Qyburns Labor
PROJEKT DAWN
Über der anderen:
PROJEKT SELMY
Lewyn starrte darauf.
Qyburn sprach fast liebevoll.
„Arthur Dayne und Barristan Selmy waren Legenden. Aber Legenden sind unpraktisch, weil sie sterben.“
Er tippte mit dem Finger auf die Zeichnung.
„Also baute ich etwas, das nicht so leicht stirbt.“
Rodrik presste die Zähne zusammen.
„Jaime und Lukas werden sie zerstören.“
Qyburn sah ihn an.
„Vielleicht.“
Dann lächelte er.
„Oder sie werden genau das tun, wofür sie gemacht wurden.“
Lewyns Augen weiteten sich.
„Was?“
Qyburn trat näher, das violette Zepter in der Hand.
„Sie sind nicht nur Waffen. Sie sind Prüfungen.“
Er sah Lewyn direkt an.
„Und wenn Jaime und Lukas Lannister wirklich so besonders sind, wie man sagt… dann werden wir heute Nacht herausfinden, wie lange sie gegen zwei Tote bestehen können, die nicht wissen, dass sie tot sein sollten.“
Draußen, weit über ihnen, grollte der Donner.
Lewyn riss verzweifelt an der unsichtbaren Kraft.
„Lukas“, flüsterte er.
Dann lauter:
„Lukas!“
Aber seine Stimme starb an den Steinwänden des Labors.
Qyburn lächelte nur.
„Schreit ruhig. Unter Whitestone Hollow hört euch niemand.“
Die Mutationen vor der Septe
Der Weg zur Septe war nur ein schmaler grauer Streifen zwischen den verlassenen Häusern und den dunklen Bäumen, die sich um Whitestone Hollow legten wie knochige Finger.
Papa und ich liefen dicht nebeneinander.
Jeder Schritt knirschte leicht auf dem feuchten Boden, und je näher wir der Septe kamen, desto schwerer wurde die Luft.
Der Himmel hatte sich binnen Minuten verändert.
Wo eben noch dieses trügerische, sonnige Abendlicht gelegen hatte, zogen nun dichte Wolken auf, tief und schwer, und dazwischen hing dieser unnatürlich helle Vollmond. So grell, dass er fast nicht echt wirkte. Sein Licht lag bleich auf den Dächern und auf dem Weg vor uns.
„Gefällt mir gar nicht“, murmelte ich.
Papa sagte erst nichts.
Seine Augen wanderten zur Septe, dann zu den Bäumen links davon.
Dann zog plötzlich dieser Nebel auf.
Nicht wie normaler Nebel, der einfach über den Boden kroch.
Es war mehr wie ein kleiner Strudel aus Weiß, als würde die Luft selbst sich an einer Stelle sammeln und drehen.
Wir blieben beide sofort stehen.
„Papa…“
Er antwortete nicht.
Ich hörte nur irgendwoher, ganz schwach, fast wie aus weiter Ferne, ein Rufen.
„Lukas…“
So leise, dass ich nicht einmal sicher war, ob ich es wirklich gehört hatte.
Ich drehte leicht den Kopf. „Hast du das—“
Weiter kam ich nicht.
Aus dem weißen Nebel trat eine Gestalt.
Langsam.
Schritt für Schritt.
Und allein bei ihrem Anblick wurde mein Magen eiskalt.
Sie sah menschlich aus – irgendwie –, aber nur auf eine falsche, verdorbene Weise. Die Rüstung war weiß, fast bleich im Mondlicht, mit dunklen, alten Blutspritzern überzogen. An manchen Stellen wirkte der Stahl aufgebrochen, als wäre er mit Fleisch verwachsen. Das Gesicht darunter war nicht das eines lebenden Mannes. Die Haut war fahl, grau, an manchen Stellen fast gespannt wie über Knochen gezogen, und die Augen wirkten leer und gleichzeitig unnatürlich wach.
In seiner Hand hielt er ein schwarzes Schwert.
Papa wich einen halben Schritt zurück.
Instinktiv legte er mir eine Hand gegen die Brust und schob mich hinter sich, während seine andere sich sofort an Aurelion schloss.
„Nein…“ flüsterte er. „Das kann nicht sein.“
Ich blinzelte verwirrt zu ihm hoch. „Was ist los?“
Doch in genau dem Moment stolperte ich beim Rückweichen über eine dicke Wurzel und fiel nach hinten.
„Lukas!“ Papa fuhr sofort halb herum.
„Alles okay“, brachte ich hastig heraus, schon dabei mich wieder aufzurappeln.
Aber als ich aufsah, gefror mir das Blut.
Nur wenige Schritte vor mir wallte derselbe Nebel auf.
Und aus ihm trat eine zweite Gestalt.
Gleiche weiße, blutverschmierte Rüstung. Gleiches tote, verzerrte Gesicht. Gleiches schwarze Schwert.
„Papa!“ rief ich sofort.
Er fuhr herum, sah die zweite Kreatur und riss Aurelion aus der Scheide, das goldene Licht der Klinge flammte im Mondschein auf.
„Zieh dein Schwert! Jetzt!“
Ich hatte Argentus schon in der Hand, noch ehe er den Satz beendet hatte.
Die beiden Kreaturen kamen auf uns zu.
Kein Zögern.
Kein Brüllen.
Kein Laut, außer dem dumpfen Klang ihrer Schritte und diesem widerlichen Schaben von Metall.
Dann hoben sie gleichzeitig ihre Schwerter.
Der eine stürzte sich auf mich.
Der andere auf Papa.
Ich riss Argentus hoch – gerade rechtzeitig.
Der Aufprall fuhr mir bis in die Schulter.
„Scheiße—“
Die Kraft dahinter war abartig. Viel zu stark. Nicht menschlich.
Ich taumelte einen Schritt zurück, parierte den nächsten Hieb und sah im Augenwinkel, wie Papa Aurelion gegen den anderen schlug. Goldene und schwarze Klinge kreuzten sich mit einem schrillen, harten Kreischen.
„Nicht zurückweichen!“ rief Papa. „Und bleib in meiner Nähe!“
„Versuch ich ja!“
Meine Kreatur setzte sofort nach.
Und was mich noch mehr schockierte als die Kraft, war die Art, wie sie kämpfte.
Präzise.
Elegant.
Sauber.
Keine wilden Schläge, keine stumpfe Brutalität.
Das war Schwertkunst.
Hohe Schule.
Sie drehte die Klinge, glitt seitlich, kam mit einer fließenden Bewegung wieder auf mich zu. Ich blockte, fing den Stoß nach unten ab und konterte sofort gegen die Seite – doch die Kreatur drehte sich so unglaublich geschmeidig aus dem Treffer, dass meine Klinge nur Metall streifte.
„Papa!“ rief ich, während ich zwei schnelle Hiebe abwehrte. „Das Ding kämpft wie ein Mensch!“
„Ich weiß!“ rief er zurück.
Dann hörte ich ihn scharf einatmen.
„Verdammt…“
Ein weiterer Schlag meiner Kreatur kam von oben. Ich fing ihn ab, ließ die Klinge abrutschen und trat nach vorne, rammte ihr meine Schulter gegen die Brust. Sie wankte zurück, nur einen halben Schritt, mehr nicht.
Nicht einmal ein Laut kam von ihr.
Nicht einmal ein Atemzug.
Ich wich zur Seite aus, mein Herz hämmerte.
Papa hatte inzwischen mit seinem Gegner die Position gewechselt. Er war leicht schräg vor mir, sodass wir fast Rücken an Rücken standen.
Aurelion glühte schwach in seiner Hand.
„Lukas“, sagte er gepresst, während er einen Hieb nach außen lenkte, „hör mir zu.“
„Ja?!“
„Achte auf ihre Bewegungen.“
Ich duckte mich unter einem waagerechten Schlag weg und schlug gleichzeitig gegen die Knie meines Gegners. Metall traf auf Metall, ein Bein knickte leicht ein, aber das Ding fing sich sofort wieder.
„Was meinst du?!“
Papa blockte, drehte das Handgelenk und zwang seinen Gegner kurz nach hinten.
Dann sagte er die Worte, die mir die Kehle zuschnürten.
„Arthur Dayne.“
Mir stockte der Atem.
Meine Kreatur kam wieder auf mich zu und in genau diesem Moment sah ich es.
Diese Haltung.
Diese saubere, fast überirdisch kontrollierte Linienführung.
Dieses tänzelnde, tödliche Nachsetzen.
Papa fing einen weiteren Schlag seines Gegners ab und knurrte:
„Und der andere… Barristan Selmy.“
„Nein“, stieß ich aus, halb voller Unglauben, halb voller Ekel.
Aber tief in mir wusste ich sofort, dass er recht hatte.
Nicht sie.
Nicht wirklich.
Sondern etwas, das aus ihnen gemacht worden war.
Etwas Verdorbenes.
Etwas, das ihre Körper und Kampfstile trug, ohne ihre Seele zu besitzen.
„Qyburn…“ murmelte ich und schluckte trocken.
Die Kreatur vor mir setzte nach, schneller jetzt, als hätte sie gemerkt, dass ich sie verstanden hatte. Zwei Hiebe, dann ein Stoß. Ich parierte den ersten, wurde vom zweiten fast aus der Balance gebracht und konnte dem Stoß nur knapp entgehen, indem ich mich seitlich abrollte.
Ich landete auf einem Knie, riss Argentus hoch – gerade noch rechtzeitig, um das schwarze Schwert über mir zu stoppen.
Der Druck war brutal.
„Lukas!“ Papa machte einen Schritt auf mich zu.
Sein Gegner nutzte den Moment sofort und schlug gegen seine Flanke. Papa fing den Hieb ab, wurde aber dadurch wieder gebunden.
„Ich hab ihn!“ keuchte ich.
Mit einem Ruck drehte ich Argentus zur Seite, ließ die Klinge des Wesens abrutschen und stieß ihm mein Bein gegen den Brustkorb. Es taumelte zwei Schritte zurück.
Ich kam wieder hoch.
Mein Puls raste.
Meine Hände zitterten vor Adrenalin.
Aber gleichzeitig war da plötzlich dieser trotzige Fokus in mir.
Diese kalte Entschlossenheit.
Ich spannte die Finger fester um Argentus.
„Na schön“, murmelte ich. „Dann schauen wir mal, ob du wirklich so gut bist.“
Die Kreatur stürmte erneut los.
Diesmal ging ich ihr entgegen.
Unser Stahl traf sich mit einem hellen Knall. Ich ließ mich nicht mehr nur treiben, sondern setzte selbst nach – eine schnelle Kombination, unten, oben, seitlich –, wie Papa es mir unzählige Male gezeigt hatte. Die Kreatur blockte zwei Schläge, den dritten nicht ganz. Argentus ritzte über ihren Schulterpanzer, und darunter platzte graues, unnatürlich dunkles Gewebe auf.
Aber statt Schmerz oder Zorn kam wieder nur dieses schreckliche Nichts.
Sie kämpfte weiter.
„Die spüren kaum was!“ rief ich.
„Dann mach sie kaputt!“ rief Papa zurück.
Aurelion blitzte golden auf. Papa drehte sich mit einer kraftvollen Bewegung unter einem Schlag seines Gegners hinweg und rammte ihm den Knauf ins Gesicht. Der Kopf der Kreatur ruckte zur Seite, aber sie fing sich sofort wieder.
„Super“, murmelte ich. „Untote Arthur Daynes mit schwarzen Schwertern. Genau mein Abend.“
Papa schnaubte tatsächlich kurz, obwohl er kämpfte.
