Verrat in Oberyns Kammer
Die Sandvipers treten näher.
„Sollen wir mitkommen?“ fragt Nymeria vorsichtig.
Cengiz schüttelt den Kopf.
„Nein… bitte. Ich möchte kurz allein sein.“
Sie nicken, respektvoll.
Dann geht er mit Qezar den Gang hinunter – getragen von Worten, die Jahrzehnte geschwiegen haben.
Cengiz folgte Qezar schweigend durch die Gänge von Sunspear. Sein Brustkorb fühlte sich noch eng an vom Weinen, vom Lesen der Worte, die Oberyn ihm hinterlassen hatte. Jeder Schritt hallte leise wider, als würde der Palast selbst den Atem anhalten.
„Die Briefe…“, murmelte Cengiz schließlich. „Wo hast du sie gefunden?“
Qezar antwortete nicht sofort. Sein Gang war steifer als zuvor, die Schultern hochgezogen. Irgendetwas an ihm war anders – nicht offen feindlich, aber… verschlossen. Als hätte er eine Maske übergezogen, die nicht ganz passte.
Vor einer schweren Tür blieben sie stehen.
Davor warteten bereits Dorek, Mena und Vallos. Nicht entspannt. Nicht wie Männer, die trauern oder Wache halten. Ihre Hände lagen zu nah an den Griffen ihrer Waffen.
Ein leiser Stich der Unruhe durchfuhr Cengiz.
Die Tür öffnete sich.
Die Kammer war fast vollständig abgedunkelt. Kein Sonnenlicht, nur ein schmaler Streifen Staub in der Luft, wo früher Vorhänge gehangen hatten. Die Wände waren leer, kein Prunk, kein Schmuck – nur Stein, alt und kalt. Ein Raum, der einst von Leben, Lachen und Leidenschaft erfüllt gewesen war, jetzt ausgehöhlt wie eine Gruft.
Oberyns Raum wirkte… verlassen. Nicht leer – sondern beraubt.
Cengiz trat hinein.
„Qezar?“ fragte er leise. „Wo sind die Brie—“
Schritte.
Mehrere.
Hinter ihm.
Sein Körper spannte sich an.
„Qezar?“ wiederholte er, diesmal härter, und drehte sich um.
Vor ihm standen Qezar, Dorek, Mena und Vallos – die Klingen bereits gezogen.
Und aus dem Schatten hinter ihnen trat langsam Qadir al Sahra hervor.
Cengiz’ Herz setzte einen Schlag aus.
Instinktiv riss er Zireael hoch.
Zu spät.
Sie stürmten vor.
Klingen blitzten. Eisen drang in Fleisch. Schmerz explodierte in seinem Körper – Schulter, Seite, Bauch. Einer der Stiche ließ ihm die Luft aus den Lungen entweichen, ein ersticktes Geräusch entfuhr ihm.
Er taumelte – aber fiel nicht.
Mit einem Knurren drehte er sich, zwang seinen Körper weiterzumachen.
Ein präziser Schlag. Mena sackte zusammen, Zireael fuhr sauber durch ihn.
Ein zweiter – trotz brennender Schmerzen. Vallos brach neben ihm zusammen, tot, noch bevor er den Boden richtig berührte.
Dann gaben seine Beine nach.
Cengiz fiel schwer auf die Knie, dann auf die Seite. Blut sickerte unter ihm hervor, der Raum drehte sich.
„Warum…?“ brachte er heiser hervor. Jeder Atemzug war Feuer.
Qadir trat näher, sein Gesicht kalt, fast zufrieden. Qezar stand neben ihm, den Blick hart, kein Hauch von Bedauern.
„Weil du immer eine Gefahr warst“, sagte Qezar ruhig. „Für Dorne. Für die Ordnung.“
Qadir lachte leise. „Ein Targaryen. Ein Symbol. Ein Fehler, den Oberyn viel zu lange geschützt hat.“
Cengiz hustete, Blut auf seinen Lippen. „Ihr… habt ihn verraten…“
„Wir waren nie ihm treu“, erwiderte Qezar. „Wir waren Serif treu. Immer.“
Qadir beugte sich leicht vor. „Und Serif wollte dich tot sehen.“
Cengiz’ Blick verschwamm, doch er hielt ihn aufrecht. „Dann… kommt und beendet es…“
Qadir schnaubte. „Nein. Das hier ist genug.“
Er nickte Dorek zu. „Nimm ihm das Schwert.“
Dorek trat vor, trat Cengiz brutal gegen die Hand, sodass Zireael über den Boden schlitterte. Er bückte sich, packte den Griff—
Und schrie.
Ein markerschütternder, unmenschlicher Schrei.
Flammen schlugen augenblicklich aus seinem Körper hervor. Sein Fleisch verbrannte, als hätte die Klinge selbst ihn verurteilt. Der Gestank von verbrannter Haut erfüllte den Raum, das Feuer fraß ihn in Sekunden.
Als es erlosch, blieb nur Asche.
Stille.
Qadir und Qezar starrten auf den schwarzen Fleck, erschrocken – nicht vor Schuld, sondern vor Macht, die sie nicht kontrollieren konnten.
Ohne ein weiteres Wort drehten sie sich um und verließen den Raum.
Die Tür fiel ins Schloss.
Cengiz lag schwer atmend auf dem kalten Steinboden. Jeder Atemzug ein Kampf. Jeder Herzschlag ein Versprechen, das zu zerbrechen drohte.
Neben ihm lag Zireael, unberührt, still – wartend.
Die Gespräche im Saal liefen ruhig, fast gelöst. Ein Gefühl von Aufbruch lag in der Luft. Ich war mitten in einem Gespräch mit Tyrion über die Angriff auf Sandstone, als ich Oruc und Iso zu mir winkte.
„Habt ihr eigentlich noch mal mit Qezar gesprochen?“, fragte ich beiläufig. „Irgendwas… zu Serif? Irgendeine Spur?“
Beide sahen sich kurz an.
„Er meinte nur, sie seien Richtung Berge geflohen“, sagte Oruc. „Aber dann hätten sie sie verloren. Die Gegend sei zu weitläufig gewesen. Kein genaues Ziel.“
Ich nickte. Doch irgendetwas in meinem Kopf arbeitete. Ein leises, lautes „Nein“ in meinen Gedanken. Etwas… passte nicht.
„Robby“, rief ich, „komm mal bitte.“
Er kam sofort dazu, neugierig.
„Du hast doch mit allen Truppenleitern geredet, oder? Besonders die, die bei den Bergen waren?“
„Ja, mit allen. Wieso?“
„Hat irgendwer von ihnen… irgendwas zu Serif gesagt? Oder zu Qezar?“
Robby schüttelte langsam den Kopf. „Kein Wort. Und Qezar war laut meinem Bericht die ganze Zeit in Sunspear. Er war nie bei den äußeren Truppen. Für den Überblick und die Sicherheit, hieß es.“
Mir blieb fast das Herz stehen.
Ich spürte, wie mir schlagartig die Luft wegblieb.
„Was… hast du gesagt?“
„Er war nie draußen. War angeblich die ganze Zeit hier…“
Ich stand auf, abrupt. Mein Stuhl kippte beinahe. Oruc starrte mich an. „Das heißt… er konnte nie gesehen haben, wohin Serif flieht.“
Iso runzelte die Stirn. „Glaubst du…?“
„Ich frag nicht, ob ich’s glaube“, sagte ich hart. „Ich frage, ob wir ihm vertrauen können.“
Ein Moment der Stille. Dann sprach Oruc aus, was keiner sagen wollte: „Er war… nah an Serif. Länger als wir alle.“
Ich spürte, wie mein Körper reagierte, bevor mein Kopf ganz hinterherkam.
Ich rief: „Papa! Lewyn! Tyene! Kommt!“
Im Saal entstand sofort Aufruhr. Sansa trat zu mir, suchte meinen Blick.
„Was ist los, Lukas?“
Ich atmete hastig. „Ich glaube, Cengiz ist in Gefahr.“
Tyene war sofort an meiner Seite.
„Tyene – die Kammer. Oberyns alte Kammer. Qezar hat gesagt, er bringt Cengiz dahin. Wo ist sie?!“
„Westflügel“, sagte sie sofort, ohne zu zögern. „Dritte Etage, Flur hinter dem Großen Bogen.“
Ich griff nach Argentus. Papa nahm Aurelion, Lewyn spannte seine Armbrust.
„Pack dein Verbandszeug“, sagte ich zu ihm. „Nur für den Fall.“
Ich wandte mich an Nymeria, Lyssandra, Maris. „Passt hier auf. Ellaria hatte Helfer. Serif könnte noch in der Stadt sein.“
Alle erstarrten.
Und dann trat Daenerys vor mich. Ihre Stimme war ruhig, aber ihr Blick brannte.
„Was ist mit Cengiz?“
Ich antwortete nicht sofort. Schluckte. „Ich weiß es nicht. Aber es fühlt sich falsch an. Qezar hat ihn allein in einen Raum geführt. Und jetzt… passt alles nicht zusammen.“
Sie zögerte keine Sekunde.
„Ich komme mit.“
Ich sah sie an. Sah Entschlossenheit, keine Diskussion.
„Okay. Dann los.“
Ohne ein weiteres Wort rannten wir los – Papa, Tyene, Lewyn, Daenerys und ich – durch die Gänge von Sunspear. Die Steine unter unseren Füßen schienen uns anzupeitschen, jede Sekunde konnte zu spät sein.
Wir rannten.
Die Mauern flogen an uns vorbei – Treppen, Gänge, Türen. Dann: Die Tür. Oberyns Kammer.
Daenerys war die Erste. Sie stieß sie auf, mit einer Kraft, als hinge alles davon ab.
Und was ich sah, ließ mich erstarren.
Ein leises, zitterndes, verzweifeltes „Nein…“ durchbrach die Stille. Daenerys sackte fast zusammen, als sie auf Cengiz zulief.
Er lag reglos auf dem Boden. Das Blut noch frisch an seinem Hemd. Sein Gesicht blass. Neben ihm die Körper von Mena und Vallos. Und Zireael – einige Schritte entfernt – umgeben von Asche.
Jemand hatte es berührt. Und den Preis bezahlt.
Papa sicherte sofort den Raum. Ich hörte sein Schwert aus der Scheide gleiten, hörte wie er sich im Kreis drehte, wachsam, bereit.
Lewyn ging sofort zu Cengiz, kniete sich hin, tastete nach seinem Puls. Sein Gesicht verzog sich.
„Er lebt“, sagte er schnell. „Schwacher Puls. Flach. Aber er atmet.“
Tyene war neben ihm, beide öffneten ihren Verbandskoffer. Lewyns Stimme war ruhig, fokussiert: „Wir brauchen saubere Tücher. Druck auf die Wunde an der Seite. Vorsichtig, nicht zu tief.“
Ich wollte zu ihm – doch dann hörte ich Daenerys.
Sie stand zitternd da. Einen Schritt zurückgewichen. Die Hände leicht erhoben, als wollte sie ihn berühren, aber sich nicht traute.
Ihr Mund geöffnet, kein Ton kam. Dann auf einmal: Ein stummes Schluchzen, das sich in eine keuchende, gebrochene Weinkaskade verwandelte.
Ich trat zu ihr, zog sie sofort an mich. Sie klammerte sich an mein Hemd, vergrub das Gesicht in meiner Schulter. Ich spürte, wie sie bebte.
„Er darf nicht sterben…“, flüsterte sie immer wieder. „Er darf nicht sterben… er darf nicht… nicht so… nicht jetzt…“
Ich hielt sie fest. Fester.
„Er wird nicht sterben“, sagte ich leise, immer wieder. „Nicht heute. Nicht so.“
Hinter uns Lewyn: „Gib mir die kleine Phiole – ja, genau die. Vorsichtig. Druck hier halten. Tiefer atmen, Tyene.“
Daenerys taumelte leicht. Ich musste sie stützen. Sie konnte kaum noch stehen, so tief saß der Schock.
Ich streichelte beruhigend über ihren Rücken, doch in mir tobte dieselbe Angst, dieselbe Wut. Dass sie ihm das angetan hatten. Cengiz.
Nach einer gefühlten Ewigkeit – dreißig Minuten vielleicht – wandte sich Lewyn endlich zu uns.
Sein Gesicht war erschöpft, aber da war auch ein Funke Hoffnung darin.
„Wir brauchen eine Trage“, sagte er. „Wir bringen ihn in eine gesicherte Kammer – ruhig, überwacht. Er hat Glück gehabt. Keine lebenswichtigen Organe verletzt. Aber… er braucht Ruhe. Und Zeit. Er wird überleben.“
Ich sah zu Daenerys. Ihre Augen waren noch voller Tränen, aber jetzt auch mit etwas anderem: Erleichterung.
Sie nickte langsam. Und ich atmete das erste Mal seit Minuten wieder richtig durch.
Gemeinsam – Papa, Lewyn, Tyene, Daenerys und ich – trugen wir Cengiz vorsichtig nach oben. Jeder Schritt schwer, jeder Blick voller Sorge. Ich sah die Spuren seines Bluts, das immer noch leicht aus einer Wunde an der Schulter sickerte.
Wir legten ihn in das weiche Bett in der Kammer neben dem großen Saal. Lewyn überprüfte ihn erneut, wusch die Wunden noch einmal vorsichtig aus und verabreichte ihm eine geringe Dosis Mohnblumensaft.
„Das wird ihm helfen, weiterzuschlafen. Aber er wird spüren, dass er lebt“, murmelte er fast bitter.
Ich trat einen Schritt zurück. Und sah ihn an. Diesen Mann, der so viel getan hatte. Der jetzt da lag – und trotzdem am Leben war.
Dann verließen wir leise die Kammer.
Papa blieb vor der Tür stehen, bewaffnet, bereit.
Und wir gingen zurück in den Saal, wo alle Gesichter uns erwarteten.
Gesichter, die noch lachten, noch nicht wussten, was wir gesehen hatten.
Sansa kam zuerst auf mich zu. „Was ist passiert?“
Ich schluckte schwer, sah in die Augen all meiner Freunde, meiner Familie.
Und dann begann ich zu erzählen.
Ich musste mich zusammenreißen, als ich den anderen erklärte, was passiert war.
„Es war ein Hinterhalt“, begann ich, und meine Stimme war rau. „Qezar… Dorek… Mena… Vallos. Sie haben Cengiz in eine Falle gelockt. In Oberyns alter Kammer. Er hat überlebt – aber es war verdammt knapp.“
Ich sah die Schockwellen durch ihre Gesichter rollen. Sansa wich kein Augenblick von Daenerys' Seite. Kaum hatte ich ihren Namen erwähnt, war Sansa zu ihr gegangen und hatte sie in die Arme geschlossen.
Daenerys sagte kein Wort. Sie ließ es einfach zu. Klammerte sich an sie wie an einen rettenden Ast.
Ich fuhr fort: „Er liegt jetzt in der Kammer neben dem Großen Saal. Er wird rund um die Uhr bewacht – ab sofort. Ich will niemanden mehr verlieren.“
Lewyn, immer sachlich und zuverlässig, nickte. „Ich werde regelmäßig nach ihm sehen“, sagte er ruhig. „Auch nachts. Wenn sich irgendetwas verändert, wissen wir es sofort.“
Onkel Tyrion trat vor, ernst wie selten. „Was ist mit Qezar? Glaubt ihr, er ist noch in der Stadt?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Er denkt, Cengiz ist tot. Und dass wir jetzt Jagd machen. Er wird versuchen, mit Serif zu fliehen. Wahrscheinlich war das ganze Attentat nur der letzte Teil ihres Plans.“ Ich sah mich um. „Aber er irrt sich. Denn Cengiz lebt. Und wir sind bereit.“
Alle nickten. Keiner sprach. Aber in ihren Blicken war Entschlossenheit.
Gegen Abend, als die Sonne über Sunspear sank und der Wind durch die offenen Balkone strich, trat ich meine erste Wache an.
Lewyn stand schon dort, hatte gerade noch einmal nach Cengiz gesehen.
Wir lehnten an der Wand neben der Tür. Die Gänge waren ruhig. Zum ersten Mal seit Tagen herrschte – trotz allem – so etwas wie Frieden.
„Also“, begann ich. „Du denkst wirklich, dass Tarth der richtige Ort ist für… einen Neuanfang?“
Lewyn nickte. „Strände. Palmen. Ruhe. Und wenn’s uns langweilig wird, kannst du wieder Schlachten gewinnen.“
Ich musste lachen. „Wird langsam eng mit Gegnern.“ Ich sah ihn an. „Danke, Lewyn. Dass du Cengiz geholfen hast. Dass du da bist.“
Er zuckte mit den Schultern. „Ich mag euch halt. Und…“, er grinste, „…du schuldest mir immer noch ein Boot.“
Ich wollte antworten – doch dann hörten wir Schritte.
Daenerys.
Sie kam langsam den Gang entlang. Ihr Haar leicht zerzaust. Ihre Augen gerötet. Wir dachten, sie würde schlafen.
„Was ist los?“, fragte ich sofort.
Sie blieb stehen. „Ich… konnte nicht schlafen. Ich hab die Augen geschlossen, aber… ich sehe immer nur, wie er da liegt. Ich hab so Angst, dass er… nicht…“ Ihre Stimme brach.
Lewyn trat zu ihr. Sanft, fast ärztlich. „Er wird leben“, sagte er. „Ich hab alles überprüft. Die Wunden sind tief, ja. Aber nichts, was tödlich wäre. Er braucht Zeit. Und Ruhe. Aber er wird es schaffen.“
Daenerys nickte. Langsam. Aber da war Erleichterung. Noch immer Angst. Aber auch Hoffnung.
Ich trat einen Schritt näher. „Willst du bei ihm schlafen heute Nacht?“, fragte ich vorsichtig. „Wir stehen Wache. Dann übernehmen Nymeria und Tyene. Du wärst sicher. Und… vielleicht hilft es dir.“
Sie sah mich an. Dann, fast überrascht: „Darf ich das?“
„Natürlich.“
Sie lächelte. Ein echtes, schwaches, aber wunderschönes Lächeln. „Dann… ja. Ich will.“
Ich öffnete ihr die Tür. Lewyn trat zur Seite.
Sie ging langsam hinein, leise, als würde sie einen Traum nicht stören wollen.
Cengiz lag ruhig da. Schlafend. Blass, aber atmend.
Daenerys kniete sich an seine Seite. Strich ihm über die Stirn. Dann flüsterte sie etwas – ich hörte es nicht genau. Vielleicht wollte sie, dass nur er es hört. Auch wenn er es gerade nicht kann.
„Kann ich was tun?“, fragte sie leise zu Lewyn.
Er trat näher, nannte ihr ein paar Kleinigkeiten. Ein feuchtes Tuch hier, einmal die Verbände prüfen dort. Sanfte Pflege.
Sie nickte sofort. Hochkonzentriert. Voller Liebe.
Lewyn und ich traten wieder hinaus. Ich schloss leise die Tür.
Dann sahen wir uns an – und mussten beide grinsen.
„Wenn Cengiz aufwacht…“, begann ich.
„…wird er denken, er ist im Himmel“, beendete Lewyn.
Ich lachte. „Und dann sieht er Daenerys und denkt: ‚Scheiße. Ich bin wirklich tot.‘“
Lewyn lachte mit. „Oder er fragt, wie viele Tage er noch hat, bevor sie wieder geht.“
Wir lachten weiter, leise. Ein Lachen, das sich anfühlte wie ein Licht nach einem langen, dunklen Tunnel.
Und hinter der Tür, im Licht einer Kerze, lag Cengiz, und Daenerys wachte über ihn wie ein Feuer, das nicht verlöschen wollte.
Es war still. Zu still.
Cengiz stand auf den Steinplatten eines kühlen Bodens. Um ihn herum: Dämmerlicht, das sich wie durch schwere Vorhänge kämpfte. Ein seltsames Flackern, als würde irgendwo eine Kerze flackern.
Und dann sah er ihn.
Oberyn Martell. Schlank wie immer, elegant, doch älter. Er trat aus dem Halbschatten in die Kammer, lächelte schief. „Das war knapp“, sagte er ruhig, und reichte Cengiz die Hand, um ihm aufzuhelfen.
Cengiz griff zu. Sein Griff war warm. Vertraut. Unfassbar real.
„Den Idioten hab ich nie getraut, aber keine Sorge, so leicht bekommen die dich nicht“, sagte Oberyn dann und ließ sich mit ihm auf das alte Bett am Rand der Kammer sinken. Er legte seinen Arm um Cengiz' Schulter. Langsam. Väterlich.
„Was… was ist das hier?“ Cengiz' Stimme war leise. Ein Flüstern fast.
„Ein Traum“, antwortete Oberyn. „Aber ein schöner. Und alles ist gut, mein Sohn.“
Cengiz sah ihn an. Der Blick flackerte. Tränen sammelten sich. Wie als Kind, wenn er nachts allein war. „Warum sehe ich dich?“, fragte er leise.
Oberyn lachte sanft. „Das sind wahrscheinlich die Medikamente, mein Sohn.“ Er zwinkerte. Einfach so. Und Cengiz… Cengiz ließ die Tränen zu.
Er legte den Kopf an Oberyns Schulter. „Ich vermisse dich“, flüsterte er. „Ich hab den Mountain getötet. Für dich. Ich wollte, dass du stolz bist.“
Oberyn nickte. Langsam. Zärtlich. Streichelte ihm über den Rücken.
„Ich weiß das. Ich war da, Cengiz. Ich hab es gesehen. Und ich bin so stolz auf dich, dass mein Herz beinahe noch mal zu schlagen begonnen hätte.“
Die beiden umarmten sich. Lange. Innig. Wie Vater und Sohn, endlich in Frieden.
Dann stand Oberyn auf. Langsam, als würde ihn etwas rufen. Er ging zur Tür, die aus der Kammer hinausführte – dorthin, wo das Licht heller wurde.
„Wohin gehst du?“, fragte Cengiz sofort, und seine Stimme zitterte.
Oberyn sah zurück. „Ich gehe… wieder weg. Aber ich bin nicht fort.“ Er zeigte auf Cengiz' Brust. „Ich bin hier. Immer.“
Dann grinste er. „Und jetzt wach auf, du sollst weiter auf sie aufpassen. Sie brauchen dich. Die Familie, die du dir verdient hast.“
Er drehte sich wieder um. Öffnete die Tür. Und das Licht verschluckte ihn.
Mit einem Mal riss Cengiz die Augen auf. Sein Atem ging schnell. Sein Herz hämmerte. Die Decke über ihm, schwer. Das Kissen feucht vom Schweiß.
Sein Blick irrte zur Seite – und blieb sofort hängen.
Daenerys.
Sie lag neben ihm. Die Haare zerzaust. Die Augen rot. Aber offen. Hell. Wach. Und voller Tränen der Erleichterung.
„Bin ich… bin ich tot?“, flüsterte Cengiz.
Daenerys antwortete nicht sofort. Sie lächelte, streichelte ihm zärtlich über die Wange, und ihre Stimme zitterte, als sie sagte: „Nein. Du lebst. Wir haben dich gerettet. Wir sind hier.“
Dann beugte sie sich vor – und küsste ihn. Behutsam. Zärtlich. Mehr Trost als Leidenschaft. Mehr Liebe als alles andere.
Cengiz sank zurück ins Kissen. Die Lider halb geschlossen. Sein Atem wurde wieder ruhiger.
„Bin ich sicher nicht im Himmel?“, murmelte er noch, halb lachend, halb träumend.
Daenerys antwortete nicht. Sie strich ihm nur weiter durch das Haar. Und wachte über ihn wie eine Königin über den letzten Drachen, der endlich wieder atmete.
Ankunft auf Tarth
Einige Tage waren vergangen, und es war fast surreal, wie schnell sich alles beruhigt hatte.
Cengiz ging es spürbar besser. Er aß wieder mit uns im Saal, saß aufrecht, machte Witze, und Daenerys – nun, sie wich ihm nicht mehr von der Seite. Nicht für eine Sekunde.
Man musste kein Maester sein, um zu merken, dass da etwas war. Ein unausgesprochenes Band, das sich um die beiden gelegt hatte – zärtlich, schützend, echter, als alles, was ich je zwischen ihr und jemandem gesehen hatte.
Wir besprachen immer mal wieder die Lage, doch es gab keine Spur von Serif, Qezar, oder Qadir. Kein Gerücht. Kein Schatten.
Die stillen Tage vergingen. Und dann, zwei Morgende später, beschlossen wir, dass es Zeit war.
Papa, Tyrion, Lewyn, Sansa und ich packten unsere Sachen. Aus Storm’s End war ein Rabe gekommen: Joren, Brienne und Bronn waren sicher angekommen.
Die Reise nach Tarth wartete.
Oruc nahm mich kurz beiseite, sagte mir, dass er mit Fadime, Iso und den anderen nachkommen würde, sobald die Familie vollzählig war. Ich drückte seine Hand.
Unten, auf dem Vorplatz von Sunspear, verabschiedete ich mich von Robby, der mit Maris gemeinsam nach Sandspire aufbrach. Die beiden waren wie beflügelt. Ein Neuanfang.
Die Sandvipers umarmte ich ebenfalls. Tyene war die letzte, und sie fragte mich zögerlich, ob sie mitkommen dürfte. Sie wollte Bronn wiedersehen.
Ich grinste. „Natürlich darfst du. Pack deine Sachen.“
Dann nahm ich Sansa an die Hand, und gemeinsam gingen wir hoch zur Kammer von Cengiz und Daenerys.
Ich klopfte. Ein paar Sekunden vergingen – dann öffnete Cengiz.
Mit nacktem Oberkörper, einem breiten Grinsen im Gesicht und zerzausten Haaren. Hinter ihm auf dem Bett lag Daenerys, lachend, die Decke bis zur Brust hochgezogen.
Sansa blieb stehen, riss die Augen auf und hielt sich die Hand vor den Mund. „Oh mein Gott… ihr habt nicht wirklich…?!“
Daenerys lachte laut. Cengiz auch.
Ich runzelte die Stirn. „Was habt ihr…?“
„Nichts!“, kam es gleichzeitig von beiden. Natürlich.
Sansa schüttelte grinsend den Kopf und sagte dann, dass wir gleich aufbrechen würden.
Ich trat zu Cengiz, umarmte ihn fest. Er hielt mich kurz. Kraftvoll. Dankbar.
„Kommt ihr nicht mit?“, fragte ich.
Cengiz schüttelte den Kopf. „Ich bleibe. Daenerys, die Sandvipers, Iso und Fadime – ich hab hier alles im Griff.“ Dann zuckte er die Schultern. „Außerdem… irgendwann muss man mal ruhiger werden.“
Ich lachte leise. „Ruhiger? Du?“
„Ich werde Zireael erstmal zur Ruhe setzen. Dorne aufbauen. Und dann vielleicht mit Dany nach Dragonstone. Kein Kampf mehr.“
Meine Kehle wurde ein wenig eng. Er hatte es sich verdient. Er war fast gestorben.
„Dann besuch ich dich mal in Dragonstone. Bring Bier mit. Und vielleicht ein, zwei Geschichten.“
Er grinste. „Mach das. Und schreib mir. Und pass auf dich auf, Lukas. Pass auf alle auf.“
Ich nickte nur. Dann drückte ich ihm noch einmal die Schulter und verabschiedete mich von Daenerys.
Sansa tat dasselbe.
Dann gingen wir. Unten am Tor warteten bereits Papa, Onkel Tyrion, Lewyn und Tyene.
Wir gingen gemeinsam durch die Gassen von Sunspear, die Sonne warm auf unseren Schultern, die Luft voller Salz und dem Flüstern von Wellen.
Am Hafen wartete unser Schiff nach Tarth. Bereit zur Abreise. Bereit für das nächste Kapitel.
Das erste, was ich auf dem Schiff tat, war Sansa zur Seite zu nehmen. Ich konnte nicht anders.
„Sag mal… Cengiz und Daenerys… haben die wirklich…?“
Sie grinste sofort – so ein wissendes, fast schon spitzbübisches Grinsen. „Oh ja. Und wie.“
Ich blinzelte ungläubig. „Wie weißt du das denn so sicher?“
„Weil man’s sieht. Weil man’s merkt. Der Blick. Das Strahlen. Das war doch längst überfällig.“
Ich schüttelte staunend den Kopf. Etwas schockiert. Etwas stolz. Und ehrlich gesagt – irgendwie glücklich für sie.
„War klar“, sagte Sansa noch, „man hat’s den beiden angesehen seit dem Moment, als sie sich das erste Mal begegnet sind. Die gehören zusammen.“
Dann verschwand sie in ihre Kajüte, um sich etwas hinzulegen, und ich ging zu Papa.
Er stand an der Reling, die Hände verschränkt, das Meer vor uns unendlich.
Ich trat neben ihn. „Zeit für Urlaub…“ murmelte ich.
Er drehte den Kopf zu mir, lächelte. „Glaub mir, ich freu mich so sehr einfach mal… durchzuatmen. Mal keine Befehle, keine Kämpfe, kein Blut.“
Ich nickte. Beide starrten wir eine Weile schweigend in die Weite.
Dann lachte er leise. „Also… ähm… du erwähnst bitte nicht vor Brienne und Joren, was in Dorne passiert ist. Dass ich fast draufgegangen wäre und so… Einfach aus… Stolzgründen.“
Ich grinste. „Okay, wenn du dann aber auch nix vom Gift sagst, von dem ich fast draufgegangen wäre.“
„Deal.“
„Aber dann heißt das Battle jetzt Battle of the Greenblood, nicht mehr Planky Town.“
Er zog eine Braue hoch, grinste und streckte mir die Hand hin. „Deal.“
Die nächsten zwei Tage auf See vergingen wie im Flug. Kein Sturm. Nur Sonne, Salzluft und das leise Knarzen des Schiffs.
Als sich schließlich der Horizont lichtete, war es wie ein Gemälde: Tarth.
Das Wasser glitzerte türkisblau, die Küsten waren saftig grün, und über allem erhoben sich sanft die Hügel des Binnenlands.
Ich ging sofort zu Sansa und Lewyn.
„Seht ihr das? Das ist Tarth. Blaues Wasser, weiße Klippen, alte Burgen, und die schönsten Sonnenuntergänge, die ich je gesehen habe.“
Sansa lächelte. Lewyn nickte ruhig. „Wird Zeit, dass wir’s selbst erleben.“
Als das Schiff im Hafen einlief, sahen wir sie schon:
Brienne. Und Joren.
Beide standen am Steg, Brienne in ihrer Reisegewandung, stolz wie immer. Joren daneben, in zu großen Stiefeln und mit einem Lächeln, das man nicht übersehen konnte.
Er winkte mit beiden Armen, seine kleinen Hände wie flatternde Tauben.
Als wir von Bord gingen, lief er sofort los und kam zu Sansa und mir.
„Hey, kleiner Bruder“, sagte ich, hob ihn hoch, drückte ihn an mich.
„Ich hab euch so vermisst!“ rief er.
„Wir dich auch“, sagte ich leise. „Hattest du eine schöne Zeit?“
Er nickte eifrig.
Dann reichte ich ihn Papa, der ihn auffing, festhielt, und ihn so drückte, als hätte er in den letzten Tagen vergessen, wie das überhaupt geht.
Dann begrüßten wir Brienne, und ich fragte sie: „Und wo steckt Bronn?“
Brienne seufzte, sah aber gleichzeitig belustigt aus. „Dem wurde das Warten zu blöd. Er ist in einer Taverne. Wahrscheinlich schon leicht betrunken. Aber wir holen ihn auf dem Rückweg.“ „Wir haben eine Überraschung.“
„Überraschung?“, fragte sie verwirrt.
Da trat Tyene vor, stellte sich höflich vor und begann, Brienne von ihrer Vergangenheit mit Bronn zu erzählen.
Brienne lachte. „Oh Götter… er wird glauben, ein Geist steht vor ihm. Vor allem, wenn er schon zwei Weine intus hat.“
Alle lachten.
