Cerseis Antwort
Cersei saß in ihrem kühlen Gemach, als Maester Qyburn leise hereinkam. „Ein Brief für Euch, Eure Gnaden,“ sagte er und verneigte sich. Sie nahm ihn ohne ein weiteres Wort entgegen und nickte nur, als Qyburn sich zurückzog. Ihr Blick war kühl und undurchdringlich, während sie den Umschlag musterte und das Wappen darauf erkannte. Es war von Jaime. Ihr Herz klopfte kurz schneller, doch sie hielt ihren Ausdruck beherrscht. Sie öffnete den Brief, langsam und sorgfältig, als wolle sie die Worte darin nicht überstürzen.
Als sie die Zeilen las, blieb ihr Gesicht kalt und ausdruckslos, aber tief in ihrem Inneren brodelte ein Sturm aus widersprüchlichen Emotionen. Jaimes Worte berührten sie, doch sie schob den aufsteigenden Schmerz beiseite. Und doch, als sie das Ende des Briefes erreichte, konnte sie die einzige Träne nicht zurückhalten, die langsam ihre Wange hinunterlief. Sie wischte sie ärgerlich weg, als wäre es eine Schwäche.
Mit einem entschlossenen Ausdruck schob sie den Brief beiseite, nahm einen tiefen Schluck Wein, leerte das Glas und stellte es mit einem lauten Geräusch auf den Tisch zurück. Ihre Finger umschlossen die Feder, und sie zog ein neues Blatt Papier hervor. Ihre Gedanken rasten, doch ihre Worte kamen schnell und gezielt.
„Jaime,“ begann sie, und ihre Feder glitt mit fließenden Bewegungen über das Pergament.
Ihre Feder kratzte hart über das Papier, als ihre Worte schärfer wurden.
Ihr Zorn begann, sich in ihren Worten zu entladen.
Sie hielt kurz inne, ihre Hand zitterte, als sie die Feder erneut ansetzte.
Cerseis Griff um die Feder wurde fester, als sie die letzten Zeilen schrieb.
Ein Moment des Schweigens verging, bevor sie den letzten Satz hinzufügte.
Sie legte die Feder beiseite und las ihren Brief noch einmal durch, diesmal ohne Tränen. Ihr Blick war hart, als sie das Papier zusammenfaltete und es in einen Umschlag steckte.
Worte wie Dolche
Jaime saß da, den Brief von Cersei in den Händen. Er wusste, dass es schwer werden würde, diesen Brief zu lesen, doch er konnte nicht ahnen, wie tief die Worte ihn treffen würden. Zögernd entfaltete er das Pergament, seine Augen folgten den geschwungenen Buchstaben, die ihm so vertraut und gleichzeitig so fremd erschienen. Er las die ersten Zeilen, laut in seinem Kopf:
„Jaime, du und ich, wir sind mehr als nur Bruder und Schwester. Wir haben denselben Mutterleib geteilt und sind gemeinsam in diese Welt gekommen. Ich dachte immer, das würde uns für immer untrennbar machen.“
Jaime hielt inne, seine Brust zog sich schmerzhaft zusammen. Er erinnerte sich an ihre Kindheit, an die Momente, in denen sie sich gegenseitig versprachen, immer füreinander da zu sein, egal, was geschah. Das war ihre Bindung, die tiefer ging als Blut. Wie konnte es so weit kommen? Wie konnten sie jetzt so... zerrissen sein? Seine Hand zitterte leicht, als er die nächsten Zeilen las:
„Doch du hast mich verletzt, tiefer, als ich je für möglich gehalten hätte. Du hast mir gezeigt, wie wenig ich dir bedeute, als du so lange gebraucht hast, aus Robb Starks Gefangenschaft zurückzukehren. Ich wartete auf dich, Jaime. Ich habe auf dich gezählt, als Locke dich folterte und du deine Hand verloren hast. Du hast mich nicht beschützt, als ich dich am meisten brauchte. Es brach mir das Herz, dass du nicht schneller bei mir warst.“
Die Schuld traf ihn wie ein Dolchstoß. Er erinnerte sich genau an die Zeit seiner Gefangenschaft, wie er jeden Tag kämpfte, um zu überleben, um zu ihr zurückzukehren. Er hatte sie nie vergessen, nie aufgehört, an sie zu denken. Aber die Umstände hatten ihn aufgehalten. Er konnte doch nicht schneller bei ihr sein – nicht mit einer abgetrennten Hand, nicht in der Gewalt von Feinden. Doch trotz all seiner Entschuldigungen fühlte er die Schwere ihrer Worte. Er hatte sie im Stich gelassen, zumindest aus ihrer Sicht. Er presste die Lippen zusammen, als der Schmerz tief in seine Seele sickerte.
Doch es war noch nicht vorbei. Seine Augen glitten weiter über das Pergament, und die nächsten Zeilen ließen sein Herz gefrieren:
„Und dann sprichst du von Tyrion, als wäre er ein Teil unserer Familie. Hast du vergessen, was er uns angetan hat? Er ist das Monster, das unsere Mutter bei seiner Geburt getötet hat! Er ist nicht unser Bruder, Jaime. Er hat uns nur Leid gebracht. Wie kannst du ihn immer noch verteidigen?“
Jaime schüttelte langsam den Kopf, während er diese Worte las. Wie konnte sie so etwas sagen? Tyrion war ihr Bruder, genauso wie er. Sie hatten denselben Vater, dieselbe Mutter. Tyrion war nie das Monster, als das Cersei ihn darstellte. Er war unschuldig an ihrer Mutter Tod. Ein Unfall der Geburt – nichts, was Tyrion je hätte kontrollieren können. Und trotz allem, was zwischen ihnen geschehen war, liebte Jaime seinen Bruder. Aber Cersei... sie konnte diesen Hass einfach nicht loslassen. Ihre Bitterkeit schnitt durch ihn hindurch wie ein heißes Messer.
Er atmete tief durch und zwang sich, weiterzulesen, obwohl jeder Satz wie ein Faustschlag in den Magen war.
„Und wie kannst du es wagen, zu behaupten, du hättest dich jemals wie ein Vater verhalten? Du konntest Joffrey nicht davor bewahren, vergiftet zu werden. Du hast Myrcella nicht gerettet, als sie in Dorne starb. Du hast Tommen nicht davor bewahrt, unter den Einfluss dieser Hure Margaery Tyrell zu geraten, die ihn letztlich in den Tod trieb.“
Jedes Wort traf ihn wie eine Peitsche. Cerseis Vorwürfe – die ihm vorhielten, dass er seine Kinder nicht beschützt hatte – ließen ihn erstarren. Er hatte sich oft dieselben Fragen gestellt: Hätte er Joffrey retten können? War er zu spät gekommen, um Myrcella zu schützen? Hatte er versagt, Tommen zu bewahren? Diese Fragen hatten ihn jahrelang gequält, und nun hörte er sie aus Cerseis Mund. Ihre Anschuldigungen waren gnadenlos und unbarmherzig, doch Jaime wusste tief in seinem Inneren, dass er getan hatte, was er konnte. Aber Cersei sah das nicht so. Sie sah nur seinen Mangel, seine Fehler, seine Schwächen.
Er ballte die Fäuste, seine Kiefer mahlten. Die Tränen brannten in seinen Augen, als er las, wie sie seine Rolle als Vater infrage stellte. Der Schmerz in seinem Herzen war überwältigend, doch er zwang sich weiterzumachen.
„Und was Lukas angeht – ja, du bist jetzt da, in seiner Zeit als junger Erwachsener, aber wo warst du, als er dich als Kind gebraucht hat? Du glaubst, du bist der perfekte Vater, nur weil du ihm das Kämpfen beibringst? Aber in Wahrheit hast du uns alle im Stich gelassen. Ich hasse dich dafür, Jaime. Und gleichzeitig liebe ich dich. Doch dieser Hass ist stärker geworden, seit ich gesehen habe, wie schwach du bist.“
Seine Gedanken rasten. Lukas. Sein Sohn. Ja, er war jetzt für ihn da, doch die Worte stachen tief. Wo war er gewesen, als Lukas jünger war? Hatte er wirklich versagt, ihn zu beschützen? Er hatte immer das Beste für seine Kinder gewollt, aber Cersei sah nur das, was er nicht getan hatte. „Ich hasse dich... und gleichzeitig liebe ich dich.“ Diese Worte waren schwer zu ertragen. Sie waren wie ein zweischneidiges Schwert – ein Ausdruck von Liebe, die so vergiftet war, dass sie nur noch in Hass überging. Jaime fühlte sich überwältigt von dem Widerspruch, der in diesen Zeilen lag.
Und dann kam der tiefste Schlag von allen:
„Du hast Lukas nie wirklich beschützt. Ich ließ ihm die Hand abschneiden, weil ich wusste, dass es dich mehr verletzen würde als ihn. Es wäre, als ob man dir selbst das Herz aus der Brust reißt. Und das war es, was ich wollte. Du hast mich verraten, Jaime, und dafür solltest du leiden, so wie ich es tue.“
Jaime erstarrte, als er diese Worte las. Die Wahrheit traf ihn mit der Wucht eines Hammerschlags. Sie hatte es absichtlich getan – sie hatte Lukas verletzt, nur um ihn zu treffen. Es war ein Schlag, der ihn völlig zerstörte. Die Vorstellung, dass Cersei so weit gegangen war, um ihm Schmerzen zuzufügen, ließ ihn innerlich zerbrechen. Sein ganzer Körper bebte vor unterdrücktem Schmerz, vor Zorn, vor Verzweiflung. Wie konnte sie das tun? Wie konnte sie ihn so sehr hassen? All die Jahre, in denen er für sie gekämpft, sie verteidigt, sie geliebt hatte – und sie hatte ihn verraten.
Er fühlte sich, als würde er ertrinken, unfähig, an die Oberfläche zu kommen. Doch er zwang sich, den Brief zu Ende zu lesen.
„Und was Marlis betrifft – dieses Biest. Ich hasse sie. Aber ich verspreche dir, dass ich mich, so schwer es mir fällt, von ihr fernhalten werde. Nur aus Liebe zu unserem Sohn werde ich ihr nichts antun.“
Er ließ das Pergament sinken, unfähig, es länger festzuhalten. Seine Hände zitterten, und er spürte die Leere in seiner Brust, als ob ihm jemand das Herz herausgerissen hätte. Die Worte hallten in seinem Kopf wider, wieder und wieder.
Jaime starrte leer auf den Tisch vor sich, der Brief lag achtlos vor ihm. Die Verzweiflung kroch tief in ihn hinein, wie eine dunkle, kalte Hand, die ihn von innen ergriff und ihn langsam in die Dunkelheit zog.
Er fühlte sich leer. Verloren.