„Halt die Klappe und konzentrier dich!“
„Mach ich doch!“
Wir wurden langsam zurückgedrängt.
Nicht weit.
Aber Schritt für Schritt.
Immer näher an den Vorplatz der Septe.
Der Wind frischte auf.
Der Nebel kroch tiefer.
Und irgendwo, unter dem Klirren der Klingen und dem Rauschen des Windes, glaubte ich erneut eine Stimme zu hören.
Gedämpft.
Dringend.
Fast verzweifelt.
„Lukas…!“
Ich sah zur Septe.
Nur einen Herzschlag lang.
Aber das reichte.
Meine Kreatur nutzte den Moment und schlug mit einer Drehbewegung nach meiner Seite. Ich riss Argentus hoch, zu spät – die schwarze Klinge streifte mich an der Rippe und ein scharfer Schmerz fuhr durch meinen Körper.
„Ah—!“
„Lukas!“
Papa war sofort halb bei mir, doch sein eigener Gegner setzte genauso gnadenlos nach.
Ich biss die Zähne zusammen, wich zurück und presste die linke Hand kurz an die Seite. Warm. Nass. Nicht tief, aber genug, um zu brennen.
„Nur gestreift“, keuchte ich.
Papa sah mich einen winzigen Moment an.
Sein Blick war voller Sorge und gleichzeitig voller dieser alten, unerbittlichen Schärfe.
„Ab jetzt Rücken an Rücken.“
Ich nickte sofort.
Wir bewegten uns gleichzeitig.
Ein Schritt.
Noch einer.
Bis wir tatsächlich Rücken an Rücken standen, Aurelion rechts von mir, Argentus links, unser Atem schnell, die Klingen erhoben.
Vor uns die beiden schrecklichen Gestalten.
Still.
Wartend.
Fast, als würden sie genießen, dass wir begriffen hatten, gegen wen – oder gegen was – wir hier kämpften.
Papa senkte die Stimme.
„Wenn die wirklich von Qyburn gemacht wurden, dann ist Lewyn in der Septe in verdammter Gefahr.“
„Und Rodrik auch.“
„Ja.“
Ich schluckte und sah meine Kreatur an, die sich langsam wieder in Bewegung setzte.
„Dann müssen wir an ihnen vorbei.“
Papa hob Aurelion leicht an. Die Klinge glühte nun deutlicher.
„Dann töten wir sie.“
Und im nächsten Augenblick stürmten beide Mutationen gleichzeitig wieder auf uns zu.
Der Kampf wurde schlimmer.
Viel schlimmer.
Anfangs hatte ich noch gedacht, dass wir sie irgendwie überwältigen könnten.
Dass sie stark waren.
Schnell.
Gefährlich.
Aber immer noch besiegbar.
Doch je länger wir kämpften, desto mehr wurde mir klar, dass diese Dinger etwas anderes waren.
Etwas Falsches.
Etwas, das niemals hätte existieren dürfen.
Ich duckte mich unter einem Hieb der Barristan-Mutation hinweg und stach mit Argentus nach vorne.
Die Klinge traf.
Ein sauberer Treffer.
Mitten durch die Schulter.
Normale Menschen wären zusammengebrochen.
Dieses Ding nicht.
Es taumelte nur kurz zurück.
Dann kam es sofort wieder.
Schneller als zuvor.
„Verdammt!“ keuchte ich.
Ein Schlag traf meinen Arm.
Nicht tief.
Aber hart genug, dass meine Finger kurz taub wurden.
Ich wich zurück.
Und genau in diesem Moment sah ich Papa.
Die Arthur-Dayne-Mutation hatte ihn zurückgedrängt.
Aurelion und das schwarze Schwert kreischten gegeneinander.
Funken sprühten.
Papa drehte sich seitlich weg und setzte einen perfekten Konter.
Der Treffer saß.
Doch statt nachzusetzen blickte er zu mir.
Nur einen Augenblick.
Nur einen einzigen.
Aber genau dieser Moment genügte.
Die Kreatur nutzte ihn.
Das schwarze Schwert schlug gegen seine Rippen.
Papa knurrte auf.
Taumelte einen Schritt zurück.
„Papa!“
Sofort vergaß ich meinen eigenen Gegner.
Die Barristan-Mutation nutzte das natürlich ebenfalls.
Sie traf mich mit dem Knauf ihres Schwertes gegen die Schulter.
Ein stechender Schmerz schoss durch meinen Körper.
Ich verlor beinahe Argentus.
„Lukas!“
Jetzt war Papa wieder abgelenkt.
Und genau so ging es weiter.
Immer wieder.
Jedes Mal.
Einer von uns achtete auf den anderen.
Und jedes Mal wurden wir dafür bestraft.
Ein Schnitt hier.
Ein Treffer dort.
Eine Prellung.
Ein blutiger Kratzer.
Nichts Tödliches.
Aber genug.
Genug, um uns langsam zu erschöpfen.
Langsam müde zu machen.
Langsam schwächer.
Der Regen wurde stärker.
Der Nebel dichter.
Der Vollmond schien durch die Wolken wie ein riesiges Auge.
Und irgendwann merkte ich, dass ich keuchte.
Nicht vor Angst.
Vor Erschöpfung.
Meine Beine wurden schwer.
Mein Arm brannte.
Meine Rippen schmerzten.
Und trotzdem kämpfte ich weiter.
Für Papa.
Für Lewyn.
Für Rodrik.
Für alle.
Die Barristan-Mutation stieß erneut vor.
Ich blockte.
Sie drehte die Klinge.
Trat nach.
Ich wich aus.
Sie traf mich trotzdem.
Der Schlag erwischte meine Brust.
Ich verlor das Gleichgewicht.
Gleichzeitig hörte ich hinter mir Papas Stimme.
Ein dumpfes Aufkeuchen.
Ein Aufprall.
Dann wurde plötzlich alles gleichzeitig laut.
Und gleichzeitig still.
Ich wurde von meinem Gegner mit voller Wucht zurückgestoßen.
Fiel.
Rollte über den nassen Boden.
Und landete auf dem Rücken.
Direkt neben Papa.
Für einen Moment lagen wir einfach da.
Nebeneinander.
Im Regen.
Keuchend.
Völlig außer Atem.
Ich starrte in den dunklen Himmel.
Spürte den Regen im Gesicht.
Hörte mein eigenes Herz.
„Alles okay?“ fragte Papa schwer atmend.
Ich lachte kurz.
Mehr ein Husten.
„Definiere okay.“
Er musste ebenfalls lachen.
Wenn auch nur kurz.
„Fair.“
Ich drehte den Kopf.
Sah ihn an.
Er war voller Schlamm.
Blut klebte an seiner Stirn.
Sein Atem ging schwer.
Und zum ersten Mal seit Beginn des Kampfes sah ich etwas in seinen Augen, das ich nicht sehen wollte.
Sorge.
Nicht um sich.
Um mich.
„Lukas.“
„Ja?“
„Wenn das schiefgeht—“
„Nein.“
Sofort.
Ohne nachzudenken.
„Nein.“
Er sah mich an.
Ich schüttelte den Kopf.
„Nicht heute.“
Er lächelte schwach.
Und genau in diesem Moment bemerkten wir beide dieselbe Bewegung.
Gleichzeitig.
Die Mutationen.
Sie kamen.
Langsam.
Gezielt.
Ohne Hast.
Wie Henker.
Die Arthur-Dayne-Mutation hob ihr Schwert über Papa.
Die Barristan-Mutation über mich.
Für einen einzigen Herzschlag blieb alles stehen.
Dann handelten wir.
Gleichzeitig.
Perfekt gleichzeitig.
Ich sah Papas Gegner.
Papa sah meinen.
Und ohne ein Wort zu wechseln wussten wir beide genau, was der andere tun würde.
Wir rollten uns zur Seite.
Sprangen hoch.
Und statt unseren eigenen Gegner zu blocken, liefen wir aneinander vorbei.
Alles geschah in einem einzigen fließenden Augenblick.
Aurelion schoss an mir vorbei.
Argentus an Papa.
Ich fing die Klinge ab, die auf ihn niederging.
Papa fing die Klinge ab, die mich getroffen hätte.
Zwei gewaltige Aufpralle.
Zwei Lichtblitze.
Zwei erschütterte Mutationen.
Dann stießen wir beide gleichzeitig nach vorne.
Die Kreaturen wurden zurückgeworfen.
Taumelten mehrere Schritte zurück.
Und plötzlich...
...wurde alles still.
Nicht wirklich still.
Der Regen fiel noch immer.
Der Wind wehte.
Der Nebel bewegte sich.
Aber etwas hatte sich verändert.
Ich spürte es sofort.
Nicht um mich herum.
In mir.
Argentus vibrierte leicht in meiner Hand.
Nur ganz schwach.
Als würde das Schwert plötzlich leben.
Nicht heiß.
Nicht gefährlich.
Vertraut.
Fast...
...beruhigend.
Ich blickte verwirrt auf die Klinge.
Die goldenen Linien im silbernen Stahl leuchteten.
Ganz leicht.
Fast wie ein Herzschlag.
Ein Puls.
Langsam.
Ruhig.
Bewusst.
Und als ich aufsah, sah ich Aurelion.
Papas Schwert leuchtete ebenfalls.
Die silbernen Adern darin antworteten.
Als würden beide Schwerter miteinander sprechen.
Als würden sie sich erkennen.
Zwischen den Klingen entstand kein sichtbarer Strahl.
Noch nicht.
Aber etwas verband sie.
Etwas Unsichtbares.
Etwas, das ich nicht erklären konnte.
Und gleichzeitig verschwanden viele Dinge.
Die Angst.
Der Zweifel.
Die Erschöpfung.
Nicht vollständig.
Aber genug.
Genug, dass ich plötzlich wusste:
Papa lebt.
Papa steht.
Papa kämpft.
Und solange das so blieb, würde ich nicht fallen.
Ich blickte zu ihm.
Er blickte zu mir.
Wir sagten nichts.
Mussten wir nicht.
Seine Augen wurden größer.
Meine vermutlich auch.
Wir beide wussten genau, dass gerade etwas passiert war.
Etwas, auf das wir unser ganzes Leben hingearbeitet hatten.
Etwas, von dem wir immer gehofft hatten, dass es existiert.
Die beiden Mutationen richteten sich wieder auf.
Langsam.
Unnatürlich.
Gefährlich.
Aber zum ersten Mal seit Beginn des Kampfes hatte ich keine Angst mehr vor ihnen.
Ich hob Argentus.
Papa hob Aurelion.
Der Regen prasselte auf unsere Schultern.
Der Vollmond leuchtete über Whitestone Hollow.
Und irgendwo tief in mir hatte ich das Gefühl, dass wir diesen Kampf jetzt nicht mehr allein führten.
Wir standen Schulter an Schulter.
Und warteten.
Die Mutationen stürmten erneut los.
Doch diesmal fühlte es sich anders an.
Qyburns Angebot
Lewyn riss an der unsichtbaren Kraft, die ihn gegen die Steinwand presste.
Einmal.
Zweimal.
Immer wieder.
Seine Schultern brannten. Sein Rücken schmerzte. Seine Finger zuckten, als könnte er irgendwo Halt finden, irgendeine Kante, irgendetwas, woran er sich lösen konnte.
Aber da war nichts.
Nur Druck.
Kalte, violette Macht, die ihn an Ort und Stelle hielt.