Und ich wusste: Tarth wartete. Mit Frieden. Mit Familie. Und einem ganz neuen Kapitel.
Wir gingen gemeinsam vom Hafen hoch, über kleine, sonnenbeschienene Gassen, vorbei an Tavernen mit offenen Türen und Seeluft in den Fenstern.
Brienne ging voraus, sicher wie immer. Ich neben Sansa, Joren tappelte zwischen uns, seine kleine Hand mal bei ihr, mal bei mir.
Dann kamen wir an der Taverne an. Schon von draußen hörte man Lachen. Bronns Lachen. Typisch.
Drinnen saß er halb quer auf einer Bank, ein Becher in der einen, eine kichernde Frau auf jeder Seite.
Er hatte diese charmant verpeilte Miene, die er immer hatte, wenn er zu lange in der Sonne war und zu viele Becher getrunken hatte.
Als er uns sah, hob er den Becher, stand leicht schwankend auf und winkte ab. „Mädels… ich muss leider, die Familie ruft.“
Die beiden Frauen kicherten noch mehr, und dann trat er zu uns raus.
Joren sah ihn an und flüsterte zu mir: „Der sieht aus wie Onkel Tyrion, wenn er versucht früh aufzustehen.“
Ich lachte so laut, dass Bronn zusammenzuckte.
„Was hat der Kleine gesagt?“
„Nichts Wichtiges“, sagte ich grinsend, und Sansa verkniff sich das Lachen auch nur mühsam.
Bronn blinzelte in die Sonne. „Diese frische Luft… haut mich jedes Mal um. Aber – ehrlich gesagt – es gibt nichts Schöneres, als mittags schon so zwei, drei Biere und ein bisschen Wein intus zu haben.“
Da legte sich eine Hand auf seine Schulter. Eine weiche, grazile Hand.
Und eine vertraute Stimme sagte: „Bin ich nicht das Schönste, was es auf der Welt gibt?“
Bronn drehte sich um. Blinzelte.
Sein Blick wanderte über Tyenes Gesicht, ihre leicht veränderte Frisur, ihr Lächeln.
Er verschluckte sich fast. „Du… du… neue Frisur?“
Tyene grinste nur, legte ihre Hand an seine Wange und nickte. Sie sah ihm tief in die Augen.
Der arme Bronn war komplett erledigt.
Ich drehte mich zu Papa, Tyrion stand neben ihm, und wir lachten alle drei laut. Papa musste sich sogar die Stirn halten.
„Ich glaub, der denkt wirklich, er ist gestorben und im Himmel gelandet“, murmelte ich zwischen zwei Lachern.
Dann war es Zeit. Unsere Unterkunft lag etwas außerhalb, direkt am Wasser. Weiße Steinmauern, blauer Anstrich, Palmen und Holzstühle vor der Tür. Einfach, aber wunderschön. Tarth-typisch.
Drinnen bezogen wir unsere Zimmer:
Sansa und ich in einem mit Blick auf die Wellen,
Papa mit Brienne und Joren im größeren Raum nebenan,
Onkel Tyrion und Lewyn auf der Rückseite,
und Bronn und Tyene… tja, die waren eh nicht mehr zu trennen.
Nachdem jeder sein Zeug abgeworfen hatte, trafen wir uns unten in der Stube. Brienne und Onkel Tyrion hatten die Idee, etwas für das Abendessen zu besorgen.
„Aber einer muss mit Joren hierbleiben“, sagte Brienne. „Vielleicht an den Strand gehen, ein bisschen schwimmen. Dann wechseln wir später.“
„Wir machen’s einfach“, sagte ich, „wir fragen den Experten.“
Ich drehte mich zu Joren, der gerade versuchte, mit seinem Schuh eine Muschel aufzuklappen.
„Hey, Joren. Sag mal… mit wem willst du jetzt lieber spielen? Wir teilen uns auf – aber du darfst aussuchen, wer bei dir bleibt.“
Er sah auf, grinste, und sagte ganz ohne Zögern: „Papa. Und Lukas. Ihr bleibt. Ihr seid meine Lieblingsritter.“
Ich musste schmunzeln und sah Papa an, der nur nickte.
„Na dann“, sagte Brienne, „ziehen wir los und lassen euch zwei Ritter mit eurem Knappen hier am Meer.“
Onkel Tyrion schüttelte den Kopf, als Joren seine Wahl getroffen hatte.
„Also wirklich… soll es tatsächlich Sinn machen, dass ihr zwei…“ – er zeigte auf Papa und mich – „für das Abendessen verantwortlich seid?“
Rund um den Tisch lachte es.
Sansa grinste, Brienne hob die Augenbrauen, selbst Lewyn verzog den Mund – was bei ihm schon fast ein Lachen war.
Papa und ich schauten uns an. Geschauspielert entrüstet.
„Wie bitte?!“, rief Papa gespielt gekränkt. „Ich habe einst in King's Landing ein Spiegelei gemacht!“
„Und ich kann Wasser kochen!“, setzte ich stolz nach.
„Gut.“, sagte Brienne trocken. „Dann ist das Frühstück ja sicher.“
Joren kicherte wieder. Dann drehte er sich zu Brienne, als sie fragte: „Willst du noch wen bei dir haben, kleiner Ritter?“
Er überlegte kurz, sah sich um und sagte dann klar: „Sansa.“
Sansa legte die Hand aufs Herz. „Eure Gnaden, das ist eine große Ehre.“
Tyrion atmete hörbar auf. „Gott sei Dank. Dann überlebe ich dieses Abendessen vielleicht doch noch.“
Die einen machten sich auf den Weg Richtung Markt, wir anderen gingen mit Joren zum Strand.
Es war einer dieser Nachmittage, die du dir später in Erinnerung zurückholen willst. Immer wieder. Weil sie so leicht waren. So rund.
Die Sonne stand noch nicht zu tief, der Himmel war offen, die salzige Luft ganz mild.
Joren lief quietschend ins Wasser und ließ sich von den Wellen anspritzen.
„Das Wasser ist viel wärmer als in Casterly Rock!“, rief er begeistert.
„Das liegt daran, dass das hier kein Eiszapfenmeer ist“, sagte ich grinsend.
Papa stand schon halb im Wasser und versuchte ihm zu zeigen, wie er mit den Armen gleiten sollte. Es sah… wild aus. Aber Joren hatte Spaß.
Ich setzte mich mit Sansa ins seichte Wasser, die Wellen umspielten unsere Beine. Der Sand war warm, mein Rücken langsam entspannend.
Ich streckte mich aus. „Ahhh… endlich Ruhe. Und Frieden.“
Sie lächelte, beugte sich zu mir und gab mir einen Kuss auf die Wange. „Fast wie ein Märchen“, murmelte sie.
Einige Minuten vergingen. Wir sagten nichts. Hörten nur das Wasser.
Dann sagte ich leise: „Glaubst du, wir… also irgendwann mal… Kinder?“
Sie blickte auf. Nicht überrascht. Nicht erschrocken. Nur ruhig.
„Ja“, sagte sie nach einem Moment. „Nicht jetzt sofort. Aber ja. Ich würde das wollen.“
Ich nickte, spürte wie sich etwas Warmes in mir regte. Ein schöner Gedanke.
„Wie viele?“ fragte ich leise.
Sie lachte. „Na, wie viele willst du denn?“
„Ich sag mal… zwei.“
„Pah“, sagte sie. „Feigling. Ich nehm drei.“
„Na gut. Dann vier. Zwei Mädchen, zwei Jungen.“
„Oder Zwillinge?“
Ich grinste. „Zwillinge wären schön. Die würden sich gegenseitig immer haben. So wie Papa und ich. Nur ohne all das… Chaos.“
Sie lächelte. „Ein Junge mit deinen blauen Augen. Und ein Mädchen mit meinen roten Haaren.“
Ich sah sie an. „Klingt ziemlich perfekt.“
„Was glaubst du, wie wir als Eltern wären?“, fragte sie.
Ich überlegte. „Ich glaube, du wärst klug, ruhig, geduldig – außer wenn jemand ihnen weh tut. Dann wärst du wie eine Wölfin.“
Sie schmunzelte. „Und du wärst der, der zu spät kommt zur irgendeiner Aufführung, aber heimlich im Publikum sitzt, um dann mit 30 Leuten zu feiern, weil euer Kind eine Zeile aufgesagt hat.“
„Hey, das ist gar nicht so einfach“, sagte ich gespielt gekränkt.
Sie nahm meine Hand. „Wir würden das schon gut machen.“
Ich sah hinaus aufs Meer. Dann sagte ich: „Was glaubst du – wo sollten sie aufwachsen? Winterfell oder Casterly Rock?“
Sie dachte einen Moment nach. „Winterfell. Da ist mehr… Erde. Mehr Natur. Und weniger Gier.“
Ich nickte. „Aber Casterly Rock hat diese riesigen Terrassen. Und Sonnenuntergänge über dem Meer.“
„Winterfell hat Geschichten. Ruhm. Verwurzelung.“
„Casterly Rock hat Schutz. Felsen, Hallen, Gold…“
„Winterfell hat Schnee. Und Wölfe.“
„Casterly Rock hat Löwen.“
Sie lachte. „Wir wechseln einfach. Ein halbes Jahr im Norden, ein halbes Jahr im Westen.“
Ich grinste. „Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen.“
Wenig später kamen Papa und Joren aus dem Wasser zu uns gelaufen, triefend nass, aber voller Energie. Joren hatte rote Wangen vor Aufregung.
„Lukas! Sansa!“, rief er. „Papa hat mir gezeigt, wie ich mich auf dem Rücken treiben lassen kann!“
Er war völlig aus dem Häuschen, plapperte los, wie er gelernt hatte, die Arme zu strecken, nicht in Panik zu geraten, und wie das Wasser ihn einfach gehalten hatte.
„Ich hab mich gefühlt wie… wie ein Delfin!“, sagte er.
Sansa lachte. „Ein sehr kleiner Delfin vielleicht.“
Joren reckte stolz das Kinn. „Aber ein schneller!“
Dann sah er zu Papa. „Und jetzt? Bringst du mir noch was bei?“
Papa grinste mich an. „Oh ja, aber diesmal brauchst du ein gutes Beispiel.“
Bevor ich etwas sagen konnte, packte er mich mit beiden Armen, hob mich in die Luft und warf mich einfach ins Wasser.
Ich flog vielleicht zwei Meter und platschte mit einem lauten SPLASH unter.
Wasser überall. In meinen Mund, meine Nase, meine Ohren. Ich tauchte wieder auf, keuchend nach Luft schnappend.
„EY!“ rief ich.
Am Strand lachten Sansa und Joren laut. Papa stand im Wasser, die Arme noch halb erhoben. „Was denn? War doch ein sanfter Wurf!“
Ich blinzelte das Wasser aus meinen Augen und schnaubte. „Das zahl ich dir heim!“
Mit einem kräftigen Zug schwamm ich zu ihm rüber, griff ihn an der Schulter und tauchte ihn unter.
Er kam prustend wieder hoch. „Du mieser kleiner…“
Bevor er seinen Satz beenden konnte, kam Joren angelaufen, sprang mit einem Freudenschrei ins Wasser und versuchte uns beide zu tauchen.
Wir ließen es zu. Taten überrascht, gingen halb unter und hörten Joren triumphierend rufen: „Ich hab sie beide! Ich bin der Meerkönig!“
Sansa stand zuerst nur lachend am Rand, doch als ich versuchte, ihr mit Wasser entgegenzuspritzen, zog sie sich demonstrativ das Kleid hoch und stapfte selbst ins Wasser.
„Na warte, Lannister.“
Ich tat unschuldig. „Ich hab nichts gemacht.“
Sie stürzte sich auf mich und gemeinsam mit Joren schafften sie es, mich zu tauchen.
Das Wasser um uns herum war warm, das Licht tanzte golden auf der Oberfläche, und wir lachten alle, so frei, so echt, als wäre kein Krieg je geschehen.
Nach einer Weile hörten wir von weiter oben am Hang eine vertraute Stimme.
„Wechseltag!“, rief Brienne. „Wir haben alles besorgt!“
Joren drehte sich sofort um und lief prustend durch das Wasser zu ihr. Sie kniete sich hin, wickelte ihn in ein großes Handtuch und wuschelte durch seine Haare.
„Warst du brav?“, fragte sie streng.
„Ich hab Lukas und Papa getaucht!“, sagte er stolz.
„Na dann…“
Hinter Brienne tauchten Bronn, Lewyn, Tyrion und Tyene auf. Alle sahen aus, als hätten sie nur darauf gewartet, endlich ins Wasser zu springen.
Bronn rieb sich die Hände. „Jetzt wird geplantscht.“
Tyene grinste breit. Tyrion blinzelte skeptisch in die Sonne. „Wenn mich heute ein Fisch beißt, krieg ich einen Herzinfarkt. Und ich warne euch: Ich zieh ihn mit runter.“
Papa, Sansa und ich trockneten uns ab, schulterten unsere Handtücher und gingen zurück zum Haus.
Dort zeigte uns Brienne, was sie alles besorgt hatten: Frisches Obst, Brot, Fisch, Kräuter, ein kleiner Korb mit süßen Backwaren und gab schlussendlich Joren sein Spielzeug.
Sie drückte ihm sein hölzernes Schwert in die Hand und ging mit ihm wieder raus zum Strand. Joren blickte sich um, sah, wie die anderen schon in Richtung Wasser rannten, und rief nur: „Wartet auf mich!“
Dann lief er los, mit dem Schwert in der Hand in die Sonne.
Eine Nacht mit Staudengeist
Nachdem wir alle wieder im Haus waren, entschieden Papa, Sansa und ich, gemeinsam zu kochen.
Na ja – eigentlich war es Sansa, die wusste, was sie tat. Papa und ich schnitten Gemüse, machten dumme Witze, und diskutierten, ob man Fisch wirklich so lange braten muss.
„Ich glaube, er lebt noch“, sagte Papa und piekste in die Pfanne. Sansa schüttelte nur den Kopf. „Wenn ihr zwei das Abendessen gemacht hättet, hätten wir entweder Magenkrämpfe oder Lachanfälle.“
Ich lachte. „Oder beides.“
Trotzdem hatten wir Spaß dabei. Zwischendurch überlegten wir, was wir am Abend machen könnten. „Spieleabend?“ „Trinkspiele?“ „Verstecken mit Bronn, der sich nach drei Bier unter’m Tisch einrollt?“
Letztlich sagten wir: „Ach, wir lassen es einfach auf uns zukommen.“
Und so war es auch.
Nach einer Weile kamen die anderen zurück – salzverkrustet, hungrig, und bereit für alles Essbare.
Onkel Tyrion setzte sich an den Tisch, schnappte sich den Löffel, kostete vom Fisch und nickte anerkennend. „Sansa, du hast dich wieder selbst übertroffen.“
Dann drehte er sich zu mir und Papa. „Und ihr beiden Helden… was genau habt ihr eigentlich gemacht? Dem Fisch gute Nacht gesagt?“
Ich musste lachen. Papa zog eine Augenbraue hoch. „Ich habe höchstpersönlich eine Karotte in drei gleichmäßige Stücke geschnitten.“
„Und dabei dreimal fast den Finger verloren“, warf ich ein.
„Ich bin ein Mann des Schwerts, kein Küchenjunge.“
Tyrion hob sein Glas. „Dann trink lieber – da kannst du weniger kaputt machen.“
Die Stimmung wurde lockerer, der Wein floss, besonders bei Bronn und Onkel Tyrion.
Sansa und ich spielten mit Joren, der voller Energie war, aber gleichzeitig schon leicht gähnte.
„Ich werde auch mal ein Ritter“, sagte er stolz, „genauso wie Lukas und Papa. Und dann heirate ich so eine hübsche Frau wie Sansa.“
Sansa lachte und küsste ihn sanft auf die Stirn. „Wenn du das schaffst, musst du aber auch lernen, wie man Fisch richtig brät.“
„Oder wenigstens wie man Möhren schneidet“, flüsterte ich.
Es wurde später, und irgendwann rieb sich Joren die Augen und legte den Kopf gegen Papas Schulter.
„Müde?“, fragte Brienne sanft.
Er nickte.
Papa stand auf, hob ihn hoch, und sah mich im Vorbeigehen an. „Soll ich nachher nochmal runterkommen?“
Ich grinste. „Klar. Wer soll denn sonst mit mir trinken? Tyrion ist doch schon durch.“
Papa zwinkerte. „Ich bin nicht so alt, dass ich irgendwas verpasse – vor allem nicht meinen betrunkenen kleinen Bruder und Bronn beim Grölen.“
Dann ging er mit Brienne hoch.
Ich setzte mich wieder zu Sansa an den Tisch. Sie nippte am Wein, lehnte sich entspannt zurück.
Neben ihr saß Bronn – und auf seinem Schoß: Tyene, die bereits mit ihm das zweite Bier teilte. Die beiden kicherten über irgendeinen Witz, den keiner verstand.
Onkel Tyrion hingegen war inzwischen beim siebten Glas Brombeerwein angekommen. Er füllte mein Glas.
„Hier, Lukas, trink mit deinem alten Onkel.“
Ich hob die Hand. „Nicht ohne Papa. Ich trink nur mit ihm zusammen.“
Tyrion schaute mich an, als hätte ich gerade das Wort „Steuern“ in den Mund genommen. „Verrat. Verrat am Weine. Verrat an deiner Familie!“
Ich lachte. „Er ist mein Saufkumpel, das war der Deal.“
Tyrion grummelte, hob sein Glas, und prostete sich selbst zu. „Dann hoffe ich, dass der alte Löwe bald zurückkehrt… denn sonst muss ich noch mit Bronn reden.“
Ich stand auf, schnappte mir mein halbvolles Glas und setzte mich direkt zu Onkel Tyrion. „Na gut“, sagte ich und grinste ihn an, „ich kann ja jetzt schon mit dir trinken – wir müssen uns nur merken, was wir alles vernichtet haben, bis Papa wieder runterkommt.“
Tyrion strahlte mich an, hob sein Glas und stieß an. „Das ist mein Neffe.“
Wir tranken einen kräftigen Schluck. Der Wein brannte ein bisschen, aber genau das war’s, was jetzt passte.
Lewyn saß neben uns, wie eh und je mit einem Buch in der Hand. Ich warf Sansa einen Blick zu und nickte leicht in Lewyns Richtung.
Sie verstand sofort – stellte ihr Glas neben seines auf den Tisch und schloss ihm einfach das Buch.
„Jetzt trinkst du mit“, sagte sie.
„Ausnahmsweise“, fügte Tyrion hinzu.
Lewyn sah uns einen Moment verwirrt an, dann zuckte er mit den Schultern, warf das Buch ohne Zögern in die Ecke und sagte grinsend: „Man ist nicht oft im Urlaub.“
Wir feierten ihn direkt, klatschten ab und Tyrion schenkte ihm ein Glas voll. Lewyn trank es in einem Zug.
Etwa 20 Minuten später – wir hatten längst die zweite Flasche geöffnet – sagten Bronn und Tyene, dass sie nach oben gehen.
„Viel Spaß“, grinste ich. Tyrion hob die Augenbraue. „Seid vorsichtig – nicht dass ihr Joren weckt.“
Tyene kicherte. Bronn rief nur „Ich bin der Schrecken der Nacht“ und verschwand mit ihr nach oben.
Wir saßen nun zu viert: Tyrion, Lewyn, Sansa, ich – und Papa fehlte noch.
Ich hatte bestimmt schon vier, fünf Gläser intus und merkte langsam die Wärme im Kopf und das Lächeln, das einfach nicht wegwollte.
Dann endlich – hörte ich Schritte auf der Treppe.
„Endlich“, sagte ich und stellte Papa direkt ein Glas hin.
Er kam zu uns, setzte sich langsam und lehnte sich entspannt zurück.
„Was hat so lange gedauert?“, fragte Tyrion.
Papa grinste. „Joren ist eingeschlafen, ist aber wieder aufgewacht und hatte Angst vor einem Monster…“
Er machte eine Pause.
„Stellte sich raus – das Monster waren die Geräusche von Bronn und Tyene… bei gewissen Dingen.“
Wir prusteten los. Ich hielt mir den Bauch, Lewyn verschluckte sich fast am Wein und Tyrion japste nach Luft.
„Ich kann nicht mehr“, keuchte ich.
Als wir uns alle wieder gefangen hatten, sah Papa uns an. „Wie viel habt ihr eigentlich schon getrunken?“
Ich stand auf und stellte ihm feierlich fünf Gläser voll mit Wein hin.
Er schaute auf die Gläser, dann auf mich. „Und was soll ich jetzt damit?“
Ich ließ mich an seiner Schulter nieder und sagte mit leicht schleppender Stimme: „Ich hab auch schon fünf Gläser. Und du bist mein Saufkumpel.“
Tyrion stellte sich an Papas andere Seite, legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Du musst aufholen. Eins nach dem anderen. Ohne Diskussion.“
Papa sah uns beide an. Dann Lewyn. Sogar er nickte ernst. „Du hast keine Wahl.“
„Ihr seid verrückt“, murmelte Papa und drehte sich hilfesuchend zu Sansa.
Sie lachte. Stand auf, kam zu uns und gab mir einen Kuss. „Ich geh jetzt ins Bett. Aber übertreibt’s nicht zu sehr, ja?“
„Wir? Niemals“, grinste ich. „Aber… du gehst schon schlafen?“
„Es ist spät, ich hab genug Sonne und Wein für heute“, meinte sie.
Tyrion, Papa und sogar Lewyn stimmten ein: „Bleib doch noch ein bisschen…“
Sansa beugte sich runter, flüsterte mir leise ins Ohr: „Wenn du brav bist, mach ich dir morgen Frühstück und mecker nicht, wenn du einen Kater hast.“
Ich grinste. „Deal.“
Dann ging sie langsam Richtung Treppe, drehte sich noch mal um und sagte über die Schulter: „Ach, Jaime – trink die Gläser jetzt.“
„Ich liebe dich!“, rief ich ihr nach. Sie lachte leise und verschwand dann nach oben.
„Da waren’s nur noch vier“, sagte Onkel Tyrion mit erhobener Braue und ließ den Blick über unsere kleine, angeschickerte Runde wandern.
Papa hob die Augenbraue. „Was soll das heißen?“
Ich sah ihn grinsend an. „Dass du jetzt dran bist. Aber – ich mach ein Glas mit dir. Auf Ex.“
Tyrion und Lewyn hoben direkt die Hände. „Wir auch“, sagte Lewyn. „Alle oder keiner“, ergänzte Onkel Tyrion.
Papa schnaubte. „Na gut. Aber dann ist auch Schluss mit diesem… Testosteron-Trinkritual.“
Wir lachten, füllten unsere Gläser und alle vier hoben sie gleichzeitig.
„Auf Familie“, sagte Papa. „Und auf dumme Entscheidungen“, fügte ich hinzu.
Dann tranken wir auf Ex. Papa verzog das Gesicht sofort – so, als hätte er gerade in eine Zitrone gebissen.
„Boah…“, meinte er. „Wie wär’s mit nem Deal? Ich trink nur noch eins. Dann geb ich auf.“
Tyrion sah ihn an, sein Blick verräterisch. „Ein Glas? Dafür musst du dich freikaufen. Sagen wir: Acht Shots. Von meinem selbstgebrannten Schnaps.“
Papa stutzte. „Und ihr?“
„Jeder von uns ein weiteres Glas Wein. Ich, ein Glas Wein, acht Schnäpse. Deal?“
Papa überlegte. „Ihr seid irre. Aber ja. Deal.“
Onkel Tyrion und ich gingen los, hoch in sein Zimmer, wo er eine schwarze, unbeschriftete Flasche aus dem Gepäck zog.
„45 Prozent“, grinste er. „Der hat schon Drachen zum Weinen gebracht.“
Ich lachte laut. „Dann ist Papa nachher ganz schön Hacke.“
„Dann?“, fragte Tyrion. „Nach acht Shots bist du nicht nachher Hacke. Du bist Hacke.“
Wir lachten, und auf dem Rückweg durchsuchten wir auch kurz Lewyns Tasche – rein aus Neugier natürlich – und fanden eine Flasche mit dem Wort „Staudengeist“ drauf.
Ich hob sie hoch. „Was… zur Hölle?“
Tyrion nahm sie mir ab, schüttelte sie leicht. „Das ist entweder Elfenblut oder Fensterreiniger.“
Wir nahmen sie mit.
Als wir zurückkamen, hatten Papa und Lewyn ihre Gläser Wein bereits geleert und grinsten nur.
Tyrion und ich holten auf, tranken ebenfalls unser Weinglas aus und begannen dann, die Schnapsgläser einzuschenken.
Der Geruch allein ließ meine Nase brennen. Aber Papa… Der hielt sich tapfer.
Er nahm den ersten Shot. Runter.
Dann den zweiten. Ein kurzes Zucken im Gesicht.
Dann drei, vier… fünf…
„Respekt“, murmelte Lewyn. „Der Mann ist ein Lannister.“
Tyrion prostete ihm zu. Ich nippte an meinem Glas und konnte nicht glauben, wie schnell die Flasche leerer wurde.
Papa kippte Shot Nummer acht mit zusammengekniffenen Augen und lehnte sich dann stöhnend zurück.
„Ich sehe Sterne… aber nicht am Himmel.“
Wir brachen in schallendes Gelächter aus.
Und langsam dämmerte mir – wir waren nicht einfach betrunken. Wir waren legendär betrunken.
Irgendwann kippte der Abend vollkommen in Quatsch.
Onkel Tyrion fing an, mit dem leeren Schnapsglas auf den Tisch zu klopfen, Papa pfiff irgendeine schiefe Melodie, und ich begann spontan, „Rains of Castamere“ anzustimmen.
„And who are you,“ sang ich schräg, „that I must bow so low…“
Tyrion fiel direkt ein. Papa stieg bei der dritten Zeile ein, und sogar Lewyn, der sonst mehr Leseratte als Sänger war, summte mit.
Unsere Stimmen waren alles andere als königlich, aber irgendwie klang es trotzdem schön. Familie. Verbundenheit. Und eine gehörige Portion Restalkohol.
Dann schlug Tyrion mit der flachen Hand auf den Tisch. „So. Genug mit rührselig. Zeit für ein Spiel.“
Ich blinzelte ihn an. „Was denn für ein Spiel?“
„Ich hab noch nie.“
Papa stöhnte. „Nein…“
Ich lachte. „Doch!“
Tyrion stand auf, wankte leicht und stellte eine unschuldig aussehende, weiße Flasche auf den Tisch.
„Und das trinken wir dazu.“
Lewyn sah sie an und wurde kreidebleich. „Habt ihr den Verstand verloren? Der Staudengeist hat siebenundfünfzig Prozent!“
Ich prustete los vor Lachen. „Was?! Und du besitzt den?! Ausgerechnet du?!“
Lewyn schüttelte den Kopf, aber man sah ihm das Lächeln schon an. „Es ist ein Getränk aus meiner Heimat. Whitestone Hollow. Ein kleines Dorf im Vale, ziemlich abgelegen. Meine Eltern haben ihn oft gemacht. Und als sie… starben… da war ich fünf, hab ich eine Seite aus dem Kochbuch meiner Mutter gerettet. Es war ihr Lieblingsschnaps. Seitdem… mach ich ihn manchmal.“
Die Stimmung veränderte sich ganz kurz. Ein leiser, ehrlicher Moment.
Ich rückte rüber, nahm Lewyn in den Arm und sagte: „Das tut mir so leid. Aber du hast sie in dir behalten. Und ich finde, wir sollten mal zusammen nach Whitestone Hollow, wenn es für dich okay ist. Und jetzt… stoßen wir auf sie an. Und auf dich. Weil ich sicher bin, dass sie stolz wären. Denn du bist ein wunderbarer Sohn.“
Lewyn atmete tief durch, dann lachte er leise. „Es ist nichts Besonderes, Lukas… nur ein kleines Bergdorf mit vielen Ziegen und wenig Sonne. Aber… ja. Vielleicht sollten wir das wirklich mal tun.“
Papa hob sein Glas. „Dann ist es jetzt unser Bergdorf. Und wenn du magst, gehen wir nach dem Urlaub alle hin.“
Lewyn schenkte uns die Gläser voll, nickte und zum ersten Mal an diesem Abend sah man, wie gerührt er wirklich war.
Wir hoben unsere Gläser. Tyrion hob die Stimme. „Auf Lewyn. Auf seine Eltern. Und auf den Schnaps, den wir heute Nacht entweder feiern… oder verfluchen werden.“
Wir lachten. Stießen an. Und dann… begann das Spiel.
Tyrion rieb sich die Hände. „Also. Regeln kennt ihr. Ich sag Ich hab noch nie… und jeder, auf den es zutrifft, trinkt.“
Lewyn hob warnend den Finger. „Wir sterben heute.“
Papa grinste schief. „Wenigstens gemeinsam.“
Runde 1
Tyrion (ohne zu zögern): „Ich hab noch nie… im Bett einer fremden Person aufgewacht und nicht mehr gewusst, wie ich dort gelandet bin.“
Ich sah ihn an. Dann Papa. Dann Lewyn.
Papa hob wortlos sein Glas. Ich tat es ihm gleich. Lewyn zögerte kurz… dann seufzte er und trank ebenfalls.
Tyrion strahlte. „Wunderschön. Familienabend.“
Der Staudengeist brannte wie Feuer durch meinen Hals. Ich hustete. „Heilige Scheiße, Lewyn, das Zeug greift direkt die Seele an.“
Lewyn trocken: „Erst ab dem dritten Schluck.“
Runde 2
Papa beugte sich vor, leicht schwankend. „Ich hab noch nie… jemandem etwas verschwiegen, um ihn zu schützen.“
Stille.
Dann hob Tyrion sein Glas. Langsam. Ohne Witz.
Ich tat es ebenfalls. Papa stockte kurz… dann lachte er leise und trank auch.
Keiner sagte etwas. Der Moment blieb kurz hängen – dann schob Tyrion sofort nach:
„Okay, genug Therapie.“
Runde 3
Ich war dran. Mein Kopf schon angenehm schwummerig.
„Ich hab noch nie… so getan, als hätte ich einen Plan, obwohl ich absolut keinen hatte.“
Papa prustete los. „Junge…“ und kippte sein Glas.
Tyrion trank. Lewyn trank. Alle tranken.
Papa zeigte auf mich. „Das liegt in der Familie.“
Ich grinste breit. „Und es funktioniert erschreckend oft.“
Runde 4
Lewyn hob sein Glas, ungewohnt schelmisch. „Ich hab noch nie… jemanden unterschätzt und es später bereut.“
Tyrion: Glas hoch. Papa: Glas hoch. Ich: Glas hoch.
Papa sah mich an. „Ich bereue es bis heute, dich für ruhiger gehalten zu haben.“
Ich lachte. „Fehler Nummer eins.“
Runde 5 (jetzt wurde’s peinlich)
Tyrion legte den Kopf schief. „Ich hab noch nie… jemanden geküsst, bei dem ich später dachte: Das war ein Fehler.“
Ich trank. Papa trank. Lewyn trank zögernd.
Alle starrten ihn an.
Lewyn wurde rot. „Es war… akademisch bedingt.“
Tyrion grinste breit. „Natürlich war es das.“
Der Staudengeist brannte diesmal richtig. Mein Kopf fühlte sich leicht an. Zu leicht.
Runde 6 (Chaos)
Papa hob den Finger. „Ich hab noch nie… gedacht, dass mein Leben deutlich ruhiger wird – und mich komplett geirrt.“
Ich trank sofort. Tyrion ebenfalls. Lewyn lachte und trank.
Papa stützte sich am Tisch ab. „Ich dachte echt, nach Cersei wird alles ruhiger.“
Ich klopfte ihm auf die Schulter. „Dachtest du ernsthaft, ich bin ruhig?“
Er sah mich an. Dann schüttelte er den Kopf. „Nein. Aber dein kleiner Bruder wird bestimmt früh wach und dann mit mir spielen wollen.“
Runde 7 (Absturz)
Irgendwann – keine Ahnung mehr, wessen Runde es war – stand plötzlich der Staudengeist mitten auf dem Tisch, halb leer.
