion unterwegs war, um seine goldene Hand abzuholen und sie bald zurückkehren sollten. Auf dem Rückweg fühlte sich Jaime innerlich gefestigter, beinahe erleichtert. Die Zeit und das Gespräch mit Marlis hatten ihm neuen Mut und Ruhe gegeben.

Kaum hatten sie die Tore von Casterly Rock erreicht, da liefen sie Lukas und Tyrion direkt in die Arme.

Als Tyrion und ich den Hof von Casterly Rock betraten, sahen wir Jaime und Marlis, die gerade zurückgekehrt waren. Mit einem Lächeln begrüßte ich sie beide, und Tyrion und ich tauschten einen kurzen Blick, bevor wir fragten: „Ist alles in Ordnung bei euch?“ Jaime und Marlis sahen uns an, schmunzelten und antworteten gleichzeitig: „Ja, alles ist gut.“

Tyrion und ich musterten sie beide noch kurz, bevor wir nickten und es dabei beließen. „Wo wart ihr eigentlich?“, fragte ich dann, neugierig, wohin sie sich so heimlich zurückgezogen hatten. Sie gaben eine beiläufige Antwort und erzählten, dass sie einfach ein wenig frische Luft geschnappt und über alte Geschichten gesprochen hatten – nichts weiter.

Mit einem breiten Grinsen hob ich meine neue goldene Hand und hielt sie ihnen entgegen. „Seht mal, was wir geholt haben!“ Ich lachte, stolz auf die glänzende, kunstvolle Arbeit, die meine fehlende Hand nun ersetzte. Jaime klopfte mir anerkennend auf die Schulter, und auch Marlis lächelte warm. „Sieht gut aus, Lukas. Wirklich.“

Gemeinsam machten wir uns auf den Weg nach drinnen, aber die Neugier ließ mich nicht los. Ich schob mich etwas näher an Marlis heran und fragte sie leise: „Ist wirklich alles in Ordnung? Und mit Vater… geht es ihm gut?“ Marlis legte mir beruhigend die Hand auf die Schulter und antwortete: „Ja, alles ist in Ordnung. Deinem Vater geht es gut.“ Sie schenkte mir ein sanftes Lächeln, und ich spürte, wie aufrichtig sie es meinte.