Neben ihm wurde Rodriks Atem immer schwerer.
Nicht mehr nur Husten.
Es klang, als würde jeder Atemzug durch einen zu engen Gang gezwungen.
„Rodrik“, presste Lewyn hervor. „Sieh mich an.“
Rodrik hob mühsam den Kopf.
Sein Gesicht war aschfahl. Schweiß stand auf seiner Stirn, obwohl der Raum warm war.
„Nicht tief atmen“, sagte Lewyn schnell. „Kurze Atemzüge. Durch die Nase. Nicht dagegen kämpfen. Hörst du? Nicht dagegen kämpfen.“
Rodrik nickte kaum sichtbar.
Lewyn versuchte seine Stimme ruhig zu halten, obwohl in ihm alles schrie.
„Zähl mit mir. Vier kurze Atemzüge. Dann halten. Dann ausatmen. Langsam.“
Rodrik versuchte es.
Ein Atemzug.
Noch einer.
Dann verzog er das Gesicht vor Schmerz.
Qyburn beobachtete es mit leicht geneigtem Kopf.
Fast neugierig.
„Bemerkenswert“, sagte er. „Ihr versucht, ihn über Atmung zu stabilisieren.“
Lewyn funkelte ihn an.
„Haltet den Mund.“
Qyburn lächelte dünn.
„Das wird ihn nicht retten.“
Lewyn ignorierte ihn.
„Rodrik. Bei mir bleiben.“
Rodrik schloss kurz die Augen.
„Bin… hier.“
„Gut. Nochmal.“
Qyburn schlenderte an einem Tisch entlang, nahm eine kleine Phiole mit schwarzer Flüssigkeit hoch und betrachtete sie gegen das violette Licht seines Zepters.
„Ich frage mich, womit ich bei Euch beginnen sollte, Lewyn Ortengryn.“
Lewyns Blick schoss zu ihm.
Qyburn klang, als würde er über Kräuter in einer Suppe nachdenken.
„Ein einfacher Belastungstest wäre naheliegend. Eine Injektion des zweiten Stammes, um zu sehen, ob Eure Resistenz nur gegen die frühe Variante wirkt.“ Er stellte die Phiole ab und nahm eine andere, grünlich schimmernde. „Oder Blutvergleich. Knochenmark wäre interessanter. Schmerzhaft, ja, aber deutlich aussagekräftiger.“
Er ging weiter.
„Dann wären da noch Reaktionstests auf die Dämpfe im Raum. Temperaturwechsel. Schlafentzug. Wundheilung nach Gewebeschnitt. Vielleicht eine kontrollierte Infektion über die Schleimhaut.“
Lewyn wurde schlecht.
„Ihr seid krank.“
„Nein“, sagte Qyburn fast freundlich. „Ich bin geduldig.“
Rodrik hob schwer den Kopf.
„Du… fasst ihn nicht an.“
Qyburns Blick glitt zu ihm.
Für einen Moment verschwand jedes Lächeln.
„Ser Rodrik“, sagte er leise. „Ihr seid in keiner Position, Bedingungen zu stellen.“
Rodrik presste die Zähne zusammen.
„Ich schwör dir…“
Qyburn hob das Zepter.
Die violette Spitze pulsierte stärker.
„Still.“
Ein einziges Wort.
Dann richtete er das Zepter direkt auf Rodriks Brust.
Das Licht schlug nicht wie ein Blitz ein. Es kroch eher. Wie ein unsichtbarer Griff, der sich um seine Rippen legte und zudrückte.
Rodrik stöhnte auf.
Nicht laut.
Aber so tief und schmerzhaft, dass Lewyn sofort den Kopf herumriss.
„Nein! Aufhören!“
Rodrik keuchte. Sein ganzer Körper spannte sich gegen die Wand, die Augen weit, die Lippen geöffnet, als bekäme er keine Luft.
„Aufhören!“, schrie Lewyn. „Ihr bringt ihn um!“
Qyburn senkte das Zepter nur ein kleines Stück.
Rodrik sackte nicht zusammen, weil die Kraft ihn noch immer hielt, aber sein Kopf fiel zur Seite. Sein Atem ging jetzt noch flacher.
Lewyns Stimme brach.
„Rodrik? Rodrik, hörst du mich?“
Rodrik blinzelte schwach.
Qyburn trat wieder vor Lewyn.
„Eure Wahl wird sehr einfach sein.“
Lewyn atmete hektisch.
„Welche Wahl?“
„Ihr könnt zusehen, wie er stirbt“, sagte Qyburn ruhig. „Oder Ihr gebt Euch mir hin.“
Lewyn starrte ihn an.
Qyburn sprach weiter, ganz sachlich.
„Ich bin der Einzige in diesem Raum, der ihn stabilisieren kann. Der Einzige, der weiß, welche Dämpfe er eingeatmet hat. Welche Bindung seinen Körper angreift. Welche Gegenmischung nötig wäre.“
Lewyn schluckte hart.
Rodrik flüsterte heiser:
„Nicht…“
Lewyn sah zu ihm.
„Rodrik—“
„Nicht tun.“
Lewyns Augen füllten sich wieder mit Tränen.
„Du stirbst.“
Rodrik schaffte ein schwaches, schiefes Lächeln.
„Dann… stirb ich… nicht als Grund… dass du dich ihm gibst.“
Lewyns Gesicht verzog sich.
„Halt den Mund.“
„Maesterbefehl?“
Trotz allem brach ein fast lautloses Lachen aus Lewyn heraus, mehr Schmerz als Humor.
Dann zwang er sich, wieder klar zu werden.
„Rodrik“, flüsterte er schnell. „Hör mir zu. Versuch nicht, tief einzuatmen. Lass den Schmerz durch die Schultern laufen, nicht durch die Brust. Entspann den Kiefer. Wenn du dagegen anspannst, drückt es stärker.“
Rodrik folgte ihm.
Langsam.
Mühsam.
Sein Atem blieb schwer, aber das Würgen ließ minimal nach.
Lewyn bemerkte es sofort.
Qyburn auch.
Der alte Maester trat näher.
„Interessant.“
Lewyn verstummte.
Qyburn sah Rodrik an, dann Lewyn.
„Ihr habt ihn gerade verbessert.“
Lewyn sagte nichts.
„Nicht gerettet“, murmelte Qyburn. „Aber verbessert. Durch bloße Beobachtung und Anweisung.“
Er kam noch näher, bis er direkt vor Lewyn stand.
„Ihr seid wirklich gut.“
Lewyn spuckte ihm beinahe ins Gesicht.
„Lasst ihn gehen.“
Qyburn hob eine Hand, als würde er ein unvernünftiges Kind beruhigen.
„Ich biete Euch etwas Besseres an.“
Lewyns Augen verengten sich.
„Nichts von Euch ist besser.“
Qyburn lächelte.
„Schließt Euch mir an.“
Der Raum schien stiller zu werden.
Rodrik hob schwach den Kopf.
„Lewyn… nein.“
Qyburn ignorierte ihn.
„Ihr habt Verstand. Ausbildung. Instinkt. Und, was noch wichtiger ist: eine biologische Besonderheit, die ich seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen habe.“
Er trat einen halben Schritt zurück und öffnete die Arme leicht.
„Ich würde Euch nicht verschwenden.“
Lewyn lachte bitter.
„Wie großzügig.“
„Ich meine es ernst“, sagte Qyburn. „Ihr müsst Euch nicht wie ein Gefangener verhalten. Ihr könnt lernen. Beobachten. Verstehen. Ihr könnt mir helfen, Fehler zu vermeiden.“
„Fehler?“ Lewyns Stimme bebte. „Ihr habt mein Dorf vergiftet.“
Qyburns Blick blieb ruhig.
„Und doch steht Ihr hier. Vielleicht war es kein Fehler. Vielleicht war es der Beginn von etwas.“
Lewyn zog erneut gegen die unsichtbare Kraft an.
„Ihr widerlicher—“
Qyburn hob nur leicht das Zepter.
Lewyn verstummte nicht, aber der Druck an seiner Brust wurde stärker. Er keuchte.
„Ich verlange vorerst wenig“, sagte Qyburn. „Nur eine kleine Probe. Ein wenig Blut. Eine Injektion mit Eurem eigenen Blut, gebunden an meine Trägerflüssigkeit, um zu sehen, wie stabil Eure Resistenz unter magischer Verstärkung bleibt.“
Lewyns Augen weiteten sich.
„Ihr wollt mein Blut benutzen.“
„Nur ein wenig.“
„Für Eure Mutationen.“
Qyburn lächelte.
„Für Fortschritt.“
Rodrik hustete wieder, diesmal schwächer.
Lewyn fuhr sofort herum.
„Rodrik.“
Qyburn senkte die Stimme.
„Ich könnte ihm helfen. Jetzt.“
Lewyns Blick flackerte.
Qyburn bemerkte es.
Natürlich bemerkte er es.
„Ein kleiner Schnitt“, sagte er sanft. „Ein wenig Blut. Keine Folter. Keine unnötigen Schmerzen. Und ich stabilisiere Ser Rodrik lange genug, damit er lebt.“
Lewyn atmete schnell.
Rodrik flüsterte kaum hörbar:
„Tu es nicht.“
Lewyn sah ihn an.
Rodrik war blass. Viel zu blass. Seine Lippen hatten Farbe verloren. Seine Augen waren noch wach, aber der Fokus darin begann zu verschwimmen.
Lewyns Herz zerriss.
Qyburn trat näher und hielt eine schmale silberne Nadel hoch.
„Ihr wollt ihn retten“, sagte er leise. „Das ist keine Schwäche. Es ist nur eine Frage, wie viel Ihr bereit seid, dafür zu geben.“
Lewyn schloss die Augen.
Für einen Moment sah er nicht das Labor.
Er sah Whitestone Hollow im Morgenlicht.
Das Haus seiner Eltern.
Die Septe.
Ser Quill in seiner Hand.
Und Rodrik, der gesagt hatte: Brüder lässt man nicht allein.
Als Lewyn die Augen wieder öffnete, waren sie nass.
Aber klar.
„Wenn ich es tue“, flüsterte er, „lasst Ihr ihn leben.“
Qyburns Lächeln kehrte zurück.
„Ich stabilisiere ihn.“
„Nein.“ Lewyns Stimme wurde schärfer. „Ihr lasst ihn leben.“
Qyburn betrachtete ihn einen Moment.
Dann neigte er leicht den Kopf.
„Für den Anfang.“
Rodrik versuchte, den Kopf zu schütteln.
„Lewyn…“
Lewyn sah ihn an und zwang sich zu einem Lächeln, das keines war.
„Ich bin Maester“, flüsterte er. „Ich rette Patienten, auch wenn sie dumm genug sind, mir zu widersprechen.“
Rodriks Augen wurden feucht.
Qyburn hob die Nadel.
„Sehr vernünftig.“
Und während draußen über Whitestone Hollow der Regen losbrach, begann Qyburn langsam auf Lewyn zuzugehen.
Cor Unum
Ich sah auf Argentus.
Für einen Moment vergaß ich sogar den Regen.
Die silberne Klinge war nicht mehr nur silbern. Die goldenen Linien darin pulsierten. Nicht wie Feuer. Nicht wie Magie, die zerstören wollte.
Eher wie ein Herzschlag.
Warm.
Lebendig.
Dann sah ich zu Papa.
Aurelion lag in seiner Hand, und auch sein Schwert hatte sich verändert. Der goldene Stahl wirkte heller, tiefer, beinahe flüssig, und die silbernen Adern darin leuchteten im selben Rhythmus wie Argentus.