Tyrion lallte: „Ich hab noch nie… gedacht, dass das eine dumme Idee ist, und trotzdem weitergemacht.“
Wir sahen uns an. Alle. Gleichzeitig.
Vier Gläser hoben sich. Vier Gläser leerten sich.
Ich lehnte mich zurück. Mein Kopf drehte sich leicht. Mein Herz war warm.
Papa lachte laut. Tyrion sang irgendwas Unverständliches. Lewyn stützte sich lachend am Tisch ab.
Und ich dachte nur:
Verdammt. Das hier… das ist genau das, was ich gebraucht habe.
Onkel Tyrion war der Erste, der den Geist aufgab. Mitten im Satz sackte er nach vorne, das Gesicht halb im Arm vergraben, der Mund leicht geöffnet. Ich musste lachen, als ich sah, wie er leicht schnarchte.
Lewyn saß daneben im Sessel, das Glas noch in der Hand, aber die Augen längst zu. Sein Buch lag auf dem Boden.
Ich sah zu Papa rüber, der schmunzelte und den Kopf leicht schüttelte. „Tyrion. Der große Trinker des Westens.“ Dann sah er mich an. „Na, Jungspund. Noch fit genug für einen kleinen Spaziergang?“
Ich grinste. „Klar. Ich bin schließlich dein Sohn.“
Draußen traf uns die kühle Luft wie ein Schock, aber ein guter. Sie war klar, salzig, frisch – und gleichzeitig fast zu sauber für den Staudengeist, der in meinen Adern waberte.
Ich atmete tief ein. Dann machten wir ein paar Schritte über den feuchten Sand – aber nach wenigen Metern wurde mir leicht schummrig.
Noch bevor ich mich richtig orientieren konnte, stolperte ich… und landete mit einem dumpfen Plumps im Sand.
„Oooohhhh…“ Papa war sofort bei mir, lachte leise. „Doch schon so fertig?“
Ich richtete mich halb auf und runzelte die Stirn. „Ich bin über was gestolpert, okay? Ich bin kein Amateur.“
Wir sahen uns um – und da lag es. Ein kleines Holzschwert.
Ich hob es hoch, hielt es in die Luft. „Ser Joren, der Tapfere, hat wohl seine Waffe verloren.“
Papa grinste, aber sein Blick wurde weicher. Er nahm mir das Holzschwert ab und stellte es sorgsam innen im Flur ab. Dann kam er zurück, setzte sich auf einen der Holzstühle, die zur See blickten – und schwieg.
Ich setzte mich neben ihn.
„Was ist los?“, fragte ich leise.
Er sah hinaus auf das dunkle Wasser. Die ersten silbrigen Spuren des Morgens glitzerten schon an der Oberfläche.
„Er wird so schnell groß“, murmelte Papa. „In ein paar Tagen hat er Geburtstag. Und…“ Er fuhr sich durch die Haare. „Er spielt so gern Ritter.“
Ich nickte. „Ja… schon krass, wie schnell das geht.“
Er schluckte. „Ich hab Angst davor.“
Ich drehte mich zu ihm. „Davor, dass er ein Ritter wird?“
Er nickte, sehr langsam. „Ich wär der Letzte, der’s ihm verbieten dürfte. Und ich wette, er würde sich mit mir streiten, wenn ich’s versuche. Ich… ich versteh’s ja auch. Vater und Sohn, die mit Schwertern durchs Land ziehen, die Geschichten… Er sieht uns an wie Helden.“
Er stockte. Ich merkte, wie es in ihm arbeitete. Diese Mischung aus Stolz, Sorge und Ohnmacht.
Ich legte ihm eine Hand auf den Rücken.
„Ich versteh dich total“, sagte ich leise. „Mir geht’s genauso. Die Vorstellung, dass Joren irgendwann mit uns auf einem Schlachtfeld steht… dass ihm etwas passieren könnte… das ist kaum zu ertragen. Aber… es ist ja auch noch gar nichts entschieden. Er kann noch alles werden, was er will.“
Papa atmete langsam aus. „Stimmt… vielleicht wird er wie Tyrion. Oder wie Lewyn. Oder irgendwas ganz anderes.“
Ich lächelte. „Und egal was – er wird wundervoll darin sein.“
Ein paar Sekunden war nur das Rauschen der Wellen zu hören. Dann rieb Papa sich über die Stirn. „Mein Kopf…“ Er lachte leise. „Komm. Gehen wir rein, trinken ein Wasser… und dann ins Bett, bevor wir alt und faltig auf diesen Stühlen enden.“
Ich grinste. „Ich brauch auch Wasser. Und Schlaf. Und… vielleicht einen Heiler für meinen Magen.“
Als wir langsam aufstanden, sah ich über die Schulter – und da war sie: Die Sonne. Ganz sanft. Wie ein goldener Schleier, der sich über das Meer legte.
Papa blieb kurz stehen, sah sie auch.
Dann gingen wir schweigend zurück ins Haus.
Wir gingen langsam wieder rein. Die Tür schloss sich hinter uns mit einem leisen Klick, und drinnen war alles ruhig. Nur das gleichmäßige Schnarchen von Onkel Tyrion – und Lewyn, der immer noch im Sessel schlief, die Hände verschränkt wie ein schlafender Gelehrter.
Papa und ich sagten kein Wort. Wir schenkten uns beide ein Glas Wasser ein, tranken es langsam. Ich spürte erst jetzt, wie trocken mein Hals war.
Wir wollten gerade die Gläser abstellen, als sich oben auf der Treppe etwas bewegte – und Brienne herunterkam.
„Alles okay?“, fragte Papa, sofort etwas wacher. „Schläft er noch?“
Brienne nickte, wirkte aber ebenfalls verschlafen. „Er wollte nur was trinken. Ich bring’s ihm gleich.“
Sie kam in die Küche, goss Wasser ein und sah uns beide dann mit hochgezogener Braue an.
„Wieso seid ihr überhaupt noch wach? Und… wie viel habt ihr getrunken?“
Ich zuckte nur mit den Schultern. Papa antwortete: „Viel zu viel.“
Brienne lachte. „Dann hoffe ich, ihr seid schnell wieder nüchtern. Nicht vergessen: Heute Nachmittag fahren wir nach Evenfall Hall. Zu meinem Vater. Joren freut sich riesig, dass er seinen Opa endlich kennenlernt – und er will euch beide dabei haben. Wir müssen auch noch packen.“
Ich starrte sie an. Papa tat das Gleiche.
Sie schüttelte grinsend den Kopf und ging wieder die Treppe hoch. „Schlaft gut, ihr Helden.“
Als sie weg war, drehte Papa sich langsam zu mir, die Hand an der Stirn. „Habe ich geträumt… oder hat sie gerade gesagt, wir fahren zu Selwyn Tarth?“
Ich blinzelte.
„Wenn wir’s beide gehört haben, war’s wohl echt…“
Er atmete einmal tief durch.
„Wie konnte ich das vergessen. Ich Idiot. Dann stehen wir also heute verkatert vor dem Lord von Evenfall Hall. Wir. Zwei Lannisters. Vor Joren’s und deinem Opa. Vor meinem Schwiegervater.“
Ich lachte leise. „Wenn wir überhaupt ankommen.“
Er schnaubte.
„Lass uns Tyrion aufs Sofa legen und dann ab ins Bett, bevor das hier noch schlimmer wird.“
Gesagt, getan.
Wir nahmen ihn – mehr geschoben als getragen – und wuchteten ihn auf das Sofa. Er grummelte etwas im Schlaf, aber wachte nicht auf. Ich deckte ihn noch mit einem Tuch zu, das auf dem Tisch lag. Dann schlichen Papa und ich gemeinsam nach oben.
Im Flur trennten sich unsere Wege. „Bis später“, murmelte er.
„Bis dann, ich hoffe Joren schläft heute länger“, antwortete ich.
Ich öffnete leise die Tür zu unserem Zimmer. Drinnen war es dunkel. Sansa lag unter der Decke, ruhig atmend.
Ich zog schnell die Vorhänge zu, schälte mich aus meinen Klamotten und kroch ins Bett.
Sansa rührte sich. „Hey…“, flüsterte sie verschlafen. „Alles okay?“
Ich drehte mich zu ihr – aber der Raum wackelte leicht.
„Mir ist schwindlig…“, murmelte ich. „Ich muss einfach nur schlafen. Kannst du mich morgen ein bisschen länger schlafen lassen…?“
Sie lachte leise, zog mich zu sich heran und gab mir einen sanften Kuss auf die Stirn.
„Ich überleg’s mir.“
Dann legte ich den Arm um sie – und die Welt drehte sich leise weiter.
Es fühlte sich an wie zehn Minuten. In Wirklichkeit waren es wohl Stunden.
Ich wurde geweckt von etwas, das sich zwischen uns bewegte. Ein kleines warmes Gewicht. Ein Rascheln. Dann hörte ich Sansa lachen – und Jorens Stimme.
„Aufwachen, aufwachen! Der Löwe beißt dich!!“
Ich öffnete langsam die Augen – und direkt vor meinem Gesicht war sein kleiner Stofflöwe. Joren saß halb auf mir und grinste wie der kleine Schelm, der er war.
Ich versuchte irgendwas Witziges zu sagen. Irgendetwas mit „Dann beiß ich zurück“ oder „Sansa hilf mir, der König der Tiere hat mich erwischt“ – aber alles was rauskam war ein raues „Uhhhh…“
Sansa legte eine Hand auf Jorens Rücken und lächelte.
„Schhh, Liebling. Dein Bruder hatte gestern Abend eine… äh… Besprechung. Mit eurem Papa, Onkel Tyrion und Lewyn. Ein Schlachtplan. Ganz wichtig. Deshalb sind sie heute ein bisschen… langsam.“
Ich blickte sie an. Nicht nur mit meinem Blick. Ich dankte ihr mit allem, was ich in mir hatte. Wie sie das sagte, so weich, so elegant, so mütterlich.
Joren sah zwischen uns beiden hin und her. Dann drehte er sich wieder zu mir.
„Spielen wir was auf dem Weg zu Opa Selwyn? Bitte?“
Ich hob mühsam die Hand und strubbelte ihm durch die Haare. „Natürlich spielen wir, kleiner Ritter. Aber… ich brauch noch bisschen Schlaf. Bin gestern vom Löwen gebissen worden.“
„Aber ich will mit Sansa Schiff spielen! Hier im Bett geht das besser!“
Ich seufzte. Tief. „Ist okay… ich leg mich einfach woanders hin.“
Ich stand schwankend auf, tappte in den Gang und prallte fast in Brienne.
Sie sah mich an – und brach sofort in Lachen aus.
„Du siehst aus wie dein Vater. Also wie er vorhin. Und wie Lewyn. Und wie Tyrion. Ich glaube, ihr seid alle gleich verkatert.“
Ich nickte nur. Reden war zu viel.
Sie drückte mir einen Krug Wasser in die Hand.
„Bring das bitte Jaime. Und leg dich zu ihm. Ich weck euch beide dann.“
Gerade als ich gehen wollte, hörten wir ein würgendes Geräusch von irgendwo weiter hinten.
Brienne schüttelte den Kopf. „Lewyn. Und Tyrion. Viel Glück da drin.“
Ich versuchte nicht zu atmen, ging in ihr Zimmer und stellte den Krug auf den Tisch. Papa lag da wie ein Stein, regungslos. Ich legte mich vorsichtig zu ihm.
Er bewegte sich kein bisschen.
Nach zwei Minuten war ich weg.
Ich wurde von einer sanften Stimme geweckt. Sansa. Sie strich mir übers Haar.
„Hey. Ich hab schon alles für dich gepackt. Wir müssen bald los.“
Ich blinzelte. Mein Kopf war ein Dschungel. Aber Sansa war Licht darin.
Papa stand am Koffer, völlig verkatert. Er sah mich an und murmelte: „Du glücklicher…“
Ich grinste. Irgendwie.
Dann packte er weiter.
Opa Selwyn und das Turnier
Wir standen alle angezogen vor dem Haus, als die Kutsche kam. Groß. Gepolstert. Gott sei Dank. Brienne saß auf einer Seite. Dann Joren. Dann Papa. Dann ich. Dann Sansa. Gegenüber saßen Lewyn, Onkel Tyrion, Bronn, Tyene.
Die Gespräche waren spärlich. Wir lebten alle noch, aber nur gerade so.
Nur Joren plapperte süß wie eh und je. „Ich freu mich so, ich freu mich sooo! Opa Selwyn hat bestimmt einen Bart! Oder ein Schwert! Oder vielleicht ein Schloss mit Geheimgängen!“
Lewyn beugte sich irgendwann vor und reichte Papa und mir einen Becher. „Trinkt das. Hilft gegen das Gefühl, dass man tot ist.“
Papa roch daran.
„Riecht wie Erde.“
„Ist auch Erde drin“, sagte Lewyn trocken.
Wir tranken. Es half. Irgendwie.
Nach einer Weile spielte ich mit Joren „Ich sehe was, was du nicht siehst“ und hörte dabei zum ersten Mal wieder echtes Lachen aus meinem eigenen Mund.
Drei Stunden später fuhr unsere Kutsche in den Innenhof von Evenfall Hall ein. Die Tore standen offen. Die Mauern strahlten im Licht.
Die Kutsche kam mit einem schweren Knirschen auf dem Kies zum Stehen. Der Staub der Straße legte sich langsam, und für einen Moment war es still – bis die Tür aufgestoßen wurde.
Lord Selwyn Tarth stand bereits auf den Stufen.
Er war ein Riese von einem Mann, mit einem Bart, so weiß wie die Brandung vor den Klippen, und Schultern, die aussahen, als könnten sie die gesamte Insel tragen. Er trug ein saphirblaues Wams, das fast mit dem Himmel verschmolz. Er wirkte nicht wie ein Lord, der in Intrigen schwelgte, sondern wie ein Fels, der seit tausend Jahren dort stand.
Joren schoss aus der Kutsche, noch bevor die Trittstufe richtig ausgefahren war. „OPA!“
Selwyns ernstes Gesicht brach auf, als hätte die Sonne gerade die Wolken durchstoßen. Er lachte – ein tiefes, ehrliches Grollen – und hob Joren hoch, als wiege der Junge gar nichts. „Da ist er ja! Der kleine Löwen-Saphir!“ Er wirbelte ihn einmal herum und drückte ihn fest an sich, bevor er ihn wieder absetzte und Brienne mit einem stolzen, nassen Glanz in den Augen ansah. „Meine Tochter. Willkommen zu Hause.“
Dann wanderte sein Blick zu uns.
Papa stieg aus. Er richtete sein Wams, strich sich das Haar glatt und ich sah, wie er tief durchatmete – ein Reflex, den er sonst nur vor Schlachten hatte. Er wirkte fast... schüchtern.
„Lord Selwyn“, sagte Papa und verbeugte sich. Seine goldene Hand glänzte hell im Sonnenlicht. „Danke, dass Ihr uns empfangt.“
Selwyn trat auf ihn zu. Er war einen Kopf größer als Papa. Er musterte ihn lange, blickte auf die goldene Hand und dann zurück in Papas Gesicht. „Ser Jaime. Ich habe viel gehört. Gutes wie Schlechtes. Aber ich sehe, wie meine Tochter Euch ansieht. Und ich sehe deine Jungs.“ Er reichte Papa die Hand – ein fester, knochenbrechender Griff. „In diesem Haus seid Ihr kein Königsmörder. Ihr seid Familie.“
Papa schluckte kurz, sichtlich perplex über so viel direkte Herzlichkeit. „Ich danke Euch, My Lord.“
Dann wandte sich Selwyn mir zu. „Und Lukas. Der junge Löwe, der Erbe der Lannister.“ Er legte mir eine schwere Hand auf die Schulter. „Ich habe von vielem gehört, was dir zugestoßen ist. Es tut mir leid, mein Junge. Aber heute weinen wir nicht. Heute feiern wir das Leben. Ich möchte, dass du weißt, dass ich dich wie meinen Enkel sehe und dass du mich wenn du möchtest gerne Opa nennen darfst.“ Ich nickte und schüttelte ihm dann die Hand. Er war mir sofort extrem sympatisch.
Er nahm Joren wieder an die Hand und deutete auf den weiten Platz hinter der Burg, wo bereits Zelte in bunten Farben errichtet wurden.
„Hör zu, Joren“, sagte Selwyn mit einer Stimme, die über den ganzen Hof schallte. „Ich habe für deinen Geburtstag etwas Besonderes geplant. Ein Turnier! Ritter aus ganz Tarth und vom Kap sind gekommen. Nur für dich.“
Jorens Augen wurden so groß wie Goldmünzen. „Ein echtes Turnier, Opa? Mit Lanzen?“
„Mit Lanzen, Schildern und Pferden“, lachte Selwyn. „Und weißt du was? Wenn es beginnt, wirst du ganz vorne reiten. Auf einem Pferd, zusammen mit deiner Mutter. Ihr werdet den Einzug anführen und den Leuten winken. Ganz Tarth soll sehen, wer der künftige Erbe ist!“
Joren fing an, im Kreis zu hüpfen und imaginäre Schwerthiebe in die Luft zu schlagen. „Ich darf einreiten! Papa, Lukas, habt ihr gehört? Ich darf ganz vorne sein!“
Ich sah zu Papa rüber. Sein Gesicht war bleich geworden. Sein Blick fixierte das Übungsschwert, das Joren an seinem Gürtel trug, und dann die herannahenden Ritter in ihren glänzenden Rüstungen. Er sah zu Brienne, die nur sanft lächelte, und dann zu mir.
„Ganz vorne“, murmelte Papa leise, während er seine goldene Hand so fest zur Faust ballte, dass das Metall leise knirschte. „Natürlich. Direkt vor den Pferden und den Lanzen. Was könnte da schon schiefgehen?“
Ich klopfte ihm auf den Rücken. „Er wird es lieben, Papa. Und wir werden auf der Tribüne sitzen und wahrscheinlich einen Herzinfarkt bekommen.“
„Mindestens einen“, sagte Papa trocken und griff instinktiv nach seinem Weinschlauch, nur um festzustellen, dass er nach gestern Nacht gar keinen dabei hatte.
Selwyn wandte sich nun Sansa zu. Er nahm ihre Hand mit einer fast vergessenen Ritterlichkeit und verneigte sich leicht. „Lady Sansa. Es erfüllt mein Herz mit Freude, Euch hier zu sehen. Dass Ihr und Lukas den Weg zueinander gefunden habt... es ist mehr als nur eine Verbindung zweier Menschen. Es fühlt sich an, als würden der Norden und die Westlande endlich aufhören zu bluten. Ihr seid in Evenfall Hall mehr als willkommen.“
Sansa lächelte, dieses ruhige, würdevolle Lächeln, das sie über die Jahre perfektioniert hatte. „Ihr seid sehr gütig, Lord Selwyn. Tarth ist so schön, wie man es sich in Winterfell immer erzählt hat.“
Danach folgten Tyrion, Bronn, Lewyn und Tyene. Selwyn betrachtete die Gruppe – den Gnom, den Söldner und die dornische Schlange – mit einer hochgezogenen Augenbraue, aber einem amüsierten Funkeln im Blick. „Ein bunter Haufen. Aber jeder Freund meiner Tochter ist ein Gast des Abendsterns.“
„Wir sind vor allem hier, um Eure Vorräte zu prüfen, My Lord“, grinste Bronn und schielte bereits in Richtung der schweren Eichentüren.
Selwyn lachte und führte uns ins Innere der Burg. Evenfall Hall war anders als Casterly Rock. Es gab weniger Gold, dafür mehr Geschichte in den Steinen. Überall hingen Banner in tiefem Blau, und die Fenster bestanden aus buntem Glas, das die Legende von Galladon von Morne erzählte, dem perfekten Ritter von Tarth, der das Schwert Justman führte. „Die Saphirinsel hat ihren Namen nicht von Edelsteinen im Boden“, erklärte Selwyn, während wir durch die hohen Hallen stiegen, „sondern vom Licht, das sich in unseren Buchten bricht.“
Als wir am massiven Eingang zum Weinkeller vorbeikamen, blieben Bronn, Tyrion und Tyene wie auf Kommando stehen. Der Geruch von altem Eichenholz und fermentierten Trauben lag schwer in der Luft. Selwyn schmunzelte. „Bedient euch ruhig. Der Wein von Tarth ist herb, aber er lässt einen die Sorgen des Krieges vergessen.“
„Sorgen vergessen ist mein zweiter Vorname“, murmelte Tyrion und verschwand bereits mit den anderen in der Dunkelheit des Kellers.
Selwyn und Brienne zeigten uns unsere Zimmer – hohe, luftige Räume mit Blick auf die tosende See –, bevor wir schließlich den Turnierplatz erreichten. Es war eine gewaltige Wiese unterhalb der Burgmauern. Zimmerleute hämmerten an den Tribünen, und Knappen polierten Rüstungen in der Mittagssonne. Selwyn erklärte mit ausladenden Gesten, wo die Schranken stehen würden und wie die Ritter aus den umliegenden Landen morgen zu Jorens Ehren auflaufen würden.
Joren klebte an Lewyns Seite und textete den Armen ohne Pause zu. „...und dann galoppiere ich rein, Lewyn! Und die Leute werden rufen: ‚Da ist er!‘ Und ich werde so fest winken, dass meine Hand fast abfällt! Meinst du, die Ritter haben Federn auf den Helmen?“ Lewyn nickte nur müde und versuchte, nicht über seine eigenen Füße zu stolpern.
Ich lief ein Stück hinter den anderen, direkt neben Papa. Er war still. Zu still. Er starrte auf die Lanzen, die im Boden steckten, als wären sie Schlangen, die bereit zum Zuschlagen waren. Er war in einem Tunnel, gefangen in seinen eigenen Erinnerungen an Turniere, die in Blut und Verrat geendet hatten.
„Wie es scheint, sieht ihn die andere Seite der Familie sehr wohl als Ritter, oder?“, sagte ich leise zu ihm. „Opa Selwyn, Brienne... sie wollen das für ihn. Und schau ihn dir an, Papa. Es scheint ihm echt zu gefallen. Er leuchtet förmlich.“
Papa reagierte erst gar nicht. Er wirkte, als würde er einen Geist sehen. Erst als ich meine goldene Hand auf seinen Arm legte, blinzelte er.
„Ich finde den Unterschied beachtlich“, fügte ich hinzu. „Zwischen Opa und Opa. Ich meine... Opa Selwyn und Opa Tywin. Das sind zwei verschiedene Welten, oder?“
Papa stieß einen langen Atemzug aus. „Vater...“ Er schüttelte den Kopf. „Mein Vater, dein Opa hätte Joren nicht aus Liebe in den Mittelpunkt gestellt. Er hätte ihn als Spielfigur benutzt. Er hätte gewollt, dass Joren Casterly Rock regiert, kühl und berechnend.“
Er machte eine kurze Pause. „Aber weißt du, was das Seltsame ist? Mein Vater wollte wenigstens in einem Punkt dasselbe wie ich: Er wollte nie, dass ich ein Ritter werde. Er wollte, dass ich Erbe bin. Er hat das Rittertum gehasst, weil es mich ihm entzogen hat.“
Ich blieb stehen und sah ihn direkt an. „Schon ironisch, oder? Dass du dich gerade in genau diesem Punkt exakt wie Opa Tywin verhältst.“
Das traf ihn. Er blieb ruckartig stehen. Der Tunnelblick verschwand und machte einem Ausdruck von purem Schock Platz. „Was?“
„Du willst seinen Weg bestimmen, genau wie Opa deinen bestimmen wollte“, sagte ich ruhig. „Du hast solche Angst um ihn, dass du ihm vielleicht gerade seinen größten Traum zerstörst, noch bevor er angefangen hat.“
Papa starrte mich an, als hätte ich ihm eine Ohrfeige gegeben. Seine goldene Hand zitterte ganz leicht. „Ich... ich will doch nur nicht, dass er so endet wie wir, Lukas. Ich will nicht, dass er Narben trägt, bevor er weiß, was Schmerz überhaupt bedeutet.“
„Ich weiß“, sagte ich und zog ihn weiter, als Selwyn uns rief. „Aber schau es dir morgen einfach an. Brienne reitet mit ihm zusammen ein. Sie passt auf ihn auf. Wir werden ja sehen, was er von den Rittern hält, wenn sie erst einmal anfangen zu schreien und der Staub aufwirbelt. Vielleicht kriegt er ja Angst. Aber wenn nicht... dann musst du ihn wohl oder übel fliegen lassen.“
Papa nickte langsam, aber die Unruhe in seinem Blick blieb. „Fliegen lassen“, murmelte er. „Löwen fliegen nicht, Lukas. Sie fallen meistens tief.“
Ich sah, wie Papa schluckte, sein Blick immer noch auf den Übungsplatz gerichtet.
„Wir Löwen fallen tief, ja“, sagte ich leise und hob meine goldene Hand, die im Sonnenlicht glänzte. „Du und ich sind das beste Beispiel dafür. Wir sind gefallen, wir sind gebrochen worden, und wir haben Teile von uns verloren, die nie wieder zurückkommen.“ Ich trat einen Schritt näher zu ihm. „Aber wir haben trotzdem nicht alles verloren. Schau dich um. Wir haben Freunde. Wir haben Familie. Und was am allerwichtigsten ist: Wir haben uns. Das ist mehr, als die meisten in Westeros jemals haben werden.“
Papa sah mich an, und der harte Ausdruck in seinen Augen begann zu bröckeln.
„Selbst wenn er Ritter werden will, Papa... wir können auf ihn aufpassen. Aber wir können ihn nicht vor jeder Gefahr der Welt beschützen, egal wie sehr wir es wollen oder wie fest wir ihn festhalten. Ich habe damals meine Hand verloren, obwohl du auf mich aufgepasst hast. Du hast alles gegeben, du hättest dein Leben für mich gelassen – und trotzdem ist es passiert.“ Ich lächelte ihn schief an. „Und trotzdem stehe ich hier. Nach allem, was passiert ist, stehe ich hier und lache mit dir. Das ist es, was zählt.“
Er schwieg lange und verarbeitete meine Worte. Dann nickte er langsam, und ich sah einen feuchten Glanz in seinen Augen. „Du hast recht“, flüsterte er. „Götter, du hast so verdammt recht, Lukas.“
Ich merkte, dass er es wirklich begriff, und nutzte den Moment für eine Frage, die mir schon länger im Kopf herumgegangen war. „Sag mal... wieso hattest du bei mir eigentlich nicht so eine Angst? Als ich Ritter werden wollte, genau wie du, hast du mich gewähren lassen. Warum war das bei mir anders?“
Papa lachte kurz und trocken auf, ein trauriges, aber ehrliches Geräusch. „Die Frage hast du eigentlich schon selbst beantwortet, Lukas. Ich war arrogant. Ich dachte, ich könnte dich immer beschützen. Egal wann, egal wo. Ich dachte, solange ich mein Schwert trage, bist du sicher. Aber das ging nicht. Und als die ersten schlimmen Dinge passierten, warst du schon viel zu tief drin, um es dir noch auszureden. Du warst schon ein Krieger, bevor ich überhaupt gemerkt habe, dass du kein Kind mehr bist.“
Ich lachte leicht und stieß ihn mit der Schulter an. „Tja, ich schätze, ich habe deinen Sturkopf geerbt.“
Er grinste nun breit, das erste echte Lächeln seitdem wir nachts sturzbetrunken waren. „Oh, das hast du. Das weiß ich nur zu gut. Und Joren hat ihn auch geerbt. Er ist genauso dickköpfig wie wir beide zusammen.“
„Dann muss er aber auch so viel Talent geerbt haben, dass er locker einer der besten zehn Schwertkämpfer im Land wird“, entgegnete ich grinsend. „Vielleicht sogar besser als wir.“
„Besser als ich?“, Papa zog eine Augenbraue hoch. „In meinen besten Zeiten hätte ich ihn mit einer Hand auf dem Rücken besiegt. Und heute... nun ja, heute würde er mich wahrscheinlich einfach umrennen.“ Wir lachten beide, ein befreiendes Gefühl, das die letzte Anspannung des Morgens wegwischte.
„Was schenkst du ihm eigentlich morgen?“, fragte ich, während wir langsam zurück in Richtung der warmen Lichter der Burg schlenderten.
„Brienne und ich haben etwas Besonderes machen lassen“, erzählte er, und seine Stimme klang jetzt stolz. „Eine Rüstung aus Tarth-Blau. Leicht, beweglich, aber stabil genug, um einen Bergsturz zu überstehen. Und einen Schild mit dem Löwen und den Saphiren. Er soll wissen, wer er ist.“
„Nicht schlecht“, sagte ich anerkennend. „Sansa und ich haben auch etwas besorgt. Einen handgeschnitzten Apfel aus Jade. Als Erinnerung an den See bei Casterly Rock und daran, dass es immer einen Ort gibt, an dem man einfach nur Kind sein darf. Und Sansa hat ihm einen Mantel genäht – Löwenfell-Imitat, aber mit echten Saphiren gesäumt. Er wird aussehen wie ein kleiner König.“
„Ein kleiner König auf einem Pferd“, ergänzte Papa kopfschüttelnd.
Wir gingen hinein, wo der Duft von gebratenem Wildschwein und frischem Brot die Halle füllte. Der Abend verging wie im Flug. Selwyn erzählte Geschichten über Brienne als Kind, Tyrion und Bronn tauchten irgendwann mit rötlichen Nasen aus dem Keller auf und Tyene amüsierte sich prächtig darüber, wie Lewyn versuchte, die dornischen Trinksprüche zu verstehen.
Das Sonnenlicht auf Tarth war an diesem Morgen so klar, dass es fast wehtat, aber es passte zur Aufregung, die durch die Gänge von Evenfall Hall flirrte.
Beim Frühstück war an Essen kaum zu denken – zumindest nicht für Joren. Er rutschte auf seinem Stuhl hin und her, bis wir endlich die Geschenke hervorholten. Zuerst überreichten Sansa und ich ihm den Jade-Apfel und den Mantel. Joren strich ehrfürchtig über den glatten Stein. „Der sieht aus wie der Baum am See, von dem Papa erzählt hat!“, rief er und ließ sich von Sansa den schweren, saphirbesetzten Mantel um die Schultern legen. Er sah darin aus wie ein winziger Lord. Onkel Tyrion schob ihm ein Buch über Seefahrt hin. „Damit du weißt, wie man nach Hause findet, wenn du mal zu weit raussegelst“, sagte er zwinkernd. Joren blätterte eifrig darin. „Danke, Onkel Tyrion! Sind da auch Seeungeheuer drin?“ Lewyn gab ihm ein kleines Heiler-Set, woraufhin Joren sofort versuchte, eine imaginäre Wunde an Bronns Arm zu verbinden, was Bronn mit einem Lachen quittierte, während er ihm einen kleinen Dolch zusteckte: „Für den Fall, dass das Pflaster nicht reicht, Kleiner.“ Tyene gab ihm eine wunderschöne Kette mit Gegengift und flüsterte ihm etwas ins Ohr, das ihn zum Kichern brachte.