Einmal.
Zweimal.
Gleichzeitig.
Zwischen unseren Klingen spannte sich etwas Unsichtbares auf.
Ich konnte es nicht sehen.
Aber ich fühlte es.
Papa fühlte es auch.
Ich merkte es an seinem Blick.
Keine Verwirrung mehr. Keine Frage.
Nur dieses stille Begreifen.
Er nickte mir zu.
Ich nickte zurück.
Und dann griffen sie wieder an.
Die Mutationen kamen gleichzeitig aus dem Nebel. Arthur Dayne auf Papa, Barristan Selmy auf mich. Ihre schwarzen Schwerter rissen dunkle Bahnen durch den Regen.
Aber diesmal war etwas anders.
Ich hob Argentus.
Und noch bevor Barristans Klinge mich erreichte, wusste ich, wo sie sein würde.
Nicht weil ich schneller dachte.
Sondern weil ich Papa spürte.
Seinen Stand.
Seinen Atem.
Sein Gewicht auf dem linken Fuß.
Seinen nächsten Schritt.
Es war, als würde mein Körper endlich verstehen, was mein Herz längst wusste: Wir kämpften nicht nebeneinander.
Wir kämpften als eins.
Ich blockte Barristans Hieb und trat gleichzeitig seitlich aus, genau in dem Moment, in dem Papa mit Aurelion nach innen ging. Sein Gegner wollte ihn binden, doch mein Schritt zwang Barristan in seine Linie zurück – und Papa nutzte die Lücke sofort.
Aurelion krachte gegen die Schulter der Arthur-Dayne-Mutation.
Graues Fleisch riss auf. Schwarze Flüssigkeit spritzte in den Regen.
Die Kreatur wankte.
Ich spürte Papas Entschlossenheit wie Wärme in meiner Brust.
Und er spürte meine.
Denn als Barristan sofort nachsetzte und auf meine verletzte Seite zielte, war Papa schon da.
Nicht spät.
Nicht knapp.
Perfekt.
Aurelion fing den Schlag ab, und Argentus schoss unter seiner Klinge hindurch.
Ich traf Barristan am Bauch.
Diesmal tiefer.
Das Ding taumelte zurück.
Zum ersten Mal wirkte es nicht mehr unaufhaltsam.
Ich atmete schwer, aber anders als vorher. Die Erschöpfung war noch da. Der Schmerz auch. Meine Rippe brannte, mein Arm pochte, Blut klebte unter meiner Kleidung.
Aber über all dem lag dieses gold-silberne Ziehen.
Wie eine Linie zwischen mir und Papa.
Nicht kontrollierend.
Nicht fremd.
Sondern vertraut.
Als hätte jemand unser Vertrauen genommen und daraus eine Waffe geschmiedet.
„Spürst du das?“ rief ich durch den Regen.
Papa wich einem Hieb aus, drehte sich und stand plötzlich Rücken an Rücken mit mir.
„Ja.“
Mehr sagte er nicht.
Mehr musste er nicht sagen.
Die Mutationen griffen wieder an.
Wir bewegten uns gleichzeitig.
Papa duckte sich. Ich hob die Klinge. Ich trat vor. Er trat zurück. Ich parierte. Er konterte. Er zwang Arthur nach links, ich zwang Barristan nach rechts, dann kreuzten wir unsere Wege so eng, dass unsere Schultern sich fast berührten.
Aurelion und Argentus blitzten auf.
Gold und Silber.
Silber und Gold.
Für einen Herzschlag sah ich zwischen den Klingen eine feine Lichtlinie. Keine grelle Flamme, kein Strahl, sondern etwas Dünnes, Reines, fast wie ein Faden aus Morgenlicht.
Sie spannte sich zwischen unseren Schwertern, wenn wir im selben Rhythmus schlugen.
Und jedes Mal, wenn sie erschien, wurden die Mutationen langsamer.
Nicht viel.
Aber genug.
Barristan setzte zu einer perfekten Kombination an – schnell, sauber, tödlich.
Früher hätte mich das überfordert.
Jetzt nicht.
Ich wusste, dass Papa rechts von mir eine Öffnung hatte. Also zog ich Barristan genau dorthin. Ich ließ ihn glauben, er dränge mich zurück, während ich ihn in Papas Reichweite brachte.
Papa verstand es ohne Blick.
Aurelion schnitt seitlich durch Barristans Unterarm.
Das schwarze Schwert sank einen Moment.
Ich trat sofort hinein und rammte Argentus gegen seine Brustplatte.
Er wurde zurückgeworfen.
Gleichzeitig nutzte Arthur die Lücke und griff Papa von oben an.
Aber ich war schon unterwegs.
Ich riss Argentus hoch und blockte den Schlag über Papas Schulter hinweg, während Papa sich darunter wegdrehte und Arthur mit dem Knauf von Aurelion gegen den Hals traf.
Die Kreatur stieß keinen Laut aus.
Aber sie stolperte.
Papa sah mich kurz an.
Da war ein Lächeln in seinem Gesicht.
Nicht breit.
Nicht überheblich.
Eher dieses wilde, ungläubige Lächeln von jemandem, der gerade merkt, dass etwas Unmögliches funktioniert.
„Du bist schneller geworden“, sagte er.
„Du auch.“
„Ich war immer schnell.“
„Natürlich.“
Dann kamen sie wieder.
Und diesmal dominierten wir.
Nicht weil sie schwach waren.
Sie waren immer noch grausam stark. Immer noch präzise. Immer noch erschaffen aus den Schatten zweier Legenden.
Aber sie konnten nicht verstehen, was zwischen uns geschah.
Sie konnten nicht lesen, was keine Technik war.
Keine Taktik.
Keine Formation.
Sie konnten nicht begreifen, dass Papa und ich uns bewegten, bevor der andere überhaupt sprach. Dass wir einander vertrauten, ohne zu prüfen. Dass jeder Schlag des einen den nächsten des anderen öffnete.
Barristan griff meinen Kopf an.
Ich duckte mich.
Papa schlug über mich hinweg.
Arthur wollte Papa in dem Moment durchbohren.
Ich drehte mich aus der Hocke und fing die Klinge ab.
Papa stieß Arthur zurück.
Ich stürmte auf Barristan.
Argentus sang in meiner Hand.
Ja, wirklich.
Nicht laut. Nicht hörbar wie Musik.
Aber ich spürte es im Griff. In der goldenen Hand. In meinen Knochen.
Eine Schwingung.
Ein Ruf.
Papa war neben mir.
Aurelion antwortete.
Die Lichtlinie zwischen unseren Schwertern flackerte erneut auf – diesmal heller.
Wir trieben die Mutationen zurück.
Schritt für Schritt.
Weg von der Septe.
Dann wieder auf sie zu.
Der Kampf wurde enger, schneller, härter.
Aber wir wurden nicht chaotisch.
Im Gegenteil.
Je mehr sie drückten, desto klarer wurde alles.
Ich sah Barristans Schulter zucken, bevor er stach.
Ich spürte Papas Atem, bevor er auswich.
Ich wusste, wann er Raum brauchte.
Er wusste, wann ich nachsetzen wollte.
Dann kam der Moment.
Nicht angekündigt.
Nicht geplant.
Aber wir erkannten ihn beide.
Arthur und Barristan griffen gleichzeitig an – einer hoch, einer tief, beide aus verschiedenen Winkeln, beide tödlich.
Früher hätte uns das getrennt.
Jetzt war es ihr Fehler.
Papa drehte sich nach innen.
Ich nach außen.
Unsere Klingen kreuzten sich für einen winzigen Moment in der Luft.
Goldenes Licht.
Silbernes Licht.
Ein Herzschlag.
Dann trennten wir uns.
Papa ging auf Arthur.
Ich auf Barristan.
Die Zeit fühlte sich plötzlich langsamer an.
Barristan hob sein schwarzes Schwert zu einem letzten, geraden Stoß.
Ich sah alles.
Die Linie.
Die Öffnung.
Das Nichts in seinen Augen.
Ich dachte an Lewyn.
An Rodrik.
An Sansa.
An Papa neben mir.
Und ich wusste, dass ich nicht fallen durfte.
Argentus glitt an seiner Klinge entlang, lenkte sie nach außen, und ich trat mit ganzer Kraft hinein.
Meine goldene Hand schloss sich fester um den Griff.
Die Klinge fuhr durch die Brust der Mutation.
Nicht nur Metall.
Nicht nur Fleisch.
Etwas in ihr brach.
Ein silber-goldenes Licht breitete sich von Argentus aus, durch die Risse in ihrer Rüstung, durch die grauen Adern ihres Körpers.
Gleichzeitig hörte ich Papas Schrei.
Nicht aus Schmerz.
Aus Kraft.
Aurelion durchstieß Arthur Daynes Mutation im selben Moment.
Für einen Augenblick standen beide Kreaturen still.
Barristan vor mir.
Arthur vor Papa.
Die schwarzen Schwerter sanken.
Dann brachen Risse durch ihre Körper.
Erst klein.
Dann überall.
Grauer Staub rieselte aus den Rüstungen.
Das violette Glimmen in ihren Augen erlosch.
Barristans Mutation zerfiel direkt vor mir.
Nicht wie ein Körper, der fällt.
Sondern wie etwas, das nie hätte zusammengehalten werden dürfen.
Staub.
Asche.
Dunkle Splitter.
Die Rüstung schlug leer auf den Boden.
Neben mir geschah dasselbe mit Arthur.
Ein letzter Hauch von Nebel löste sich aus der weißen Rüstung, wurde vom Regen erfasst und verschwand.
Dann war es vorbei.
Für einen Moment standen Papa und ich einfach da.
Regennass.
Blutig.
Keuchend.
Die Schwerter noch erhoben.
Argentus und Aurelion leuchteten langsam schwächer, aber der Puls war noch da.
Ich sah zu Papa.
Er sah zu mir.
Wir wussten beide, was gerade passiert war.
Und wir wussten beide, dass wir es später verstehen würden.
Nicht jetzt.
Jetzt blieb keine Zeit.
Denn aus der Septe kam plötzlich ein Schrei.
Laut.
Verzweifelt.
Lewyn.
Mein Blut wurde kalt.
„Lewyn!“
Papa riss Aurelion hoch.
„Los!“
Wir rannten.
Ohne unsere Wunden zu prüfen.
Ohne Luft zu holen.
Ohne zu überlegen.
Ich spürte jeden Schmerz in meinem Körper, aber er war egal. Meine Rippe brannte, mein Bein zitterte, mein Atem kratzte in der Brust.
Aber Papa rannte neben mir.
Und ich rannte neben ihm.
Durch den Regen.
Durch den Nebel.
Direkt zur Septe.
Die Tür stand offen.
Rodriks Opfer
Qyburn kam langsam auf Lewyn zu.
In seiner Hand hielt er nicht mehr nur das Zepter.
Mit der anderen zog er etwas von einem der Tische.
Einen Helm.
Nicht wie ein Kampfhelm. Nicht wie etwas, das ein Ritter tragen würde.
Es war eine grausame Vorrichtung aus dunklem Metall, innen mit feinen, langen Nadeln versehen. Kleine Röhrchen führten von den Nadeln zu einem Glasbehälter an der Rückseite, in dem eine violett-schwarze Flüssigkeit langsam hin und her schwappte.
Lewyns Blick blieb daran hängen.
Sein Magen verkrampfte sich.
Qyburn sah fast stolz darauf hinab.
„Ich denke, wir beginnen mit einer stärkeren Variante des Ursprungsvirus“, sagte er ruhig. „Direkt über die Kopfhaut.“
Lewyns Atem stockte.
„Was…?“
„Die Nadeln durchdringen die oberen Schichten“, erklärte Qyburn sachlich. „Mit etwas Glück erreicht ein Teil der Lösung die Hirnhaut. Direkter. Reiner. Weniger Verlust durch Verdauung oder Blutfilterung.“
Er hob den Helm ein Stück an und betrachtete Lewyns Kopf.
„Sehr vorbildlich übrigens. Kurzes Haar. Das erspart uns Unordnung.“
Lewyn starrte auf die Nadeln.
Sie waren zu lang.
Viel zu lang.
Er wusste genug über Schädel, Gewebe, Infektionen, Blutungen, Druck im Kopf. Er wusste, was passieren konnte, wenn auch nur eine dieser Nadeln falsch eindrang.
Das war kein Test.
Das war ein Todesurteil, verkleidet als Experiment.
Rodrik hing noch immer neben ihm an der Wand. Sein Atem ging flach. Sein Gesicht war grau vor Schmerz, doch seine Augen waren offen.
Sie waren auf Lewyn gerichtet.
Lewyn schluckte.
„Bitte“, sagte er heiser.
Qyburn hielt inne.
„Bitte?“
Lewyn sah nicht zu Qyburn. Er sah zu Rodrik.
„Lasst mich ihm etwas sagen.“
Qyburns Augen flackerten kurz amüsiert.
„Ein Abschied? Wie rührend.“
Lewyns Kiefer spannte sich.
„Bitte.“
Qyburn neigte leicht den Kopf.
„Kurz.“
Der Druck an Lewyns Brust ließ gerade genug nach, dass er den Kopf frei drehen konnte. Nicht mehr. Seine Arme blieben an die Wand gepresst. Sein Körper blieb gefangen.
Aber er konnte Rodrik ansehen.
Und für einen Moment gab es Qyburn nicht mehr.
Nicht das Labor.
Nicht die Nadeln.
Nicht den Tod.
Nur Rodrik.
Rodrik, der damals in den ersten Tagen ihrer Reise nie gefragt hatte, warum Lewyn nachts so schlecht schlief. Rodrik, der ihn einfach neben das Feuer gesetzt hatte. Rodrik, der seine trockenen Kommentare verstand, auch wenn Lewyn sie benutzte, um sich hinter ihnen zu verstecken. Rodrik, der mit ihm nach Whitestone Hollow gegangen war, obwohl er nichts davon hatte. Rodrik, der gesagt hatte: Brüder lässt man nicht allein.
Lewyns Augen füllten sich.
„Du hast mir mehr gegeben, als du weißt“, sagte er leise.
Rodrik blinzelte langsam.
„Lewyn…“
„Nein. Lass mich.“
Rodrik verstummte.
Lewyns Stimme zitterte, aber sie blieb klar.
„Ich habe so lange gedacht, dass ich nur aus dem bestehe, was mir genommen wurde. Meine Eltern. Mein Zuhause. Dieses Dorf. Ich dachte, wenn ich ruhig genug bin, nützlich genug, klug genug, dann merkt niemand, wie viel Angst ich eigentlich habe.“
Er lachte leise, gebrochen.
„Und dann kamst du. Mit deinem Forrester-Sturschädel. Mit dieser Art, mich anzusehen, als wäre ich nicht nur irgendein Maester, sondern… jemand.“
Rodriks Gesicht verzog sich vor Schmerz und Gefühl zugleich.
Lewyn schluckte.
„Du hast mir das Gefühl gegeben, dass ich nicht allein bin. Dass Familie nicht nur Blut ist. Dass ein Mensch, der alles verloren hat, trotzdem wieder jemanden haben kann.“
Eine Träne lief über seine Wange.
„Wenn ich für dich sterbe, dann ist das nicht sinnlos. Dann sterbe ich nicht für Qyburn. Nicht für seine Versuche. Nicht für dieses verfluchte Dorf.“
Er sah Rodrik direkt in die Augen.
„Dann sterbe ich für meinen Bruder.“
Rodriks Lippen bebten.
Lewyn versuchte zu lächeln.
„Und ich hab dich lieb. Mehr, als ich je ordentlich sagen konnte. Mehr, als ich wahrscheinlich je in einem normalen Gespräch gesagt hätte, weil ich dafür zu feige war.“
Rodrik atmete flach, aber sein Blick war voller Wärme.
„Du… bist nicht feige.“
Lewyn lächelte durch Tränen.
„Doch. Aber du hast es erträglich gemacht.“
Qyburn seufzte leise.
„Sehr bewegend. Wirklich. Doch wir sollten beginnen.“
Er trat näher.
Der Helm schwebte vor Lewyns Gesicht, dunkel, kalt, voller Nadeln.
Lewyn sah Rodrik noch einmal an.
Rodrik sah zurück.
Voller Liebe.
Voller Verzweiflung.
Voller Abschied.
Dann setzte Qyburn den Helm an.
Die ersten Nadelspitzen berührten Lewyns Kopfhaut.
Ein scharfer Schmerz.
Dann ein weiterer.
Lewyn biss die Zähne zusammen, aber ein erstickter Laut entkam ihm, als die Spitzen sich in die Haut bohrten.
Warm lief Blut über seine Schläfe.
Qyburn murmelte zufrieden:
„Ruhig. Sehr gut. Nur noch ein Stück—“
Dann geschah es.
Rodrik schrie nicht.
Er brüllte auch nicht.
Er riss sich einfach los.
Mit einer Kraft, die aus keinem gesunden Körper mehr hätte kommen dürfen.
Die violette Bindung um ihn flackerte. Vielleicht hatte Qyburn sich zu sehr auf Lewyn konzentriert. Vielleicht hatte Rodriks Wille einfach einen letzten unmöglichen Weg gefunden.
Rodrik fiel von der Wand.
Landete hart auf den Knien.
Und sprintete.
„Nein—“ begann Qyburn.
Zu spät.
Rodrik rammte ihn mit voller Wucht.
Der Helm wurde Lewyn vom Kopf gerissen und flog klirrend zur Seite. Einige Nadeln ritzten ihm beim Wegreißen über die Kopfhaut; Blut lief sofort stärker in sein Gesicht.
Qyburn krachte zu Boden.
Rodrik war auf ihm.
Nicht wie ein geschwächter Mann.
Wie ein Bruder.
Wie ein Schild.
Wie jemand, der beschlossen hatte, dass sein letzter Atemzug nicht fürs Sterben, sondern fürs Retten da war.
Er schlug Qyburn einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Qyburns Kopf ruckte zur Seite. Blut spritzte über den Steinboden. Das Zepter schlitterte weg, doch nicht weit genug.
Rodrik packte ihn am Kragen und schleuderte ihn gegen einen der Tische. Glas zersprang. Phiolen platzten. Violette Flüssigkeit lief über den Boden.
Lewyn hing noch immer an der Wand, halb befreit, halb gehalten, Blut im Gesicht.
„Rodrik!“
Rodrik drehte sich nicht um.
Er taumelte, keuchte, aber er hob die Faust erneut.
Zum finalen Schlag.
Qyburns Finger fanden das Zepter.
Nur knapp.
Aber genug.
Er hob es vom Boden und riss es seitlich.
„Abicio.“
Ein violetter Stoß traf Rodrik.
Sein Körper wurde nach hinten geschleudert.
Er krachte mit furchtbarer Wucht gegen die Steinwand.
Der Aufprall hallte durch das ganze Labor.
„Rodrik!“ schrie Lewyn.
In genau diesem Moment hörten wir die Schritte.
Meine Schritte.
Papas Schritte.
Wir stürmten die Treppe hinunter.
Ich sah nur Fetzen.
Das Labor. Das violette Licht. Lewyn blutend an der Wand. Rodrik am Boden. Qyburn mit dem Zepter in der Hand.
„Lewyn!“ rief ich.
Qyburn drehte sich zu uns.
Und zum ersten Mal sah ich echten Schock in seinem Gesicht.
Nicht Neugier.
Nicht Überheblichkeit.
Schock.
„Nein“, hauchte er.
Papa hob Aurelion.
Ich hob Argentus.
Beide Schwerter leuchteten noch schwach.
Qyburns Augen flackerten zu den Klingen.
Dann schlug er sein Zepter dreimal hart auf den Boden.
Tock. Tock. Tock.
Violettes Licht riss um ihn herum auf.
„Qyburn!“ brüllte Papa.
Doch der alte Maester verzog sich in einem Kreis aus flackernder Dunkelheit und violettem Nebel. Für einen winzigen Moment sah ich noch sein verzerrtes Gesicht.
Dann war er weg.
Die Kraft, die Lewyn an der Wand gehalten hatte, brach zusammen.
Er fiel nach vorne, fing sich kaum und rannte sofort zu Rodrik.
„Rodrik!“
Papa und ich liefen hinterher.
Rodrik lag am Boden, halb gegen die Wand gesunken. Blut lief aus seinem Mundwinkel. Sein Brustkorb hob und senkte sich schwer, viel zu langsam.
Lewyn fiel neben ihm auf die Knie.
„Nein, nein, nein…“
Er nahm sofort Rodriks Hand in seine. Mit der anderen fasste er ihm an die Schulter, als könnte er ihn allein dadurch hierhalten.
„Sieh mich an“, sagte Lewyn hektisch. „Rodrik, sieh mich an.“
Rodrik öffnete mühsam die Augen.
Er lächelte.
Schwach.
Aber echt.
Lewyns Stimme überschlug sich fast.
„Es wird gut. Du wirst nicht sterben. Hörst du? Ich finde ein Mittel. Ich finde heraus, was in diesem Raum war. Ich kann deine Atmung stabilisieren. Ich kann— ich kann etwas tun.“
Rodriks Finger schlossen sich fester um Lewyns Hand.
„Lewyn…“
„Nein.“ Lewyn schüttelte den Kopf. „Nein, nicht so. Du bleibst hier. Wir kriegen das hin. Wir haben schlimmere Dinge geschafft. Wir gehen zum Eyrie. Wir sehen Lennard. Und danach… danach gehen wir irgendwohin, wo es warm ist, und du beschwerst dich über mein Essen und ich tue so, als wäre ich beleidigt.“
Rodrik lachte einmal.
Es war gequält.
Und voller Blut.
„Du kennst mich doch.“
Lewyn erstarrte.
„Was soll das heißen?“
Rodrik sah ihn an.
Seine Augen waren müde, aber weich.
„Du wirst… ein gutes Leben leben.“
Lewyn schüttelte sofort den Kopf.
„Nein.“
„Doch.“
„Rodrik, hör auf.“
Rodriks Griff wurde schwächer, aber er hielt Lewyn weiter fest.
„Du hast es verdient.“
Lewyn beugte sich näher zu ihm, die Tränen tropften auf Rodriks Hand.
„Bitte.“
Rodriks Blick wanderte kurz zu Papa und mir.
Ich stand ganz eng bei Papa.
Ohne nachzudenken drückte ich mich an ihn. Seine Hand legte sich sofort auf meinen Rücken, fest, schützend, aber ich merkte, dass auch er kaum atmete.
Rodrik sah zurück zu Lewyn.
Und dann sagte er, leise, aber klar genug, dass wir es alle hörten:
„Ich liebe dich, mein Bruder.“
Lewyns Gesicht brach.