Dann holten Papa und Brienne das Hauptgeschenk hervor. Als Joren die tarth-blaue Rüstung sah, wurde er ganz still. Er berührte den Löwen auf dem Brustpanzer mit zitternden Fingern. „Bin ich jetzt ein echter Ritter?“, fragte er mit so viel Hoffnung in der Stimme, dass Papa kurz schlucken musste. „Du bist ein Tarth-Lannister“, sagte er leise. „Das ist viel mehr als nur ein Ritter.“
Wenig später standen wir am Rand des Turnierplatzes. Joren war bereits in Schale geworfen und stolzierte zu Papa und mir herüber. Er schlug sich auf die blaue Brustplatte. „Guck mal! Ich klappere!“ „Du siehst furchterregend aus“, sagte ich und drückte ihm die Schulter. Sansa beugte sich zu ihm: „Wink den Leuten schön, Joren. Sie werden dich lieben.“ Tyrion klopfte ihm gegen das Knieblech: „Vergiss nicht: Ein Lord ist immer höflich, egal wie schnell das Pferd rennt.“ Papa kniete sich vor ihn hin, rückte den Helm gerade und sah ihn lange an. „Halt dich fest, hab keine Angst. Wir sind direkt dort oben.“
Wir stiegen auf die Tribüne zu Selwyn, Bronn und Tyene. Kaum saßen wir, tauchte Tyrion neben Papa auf und reichte ihm ein Glas Wein. „Du siehst aus, als würdest du gleich in Ohnmacht fallen, Bruder.“ Papa kippte das Glas fast in einem Zug leer, seine Hand zitterte kaum merklich. „Er ist so klein, Lukas“, flüsterte er mir zu. „Das Pferd ist so groß.“ „Papa, entspann dich“, beruhigte ich ihn und legte ihm eine Hand auf den Rücken. „Er hat Brienne. Ihm passiert nichts.“
Lord Selwyn erhob sich. Seine Stimme dröhnte über den Platz: „Bewohner von Tarth! Wir sind heute hier, um den Geburtstag meines Enkels zu feiern, Joren aus dem Hause Tarth und Lannister! Ihm zu Ehren beginnt dieses Turnier!“
Die Fanfaren stießen an, und dann ritt Brienne auf ihrem riesigen Hengst ein, Joren vor sich, sicher sitzend. Er hielt die Flagge von Tarth hoch, die im Wind flatterte. Das Volk brach in Jubel aus. „Wie süß er ist!“, riefen die Frauen, und die Männer klatschten im Rhythmus der Hufe. Joren strahlte, winkte mit beiden Armen und vergaß fast, die Zügel zu halten, aber Brienne leitete ihn sicher.
Als die Runde beendet war, kam Joren hochgelaufen, das Gesicht rot vor Stolz, und setzte sich zwischen uns. „Hast du das gesehen, Papa? Die haben alle geschrien! Für mich!“ Papa atmete richtig erleichtert aus. Er strich Joren über den Kopf. „Du hast das toll gemacht, Joren. Warst du gar nicht nervös?“ „Nö! Das war super toll! Ich will nochmal!“, rief er und sah dann zu den Rittern hinunter, die sich unten sammelten. „Hast du auch mal bei sowas mitgemacht, Papa?“
Papa versteifte sich leicht. Die Erinnerungen an Turniere, die nur der Selbstdarstellung oder dem Schatten Tywins dienten, schienen in ihm hochzusteigen. Er zögerte. „Ich... nun ja, früher war das alles etwas anders...“ „Papa hat ganz viele Turniere gewonnen!“, fing ich die Frage clever ab. „Er war einer der besten Lanzenreiter, die das Reich je gesehen hat.“ Joren drehte sich mit großen Augen zu mir um. „Und du, Lukas? Hattest du auch mal ein Turnier, das nur für dich war?“
Ein kurzer Stich versetzte mir einen Schlag ins Herz. Marlis. „Ich war nie so der Turniertyp“, sagte ich ruhig. „Aber ja, zu meiner Hochzeit gab es ein großes Turnier.“ „Hast du Sansa geheiratet?“, fragte er neugierig. „Nein, kleiner Bruder. Das war ein oder zwei Jahre vor deiner Geburt. Es war ein riesiges Fest.“ „Und wer hat gewonnen? Hast du gewonnen?“ „Nein. Ich hab nicht mitgemacht“, lächelte ich, froh, dass das Gespräch in eine weniger schmerzhafte Richtung abbog. „Erik hat gewonnen. Er hat alle anderen vom Pferd gestoßen.“ „Erik? Unser Erik?“, Joren war begeistert. „Hat er viele Turniere gewonnen?“ „Unzählig viele“, sagte ich. „Genau wie Papa.“
In diesem Moment erhob sich Selwyn erneut und hob die Hand. Die Gespräche auf den Rängen verstummten. „Genug der Worte!“, rief der Abendstern. „Möge das Turnier beginnen!“
Das Turnier begann mit einem gewaltigen Krachen von gesplittertem Holz, das über den Platz hallte. Die Ritter von Tarth waren bekannt für ihre Standhaftigkeit, und sie schenkten sich nichts.
„Woah, hast du das gesehen?!“, rief Joren und sprang fast von seinem Sitz, als ein Ritter in den Farben von Haus Penrose aus dem Sattel gehoben wurde und laut scheppernd im Staub landete. Joren klammerte sich an die Brüstung, seine Augen leuchteten vor purer Begeisterung.
Hinter uns ging es derweil weniger um Ehre und mehr um Gold. „Fünf Drachen auf den Kerl mit der gelben Feder“, murmelte Tyrion und nippte an seinem Wein. Bronn schnaubte verächtlich. „Die Feder rettet ihm nicht den Hintern, wenn der Tarth-Ritter ihn trifft. Ich setze zehn auf den Breitschultrigen dort drüben. Das ist ein entfernter Cousin von Ser Hyle Hunt, die Kerle sind zäh wie altes Leder.“ Tyene grinste und warf eine Münze in die Luft. „Ich wette darauf, dass beide im nächsten Gang im Dreck liegen.“
Das Turnier erreichte seinen Höhepunkt, als zwei lokale Favoriten aufeinandertrafen: Ser Endrew Tarth, ein entfernter Neffe von Selwyn, und ein junger Ritter namens Ser Dovos von Kap Zorn. Die Lanzen barsten mit einem Donnern, das Joren jedes Mal zusammenzucken, aber sofort wieder jubeln ließ. Am Ende war es Ser Endrew, der den Sieg davontrug und seinen Helm unter dem tosenden Applaus der Menge vom Kopf riss.
Inmitten des Lärms sah ich, wie Papa den Moment nutzte. Er beugte sich zu Joren herunter, seine Stimme war ruhig, fast vorsichtig. „Und, Joren? Was sagst du? Wäre das auch was für dich? Willst du eines Tages dort unten die Lanze halten und Ritter vom Pferd stoßen?“
Joren sah zu den verschwitzten Männern hinunter, die sich im Staub abmühten, und dann hoch zu Papa. Er überlegte einen Moment – eine Seltenheit für ihn. „Es ist richtig cool zum Zugucken, Papa“, sagte er schließlich und rieb sich die Nase. „Aber... ich glaube, die Lanzen sind mir zu schwer. Und es sieht so aus, als würde man sich da nur wehtun.“ Er sah ihn mit großen, ehrlichen Augen an. „Ich möchte eigentlich lieber nur reiten. Schnell reiten! Können wir das machen? Wir drei? Einfach nur reiten gehen, ohne dass uns jemand umschubsen will?“
Ein Ausdruck von ungläubiger Erleichterung breitete sich auf Papas Gesicht aus. Es war, als hätte man einen riesigen Mühlstein von seinen Schultern gehoben. Er sah mich an, und ich konnte das Grinsen in seinen Augen sehen. „Ja, Joren“, sagte Papa, und seine Stimme klang so fest und glücklich wie seit Tagen nicht mehr. „Das können wir machen. Wir drei. Nur wir. Sobald das hier vorbei ist.“
Ich nickte und legte Joren den Arm um die Schulter. „Ein Ausritt klingt nach dem besten Plan, den ich heute gehört habe, Kleiner.“
Wir schauten zu Ende, wie Ser Endrew Tarth den Siegerkranz entgegennahm. Selwyn strahlte vor Stolz über seinen Verwandten, und Tyrion fluchte leise, weil er sein Gold an Bronn verloren hatte.
Die Sonne neigte sich bereits dem Horizont entgegen und tauchte Evenfall Hall in ein goldenes, warmes Licht. Die Feier nach dem Turnier war in vollem Gange. Überall auf dem Hof standen Tische, beladen mit Wein, Gebäck und kleinen Geschenken für den „Löwen-Saphir“. Ein Ritter nach dem anderen trat vor, verneigte sich vor Joren und überreichte ihm Kleinigkeiten – geschnitzte Holzfiguren, bunte Bänder oder kleine Glücksbringer.
Wir saßen ein Stück abseits: Papa, Onkel Tyrion, Lewyn, Sansa und ich. Wir beobachteten das Treiben bei einem kühlen Glas Wein. „Schau ihn dir an“, sagte ich leise und nickte rüber zu Joren, der pflichtbewusst neben Brienne und Selwyn saß. Er bedankte sich artig, schüttelte Hände und unterhielt sich mit den Gästen, als hätte er nie etwas anderes getan. „Er macht das wie ein Profi.“ „Er hat das diplomatische Geschick von Sansa und das unverschämte Glück der Lannisters“, brummte Tyrion schmunzelnd. „Aber seht euch sein Gesicht an. Die Geduld schwindet.“
Tatsächlich. Joren rutschte immer unruhiger auf seinem Platz hin und her. Sein Blick wanderte sehnsüchtig zu den Pferden im Hintergrund und dann zu uns. Plötzlich sprang er auf, murmelte Selwyn eine Entschuldigung zu und rannte los.
Er kam direkt bei uns zum Stehen, das Gesicht leicht gerötet. „Papa? Lukas?“, keuchte er. „Können wir jetzt? Bitte? Die Leute reden alle so viel, und ich will endlich reiten!“ Papa sah mich an, und ich sah das Funkeln in seinen Augen. Das war der Moment, auf den er den ganzen Tag gewartet hatte. „Frag deine Mutter“, sagte Papa grinsend. „Wenn sie Ja sagt, gehört der Abend uns.“
Keine Minute später kam Joren zurückgeschossen, die Arme in die Luft geworfen. „Ich darf! Ich darf!“
Wir stahlen uns von der Feier davon. Papa holte ein kräftiges Ross für sich, eines für mich und Jorens Pony. Wir saßen auf, und schon der gemütliche Ritt hinunter zum Strand war für Joren ein Abenteuer. Er plapperte ohne Pause darüber, wie groß die Hufeisen der Ritterpferde gewesen waren.
Doch als wir den weichen Sand der Bucht erreichten und die Weite des Meeres vor uns lag, änderte sich die Stimmung. „Bereit?“, rief ich. „Haltet euch fest!“, antwortete Papa.
Wir gaben Gas. Und mit „Gas“ meine ich Vollgas. Joren gab seinem Pony die Sporen, und als die Tiere in den Galopp fielen, brach aus dem kleinen Jungen ein Jubelschrei aus, der das Rauschen der Brandung übertönte. Er lachte so laut und so rein, dass ich gar nicht anders konnte, als mitzujubeln. Die Gischt spritzte hoch, der Wind pfiff uns um die Ohren. Einmal versuchte Joren, uns abzuhängen, und schrie: „Ich bin schneller als ihr! Ich bin der schnellste Löwe von Tarth!“ Papa ließ ihn ein Stück gewähren, bevor er mit einem Augenzwinkern an ihm vorbeizog und Joren ihn mit einem empörten, aber glücklichen „He!“ verfolgte.
Fast zwei Stunden vergingen wie im Flug. Wir ritten durch das flache Wasser, machten kleine Wettrennen und hielten zwischendurch kurz an, damit die Pferde verschnaufen konnten. Joren war völlig aus dem Häuschen. „Nochmal! Lukas, hast du das gesehen? Ich bin fast geflogen!“
Schließlich merkte man den Tieren die Anstrengung an. „Die Pferde werden müde, Kleiner“, sagte Papa und zügelte sein Ross. „Wir müssen langsam zurück.“ „Och, bitte... nur noch ein ganz kleines Stück?“, bettelte Joren. Ich sah Papa an und hatte eine Idee. „Komm her, Joren. Den Rückweg reitest du bei mir mit.“
Ich hob ihn hoch und setzte ihn vor mich in den Sattel. Er war klein, aber er saß kerzengerade und hielt sich an meinen Armen fest. Wir galoppierten im moderaten Tempo zurück. Joren war plötzlich ganz still, er genoss den Ausblick von dem großen Pferd und die Sicherheit meiner Arme. Er war so vorsichtig und voller Freude zugleich, dass ich meinen Griff unbewusst noch fester machte. Es war ein Moment des Friedens, den ich niemals vergessen würde.
Als wir im Innenhof ankammen, warteten Selwyn und Brienne bereits. Joren rutschte fast vom Pferd, bevor ich ihn richtig absetzen konnte. „Opa! Mama! Es war das Beste! Das Beste auf der ganzen Welt!“, sprudelte es aus ihm heraus. Er rannte zu Papa und mir und schlang seine Arme um uns beide gleichzeitig. „Danke! Danke, dass ihr mitgekommen seid!“
Später, als Joren endlich im Bett lag und wir die Treppen zu unseren Zimmern hochstiegen, blieb Papa kurz stehen. „Hast du gesehen, wie er gelacht hat?“, fragte er. Sein Gesicht wirkte in der Dunkelheit des Flurs entspannt und weich. „Man hätte es bis nach King’s Landing hören können“, erwiderte ich. „Das war genau das, was er brauchte. Und du auch, oder?“
Papa nickte und legte mir die Hand auf die Schulter. „Vielleicht hast du recht, Lukas. Vielleicht ist es egal, was er mal wird... solange er so lachen kann. Das war der beste Geburtstag, den ich je erlebt habe.“
Worte an den Klippen
Die Stille in Evenfall Hall war fast greifbar. Ich schlich mich aus dem Zimmer, Sansas ruhiger Atem im Rücken, und suchte mir den Weg in den großen Saal. Es war so früh, dass der Bodenstein noch die Kälte der Nacht ausstrahlte. Ich machte mir einen Tee, das heiße Wasser dampfte in der kühlen Morgenluft, und ich fragte mich, warum ich ausgerechnet heute vor der Sonne wach war.
Nach ein paar Minuten hörte ich schnelle, kleine Schritte. Joren wirbelte in den Saal, als wäre er nie schlafen gewesen, gefolgt von einer müden, aber lächelnden Brienne. „Schon wach, Lukas?“, fragte sie und goss sich ebenfalls Tee ein. „Ich muss mit meinem Vater rüber zu den Pachtfeldern an der Ostküste, es gibt Streit um die Grenzsteine. Könntest du auf den Kleinen aufpassen? Er ist... nun ja, geladen.“ „Klar“, sagte ich und zog Joren zu mir. „Kein Problem.“
Brienne verabschiedete sich, und ich versuchte, Joren etwas vorzulesen, aber er hörte nicht zu. Er laberte mich in einer Tour zu. „Reiten wir, Lukas? Bitte! Nur ein kleines Stück! Der Strand ist so leer jetzt, das ist perfekt!“ Ich zögerte. „Ich weiß nicht, Joren... ob Papa das erlaubt? Wir sollten ihn vielleicht erst fragen.“ „Mama hat gesagt, es ist okay!“, rief er mit festem Blick. „Ganz ehrlich! Sie hat gesagt, du darfst mit mir raus.“ Ich sah ihn skeptisch an. „Lügst du mich an, Joren?“ „Nein!“, sagte er so überzeugend, dass mein Misstrauen schmolz. „Echt nicht!“
Wir gingen zum Stall. Die Luft war salzig und frisch. Ich ließ mein Pferd satteln, hob Joren vor mich in den Sattel und hielt ihn so fest, dass er fast protestierte. Am Strand passierte das Gleiche wie gestern: Wir gaben Vollgas. Joren lachte, der Wind riss an seinen Haaren, und für eine Stunde war die Welt perfekt. Doch tief in mir nagte ein ungutes Gefühl. War er wirklich ehrlich gewesen?
Als wir zurück in den Hof von Evenfall Hall ritten, war die Stille weg. Brienne, Selwyn und Tyrion standen dort. Sie sahen nicht gerade entspannt aus – eher wie Leute, die gerade einen Geist gesucht hatten.
Kaum waren wir abgestoppt, hufte es hinter uns. Papa ritt ein, sein Pferd schweißgebadet. Er sprang ab, noch bevor das Tier stand. Sein Gesicht war eine Maske aus Zorn und blankem Entsetzen. Ohne ein Wort zu mir zu sagen, riss er Joren vom Pferd. „Brienne! Bring ihn rein! Sofort!“, befahl er mit einer Stimme, die so geladen war, dass Joren augenblicklich verstummte. Brienne sah Papa erschrocken an, nahm den Jungen aber und führte ihn weg.
Ich stieg ab und sah Tyrion verwirrt an, aber Papa stand schon vor mir. Er bebte. „Was zur Hölle sollte das, Lukas? Wo wart ihr?!“, herrschte er mich an. Sein Blick war so voller Wut, aber seine Stimme brach am Ende ganz leicht, was mich so irritierte, dass ich ein nervöses Lachen nicht unterdrücken konnte. „Wir waren am Strand, Papa. Wir sind nur geritten...“
„Du lachst?“, zischte er. Er sah aus, als würde er gleich explodieren. „Glaubst du, das hier ist ein verdammter Witz?“ „Was ist denn dein Problem?“, fragte ich jetzt ebenfalls genervt. „Wir waren zusammen reiten, ich habe auf ihn aufgepasst!“
„Bist du vollkommen verrückt geworden?!“, brüllte er plötzlich so laut, dass ich unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. Die Vögel auf den Mauern flogen erschreckt auf. „Wie kannst du deinen Bruder so einer Gefahr aussetzen? Wer hat dir das erlaubt?!“ „Joren meinte, es wäre okay...“ „Joren ist ein Kind!“, unterbrach er mich harsch. „Du bist ein erwachsener Mann, verdammt noch mal! Hast du eine Vorstellung davon, was hätte passieren können? Räuber, Überfälle, ein Sturz an den Klippen! Wie willst du ihn halten, wenn das Pferd scheut? Wie willst du ihn beschützen, wenn euch zehn Leute angreifen?!“
Dann sagte er es. Ein Satz, der wie ein Dolch zwischen meine Rippen fuhr: „Vielleicht hätte Ramsay dir den Kopf abschneiden sollen, statt nur der Hand – dann müsstest du jetzt wenigstens nicht mehr versuchen, mit dem bisschen Verstand zu denken, der dir noch geblieben ist.“
Es wurde totenstill im Hof. Ich starrte ihn an, der Mund stand mir halb offen, die Augen brannten. Es fühlte sich an, als hätte er mich mitten ins Gesicht geschlagen. „Jaime...“, sagte Tyrion leise von hinten, ein warnender Unterton in der Stimme. Aber Papa drehte sich nur um und stapfte in die Burg, ohne sich ein einziges Mal umzusehen. Er ließ mich einfach dort stehen.
Tyrion kam auf mich zu, sein Gesicht voller Mitleid. „Lukas... alles okay?“ „Ja“, sagte ich abwesend, während ich auf die Stelle starrte, an der Papa verschwunden war. „Ich... ich gehe vor zu den Klippen.“ „Mach nichts Dummes“, rief Tyrion mir nach, aber ich nickte nur mechanisch.
Auf dem Weg fühlte ich mich vollkommen taub. Seine Worte hallten in meinem Kopf. Ramsay. Plötzlich war ich wieder auf dem Schiff aus Pyke. Nach der Hand. Ich roch den Gestank von Blut und Fäulnis. Ich spürte den brennenden Schmerz in meinem Stumpf. Ich erinnerte mich daran, wie Papa mich gehalten hatte. Wie er mich gefüttert hatte, als ich es selbst nicht konnte. Wie er mich vor der ganzen Welt abgeschirmt hatte.
Ich vermisste es. So krank es war – ich wünschte mir in diesem Moment nichts sehnlicher, als zurück in diesen schmerzhaften, harten Momenten zu sein. Weil es da nur ihn und mich gab. Weil er mich da geliebt hat, statt mich zu verachten.
Ich kam an den Klippen an und starrte auf das endlose Saphirblau des Meeres. Die Brandung schlug hart gegen die Felsen, genau wie seine Worte gegen mein Herz. Er hatte Angst um Joren, ja. Aber er hatte mich gerade zerstört, um diese Angst zu betäuben.
Jaime stürmte in den Saal, seine Stiefel knallten auf den Steinboden wie Peitschenhiebe. Brienne stand bei Joren, der zitternd an ihrem Rockzipfel hing.
„Geht es ihm gut?“, herrschte Jaime sie an, ohne sie anzusehen. Sein Blick fixierte den Jungen. „Was habt ihr euch dabei gedacht, Joren? Beantwortet mir das! Einfach wegzulaufen, als wäre das hier ein verdammtes Spiel!“
Joren sah zu seinem Vater auf. Sein Gesicht verzog sich, die Unterlippe bebte, und dann brachen alle Dämme. Er fing an zu schluchzen, dicke Tränen rollten über seine Wangen. „Es tut mir leid!“, brachte er zwischen dem Weinen hervor. „Ich wollte doch nur... ich wollte nur mit Lukas reiten! Bitte schimpf nicht mit ihm, Papa!“
Brienne legte schützend die Hände auf Jorens Schultern und funkelte Jaime aus Augen an, die vor Zorn fast blau brannten. „Sag mal, spinnst du eigentlich, Jaime?“, fuhr sie ihn an. Ihre Stimme war leise, aber so scharf wie eine Klinge. „Wieso gehst du die beiden so an? Er ist ein Kind, und Lukas ist...“
„Ich bin besorgt, Brienne! Verstehst du das nicht? Ich habe fast den Verstand verloren, als das Bett leer war!“, wollte Jaime sich rechtfertigen, doch Brienne hörte ihm gar nicht mehr zu. Sie nahm Joren hoch, drehte sich wortlos um und verließ den Saal. Jaime stand allein in der Mitte des Raumes, die Luft zum Zerreisen gespannt.
„Verdammt!“, schrie er und trat mit voller Wucht gegen einen schweren Eichenstuhl, der mit einem hässlichen Krachen über den Boden schlitterte.
„Eine reife Leistung, wirklich“, erklang eine vertraute, trockene Stimme vom Eingang her. Tyrion watschelte herein, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. „Ich muss schon sagen, Jaime... diese Kälte, diese unkontrollierte Wut. Vater wäre stolz auf dich gewesen. Tywin Lannister hätte es nicht besser machen können.“
Jaime erstarrte. Er wirkte, als hätte Tyrion ihn gerade mit Gift übergossen. „Vergleich mich nicht mit ihm“, zischte er.
„Warum nicht?“, fragte Tyrion unbeeindruckt. Er trat näher, sein Gesicht wurde ernst und hart. „Du hast gerade deinen ältesten Sohn im Hof vor versammelter Mannschaft wie einen Hund behandelt. Nein, schlimmer. Du hast ihm Dinge an den Kopf geworfen, die kein Vater jemals sagen sollte. Und wofür? Weil er mit seinem Bruder reiten war? Auf Tarth? Wo die größte Gefahr ein schlecht gelaunter Fischer ist?“
„Er... die beiden... Tyrion! Wenn das Pferd... Wenn ihnen etwas passiert wäre!“
„Hör auf damit!“, unterbrach ihn Tyrion scharf. „Hör auf, deine Angst als Ausrede für Grausamkeit zu benutzen. Du hast Lukas gesagt, Ramsay hätte ihm den Kopf abschneiden sollen. Weißt du überhaupt, was du da angerichtet hast? Nach allem, was ihr beide durchgemacht habt? Nach allem, was er für dich getan hat? Denk doch mal an Dorne. Dein Sohn hat quasi alleine für dich eine Schlacht in einer Rebellion gegen eine Stadt gewonnen.“
Jaime wollte etwas erwidern, aber die Worte blieben ihm im Hals stecken. Er sah auf seine goldene Hand hinunter. Dann auf die andere, die vor Zittern kaum stillzuhalten war. Plötzlich wich die Farbe aus seinem Gesicht. Die Wut war weg, und zurück blieb eine kalte, hässliche Leere. Er dachte an mein Gesicht im Hof. Die traurigen Augen. Den offenen Mund.
„Götter...“, flüsterte Jaime. Er fühlte, wie ihm die Galle hochstieg. Ihm wurde körperlich schlecht bei dem Gedanken an seine eigenen Worte. „Was habe ich getan?“
„Du hast dich wie ein Monster benommen“, sagte Tyrion gnadenlos, doch sein Ton wurde etwas weicher, als er das Entsetzen in Jaimes Augen sah. „Und wenn du nicht willst, dass er dich für den Rest seines Lebens so ansieht, wie wir unseren Vater angesehen haben, dann solltest du ihn jetzt finden.“
„Wo ist er?“, fragte Jaime hastig, seine Stimme war nur noch ein krächzendes Flehen.
„Er ist zu den Klippen gegangen“, antwortete Tyrion. „Und Jaime... lass diesmal das Schwert und den Stolz hier. Er braucht seinen Vater, nicht den Königsmörder.“
Jaime wartete nicht auf den Rest. Er rannte los, stolperte fast über den umgetretenen Stuhl und stürmte hinaus in die brennende Morgensonne, den einzigen Gedanken im Kopf: Bitte lass es nicht zu spät sein. Bitte lass ihn nicht glauben, dass ich es so gemeint habe.
Ich saß immer noch da, die Beine über dem Abgrund baumelnd. Der Wind riss an meinen Haaren und die Gischt der Saphirsee sprühte bis zu mir hoch, aber ich spürte die Kälte kaum. Mein ganzer Körper fühlte sich hohl an.
In meinem Kopf war ich nicht auf Tarth. Ich war wieder auf diesem schwankenden Schiff nach Pyke. Ich sah Jaime vor mir, wie er mir den Becher an die Lippen hielt, wie er meine Tränen abwischte und mir versprach, dass wir das gemeinsam durchstehen. Es war die schlimmste Zeit meines Lebens gewesen, voller Schmerz und Dunkelheit, aber in diesem Moment wünschte ich mir nichts sehnlicher, als wieder dort zu sein. Dort gab es keine Vorwürfe, keine Angst um Joren, keine grausamen Worte. Dort gab es nur ihn und mich.
Nach etwa einer Stunde hörte ich Schritte im hohen Gras hinter mir. Ein schweres, rhythmisches Treten. Ich drehte mich nicht um. Ich wollte sein Gesicht nicht sehen.
„Lukas?“, seine Stimme war leise, brüchig und so unendlich sanft, dass es fast mehr wehtat als sein Brüllen im Hof.
Ich antwortete nicht. Ich starrte starr auf den Horizont.
„Ich... ich bin froh, dass dein Kopf noch dran ist“, sagte er nach einer langen Pause. Es war ein kläglicher Versuch eines Witzes, eine Anspielung auf seine schrecklichen Worte, aber er klang dabei, als würde er jeden Moment selbst ersticken.
Ich reagierte nicht. Ich rührte kein Glied.
Er kam langsam näher, blieb aber ein paar Schritte hinter mir stehen, als hätte er Angst, dass ich springen würde, wenn er mich berührte. „Darf ich... darf ich mich zu dir setzen?“, fragte er fast flüsternd.
Ich nickte nur minimal, ohne den Blick vom Meer abzuwenden.
Er ließ sich neben mich sinken, hielt aber einen guten Meter Abstand. Ich hörte, wie er tief einatmete, wie er ansetzte, um etwas zu sagen, und es dann wieder herunterschluckte. Er nestelte nervös an seinem Ärmel, seine goldene Hand scharrte leise über den Fels.
„Lukas, ich... ich weiß gar nicht, wie ich...“, er verhaspelte sich, suchte nach Worten, die es gar nicht gab. „Es tut mir leid. Götter, es tut mir so leid. Ich bin ein verdammter Idiot. Ein Narr. Ich habe Dinge gesagt, die... die ich niemals hätte denken dürfen, geschweige denn aussprechen. Ich... ich war einfach nicht mehr ich selbst.“
Er klang so verzweifelt, so am Boden zerstört, dass ich merkte, wie ehrlich es gemeint war. Aber der Schock saß noch zu tief in meinen Knochen. Ich schwieg.
Wir saßen eine Weile einfach nur so da und starrten beide auf das glitzernde Blau. Er wollte gerade wieder ansetzen, noch mehr Entschuldigungen hervorzubringen, als ich leise und mit zitternder Stimme fragte: „Erinnerst du dich noch ans Schiff? Nach Pyke? Nach dem Verlust meiner Hand?“
Ich sah aus dem Augenwinkel, wie er zusammenzuckte. „Jeden Tag, Lukas“, sagte er heiser. „Ich erinnere mich an jede Sekunde.“
„Ich vermisse es“, sagte ich, und die erste Träne rollte mir über die Wange. „Ich vermisse es, dass wir einfach nur zu zweit sind. Ich dachte...“ Ich schluchzte kurz auf. „Ich dachte vorhin im Hof, dass du mich vielleicht nicht mehr so lieb hast. Dass ich nur noch eine Last bin, die Fehler macht.“
Kaum waren die Worte raus, rutschte Jaime den Meter zu mir rüber, als gäbe es kein Halten mehr. Er packte mich an der Schulter und drehte mich fast gewaltsam zu sich um.
„Hör mir zu“, sagte er, und seine Augen waren jetzt selbst voller Tränen. „Das wird niemals so sein. Hörst du? Niemals! Ich habe dich mehr lieb als alles andere auf dieser verdammten Welt, Lukas. Mehr als mein eigenes Leben, mehr als Casterly Rock, mehr als alles. Nichts wird das jemals ändern.“
Er hielt mein Gesicht mit seiner echten Hand fest. „Ich war ein Idiot. Ich war außer mir vor Wut, aber nicht auf dich, Lukas. Ich hatte solche Angst. Als ich das leere Bett sah, ist in meinem Kopf alles dunkel geworden. Ich habe die Bilder gesehen... wie du fällst, wie dir was passiert... ich konnte nicht mehr klar denken. Meine Sorge hat mich in ein Monster verwandelt.“
Ich sah ihn an, die Tränen liefen jetzt unaufhörlich. „Joren hat mir versprochen, dass er nicht lügt, Papa. Er hat gesagt, Brienne hätte es erlaubt. Es tut mir so leid, ich wollte dir nie solche Angst machen. Ich dachte wirklich, es wäre okay.“
Papa schloss für einen Moment die Augen und presste seine Stirn gegen meine. „Davon wusste ich nichts“, murmelte er. „Das heißt, dich trifft ja noch weniger Schuld. Du hast überhaupt nichts Schlimmes gemacht. Du wolltest nur ein guter Bruder sein.“ Er atmete zittrig aus. „Ich war wirklich wie Tywin. Ich habe dich bestraft für meine eigene Schwäche. Ich will niemals so sein wie er, Lukas. Niemals.“
Ich schniefte und wischte mir mit dem Ärmel über die Augen. „Du wirst niemals so wie er, Papa. Du hast ein Herz. Er hatte nur Stein in der Brust.“ Ich sah ihn an und versuchte ein schwaches Lächeln. „Du bist immer noch der beste und coolste Papa, den man haben kann. Sogar wenn du brüllst wie ein betrunkener Löwe.“
Ein Ausdruck von unendlicher Erleichterung schoss über sein Gesicht. Er lachte kurz auf – ein schluchzendes, befreites Lachen – und zog mich dann mit einer Kraft in den Arm, die mir fast die Luft raubte. Er drückte mich so fest an sich, als wollte er mich nie wieder loslassen, seine Hand vergrub sich in meinem Nacken.
„Danke, Lukas“, flüsterte er in meine Haare. „Danke.“
Wir saßen noch einen Moment schweigend da, bis der Wind kühler wurde und die erste Anspannung endgültig von uns abfiel. Dann machten wir uns gemeinsam auf den Rückweg zur Burg. Papa hielt seinen Arm über meine Schulter gelegt, als wollte er sicherstellen, dass ich nicht doch noch verschwinde.
Schon von weitem sahen wir Brienne und Joren im Hof. Joren stand mit hängenden Schultern da, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und sah aus wie ein Häufchen Elend. Als er uns sah, rannte er nicht los wie sonst. Er wartete, bis wir direkt vor ihnen standen.