Rodrik lächelte schwach.
„Die Welt ist… viel besser… als du denkst.“
Lewyn presste seine Stirn fast gegen Rodriks Hand.
„Nein. Nein, bitte. Rodrik, bitte nicht.“
Rodrik atmete noch einmal tief ein.
Es war ein langer Atemzug.
Zitternd.
Schwer.
Dann ließ er ihn los.
Und danach kam keiner mehr.
Lewyn blieb vollkommen still.
Für einen Moment bewegte sich niemand.
Kein Wort.
Kein Atem.
Nur das leise Tropfen von Flüssigkeit irgendwo im Labor.
Dann kam aus Lewyn ein Laut, den ich nie wieder vergessen würde.
Kein Schrei wie aus Wut.
Kein Schluchzen wie aus Trauer.
Etwas dazwischen.
Etwas Zerrissenes.
Er beugte sich über Rodrik, hielt seine Hand fest an die Brust gedrückt und flüsterte immer wieder:
„Nein… nein… nein…“
Papa zog mich stärker an sich.
Ich konnte nichts sagen.
Ich sah nur Rodrik.
Den Mann, der Lewyn begleitet hatte.
Den Mann, der ihn nicht allein ließ.
Den Mann, der ihn rettete.
Und ich wusste in diesem Moment:
Whitestone Hollow hatte Lewyn nicht nur seine Vergangenheit zurückgegeben.
Es hatte ihm gerade auch seinen Bruder genommen.
Flucht aus Whitestone Hollow
Lewyn wollte nicht aufstehen.
Er kniete neben Rodrik, hielt noch immer seine Hand, als könnte er ihn dadurch zurückholen. Seine Stirn lag fast auf Rodriks Brust, und seine Schultern bebten so stark, dass ich selbst kaum hinsehen konnte.
Papa ging langsam neben ihm in die Hocke.
„Lewyn“, sagte er leise.
Keine Reaktion.
„Lewyn, wir müssen—“
„Nein.“
Das Wort kam sofort. Hart. Gebrochen.
Lewyn hob den Kopf nicht.
„Nein. Ich lasse ihn nicht hier.“
Ich schluckte und sah zu Papa.
Papa sah genauso hilflos aus, wie ich mich fühlte. Nicht schwach. Nicht überfordert im Kampf. Aber bei so etwas… bei einem Menschen, der gerade alles verloren hatte… da gab es kein Schwert, das half.
„Wir lassen ihn nicht zurück“, sagte Papa ruhig. „Aber wir müssen hier raus.“
Lewyn schüttelte nur den Kopf. Seine Finger umklammerten Rodriks Hand fester.
„Er ist wegen mir hierher gekommen.“
„Er ist mit dir gekommen“, sagte ich vorsichtig. „Nicht wegen dir.“
Lewyns Gesicht verzog sich.
„Das ist dasselbe.“
„Nein“, sagte ich leise. „Ist es nicht.“
Er sah mich zum ersten Mal an.
Seine Augen waren rot. Leer und gleichzeitig voller Schmerz.
„Er hat mich gerettet.“
Ich nickte.
„Ja.“
Mehr konnte ich nicht sagen.
Weil es wahr war.
Rodrik hatte Lewyn gerettet.
Und es hatte ihn alles gekostet.
Papa legte Lewyn vorsichtig eine Hand auf die Schulter.
„Wir bringen ihn hier raus. Aber du musst aufstehen.“
Lewyn schloss die Augen, als würde allein dieser Satz ihn zerreißen.
Ich wollte gerade noch etwas sagen, doch plötzlich merkte ich es.
Meine Brust wurde eng.
Nicht wie Panik.
Eher, als hätte die Luft selbst Gewicht bekommen.
Ich hustete einmal, hielt mir die Hand vor den Mund und sah mich um.
„Papa…“
Er sah sofort zu mir.
„Was ist?“
„Es ist hier drin… ziemlich stickig.“
Kaum hatte ich es gesagt, sah ich, wie sich auch sein Gesicht veränderte. Er atmete einmal tiefer ein, dann verzog er leicht die Stirn.
„Ja“, sagte er. „Bei mir auch.“
Lewyn riss den Kopf hoch.
Für einen Moment war die Trauer noch da – natürlich war sie da –, aber darunter erschien etwas anderes.
Maester.
Instinkt.
Panik, aber klar.
„Raus“, sagte er sofort.
Papa sah ihn an. „Was?“
Lewyn stand wankend auf.
„Sofort raus. Die Luft hier unten ist nicht gut. Die Dämpfe… Qyburn hat es gesagt. Rückstände. Bindung. Sporen. Rodrik hat—“
Er brach mitten im Satz ab.
Sein Blick fiel wieder auf Rodrik.
Die Worte starben ihm im Hals.
Dann ging er langsam in die Knie, nahm Rodriks Hand noch einmal in beide Hände und drückte sie fest.
Ein letzter Händedruck.
So fest, dass seine Knöchel weiß wurden.
Dann beugte er sich vor und küsste Rodrik auf die Stirn.
„Ich komme wieder“, flüsterte er. „Ich lasse dich nicht hier. Ich schwöre es.“
Er blieb noch einen Herzschlag bei ihm.
Dann drehte er sich zu uns.
Und jetzt war in seinem Gesicht etwas, das mir fast noch mehr Angst machte als seine Tränen.
Entschlossenheit.
„Los.“
Wir gehorchten.
Nicht weil wir mussten.
Sondern weil Lewyn plötzlich der Einzige im Raum war, der wusste, was uns sonst drohte.
Papa packte mich am Arm, ich griff nach Lewyns Ärmel, und gemeinsam hasteten wir zur Treppe. Jeder Atemzug kratzte jetzt. Meine Lunge fühlte sich an, als würde ich durch feuchte Asche atmen.
Wir stolperten nach oben, durch die Luke hinter dem Altar, hinaus aus der Septe.
Draußen schlug uns Regen entgegen.
Kalt.
Hart.
Aber sauberer.
Ich sog die Luft ein und hustete trotzdem.
Lewyn sah sich nicht einmal richtig um.
„Wir müssen den Ort verlassen.“
„Jetzt?“ fragte Papa.
Lewyn nickte heftig.
„Sofort. Nicht erst morgen. Nicht nach einer Pause. Dieses Dorf ist… falsch. Qyburn hat hier etwas gebaut. Etwas um den Ort herum. Ich weiß nicht was, aber wir müssen raus.“
Wir liefen.
Durch den Regen.
Durch den Nebel.
Weg von der Septe.
Weg von Lewyns Haus.
Weg von Whitestone Hollow.
Ich war erschöpft. Mein Körper war wund vom Kampf, meine Rippe brannte, meine Beine fühlten sich an, als wären sie aus Blei. Papa ging es nicht besser, aber er hielt mich immer wieder am Rücken, wenn ich ins Stolpern kam.
Je näher wir der Ortsgrenze kamen, desto schlimmer wurde es.
Zuerst mein Kopf.
Ein dumpfer Druck hinter den Augen.
Dann ein Hämmern.
Dann Schwindel.
„Papa…“
„Ich weiß“, keuchte er. „Bei mir auch.“
Lewyn drehte sich panisch zu uns um.
„Weiter! Nur noch ein Stück!“
Die letzten Häuser zogen an uns vorbei.
Der Weg lag vor uns.
Die Grenze des Dorfes war nicht markiert, nicht wirklich – nur der Punkt, an dem die weißen Steine endeten und der Wald begann.
Aber ich spürte sie.
Als wir sie überquerten, traf es mich wie eine Welle.
Mir wurde schwarz vor Augen.
Ich griff nach Papa.
Papa griff nach mir.
Wir versuchten beide, stehen zu bleiben, uns gegenseitig zu halten, aber es funktionierte nicht. Alles kippte. Der Regen, der Wald, Lewyns Stimme.
„Lukas! Jaime!“
Ich hörte ihn noch.
Ganz weit weg.
Dann fiel ich.
Und alles wurde dunkel.
Spuren im Wald
Als ich wieder zu mir kam, war das Erste, was ich spürte, Kälte.
Nicht die böse, stechende Kälte von Whitestone Hollow.
Eher feuchte Waldkälte.
Normale Kälte.
Ich blinzelte.
Über mir waren Äste. Dunkelgrüne Nadeln. Ein grauer Himmel.
Dann beugte sich Papa über mich.
Sein Gesicht war blass, erschöpft und an mehreren Stellen verbunden. Aber als er sah, dass meine Augen offen waren, brach Erleichterung über ihn wie Licht.
„Lukas.“
Ich wollte antworten, aber meine Kehle war trocken.
Lewyn tauchte neben ihm auf. Auch er sah furchtbar aus. Blut klebte noch in seinem Haar, seine Kopfhaut war verbunden, sein Gesicht leer vor Erschöpfung. Aber seine Hände waren ruhig, als er mir einen Becher an die Lippen hielt.
„Trink.“
Ich trank langsam.
Das Wasser war kalt.
Gut.
Echt.
„Was… ist passiert?“ krächzte ich.
Papa atmete aus.
„Du warst ein paar Stunden weg.“
„Ihr beide“, sagte Lewyn leise. „Ihr beide wart bewusstlos.“
Ich sah zu Papa.
„Du auch?“
Er nickte.
„Leider.“
Lewyn setzte sich schwer zurück.
„Ich habe euch aus dem Regen gezogen. So gut ich konnte. Eure Wunden versorgt. Deine Rippe ist nur oberflächlich verletzt, aber du hast viel abbekommen. Jaime auch.“
Er schluckte.
Sein Blick wanderte kurz in Richtung des Dorfes.
„Es war nicht nur die Luft im Labor.“
Ich folgte seinem Blick.
Whitestone Hollow lag etwas entfernt hinter uns.
Aber es sah… falsch aus.
Manchmal war es einfach da. Die weißen Häuser. Die Septe. Der Dorfplatz.
Und dann flackerte es.
Nur für einen Augenblick.
Als würde das Dorf selbst nicht ganz sicher sein, ob es in dieser Welt bleiben wollte.
Ich richtete mich langsam auf.
„Was ist das?“
Lewyn schüttelte den Kopf.
„Eine Art Kraftfeld. Oder Schleier. Vielleicht eine Mischung aus alchemistischer Täuschung und Magie. Es muss um das Dorf gelegen haben. Innerhalb davon hat es Wetter, Wahrnehmung, vielleicht sogar Zeit beeinflusst.“
Papa rieb sich mit Daumen und Zeigefinger über die Augen.
„Deshalb die Kopfschmerzen an der Grenze.“
Lewyn nickte.
„Und deshalb seid ihr beim Verlassen zusammengebrochen. Euer Körper hat gegen irgendetwas angekämpft, das abrupt verschwunden ist.“
Ich sah ihn an.
Seine Stimme war ruhig.
Zu ruhig.
Als würde er sprechen müssen, weil er sonst zerbrechen würde.
„Und Rodrik?“ fragte ich leise.
Lewyns Gesicht veränderte sich kaum.
Aber seine Augen taten es.
„Noch dort.“
Die Worte lagen zwischen uns.
Schwerer als Stein.
Papa legte eine Hand auf Lewyns Schulter.
Lewyn ließ es zu.
Aber er sah weiter nach vorne.
„Wir holen ihn“, sagte er. „Nicht jetzt. Nicht so. Aber wir holen ihn.“
Ich nickte.
„Ja.“
Wir warteten noch eine Weile.
Nicht aus Ruhe.
Weil unsere Körper keine andere Wahl ließen.
Lewyn zwang Papa und mich, noch mehr Wasser zu trinken. Er prüfte meine Pupillen, meine Wunde, Papas Atmung, seine Rippen. Seine Hände zitterten erst, als er fertig war.
Dann standen wir langsam auf.
Der Pfad Richtung Eyrie lag vor uns.
Eigentlich hätten wir direkt weitergehen sollen.
Eigentlich.
Doch nach vielleicht zwanzig Schritten sah ich etwas zwischen den Bäumen.
Violett.
Nur ganz schwach.
Ich blieb stehen.
„Wartet.“
Papa drehte sich sofort um.
„Was?“
Ich ging auf die Stelle zu. Zielgerichtet. Trotz der Schmerzen.
Zwischen Moos und nassen Wurzeln lagen kleine violette Fragmente. Wie Splitter von Glas, aber weicher. Daneben schimmerte etwas wie Staub.
Sporen.
Und dann sah ich Blut.
Nicht viel.
Eine dünne Spur. Dunkel. Fast schwarz im Regen.
Mein Puls beschleunigte sich.
„Qyburn.“
Lewyn kam neben mich. Seine Augen wurden sofort schärfer.
„Das könnte vom Zepter sein.“
Papa kniete sich hin, betrachtete die Spur.
„Und das Blut?“
Ich sah in die Richtung, in die sie führte.
Tiefe Waldschatten.
„Vielleicht hat Rodrik ihn verletzt.“
Lewyns Gesicht zuckte.
„Dann ist er nicht unverletzt entkommen.“
Ich machte schon einen Schritt in die Richtung.
„Wir können ihn verfolgen.“
Papa stand auf.
„Lukas—“
„Das ist eine Spur, Papa.“
„Ich sehe es.“
„Er ist verletzt. Vielleicht langsam.“
Lewyns Blick brannte vor Schmerz und Wut.
„Wenn wir ihn finden—“
In genau diesem Moment bebte die Luft.
Ein Brüllen riss durch den Himmel.
So laut, so tief, dass mein Körper instinktiv erstarrte.
Die Bäume um uns zitterten.
Vögel stoben schreiend davon.
Ein Schatten glitt über uns hinweg.
Groß.
Viel zu groß.
Wir sahen alle gleichzeitig nach oben.
Und da war er.
Ein Drache.
Rast am Bach
Wir kamen nicht weit.
Nicht einmal annähernd so weit, wie ich gehofft hatte.
Am Anfang liefen wir noch schnell, fast getrieben von dem Gedanken an den Drachen und daran, dass Stannis, Davos, Lennard und Paul irgendwo vor uns lagen.
Doch nach vielleicht einer halben Stunde wurde jeder Schritt schwerer.
Meine Beine fühlten sich an, als hätte jemand Blei daran befestigt. Meine Rippen brannten bei jedem tieferen Atemzug und selbst Papa, der normalerweise selbst verletzt noch so tat, als wäre gar nichts, wurde merklich langsamer.
Lewyn sagte gar nichts mehr.
Er lief einfach.
Schritt für Schritt.
Irgendwann stolperte er beinahe über einen Stein und fing sich gerade noch an einem Baumstamm ab.
Papa hob sofort eine Hand.
„Stopp.“
Lewyn schüttelte den Kopf. „Wir müssen zum Eyrie.“
„Wir kommen dort nicht an, wenn wir vorher umfallen“, sagte Papa.
Ich wollte widersprechen.
Dann musste ich mich selbst gegen einen Felsen lehnen und nach Luft schnappen.
„Okay“, brachte ich hervor. „Vielleicht… ganz kurz.“
Ein kleiner Bach verlief neben dem Weg, geschützt zwischen niedrigen Felsen und dichtem Gebüsch. Das Wasser war klar, und die Stelle lag so tief zwischen den Hängen, dass man uns vom eigentlichen Pfad kaum sehen konnte.
Wir setzten uns hin.
Lewyn wollte noch etwas sagen.
„Ich halte Wache.“
Dann setzte er sich mit dem Rücken an einen Stein.
Keine zwei Minuten später schlief er.
Einfach weg.
Sein Kopf sank zur Seite, die Hände lagen noch auf seinem Mantel, und sein Gesicht wirkte selbst im Schlaf angespannt.
Papa und ich sahen ihn an.
„Gute Wache“, murmelte ich.
Papa schnaubte müde.
„Die beste.“
Direkt neben dem Bach entdeckten wir einen kleinen Felsvorsprung, unter dem der Boden trocken war. Fast wie eine natürliche Nische.
„Da drüben ist besser“, sagte Papa.
Wir weckten Lewyn vorsichtig.
Er öffnete die Augen nur halb.
„Was?“
„Fünf Schritte“, sagte ich. „Dann darfst du wieder sterben.“
„Schlafen“, korrigierte Papa.
Lewyn erhob sich taumelnd, ließ sich von uns unter den Vorsprung führen und rollte sich dort in seinen Mantel.
Kaum lag er, schlief er wieder.
Diesmal wirklich tief.
Papa und ich setzten uns ein Stück davor.
Und dann machten wir eigentlich… gar nichts.
Wir starrten einfach ins Nichts.
Der Bach plätscherte.
Der Wind bewegte die Äste über uns.
Irgendwo weit entfernt rief ein Vogel.
Ich sah auf meine Hände.
Blut. Erde. Kleine Schnitte.
Dann zu Papa.
„Wie schlimm ist es bei dir eigentlich?“
Er sah an sich hinunter.
Seine Kleidung war an mehreren Stellen eingerissen, und Lewyn hatte einige Wunden notdürftig verbunden.
„Sieht schlimmer aus, als es ist.“
„Das sagst du immer.“
„Weil es fast immer stimmt.“
Er hob einen Arm etwas an und verzog kurz das Gesicht.
„Ein paar Schnitte. Prellungen. Die Seite tut weh. Nichts, was mich umbringt.“
Dann musterte er mich.
„Bei dir ähnlich.“
Ich nickte.
„Die Rippe nervt. Schulter auch.“
Papa beugte sich leicht zu mir und sah noch einmal auf den Verband.
„Lewyn hat gute Arbeit gemacht.“
Sein Blick wanderte kurz zu unserem schlafenden Freund.
Die Stimmung wurde sofort schwerer.
„Ja“, murmelte ich.
Eine Weile sagten wir nichts.
Dann fragte Papa:
„Und sonst?“
Ich sah ihn an.
„Was meinst du?“
„Wie fühlst du dich?“
Ich lachte leise.
„Wie jemand, der gegen Barristan Selmy gekämpft hat.“
„Eine Mutation von Barristan Selmy.“
„Macht meine Geschichte weniger beeindruckend.“
„Ein bisschen.“
Ich stieß ihn leicht mit der Schulter an.
Dann wurde ich wieder ernster.
„Dieses Ding mit den Schwertern…“
Papa sah mich sofort an.
Ich brauchte nicht zu erklären, was ich meinte.
„Cor Unum“, sagte er leise.
Allein der Name ließ mich wieder daran denken.
Dieses Gefühl.
Argentus in meiner Hand.
Aurelion neben mir.
Und plötzlich keine Grenze mehr zwischen meinem Kampf und seinem.
„Das war…“, begann ich.
Ich fand kein Wort.
Papa lächelte schwach.
„Ja.“
„Ich konnte dich spüren.“
Er nickte.
„Ich dich auch.“
Ich sah auf Argentus, das neben mir im Gras lag. Die goldenen Linien waren jetzt wieder ruhig.
„Nicht nur sehen, was du machst. Es war, als hätte ich gewusst, was du gleich machst.“
„Genau.“
Papa blickte auf Aurelion.
„Ich wusste, wann du ausweichst. Wann du angreifst. Wann du meine Hilfe brauchst.“
Ich grinste leicht.
„Manchmal wusste ich sogar, dass du etwas Dummes machen willst, bevor du es gemacht hast.“
Er sah mich an.
„Das ist keine Magie. Das ist Erfahrung.“
Ich musste lachen.
Dann legte sich wieder Ruhe über uns.
Ich dachte an den Moment zurück, als wir am Boden gelegen hatten.
An die Schwerter über uns.
Daran, wie wir beide nicht uns selbst gerettet hatten.
Sondern den anderen.
„Ich hatte Angst“, sagte ich schließlich.
Papa antwortete sofort.
„Ich auch.“
Das überraschte mich trotzdem.
Ich sah ihn an.
Er wirkte vollkommen ernst.
„Als ich gesehen habe, wie das Ding auf dich losging…“ Er schüttelte leicht den Kopf. „Ich hab für einen Moment wirklich gedacht, ich bin zu spät.“
Ich schluckte.
„Ich dachte dasselbe bei dir.“
Papa sah mich eine Weile an.
Dann wurde sein Gesicht weich.
„Und dann hast du mich gerettet.“
„Du mich auch.“
„Genau deshalb hat es funktioniert.“
Er nahm meine Schulter und zog mich etwas näher.
„Und ich will, dass du eines weißt.“
Ich sah ihn an.
„Ich bin unfassbar stolz auf dich.“
Die Worte trafen mich stärker als jeder Schwerthieb an diesem Tag.
Papa sprach ruhig weiter.
„Nicht nur weil du gut gekämpft hast. Das hast du. Verdammt gut sogar.“
Ich grinste ein wenig.
„Aber du hast nicht einmal gezögert, als du dachtest, ich wäre in Gefahr. Und trotzdem hast du deinen Kopf behalten.“
Er drückte meine Schulter.
„Du warst heute nicht mein Sohn, der versucht, mit mir mitzuhalten.“
Seine Augen wurden ein bisschen feucht.
„Du warst der Mann, dem ich mein Leben anvertrauen würde.“
Ich musste wegsehen.
„Papa…“
„Ist so.“
Ich atmete langsam aus.
„Du warst auch ziemlich krass.“
Er lachte.
„Ziemlich?“
„Okay. Sehr.“
„Besser.“
Ich lehnte mich gegen ihn.
„Ich bin auch stolz auf dich.“
Er schaute gespielt überrascht zu mir.
„Du bist stolz auf deinen alten Vater?“
„Manchmal.“
„Das erzähl ich Joren.“
„Dann streite ich alles ab.“
Er lachte und legte seinen Arm um mich.
Wir saßen einfach so da.
Nach allem, was passiert war, fühlte sich das beinahe absurd friedlich an.
Dann hörten wir irgendwo weit entfernt wieder ein dumpfes Geräusch.
Kein Drachenbrüllen.
Nur Donner.
Ich sah in Richtung Himmel.
„Was denkst du über den Drachen?“
Papa wurde sofort ernster.
„Ich weiß es nicht.“
„Ich glaube nicht, dass der von Qyburn ist.“
„Warum?“
Ich zog die Knie etwas näher an mich.
„Es würde doch viel mehr Sinn machen, wenn ein Drache zu einem Targaryen gehört.“
Papa dachte darüber nach.
„Daenerys.“
„Oder Cengiz.“
Er nickte langsam.
„Dass Cengiz inzwischen einen Drachen hat, wäre ehrlich gesagt nicht einmal mehr das Verrückteste, was passiert ist.“
Ich schmunzelte.
„Und wenn er von ihnen ist…“
„Dann hoffe ich, dass er zum Eyrie fliegt, weil dort Hilfe gebraucht wird.“
„Du vertraust Cengiz?“
Papa antwortete ohne Zögern.
„Ja.“
Ich sah ihn überrascht an.
Er bemerkte es.