Er blickte zu Papa auf, seine Augen waren noch ganz rot vom Weinen. „Papa?“, piepste er und verhaspelte sich sofort in seinen Worten. „Es tut mir leid! Ich habe Lukas angelogen, ich habe gesagt, dass Mama es erlaubt hat, aber sie hat gar nichts gesagt, weil ich doch so unbedingt reiten wollte und ich habe nachts sogar davon geträumt, wie wir am Strand galoppieren und ich dachte, wenn ich es einfach sage, dann stimmt es vielleicht und... und bitte sei nicht böse auf Lukas! Er hat gar nichts gemacht, er war ganz vorsichtig und hat mich ganz fest gehalten, bitte schimpf nicht mehr mit ihm!“
Ich kniete mich vor ihn hin und legte ihm die Hand auf die Wange. „Alles ist gut, Joren. Bei Papa und mir ist wieder alles okay, wir haben uns ausgesprochen. Ich bin dir nicht böse, Kleiner. Aber du darfst nicht mehr lügen. Du musst ehrlich sein, vor allem zu deinen Eltern. Versprichst du mir das?“
Joren nickte heftig und wischte sich mit dem Ärmel über die Nase. „Versprochen. Ganz fest.“
Papa legte seine Hand auf Jorens Kopf. „Siehst du, was passiert, wenn man lügt? Dann entstehen Streit und schlimme Missverständnisse, die man nie wieder zurücknehmen kann. Sei einfach ehrlich zu uns, egal wie groß der Wunsch ist, ja?“ Joren nickte eifrig und schlang seine Arme um Papas Beine.
Dann sah Papa zu Brienne auf. Er wirkte erschöpft, aber die Härte war aus seinem Gesicht gewichen. „Brienne... es tut mir leid. Wie ich euch vorhin angefahren habe... ich war einfach nicht ich selbst. Der Zorn hat mich übermannt.“
Brienne sah ihn lange an, trat dann einen Schritt vor und gab ihm einen sanften Kuss auf die Wange. „Schon gut, Jaime. Wir wissen alle, wie sehr du sie liebst.“
Wir gingen alle zusammen wieder hinein, und die schwere Atmosphäre der letzten Stunden schien wie weggewischt. Ich entschuldigte mich kurz, um auf mein Zimmer zu gehen und mir das Salz des Meeres aus dem Gesicht zu waschen.
Kaum hatte ich die Tür hinter mir zugemacht, klopfte es leise. Onkel Tyrion schlüpfte herein, einen Becher Wein in der Hand. „Na? Hat sich mein geschätzter Bruder wieder wie ein menschliches Wesen benommen und sich entschuldigt?“
Ich nickte und setzte mich kurz auf die Bettkante. „Ja, hat er. Wir haben uns ausgesprochen.“ Ich sah ihn prüfend an. „Sag mal... hast du ihm davor eigentlich ordentlich den Kopf gewaschen? Er wirkte ziemlich... geläutert.“
Tyrion nahm einen tiefen Schluck und grinste schief. „Sagen wir einfach, ich habe ihn dezent daran erinnert, mit wem er da eigentlich redet und wegen was für einer lächerlichen Kleinigkeit er gerade sein Familienglück in Brand steckt. Ich habe ihm klargemacht, dass er sich gefährlich nah an die Verhaltensmuster unseres geliebten Vaters bewegt hat.“
Ich musste laut auflachen. „Danke, Tyrion. Ich glaube, das war genau der Weckruf, den er gebraucht hat.“
Tyrion trat an das Fenster und sah hinaus. „Ach, Lukas... du und ich, wir sind die einzigen beiden Menschen auf der Welt, die mit ihm so reden und so mit ihm umgehen können, ohne dass er uns den Kopf abschlägt. Aber ich sage dir eins: Die Quote, ihn zur Vernunft zu bringen, darf nicht nur auf uns beiden lasten. Er muss auch mal von alleine drauf kommen.“
Ich lachte wieder und schüttelte den Kopf. „Ich gebe mein Bestes.“
„Gut“, sagte Tyrion und deutete zur Tür. „Dann lass uns nach unten gehen. Er wartet sicher schon sehnsüchtig darauf, dass sein Lieblingssohn ihm wieder verzeiht.“
Wir gingen hinunter in den großen Wohnsaal, wo die Kamine bereits brannten. Papa saß in einem der schweren Sessel und blickte auf, als ich reinkam. Ich setzte mich direkt neben ihn auf die Bank. Er griff nach einer Karaffe und goss zwei Becher voll.
Ich nahm den Becher, stieß leise gegen seinen und sah ihn an. „Auf die Familie, Papa. Und auf die Wahrheit.“
„Auf die Wahrheit“, wiederholte er und trank einen tiefen Schluck, während er seine freie Hand kurz fest auf meine legte.
Der Abend in Evenfall Hall verlief so ruhig, wie der Morgen stürmisch gewesen war. Das Feuer im Kamin knackte, und das warme Licht tanzte auf den saphirblauen Bannern an den Wänden. Ich saß neben Papa, und auch wenn wir nicht viel redeten, war die Verbundenheit zwischen uns wieder so fest wie der Stein der Burg. Joren war irgendwann auf Papas Schoß eingeschlafen, und Papa hielt ihn fest, als wäre er der kostbarste Schatz von ganz Westeros.
Die nächsten Wochen auf Tarth fühlten sich an wie ein langer, goldener Sommer, der niemals enden sollte. Wir ließen den Stress und die Schatten der Vergangenheit hinter uns und tauchten ein in das einfache, glückliche Leben auf der Insel.
Fast jeden Morgen ritten Papa, Joren und ich aus. Diesmal gab es keine Lügen und keine Geheimnisse. Wir erkundeten die bewaldeten Hügel von Tarth und galoppierten an einsamen Buchten entlang. Papa brachte Joren bei, wie man die Zügel locker führt, und ich zeigte ihm, wie man im Sattel steht, um den Wind besser im Gesicht zu spüren.
Oft stahl ich mich mit Sansa für ein paar Stunden davon. Wir spazierten barfuß durch den weißen Sand, ließen die Gischt unsere Füße umspülen und redeten über alles und nichts. Es war das erste Mal seit Jahren, dass wir nicht über Politik, Kriege oder Überlebensstrategien sprechen mussten. Wir genossen einfach die Gegenwart des anderen, während die Sonne von Tarth unsere Haut wärmte.
Onkel Tyrion und ich hatten unseren täglichen Spaß dabei, Bronn und Tyene zu beobachten. Die beiden hatten es sich zur persönlichen Aufgabe gemacht, Selwyns Weinsammlung systematisch zu dezimieren. „Ich glaube, Selwyn muss bald neue Schiffe in die Westlande schicken, nur um den Keller wieder aufzufüllen“, witzelte Tyrion eines Nachmittags, als wir Bronn dabei zusahen, wie er mit einer fast leeren Amphore und einem extrem zufriedenen Grinsen über den Hof schwankte. Tyene stand ihm in nichts nach und behauptete steif und fest, der Wein von Tarth sei das einzige, was sie hier oben im „Norden“ warm hielt.
Nach etwa einem Monat war es Zeit, die Koffer und Sättel zu packen. Unser Ferienhaus rief, und so sehr wir die Gesellschaft von Lord Selwyn genossen hatten, sehnten wir uns nach der Ruhe unseres eigenen Heims.
Der Abschied von Selwyn war herzlich. Der alte Lord stand am Tor, Joren fest im Arm, bevor er ihn ein letztes Mal absetzte. „Komm bald wieder, mein kleiner Löwe“, sagte Selwyn mit belegter Stimme. Er wandte sich zu Papa und mir. „Ser Jaime, Lukas... ihr habt hier immer einen Platz am Feuer. Vergesst das nicht. Tarth vergisst seine Freunde nicht.“ Papa verbeugte sich tief, die goldene Hand auf dem Herzen. „Wir werden es nicht vergessen, My Lord. Danke für alles.“
Die Reise zurück zu unserem Ferienhaus an der Küste war die entspannteste, die ich je erlebt habe. Keine Eile, kein Mohnblumensaft-Kater, keine Angst vor Hinterhalten. Wir ritten in gemächlichem Tempo durch die duftenden Kiefernwälder der Insel.
Joren ritt abwechselnd bei Brienne, Papa oder mir mit und erzählte uns zum hundertsten Mal von den Rittern beim Turnier, während Tyrion und Lewyn in der Kutsche hinter uns wahrscheinlich schon wieder über die nächste philosophische Frage stritten.
Besuch im Sturm
Wir waren gerade erst wieder vom Besuch bei Selwyn zurückgekommen, noch mit dem Geruch von Meer und Evenfall in den Kleidern, als uns im Hof ein Bediensteter der Residenz entgegenkam.
„Mylord… ein Rabe aus Dragonstone. Er kam vor etwa einer Woche.“
Mein Herz machte einen Satz.
„Für mich?“ fragte ich sofort.
Er nickte.
Wir gingen direkt ins Haus. Niemand zog sich um. Niemand setzte sich richtig. Wir standen um den Tisch herum, während ich das Siegel brach.
Das Wappen von Dragonstone. Die Schrift – eindeutig Cengiz.
Ich atmete einmal tief durch und begann laut vorzulesen.
An meine Familie,
wenn ihr diesen Brief lest, sind wir sicher auf Dragonstone angekommen – und ich kann euch versichern: Es fühlt sich zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich wie ein Zuhause an.
Die Reise war ruhig. Das Meer war klar, kein schwarzer Rauch über den Klippen, keine Asche in der Luft. Seit unserer Rückkehr hat es hier nicht ein einziges Mal „geregnet“. Selbst der Seegang ist sanfter geworden. Die Fischer sagen, die Insel atmet wieder.
Dragonstone war verwahrlost, als wir ankamen – doch wir haben sie Stück für Stück wieder aufgebaut. Die Hallen sind gereinigt, die Gärten neu bepflanzt, die alten Mauern ausgebessert. Und ich schwöre euch: Wenn ihr den Thronsaal sehen könntet.
Zireael hängt nun über der Feuerstelle. Nicht als Drohung. Nicht als Symbol für Krieg. Sondern als Erinnerung. Ich habe beschlossen, das Kämpfen sein zu lassen. Zireael soll ruhen – und mit ihm dieser Teil meines Lebens.
Daenerys erzählt mir abends von ihren Vorfahren, von Valyria, von Aegon, von Drachen und Träumen. Und ich erzähle ihr von Dorne, von Sonne, von Oberyn… von euch.
Wir sind glücklich. Wirklich glücklich.
Dorne steht. Oruc und Aleyna führen Hellholt mit Adil und Esme an ihrer Seite. Iso und Fadime berichten regelmäßig. Die Sandvipers – gemeinsam mit Robby – sorgen für Ordnung und wöchentliche Berichte erreichen uns. Es ist friedlich. Kein Aufstand. Keine Sichtung von Serif, Qadir oder Qezar. Wir vermuten, sie sind außer Landes geflohen.
Danke.
Danke, dass ihr an meiner Seite wart. Ohne euch wäre Dorne verloren.
Daenerys schickt euch ihre herzlichsten Grüße – und eine Einladung. Ihr müsst Dragonstone mit eigenen Augen sehen. Kommt auf eine Tasse Tee vorbei. Ich verspreche, diesmal gibt es keinen komischen Regen oder Seegang.
Außerdem… wir haben eine Überraschung.
Und ich schwöre euch – wir beide können kaum erwarten, euch davon zu erzählen. Aber so etwas sagt man nicht in einem Brief.
Bis bald. Passt aufeinander auf.
In Liebe, Cengiz & Daenerys
Ich ließ den Brief langsam sinken.
Für einen Moment war es ganz still.
Dann atmete Tyrion hörbar aus. „Eine Tasse Tee… also ist es offiziell. Er ist erwachsen geworden.“
Bronn schüttelte den Kopf. „Zireael über der Feuerstelle? Der hängt sein Schwert einfach auf?!“
Papa sah mich an. „Ich wusste, dass er irgendwann weich wird. Aber so?“
Ich war genauso fassungslos. „Er hängt Zireael auf…“
Sansa lächelte nur leise. „Vielleicht bedeutet das einfach, dass er Frieden gefunden hat.“
Lewyn nickte zustimmend. „Oder etwas Wichtigeres.“
„Die Überraschung“, murmelte Brienne.
„Ja, die Überraschung!“ sagte Joren sofort. „Vielleicht haben sie einen Drachenbaby?!“
Alle lachten.
Bronn hob eine Augenbraue. „Oder sie haben das Schloss pink gestrichen.“
Tyrion nippte an seinem Becher. „Er sagt, man sagt so etwas nicht in einem Brief… und sie sind beide hin und weg davon.“
Papa lehnte sich zurück. „Das klingt nicht nach renovierter Küche.“
Sansa sah mich an. Und ich sah sie an.
Ein langsames Verstehen ging durch den Raum.
Tyene schlug sich plötzlich die Hand vor den Mund. „Oh.“
Brienne blinzelte. „Oh.“
Lewyn sah auf. „Oh.“
Tyrion stellte seinen Becher ab. „Meine Damen und Herren… ich glaube, wir sprechen von einer… familiären Erweiterung.“
Bronn starrte mich an. „Du meinst…?“
Ich schluckte.
Papa sah zwischen mir und dem Brief hin und her.
„Glaubst du…?“ fragte er langsam.
Sansa grinste leise. „Das würde zumindest erklären, warum man das persönlich sagen will.“
Stille.
Dann sagte ich:
„Daenerys ist schwanger.“
Keiner widersprach.
Joren riss die Augen auf. „Heißt das… ich bekomme einen kleinen Drachen-Cousin?!“
Wir brachen alle in Lachen aus – dieses warme, glückliche Lachen, das nur kommt, wenn Krieg vorbei ist und Zukunft möglich wird.
Papa sah mich an, schüttelte den Kopf und grinste. „Er hängt sein Schwert an die Wand… und wird Vater.“
Ich lächelte langsam.
„Vielleicht“, sagte ich leise, „ist das die beste Überraschung von allen.“
Der Brief lag noch auf dem Tisch, das Siegel gebrochen, als würde er weiterleben und uns beobachten. Wir alle waren müde – von der Reise nach Evenfall, von Selwyn, vom Grübeln über Dragonstone.
Einer nach dem anderen verabschiedete sich mit einem letzten „Gute Nacht“. Die Stimmung war ruhig. Zufrieden. Ein kleines bisschen aufgeregt.
Sansa und ich zogen uns zurück in unser Zimmer.
Kaum lagen wir im Bett, drehte sie sich auf die Seite und sah mich mit diesem Strahlen an, das ich mittlerweile kannte – dieses „Ich-habe-mir-alles-schon-ausgemalt“-Strahlen.
„Ich hoffe so sehr, dass sie schwanger ist.“
Ich musste lachen. „Du bist dir ja sicherer als sie selbst.“
„Nein wirklich!“ Sie stützte sich halb auf den Ellbogen. „Das passt doch alles zusammen. Die Überraschung. Dass sie so glücklich sind. Dass sie Zireael aufgehängt haben. Dass Dragonstone wieder lebt. Das ist doch ein Zeichen.“
Ich grinste. „Du interpretierst gerade in jeden Stein ein Omen.“
„Nein, hör mir zu!“ sagte sie und begann richtig loszulegen. „Ich wette, sie haben auf Dragonstone geheiratet.“
Ich zog eine Augenbraue hoch. „Direkt heimlich?“
„Natürlich!“ Sie war völlig überzeugt. „Vielleicht in der alten Halle mit Blick auf das Meer. Oder draußen auf der Klippe, wo der Wind durch die Drachenzinnen weht. Stell dir vor: Sonnenuntergang, schwarzer Stein, der Himmel rot…“
Sie malte es mit den Händen in die Luft.
„Und wenn sie vermuten, dass sie schwanger ist, dann würde das doch total Sinn machen. Vor allem für Daenerys. Sie würde wollen, dass es offiziell ist.“
Ich schüttelte den Kopf schmunzelnd. „Ich glaube nicht, dass sie schon geheiratet haben.“
„Doch!“ sagte sie bestimmt. „Ich sehe es genau vor mir.“
Und dann begann sie wirklich zu monologisieren.
Wo sie gestanden hätten. Welche Kerzen gebrannt hätten. Ob es eher leise und intim gewesen wäre oder mit ein paar vertrauten Leuten.
Dann kam sie zu den Namen.
„Wenn es ein Junge wird… vielleicht Rhaegar? Oder Oberyn, als Zweitname. Oder Aemon VIII.? Und wenn es ein Mädchen wird… Elia vielleicht. Oder Rhaenys.“
Ich musste sie schließlich sanft bremsen. „Sansa… wir wissen nicht mal, ob sie überhaupt schwanger ist.“
Sie lächelte nur. „Ich weiß. Aber der Gedanke ist einfach so süß.“
Ich sah sie an.
Sie war völlig versunken. Ihre Augen glänzten. Und dann sagte sie leiser:
„Und stell dir vor… irgendwann selbst zu heiraten. Mutter zu werden.“
Für einen Moment blieb mir die Luft weg.
Nicht vor Angst. Nicht vor Druck.
Sondern weil ich merkte, wie real das alles plötzlich klang.
Ich dachte nach. Einen Moment länger, als sie vermutlich erwartete.
Dann murmelte ich: „Heiraten ist… vielleicht wirklich langsam an der Zeit.“
Sie erstarrte kurz.
Dann strahlte sie so sehr, dass ich fast lachen musste.
„Wirklich?“
„Ja.“
Sie setzte sich halb auf, völlig elektrisiert. „Okay – also. Ich habe immer davon geträumt, in Winterfell zu heiraten.“
Natürlich.
„Im Götterhain“, sagte sie leise. „Zwischen den alten Wehrholzbäumen. Mit leichtem Schneefall – nicht zu viel, nur ein Hauch. Die Luft klar. Ruhig. Und die alten Götter als Zeugen.“
Ich nickte langsam.
„Und wen laden wir ein?“ fragte ich.
„Alle“, sagte sie sofort. „Dein Papa. Tyrion. Brienne. Joren. Lewyn. Jon. Ygritte. Lennard. Paul. Erik. Cengiz und Daenerys natürlich. Rodrik. Oruc. Iso. Fadime. Esme, Aleyna, Adil. Robby und Maris. Die Sandvipers. Jeder, der uns wichtig ist.“
Ich lächelte. „Also halb Westeros.“
„Nur die guten Teile.“
Ich lachte.
„Dann machen wir es so“, sagte ich schließlich. „Wir reisen nach Dragonstone, sehen selbst nach dieser Überraschung… und danach verkünden wir, dass wir nach Winterfell reisen, um zu heiraten.“
Sie sah mich an, als hätte ich ihr gerade ein Königreich geschenkt.
„Wirklich?“
„Ja. Wenn es dein Traum ist… dann ist Winterfell perfekt.“
Sie schob sich näher an mich.
„Dein Papa wird total aus dem Häuschen sein“, sagte sie lachend. „Er wünscht sich das doch schon ewig.“
Ich musste grinsen. „Stimmt wahrscheinlich.“
Dann wurde ich kurz ernster.
„Und ganz ehrlich… nach allem, was mit Marlis war… ich will nicht in Casterly Rock heiraten.“
Sansa nickte sofort. Kein Zögern.
„Winterfell passt besser zu uns.“
Ich küsste sie sanft.
Draußen begann es plötzlich stark zu regnen. Erst ein leises Trommeln. Dann ein richtiges Prasseln gegen die Scheiben.
Der Wind heulte über das Meer von Tarth. Der Regen lief in dicken Bahnen am Fenster hinunter.
Wir rückten enger zusammen unter die Decke.
Sie legte ihren Kopf auf meine Brust.
„Stell dir vor“, murmelte sie, „erst Dragonstone… dann Winterfell… und irgendwann vielleicht…“
Ich strich ihr durch die Haare.
„Eins nach dem anderen“, sagte ich leise.
Der Regen wurde lauter. Aber drinnen war es warm.
Ihre Atmung wurde ruhiger. Meine auch.
Und während der Sturm draußen gegen die Fenster peitschte, schliefen wir aneinandergekuschelt ein – mit Gedanken an Drachen, alte Götter und eine Zukunft, die sich zum ersten Mal ganz leicht anfühlte.
In meinem Traum war alles Licht.
Winterfell lag vor uns – der Götterhain in sanftem Weiß, Schnee wie feiner Staub auf den Wehrholzbäumen. Die alten Götter blickten still auf uns herab, als Sansa in diesem schlichten, wunderschönen Kleid auf mich zukam. Kein Prunk, kein Gold – nur sie.
Ich hörte meine eigene Stimme ein Versprechen sprechen. Ich sah Papa neben uns stehen, Tyrion mit einem Becher in der Hand, Brienne mit verschränkten Armen und einem stolzen Nicken.
Dann drehte Sansa sich zu mir, nahm meine Hände – und flüsterte mit diesem Leuchten in den Augen:
„Ich bin schwanger.“
Alles in mir wurde weich.
Ich hob sie hoch, sie lachte, der Schnee fiel stärker. Papa trat näher, sah uns an – und sein Gesicht…
Er versuchte stark zu bleiben, nickte nur, doch seine Augen wurden glasig. Dann zog er mich in eine dieser festen Umarmungen, die sagen: Ich bin stolz auf dich.
„Mein Junge…“ murmelte er.
Ich lachte, Sansa lachte, alles war hell.
Dann –
Klopfen.
Erst leise. Dann hart. Dann Stimmen.
Der Traum zerbrach.
Ich blinzelte. Es war dunkel. Der Sturm peitschte immer noch gegen die Fenster, Regen schlug gegen das Glas.
Wieder dieses Klopfen. Lauter. Dringender.
Sansa neben mir richtete sich halb auf. „Hörst du das auch?“
Ich nickte schon, bevor ich ganz wach war.
Ein Ruf von unten.
Ich schlüpfte hastig in meine Sachen, öffnete die Tür zum Flur – und stand Brienne, Papa, Tyrion und Lewyn gegenüber. Alle angespannt.
„Du hast es auch gehört?“ fragte Papa.
Ich nickte.
Wir gingen gemeinsam die Treppe hinunter. Das Haus war dunkel, nur das schwache Licht des Morgens fiel durch die Fenster. Der Sturm tobte weiter.
Dann sahen wir sie.
Zwei dunkel gekleidete Gestalten vor der Tür. Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. Sie klopften erneut.
Brienne erstarrte.
Ich sah, wie sich ihr Gesicht veränderte – Schock. Erkennen.
Sie lief zur Tür.
Papa griff unbewusst nach meinem Arm. Ich hielt ebenfalls seinen.
Brienne öffnete.
Die beiden traten ein. Tropfend vor Regen.
Langsam zogen sie die Kapuzen zurück.
Ich brauchte einen Moment. Dann hörte ich Tyrions Stimme, leise, fassungslos:
„Stannis Baratheon… und Ser Davos Seaworth.“
Mir wurde kalt.
Papa sagte sofort: „Ihr solltet tot sein.“
Stannis’ Blick traf ihn wie ein Speer.
„Das dachte jeder Königsmörder.“
Die Spannung im Raum schnitt wie Glas.
Ich spürte, wie Papas Griff sich leicht verstärkte. Ich hielt dagegen.
Brienne trat dazwischen. Ruhig. Fest.
„Setzen wir uns. Ich mache Tee. Dann erkläre ich alles.“
Wenig später saßen wir am Tisch. Papa, Tyrion, Lewyn, Stannis, Davos und ich.
Brienne stellte den Tee ab.
Davos wollte gerade sprechen, da begann Brienne:
„Ich habe damals offiziell gesagt, Stannis sei getötet worden. Bei Winterfell. Zwischen seiner Armee und Ramsays.“
Stannis’ Stimme fiel ein.
„Wir schlossen einen Handel. Ich habe einen Sohn. Ich wollte nicht, dass er ohne Vater aufwächst.“
Brienne nickte. „Wir entschieden, dass die Welt glauben soll, er sei tot. Um Lennard zu schützen.“
Davos fuhr fort: „Wir reisten nach Pentos. Blieben im Untergrund. Still.“
Papa und ich sahen Brienne an.
„Du hast… nach Lennard geschaut?“ fragte ich leise.
Sie nickte. „Die Art, wie Stannis über ihn sprach… hat mich überzeugt. Ich habe ihm regelmäßig Briefe geschickt. Berichte, wie es Lennard geht.“
Ich sah Stannis’ Gesicht. Kein Stolz. Nur Sorge.
Tyrion lehnte sich vor. „Warum jetzt?“
Stannis atmete schwer.
„Seit langer Zeit… kein Brief mehr. Kein Wort. Ich weiß nicht, wo mein Sohn ist.“
Brienne senkte den Blick. „Es tut mir leid.“
Ich sprach.
„Lennard ist ins Vale gereist. Mit meinem Cousin Paul. Ein enger Freund von ihm.“
Stannis’ Stirn legte sich in Falten.
„Wir haben auch länger nichts gehört“, fuhr ich fort. „Wir waren… beschäftigt. In Dorne. Aber das wäre jetzt zu viel zu erklären.“
Brienne nickte entschuldigend.
Stannis’ Augen wurden glasig. Kaum sichtbar. Aber ich sah es.
„Ich will wissen, ob es ihm gut geht. Ich werde ins Vale reisen. Und ich werde ihm sagen, dass sein Vater lebt.“
Brienne schüttelte den Kopf. „Zu gefährlich. Nur zu zweit—“
„Ich gehe.“ Seine Stimme ließ keinen Zweifel.
Papa und ich sahen uns an.
Ich nickte kaum merklich.
„Wir begleiten euch“, sagte Papa.
Stannis’ Blick sprang zu ihm. Dann zu mir.
„Ich kenne euch nicht“, sagte er kühl. „Und euch…“ – sein Blick blieb an Papa hängen – „kenne ich zu gut.“
Ich trat einen Schritt vor.
„Lennard ist einer unserer besten Freunde. Er verdient die Wahrheit. Und wir wollen wissen, dass es ihm gut geht.“
Lewyn hob ruhig die Hand. „Ich bin Maester. Ich komme mit.“
Davos’ Blick wurde weicher.
„Klingt… nicht unvernünftig“, sagte er leise und zog Stannis kurz zur Seite.
Sie sprachen draußen im Flur. Leise. Intensiv.
Der Sturm tobte weiter.
Nach einem Moment kamen sie zurück.
Stannis sah uns an. Länger diesmal.
Dann nickte er einmal.
„Es ist ein Plan.“
Zuerst hörten wir Schritte auf der Treppe, dann Bronn, der sich mit einer Hand am Geländer festhielt und murmelte: „Warum fühle ich mich, als hätte mich ein Pferd getreten?“
Tyene kam hinter ihm, erstaunlich fit, und grinste nur. Sansa erschien wenig später – frisch, wach, wunderschön wie immer – und blieb kurz stehen, als sie Stannis und Davos am Tisch sitzen sah. Joren tappte noch halb verschlafen hinter Brienne her und rieb sich die Augen.
Die Stimmung war seltsam.
Nicht feindlich. Aber vorsichtig.
Stannis saß aufrecht, die Hände vor sich verschränkt. Davos neben ihm, ruhiger, offener – sein Blick wanderte neugierig durch den Raum.
Wir erklärten ihnen, wer wer war. Und erklärten Joren dann, wer die beiden Männer waren.
Ich kniete mich vor ihn.
„Weißt du noch Lennard?“
Er nickte sofort. „Der mit dem Löwenblick.“
Ich lachte. „Genau der. Das hier ist sein Papa.“
Joren sah zu Stannis, musterte ihn mit kindlicher Ernsthaftigkeit. „Du bist Lennards Papa?“
Stannis’ Gesicht wurde weicher. „Das bin ich.“
Ich legte eine Hand auf Jorens Schulter.
„Papa, Lewyn und ich werden mit ihnen ins Vale reisen. Wir wollen Lennard besuchen.“
Joren verzog das Gesicht. „Schon wieder weg?“
Ich lächelte sanft. „Stell dir vor, Papa hätte dich ganz lange nicht gesehen. Wärst du dann nicht glücklich, wenn er kommt?“
Er überlegte kurz. Dann nickte langsam. „Dann darf er aber bleiben.“
Wir lachten leise.
Stannis beobachtete das alles mit einer Mischung aus Distanz und etwas… anderem. Vielleicht Hoffnung.
Wir gaben Stannis und Davos das freie Zimmer im Haus. Das Eis taute langsam – vor allem durch Davos, der Bronn neugierig nach Tarth ausfragte und sich für Tyenes spitze Kommentare erstaunlich wenig aus der Ruhe bringen ließ.
Nach dem Frühstück zog Sansa mich leise am Ärmel.
„Komm kurz.“
Wir gingen nach draußen.
Der Sturm hatte nachgelassen. Die Luft war frisch, das Meer ruhig nach der Nacht.
Sie sah mich an – dieses besorgte, liebevolle, durchdringende Blicken.
Ich hob die Hand, bevor sie etwas sagen konnte.
„Ich weiß.“
Sie zog leicht die Augenbrauen hoch.
„Ich weiß, dass du dir Sorgen machst. Und ich weiß, dass wir eigentlich nach Dragonstone wollten. Und danach nach Winterfell…“ Ich lächelte schief. „Um zu heiraten.“
Ihr Blick wurde weicher.
„Es tut mir leid“, fuhr ich fort. „Aber Lennard verdient die Wahrheit. Und wir müssen wissen, ob es ihm gut geht.“
Sie atmete langsam aus. Dann nickte sie.
„Ich verstehe es.“
Ich trat näher.
„Ihr könnt in der Zeit nach Dragonstone fahren. Du, Tyrion, Joren… oder wer auch immer. Besucht Cengiz und Daenerys. Überbringt meine Grüße. Und… falls unsere Vermutung stimmt… gratulier ihnen.“
Ein kleines Funkeln erschien in ihren Augen.
„Und dann treffen wir uns in Winterfell.“
„In Winterfell“, bestätigte ich. „Ich schreibe dir aus dem Vale. Und sobald wir wissen, dass alles in Ordnung ist, komme ich nach.“
Sie trat noch näher.
„Du musst vorsichtig sein“, sagte sie leise. „Bitte.“
„Bin ich immer“, log ich halb lächelnd.
Sie schüttelte leicht den Kopf.
„Nicht wenn es um deine Freunde geht.“
Ich grinste.
„Deshalb liebe ich dich.“
Sie küsste mich – nicht hastig, nicht dramatisch, sondern ruhig. Sicher. Wie ein Versprechen.
„Komm heil zurück“, flüsterte sie.
„Immer.“
Als ich wieder hineinging, kam Papa direkt auf mich zu. Er wirkte nachdenklich – ernster als noch vor wenigen Stunden.
„Ich habe mit Brienne gesprochen“, sagte er leise. „Es ist ihm wirklich wichtig. Mehr als wichtig. Stannis muss Lennard sehen.“
Ich nickte. „Wann fahren wir?“
„Übermorgen“, antwortete er. „Wir packen alles. Dann gehen wir los. Ich, du, Lewyn, Stannis und Davos.“
Kurs aufs Vale
Die nächsten zwei Tage vergingen wie im Rausch. Packen. Listen. Karten. Vorräte. Sansa bereitete mit Tyrion und Brienne alles vor für Dragonstone. Bronn kommentierte jede Tasche mit: „Braucht ihr das wirklich?“ Joren lief zwischen allen herum und fragte mindestens zehnmal, wann wir losfahren.
Dann war es soweit.
Wir gingen gemeinsam zum Hafen. Ein größeres Schiff brachte uns zunächst in Richtung Dragonstone – von dort aus wollten Papa, Stannis, Davos, Lewyn und ich mit einem kleineren Boot weiter in einen abgelegenen Hafen im Vale fahren.
Als Dragonstone in Sicht kam, schlug mein Herz kurz schneller.
Wir hielten an, um uns zu trennen.
Sansa zog mich beiseite.