„Was?“
„Nichts.“
„Lukas.“
Ich grinste.
„Du hättest das früher niemals so schnell gesagt.“
Papa seufzte.
„Früher war ich auch dümmer.“
„Das sagst du.“
„Und Cengiz hat bewiesen, wer er ist. Mehrmals.“
Er blickte in Richtung der Berge.
„Wenn dieser Drache ihm gehört, dann glaube ich nicht, dass er ihn irgendwohin schickt, um Unschuldige zu verbrennen.“
Das beruhigte mich.
Zumindest ein wenig.
Wieder entstand Stille.
Der Wind wurde etwas stärker.
Ich fröstelte.
Papa bemerkte es sofort, zog seinen Mantel aus und legte ihn so um uns beide, dass wir Schulter an Schulter darunter saßen.
„Besser?“
„Ja.“
„Gut.“
Und dann war da dieser Gedanke.
Dieser eine Gedanke, der seit Tarth in meinem Kopf saß.
Sansa.
Winterfell.
Der Götterhain.
Ich hatte mir die ganze Zeit gesagt: Später.
Auf dem Boot.
Im Gasthaus.
In Whitestone Hollow.
Immer später.
Jetzt saß ich neben Papa.
Allein.
Und plötzlich wusste ich, dass genau jetzt der richtige Moment war.
Nur war mein Mund anderer Meinung.
„Papa?“
„Hm?“
„Ich muss dir… also… ich wollte dir noch was sagen.“
Er drehte sich zu mir.
„Okay.“
Ich schwieg.
„Was?“
„Nichts Schlimmes.“
„Das macht es gerade verdächtig.“
„Es ist wirklich nichts Schlimmes.“
Er hob die Augenbrauen.
Ich kratzte mit dem Stiefel etwas Erde vom Boden.
„Du darfst es aber niemandem erzählen.“
Jetzt wurde sein Blick sofort neugierig.
„Nicht mal Tyrion?“
„Vor allem nicht Tyrion.“
„Dann ist es ernst.“
Ich atmete tief ein.
„Sansa und ich haben geredet.“
Papa sagte nichts.
Ich merkte sofort, wie er aufmerksamer wurde.
„Auf Tarth“, fuhr ich fort. „Nach dem Brief von Cengiz und Daenerys.“
„Mhm.“
„Und sie hat so davon geschwärmt, dass die beiden vielleicht geheiratet haben und dass Daenerys vielleicht schwanger ist und…“
Papa begann bereits leicht zu lächeln.
„Und?“
„Und dann hat sie angefangen darüber zu reden, wie sie sich ihre eigene Hochzeit vorstellt.“
Sein Lächeln wurde größer.
Ich wurde nervöser.
„Und ich hab ihr gesagt, dass… dass heiraten vielleicht langsam wirklich an der Zeit wäre.“
Papa bewegte sich plötzlich überhaupt nicht mehr.
Ich sah ihn vorsichtig an.
„Wir wollen heiraten.“
Seine Augen wurden sofort groß.
Ich redete schnell weiter, weil ich plötzlich das Gefühl hatte, mich erklären zu müssen.
„Also nicht morgen oder so. Wir wollten erst nach Dragonstone und dann… wenn alles geklärt ist… würden wir gerne nach Winterfell.“
Papa sagte immer noch nichts.
„Sansa hat immer davon geträumt, im Götterhain zu heiraten. Mit leichtem Schnee. Und wir würden natürlich alle einladen und—“
„Lukas.“
Ich stoppte.
Seine Stimme klang seltsam.
Fast brüchig.
Ich sah ihn an.
Seine Augen waren feucht.
Richtig feucht.
„Was?“
Er starrte mich ein paar Sekunden an, als müsste er überprüfen, ob ich das gerade wirklich gesagt hatte.
„Du willst Sansa heiraten?“
Ich nickte.
Langsam.
„Ja.“
Sein Gesicht veränderte sich.
Er lächelte.
Nicht dieses spöttische Jaime-Grinsen.
Nicht sein stolzes Ritterlächeln.
Etwas vollkommen anderes.
So weich, dass ich es fast nicht gewohnt war.
„Komm her.“
Noch bevor ich reagieren konnte, zog er mich an sich.
Fest.
Richtig fest.
Ich lachte überrascht.
„Papa—“
„Lass mich.“
Also ließ ich ihn.
Seine Hand lag hinten an meinem Kopf, die andere fest um meinen Rücken, und ich spürte, wie er einmal tief einatmete.
„Du hast keine Ahnung, wie lange ich darauf gewartet habe.“
Ich musste lachen.
„Sansa meinte, du würdest ausrasten.“
„Sie kennt mich offenbar besser als du.“
Er löste sich ein kleines Stück von mir, hielt mich aber an den Schultern fest.
Seine Augen glänzten.
„Natürlich ist das für mich okay.“
„Ja?“
„Lukas.“
Er schüttelte ungläubig den Kopf.
„Es ist dein Leben. Deine Entscheidung. Du brauchst meine Erlaubnis nicht.“
Dann lächelte er wieder.
„Aber wenn du wissen willst, ob ich glücklich darüber bin…“
Er lachte leise.
„Ich könnte gerade das ganze Vale anschreien.“
Ich grinste.
„Bitte nicht. Wir wollten es geheim halten.“
„Dann schreie ich innerlich.“
„Danke.“
Sein Blick wurde wieder weicher.
„Sansa liebt dich.“
Ich nickte.
„Ich weiß.“
„Und du liebst sie.“
„Mehr als alles.“
Papa zog mich noch einmal näher.
„Dann heirate sie.“
Ich schluckte.
Er sprach jetzt viel leiser.
„Heirate sie in Winterfell. Im Götterhain. Im Schnee. Wenn das ihr Traum ist und du dort mit ihr stehen willst, dann gibt es keinen besseren Ort.“
Ich merkte selbst, wie meine Augen feucht wurden.
Papa sah mich an und lächelte.
„Und weißt du, was das Schönste daran ist?“
„Was?“
„Nach allem, was wir erlebt haben… all den Kriegen, all dem Blut, all den Menschen, die versucht haben, unser Leben für uns zu bestimmen…“
Er drückte meine Schulter.
„Du entscheidest dich für etwas, weil du glücklich sein willst.“
Ich sagte nichts.
Konnte ich auch irgendwie nicht.
„Nicht wegen eines Hauses“, fuhr er fort. „Nicht wegen Politik. Nicht wegen eines Namens.“
Er sah mir direkt in die Augen.
„Sondern weil du jemanden liebst.“
Jetzt lief mir wirklich eine Träne über die Wange.
Papa wischte sie sofort mit dem Daumen weg.
„Darauf bin ich vielleicht stolzer als auf jeden Kampf, den du jemals gewonnen hast.“
Ich lachte leise durch die Tränen.
„Du wirst bei der Hochzeit heulen.“
„Nein.“
„Doch.“
„Absolut nicht.“
„Du heulst jetzt schon.“
Er wischte sich schnell über ein Auge.
„Wind.“
Ich blickte demonstrativ unter seinen Mantel.
„Natürlich.“
„Halt die Klappe.“
Ich lachte, und er zog mich wieder an sich.
Diesmal blieb ich einfach dort.
Dann sagte er leise:
„Ich werde da sein.“
Ich schloss die Augen.
„Ich weiß.“
„Ganz vorne.“
„Natürlich.“
„Und wenn ich dich zu diesem Baum gehen sehe…“
Er stockte kurz.
Ich merkte, wie er schlucken musste.
„Dann werde ich daran denken, wie klein du einmal warst.“
Mein Herz zog sich zusammen.
Seine Hand strich einmal durch meine Haare.
„Und wie unfassbar dankbar ich bin, dass ich erleben darf, wie mein Sohn seine eigene Familie gründet.“
Ich drückte mich fester an ihn.
„Ich liebe dich, Papa.“
Er küsste mich kurz oben auf den Kopf.
„Ich liebe dich auch, mein Junge.“
Eine Weile saßen wir einfach da.
Unter seinem Mantel.
Neben dem kleinen Bach.
Verletzt, erschöpft und irgendwo im Vale verloren.
Irgendwann bewegte sich Lewyn neben uns.
Ich hob verschlafen den Kopf und sah, wie er sich langsam aufrichtete. Sein Gesicht war noch immer furchtbar müde, die Augen gerötet, aber zumindest wirkte er wieder etwas klarer.
„Wie lange hab ich geschlafen?“, murmelte er.
Papa sah kurz zum Himmel.
„Ein paar Stunden.“
Lewyn rieb sich über das Gesicht und blickte zu uns beiden.
„Dann legt ihr euch hin.“
„Lewyn—“, begann ich.
„Nein.“ Seine Stimme war ruhig, aber bestimmt. „Ich bin wach. Ihr habt beide mehr abbekommen als ich. Ich halte Wache.“
Papa wollte ebenfalls widersprechen, doch Lewyn hob nur eine Hand.
„Bitte.“
Da sagte keiner von uns mehr etwas.
Papa und ich legten uns unter dem geschützten Felsvorsprung hin. Ich rückte automatisch wieder etwas näher zu ihm, zog die Decke über mich und hörte noch, wie Lewyn sich am Eingang unserer kleinen Nische setzte.
Dann war ich weg.
Weiter durch das Vale
Als ich wieder aufwachte, war das Licht vollkommen anders.
Heller.
Der Wind hatte nachgelassen, und mein Körper fühlte sich zwar immer noch an, als hätte man mich eine Klippe hinuntergeworfen, aber zumindest konnte ich wieder halbwegs klar denken.
Papa saß schon aufrecht neben mir.
„Morgen.“
„Wie lange?“
„Genug.“
Ich setzte mich langsam auf und verzog das Gesicht, als meine Rippe protestierte.
Lewyn kam vom Bach zurück und reichte uns Wasser.
„Keine Verschlechterung“, sagte er sofort, nachdem er unsere Verbände noch einmal überprüft hatte. „Die Schnitte sehen sauber aus. Keine Entzündung. Keine ungewöhnliche Verfärbung.“
„Endlich mal eine gute Nachricht“, murmelte ich.
Wir sahen uns noch einmal in der Umgebung um, überprüften unsere Sachen und den Weg.
Dann erzählte ich Lewyn von meinem Gedanken zum Drachen.
„Ich glaube immer noch nicht, dass er Qyburn gehört.“
Lewyn sah mich fragend an.
„Wieso?“
„Ein Drache… Targaryens… Cengiz und Daenerys. Es würde einfach mehr Sinn ergeben.“
Lewyn dachte einige Sekunden darüber nach.
Dann nickte er.
„Du hast recht. Vor allem wenn Dragonstone sich wieder verändert hat. Und Daenerys… nun ja. Wenn irgendjemand plötzlich einen Drachen hat, wäre das die naheliegendste Option.“
Papa schnaubte.
„Dann vermuten wir ja alle dasselbe.“
Trotzdem war auch er sichtbar erleichtert, dass Lewyn meine Vermutung nicht für vollkommen verrückt hielt.
Wir machten uns wieder auf den Weg.
Der Pfad durch den Wald war schmal, aber deutlich sicherer als die Bergwege, die wir zuvor genommen hatten. Die Bäume standen dicht, zwischen ihren Wurzeln wuchs dunkles Moos, und gelegentlich öffnete sich der Wald und gab den Blick auf das Vale frei.
Irgendwann erreichten wir eine größere Weggabelung.
Ein verwittertes Schild zeigte in eine Richtung hinab ins eigentliche Tal.