Sie küsste mich, lange, ruhig. „Pass auf dich auf.“
„Immer.“
Ich beugte mich näher. „Darf ich Papa von unserem Plan erzählen? Also… von Winterfell?“
Sie lächelte weich. „Im richtigen Moment. Nur ihm. Niemandem sonst.“
„Versprochen. Grüß Cengiz und Daenerys von mir!“
Joren kam angerannt und umarmte mich so fest, wie es seine kleinen Arme zuließen. „Bring mir was aus dem Vale mit! Ein Schwert! Oder einen Wolf!“
Ich lachte. „Vielleicht keinen echten Wolf.“
Papa versprach ihm ebenfalls ein Geschenk.
Dann stiegen wir um.
Stannis und Davos saßen bereits im kleineren Boot. Lewyn war dabei, Karten auszubreiten.
Davos begann zu rudern, als wir uns vom größeren Schiff entfernten.
Die Luft wurde kühler. Der Wind biss leicht.
Papa zog die Decke enger um uns beide und wickelte mich mit darunter. „Dir wird kalt.“
Ich murmelte: „Mir geht’s gut.“
Anfangs sprachen wir kaum. Nur das Schlagen der Wellen gegen das Holz war zu hören.
Dann bemerkte Stannis die Szene – wie Papa mich unter die Decke zog, fast instinktiv.
Er sah ihn lange an.
„Die Welt sieht in Euch nur den Königsmörder“, sagte er schließlich. „Und den Mann, der seine Schwester liebte. Auch ich tat das. Doch… offenbar seid Ihr mehr.“
Papa sah ihn ruhig an.
„Viele werden mich immer nur so sehen“, sagte er. „Und das ist in Ordnung. Solange die Menschen, die mir wichtig sind, wissen, wer ich wirklich bin.“
Er zog mich etwas näher zu sich.
Ich blickte zu Stannis. „Er ist mein Held. Und der beste Vater, den ich mir wünschen könnte.“
Stannis’ Gesicht veränderte sich. Ein Schatten ging darüber.
„Ich liebe meinen Sohn ebenfalls“, sagte er leise. „Mehr, als er weiß.“
Dann begann er zu erzählen.
Von Melisandre. Von ihren Versprechungen. Von dem König, den sie aus ihm machen wollte.
„Sie sagte, sie könne mich zu dem König machen, der ich immer sein sollte“, murmelte er. „Doch dafür wollte sie meinen erstgeborenen Sohn nutzen.“
Ein kalter Windzug ging über das Wasser.
„Ich hatte gesehen, wozu sie fähig war. Ich fürchtete um ihn.“
Er erzählte, wie er Lennard – damals noch klein – mit Maester Erwyn in eine Waldhütte geschickt hatte. Wie er ihn versteckt hatte, bis das „Melisandre-Problem“ gelöst sei.
„Seine Mutter starb kurz nach seiner Geburt“, sagte Stannis. „Fieber. Er hatte sonst niemanden.“
Seine Stimme wurde brüchig.
„Er weinte so sehr, als ich ihn wegbrachte. Ich weiß nicht, wie er heute über mich denkt.“
Er erzählte von Winterfell. Von der Niederlage gegen Ramsay. Von Brienne. Wie sie ihn wegen Renly töten wollte – und wie er ihr von Lennard erzählte.
„Melisandre war kurz davor zu erfahren, dass er existiert. Ich musste verschwinden.“
Er schilderte, wie er seinen Tod vortäuschte. Wie er mit Davos nach Pentos ging. Wie Brienne eine Nachricht zu Lennard brachte und ihn nach Stormbreaker führte, wie er Storms End übernehmen sollte.
„Er war fünfzehn“, sagte Stannis mit glasigen Augen. „Fünfzehn. Und musste ein ganzes Königsland führen. Ohne Mutter. Ohne Vater.“
Ich spürte, wie es mir die Kehle zuschnürte.
Ich ergriff das Wort.
„Ihr habt viel geopfert. Mehr als viele verstehen würden. Vielleicht wird er zuerst wütend sein – weil er die Wahrheit nicht kannte. Aber wenn ihr ihm alles erklärt… wird er sehen, dass es Liebe war. Und Sorge.“
Papa nickte zustimmend.
„Söhne glauben oft, sie müssen alles alleine schaffen“, sagte er ruhig. „Aber tief drin wollen sie nur wissen, dass ihr Vater stolz auf sie ist. Und da bin ich mir sicher – das seid Ihr.“
Stannis sah ihn lange an.
Dann streckte er die Hand aus.
Papa nahm sie.
Ein stiller, ehrlicher Händedruck zwischen zwei Männern, die Fehler gemacht hatten – und alles für ihre Söhne tun würden.
Später wurde es still.
Die Nacht senkte sich über das Meer. Davos ruderte weiter, stoisch wie immer.
Wir legten uns im Boot so gut es ging hin, eingehüllt in Decken, während die Wellen gleichmäßig gegen den Rumpf schlugen.
Stannis lag auf der anderen Seite, die Arme verschränkt, endlich eingeschlafen. Lewyn hatte sich in seine Decke eingerollt, sein Atem gleichmäßig.
Ich lag neben Papa – und merkte, wie der Wind stärker wurde.
Er kroch unter die Decke, unter meine Kleidung, in die Knochen.
Ich zitterte unwillkürlich.
Sofort spürte Papa es. Ohne etwas zu sagen zog er die Decke höher, bis sie uns fast komplett bedeckte. Er legte einen Arm enger um mich, schirmte den Wind mit seinem Rücken ab.
„Ist es warm genug?“ flüsterte er.
Ich rückte näher an ihn. „Viel besser.“
Eine Weile sagten wir nichts.
Nur das Knarren des Holzes, das Schlagen des Wassers.
Dann sagte ich leise:
„Das, was du vorhin gesagt hast… zu Stannis… das stimmt.“
Er drehte leicht den Kopf. „Was genau?“
„Dass Söhne nur wissen wollen, dass ihr Vater stolz auf sie ist.“
Es fühlte sich seltsam an, das auszusprechen. Verletzlich.
„Das ist wirklich mein Ziel“, murmelte ich. „Dass du stolz auf mich bist.“
Er reagierte nicht sofort. Sein Arm zog sich nur ein kleines Stück fester um mich.
„Ich bin es“, sagte er schließlich ruhig. „Und ich werde es immer sein. Ganz egal, was passiert.“
Ich atmete leise aus.
Dann fragte ich – halb im Dunkeln, halb aus einem Gedanken heraus, der mir seit Stunden im Kopf lag:
„Glaubst du… im Vale ist alles okay?“
Er überlegte kurz.
„Das Vale ist schwer einzuschätzen“, antwortete er ehrlich. „Dort schneit es oft. Es ist kalt. Abgeschieden. Die Lords dort sind stolz – und misstrauisch.“ Er sah in die Dunkelheit hinaus. „Aber wenn Lennard dort ist, wird er sich behaupten. Das hat er schon immer gekonnt.“
Ich nickte langsam.
Ich wollte ihm so gern von Winterfell erzählen. Von Sansas Traum. Von unserem Plan.
Ich formte die Worte im Kopf.
Nicht jetzt.
Noch nicht.
Stattdessen räusperte ich mich leise und wechselte das Thema.
„Wenn es im Vale so kalt ist… dann bringe ich Joren vielleicht doch keinen Wolf mit. Der friert hier nur.“
Papa schnaubte leise amüsiert.
„Ein Wolf würde dich wahrscheinlich zuerst beißen.“
„Nur wenn ich ihm sage, dass Battle of Planky Town ein guter Name ist.“
Er lachte ganz leise – damit Stannis nicht wach wurde.
Dann wurde es wieder still.
Der Wind ließ langsam nach.
Sein Atem wurde ruhiger neben mir.
Ich spürte die Wärme unter der Decke, seinen Arm um mich, das sanfte Wiegen des Bootes.
Und irgendwann, ohne dass ich es wirklich merkte, schlief ich ein.
Die nächsten Tage vergingen schneller, als ich gedacht hätte.
Meer. Kälte. Stille Gespräche. Und immer wieder dieser Gedanke: Bald sehen wir Lennard.
Schließlich tauchten dunkle Felsen aus dem Nebel auf.
„Da“, murmelte Davos. „Alter Schmugglerhafen. Kaum jemand nutzt ihn noch.“
Wir legten heimlich an. Der Nebel hing schwer über dem Wasser, die Luft war klamm und eisig. Meine Finger wurden sofort taub.
Gemeinsam schoben wir das Boot hinter einen zerklüfteten Felsen. Davos und Lewyn sammelten nasses Moos und alte Äste, um es zu tarnen.
Als wir fertig waren, standen wir einen Moment einfach da – fünf dunkle Gestalten im Nebel.
„Wo genau sind wir?“, fragte ich und rieb mir die Hände.
Davos blickte den Hang hinauf. „In der Nähe von Ironoaks. Ein paar Meilen westlich. Von hier aus gibt es einen alten Bergpfad.“
„Und wohin gehen wir?“
„Zu einem Wirtshaus“, sagte Stannis. „Der Betreiber schuldet uns etwas.“
„Kann man dort einen Raben schicken?“ fragte ich sofort.
Davos nickte. „Wenn er noch denselben Taubenschlag hat wie früher, ja.“
Lewyn verschränkte die Arme. „Und ihr habt keine Angst, erkannt zu werden?“
Stannis antwortete ruhig: „Er schuldet uns sein Leben. Und er ist klug genug, den Mund zu halten.“
Also zogen wir die Kapuzen tief ins Gesicht und machten uns auf den Weg.
Der Pfad war schmal, kaum begangen. Er führte stetig bergauf.
Je höher wir kamen, desto kälter wurde es. Der Wind schnitt durch Stoff und Leder, und der Nebel wurde dichter.
„Nicht der meistgenutzte Weg“, murmelte Lewyn. „Aber dafür sicherer.“
Davos grinste leicht. „Früher bin ich hier mit ganz anderen Waren unterwegs gewesen.“
„Ihr kennt euch im Vale gut aus“, sagte Lewyn.
„Ich kenne jede Schmuggelroute zwischen Gulltown und den Fingers“, erwiderte Davos trocken.
Lewyn lächelte schwach. „Ich wurde hier geboren. Whitestone Hollow.“
Davos sah ihn interessiert an. „Bergdorf?“
„Sehr klein“, antwortete Lewyn. „Mehr Stein als Menschen.“
„Dann kennt Ihr die Kälte.“
„Leider.“
Gegen Abend erreichten wir das Wirtshaus.
Es stand windschief an einem Felsvorsprung, Rauch stieg aus dem Kamin. Ein verwittertes Schild schwang im Wind – kaum lesbar.
Drinnen war es überraschend leer. Nur ein einzelner Tisch war besetzt.
Wir setzten uns still in eine Ecke, Kapuzen tief ins Gesicht gezogen.
Der Wirt kam heran. „Was darf’s sein?“
Stannis hob langsam die Kapuze.
Der Mann erstarrte. Dann weiteten sich seine Augen.
Davos zog seine ebenfalls zurück.
„Wir brauchen ein Zimmer. Und Essen“, sagte Stannis ruhig. „Und Diskretion.“
Der Wirt schluckte – und nickte sofort.
„Natürlich, Mylord.“
Er brachte uns in drei kleine, aber gemütliche Räume. Einen für Stannis und Davos. Einen für Lewyn. Und einen für Papa und mich.
Bevor wir uns trennten, fragte Stannis:
„Habt Ihr in den letzten Tagen einen jungen Mann gesehen? Groß. Blond. Mittelscheitel. Mit einem Lannister – kurze dunkelblonde Haare – und einem Ritter mit dem Wappen von Ironrath.“
Der Wirt dachte kurz nach.
„Ja. Drei Männer wie beschrieben. Zwei Tage her. Sie zogen weiter ins Bergdorf Stonebrook Peak – etwa zwei Tagesmärsche von hier. In Begleitung der Lordschaft.“
„Welche Lordschaft?“ fragte ich.
„Lady Lyalla Arryn. Feuerrotes Haar. Kaum zu übersehen.“
Stannis atmete hörbar aus. Erleichterung.
„Danke.“
Später, in unserem Zimmer, war es endlich warm.
Papa schürte den Ofen nach, legte Holz nach und wartete, bis das Feuer richtig brannte.
Das Zimmer war klein, aber gemütlich. Steinwände. Ein breites Bett. Dicke Decken.
Er setzte sich neben mich.
„Und? Wie gefällt dir das Vale bisher?“
Ich blickte zum Fenster, hinter dem Nebel und Dunkelheit lagen.
„Kalt. Rau. Irgendwie… still. Es fühlt sich abgeschieden an. Aber schön. Auf eine andere Art als Tarth.“
Er nickte. „Das Vale war schon immer eigen.“
„Warst du schon mal hier?“
Er schmunzelte leicht. „Ein paar Mal. Als junger Ritter. Turniere. Und einmal… politisch weniger freiwillig.“ Er hob eine Augenbraue. „Jon Arryn war nicht der einfachste Gastgeber.“
„Also ja.“
„Ja.“
Ich zog die Decke höher.
„Glaubst du, Lennard friert hier?“
„Mit seinem Temperament?“ Papa lachte leise. „Der schmilzt den Schnee.“
„Und Paul beschwert sich wahrscheinlich seit zwei Tagen über nasse Stiefel.“
„Und Rodrik korrigiert beide.“
Wir grinsten.
Es war gemütlich. Warm. Ruhig.
Ich dachte kurz daran, Papa von Winterfell zu erzählen.
Noch nicht.
Ich drehte mich auf die Seite.
„Morgen kommen wir näher.“
Er nickte.
„Morgen.“
Das Feuer knackte leise.
Und wir schliefen ein.
Am nächsten Morgen klopfte es kurz an unserer Tür.
Papa und ich waren ohnehin schon halb wach – das Feuer im Ofen war fast ausgegangen und die Kälte kroch langsam wieder ins Zimmer.
Als ich öffnete, standen Stannis, Davos und Lewyn auf dem Gang.
„Zeit aufzubrechen“, sagte Davos ruhig.
Wir packten unsere Sachen, schulterten die Taschen und trafen uns kurz darauf unten. Der Wirt nickte uns wortlos zu, während Davos noch einmal zu ihm ging, um etwas Brot, getrocknetes Fleisch und Wasser mitzunehmen.
Dann traten wir hinaus in den kalten Morgen.
Der Nebel hing noch immer über den Bergen, aber die Sicht war besser als am Abend zuvor. Der Weg zog sich schmal zwischen Felsen und kahlen Bäumen nach oben.
Wir liefen eine ganze Weile schweigend.
Ich bemerkte, wie Stannis ging – zielstrebig, fast stur. Seine Schultern angespannt, als würde er gegen etwas Unsichtbares ankämpfen.
Nach einer Weile trat ich neben ihn.
„Ihr sorgt Euch immer noch“, sagte ich.
Er sah kurz zu mir.
„Der Wirt sagte doch, Lennard sei in Begleitung von Lady Lyalla Arryn gewesen.“
Stannis nickte langsam.
„Das beruhigt mich nicht.“
Ich runzelte die Stirn. „Warum nicht?“
Er zog den Mantel enger um sich.
„Die Arryns waren schon immer… speziell.“
Er sah mich prüfend an.
„Hat dein Vater dir jemals viel über sie erzählt?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich. Nur, dass Jon Arryn schwierig war.“
Stannis stieß ein dumpfes Lachen aus.
„Jon Arryn war der normalste von ihnen.“
Ich blinzelte überrascht.
Er fuhr fort:
„Seine Frau Lysa… und ihr Sohn Robin…“ Er schüttelte den Kopf. „Eine Mutter-Sohn-Beziehung, die selbst in den Sieben Königslanden als seltsam gilt.“
Davos murmelte trocken: „Das ist höflich formuliert.“
Ich musste leicht grinsen.
Aber gleichzeitig verstand ich, warum Stannis nervös war.
„Und wer ist Lyalla Arryn?“ fragte ich schließlich.
Stannis zuckte mit den Schultern.
„Eine Cousine. Irgendeine entfernte Verwandte. Wahrscheinlich nur wegen ihres Namens in einer hohen Position im Vale.“
Dann fügte er abfällig hinzu:
„Im Vale reicht ein berühmter Nachname, um plötzlich wichtig zu sein.“
Davos grinste wieder.
„Ihr habt das Vale noch nie gemocht.“
„Das Vale ist ein Nest aus Falken und Stolz“, murmelte Stannis. „Zu viele Lords, zu viel Ehre, zu wenig Sinn.“
Ich lachte leise.
„Und genau deshalb sorgt Ihr Euch, dass sie Lennards Kopf verdreht?“
Stannis nickte ernst.
„Mein Sohn ist klug. Aber er ist jung. Und die Arryns verstehen es, Menschen einzuwickeln.“
Der Weg wurde steiler, je weiter wir gingen.
Als die Dämmerung einsetzte, erreichten wir schließlich eine kleine, windschiefe Hütte, von der der Wirt Davos erzählt hatte.
Sie lag halb verborgen zwischen Felsen.
„Hier“, sagte Davos. „Für die Nacht reicht es.“
Drinnen war es kalt, aber wenigstens trocken.
Wir verteilten uns auf die kleinen Räume. Lewyn machte sofort ein kleines Feuer an, während Davos Vorräte auspackte.
Später, als Papa und ich uns in unserem Zimmer eingerichtet hatten, setzte ich mich auf das Bett und zog die Decke enger um mich.
„Papa?“
Er sah auf.
„Ja?“
„Was hältst du von den Arryns?“
Er zog eine Augenbraue hoch.
„Das kam unerwartet.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Stannis scheint ihnen nicht besonders zu trauen.“
Papa schnaubte leise.
„Ich auch nicht.“
Er setzte sich neben mich.
„Tywin hatte einmal die großartige Idee, mich mit Lysa Arryn zu verheiraten.“
Ich sah ihn schockiert an.
„Was?“
„Als ich jung war“, sagte er trocken. „Politik.“
„Und du—“
„Habe alles getan, um das zu verhindern.“
Ich musste lachen.
Er schüttelte den Kopf.
„Die Arryns sind stolz. Verschlossen. Und ihre Familie ist… kompliziert.“
Dann wurde er ernster.
„Stannis hat also recht. Seine Sorge ist nicht unbegründet.“
Ich nickte langsam.
„Morgen wissen wir hoffentlich mehr.“
Papa sah zum Fenster hinaus, wo der Wind über die Berge strich.
„Ja.“
Dann sah er mich wieder an.
„Wenn wir Stonebrook Hollow erreichen, bekommen wir endlich Klarheit.“
Das Feuer knisterte leise.
Ich grinste ihn an.
„Wenn du vergleichen müsstest…“
Papa hob eine Augenbraue. „Oh oh.“
„Wir also. Die Lannisters. Oder die Arryns. Welche Familie ist eigentlich verrückter?“
Er musste lachen. Ein echtes, warmes Lachen.
Dann dachte er einen Moment nach, wirklich ernsthaft.
„Die Arryns sind… seltsam“, sagte er schließlich. „Sie leben isoliert in ihren Bergen, halten sich für besonders ehrenhaft und haben eine merkwürdige Art, sich von der Welt abzuschotten.“
Er sah mich an.
„Aber verrückt?“
Er schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Dann deutete er mit dem Daumen auf uns.
„Wir.“
Ich lachte.
Er zuckte mit den Schultern.
„Die Arryns haben ihre Eigenheiten. Aber wir Lannisters… wir bringen es fertig, Kriege zu beginnen, Könige zu töten, uns gegenseitig zu verraten und trotzdem am Ende zusammenzuhalten.“
Er grinste leicht.
„Das ist eine besondere Art von Wahnsinn.“
Ich nickte anerkennend.
„Also gewinnen wir.“
„Oh, eindeutig.“
Am nächsten Morgen brachen wir früh auf.
Der Nebel war noch dichter als am Tag zuvor. Man sah kaum zehn Schritt weit.
Der Weg war still. Nur das Knirschen unserer Schritte auf dem gefrorenen Boden war zu hören.
Dann bemerkte ich plötzlich eine Bewegung am Ende unseres Sichtfelds.
Eine Gestalt.
Stannis hob sofort die Hand.
Wir gingen in Deckung zwischen Felsen und Sträuchern.
„Man darf uns nicht sehen“, flüsterte Davos. „Wenn bekannt wird, dass wir im Vale sind, schlägt jeder Alarm.“
Wir beugten uns zusammen und überlegten, wie wir reagieren sollten.
In diesem Moment trat Lewyn plötzlich aus der Deckung auf den Weg.
Er blinzelte durch den Nebel.
„Rodrik?!“
Stannis griff sofort nach seinem Arm.
„Seid Ihr verrückt—“
Doch aus dem Nebel kam sofort eine Stimme zurück.
„Lewyn?!“
Die Gestalt begann zu laufen.
Und tatsächlich – wenige Sekunden später stand Rodrik Forrester vor uns.
Er wirkte erschöpft, aber als er uns erkannte, hellte sich sein Gesicht sofort auf.
„Bei den alten Göttern!“
Er umarmte Lewyn fest.
Dann trat er zu Papa und mir.
„Ich hätte nie gedacht euch hier zu sehen.“
Wir begrüßten ihn schnell.
Lewyn stellte ihn Stannis und Davos vor, und Rodrik nickte respektvoll.
Doch Stannis verlor keine Zeit.
„Wo ist mein Sohn?“
Rodrik holte Luft.
„Lennard und Paul reisen mit der Gefolgschaft von Lady Lyalla Arryn zum Eyrie und—“
Er stockte.
Ich runzelte die Stirn.
„Und?“
Rodrik atmete einmal tief durch.
„Ich bin eigentlich auf dem Weg zum Hafen gewesen… um euch zu finden.“
„Warum?“
Er sah uns der Reihe nach an.
Dann sagte er:
„Weil Lennard in Lyalla verliebt ist.“
Für einen Moment sagte niemand etwas.
„Und sie wollen heiraten.“
Stannis setzte sich einfach auf einen Felsen.
Papa und ich sahen uns ebenfalls ziemlich überrascht an.
Stannis starrte Rodrik an.
„Wie… kann mein Sohn sich in eine Arryn verlieben?“
Davos legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter.
„So funktioniert Liebe nun einmal.“
Ich wandte mich wieder zu Rodrik.
„Ist es wirklich so ernst?“
Rodrik nickte.
„Sie haben sich gesehen – und es ging schnell. Aber Lennard liebt sie wirklich. Hals über Kopf.“
Stannis schüttelte ungläubig den Kopf.
„Das kann nicht sein.“
„Ich muss mit ihm reden.“
Papa lächelte leicht und sah ihn an.
„Ihr wisst doch selbst, wie Liebe funktioniert.“
Stannis blickte ihn irritiert an.
Papa zuckte mit den Schultern.
„Ich hätte auch nie gedacht, dass mein Sohn einmal mit einer Stark zusammen ist.“
Davos grinste.
„Genau. Stark und Lannister. Wenn das funktioniert, kann alles funktionieren.“
Dann sah er Stannis an.
„Wir gehen trotzdem zum Eyrie. Nur um sicherzugehen.“
Stannis nickte langsam.
Rodrik sah uns an.
„Ihr könnt mitkommen. Vom Eyrie aus können wir ja auch an die anderen einen Raben schicken.“
Das klang vernünftig.
Am Abend erreichten wir schließlich Stonebrook Hollow.
Das kleine Bergdorf lag geschützt zwischen Felsen. Rauch stieg aus einigen Häusern auf, und das Licht der Feuer war von weitem sichtbar.
Wir setzten uns später am Feuer eines Gasthauses zusammen.
Rodrik sprach mit Lewyn.
„Hast du darüber nachgedacht… nach Whitestone Hollow zu gehen?“
Lewyn nickte langsam.
„Ja.“
Seine Stimme wurde ruhiger.
„Auch wenn es schwer ist. Ich möchte dorthin.“
Ich sah Papa an.
„Wir könnten mitgehen. Dann ist er nicht allein.“
Lewyn lächelte dankbar.
„Das würde mir helfen.“
Rodrik erklärte uns den Weg.
„Von hier aus etwa eine Woche. Nach zwei Tagen teilt sich der Pfad.“
Er zeichnete es mit einem Stock im Boden.
„Dieser Weg führt in die Bergdörfer: Whitestone Hollow… Greyfen Ridge… und Coldwater Hollow.“
Er zeigte auf den anderen.
„Der andere führt ins Vale – direkt Richtung Eyrie.“
Stannis sah Davos an.
„Dann gehen wir voraus.“
Davos nickte.
„Wir treffen euch im Eyrie.“
Der Plan war klar.
Am Feuer saßen wir noch eine Weile schweigend.
Das Vale war still um uns herum.
Irgendwann wurde es Zeit.
Wir standen vor dem kleinen Gasthaus von Stonebrook Hollow, die Kapuzen tief im Gesicht, der Atem sichtbar in der kalten Morgenluft. Stannis und Davos waren bereit, den Weg Richtung Eyrie einzuschlagen. Wir – also Papa, Lewyn, Rodrik und ich – würden den anderen Pfad nehmen.
Ich reichte Stannis die Hand.
„Wir sehen uns im Eyrie.“
Er nickte nur, aber sein Blick war schon woanders. Bei Lennard. Davos drückte mir kurz die Schulter.
„Passt auf euch auf. Das Vale wirkt friedlich, bis es das nicht mehr tut.“
„Klingt beruhigend“, murmelte ich.
Rodrik erzählte uns noch, dass er, Paul und Lennard wirklich eine gute Zeit gehabt hatten. Dass sie viel gelacht hatten, trotz allem. Dass Lennard nicht gequält oder bedrückt wirkte.
Das beruhigte uns alle. Vor allem Lewyn schien erleichtert, Rodrik wieder bei sich zu haben. Man sah ihm an, dass er froh war, nicht nur mit Erinnerungen in diese Berge zu gehen.
Dann trennten wir uns.
Heimkehr nach Whitestone Hollow
Der Weg nach Greyfen Ridge zog sich über den ganzen Tag.
Rodrik führte uns über schmale Pfade, die sich an den Berghängen entlangwanden. Rechts ging es steil hinab, links ragten graue Felsen auf, teilweise von Schnee überzogen. Das Vale war wunderschön – aber auf eine harte, einsame Art.
Keine weichen Hügel wie auf Tarth. Keine warme Sonne wie in Dorne. Hier war alles scharf: der Wind, die Steine, die Luft.
Die Wege waren schmal und rutschig. Immer wieder mussten wir langsam gehen, damit keiner abrutschte. Zwischen den Felsen wuchsen kleine, zähe Büsche. Weiter unten sah man Wälder, dunkelgrün und neblig. Über uns kreisten Vögel, als würden sie jeden Schritt beobachten.
Papa lief nah bei mir. Rodrik ging voraus, Lewyn etwas stiller als sonst hinter ihm.
Gegen Abend erreichten wir ein kleines Gasthaus für Reisende – mehr Unterschlupf als Herberge. Ein niedriger Steinbau mit einem schiefen Dach, Rauch aus dem Kamin und einem einzigen müden Wirt, der kaum Fragen stellte.
Gemütlich war es nicht. Aber es war trocken.
Unser Zimmer bestand aus vier Wänden, zwei Stockbetten und einem kleinen Ofen, der mehr knisterte als heizte.
„Luxus“, sagte Papa trocken.
„Fast wie Casterly Rock“, murmelte ich.
Rodrik nahm das obere Bett gegenüber. Lewyn darunter. Papa und ich teilten uns die andere Seite – er unten, ich oben.
Als wir schon lagen und der Wind draußen gegen das Fenster drückte, fragte ich leise:
„Lewyn?“
„Hm?“
„Wie sieht Whitestone Hollow eigentlich aus?“
Eine Weile antwortete er nicht.
Dann hörte ich, wie er sich in seinem Bett bewegte.
„Klein“, sagte er schließlich. „Sehr klein. Vielleicht zwanzig Häuser damals. Weiße Steine überall – daher der Name. Die Häuser waren aus hellem Fels gebaut, fast silbrig, wenn Schnee darauf lag.“
Seine Stimme wurde ruhiger.
„Es gab eine kleine Septe am Ende des Dorfes. Nicht schön im klassischen Sinne, aber… warm. Innen hingen blaue Tücher, weil meine Mutter meinte, der Himmel sollte auch im Winter im Raum sein.“
Ich hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen.
„Unser Haus stand am Rand. Direkt bei einem Hang, von dem man ins Tal sehen konnte. Mein Vater hatte hinten einen kleinen Garten, obwohl dort kaum etwas wuchs. Meine Mutter hat trotzdem Kräuter gezogen. Und im Winter roch das ganze Haus nach getrocknetem Salbei und Holzrauch.“
Er atmete langsam aus.
„Ich erinnere mich an Schnee. An Ziegen. An das Läuten der Septe. An meine Mutter, wie sie gesungen hat, wenn sie gekocht hat.“
Es wurde still im Zimmer.
Ich fragte vorsichtig:
„Bist du nervös, es wiederzusehen?“
Lewyn lachte leise, aber ohne Humor.
„Ja.“
Dann fuhr er fort:
„Am Tag nachdem meine Eltern gestorben sind, wurde ich in ein größeres Dorf gebracht. Danach ging alles schnell. Citadel. Ausbildung. Bücher. Regeln. Ich war fünf. Eigentlich… erinnere ich mich mehr an Gefühle als an Fakten.“
Papa sagte von unten ruhig:
„Du musst das nicht tun, wenn es zu viel ist.“
Rodrik ergänzte: „Wir können auch direkt zum Eyrie. Niemand würde es dir übelnehmen.“
Ich sagte: „Wirklich. Du entscheidest. Wir gehen nur dahin, wenn du es willst.“
Lewyn schwieg lange.
Dann sagte er:
„Ich will dorthin. Ich möchte mein altes Haus sehen. Und die Septe. Ich weiß nicht, was noch steht… aber ich glaube, ich muss es sehen.“
Ich nickte, auch wenn er mich im Dunkeln kaum sehen konnte.
„Dann gehen wir hin.“
Papa sagte leise: „Und wenn es dir dort zu viel wird, gehen wir wieder.“
Rodrik brummte zustimmend.
Lewyns Stimme war etwas rauer, als er antwortete:
„Danke.“
Draußen pfiff der Wind durch die Ritzen. Drinnen wurde es ganz still.
Und irgendwann schliefen wir ein – vier Männer in einem viel zu kleinen Zimmer, auf dem Weg zu einem verlassenen Dorf voller Erinnerungen.
Am nächsten Tag gingen wir weiter.
Der Weg führte uns tiefer in die Bergregionen des Vale hinein. Die Luft war dünn und kalt, aber klarer als an den Tagen zuvor. Der Nebel hing nicht mehr ganz so schwer über den Pfaden, sondern zog in langen weißen Schleiern zwischen den Felsen hindurch.
Gegen Mittag passierten wir Coldwater Hollow.
Es war kaum noch ein richtiges Dorf. Ein paar alte Steinhäuser, ein schmaler Bach, der zwischen glatten Felsen hindurchlief, und eine kleine Brücke, deren Holz knarrte, als Rodrik als Erster darüberging.
Lewyn blieb kurz stehen.
Sein Blick ging zum Bach.
„Hier war ich mal mit meinen Eltern“, sagte er leise.
Ich sah zu ihm.
„Wirklich?“
Er nickte. „Eine Woche. Es war damals ein extrem heißer Sommer. Selbst hier oben im Vale. Meine Mutter meinte, in Whitestone Hollow würde man in den Häusern gebraten werden, also sind wir hierher. Jeden Tag sind wir zu diesem Bach gegangen.“
Er lächelte ganz leicht.
„Das Wasser war eiskalt. Auch im Sommer. Ich hab als Kind jedes Mal geschrien, wenn ich reingesprungen bin.“
Papa grinste schwach.
„Das klingt gesund.“
Ich sah Lewyn neugierig an. „Wie warm war es denn? Also… für Vale-Verhältnisse?“
Lewyn dachte kurz nach.
„In dieser Woche? Vielleicht dreißig Grad. Für uns war das unerträglich. Normalerweise waren Sommer hier oben eher mild. Zwanzig, zweiundzwanzig Grad. Manchmal etwas wärmer, wenn der Wind ausblieb. Aber sobald die Sonne weg war, wurde es direkt kühl.“
Er sah sich um.
„Der Winter dagegen… hart. Viel Schnee. Nächte, in denen man dachte, das Haus würde unter dem Wind aufgeben.“
Ich rieb mir die Arme.
„Also eigentlich nie perfekt.“
„Nein“, sagte Lewyn trocken. „Aber man gewöhnte sich daran.“
Ich sah zu Papa.
„Wie war das bei dir? In Casterly Rock, als du klein warst?“
Papa schnaubte leise.
„Anders.“
„Ach was.“
Er stieß mir leicht gegen die Schulter.
„Casterly Rock war nie so kalt. Die Winter waren feucht und windig, besonders wenn Sturm vom Meer kam, aber Schnee war selten. Meist war es diese unangenehme Kälte, die durch die Kleidung zieht, ohne dramatisch auszusehen.“
Ich nickte.
„Und Sommer?“
„Warm. Aber nicht wie in Dorne. Eher goldene Wärme. Viel Sonne auf den Terrassen, salzige Luft, Wind vom Meer. Wenn wir Glück hatten, roch alles nach Wasser, Stein und den Gärten unten am Hang.“
Sein Blick wurde für einen Moment etwas ferner.
„Ich habe als Junge oft auf den Mauern gestanden und aufs Meer geschaut. Cersei fand das langweilig. Tyrion konnte noch nicht richtig laufen, aber wenn er später dabei war, stellte er immer Fragen, bis irgendein Maester verzweifelte.“
Ich musste lächeln.
„Und du?“
„Ich wollte meistens trainieren. Oder Ärger vermeiden.“ Er machte eine Pause. „Hat selten funktioniert.“
Rodrik lachte vorne leise.
Die nächsten Tage vergingen langsam und doch irgendwie verschwommen.
Kalte Morgen. Steinige Pfade. Karge Dörfer, die mehr aus Erinnerung bestanden als aus Leben. Coldwater Hollow ließen wir hinter uns. Dann kamen kleinere Orte, kaum mehr als verlassene Namen auf alten Karten: Frostmere Hold und Ashbell Hollow hinter uns, und schließlich nur noch der Pfad nach Whitestone Hollow.
Als wir an diesem letzten Abzweig standen, war es bereits dunkel.
Rodrik sah zum Himmel.
„Noch etwa eine Stunde.“
Papa sah zu Lewyn. „Wir können hier rasten.“
Lewyn blickte den Pfad hinauf.
Lange.
Dann schüttelte er den Kopf.
„Nein. Ich möchte heute ankommen.“
Also gingen wir weiter.
Unsere Fackeln warfen unruhiges Licht auf den schmalen Weg. Links und rechts ragten Felsen auf, bleich und gezackt. Der Wind war fast verschwunden, was alles noch stiller machte.
Ich trat neben Lewyn.
„Glaubst du, dein Haus steht noch?“
Er schluckte.
„Damals war alles robust gebaut. Weißer Fels, dicke Balken. Aber… solche Orte wurden oft geplündert, wenn sie leer standen.“
Er sah voraus.
„Whitestone Hollow, Coldwater Hollow, Frostmere Hold, Ashbell Hollow… viele dieser Dörfer sind heute keine richtigen Dörfer mehr. Nur Unterkünfte für Leute auf der Durchreise. Schmuggler. Händler. Manchmal Hirten.“
„Und manchmal wir“, murmelte Rodrik.
Lewyn nickte schwach.
Dann sahen wir es.
Whitestone Hollow.
Oder das, was davon übrig war.
Die Häuser standen dunkel und still im Mondlicht. Helle Steinwände, teilweise vom Moos überzogen. Keine Stimmen. Kein Rauch. Keine Tiere. Nur die schwarzen Formen der Dächer und leere Fenster, die wie Augen wirkten.
Mir wurde mulmig.
„Das ist… unangenehm.“
Papa war sofort neben mir.
„Nur ein verlassenes Dorf“, sagte er ruhig. „Stein, Holz und Wind. Mehr nicht.“
Lewyn sah sich um, und in seinem Gesicht lag etwas, das schwer zu beschreiben war.
„Nachts war es früher auch still“, sagte er leise. „Fast genauso. Aber am Tag… am Tag war es schön.“
Ich sah ihn an.
„Dann warten wir auf den Tag.“
Er nickte dankbar.
Dann lief er ein Stück voraus.
„Hier entlang.“
Wir folgten ihm durch die schmale Dorfstraße. Unsere Schritte hallten dumpf zwischen den alten Häusern. Ein zerbrochener Brunnen stand in der Mitte des Dorfes. Daneben ein verwitterter Pfosten, an dem früher vielleicht ein Schild gehangen hatte.
Lewyn blieb vor einem kleinen Haus am Rand stehen.
Es lag etwas erhöht, direkt am Hang.
„Das war es“, flüsterte er.
Im Fackelschein sah das Haus erstaunlich gut erhalten aus. Die weißen Steinmauern standen noch. Das Dach war alt, aber nicht eingestürzt. Die Tür hing leicht schief, war aber geschlossen.
Lewyn hob langsam die Hand und berührte das Holz.
Einen Moment lang tat er nichts.
Dann drückte er die Tür auf.
Sie knarrte laut in die Stille hinein.
Drinnen roch es nach Staub, altem Holz und kaltem Stein.
Papa ging zuerst hinein, die Hand am Schwert, nur um sicherzugehen. Rodrik folgte ihm. Dann Lewyn. Dann ich.
Der Raum war dunkel, aber unsere Fackeln brachten die alten Konturen zurück.
Ein kleiner Tisch. Zwei Stühle, einer davon umgekippt. Ein alter Kamin. Regale an der Wand, leer bis auf ein paar zerbrochene Schalen. In einer Ecke lag ein verstaubter Teppich, halb zerfressen von Zeit und Feuchtigkeit.
Lewyn stand mitten im Raum.
Er sagte nichts.
Sein Blick wanderte über alles, als würde er versuchen, zwei Bilder übereinanderzulegen: das Haus von damals und die Ruine von jetzt.
Ich trat vorsichtig näher.
„Ist es… wie du es in Erinnerung hattest?“
Lewyn atmete zittrig ein.
„Kleiner“, sagte er.
Dann lächelte er traurig.
„Als Kind war es riesig.“
Papa senkte die Fackel leicht.
„Wir machen erst Feuer.“
Rodrik nickte sofort. „Ich sehe nach dem Kamin.“
Ich legte meine Tasche ab, aber mein Blick blieb auf Lewyn.
Er ging langsam zu einem der Regale. Seine Finger strichen über das staubige Holz.
„Hier standen die Kräuter meiner Mutter“, murmelte er. „Salbei. Minze. Wacholder. Sie hat alles beschriftet, obwohl mein Vater immer sagte, er könne sie sowieso am Geruch erkennen.“
Er lachte leise, aber es brach fast in der Mitte.
Papa sah zu mir. Ich verstand den Blick.
Wir ließen Lewyn den Moment.
Draußen lag Whitestone Hollow still im Dunkeln. Drinnen begannen wir, ein altes Haus wieder mit Wärme zu füllen.
Lewyn bewegte sich langsam durch das Haus.
Nicht so, als würde er einen fremden Ort erkunden. Eher so, als würde er durch einen Traum gehen, von dem er nie sicher gewesen war, ob er wirklich existiert hatte.
Seine Finger glitten über die Wand neben der Tür. Über altes Holz. Über Stein. Über Staub.
Papa hatte inzwischen den Kamin zum Brennen gebracht. Rodrik prüfte noch die Fensterläden, und ich stand etwas unschlüssig im Raum, weil ich Lewyn nicht stören wollte, aber auch nicht wollte, dass er allein war.
Dann blieb er vor einer kleinen Tür stehen.
Er sagte nichts.
Aber ich wusste sofort: Das war sein Zimmer.
Er drückte die Tür vorsichtig auf.
Sie knarrte.
Im Fackelschein sah ich einen winzigen Raum. Ein schmales Bett. Ein kleiner Nachttisch. Ein Regal, das fast leer war. An der Wand hing noch ein Stück verblasster Stoff, vielleicht früher ein Vorhang oder ein Tuch.
Lewyn trat hinein.
Ich blieb im Türrahmen stehen.
„War das…?“
Er nickte, ohne sich umzudrehen.
„Mein Zimmer.“
Seine Stimme klang anders. Dünner.
Er ging zum Bett. Legte eine Hand auf den alten Holzrahmen. Der Staub hob sich leicht, als er darüberstrich.
Dann zog er die kleine Schublade im Nachttisch auf.
Er erstarrte.
Ich sah, wie sich seine Schultern anspannten.
„Lewyn?“
Er griff hinein und holte etwas heraus.
Ein kleines Stofftier.
Es war alt, aber erstaunlich gut erhalten. Ein grauer Stofffalke mit schiefem Schnabel, einem etwas zu großen Kopf und einem Flügel, der offenbar einmal angenäht worden war. Die Augen waren aus dunklen Knöpfen.
Lewyn hielt ihn in beiden Händen.
Und plötzlich war er nicht mehr der ruhige Maester, der mit trockenem Humor Bücher kommentierte und Wunden versorgte.
Er sah aus wie der kleine Junge, der hier einmal geschlafen hatte.
„Den hat meine Mutter gemacht“, sagte er leise.
Ich trat vorsichtig näher.
„Ein Falke?“
Er nickte. „Ich wollte immer einen Drachen. Aber sie sagte, Drachen gehören nicht ins Vale. Also hat sie mir einen Falken genäht.“
Sein Daumen strich über den schiefen Flügel.
„Ich hab ihn einmal draußen im Schnee verloren. Drei Tage lang hab ich geweint. Mein Vater meinte, ein echter Ritter müsse auch ohne Stofftier schlafen können.“
Ein kleines Lächeln zuckte über sein Gesicht.
„Aber am dritten Tag kam er völlig durchnässt zurück. Er hatte ihn gefunden. Unter einem umgestürzten Karren. Meine Mutter hat den Flügel neu angenäht und gesagt, jetzt sei er kampferprobt.“
Ich schluckte.
„Wie hieß er?“
Lewyn sah den Stofffalken an.
„Ser Quill.“
Ich musste lächeln, obwohl mir das Herz dabei schwer wurde.
„Natürlich hieß dein Stofftier Ser Quill.“
Er lachte ganz leise. Dann brach es fast ab.
Seine Augen glänzten.
„Ich dachte, alles wäre weg.“
Papa stand inzwischen ebenfalls im Türrahmen. Er sagte nichts. Rodrik auch nicht.
Manchmal war Schweigen besser als jedes Wort.
Lewyn drückte den kleinen Falken vorsichtig an sich, nur kurz, fast beschämt – aber ich sah es.
Und ich war froh, dass er ihn gefunden hatte.
Später versammelten wir uns vor dem Kamin.
Das Feuer war endlich stark genug, um den Raum nicht mehr ganz so kalt wirken zu lassen. Wir hatten ein paar alte Decken gefunden, die zwar staubig waren, aber nach kurzem Ausschütteln brauchbar aussahen.
„Also“, sagte Rodrik und sah sich um. „Schlafen.“
Papa deutete auf den Hauptraum. „Hier beim Feuer ist es am wärmsten.“
Lewyn nickte. „Mein altes Zimmer ist zu klein für mehr als eine Person. Und ich…“ Er sah kurz dorthin. „Ich glaube, ich möchte dort heute nicht schlafen.“
„Dann schläfst du hier“, sagte ich sofort.
Wir machten es so: Lewyn legte sich auf eine alte Matratze nahe am Kamin, Rodrik auf zwei zusammengeschobene Decken an der Wand. Papa und ich nahmen die andere Seite des Raumes, ebenfalls auf Decken, mit unseren Mänteln als zusätzliche Schicht.
Es war nicht bequem.
Aber warm genug.
Und irgendwie fühlte es sich richtig an, nicht getrennt in alten Zimmern zu schlafen.
Lewyn lag noch lange wach, den kleinen Stofffalken neben sich.
Ich sah es, bevor mir die Augen zufielen.
Am nächsten Morgen weckte mich kaltes Licht.
Draußen lag noch leichter Nebel über Whitestone Hollow, aber die Sonne drückte sich langsam durch die weißen Schleier. Alles sah anders aus als in der Nacht.
Nicht mehr ganz so tot.
Eher traurig. Verlassen. Aber schön.
Wir gingen gemeinsam nach draußen.
Lewyn blieb vor dem Haus stehen und sah über das Dorf.
Die weißen Steine glitzerten leicht im Morgenlicht. Der alte Brunnen lag in der Mitte des Dorfes, und dahinter führte ein schmaler Weg zur kleinen Septe.
„Wie geht’s dir?“, fragte Papa ruhig.
Lewyn antwortete nicht sofort.
Dann atmete er tief ein.
„Gut“, sagte er. „Seltsam gut.“
Ich sah ihn an.
Er lächelte schwach, aber ehrlich.
„Ich hatte Angst, dass es mich zerreißt. Aber… es ist eher, als hätte ich einen Teil von mir wiedergefunden.“
Rodrik legte ihm kurz eine Hand auf die Schulter.
„Dann hat sich der Weg gelohnt.“
Lewyn nickte.
„Ja.“
Wir beschlossen, uns im Dorf umzusehen. Wenn wir ein paar Tage bleiben wollten, brauchten wir Vorräte, trockenes Holz, brauchbare Decken, vielleicht Werkzeuge oder Töpfe. Die verlassenen Häuser waren ohnehin längst von Reisenden genutzt worden, also war es weniger Plündern als Suchen nach dem, was übrig war.
Papa und ich nahmen die Häuser auf der linken Seite. Rodrik und Lewyn blieben näher bei seinem alten Haus und kümmerten sich um den Brunnen und den alten Vorratsraum.
Die ersten Häuser waren leer. Staub. Umgestürzte Stühle. Zerbrochene Schalen. Ein paar alte Haken an der Wand. In einem Haus fanden wir trockenes Holz unter einer abgedeckten Bank. In einem anderen einen noch brauchbaren Eisenkessel.
Als wir durch ein drittes Haus gingen, sah Papa sich um und sagte plötzlich:
„Hast du eigentlich auch so komisch geschlafen?“
Ich sah zu ihm.
„Was meinst du?“
„Ich bin einmal aufgewacht“, sagte er. „Irgendein Geräusch.“
Mein Magen zog sich zusammen.
„So ein… Surren?“
Er blieb stehen.
„Du hast es auch gehört?“
Ich nickte langsam. „Ich dachte erst, ich hätte geträumt.“
Papa sah zum Fenster hinaus.
„Ich auch.“
Eine kurze Stille.
„Was denkst du, was es war?“, fragte ich.
Er schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht.“
„Kann es irgendein anderer Reisender draußen gewesen sein?“
Papa sah mich ernst an.
„Niemand kommt später als wir noch so einen Weg hoch. Nicht bei der Kälte, nicht bei Nacht. Wir waren schon spät dran.“
Er sah sich im leeren Haus um.
„Und wir haben gestern alles durchsucht. Hier war niemand.“
Das machte es nicht besser.
Wir nahmen den Kessel und ein Bündel halbwegs trockener Stoffe mit und machten uns zurück auf den Weg zu Lewyns Haus.
Dann sah ich sie.
Spuren.
Im feuchten Boden zwischen den Steinen. Nicht tief, aber frisch genug, dass sie mir auffielen. Große Abdrücke. Schwere Stiefel. Gröber als unsere.
Ich blieb stehen.
„Papa.“
Er drehte sich um.
Ich zeigte auf den Boden.
„Sind das unsere?“
Er ging in die Hocke und betrachtete die Spuren.
Sein Gesicht wurde etwas ernster.
„Nein.“
„Könnten die von Lewyn oder Rodrik sein?“
„Vielleicht.“
„Vielleicht?“
Er sah mich an.
Ich verschränkte die Arme. „Du bist Ritter. Solltest du sowas nicht erkennen?“
Er richtete sich langsam auf und sah mich gespielt beleidigt an.
„Ich bin Ritter, kein Schuster.“
„Aber wenn du sowas wissen musst—“
„Dann müsstest du es genauso wissen, wenn du klug genug bist, mich dafür zu necken.“
Trotz der Anspannung musste ich grinsen.
„Also wissen wir beide nichts.“
„Genau. Hochprofessionelle Untersuchung.“
Wir gingen weiter zum Haus.
Drinnen kochten Lewyn und Rodrik bereits etwas über dem Feuer. Es roch nach dünner Suppe, aber nach warmem Essen, also war es perfekt.
Papa und ich warfen scheinbar beiläufig einen Blick auf ihre Schuhe.
Lewyns waren schmaler. Rodriks hatten ein anderes Profil.
Die Abdrücke waren von keinem der beiden.
Ich spürte, wie mir kalt wurde, obwohl das Feuer brannte.
„Lewyn“, sagte ich möglichst ruhig, „wäre es okay, wenn Papa und ich uns mal euren alten Garten ansehen?“
Lewyn sah auf.
„Den Garten?“
„Ja. Papa überlegt, ob er in Casterly Rock vielleicht auch einen eigenen kleinen Garten anlegen will.“
Papa drehte langsam den Kopf zu mir.
Sein Gesicht war unbezahlbar.
Lewyn lächelte überrascht. „Das klingt… eigentlich nach einer guten Idee.“
Rodrik rührte in der Suppe. „Ich hätte Jaime Lannister nicht als Gärtner eingeschätzt.“
„Niemand hat das“, murmelte Papa.
„Wir rufen euch, wenn das Essen fertig ist“, sagte Lewyn.
Ich nickte und zog Papa mit nach draußen.
Der alte Garten lag hinter dem Haus.
Oder das, was einmal ein Garten gewesen war.
Alles war überwuchert. Wilde Kräuter, Dornen, vertrocknete Sträucher. Ein paar Steinbegrenzungen waren noch erkennbar, aber der Rest war von der Natur zurückgeholt worden.
Kaum waren wir außer Hörweite, sah Papa mich an.
„Ich will also gärtnern.“
„Vielleicht.“
„In Casterly Rock.“
„Ja.“
„Einen Garten.“
„Du könntest Tomaten anbauen.“
Er starrte mich an.
„Lukas.“
Ich atmete aus und sah kurz zurück zum Haus.
„Ihre Schuhe passen nicht.“
Papa wurde sofort still.
„Lewyn und Rodrik?“
Ich nickte. „Die Abdrücke draußen. Die waren von keinem der beiden.“
Er sah mich genauer an.
„Das macht dich nervös.“
Ich antwortete nicht sofort.
„Ein bisschen.“
„Ein bisschen?“
Ich fuhr mir durch die Haare.
„Okay, ja. Ich hab Angst.“
Er sah mich verwundert an. Nicht vorwurfsvoll, eher besorgt.
„Warum so sehr? Vielleicht war es wirklich nur jemand auf der Durchreise.“
„Du hast doch selbst gesagt, niemand kommt so spät hier an.“
„Das stimmt. Aber es kann trotzdem sein.“
Ich schwieg.
Der Wind strich durch das überwucherte Gras.
Papa trat näher.
„Was ist los?“
Ich blickte weg.
Winterfell. Sansa. Der Götterhain. Ihr Lächeln, als sie von der Hochzeit sprach. Das Gefühl, dass Zukunft endlich greifbar war.
Und dann diese Spuren.
Dieses Surren.
Dieses verlassene Dorf.
Ich konnte es ihm nicht sagen. Noch nicht. Nicht so.
Also murmelte ich:
„Ich will einfach nicht, dass Lewyns Zeit hier kaputtgeht.“
Papa sah mich an.
„Er hat sich so gefreut, wieder hier zu sein. Endlich. Und wenn hier jetzt irgendwas passiert… irgendwas Schlimmes… dann wird dieser Ort für ihn wieder nur Schmerz.“
Papa schwieg einen Moment.
Dann nickte er langsam.
„Das verstehe ich.“
Ich wusste nicht, ob er mir glaubte.
Eigentlich wusste ich ziemlich sicher, dass er merkte, dass da noch mehr war.
Aber er ließ es stehen.
„Dann passen wir auf“, sagte er. „Ohne Lewyn Angst zu machen.“
Ich nickte.
„Okay.“
Er legte mir kurz die Hand in den Nacken.
„Und du sagst mir, wenn die Angst schlimmer wird.“
„Wird sie nicht.“
„Lukas.“
„Ja. Okay.“
Beim Essen war die Stimmung besser.
Lewyn erzählte, wie sein Vater früher versucht hatte, aus fast nichts Eintopf zu kochen und dabei immer behauptete, es sei ein Familienrezept. Rodrik lachte, Papa machte einen Kommentar darüber, dass Tyrion wahrscheinlich sogar aus Steinen Wein kochen könnte, und ich versuchte, nicht ständig zum Fenster zu sehen.
Am Nachmittag gingen wir noch einmal nach draußen.
Die Sonne stand blass über den Bergen. Whitestone Hollow wirkte im Tageslicht fast friedlich. Wir fanden brauchbares Holz, ein paar alte Kerzen, eine rostige Pfanne und sogar eine Decke, die nach gründlichem Ausschütteln nicht völlig widerlich war.
Alles blieb ruhig.
Keine Geräusche. Keine Bewegungen. Keine weiteren Spuren, die wir eindeutig fanden.
Für ein paar Stunden glaubte ich fast, ich hätte überreagiert.
Dann kam der Abend.
Und mit ihm der Nebel.
Er zog nicht langsam auf.
Er kam.
Er kroch zwischen den Häusern hervor, kalt und dicht, als hätte Whitestone Hollow ihn ausgespuckt. Innerhalb weniger Minuten konnte man kaum noch bis zum Brunnen sehen.
Die Temperatur fiel so stark, dass ich sofort fröstelte.
Rodrik sah zum Dorfplatz.
„Wir sollten rein.“
„Ja“, sagte Papa sofort.
Wir gingen ins Haus. Lewyn schloss die Tür hinter uns, und der Nebel drückte sich gegen die Fenster wie etwas Lebendiges.
Ich versuchte, ruhig zu wirken.
Wirklich.
Aber mein Herz schlug schneller.
„Vielleicht sollten wir die Tür verbarrikadieren“, sagte ich.
Alle sahen mich an.
Ich hob die Schultern.
„Nur wegen der Kälte. Falls der Wind stärker wird.“
Rodrik nickte sofort. „Keine schlechte Idee.“
Papa sah mich kurz an, sagte aber nichts.
Gemeinsam schoben wir einen schweren alten Schrank vor die Tür. Rodrik verkeilte zusätzlich einen Balken darunter. Lewyn befestigte die Fensterläden von innen mit einem Stück Draht, das wir gefunden hatten.
Als es erledigt war, atmete ich ein wenig leichter.
Nicht komplett.
Aber etwas.
Wir legten uns später wieder im Hauptraum beim Kamin hin.
Das Feuer brannte, aber draußen war die Welt nur noch grau und schwarz. Der Nebel verschluckte jedes Geräusch.
Ich lag auf meiner Decke und starrte zur Decke.
Dann spürte ich, wie Papa sich neben mich legte.
Ich drehte den Kopf.
„Warum liegst du hier? Dein Platz ist doch da drüben.“
Er zog die Decke über uns beide.
„Weil ich weiß, wann du Panik hast.“
Ich lachte leise, zu schnell.
„Ich hab keine Panik.“
Er strubbelte mir durch die Haare.
„Natürlich nicht.“
„Ich bin nur vorsichtig.“
„Sehr vorsichtig.“
„Strategisch.“
„Extrem strategisch.“
Ich musste trotz allem grinsen.
Papa legte den Arm locker um mich.
„Alles gut“, sagte er leise. „Wir sind hier. Ich bin hier. Rodrik ist hier. Lewyn ist hier. Und falls da draußen wirklich irgendjemand ist, hat er sich das dümmste Haus im ganzen Vale ausgesucht.“
Ich sah ihn an.
„Weil du drin bist?“
Er grinste.
„Weil wir drin sind.“
Draußen drückte der Wind gegen das alte Holz.
Ich rückte etwas näher an ihn, ohne es wirklich zuzugeben.
Papa tat so, als würde er es nicht merken.
Aber seine Hand blieb in meinen Haaren.
Und obwohl der Nebel draußen dichter wurde und Whitestone Hollow wieder wie ein Geisterdorf dalag, wurde mein Atem langsam ruhiger.
Die Glocke der Septe
Am nächsten Morgen wirkte Whitestone Hollow wieder fast harmlos.
Die Sonne hing blass über den Bergen, dünn und kalt, aber hell genug, dass der Nebel sich langsam verzog. Die weißen Steinhäuser standen still da, als wäre nie etwas gewesen. Kein Glockenschlag. Kein Surren. Keine Schritte im Dunkeln.
Nur ein verlassenes Dorf.
Zumindest redete ich mir das ein.
Papa und ich gingen nach dem Frühstück noch einmal los, um in den umliegenden Häusern nach brauchbaren Dingen zu suchen. Rodrik blieb bei Lewyn, weil die beiden versuchen wollten, den alten Vorratsraum neben dem Haus zu öffnen.
„Wir sind gleich zurück“, sagte Papa.
„Falls du doch anfängst zu gärtnern, bring Samen mit“, rief Rodrik trocken hinterher.
Papa blieb im Türrahmen stehen.
„Noch ein Wort darüber, und ich pflanze dich ein.“
Ich musste lachen, und für einen Moment fühlte es sich wieder normal an.
Wir fanden tatsächlich ein paar nützliche Sachen. In einem Haus lag noch ein brauchbarer Lederriemen, in einem anderen ein kleiner Topf, der nur verbeult, aber nicht kaputt war. Papa fand eine alte Laterne, deren Glas gesprungen war, die aber vielleicht noch funktionierte.
„Siehst du“, sagte er und hielt sie hoch. „Schatzsuche.“
„Du bist der schlechteste Pirat, den ich je gesehen habe.“
„Ich bin Ritter, kein Pirat.“
„Und kein Schuster.“
„Und kein Gärtner.“
„Noch nicht.“
Er sah mich an.
„Ich bereue, dich großgezogen zu haben.“
Ich grinste. „Du liebst mich.“
„Leider.“
Wir gingen noch ein Stück weiter durchs Dorf, diesmal nicht direkt zurück, sondern in Richtung Ortsgrenze. Dort, wo die alten Häuser endeten und der Pfad sich wieder zwischen Felsen und niedrigen Bäumen verlor.
Je näher wir kamen, desto stiller wurde es.
Nicht nur leise.
Still.
Als hätte jemand die Welt gedämpft.
Ich blieb stehen und rieb mir die Schläfen.
„Hast du auch Kopfweh?“
Papa sah mich an und nickte langsam.
„Ein wenig.“
Ich blickte zu den Bäumen außerhalb des Dorfes.
Die Blätter wirkten anders. Gestern waren sie dunkelgrün gewesen, nass und kalt, wie alles hier. Jetzt sahen einige fast orange aus. Nicht richtig Herbst-orange, sondern falsch. Als hätte jemand Farbe darübergelegt.
„Papa… sehen die Blätter für dich auch anders aus?“
Er kniff die Augen zusammen.
„Anders?“
„Mehr orange. Da draußen. Als würden sie sich verfärben.“
Er sah einen Moment hin, dann schüttelte er den Kopf.
„Vielleicht ist es das Kopfweh.“
Ich schluckte.
„Vielleicht.“
Er legte mir eine Hand an den Rücken.
„Komm. Wir gehen zurück.“
Je weiter wir uns vom Rand entfernten, desto besser wurde es nicht sofort, aber ich war froh, wieder zwischen den Häusern zu sein. Trotzdem drückte mein Schädel unangenehm, als würde etwas von innen dagegenklopfen.
Als wir bei Lewyns Haus ankamen, sah Rodrik uns an und runzelte sofort die Stirn.
„Ihr seht beide aus, als hättet ihr einen Streit mit einem Felsen verloren.“
Lewyn stand auf und griff direkt nach dem Krug.
„Setzt euch.“
„Es geht schon“, murmelte ich.
„Setz dich“, sagte Papa und setzte sich selbst hin.
Lewyn reichte uns Wasser.
Ich trank.
Und kaum lief das kalte Wasser meine Kehle hinunter, wurde der Druck in meinem Kopf leichter. Nicht langsam. Schlagartig.
Ich sah Papa an.
Er hatte es auch gemerkt.
„Besser?“, fragte Lewyn.
Ich nickte. „Ja. Viel besser.“
Papa stellte den Becher langsam ab.
„Vielleicht waren wir dehydriert.“
„Vielleicht“, sagte Lewyn, aber sein Blick blieb kurz an uns hängen.
Den Rest des Tages versuchten wir, das Ganze ruhiger anzugehen.
Lewyn erzählte uns mehr von früher. Von einem Winter, in dem die Tür ihres Hauses komplett eingeschneit war und sein Vater durch ein Fenster klettern musste, um den Eingang freizuschaufeln. Von seiner Mutter, die ihm früher verboten hatte, zum Brunnen zu rennen, weil er jedes Mal ausrutschte. Von einem alten Mann im Dorf, der behauptete, er könne Wetter riechen, aber eigentlich nur immer sagte, es würde schneien, was im Vale natürlich nicht besonders beeindruckend war.
„Also war er ein Prophet“, sagte ich.
Lewyn lächelte. „Ein sehr fauler.“
Rodrik schmunzelte. „Im Norden hätten wir ihn geehrt.“
Papa lehnte sich zurück. „In den Westerlands hätte Tyrion ihm Wein gegeben und gefragt, ob er auch Gold riechen kann.“
Es war schön.
Für ein paar Stunden.
Die Sonne verschwand hinter den Bergen, und Whitestone Hollow fiel wieder in Schatten. Wir hatten gerade gegessen. Der Kamin brannte warm, Rodrik schärfte sein Messer, Lewyn saß mit Ser Quill, dem kleinen Stofffalken, neben sich und wirkte fast friedlich.
Dann kam der Glockenschlag.
Ein einzelner, schwerer Ton.
Dong.
Er rollte durch das Dorf.
Durch die Wände.
Durch meinen Brustkorb.
Ich saß sofort aufrecht.
Ohne nachzudenken rückte ich näher an Papa, so schnell, dass er direkt den Arm hob und mich auffing, als hätte er darauf gewartet.
Rodrik war bereits auf den Beinen.
Lewyn starrte zur Tür.
„Das kam aus der Septe“, sagte er.
Papa griff nach seinem Schwert.
„Gibt es dort irgendeinen Mechanismus? Einen automatischen Glockenturm? Irgendwas mit Wind?“
Lewyn schüttelte langsam den Kopf.
„Nein.“
Seine Stimme war leiser geworden.
„Mein Vater hat die Glocke früher geläutet. Jeden Morgen. Manchmal abends, wenn jemand gestorben war oder wenn Sturm kam.“
Ich sah ihn an.
„Aber vielleicht wurde irgendwann etwas eingebaut? Eine Erfindung? Irgendwas?“
Lewyn wirkte selbst verwirrt.
„Nein. Alles hier sieht aus wie früher. Die Häuser. Die Septe. Selbst die Wege. Als hätte sich kaum etwas verändert, seit ich weggeschickt wurde.“
Er schluckte.
„Wenn die Glocke geläutet hat… dann hat jemand sie geläutet.“
Rodrik sah zur Tür.
„Wer bitte rastet in einem verlassenen Dorf und denkt sich: Ich läute mal die Glocke?“
Niemand antwortete.
Der Wind drückte gegen die Fensterläden.
Ich merkte, wie sich meine Finger in Papas Ärmel krallten. Diesmal sagte er nichts dazu. Er legte nur seine Hand über meine.
„Wir gehen heute Nacht nicht raus“, sagte Papa schließlich.
„Nein“, sagte Rodrik sofort. „Auf keinen Fall.“
Lewyn nickte langsam, aber sein Blick blieb an der Tür hängen.
„Morgen sehen wir nach.“
„Morgen“, bestätigte Papa. „Bei Licht.“
Rodrik ging direkt zur Tür und prüfte den Schrank, den wir davor geschoben hatten. Papa half ihm, den Balken fester zu verkeilen. Ich kontrollierte mit Lewyn die Fensterläden. Jeder Spalt wurde geschlossen. Jede lose Stelle mit Holz, Stoff oder Draht gesichert.
Als wir fertig waren, wirkte das Haus kleiner.
Aber sicherer.
Zumindest ein bisschen.
Wir setzten uns wieder ans Feuer.
Niemand sprach viel.
Lewyn hielt Ser Quill in der Hand, als hätte er es gar nicht bemerkt.
Rodrik saß mit dem Rücken zur Wand, das Messer in Reichweite.
Papa blieb neben mir.
Und draußen lag Whitestone Hollow wieder im Dunkeln.
Still.
Viel zu still.
Bis ich irgendwann leise fragte:
„Wie spät war es früher, wenn dein Vater abends geläutet hat?“
Lewyn sah mich an.
Seine Antwort kam kaum hörbar.
„Genau um diese Zeit.“
Die Nacht war lang.
Viel zu lang.
Keiner von uns schlief richtig. Rodrik saß die meiste Zeit mit dem Rücken zur Wand, das Schwert neben sich. Lewyn lag zwar auf seiner Decke, aber jedes kleine Knacken ließ ihn die Augen öffnen. Papa blieb neben mir, halb wach, halb ruhend, den Arm so um mich gelegt, als könnte er mich allein durch seine Nähe vor dem ganzen Dorf abschirmen.
Ich lauschte ständig.
Auf Schritte. Auf die Glocke. Auf dieses Surren.
Aber nichts kam.
Kein weiterer Schlag. Kein Kratzen an der Tür. Kein Flüstern im Nebel.
Irgendwann wurde mein Körper schwer. Ich kämpfte dagegen an, wirklich. Aber Papas Wärme neben mir, das Knistern des Feuers und die Erschöpfung gewannen irgendwann.
Ich schlief an ihn gelehnt ein.
Als ich wieder wach wurde, war es hell.
Nicht nur hell.
Sonnig.
Ich blinzelte verwirrt gegen das Licht, das durch die Ritzen der Fensterläden fiel. Draußen hörte ich sogar Vögel.
„Das ist unfair“, murmelte ich.
Papa, der schon wach war, sah zu mir herunter.
„Was?“
„Nach so einer Nacht darf der Tag nicht aussehen, als wäre nichts gewesen.“
Er schnaubte leise. „Beschwer dich beim Himmel.“
Als wir nach draußen traten, war die Luft beinahe warm. Nicht sommerlich, aber für das Vale richtig angenehm. Der Nebel war fast verschwunden, nur am Rand der Häuser lag noch ein dünner Schleier. Die weißen Steine von Whitestone Hollow leuchteten im Sonnenlicht, und das Dorf wirkte plötzlich wieder wie eine Erinnerung statt wie eine Drohung.
Trotzdem gingen wir vorsichtig.
Papa hatte seine Hand auf Aurelion. Ich meine auf Argentus.
Rodrik ging voran, Lewyn neben ihm. Ich merkte, dass Lewyn angespannt war, aber auch entschlossen.
Die kleine Septe lag am Ende des Dorfes.
Sie war aus demselben hellen Stein gebaut wie die Häuser, aber etwas höher, mit einem schmalen Turm, in dem die Glocke hing. Das Dach war dunkel und alt, doch noch intakt. Über der Tür waren schwach verwitterte Zeichen der Sieben eingemeißelt.
Lewyn blieb vor dem Eingang stehen.
„Hier war ich fast jeden Morgen“, sagte er leise. „Mein Vater hat die Glocke geläutet. Meine Mutter hat manchmal die blauen Tücher drinnen gewechselt.“
Dann öffnete Rodrik die Tür.
Sie knarrte.
Drinnen war es leer.
Der Raum war klein, aber seltsam schön. Alte Holzbänke standen in zwei Reihen. Staub lag auf allem, aber nichts war zerstört. An den Wänden hingen tatsächlich verblasste blaue Stoffbahnen, teilweise eingerissen, aber noch da. Vorne stand ein schlichter Altar aus hellem Stein. Keine Goldverzierungen. Kein Prunk. Nur sieben kleine Kerzenhalter, leer und dunkel.
Lewyn trat langsam hinein.
„Es sieht genauso aus“, murmelte er.
Seine Stimme hallte leicht.
„Genau so.“
Papa sah sich wachsam um. Rodrik prüfte die Seitentür. Ich blickte nach oben zur Glocke.
„Wo kommt man hoch?“, fragte ich.
Lewyn deutete auf eine schmale Holztreppe hinter einer Seitenwand.
„Da.“
Wir gingen hinauf, einer nach dem anderen. Die Stufen ächzten unter unseren Schritten. Oben war es eng, staubig und kalt. Die Glocke hing direkt über uns, schwer und dunkel, an einem alten Balken.
Niemand war da.
Kein Mensch. Keine Spuren, die eindeutig frisch waren.
Ich atmete gerade aus, als plötzlich etwas flatterte.
Ein schwarzer Schatten schoss aus einer Ecke.
Dong.
Die Glocke bebte.
Ich fuhr so heftig zusammen, dass ich fast gegen Papa prallte. Papa zog Aurelion halb aus der Scheide. Rodrik fluchte. Lewyn machte ein Geräusch, das sehr wenig maesterlich klang.
Dann flatterte ein fetter Rabe panisch durch den Turm, stieß gegen ein Stück Seil und schoss schließlich durch eine Lücke im Holz nach draußen.
Eine Sekunde lang standen wir einfach nur da.
Dann lachte Rodrik als Erster.
„Ein Rabe.“
Ich starrte auf die Glocke.
„Ich hasse Vögel.“
Papa schob Aurelion zurück und atmete aus.
„Ein Rabe hat uns die ganze Nacht zu Tode erschreckt.“
Lewyn lachte jetzt ebenfalls, aber eher erleichtert als belustigt.
„Vielleicht hat er beschlossen, mein Vater zu vertreten.“
Ich sah ihn an.
„Schlechter Ersatz. Dein Vater hätte bestimmt taktvoller geläutet.“
„Vermutlich.“
Als wir wieder aus der Septe traten, fühlte sich alles leichter an. Dumm. Fast peinlich.
Papa legte mir eine Hand auf die Schulter.
„Siehst du? Alles gut.“
Ich nickte.
„Ja. Alles gut.“
Und für diesen Moment glaubte ich es sogar.
Wir beschlossen trotzdem, am nächsten Tag aufzubrechen.
„Zum Eyrie“, sagte Rodrik. „Stannis und Davos warten sicher bereits.“
Lewyn sah noch einmal zur Septe zurück, dann nickte er.
„Morgen.“
Den Rest des Tages wollten wir sinnvoll nutzen.
Wenn es unsere letzte Nacht in Whitestone Hollow war, konnten wir wenigstens ordentlich essen. Also suchten wir zu viert nach allem, was brauchbar war.
Lewyn fand alte getrocknete Kräuter in einer verschlossenen Dose, die erstaunlich gut rochen. Papa und ich sammelten ein paar wilde Zwiebeln und harte Wurzeln aus dem überwucherten Garten. Rodrik brachte trockenes Holz, und irgendwo fanden wir sogar ein bisschen Gerste in einem alten Vorratskrug, die nicht verdorben war.
„Das wird entweder Suppe“, sagte Rodrik, „oder eine Beleidigung für jeden Koch in Westeros.“
Papa roch an den Kräutern.
„Tyrion würde es essen, wenn Wein daneben steht.“
Lewyn rührte später im Kessel, als hätte er nie etwas anderes gemacht.
Der Duft füllte das Haus. Warm, würzig, einfach.
Und zum ersten Mal fühlte sich Lewyns altes Zuhause wirklich wieder wie ein Zuhause an.
Wir aßen zusammen am Kamin. Rodrik erzählte von Paul, der sich im Vale angeblich einmal mit einem Ziegenhirten gestritten hatte, weil der ihn „zu lannisterhaft“ angesehen hatte. Papa lachte. Ich musste so sehr grinsen, dass ich mich fast verschluckte.
Als es langsam dämmerte, wurde Lewyn stiller.
Er sah zum Fenster, dann zur Septe.
„Ich würde gern noch einmal hin“, sagte er leise. „Für meine Eltern beten.“
Rodrik legte seinen Löffel ab.
„Dann komme ich mit.“
Lewyn sah zu ihm.
„Du musst nicht.“
Rodrik zuckte mit den Schultern, aber seine Stimme wurde weich.
„Ich weiß. Aber Brüder lässt man nicht allein in alten Septen rumstehen, wenn es draußen dunkel wird.“
Lewyn sah ihn einen Moment an.
Dann lächelte er.
„Danke.“
Rodrik stand auf, nahm seinen Mantel und sein Schwert.
„Außerdem“, fügte er trocken hinzu, „falls der Rabe zurückkommt, will ich mich persönlich beschweren.“
Ich lachte leise.
Lewyn und Rodrik gingen hinaus, ihre Schritte entfernten sich über den Dorfplatz.
Papa und ich blieben im Haus.
Eine Weile war es angenehm still. Ich saß am Kamin, die Beine angezogen, während Papa noch etwas Holz nachlegte.
„Es ist schön hier“, sagte ich schließlich.
Papa sah sich um.
„Auf eine traurige Art.“
Ich nickte. „Ich verstehe, warum Lewyn zurückwollte.“
„Ja.“
Er setzte sich neben mich.
„Aber?“
Ich sah ihn an.
„Was?“
„Du hast dieses Gesicht.“
„Welches Gesicht?“
„Das Gesicht, bei dem du versuchst, nicht zu sagen, dass du glaubst, etwas stimmt nicht.“
Ich schwieg.
Das Feuer knackte.
Dann sagte ich leise: „Es stimmt trotzdem etwas nicht.“
Papa antwortete nicht sofort.
„Der Rabe erklärt die Glocke“, sagte er.
„Ja.“
„Aber nicht das Surren.“
„Nein.“
„Und nicht die Stiefelspuren.“
Ich sah ihn an.
Er hatte es also nicht vergessen.
Natürlich hatte er es nicht vergessen.
„Und nicht die Kopfschmerzen an der Ortsgrenze“, murmelte ich.
Papa lehnte sich zurück, sein Blick ging zur Tür.
„Nein. Das auch nicht.“
Genau in diesem Moment rollte ein Donnern über das Dorf.
So laut, dass die Fensterscheiben bebten.
Ich fuhr zusammen.
Draußen begann es zu regnen.
Nicht langsam. Nicht sanft.
Der Himmel riss auf, und Regen prasselte gegen das Dach, gegen die Fensterläden, gegen die weißen Steine von Whitestone Hollow. Der Wind heulte plötzlich durch die Gassen, als hätte jemand die Tür zu einem Sturm geöffnet.
Papa stand sofort auf.
Ich auch.
Wir sahen zur Tür.
Draußen war kaum noch etwas zu erkennen.
Nur Regen.
Dunkelheit.
Und irgendwo da draußen: Lewyn und Rodrik in der Septe.
Das Labor unter der Septe
Während Papa und ich noch im Haus saßen und über dieses ungute Gefühl sprachen, war draußen vor der Septe noch alles ruhig.
Kein Regen.
Nur Wind.
Lewyn und Rodrik liefen über den dunkler werdenden Dorfplatz. Die Septe lag vor ihnen, schmal und hell im letzten Rest des Tageslichts. Die blauen Stoffbahnen hinter den kleinen Fenstern bewegten sich kaum sichtbar.
Rodrik sah kurz zu Lewyn.
„Alles gut?“
Lewyn nickte, aber seine Finger lagen fest um den kleinen Anhänger an seiner Kette.
„Ja. Ich will nur kurz beten.“
„Dann beten wir kurz“, sagte Rodrik ruhig. „Und danach gehen wir wieder zurück, bevor Lukas denkt, ein Rabe hätte uns gefressen.“
Lewyn lachte leise.
Rodrik öffnete die Tür der Septe.
Das Knarren hallte durch den kleinen Raum.
Und sofort blieb er stehen.
Lewyn trat neben ihn – und auch er verstummte.
Drinnen brannten Kerzen.
Nicht eine. Nicht zwei.
Alle sieben Kerzen am Altar.
Ihr Licht zitterte über die alten Holzbänke, über die verblassten blauen Tücher, über den weißen Steinboden. Der Raum wirkte dadurch nicht wärmer. Eher falsch. Als hätte jemand einen alten Ort geweckt, der lieber weitergeschlafen hätte.
Rodriks Hand ging sofort zu seinem Schwert.
„Die brannten heute Morgen nicht“, flüsterte er.
Lewyn schluckte.
„Nein.“
Langsam zog Rodrik seine Klinge.
„Bleib hinter mir.“
Lewyn nickte, obwohl sein Blick starr auf den Altar gerichtet blieb.
Sie gingen nach vorne. Schritt für Schritt. Kein Laut außer dem leichten Knarren der Dielen und dem Flackern der Kerzen.
Dann sah Lewyn es.
Hinter dem Altar war der Boden offen.
Eine kleine Luke, kaum sichtbar, wenn sie geschlossen war. Jetzt stand sie einen Spalt weit offen. Darunter führten schmale Steinstufen hinab – und von unten kam Licht.
Kein Kerzenlicht.
Ein kaltes, violett schimmerndes Licht.
Lewyns Atem stockte.
„Rodrik…“
Rodrik beugte sich vor und sah hinunter.
„Da ist ein Gang.“
„Wir sollten umkehren“, flüsterte Lewyn sofort. „Wir sollten Jaime und Lukas holen.“
Rodrik antwortete nicht gleich.
Unten war es still. Viel zu still.
Dann sagte er leise: „Wir sehen nur kurz nach.“
Lewyn packte ihn am Ärmel.
„Rodrik.“
„Ich gehe nicht weit“, flüsterte Rodrik. „Aber wir können nicht bei jedem Schatten davon ausgehen, dass direkt etwas Schlimmes passiert.“
Lewyn sah ihn an, als wollte er widersprechen.
Doch Rodrik stieg bereits die ersten Stufen hinab.
Lewyn fluchte kaum hörbar und folgte ihm.
Die Treppe führte tiefer hinunter, als sie erwartet hatten. Die Luft wurde wärmer. Feuchter. Und je weiter sie kamen, desto deutlicher roch es nach Metall, altem Blut, Kräutern und etwas Scharfem, das in der Nase brannte.
Am Ende des Gangs öffnete sich der Raum.
Und beide blieben wie angewurzelt stehen.
Unter Whitestone Hollow lag ein Labor.
Nicht klein. Nicht provisorisch.
Riesig.
Steinbögen trugen die Decke. An den Wänden standen Regale voller Phiolen, Gläser und Flaschen. Manche waren klar, andere dunkelrot, milchig weiß oder violett leuchtend. Auf mehreren Tischen lagen Instrumente, Ketten, Pergamente, Nadeln, Metallhaken, kleine Sägen und Schalen voller unbekannter Substanzen.
Mehrere Krankenbetten standen im Raum verteilt. Manche sauber. Andere nicht.
An einer Wand hingen große Pergamente.
Lewyn trat zögernd näher.
Auf einem standen Listen.
Testsubjekte. Reaktion nach Injektion. Muskelverformung. Augenverfärbung. Aggressionsanstieg. Überlebensdauer.
Daneben hing ein zweites Pergament.
Dort waren Kreise gezeichnet. Uhrzeiten. Mondphasen. Tage. Namen von Dörfern. Daneben Worte wie:
Zeitverschiebung. Wahrnehmungsstörung. Wetterangleichung. Außenwirkung.
Lewyn wurde kreidebleich.
„Rodrik“, flüsterte er. „Wir müssen weg.“
Rodrik sah sich um. Sein Blick war angespannt, aber auch verwirrt.
„Ja.“
Er machte einen Schritt zurück.
Dann noch einen.
„Mir ist… komisch.“
Lewyn drehte sich zu ihm.
„Was?“
Rodrik presste eine Hand gegen seine Brust.
„Schwach.“
„Dann jetzt sofort raus.“
Die beiden wandten sich zur Treppe.
Sie erreichten gerade die ersten Stufen, als über ihnen ein Donnern losbrach.
Ein dumpfer Schlag folgte.
Die Luke.
Geschlossen.
Lewyn erstarrte.
Dann hörten sie Schritte.
Langsam.
Ruhig.
Von oben.
Rodrik packte Lewyn und zog ihn zurück in den Laborraum. Sie duckten sich hinter eines der Krankenbetten. Rodrik hielt sich die Hand vor den Mund, als würde er gegen Übelkeit ankämpfen.
Die Schritte kamen näher.
Ein Mann stieg die Treppe hinunter.
Schmächtig. Leicht gebeugt. Graues, dünnes Haar. Ein schmales Gesicht mit eingefallenen Wangen und wachen, unangenehm ruhigen Augen. Er trug dunkle, abgetragene Kleidung unter einem langen Mantel. In seiner rechten Hand hielt er ein Zepter, dessen Spitze violett pulsierte – langsam, wie ein Herzschlag.
Lewyn wagte kaum zu atmen.
Der Mann trat in den Raum, ohne Hast. Als wäre er zu Hause.
Er ging zu einem Tisch, stellte mehrere Gefäße nebeneinander und begann, Flüssigkeiten zusammenzumischen. Eine klare Flüssigkeit. Dann eine tiefviolette. Dann etwas Dunkles, Zähes.
Er murmelte vor sich hin.
„…zu starke Muskelreaktion bei Gruppe sieben… aber die Mutationen halten länger, wenn die Zeitbindung stabil bleibt… nein, nein, die Haut reißt zu früh… vielleicht weniger Leichenkalk… mehr Blutwurzel…“
Lewyns Augen weiteten sich.
Rodrik neben ihm begann plötzlich zu zittern.
Er hielt sich den Mund zu.
Doch dann kam es.
Ein heftiger Hustenstoß.
Dann ein Würgen.
Rodrik kippte nach vorne, prallte gegen das Krankenbett – und es stürzte mit einem metallischen Krachen um.
Lewyn war sofort bei ihm.
„Rodrik!“
Er hielt ihn fest, legte eine Hand an seinen Hals, prüfte Atmung, Puls, die Augen.
„Atme. Langsam. Sieh mich an.“
Der Mann am Tisch drehte sich um.
Nicht schockiert.
Nicht einmal wirklich erschrocken.
Nur überrascht.
Dann lächelte er.
„Oh.“
Seine Stimme war weich. Fast neugierig.
„Besucher.“
Lewyn sah ihn an, während Rodrik keuchend neben ihm lag.
„Wer seid Ihr?!“
Der Mann legte den Kopf leicht schief.
„Das wollte ich euch gerade fragen.“
Lewyn schob sich schützend vor Rodrik.
„Was ist das hier? Was habt Ihr mit ihm gemacht?“
Der Mann sah zu Rodrik, dann zu den Gefäßen, dann wieder zu Lewyn.
„Vermutlich nur eine leichte Reaktion auf die Luft. Manche vertragen sie schlechter.“
Rodrik hustete erneut, diesmal schwächer.
Lewyn griff nach seinem Beutel, suchte hektisch nach Kräutern, nach etwas gegen Verkrampfung, gegen Übelkeit. Seine Finger arbeiteten automatisch, wie sie es in der Citadel gelernt hatten.
„Atme durch die Nase“, sagte er schnell. „Nicht tief. Kurz. Rodrik, hörst du mich?“
Rodrik nickte mühsam.
Der Mann beobachtete sie interessiert.
„Ihr seid ausgebildet.“
Lewyn funkelte ihn an.
„Ich bin Maester.“
„Ah.“
Dann hob der Mann sein Zepter.
Er schlug zweimal damit auf den Boden.
Tock. Tock.
Das violette Licht flackerte.
Dann richtete er es auf Lewyn und Rodrik.
Etwas Unsichtbares riss sie nach hinten.
Lewyn schrie auf, als sein Rücken gegen die Steinwand prallte. Rodrik wurde neben ihn gedrückt, sein Schwert fiel klirrend zu Boden. Beide hingen nicht richtig in der Luft, aber sie konnten sich nicht lösen. Als würde der Raum selbst sie festhalten.
Der Mann trat langsam näher.
„Noch einmal“, sagte er ruhig. „Wer seid ihr? Und was macht ihr in meinem Labor?“
Lewyn atmete hektisch. Seine Augen suchten nach Rodriks Gesicht – er war wach, aber schwach, gegen die Wand gepresst, die Zähne zusammengebissen.
„Lewyn“, brachte er hervor. „Lewyn Ortengryn. Maester Lewyn Ortengryn.“
Der Mann blieb stehen.
Lewyn schluckte.
„Und das ist Ser Rodrik Forrester.“
Der Mann blinzelte.
„Ortengryn…“
Er sagte den Namen leise.
Dann noch einmal.
„Ortengryn.“
Sein Blick wanderte über Lewyns Gesicht, als würde er etwas darin suchen. Eine Erinnerung. Eine Ähnlichkeit.
„Lewyn Ortengryn…“
Er ging einen Schritt näher.
Das violette Zepter pulsierte in seiner Hand.
„Interessant.“
Lewyn zwang sich, ruhig zu bleiben.
„Ihr habt mir Euren Namen noch nicht genannt.“
Der Mann lächelte.
„Natürlich. Wie unhöflich von mir.“
Er verneigte sich kaum merklich.
„Qyburn.“
Lewyns Gesicht blieb leer. Rodrik kannte den Namen ebenfalls nicht.
Aber der Raum schien kälter zu werden, als hätte der Name selbst Gewicht.
Qyburn murmelte weiter, fast zu sich selbst:
„Ortengryn… Ortengryn… wo habe ich…“
Dann hob er den Blick.
Und sein Lächeln wurde kleiner.
„Ah.“
Lewyns Herz schlug bis in seine Kehle.
„Was?“
Qyburn sah ihn an, als wäre Lewyn plötzlich kein Eindringling mehr.
Sondern ein Fundstück.
„Jetzt erinnere ich mich.“
Lewyn starrte Qyburn an.
„Woran… erinnert Ihr Euch?“
Qyburn antwortete nicht sofort.
Er wirkte plötzlich völlig abwesend – nicht verwirrt, sondern vertieft. Als hätte in seinem Kopf ein altes Regal geknarrt und sich eine vergessene Schublade geöffnet.
Dann drehte er sich ruckartig um.
Er ging zu einem der großen Regale an der Wand, schob mehrere Glasgefäße beiseite und zog ein Buch heraus.
Es war riesig.
Der Ledereinband war rissig, an den Rändern dunkel verfärbt. Die Seiten sahen brüchig und alt aus, manche mit Wachs versiegelt, andere mit kleinen roten Markierungen versehen.
Lewyn hing noch immer an der Wand, von dieser unsichtbaren Kraft gegen den Stein gepresst. Neben ihm rang Rodrik nach Luft, schwitzend, blass, mit zusammengebissenen Zähnen.
Qyburn blätterte.
Langsam zuerst.
Dann schneller.
Seine Augen flogen über die Seiten.
„Ortengryn… Ortengryn…“
Lewyns Kehle wurde trocken.
Dann hielt Qyburn inne.
Er hob den Kopf.
Und lächelte.
„Gruppe eins“, sagte er leise. „V7 und V8.“
Lewyns Herz setzte aus.
Qyburn sah wieder ins Buch.
„Edrik Ortengryn. Marella Ortengryn.“
Der Name seiner Eltern fiel in diesen Raum wie ein Messer.
Lewyn konnte nicht sprechen.
Nicht sofort.
Er spürte nur, wie alles in ihm kalt wurde. Kälter als jeder Wind im Vale. Kälter als der Stein an seinem Rücken.
Qyburn sah ihn an.
„Ihr seid der kleine Junge.“
Lewyn schwieg.
Rodrik drehte mühsam den Kopf zu ihm.
„Lewyn…“
Qyburn klappte das Buch nicht zu. Er hielt es offen, als wäre es ein Familienalbum.
„Bemerkenswert“, murmelte er. „Wirklich bemerkenswert. Eure Eltern waren ausgezeichnete Testsubjekte. Besonders widerstandsfähig. Für die erste Reihe sogar außergewöhnlich.“
Lewyns Augen füllten sich mit Tränen.
„Was habt Ihr gesagt?“
Qyburn sprach weiter, fast begeistert.
„Viele starben nach wenigen Stunden. Manche nach einem Tag. Aber Edrik und Marella… nein. Die hielten lange durch. Sehr lange. Starke Körper. Ruhige Verläufe. Interessante Fieberreaktionen.“
Lewyns Stimme brach.
„Habt Ihr sie getötet?“
Qyburn sah ihn an, als hätte Lewyn eine unpräzise Frage gestellt.
Dann lachte er leise.
„Ich? Nein. Nein, junger Maester. Das war mein erster Virus.“
Lewyns Gesicht verzerrte sich.
„Ihr Monster.“
Qyburn hob die Augenbrauen.
„Ein Monster? Nein. Ein Forscher.“
„Warum?“ Lewyns Stimme wurde lauter, zitternd vor Schmerz. „Warum habt Ihr das getan? Warum habt Ihr sie getötet?! Sie waren Eltern. Sie hatten einen kleinen Jungen. Einen verschüchterten kleinen Jungen, der nichts wollte außer… außer glücklich zu sein!“
Seine Stimme überschlug sich fast.
Rodrik versuchte, sich gegen die unsichtbare Kraft zu stemmen, doch sein Körper war zu schwach. Er hustete wieder, trocken und schmerzhaft.
Qyburn musterte Lewyn mit beinahe mildem Interesse.
„Ihr solltet froh sein.“
Lewyn blinzelte durch Tränen.
„Froh?“
„Ja.“
„Wofür?!“
Qyburn trat näher.
„Dass Ihr lebt.“
Lewyn hörte auf zu atmen.
Qyburns Blick wurde scharf.
„Ihr hättet ebenfalls sterben sollen. Ich mischte den Wirkstoff damals in das Wasser von Whitestone Hollow. Nicht nur euren Eltern. Allen.“
Stille.
Selbst Rodrik schien für einen Moment das Husten zu vergessen.
Lewyns Lippen öffneten sich, aber kein Ton kam heraus.
Qyburn sprach weiter, nun deutlich neugieriger.
„Das Dorf war klein. Abgelegen. Perfekt. Gute Isolation. Kaum Durchreise. Keine schnellen Berichte. Keine Maester, die sich einmischten, bevor die ersten Symptome abgeschlossen waren.“
Er blätterte wieder in dem Buch.
„Und doch… der Junge überlebte.“
Er sah auf.
„Ihr.“
Lewyns Gesicht wurde blass.
„Ich war fünf.“
„Ja“, sagte Qyburn beinahe erfreut. „Und offenbar außergewöhnlich resistent. Ein beeindruckender Körper. Vielleicht eine natürliche Immunität. Vielleicht eine verzögerte Reaktion. Vielleicht etwas in eurer Blutlinie.“
Er legte den Kopf schief.
„Ich würde Euch gern testen. Nur ein paar Versuche. Moderne Stämme. Verbesserte Viren. Es wäre faszinierend zu sehen, wie Euer Körper reagiert.“
Rodrik riss den Kopf hoch.
„Wenn Ihr ihm zu nahe kommt“, keuchte er, „töte ich Euch.“
Qyburn sah zu ihm.
Dann lächelte er mitleidig.
„Ser Rodrik Forrester.“
Er ging ein paar Schritte vor Rodrik auf und ab, als würde er ein krankes Tier betrachten.
„Tapfer. Sehr tapfer. Aber Euer Körper ist leider nicht so interessant.“
Rodrik knurrte.
Qyburn deutete mit zwei Fingern auf die Luft um sie herum.
„Ihr reagiert bereits auf den Raum. Auf die Rückstände. Auf die Dämpfe. Auf die Bindung.“
Er zog eine kleine Grimasse.
„Keine Resistenz. Grobe Muskulatur. Vernünftiges Herz, vermutlich, aber wenig Anpassungsfähigkeit.“
Sein Blick wanderte zu Lewyn.
„Ihr hingegen… Maester Ortengryn… Ihr steht seit Minuten hier und atmet dieselbe Luft wie er. Und Eure Reaktion? Tränen. Wut. Angst. Aber körperlich? Stabil.“
Rodrik hustete so heftig, dass sein Körper gegen die Wand zuckte.
Qyburn sah ihn an.
„Ihr werdet in der nächsten Stunde sterben, wenn Ihr hierbleibt. Vielleicht früher, wenn Ihr Euch weiter so aufregt.“
„Lasst uns gehen!“, schrie Lewyn.
Qyburn blinzelte.
Lewyns Stimme füllte den Raum.
„Lasst uns sofort gehen, oder Jaime Lannister und Lukas Lannister werden Euch töten!“
Qyburn wurde still.
Für den ersten Moment wirkte er wirklich überrascht.
Dann hellte sich sein Gesicht auf.
„Jaime… und Lukas Lannister?“
Lewyn schluckte.
Rodrik sah ihn entsetzt an, aber es war zu spät.
Qyburns Lächeln wuchs.
„Sie sind hier?“
Lewyns Herz hämmerte.
„Warum lacht Ihr?“
Qyburn begann fast zu strahlen.
„Das ist ja… unerwartet erfreulich.“
„Warum?“
Qyburn ging langsam zurück zu einem Tisch und nahm eine kleine Phiole mit violetter Flüssigkeit hoch. Er betrachtete sie gegen das Licht.
„Weil ich nicht damit gerechnet hatte, dass meine Arbeit in Whitestone Hollow mir so wertvolle Besucher bringt.“
Lewyn zog gegen die Kraft an, die ihn hielt.
„Wenn Ihr ihnen etwas antut—“
„Oh, ich nicht“, sagte Qyburn sanft.
Er stellte die Phiole wieder ab.
„Ich bezweifle ohnehin, dass sie es bis zur Septe schaffen.“
Lewyns Blut gefror.
„Was habt Ihr getan?“
Qyburn sah ihn an.
„Projekt Dawn und Projekt Selmy werden sich darum kümmern.“
Rodrik hörte auf zu kämpfen.
Sein Gesicht veränderte sich.
Nicht nur Angst.
Erkennen.
Lewyn sah ihn an.
„Rodrik?“
Rodrik atmete schwer.
„Lennard hat mir davon erzählt.“
Qyburns Augen funkelten.
Rodrik sprach mühsam weiter.
„Am Blue Fork. Lennard… Cengiz… Tyrion… Nina… sie haben gegen Mutationen gekämpft. Gegen Kreaturen von Qyburn.“
Lewyns Blick raste zu Qyburn.
Rodrik schluckte, hustete wieder und fuhr fort:
„Er sagte, manche konnten Menschengestalt annehmen.“
Qyburn trat langsam näher.
Rodrik sah ihn an, angewidert.
„Arthur Dayne. Barristan Selmy.“
Lewyns Atem wurde flach.
„Was?“
Qyburn begann zu klatschen.
Langsam.
Ein einzelnes, trockenes Klatschen, das im Labor widerhallte.
„Ausgezeichnet“, sagte er. „Wirklich ausgezeichnet.“
Er sah Rodrik an, fast bewundernd.
„Einen derart scharfen Schluss hätte ich eher von Maester Ortengryn erwartet. Nicht von einem Ritter.“
Rodrik spuckte beinahe vor Wut.
„Ihr habt sie geklont.“
Qyburn verzog leicht das Gesicht.
„Ein sehr grobes Wort. Nachgebaut? Rekonstruiert? Verbessert? Vielleicht.“
Er ging zu einer Wand mit mehreren verdeckten Tafeln und zog ein Tuch herunter.
Darunter hingen Zeichnungen.
Körperstudien. Schwertstellungen. Skelettstrukturen. Notizen über Muskelgedächtnis. Reflexe. Kampfmuster.
Über einer stand: