Der Drache über dem Vale
Ich blieb stehen.
„Dann aufgehts.“
Doch bevor wir losgingen, hörten wir es.
Ein tiefes, entferntes Brüllen.
Wir sahen alle drei gleichzeitig zum Himmel.
Am Horizont bewegte sich wieder dieser Drache.
Jetzt konnten wir ihn besser erkennen.
Er war im Verhältnis zu den Geschichten über die größten Drachen noch nicht gigantisch, aber trotzdem bereits gewaltig genug, dass man ihn selbst aus dieser Entfernung klar am Himmel ausmachen konnte.
Seine Schuppen wirkten perlweiß bis silbergrau. Über Rücken, Hals und die langen Hörner zogen sich bronzegoldene Akzente, die im Sonnenlicht aufblitzten. Die Flügel waren heller, aber wenn er sie drehte, lag darin ein schwacher violetter Stich.
Wunderschön.
Und erschreckend.
Auf seinem Rücken war eine Gestalt.
Aber zu weit entfernt.
„Seht ihr, wer das ist?“ fragte ich.
Papa kniff die Augen zusammen.
„Keine Chance.“
Lewyn schüttelte ebenfalls den Kopf.
Der Drache flog nicht Richtung Eyrie.
Er kam von dort.
Dann änderte er seine Fluglinie und zog hinaus aus dem Vale.
Richtung Meer.
Richtung…
„Dragonstone“, murmelte ich.
Papa sah mir in die Augen.
Lewyn blickte lange hinter dem Drachen her.
Dann sagte er:
„Ich glaube nicht, dass wir zum Eyrie gehen sollten.“
Ich sah ihn überrascht an.
„Was?“
„Nicht jetzt.“
Er deutete auf uns beide.
„Ihr seid nicht bei hundert Prozent. Ich auch nicht. Wir wissen nicht, was am Eyrie passiert ist. Wir wissen nicht, warum dort ein Drache war.“
Seine Stimme wurde leiser.
„Und wenn deine Vermutung stimmt und er zu Dragonstone gehört, dann sind Sansa, Brienne, Tyrion und die anderen wahrscheinlich dort.“
Papa nickte langsam.
Lewyn fuhr fort:
„Dragonstone wäre sicherer. Wir können uns erholen, herausfinden, was passiert ist und danach entscheiden, ob wir ins Vale zurückkehren.“
Ich sah Papa an.
Er dachte nur wenige Sekunden nach.
„Er hat recht.“
Ich war ehrlich gesagt ziemlich froh darüber.
„Dann Dragonstone.“
Zurück zum Schmugglerhafen
Wir nahmen den Weg zurück in Richtung Old Anchor.
Die Reise war trotzdem anstrengend.
Aber mit jedem Tag wurde mein Körper wieder etwas besser. Die Wunden heilten normal. Papas ebenfalls. Keine violetten Adern. Kein Fieber. Keine seltsamen Symptome.
Lewyn kontrollierte uns trotzdem ständig.
Bei sich selbst tat er das kaum.
Und man merkte ihm Rodrik an.
Manchmal lief er stundenlang schweigend.
Manchmal nahm er Ser Quill heraus, den alten Stofffalken, und hielt ihn kurz in der Hand.
Einmal sah ich, wie er hinter uns ging und leise mit jemandem sprach.
Er bemerkte erst Sekunden später, dass Rodrik nicht mehr da war.
Danach sprach keiner von uns ihn darauf an.
Schließlich erreichten wir den alten Schmugglerhafen wieder.
Das Boot lag tatsächlich noch dort.
Versteckt hinter den Felsen, bedeckt mit Moos und Ästen.
Papa zog einen Ast herunter.
„Ich hätte nicht gedacht, dass das Ding noch da ist.“
„Vielleicht wollte es niemand.“
„Das ist wahrscheinlich.“
Überfahrt nach Dragonstone
Wir schoben es gemeinsam zurück ins Wasser.
Lewyn setzte sich nach vorne, und Papa und ich übernahmen die Ruder.
Das Meer war erstaunlich ruhig.
Keine großen Wellen.
Kein Sturm.
Fast, als würde es uns nach den vergangenen Tagen endlich einmal nicht bekämpfen wollen.
Die Fahrt dauerte trotzdem mehrere Tage.
Wir wechselten uns ab. Schliefen, so gut man in diesem Boot schlafen konnte. Aßen unsere letzten Vorräte.
Und dann…
eines frühen Morgens…
tauchte Dragonstone am Horizont auf.
Die dunklen Türme.
Die Klippen.
Die schwarzen Mauern.
Ich konnte nicht beschreiben, wie erleichtert ich war.
„Da.“
Papa lächelte erschöpft.
„Endlich.“
Zwei verlorene Jahre
Wir fuhren nicht zum großen Hafen, sondern steuerten einen ruhigeren Strand an. Gemeinsam zogen wir das Boot weit genug auf den Sand, dass die Flut es nicht wieder mitnehmen konnte.
Dann gingen wir den Weg hinauf.
Die ersten Stufen zur Burg.
Eine.
Zwei.
Drei.
Und plötzlich hörte ich Rufe.
„LUKAS!“
Ich erstarrte.
Diese Stimme.
„Sansa?!“
Oben auf der Treppe tauchten Gestalten auf.
Sansa.
Brienne.
Joren.
Und direkt hinter ihnen Cengiz.
Sie rannten.
Ich dachte nicht nach.
Ich rannte ihnen entgegen.
„Sansa!“
Sie fiel mir regelrecht in die Arme.
Ich fing sie gerade so auf, und im nächsten Moment hatte sie beide Arme um meinen Hals und küsste mich.
„Du bist da“, sagte sie zwischen zwei Atemzügen. „Du bist wirklich da.“
„Ja.“
Ich küsste sie erneut.
„Ich bin da.“
Neben mir stürzte Brienne auf Papa zu und küsste ihn ebenfalls, während Joren gleichzeitig unsere Beine umklammerte.
„PAPA! LUKAS!“
Ich sah nach unten und lachte.
„Hey, kleiner Ritter.“
Joren weinte.
Richtig.
Papa ging sofort halb in die Knie und strich ihm durchs Haar.
„Hey. Alles gut.“
Ich legte ebenfalls eine Hand auf seinen Rücken.
Sansa hatte Tränen in den Augen.
Brienne auch.
Und für ungefähr eine Minute existierte einfach nur dieses Chaos aus Umarmungen, Küssen, Erleichterung und mehreren Menschen, die gleichzeitig redeten.
Dann sah ich Cengiz.
Er stand ein paar Schritte weiter oben und grinste.
Ich löste mich kurz von Sansa und ging zu ihm.
„Du verdammter Targaryen.“
Er lachte und zog mich in eine feste Umarmung.
„Du siehst scheiße aus.“
„Hab dich auch vermisst.“
„War wohl Urlaub im Vale.“
„Fantastischer Urlaub.“
Währenddessen gingen Sansa und Brienne zu Lewyn.
Die Freude in ihren Gesichtern verschwand schnell, als sie merkten, dass jemand fehlte.
Sansa sah sich um.
„Wo ist Rodrik?“
Lewyn sagte nichts.
Nicht sofort.
Dann senkte er den Blick.
„Rodrik ist tot.“
Brienne erstarrte.
Sansa legte sofort eine Hand vor den Mund.
Joren verstand vermutlich nicht richtig, was passiert war, aber allein an der Stimmung merkte er, dass etwas Schlimmes gesagt worden war.
Lewyn erzählte nur ganz kurz.
Dass Rodrik ihn gerettet hatte.
Dass Qyburn dort gewesen war.
Dass er es nicht geschafft hatte.
Mehr schaffte Lewyn selbst nicht.
Brienne nahm ihn wortlos in den Arm.
Und Lewyn ließ es zu.
Irgendwann sah ich wieder zu Cengiz.
Papa trat neben mich.
Wir beide musterten ihn.
Dann fragte ich:
„Also.“
Cengiz hob eine Augenbraue.
„Was?“
„Die Überraschung.“
Er grinste sofort.
Papa verschränkte die Arme.
„Der Drache?“
Cengiz begann zu lachen.
„Ja.“
Ich sah Papa an.
Papa sah mich an.
„Wir lagen also völlig falsch“, murmelte ich.
„Offenbar.“
Cengiz grinste noch breiter.
„Daenerys hat einen.“
„Das war der Drache über dem Vale?“ fragte ich.
Er nickte.
„Ja.“
Dann zeigte er mit dem Daumen Richtung Burg.
„Ich hab übrigens auch einen.“
Papa und ich schwiegen.
Cengiz wartete.
Ich blinzelte.
„Was?“
„Meiner ist nur noch zu klein zum Fliegen.“
Papa schluckte.
„Natürlich.“
Cengiz sah uns beide an.
„Wollt ihr ihn sehen?“
Papa und ich sahen uns wieder an.
„Nein“, sagte Papa.
„Doch“, sagte ich gleichzeitig.
„Lukas.“
Cengiz lachte.
„Er ist süß.“
Papa starrte ihn an.
„Das Wort süß gehört nicht in denselben Satz wie Drache.“
„Doch. Bei ihm schon.“
Ich grinste langsam.
„Okay.“
Papa seufzte.
„Wenn ich verbrannt werde, komme ich als Geist zurück und nerve euch beide.“
Wir liefen weiter Richtung Dragonpit.
Ich ging neben Joren.
„Und? Ist Cengiz’ Drache cool?“
Joren nickte so heftig, dass seine Haare wackelten.
„Jaaa! Der macht manchmal so kleine Geräusche und wenn Cengiz kommt, läuft er zu ihm!“
Ich lachte.
Papa sah Joren dabei von der Seite an.
Dann lächelte er.
„Du bist echt groß geworden.“
Joren sah zu ihm hoch.
Papa fügte hinzu:
„Unglaublich, was zwei Monate ausmachen.“
Joren blieb stehen.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Zwei Monate?“
Papa ebenfalls.
„Ja?“
Jorens Augen füllten sich sofort mit Tränen.
„Papa…“
Papa ging in die Knie.
„Was ist los?“
Joren fing an zu weinen und warf sich ihm in die Arme.
Papa hob ihn sofort hoch.
„Hey, hey… was ist denn?“
Ich sah Sansa an.
Sie sah plötzlich völlig ernst aus.
Cengiz auch.
Brienne schluckte.
„Jaime“, sagte Sansa vorsichtig.
Papa blickte zu ihr.
„Was?“
Sansa sah erst ihn an.
Dann mich.
Dann Lewyn.
„Ihr wart nicht zwei Monate weg.“
Mein Magen zog sich zusammen.
„Was meinst du?“
Cengiz antwortete diesmal.
„Zwei Jahre.“
Alles in mir wurde still.
„Was?“
Papa bewegte sich nicht.
Lewyn sah aus, als hätte ihm jemand ins Gesicht geschlagen.
„Nein“, sagte ich.
Sansa trat näher.
„Lukas… ihr seid vor fast zwei Jahren ins Vale aufgebrochen.“
Ich sah zu Joren.
Und erst jetzt…
jetzt, wo ich wirklich hinsah…
sah ich es.
Er war größer.
Natürlich war er größer.
Sein Gesicht hatte sich verändert. Nur ein wenig. Aber genug.
Papa drückte ihn fassungslos an sich.
„Zwei… Jahre?“
Lewyn flüsterte:
„Whitestone Hollow.“
Ich sah ihn an.
Dann verstand ich.
Die Pergamente.
Zeitverschiebung.
Die merkwürdigen Tage.
Das Wetter.
Der Wechsel der Farben.
Die Kopfschmerzen.
Das Kraftfeld.
„Oh mein Gott“, murmelte ich.
Wir erzählten ihnen auf dem weiteren Weg alles.
Nicht jedes grausame Detail.
Aber genug.
Das Labor.
Qyburn.
Die Dämpfe.
Die Zeitmanipulation.
Die Mutationen.
Rodrik.
Cor Unum.
Cengiz hörte aufmerksam zu und wurde bei Qyburns Namen immer stiller.
„Der Bastard“, murmelte er.
Dann erklärte er uns den Drachen.
„Daenerys’ Drache heißt Vaerax.“
„Vaerax“, wiederholte ich.
Cengiz nickte.
„Er wächst irgendwie deutlich schneller als meiner. Keine Ahnung warum. Vielleicht hängt es mit Daenerys zusammen. Vielleicht mit Dragonstone.“
„Und sie war im Vale?“
„Immer wieder“, sagte Sansa. „Sie ist über Monate verschiedene Routen abgeflogen.“
Cengiz nickte.
„Sie hat nach euch gesucht.“
Ich sah noch einmal zum Himmel.
Also war sie es gewesen.
„Dann war sie heute auch die Reiterin.“
„Ja. Sie kommt vermutlich bald zurück.“
Papa atmete aus.
„Gut.“
Joren saß inzwischen noch immer auf seinem Arm und hatte sich beruhigt, klammerte sich aber fest an seinen Hals.
Papa ließ ihn auch nicht los.
Zahaeryx
Schließlich erreichten wir das Dragonpit.
Es lag in einer natürlichen Senke des schwarzen Gesteins, geschützt durch hohe Mauern und schwere Tore. Die Luft dort war wärmer.
Eine Wache stand am Eingang.
Als sie Cengiz sah, trat sie sofort zur Seite.
„Mylord.“
Cengiz ging voraus.
Papa neben mir legte instinktiv eine Hand an Aurelion.
Ich bemerkte es.
„Er soll doch süß sein.“
„Ich vertraue dem Wort süß nicht mehr.“
Wir betraten den inneren Bereich.
Schwarzer Stein.
Sand.
Große Felsbrocken.
Eine Art künstliche Höhle weiter hinten.
Cengiz blieb ein paar Schritte vor uns stehen.
Er pfiff leise.
„Komm her.“
Nichts.
Dann hörte ich es.
Ein dumpfes Geräusch auf Stein.
Tapp.
Pause.
Tapp. Tapp.
Nicht wie menschliche Schritte.
Schwerer.
Krallen, die leicht über Fels schabten.
Papa spannte sich neben mir an.
Ich ebenfalls.
Cengiz dagegen lächelte.
„Na komm.“
Wieder dieses Geräusch.
Jetzt schneller.
Tapp-tapp-tapp.
Aus der Dunkelheit der Höhle bewegte sich etwas.
Erst sah ich zwei Augen.
Dann einen schuppigen Kopf.
Hörner.
Ein langer Hals.
Und langsam kam Cengiz’ Drache auf ihn zugelaufen.
Der Drache kam langsam aus der Dunkelheit.
Und das Erste, was mir auffiel, war seine Farbe.
Weinrot.
Nicht dieses helle Rot von Feuer oder Blut, sondern tiefes, dunkles Weinrot, das an manchen Stellen beinahe ins Schwarze überging. Über seinen Hals, seine Brust und entlang der Schuppenränder liefen kupferfarbene und goldene Akzente, die im Licht der Fackeln schimmerten. Auch seine Hörner waren dunkel, aber an den Spitzen lag dieser warme Bronzeton.
Er war noch jung – ungefähr so groß, wie ich mir einen zweijährigen Drachen vorgestellt hätte. Groß genug, dass mein Körper mir eindeutig sagte, dass ich vor einem verdammten Drachen stand, aber noch weit davon entfernt, die gigantischen Ausmaße der alten Geschichten zu erreichen.
Seine Augen waren bernsteinfarben.
Und überraschend ruhig.
Er kam direkt auf Cengiz zu.
Papa spannte sich neben mir sofort an.
Ich ehrlich gesagt auch.
Doch der Drache blieb vor Cengiz stehen…
…und stupste ihn einfach mit der Schnauze gegen die Brust.
Cengiz lachte.
„Ja, ich bin wieder da.“
Der Drache machte ein tiefes, zufriedenes Geräusch irgendwo zwischen Brummen und Schnurren und drückte seine Schnauze noch einmal gegen ihn.
Ich starrte die beiden an.
„Okay.“
Papa sah ebenfalls fassungslos aus.
„Der… kuschelt.“
Cengiz grinste.
„Hab ich doch gesagt.“
Er legte beide Hände an die Seite des Drachenkopfes und strich ihm über die Schuppen.
„Das ist Zahaeryx.“
Der Name schien sogar zu ihm zu passen.
Dunkel.
Targaryen.
Aber irgendwie weich genug für diesen Drachen, der gerade aussah, als wolle er Cengiz dazu zwingen, ihn weiterzustreicheln.
„Und er ist wirklich so entspannt?“, fragte ich.
„Solange ich entspannt bin, ja“, sagte Cengiz. „Er spiegelt meine Stimmung ziemlich stark. Normalerweise ist er aber vollkommen gelassen. Er ist lieb zu fast jedem, wenn er merkt, dass keine Gefahr da ist.“
Ich sah auf meine Hand.
Dann auf Zahaeryx.
Dann wieder auf meine Hand.
„Kann ich ihn… an mir schnuppern lassen?“
Papa drehte sofort den Kopf zu mir.
„Lukas.“
Ich grinste.
„Was?“
„Das ist ein Drache.“
„Danke.“
Cengiz winkte mich zu sich.
„Komm her. Langsam.“
Ich machte einige vorsichtige Schritte.
Papa blieb dicht hinter mir.
Natürlich.
Doch plötzlich hörte ich kleinere Schritte.
Joren.
„Ich auch!“
„Joren—“
Papa griff nach ihm, doch Joren war schon an ihm vorbeigeschlüpft.
„Natürlich“, murmelte Papa verzweifelt. „Natürlich hab ich zwei davon.“
Cengiz lachte.
Zahaeryx bemerkte Joren sofort.
Der Drache senkte seinen Kopf.
Papa machte einen halben Schritt nach vorne.
Seine Hand lag bereits an Aurelion.
Doch Zahaeryx tat…
nichts.
Er schnupperte an Jorens Haaren.
Joren kicherte.
„Das kitzelt!“
Der Drache schnaubte leicht. Ein warmer Luftstoß zerzauste Jorens Haare komplett.
Joren lachte noch lauter und legte vorsichtig beide kleinen Hände an Zahaeryx' Schnauze.
„Hallo.“
Ich sah Papa an.
Sein Gesicht entspannte sich sichtbar.
„Okay“, murmelte er. „Vielleicht ist er tatsächlich süß.“
Cengiz grinste triumphierend.
„Danke.“
Jetzt war ich dran.
Ich hielt Zahaeryx vorsichtig die Hand hin.
Meine goldene rechte Hand.
Der Drache bemerkte sie sofort.
Seine bernsteinfarbenen Augen wanderten über das Gold, und seine Nüstern bewegten sich leicht.
Er schnupperte.
Einmal.
Zweimal.
Dann sah er mir direkt in die Augen.
Ich hielt vollkommen still.
„Cengiz…“
„Alles gut.“
Zahaeryx machte plötzlich dieses Geräusch.
Ein tiefes, weiches:
„Rrrrrrhhmm.“
Fast wie ein zufriedenes Brummen.
Dann schob er seine Schnauze einfach gegen meine Hand.
Ich blinzelte.
„Oh.“
Cengiz lachte.
„Er mag dich.“
Langsam strich ich über seine Schnauze.
Die Schuppen fühlten sich anders an, als ich erwartet hatte. Nicht glatt wie die einer Schlange. Härter. Warm. Jede einzelne Schuppe hatte eine feine Struktur, beinahe wie polierter Stein oder sehr festes Leder. Zwischen den größeren Schuppen war die Haut etwas weicher und deutlich wärmer.
„Der ist richtig warm.“
„Natürlich ist er warm“, sagte Papa. „Er spuckt Feuer.“
„Lass mich den Moment genießen.“
Ich strich noch einmal über Zahaeryx' Schnauze.
Er schloss tatsächlich kurz die Augen.
„Oh mein Gott.“
Cengiz lachte.
„Hab ich doch gesagt.“
Ich drehte mich zu Papa.
„Jetzt du.“
„Nein.“
„Papa.“
„Ich hab zugesehen. Reicht.“
Cengiz verschränkte die Arme.
„Jaime.“
„Nein.“
Joren kam zu Papa, griff nach seiner Hand und zog daran.
„Papaaa.“
Papa sah nach unten.
Joren zeigte auf Zahaeryx.
„Streicheln.“
Papa schloss kurz die Augen.
„Ihr arbeitet alle gegen mich.“
Ich grinste.
„Familie.“
Schließlich trat er vor.
Zahaeryx beobachtete ihn.
Papa hielt ihm erst etwas skeptisch die goldene Hand hin.
Der Drache schnupperte daran und wandte dann seinen Kopf leicht zur Seite, als würde er Papa genauer mustern.
„Der beurteilt mich“, murmelte Papa.
„Vielleicht kennt er deine Vergangenheit“, sagte ich.
„Lukas.“
Dann stupste Zahaeryx auch ihn sanft an.
Papa verlor sofort diesen skeptischen Gesichtsausdruck.
„Oh.“
Ich grinste breit.
„Oh?“
„Halt die Klappe.“
Er strich dem Drachen vorsichtig über die Schnauze.
Zahaeryx blieb vollkommen ruhig.
Cengiz sah unglaublich zufrieden mit sich aus.
„Daenerys und ich haben die Eier übrigens gar nicht gesucht.“
Ich sah ihn an.
„Wie habt ihr sie dann gefunden?“
„Wir sind um die Insel gelaufen. Einfach spazieren.“
Papa blinzelte.
„Und beim Spaziergang findet man auf Dragonstone Drachen?“
„Offenbar.“
Cengiz deutete mit der Hand Richtung Küste.
„An einer Seite der Insel ist eine Höhle, die man vom Meer aus fast nicht sieht. Wir sind durch einen schmalen Felsspalt rein und haben dort drei Eier gefunden.“
„Drei?“
Er nickte.
„Zwei sind bisher geschlüpft.“
„Zahaeryx und Vaerax.“
„Genau.“
„Und das dritte?“
Cengiz zuckte mit den Schultern.
„Liegt noch da. Warm. Sieht gesund aus. Wir lassen es in Ruhe.“
Ich sah Zahaeryx an.
„Und ihr habt einfach entschieden, welcher wem gehört?“
Cengiz lachte.
„Nein. Die haben entschieden.“
„Natürlich.“
„Vaerax ist direkt zu Daenerys gegangen. Hat mich praktisch ignoriert.“
„Sympathisch.“
„Danke.“
Er klopfte Zahaeryx liebevoll an die Seite.
„Und dieser hier ist zu mir.“
Als hätte Zahaeryx verstanden, dass über ihn gesprochen wurde, bewegte er sich noch näher an Cengiz heran.
Dann legte er seinen Kopf seitlich an dessen Brust.
Cengiz schlang automatisch einen Arm um seinen Hals.
Ich konnte nicht anders.
„Das ist wirklich verdammt süß.“
Papa nickte widerwillig.
„Ja.“
Cengiz strich über die dunklen Schuppen.
„Er ist extrem treu. Wenn er sich an jemanden bindet, dann richtig.“
Zahaeryx brummte zufrieden.
Ich musste lächeln.
Nach allem, was Cengiz hinter sich hatte – Dorne, Oberyn, Ellaria, Qezar, Qadir, die Schlachten – passte dieser völlig entspannte, treue Drache irgendwie erstaunlich gut zu ihm.
Später gingen wir zurück zur Burg.
Joren erzählte natürlich auf dem gesamten Weg, dass er Zahaeryx schon lange kenne und quasi Experte sei.
Papa trug ihn irgendwann wieder, vermutlich hauptsächlich deshalb, weil er nach diesen verlorenen zwei Jahren jede Sekunde mit ihm nachholen wollte.
Nachrichten aus dem Vale
Als wir in die große Halle kamen, saßen dort zwei weitere Personen.
Onkel Tyrion.
Und Paul.
Tyrion sah auf.
Für ungefähr zwei Sekunden sagte er gar nichts.
Dann stellte er sein Weinglas ab.
„Na endlich.“
Ich grinste.
„Du hast mich auch vermisst.“
Er kam zu mir und nahm mich überraschend fest in den Arm.
„Zwei Jahre, du Idiot.“
Ich schluckte.
„Für mich waren's ein paar Wochen.“
„Das macht es nicht weniger unhöflich.“
Paul begrüßte Papa und mich ebenfalls herzlich. Bei Lewyn wurde seine Freude allerdings schnell stiller, als er von Rodrik erfuhr.
Nachdem wir uns etwas gesetzt hatten, sah ich Paul an.
Und plötzlich fiel mir etwas ein.
„Moment.“
Paul hob eine Augenbraue.
„Was?“
„Wenn zwei Jahre vergangen sind…“
„Ja?“
Ich grinste.
„Bist du jetzt eigentlich auch verheiratet? Lennard hat's ja offenbar vorgemacht.“
Pauls Gesicht wurde sofort merkwürdig.
„Nein.“
Ich wartete.
Er nahm einen Schluck.
„Und Lennard auch nicht mehr.“
Mein Grinsen verschwand.
„Was?“
Papa sah ebenfalls auf.
„Was heißt nicht mehr?“
Paul atmete aus.
„Das ist eine lange Geschichte.“
„Kurzfassung“, sagte Tyrion.
Paul nickte.
„Lennard ist mit Stannis und Davos in Storm's End.“
Ich lächelte zunächst sogar erleichtert.
„Dann haben sie sich also wirklich gefunden.“
„Ja. Aber…“
Paul rieb sich über das Gesicht.
„Lyalla war nicht das, was wir dachten.“
Mir wurde unwohl.
„Was war sie?“
Paul sah mich direkt an.
„Ramsays ehemalige Geliebte.“
In meinem Körper wurde es eiskalt.
Ramsay.
Allein der Name genügte.
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.
Papa bemerkte es sofort und legte mir eine Hand an die Schulter.
„Seine… Geliebte?“
Paul nickte.
„Sie hatte Lennard benutzt. Sie wollte sich an uns allen rächen wegen Ramsay.“
Ich starrte ihn an.
„Was ist passiert?“
„Am Mondtor.“
Oh nein.
„Sie wollte Stannis hindurchstoßen.“
Papa fluchte leise.
Paul fuhr fort:
„Lennard hat es gesehen. Er hat seinen Vater weggezogen und Lyalla…“
Paul stockte.
„…selbst durchs Mondtor gestoßen.“
Es wurde still.
Ich sah ihn fassungslos an.
„Lennard hat sie getötet.“
Paul nickte langsam.
„Um Stannis zu retten.“
Ich wusste überhaupt nicht, was ich dazu sagen sollte.
Dieser Mann hatte geglaubt, er würde sie heiraten.
Hals über Kopf verliebt.
Und dann…
Papa fragte leise:
„Wie geht's ihm?“
Paul schüttelte den Kopf.
„Nicht besonders gut.“
Das tat weh.
„Nachdem das passiert ist, wurde es im Vale politisch richtig unruhig. Wir mussten weg. Schnell. Ich bin mit Lennard, Stannis und Davos raus. Irgendwann haben sie mich abgesetzt, damit ich hierherkommen und den anderen Bescheid geben kann.“
„Und die drei?“
„Storm's End.“
Paul sah mich an.
„Stannis passt auf ihn auf. Wirklich gut sogar. Lennard braucht einfach Zeit.“
Ich nickte langsam.
Zumindest war sein Vater bei ihm.
Nach allem, was passiert war, war das vielleicht genau das, was Lennard brauchte.
Danach bestand Brienne darauf, dass Papa, Lewyn und ich uns erstmal vernünftig waschen und umziehen.
Ich bekam frische Kleidung.
Papa auch.
Lewyn ebenfalls.
Und anschließend eine Mahlzeit, die nach den vergangenen Wochen wie ein Festessen schmeckte.
Warmes Brot.
Fleisch.
Kartoffeln.
Gemüse.
Suppe.
Ich hätte den Koch küssen können.
Maester von Haus Lannister
Gegen Abend hörte man plötzlich draußen ein gewaltiges Schlagen von Flügeln.
Dann ein tiefes Drachenbrüllen.
Ich sah sofort auf.
Cengiz grinste.
„Da ist sie.“
Vaerax landete irgendwo außerhalb der Burgmauern.
Schon allein der Aufprall war deutlich zu hören.
Einige Minuten später kam Daenerys herein.
Sie sah müde aus von ihrem Flug, ihre Haare vom Wind etwas durcheinander – aber in dem Moment, in dem sie Papa, Lewyn und mich sah, blieb sie stehen.
Ihre Augen wurden groß.
„Ihr seid zurück.“
Ich lächelte.
„Sieht so aus.“
Sie kam sofort zu uns.
Erst umarmte sie mich, dann Papa.
Bei Lewyn wurde sie vorsichtiger, weil sie sofort merkte, dass etwas nicht stimmte.
Und auch sie erfuhr von Rodrik.
Ihr Gesicht sank.
„Es tut mir leid.“
Lewyn nickte nur.
„Danke.“
Am Abend saßen wir alle zusammen.
Das Meer war durch die großen Fenster zu sehen. Der Himmel über Dragonstone färbte sich dunkelblau, und unten am Strand rollten die Wellen gleichmäßig über den schwarzen Sand.
Es hätte ein schöner Abend sein können.
Eigentlich war es sogar einer.
Nur Lewyn…
Lewyn saß etwas abseits.
Er hatte ein Glas vor sich, trank aber kaum.
Sein Blick lag die meiste Zeit draußen auf dem Strand.
Manchmal fasste er in seine Tasche.
Ich wusste, was dort drin war.
Ser Quill.
Und jedes Mal, wenn ich ihn ansah, wurde mir das Herz schwer.
Seine Eltern.
Sein Zuhause.
Dann Rodrik.
Es fühlte sich an, als hätte ihm das Leben immer wieder Familie gegeben, nur um sie ihm wieder zu nehmen.
Ich lehnte mich etwas zu Papa.
„Ich hab eine Idee.“
Er sah mich an.
„Bei deinem Gesicht macht mir das Sorgen.“
„Eine gute.“
„Das behauptest du immer.“
Ich winkte Tyrion und Paul kurz zu.
„Kommt mal.“
Wir gingen ein Stück vom Tisch weg.
Tyrion sah mich erwartungsvoll an.
„Nun?“
Ich blickte noch einmal zu Lewyn.
Dann sagte ich leise:
„Was haltet ihr davon, wenn wir ihm anbieten, Maester von Haus Lannister zu werden?“
Papa antwortete praktisch sofort.
„Ja.“
Tyrion wurde ernster.
„Das ist tatsächlich eine sehr gute Idee.“
Paul nickte.
„Absolut.“
Ich sah sie der Reihe nach an.
„Nicht nur als Arbeit.“
Papa verstand sofort.
„Als Zuhause.“
„Genau.“
Tyrion sah zu Lewyn.
„Er gehört ohnehin längst zu uns.“
Paul lächelte leicht.
„Dann sollten wir ihm das vielleicht auch endlich sagen.“
Wir gingen zurück.
Cengiz bemerkte sofort, dass irgendwas los war.
„Was plant ihr?“
„Etwas Gutes“, sagte ich.
„Das macht mir noch mehr Angst.“
Ich setzte mich gegenüber von Lewyn.
„Lewyn?“
Er hob den Kopf.
„Hm?“
Papa setzte sich neben mich. Tyrion auf meine andere Seite. Paul lehnte sich an den Tisch.
Lewyn sah uns verwirrt an.
„Warum schaut ihr mich alle so an?“
„Weil wir dich was fragen wollen“, sagte ich.
„Das klingt gefährlich.“
Tyrion hob sein Glas.
„Du kennst uns inzwischen gut.“
Ich wurde etwas ernster.
„Lewyn… du bist jetzt schon ziemlich lange bei uns.“
Er nickte langsam.
„Und du hast uns wahrscheinlich öfter zusammengeflickt, als irgendein vernünftiger Maester müsste.“
„Das liegt eher daran, dass ihr euch ungewöhnlich häufig verletzen lasst.“
Papa deutete sofort auf ihn.
„Siehst du? Perfekt qualifiziert.“
Lewyn musste tatsächlich ganz leicht lächeln.
Gut.
Ich fuhr fort:
„Und nach allem…“
Ich stockte kurz.
Ich wollte Rodrik nicht unnötig nennen.
Lewyn verstand trotzdem.
„Wir haben uns gedacht, dass wir dich gern offiziell bei uns hätten.“
Er sah mich fragend an.
Papa übernahm.
„Als Maester von Haus Lannister.“
Lewyn erstarrte.
Tyrion lächelte.
„Casterly Rock könnte jemanden gebrauchen, der verhindert, dass diese beiden sich regelmäßig umbringen.“
„Hauptsächlich ihn“, sagte Papa und zeigte auf mich.
„Frechheit.“
Paul setzte sich ebenfalls dazu.
„Aber Lukas meint nicht nur die Position.“
Lewyn sah wieder zu mir.
Ich lächelte.
„Du bist Familie.“
Sein Gesicht veränderte sich sofort.
„Lukas…“
„Ist so.“
Papa nickte.
„Du warst bei uns, als es schwierig wurde. Du bist mit meinem Sohn durch halb Westeros gezogen. Du hast uns beiden gerade erst wieder die Wunden versorgt.“
Tyrion hob eine Augenbraue.
„Und du verträgst genug Alkohol für einen Lannister.“
„Das ist vermutlich das wichtigste Kriterium“, murmelte Lewyn.
Ich grinste.
Dann meldete sich Cengiz von der anderen Seite des Tisches.
„Mach's.“
Lewyn blickte zu ihm.
Cengiz zuckte mit den Schultern.
„Ganz ehrlich. Schlechter als uns alle zusammen kannst du's nicht erwischen.“
Daenerys lächelte.
„Und ein Ort, an dem Menschen auf dich warten, ist manchmal mehr wert als jeder Titel.“
Lewyn schluckte.
Seine Augen wurden langsam feucht.
Dann kam Joren.
Natürlich.
Er war bislang neben Brienne gesessen und hatte das Gespräch halb verstanden.
Jetzt lief er um den Tisch herum und blieb vor Lewyn stehen.
Lewyn sah zu ihm herunter.
Joren streckte die Arme aus.
„Bitte.“
Lewyn blinzelte.
„Bitte was?“
„Bleib bei uns.“
Das war's.
Lewyns Gesicht brach beinahe sofort.
Joren umarmte ihn einfach.
Kleine Arme um seinen Bauch.
Lewyn saß einen Moment vollkommen regungslos da.
Dann legte er langsam beide Arme um Joren.
Seine Augen schlossen sich.
Eine Träne lief ihm über die Wange.
„Das ist unfair“, murmelte er.
Tyrion nahm einen Schluck Wein.
„Der Junge ist unsere stärkste Verhandlungswaffe.“
Joren löste sich leicht von Lewyn.
„Sag ja.“
Lewyn sah ihn an.
Dann zu mir.
Zu Papa.
Zu Tyrion.
Paul.
Brienne.
Sansa.
Cengiz.
Daenerys.
All diesen Menschen.
Und ich konnte förmlich sehen, wie sich etwas in ihm verschob.
Nicht, dass Rodrik plötzlich weniger fehlte.
Nicht, dass es weniger wehtat.
Aber vielleicht war da jetzt neben dem Verlust noch etwas anderes.
Etwas, das bleiben konnte.
Lewyn wischte sich über die Augen.
„Na gut.“
Ich grinste.
„Ist das ein Ja?“
Er atmete tief durch.
Dann lächelte er.
Richtig.
Nur klein.
Aber echt.
„Ja.“
Papa stand sofort auf und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Willkommen bei Haus Lannister, Maester Lewyn.“
Tyrion hob sein Glas.
„Mein Beileid.“
Lewyn lachte.
Ich ging um den Tisch und umarmte ihn.
„Willkommen in der Familie.“
Er drückte mich zurück.
„Danke.“
Ganz leise.
Als wir uns voneinander lösten, setzte sich Joren direkt neben ihn, als hätte er persönlich dafür gesorgt, dass Lewyn nicht wieder verschwinden konnte.
Und vielleicht hatte er das irgendwie.
Später wurde Wein ausgeschenkt.
Nicht zu viel diesmal.
Papa und ich hatten aus Tarth gelernt.
Zumindest behaupteten wir das.
Cengiz erzählte Geschichten über Zahaeryx. Daenerys korrigierte ungefähr jede zweite davon. Paul berichtete ein paar weniger schlimme Dinge aus dem Vale. Tyrion machte sich darüber lustig, dass Papa mittlerweile offenbar Drachen streichelte.
Und Lewyn…
Lewyn lachte irgendwann tatsächlich wieder.
Nur einmal richtig laut.
Aber wir alle hörten es.
Keiner machte eine große Sache daraus.
Ich sah nur kurz zu Papa.
Papa sah zu mir.
Wir lächelten.
Draußen rauschte das Meer gegen die schwarzen Klippen von Dragonstone.
Irgendwo in der Ferne brummte ein junger Drache.
Der Abend wurde langsam ruhiger.
Draußen hatte sich der Himmel über Dragonstone inzwischen vollständig verdunkelt. Durch die hohen Fenster der großen Halle sah man nur noch das gelegentliche Glitzern des Mondlichts auf dem Meer.
Das Feuer in den Kaminen brannte angenehm warm.
Onkel Tyrion saß zurückgelehnt auf seinem Stuhl, ein Glas Wein in der Hand, und diskutierte mit Cengiz darüber, ob ein Drache theoretisch auch betrunken werden könnte.
„Ich stelle lediglich eine wissenschaftliche Frage“, verteidigte sich Tyrion.
Cengiz schüttelte lachend den Kopf.
„Du wirst Zahaeryx keinen Wein geben.“
„Nicht einmal einen Tropfen?“
„Nein.“
„Ein sehr autoritärer Vater.“
Daenerys lachte leise.
„Tyrion, ich versichere Euch, das letzte Wesen, das Ihr betrunken erleben wollt, ist ein Drache.“
Papa hob sein Glas.
„Ich unterstütze Daenerys bei dieser Entscheidung.“
„Du bist langweilig geworden, Bruder“, erwiderte Tyrion.
Ich grinste.
„Er hat heute zum ersten Mal einen Drachen gestreichelt. Lass ihn das erstmal verarbeiten.“
Papa sah mich gespielt beleidigt an.
„Du kannst dich glücklich schätzen, dass ich zu müde bin, um darauf zu antworten.“
„Natürlich, Papa.“
Neben mir lachte Sansa.
Ich drehte den Kopf zu ihr.
Sie saß bereits seit einer ganzen Weile dicht an meiner Seite. Ihre Hand lag auf meinem Oberschenkel, und immer wieder strich ihr Daumen gedankenverloren über den Stoff meiner Hose.
Manchmal, wenn ich etwas sagte, sah sie mich an.
Nicht nur kurz.
Sie betrachtete mich regelrecht.
Als müsste sie sich vergewissern, dass ich tatsächlich neben ihr saß.
Ich kannte diesen Blick nicht von ihr.
Zumindest nicht so.
Als ich ihre Hand nahm, lächelte sie.
„Was?“, fragte ich leise.
Sie schüttelte den Kopf.
„Nichts.“
„Du schaust mich die ganze Zeit so an.“
„Darf ich das nicht?“
„Doch, natürlich.“
Sie drückte meine Hand.
„Gut.“
Ich grinste, aber irgendwie zog sich dabei etwas in meiner Brust zusammen.
Zwei Jahre.
Für sie waren es zwei Jahre gewesen.
Für mich…
Ein paar Wochen.
Vielleicht etwas länger.
Allein daran zu denken fühlte sich falsch an.
Am anderen Ende des Tisches stand Brienne schließlich auf.
„Ich glaube, für Joren ist es langsam Zeit.“
„Neeeein“, kam es sofort von Joren.
Papa lachte.
„Oh doch, mein kleiner Ritter.“
„Aber Lukas ist wieder da!“
Ich lächelte.
„Und morgen bin ich auch noch da.“
Joren sah mich prüfend an.
„Versprochen?“
Ich schluckte.
Das Wort traf mich unerwartet.
„Versprochen, dass ich morgen mit dir spiele.“
Er schien zufrieden.
Papa hob ihn auf seinen Arm, und Joren legte müde den Kopf an seine Schulter.
Brienne kam zu uns und gab Sansa einen kurzen Kuss auf die Wange.
„Schlaft gut, ihr beiden.“
„Ihr auch“, antwortete Sansa.
Papa blieb noch einen Moment vor mir stehen.
Ich sah zu ihm hoch.
„Was?“
Er lächelte.
„Nichts.“
„Jetzt fängst du auch schon an.“
Er lachte leise und legte mir seine freie Hand an den Hinterkopf.
„Ich bin einfach froh, dass du wieder da bist.“
Ich stand auf und umarmte ihn vorsichtig, weil Joren noch auf seinem anderen Arm lag.
„Ich auch, Papa.“
Er hielt mich einen Moment fest.
Dann beugte er sich etwas näher.
„Und wegen dem, was du mir am Bach erzählt hast…“
Ich sah ihn sofort an.
Papa lächelte verschmitzt.
„Keine Sorge. Ich hab kein Wort gesagt.“
„Gut.“
„Aber ich freue mich.“
Ich grinste.
„Weiß ich.“
Er drückte mir noch einmal liebevoll die Schulter.
„Gute Nacht, mein Junge.“
„Gute Nacht, Papa.“
Als er mit Brienne und Joren Richtung Treppe ging, sah Sansa mich neugierig an.
„Was war das denn?“
„Was?“
„Dieses Getuschel.“
Ich grinste nur.
„Erzähl ich dir oben.“
Sie hob langsam eine Augenbraue.
„Ach wirklich?“
„Mhm.“
„Dann sollten wir wohl langsam gehen.“
Wir verabschiedeten uns nach und nach von den anderen.
Cengiz stand noch einmal auf und drückte mich an sich.
„Schlaf dich aus, Bruder.“
„Du auch.“
„Ich schlafe seit zwei Jahren hervorragend.“
Ich sah ihn an.
„Du bist so ein Arsch.“
Er lachte.
Daenerys gab Sansa eine herzliche Umarmung und wünschte uns eine gute Nacht.
Lewyn saß noch am Tisch.
Als ich ihm die Hand auf die Schulter legte, blickte er auf.
„Gute Nacht, Lewyn.“
Er lächelte schwach.
„Gute Nacht, Lukas.“
„Wenn du irgendwas brauchst…“
Er nickte.
„Ich weiß.“
Mehr sagte ich nicht.
Ich wollte ihn nicht erneut an alles erinnern.
Zwei Jahre Warten
Als wir schließlich die Halle verließen, nahm Sansa meine Hand.
Ihre Finger verschränkten sich mit meinen.
Wir gingen langsam durch die Gänge von Dragonstone.
Die Burg war nachts erstaunlich ruhig. Vereinzelt brannten Fackeln an den Wänden, deren Licht über den schwarzen Stein wanderte.
Draußen hörte man das Meer.
Sansa führte mich zu einer Tür am Ende eines langen Flurs.
„Hier.“
Ich betrachtete die Tür.
„Unser Zimmer?“
Sie nickte.
„Unser Zimmer.“
Sie öffnete.
Und ich blieb kurz stehen.
Der Raum war wunderschön.
Nicht übertrieben prunkvoll, aber groß und gemütlich. Ein breites Bett stand an der gegenüberliegenden Wand, bedeckt mit dicken, dunkelroten Decken und hellen Kissen. Daneben brannte ein kleiner Kamin.
Zwei hohe Fenster führten auf einen Balkon mit Blick auf das Meer.
Auf einem kleinen Tisch standen frisches Wasser, zwei Becher und eine Schale mit Obst.
Und neben dem Bett…
…lagen einige Bücher.
Sansas Bücher.
Ich lächelte.
„Du hast es dir gemütlich gemacht.“
Sie trat neben mich.
„Ich hatte ja auch Zeit.“
Der Satz war nicht böse gemeint.
Überhaupt nicht.
Trotzdem tat er weh.
Sansa bemerkte meinen Blick.
„Hey.“
Sie nahm meine andere Hand.
„Das war kein Vorwurf.“
Ich nickte.
„Ich weiß.“
Sie lächelte sanft.
„Komm erstmal richtig an.“
Wir schlossen die Tür.
Zum ersten Mal seit unserer Wiedervereinigung waren wir vollkommen allein.
Keine Drachen.
Keine Schwerter.
Keine politischen Probleme.
Keine Freunde, die irgendetwas erzählen wollten.
Nur wir beide.
Ich zog meinen Mantel aus und legte ihn über einen Stuhl. Anschließend schnallte ich Argentus ab und stellte das Schwert neben die Kommode.
Sansa beobachtete mich dabei.
„Ist das bequem?“
Ich drehte mich um.
„Was?“
Sie deutete auf meine Kleidung.
„Deine Sachen. Du hast sie seit heute Mittag an. Und deine Rippe…“
„Ach so.“
Ich grinste.
„Du willst mich also direkt wieder bemuttern.“
„Jemand muss es ja tun.“
„Lewyn hat mich heute schon ungefähr zwölfmal untersucht.“
„Dann wird er es morgen dreizehnmal tun.“
Ich lachte.
Wir zogen uns in Ruhe um. Ich schlüpfte in ein weiches, dunkles Hemd und eine bequeme Hose, während Sansa ein langes, schlichtes Nachtgewand anzog.
Als ich mich auf die Bettkante setzte, spürte ich erst richtig, wie müde ich war.
Sansa kam zu mir.
„Tut es noch weh?“
Sie deutete vorsichtig auf meine verbundene Seite.
„Ein bisschen.“
„Ein bisschen wie bei dir oder ein bisschen wie bei normalen Menschen?“
Ich musste lachen.
„Okay, ein bisschen mehr.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Natürlich.“
Dann setzte sie sich neben mich.
Ganz nah.
Unsere Schultern berührten sich.
Eine Weile sagten wir nichts.
Ich hörte nur das Knistern des Kamins.
Dann legte Sansa langsam ihren Kopf an meine Schulter.
Ich drehte mich zu ihr und gab ihr einen Kuss auf die Haare.
Sie atmete tief ein.
Und wieder aus.
„Du bist wirklich hier.“
Ich lächelte schwach.
„Ja.“
Sie hob den Kopf.
Ihre Augen glänzten.
„Ich glaube, ich habe heute bestimmt zwanzigmal nachgesehen, ob du noch irgendwo im Raum bist.“
Ich nahm ihre Hand.
„Das hab ich gemerkt.“
Sie lachte leise.
„Tut mir leid.“
„Muss es nicht.“
Ich strich mit meiner goldenen Hand über ihre Finger.
„Ich find's sogar ziemlich süß.“
Sie sah mich an.
„Lukas…“
„Hm?“
„Ich hab dich so vermisst.“
Ihre Stimme war auf einmal ganz leise.
Ich rückte näher.
„Ich dich auch.“
Sie schluckte.
„Nein.“
Ich sah sie verwirrt an.
„Was?“
Sie schüttelte langsam den Kopf.
„Nicht so.“
Dann sah sie auf unsere Hände.
„Du hast mich natürlich vermisst. Das weiß ich. Aber…“
Sie suchte nach Worten.
„Für dich war ich ein paar Wochen weg.“
Ich sagte nichts.
„Für mich warst du fast zwei Jahre verschwunden.“
Und plötzlich wusste ich nicht mehr, was ich antworten sollte.
Sansa setzte sich etwas anders hin, sodass sie mir gegenüber saß.
Ich ließ ihre Hand nicht los.
„Wie war es?“, fragte ich vorsichtig.
Sie lachte einmal leise.
Nicht fröhlich.
„Was möchtest du wissen?“
„Alles.“
Sie sah mich an.
Dann schüttelte sie den Kopf.
„Das würde ziemlich lange dauern.“
„Wir haben Zeit.“
Sie lächelte.
Doch nach einigen Sekunden verschwand das Lächeln wieder.
„Am Anfang war ich gar nicht so besorgt.“
Ich hörte zu.
„Du warst mit Jaime unterwegs. Mit Lewyn. Und Stannis und Davos kannten angeblich den Weg.“
„Ja.“
„Ich dachte, ihr findet Lennard, redet mit ihm und kommt zurück.“
Sie strich über meinen Handrücken.
„Ich hab sogar angefangen, mir Gedanken darüber zu machen, wie wir danach nach Winterfell reisen könnten.“
Ich lächelte schwach.
„Wirklich?“
Sie nickte.
„Ich hatte mit Brienne darüber gesprochen, dass man im Norden besser vor dem tiefsten Winter heiratet.“
Ich musste grinsen.
„Klingt nach dir.“
„Natürlich.“
Sie lächelte kurz.
Dann wurde sie still.
„Aber dann kam kein Brief.“
Ich sah sie an.
„Gar keiner?“
„Nein.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Und irgendwann waren die ersten Wochen vorbei.“
Ihre Finger hielten meine etwas fester.
„Weißt du, was ich in dieser Zeit ständig gemacht habe?“
„Was?“
„Ich bin morgens früh aufgestanden und zum Rabenhaus gegangen.“
Ich schluckte.
„Jeden Morgen?“
„Fast.“
Sie sah kurz zum Kamin.
„Ich hab die Männer dort irgendwann schon am Gesicht erkannt. Die wussten immer sofort, warum ich kam.“
Sie lächelte traurig.
„Manchmal hatten sie tatsächlich einen Raben aus dem Vale.“
Ich hob den Kopf.
„Und?“
„Dann bin ich fast gerannt.“
Ihre Stimme wurde leiser.
„Aber es waren Nachrichten über Handel. Über irgendwelche Lords. Über Straßen, die wegen Schnee gesperrt waren.“
Sie schüttelte leicht den Kopf.
„Nie von dir.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Also strich ich nur über ihre Hand.
Sansa sah mich wieder an.
„Einmal kam ein Rabe mit einem beschädigten Siegel aus der Nähe von Ironoaks.“
Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug.
„Und du dachtest…“
„Ja.“
Sie nickte.
„Ich war mir so sicher.“
Eine kleine Pause.
„Es war ein Bericht über einen Erdrutsch.“
Sie lachte bitter.
„Ich war so wütend auf dieses blöde Stück Pergament.“
Ich senkte den Blick.
„Sansa…“
„Nein, hör zu.“
Sie hob meine Hand und küsste sie kurz.
„Ich will dir das erzählen. Nicht damit du dich schlecht fühlst.“
Ich nickte langsam.
„Okay.“
Sie dachte einen Moment nach.
„Es gab Tage, da war ich überzeugt, dass du zurückkommst.“
„Mhm.“
„Und dann gab es Tage, da konnte ich kaum aufstehen.“
Ich sah sie an.
Sie blickte auf unsere ineinander verschränkten Finger.
„Brienne hat oft bei mir gesessen. Daenerys auch.“
Ich lächelte schwach.
„Daenerys?“
Sansa nickte.
„Mehr, als du wahrscheinlich denken würdest.“
Sie sah mich an.
„Sie hat irgendwann angefangen, mit Vaerax nach euch zu suchen. Anfangs nur kurze Strecken. Später konnte er weiter fliegen.“
Ich dachte an den perlweißen Drachen über den Bergen.
„Sie war wirklich wegen uns dort.“
„Ja.“
Sansa schluckte.
„Und jedes Mal, wenn sie zurückkam, bin ich ihr entgegengegangen.“
Ich spürte, wie es mir die Kehle zuschnürte.
„Und jedes Mal musste sie dir sagen, dass sie nichts gefunden hat.“
Sansa nickte.
Dann lächelte sie plötzlich schwach.
„Irgendwann hat Cengiz ihr verboten, mir noch vor dem Abendessen Bericht zu erstatten.“
Ich blinzelte.
„Warum?“
„Weil ich sonst den ganzen Tag nichts mehr gegessen habe.“
Ich starrte sie an.
Sie zuckte leicht mit den Schultern.
„Da war er ziemlich streng.“
„Kann ich mir vorstellen.“
„Er hat gesagt, du würdest ihn persönlich umbringen, wenn er zulässt, dass ich mich wegen dir kaputtmache.“
Trotz allem musste ich lächeln.
„Würde ich.“
Sansa lachte.
Ein kleines, echtes Lachen.
Dann wurde es wieder ruhig.
Ich betrachtete ihr Gesicht.
Und plötzlich bemerkte ich Dinge, die mir vorher gar nicht aufgefallen waren.
Nicht, dass sie anders aussah.
Sie war noch immer meine Sansa.
Ihre roten Haare.
Ihre hellen Augen.
Dieses vertraute Lächeln.
Aber in ihrem Blick lag etwas, das ich vor meiner Abreise nicht gekannt hatte.
Etwas Müdes.
Etwas, das nicht von einem einzelnen schlechten Tag kam.
„Warst du manchmal…“, begann ich.
Ich stockte.
Sansa wartete.
„Warst du manchmal richtig wütend auf mich?“
Sie sah mich überrascht an.
Dann dachte sie nach.
„Ja.“
Ich nickte langsam.
„Okay.“
„Nicht ständig.“
Sie drehte meine Hand in ihrer.
„Aber manchmal.“
Ich sah sie an.
„Weswegen?“
Sie atmete tief ein.
„Weil du wieder gegangen warst.“
Ich schluckte.
„Ich weiß, warum du gegangen bist“, sagte sie sofort. „Ich verstehe es. Lennard verdient seinen Vater. Stannis hatte jedes Recht, ihn zu suchen.“
Ich nickte.
„Aber manchmal war mir vollkommen egal, wie vernünftig das alles gewesen war.“
Sie lachte leise über sich selbst.
„Manchmal wollte ich einfach nur, dass du hier bist.“
Ich rückte näher.
„Das verstehe ich.“
„Einmal…“
Sie hielt inne.
Ich wartete.
„Einmal war ich richtig sauer.“
„Was ist passiert?“
„Joren hatte Geburtstag.“
Ich sah auf.
Sie nickte langsam.
„Er hatte dich und Jaime vermisst. Und er fragte Brienne, ob ihr vielleicht als Überraschung kommen würdet.“
Mein Herz zog sich zusammen.
„Oh Gott.“
„Brienne hat gesagt, sie wüsste es nicht.“
Sansa sah zum Fenster.
„Und dann hat Joren ständig zur Tür geschaut.“
Ich schloss kurz die Augen.
„Scheiße.“
Sansa drückte meine Hand.
„Ja.“
Sie schwieg einen Moment.
„Abends hab ich mich in unser Zimmer gesetzt und war so wütend.“
„Auf mich?“
„Auf dich. Auf das Vale. Auf Stannis. Auf alles.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich hab sogar dein Kissen gegen die Wand geworfen.“
Ich musste trotz allem kurz lachen.
„Mein armes Kissen.“
Sie sah mich an.
„Es hat überlebt.“
„Gut.“
Dann lächelte sie traurig.
„Danach hab ich es wieder aufgehoben und damit geschlafen.“
Das Lachen verschwand mir.
Ich zog sie vorsichtig in meine Arme.
Sie ließ sich sofort an mich sinken.
Eine Weile hielt ich sie einfach fest.
„Es tut mir leid“, murmelte ich.
Sansa schüttelte leicht den Kopf an meiner Schulter.
„Ich weiß, dass du nicht absichtlich weg warst.“
„Trotzdem.“
Ich strich ihr über den Rücken.
„Ich bin mit dem Gedanken losgegangen, dass ich nach ein paar Wochen wieder bei dir bin.“
„Ich weiß.“
„Und dann waren es zwei verdammte Jahre.“
Sie nickte.
Ich atmete schwer aus.
„Ich weiß nicht mal, wie ich das begreifen soll.“
Sansa hob langsam den Kopf.
„Du musst es nicht heute begreifen.“
Ich sah sie an.
„Aber ich will.“
„Dann erzähle ich dir davon.“
Ihre Hand wanderte an meine Wange.
„Nicht alles heute. Nicht alles auf einmal.“
Ich nickte.
„Okay.“
Sie küsste mich kurz.
Dann lehnte sie ihre Stirn gegen meine.
„Weißt du, was das Schlimmste war?“
Ich schüttelte den Kopf.
Ihre Stimme wurde kaum hörbar.
„Dass ich irgendwann angefangen habe, mir ein Leben ohne dich vorzustellen.“
Ich erstarrte.
Sansa schloss die Augen.
„Nicht weil ich es wollte.“
„Ich weiß.“
„Sondern weil ich Angst hatte, dass ich irgendwann keine andere Wahl habe.“
Mir wurde ganz schwer ums Herz.
„Ich hab manchmal gedacht, vielleicht bist du irgendwo gestorben und ich sitze hier und warte auf jemanden, der nie wiederkommt.“
Sie schluckte.
„Und dann hab ich mich dafür gehasst, dass ich überhaupt so etwas gedacht habe.“
Ich nahm ihr Gesicht vorsichtig zwischen meine Hände.
„Sansa.“
Sie öffnete die Augen.
„Du musst dich dafür nicht hassen.“
Eine Träne lief ihr über die Wange.
Ich wischte sie weg.
„Du hast zwei Jahre lang nicht gewusst, was mit mir passiert ist.“
Sie nickte.
„Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie schlimm das war.“
Ich schluckte.
„Und ich kann dir auch nicht versprechen, dass ich nie wieder irgendwohin muss.“
Sie sah mich an.
Ich fuhr leise fort.
„Aber ich will nicht, dass du jemals denkst, ich hätte dich vergessen. Oder dass du für mich irgendwie weniger wichtig bist.“
Sie schüttelte sofort den Kopf.
„Das hab ich nie gedacht.“
„Gut.“
Ich gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Weil du das Wichtigste in meinem Leben bist. Zusammen mit meiner Familie.“
Sie lächelte durch die Tränen.
„Ich weiß.“
Dann legte sie ihre Arme um mich.
Und diesmal hielt sie mich so fest, dass ich meine verletzte Rippe deutlich spürte.
„Aua.“
Sansa ließ sofort los.
„Oh Gott!“
Ich lachte.
„Nein, nein, alles gut.“
„Lukas!“
„Ich lebe noch.“
Sie schüttelte den Kopf.
Dann musste sie ebenfalls lachen.
„Du bist unmöglich.“
„Du hast mich vermisst.“
Sie sah mich an.
„Leider unfassbar.“
Wir hatten uns irgendwann richtig ins Bett gelegt.
Ich lag auf dem Rücken, Sansa seitlich an mich gekuschelt. Ihr Kopf ruhte auf meiner Schulter, und meine Hand strich langsam durch ihre Haare.
Draußen hörte man das Meer.
Ich war müde.
Eigentlich unfassbar müde.
Aber ich wollte noch nicht schlafen.
Nicht, solange sie so viel zu erzählen hatte.
„Was hast du eigentlich sonst so gemacht?“, fragte ich irgendwann.
Sie hob leicht den Kopf.
„Sonst?“
„Ja. In den zwei Jahren. Also… an normalen Tagen.“
Sie überlegte.
„Viel gelesen.“
„Natürlich.“
„Cengiz und Daenerys bei der Verwaltung geholfen.“
„Mhm.“
„Mit Brienne trainiert.“
Ich grinste.
„Du hast weiter trainiert?“
„Natürlich.“
„Dann muss ich ja aufpassen.“
Sie lächelte verschmitzt.
„Das musstest du schon vorher.“
„Stimmt.“
Dann wurde sie nachdenklich.
„Und ich habe angefangen, morgens am Meer spazieren zu gehen.“
„Allein?“
„Meistens.“
Sie strich gedankenverloren über mein Hemd.
„Es gibt hier einen kleinen Weg oberhalb der östlichen Klippen. Dort wachsen inzwischen Blumen, seit Dragonstone wieder grüner geworden ist.“
Ich lächelte.
„Wirklich?“
Sie nickte.
„Ganz kleine weiße. Und violette.“
„Klingt schön.“
„Ist es auch.“
Eine Pause.
„Ich bin fast jeden Morgen dort gewesen.“
„Warum?“
Sie lächelte traurig.
„Weil man von dort das Meer in Richtung Vale sieht.“
Ich sagte nichts.
Sie fuhr fort:
„Manchmal hab ich mir vorgestellt, dass irgendwo dort draußen ein Schiff auftaucht. Und du stehst vorne an der Reling.“
Ich schluckte.
„Mit Papa wahrscheinlich.“
„Natürlich.“
Sie lächelte.
„Und du winkst wie ein Idiot.“
Ich lachte leise.
„Das würde ich.“
„Ich weiß.“
Dann sah sie mich an.
„Manchmal habe ich dort aber auch einfach nur gesessen.“
„Und?“
Sie zuckte leicht mit den Schultern.
„An dich gedacht.“
Ich zog sie näher.
„Morgen zeigst du mir den Weg.“
Sie hob den Kopf.
„Wirklich?“
„Ja.“
„Auch wenn du noch verletzt bist?“
„Wir können langsam gehen.“
Sie lächelte.
„Dann machen wir das.“
Ich gab ihr einen Kuss.
Sie erwiderte ihn, legte ihre Hand an meine Wange und blieb anschließend noch einen Moment ganz nah.
„Ich hab mir so oft vorgestellt, wie das sein würde“, flüsterte sie.
„Was?“
„Dich wieder zu küssen.“
Ich lächelte schwach.
„Und?“
Sie betrachtete mich.
„Besser.“
Ich grinste.
„Gut.“
„Allerdings…“
„Oh oh.“
„Du bist noch genauso frech.“
„Zwei Jahre reichen nicht, um mich zu ändern.“
„Offensichtlich.“
Wir lachten beide.
Und irgendwie war dieses kleine Lachen gerade unfassbar schön.
Weil es sich normal anfühlte.
Vertraut.
Als wären wir nie getrennt gewesen.
Irgendwann lagen wir wieder schweigend nebeneinander.
Sansa hatte ihre Hand auf meine Brust gelegt.
Ich betrachtete den Feuerschein an der Decke.
Und dann dachte ich wieder daran.
An Tarth.
An den Regen.
An dieses Gespräch im Bett.
An Winterfell.
„Sansa?“
„Hm?“
„Weißt du noch, worüber wir damals auf Tarth gesprochen haben?“
Sie hob langsam den Kopf.
„Über vieles.“
Ich grinste.
„Du hast ungefähr drei Stunden darüber philosophiert, ob Daenerys schwanger ist.“
Sansa begann sofort zu lachen.
„Das war doch eine vollkommen berechtigte Vermutung!“
„Es waren Drachen, Schatz.“
„Das wusste ich damals nicht!“
„Du hast schon Namen ausgesucht.“
Sie versteckte lachend ihr Gesicht an meiner Schulter.
„Hör auf.“
Ich strich ihr durch die Haare.
„Aber ich meine das andere.“
Sie wurde langsam ruhiger.
Und dann sah sie mich an.
„Winterfell.“
Ich nickte.
Ihr Lächeln veränderte sich.
Es wurde ganz weich.
„Du hast es nicht vergessen.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Natürlich nicht.“
Sie sah mich eine Weile an.
„Lukas…“
„Hm?“
„Ich wusste irgendwann nicht mehr, ob wir das noch machen würden.“
Ich schluckte.
„Wegen der zwei Jahre?“
Sie nickte.
„Am Anfang habe ich noch darüber nachgedacht, wie alles aussehen könnte.“
Ihre Finger spielten mit meiner Hand.
„Aber irgendwann hat es wehgetan.“
Ich sah sie an.
„Die Hochzeit?“
„Darüber nachzudenken.“
Sie lächelte traurig.
„Weil ich mir nicht vorstellen wollte, in diesem Götterhain zu stehen, wenn du vielleicht nie zurückkommst.“
Ich zog sie sanft näher.
„Sansa…“
„Und irgendwann hab ich meine kleinen Zeichnungen weggelegt.“
Ich blinzelte.
„Zeichnungen?“
Sie sah mich etwas ertappt an.
„Ja.“
Ich grinste langsam.
„Du hast Zeichnungen gemacht?“
„Ein paar.“
„Von was?“
Sie zog die Augenbrauen hoch.
„Von Winterfell.“
„Und?“
„Vom Götterhain.“
Ich lächelte.
„Und?“
Sie lachte.
„Von meinem Kleid.“
Ich musste grinsen.
„Oh mein Gott.“
„Was?“
„Du hast wirklich schon alles geplant.“
„Nicht alles!“
Ich küsste sie kurz.
„Ich liebe dich.“
Sie lächelte.
„Ich dich auch.“
Eine Weile betrachteten wir einander.
Dann fiel mir etwas ein.
„Ach übrigens…“
Sie sah mich neugierig an.
„Was?“
Ich grinste.
„Papa weiß Bescheid.“
Sansa erstarrte.
„Was?“
„Von der Hochzeit.“
Sie setzte sich sofort etwas auf.
„Lukas!“
Ich lachte.
„Was denn?“
„Du hast es ihm erzählt?!“
„Ja!“
Sie sah mich an, als könnte sie sich nicht entscheiden, ob sie lachen oder weinen sollte.
„Wann?“
„Im Vale.“
„Im Vale?“
„Ja.“
Ich erzählte ihr von dem kleinen Bach.
Von unserem geschützten Felsvorsprung.
Davon, wie Papa und ich nebeneinander gesessen hatten, nachdem wir gegen die Mutationen gekämpft hatten.
Wie wir über Cor Unum gesprochen hatten.
Über unsere Angst.
Und schließlich über sie.
Sansa hörte aufmerksam zu.
„Und dann hab ich es ihm gesagt.“
„Einfach so?“
Ich lachte.
„Überhaupt nicht einfach.“
Sie grinste.
„Warst du nervös?“
„Ich hab ungefähr fünfmal angefangen und wieder aufgehört.“
Sansa lachte leise.
„Das hätte ich gern gesehen.“
„Nein, hättest du nicht.“
„Doch.“
Ich grinste.
„Jedenfalls hab ich ihm gesagt, dass wir gern heiraten möchten. In Winterfell. Im Götterhain.“
Sie sah mich mit großen Augen an.
„Und?“
Ich lächelte.
„Er war völlig aus dem Häuschen.“
Sansas Hand wanderte vor ihren Mund.
„Wirklich?“
„Er hat mich sofort in den Arm genommen.“
Ihre Augen wurden feucht.
„Oh, Lukas…“
„Und er meinte, ich brauche seine Erlaubnis nicht, aber dass er unfassbar glücklich darüber ist.“
Sie strahlte.
„Das ist so schön.“
Ich nickte.
„Er hat gesagt, er möchte unbedingt dabei sein. Ganz vorne.“
Sansa lachte gerührt.
„Natürlich.“
„Und dass er stolz auf mich ist.“
Ich schluckte.
„Nicht wegen irgendwelcher Kämpfe. Sondern weil ich jemanden gefunden habe, mit dem ich glücklich sein will.“
Sansa wurde ganz still.
Dann beugte sie sich vor und küsste mich.
Lange.
Liebevoll.
Als sie sich löste, hatte sie Tränen in den Augen.
„Dein Papa ist wirklich ein besonderer Mensch.“
Ich nickte.
„Ja.“
Sie strich mir über die Wange.
„Ich hab damals auf Tarth schon gewusst, dass er sich so freuen würde.“
„Er hat übrigens behauptet, er wird bei der Hochzeit nicht weinen.“
Sansa begann sofort zu lachen.
„Jaime?“
„Ja.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Der wird weinen, sobald er dich fertig angezogen sieht.“
„Das hab ich ihm auch gesagt.“
„Und spätestens, wenn wir vor dem Baum stehen.“
Ich grinste.
„Er meinte, es wäre nur der Wind.“
Sansa lachte so sehr, dass sie kurz den Kopf an meine Brust legen musste.
„Oh, Jaime.“
Dann hob sie den Blick.
„Weiß es sonst jemand?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Nicht einmal Tyrion?“
„Vor allem nicht Tyrion.“
Sie grinste.
„Gut.“
Ich nahm ihre Hand.
„Ich hab's dir versprochen.“
Sansa drückte meine Finger.
„Danke.“
Winterfell
Wir lagen noch eine Weile nebeneinander.
Dann richtete Sansa sich langsam auf.
„Darf ich dir etwas sagen?“
Ich sah sie an.
„Immer.“
Sie setzte sich mit angewinkelten Beinen vor mich.
Ihre roten Haare fielen über ihre Schultern.
„Ich möchte immer noch in Winterfell heiraten.“
Ich lächelte.
„Ich auch.“
„Aber…“
Sie hielt kurz inne.
Ich wartete.
„Ich möchte nicht, dass wir es nur machen, weil wir damals darüber gesprochen haben.“
Ich sah sie fragend an.
Sie nahm meine Hand.
„Ich möchte, dass du es jetzt willst.“
Ich blinzelte.
„Sansa.“
„Nach allem, was passiert ist. Nach Whitestone Hollow. Nach diesen zwei Jahren.“
Ihre Stimme wurde sanfter.
„Du musst nicht sofort alles nachholen wollen.“
Ich betrachtete sie einen Moment.
Dann setzte ich mich ebenfalls auf.
„Darf ich dir jetzt etwas sagen?“
Sie nickte.
„Ich will dich heiraten.“
Sie hielt kurz den Atem an.
Ich lächelte.
„Nicht, weil wir es damals besprochen haben.“
Ich zog ihre Hand etwas näher.
„Und auch nicht, weil du zwei Jahre auf mich gewartet hast und ich jetzt irgendwas wiedergutmachen muss.“
Ihre Augen glänzten.
„Sondern weil ich mein Leben mit dir verbringen will.“
Sansa sagte nichts.
Ich sprach weiter.
„Ich will morgens neben dir aufwachen. Ich will mit dir frühstücken. Ich will mit dir streiten, ob wir nach Winterfell oder Casterly Rock reisen.“
Sie lachte leise.
„Winterfell.“
„Siehst du? Schon der erste Streit.“
Sie grinste.
Ich strich ihr über die Finger.
„Ich will mit dir durch den Schnee laufen. Ich will mit dir irgendwann Kinder haben, wenn wir beide bereit dafür sind.“
Ihr Gesicht wurde ganz weich.
„Lukas…“
„Und ich will irgendwann mit dir alt werden.“
Ich lächelte etwas schief.
„Auch wenn du wahrscheinlich immer noch schöner aussiehst als ich.“
Sie lachte durch ihre Tränen.
„Das auf jeden Fall.“
„Frech.“
Dann wurde ich wieder ernst.
„Ich will das alles mit dir, Sansa.“
Sie hielt meine Hand ganz fest.
„Ich auch.“
Eine Weile sahen wir einander einfach an.
Dann fragte sie leise:
„Und du bist dir sicher mit Winterfell?“
Ich nickte.
„Ja.“
Sie lächelte.
„Auch wenn es dort schneit?“
„Gerade dann.“
„Auch wenn es kalt ist?“
„Ich hab Papa. Der hat immer eine Decke.“
Sie lachte laut auf.
„Lukas!“
Ich grinste.
Dann wurde ich etwas nachdenklicher.
„Und ehrlich gesagt… ich möchte nicht in Casterly Rock heiraten.“
Sansa verstand sofort.
Ihr Lächeln wurde sanfter.
„Wegen Marlis.“
Ich nickte.
Eine Weile sagte ich nichts.
Dann atmete ich langsam aus.
„Ich weiß, dass Casterly Rock mein Zuhause ist. Dass Papa dort aufgewachsen ist. Dass dort so viel von unserer Familie steckt.“
Ich sah auf unsere Hände.
„Aber nach allem, was mit Marlis passiert ist, möchte ich nicht, dass unsere Hochzeit dort stattfindet.“
Sansa nickte.
„Das verstehe ich.“
„Ich möchte nicht das Gefühl haben, dass ich irgendetwas wiederhole.“
Sie strich mir über den Handrücken.
„Das werden wir auch nicht.“
Ich sah sie an.
„Und Winterfell ist dein Zuhause.“
Sie lächelte.
„Ja.“
„Dann möchte ich dort mit dir heiraten.“
Sansa rückte näher.
„Im Götterhain.“
„Im Götterhain.“
„Unter dem großen Wehrholzbaum.“
„Mhm.“
„Mit leichtem Schneefall.“
Ich grinste.
„Nicht mit einem verdammten Schneesturm.“
Sie lachte.
„Nein. Nur so viel, dass alles weiß aussieht.“
„Okay.“
Sie sah mich an.
„Und ich möchte, dass wir vorher ein paar Tage dort sind.“
Ich nickte.
„Natürlich.“
„Nicht einfach ankommen und sofort heiraten.“
„Nein.“
Ihre Augen leuchteten langsam wieder so wie damals auf Tarth.
„Ich möchte dir Winterfell richtig zeigen. Vielleicht gehen wir morgens zusammen durch den Götterhain. Oder reiten ein Stück hinaus.“
Ich lächelte.
„Klingt wunderschön.“
„Und ich möchte, dass deine Familie sich dort wohlfühlt.“
Ich musste grinsen.
„Papa wird wahrscheinlich jammern, dass es kalt ist.“
„Dann bekommt er einen besonders warmen Mantel.“
„Tyrion wird sich über den Wein beschweren.“
„Dann besorgen wir guten Wein.“
„Bronn wird fragen, wann es endlich Essen gibt.“
Sansa lachte.
„Dann bekommt er Essen.“
„Cengiz wird vermutlich einen Drachen mitbringen.“
Sie hielt inne.
Dann lachten wir beide.
„Das müssen wir vielleicht vorher klären“, sagte sie.
Ich nickte ernst.
„Eine Hochzeit mit drei Drachen wäre zumindest unvergesslich.“
„Lukas!“
„Was denn?“
„Bitte keine Drachen im Götterhain.“
„Nicht mal Zahaeryx?“
Sie überlegte gespielt ernst.
„Nur wenn er sich benimmt.“
Ich lachte und küsste sie.
Dann lehnte sie ihre Stirn an meine.
„Und ich möchte, dass Joren dabei ist.“
Mein Lächeln wurde weicher.
„Natürlich.“
„Er könnte uns vielleicht die Ringe bringen.“
Ich grinste.
„Oh Gott.“
„Was?“
„Stell dir vor, er kommt mit seinem kleinen Holzschwert angelaufen.“
Sansa begann zu lachen.
„Das würde er.“
„Und Papa ist völlig fertig, weil er Angst hat, Joren stolpert.“
„Oder weil er schon wieder weint.“
Ich lachte.
„Wahrscheinlich beides.“
Dann sahen wir uns an.
Und plötzlich wurde mir bewusst, wie wunderschön dieser Gedanke eigentlich war.
Joren.
Papa.
Tyrion.
Brienne.
Unsere Freunde.
Sansa und ich.
Winterfell.
Eine Hochzeit.
Nicht irgendein politisches Bündnis.
Nicht irgendeine Pflicht.
Unsere Entscheidung.
Sansa legte ihre Hände an meine Wangen.
Ich sah sie an.
„Was?“
Sie lächelte.
„Ich möchte dich etwas fragen.“
„Okay.“
Sie atmete tief ein.
Dann sagte sie ganz leise:
„Wenn du heute noch einmal entscheiden könntest…“
Ich wartete.
„Wenn du all das weißt, was passiert ist. Die Kriege. Die Verluste. Diese zwei Jahre.“
Ihre Augen glänzten.
„Würdest du dich wieder für mich entscheiden?“
Ich sah sie einen Moment lang an.
Ehrlich überrascht.
Nicht wegen der Frage.
Sondern weil sie sie überhaupt stellen musste.
Ich nahm ihre Hände.
„Sansa.“
Sie blickte mich an.
„Ja.“
Eine Träne lief ihr über die Wange.
Ich lächelte.
„Immer wieder.“
Sie schluckte.
Ich beugte mich näher.
„Auch wenn ich wüsste, dass wir diese zwei Jahre verlieren.“
Sie schloss kurz die Augen.
„Auch wenn ich wüsste, dass du manchmal sauer auf mich bist.“
Ein kleines Lachen.
„Manchmal sehr.“
„Auch dann.“
Ich strich ihr über die Wange.
„Und selbst wenn ich noch hundertmal entscheiden müsste, würde ich dich jedes Mal wieder wählen.“
Jetzt weinte sie richtig.
Aber sie lächelte.
Ich zog sie vorsichtig in meine Arme.
Sie schlang beide Arme um meinen Rücken und drückte sich an mich.
„Ich liebe dich“, flüsterte sie.
„Ich liebe dich auch.“
Wir blieben eine ganze Weile so sitzen.
Dann löste sie sich gerade weit genug, um mich anzusehen.
„Dann möchte ich auch noch einmal Ja sagen.“
Ich grinste.
„Ja wozu?“
Sie sah mich gespielt empört an.
„Lukas!“
„Ich frag ja nur.“
Sie lachte durch ihre Tränen.
Dann nahm sie meine goldene Hand zwischen ihre beiden.
„Ja zu dir.“
Ich wurde still.
„Ja zu Winterfell.“
Sie küsste meine Finger.
„Ja zu unserer Hochzeit.“
Dann sah sie mir direkt in die Augen.
„Und ja zu einem Leben mit dir.“
Ich schluckte.
„Dann sind wir uns einig.“
Sie lächelte.
„Sind wir.“
Ich beugte mich vor und küsste sie.
Erst ganz sanft.
Dann noch einmal.
Sie legte eine Hand in meinen Nacken und erwiderte den Kuss.
Als wir uns voneinander lösten, blieben unsere Stirnen aneinanderliegen.
Ich lächelte.
„Also… Frau Lannister?“
Sansa begann zu lachen.
„Noch nicht.“
„Bald.“
Sie lächelte.
„Bald.“
Dann sah sie mich schelmisch an.
„Allerdings solltest du vielleicht erst einmal lernen, wie man ordentlich kocht.“
Ich starrte sie an.
„Wie bitte?“
„Ich möchte schließlich nicht verhungern.“
„Ich hab auf Tarth mit Papa gekocht!“
Sie lachte.
„Du hast Gemüse geschnitten.“
„Sehr gutes Gemüse.“
„Natürlich.“
„Tyrion hat mich gelobt.“
„Tyrion hat mich gelobt.“
Ich hielt kurz inne.
„Okay, das stimmt.“
Sie lachte so sehr, dass sie ihren Kopf wieder an meine Schulter legte.
Und ich lachte mit ihr.
Irgendwann wurde das Feuer kleiner.
Draußen hatte der Wind etwas aufgefrischt, aber das Meer rauschte weiterhin ruhig gegen die Küste.
Sansa und ich lagen wieder unter der Decke.
Diesmal hatte sie sich ganz an meine unverletzte Seite gekuschelt. Ihr Kopf lag nahe an meiner Schulter, und ich hielt sie mit einem Arm fest.
Ihre Finger spielten gedankenverloren mit meiner goldenen Hand.
Eine ganze Weile sagten wir nichts.
Dann flüsterte sie:
„Lukas?“
„Hm?“
„Darf ich dir noch etwas sagen?“
Ich küsste sie kurz auf den Kopf.
„Immer.“
Sie schwieg kurz.
„Manchmal bin ich nachts aufgewacht und habe automatisch nach dir gegriffen.“
Ich sah zu ihr herunter.
Sie blickte auf unsere Hände.
„Und dann war da niemand.“
Mein Herz zog sich zusammen.
„Sansa…“
Sie lächelte schwach.
„Heute Morgen bin ich aufgewacht und habe wieder nach deiner Seite des Bettes gesehen.“
Ich schluckte.
„Und?“
„Sie war leer.“
Natürlich.
Da war ich gerade erst zurückgekommen.
Sie fuhr leise fort:
„Ich habe einen Moment gebraucht, um mich daran zu erinnern, dass du wirklich wieder da bist.“
Ich strich ihr durch die Haare.
„Morgen früh bin ich hier.“
Sie sah mich an.
Ich lächelte.
„Und wenn du aufwachst, kannst du mich so viel nerven, wie du möchtest.“
Sie lachte.
„Ach wirklich?“
„Mhm.“
„Auch früh morgens?“
Ich verzog das Gesicht.
„Jetzt übertreib nicht.“
Sie lachte wieder.
Dann legte sie ihren Kopf zurück an meine Schulter.
„Ich glaube, ich werde trotzdem ziemlich oft nachsehen.“
„Dann mach das.“
Ich küsste sie auf die Stirn.
„Ich werde wahrscheinlich genauso oft nachsehen, ob du noch da bist.“
Sie schwieg einen Moment.
Dann sagte sie:
„Weißt du, ich möchte nicht, dass wir so tun, als wären diese zwei Jahre nie passiert.“
Ich sah sie an.
„Das will ich auch nicht.“
„Sie gehören jetzt irgendwie zu uns.“
Ich nickte.
„Ja.“
Sie strich über meine Brust.
„Aber ich möchte auch nicht, dass sie alles bestimmen, was jetzt kommt.“
Ich lächelte.
„Dann lassen wir das nicht zu.“
Sie hob den Kopf.
„Und wenn es manchmal schwierig wird?“
„Dann reden wir.“
Ich zuckte leicht mit den Schultern.
„Oder du wirfst wieder mein Kissen gegen die Wand.“
Sie lachte laut auf.
„Lukas!“
„Was? Hat doch schon einmal geholfen.“
Sie schüttelte den Kopf und gab mir einen Kuss.
Dann wurde sie wieder ganz ruhig.
„Ich bin froh, dass du wieder bei mir bist.“
Ich hielt sie etwas fester.
„Und ich bin froh, dass du auf mich gewartet hast.“
Sie sah mich an.
„Ich hätte dich auch nach drei Jahren noch gesucht.“
Ich schluckte.
„Ich weiß.“
Ich strich ihr langsam über die Wange.
„Aber jetzt möchte ich, dass wir anfangen, wieder zusammen zu leben. Nicht nur aufeinander zu warten.“
Sansa lächelte.
„Das möchte ich auch.“
Ich atmete tief durch.
Dann sagte ich leise:
„Und irgendwann stehen wir in Winterfell.“
Sie schloss lächelnd die Augen.
„Im Götterhain.“
„Mit Schnee.“
„Mit unseren Familien.“
„Mit Papa, der angeblich nicht weint.“
Sie kicherte.
„Und mit dir.“
Ich lächelte.
„Und mit mir.“
Wir küssten uns noch einmal.
Dann kuschelte sie sich wieder an mich, ganz selbstverständlich, als gehörte sie genau dorthin.
Ich strich ihr noch eine Weile durch die Haare.
Ihre Atmung wurde langsam ruhiger.
Aber kurz bevor sie einschlief, hörte ich sie noch etwas murmeln.
„Lukas?“
„Ja, Schatz?“
„Du wirst ein wunderschöner Bräutigam.“
Ich musste leise lachen.
„Du hast mich noch gar nicht im Gewand gesehen.“
„Brauche ich nicht.“
Sie drückte sich näher an mich.
„Ich weiß es einfach.“
Ich küsste sie auf die Stirn.
„Und du wirst die schönste Braut in ganz Westeros.“
Sie lächelte mit geschlossenen Augen.
„Das hoffe ich.“
„Ich weiß es.“
Die Verkündung
Die nächsten Tage auf Dragonstone waren wunderschön.
Nicht unbedingt, weil besonders viel passierte.
Sondern weil endlich einmal Dinge passierten, auf die ich mich freute.
Sansa und ich verbrachten viel Zeit miteinander. Wir gingen morgens am Meer entlang, saßen auf den Klippen und genossen das erstaunlich angenehme Wetter, das seit der Rückkehr von Cengiz und Daenerys über der Insel lag.
Auch meine Verletzungen heilten langsam vollständig ab.
Lewyn bestand natürlich darauf, Papa und mich regelmäßig zu untersuchen.
Was uns beide gleichermaßen nervte.
„Du bist jetzt unser Maester“, beschwerte sich Papa eines Morgens. „Nicht unser Gefängniswärter.“
Lewyn blickte nicht einmal von meinem Verband auf.
„Dann benehmt Euch nicht wie zwei Gefangene, die ständig versuchen, aus der Krankenstation auszubrechen.“
Ich lachte.
Papa sah mich an.
„Du bist auch nicht besser.“
„Ich hab gar nichts gesagt.“
„Du hast gelacht.“
„Darf ich das nicht?“
„Nicht auf meine Kosten.“
Lewyn schüttelte grinsend den Kopf.
Es tat gut, ihn wieder gelegentlich lächeln zu sehen.
Natürlich gab es auch weiterhin diese Momente, in denen er plötzlich still wurde.
Wenn jemand Rodrik erwähnte.
Wenn er abends auf das Meer blickte.
Oder wenn Joren mit seinem kleinen Holzschwert durch die Halle rannte und Lewyn kurz daran erinnert wurde, wie Rodrik früher über die kleinen Ritter gescherzt hatte.
Aber Lewyn war nicht mehr allein.
Und das wusste er inzwischen.
Eines Morgens saß ich mit Sansa auf unserem Balkon.
Sie hatte ihre Haare offen und trank eine Tasse Tee, während ich neben ihr saß und aufs Meer blickte.
„Also“, sagte sie plötzlich.
Ich drehte mich zu ihr.
„Also?“
Sie lächelte.
„Wann sagen wir es ihnen?“
Ich wusste sofort, was sie meinte.
„Heute?“
Ihre Augen leuchteten.
„Wirklich?“
Ich grinste.
„Warum nicht? Wir können es ja schlecht bis Winterfell geheim halten.“
„Stimmt.“
Sie stellte ihre Tasse ab.
„Dann heute Abend beim Essen.“
Ich nickte.
„Okay.“
Sie schob sich näher an mich.
„Bist du nervös?“
„Wieso sollte ich?“
Sansa hob eine Augenbraue.
„Lukas.“
Ich lachte.
„Okay. Ein bisschen.“
„Dein Papa weiß es doch schon.“
„Ja, und der hat fast geheult.“
Sie lachte.
„Er wird heute Abend wieder heulen.“
„Hundertprozentig.“
Am Abend saßen wir alle gemeinsam in der großen Halle.
Papa neben Brienne, Joren zwischen ihnen.
Onkel Tyrion hatte selbstverständlich bereits Wein.
Paul unterhielt sich mit Lewyn über die Westerlands.
Cengiz und Daenerys saßen dicht nebeneinander und diskutierten darüber, ob Zahaeryx irgendwann genauso groß wie Vaerax werden würde.
Bronn und Tyene waren ebenfalls dabei.
Ich sah Sansa an.
Sie nickte mir zu.
Also stand ich langsam auf.
„Ähm… Leute?“
Tyrion hob sofort den Kopf.
„Oh nein.“
Ich starrte ihn an.
„Was?“
„Wenn ein Lannister beim Abendessen aufsteht und eine Ansprache halten möchte, endet das selten gut.“
Bronn nickte.
„Entweder stirbt jemand, oder wir müssen in einen Krieg.“
Cengiz grinste.
„Oder beides.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Könnt ihr vielleicht einmal fünf Sekunden normal sein?“
Papa lehnte sich zurück.
Ein verdächtig zufriedenes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.
Er wusste es natürlich.
Sansa stand ebenfalls auf und nahm meine Hand.
Jetzt wurde es tatsächlich stiller.
Ich blickte kurz zu ihr.
Sie lächelte.
Also atmete ich einmal tief durch.
„Sansa und ich haben in letzter Zeit viel miteinander gesprochen.“
„Das tun Paare gelegentlich“, murmelte Tyrion.
„Onkel.“
„Entschuldigung.“
Ich grinste.
„Und wir haben beschlossen, dass wir nach allem, was passiert ist, gerne etwas Schönes mit euch allen erleben möchten.“
Sansa drückte meine Hand.
Dann sah ich in die Runde.
„Wir wollen heiraten.“
Für einen Moment war es vollkommen still.
Dann—
„WAS?!“
Tyrion sprang beinahe von seinem Stuhl.
Bronn begann laut zu lachen.
Brienne hielt sich sofort eine Hand vor den Mund.
Daenerys strahlte.
Cengiz stand direkt auf.
Und Papa…
Papa saß einfach da und lächelte.
So unfassbar stolz, dass ich fast selbst lachen musste.
Sansa fuhr fort:
„Wir würden gerne in Winterfell heiraten. Im Götterhain.“
„BEI DEN SIEBEN!“, rief Tyrion.
Er hob seinen Becher.
„ENDLICH!“
Bronn schüttelte den Kopf.
„Unglaublich. Der Junge wird tatsächlich vernünftig.“
„Ich heirate, Bronn. Ich trete keinem Orden bei.“
„Ist fast dasselbe.“
Tyene schlug ihm lachend gegen den Arm.
Cengiz kam sofort auf mich zu.
„Bruder!“
Er zog mich in eine feste Umarmung.
„Das wurde aber auch Zeit!“
Ich lachte.
„Danke.“
„Und du heiratest wirklich eine Stark.“
„Ja?“
Cengiz grinste.
„Die Welt ist verloren.“
Sansa lachte.
Daenerys nahm sie währenddessen in den Arm.
„Ich freue mich so für dich.“
„Danke.“
„Winterfell wird wunderschön.“
Sansa nickte glücklich.
„Ich hoffe es.“
„Das wird es“, sagte Daenerys.
Dann stand Papa auf.
Und plötzlich wurde es ein bisschen ruhiger.
Er trat zu uns.
Erst nahm er Sansa in den Arm.
„Ich bin so glücklich, dass du zu unserer Familie gehörst.“
Sansa lächelte gerührt.
„Danke, Jaime.“
Dann sah Papa mich an.
Ich grinste.
„Du wusstest es ja schon.“
„Ja.“
Er nickte.
„Aber jetzt darf ich mich endlich öffentlich freuen.“
Ich lachte.
Er zog mich in seine Arme.
Fest.
„Ich bin stolz auf dich, mein Junge.“
Ich umarmte ihn zurück.
„Danke, Papa.“
Als wir uns lösten, sah ich, dass seine Augen tatsächlich etwas feucht waren.
„Du weinst.“
„Nein.“
„Papa.“
„Ich habe etwas im Auge.“
Tyrion hob sofort sein Glas.
„Bruder, ich sitze drei Meter entfernt. Du heulst.“
Alle lachten.
Papa drehte sich zu ihm.
„Willst du bei der Hochzeit eingeladen werden oder nicht?“
„Ich nehme alles zurück.“
Joren hatte währenddessen erstaunlich lange still zugehört.
Jetzt kam er zu uns.
Er sah erst Sansa an.
Dann mich.
„Ihr heiratet?“
Ich ging in die Hocke.
„Ja, kleiner Ritter.“
Er legte den Kopf schief.
„So richtig?“
„So richtig.“
„Mit Küssen?“
Sansa lachte.
„Ja.“
Joren verzog das Gesicht.
„Ihhh.“
Bronn lachte so laut, dass er beinahe sein Getränk verschüttete.
Ich grinste.
„Du wolltest doch auch mal heiraten.“
Joren verschränkte die Arme.
„Ja. Aber eine Ritterfrau.“
„Eine Ritterfrau?“
„Die mit mir kämpft.“
Papa nickte ernst.
„Sehr vernünftige Wahl.“
Joren dachte kurz nach.
Dann fragte er:
„Darf ich mein Schwert mitnehmen?“
Ich sah Sansa an.
Sie lächelte.
„Natürlich.“
Jorens Augen wurden riesig.
„DANN BIN ICH EUER RITTER!“
Ich hob ihn hoch.
„Abgemacht.“
Er legte sofort seine kleinen Arme um meinen Hals.
„Ich beschütze euch.“
Ich küsste ihn auf die Stirn.
„Das weiß ich.“
Raben und Reisepläne
Am nächsten Morgen machten Sansa und ich uns gemeinsam auf den Weg zum Rabenhaus.
Ein Diener hatte uns bereits Pergament, Tinte und Siegel vorbereitet.
Wir saßen nebeneinander an einem großen Holztisch.
Sansa hatte eine Liste.
Natürlich hatte Sansa eine Liste.
Ich sah sie an.
„Wie lange hast du daran gearbeitet?“
„Eine Stunde.“
„Natürlich.“
Sie grinste.
„Du kannst froh sein, dass ich keine drei Listen gemacht habe.“
„Ich bin unendlich dankbar.“
Sie stieß mich leicht mit dem Ellenbogen an.
Dann begannen wir.
Der erste Rabe ging an Erik Stark nach Winterfell.
Sansa schrieb einen besonders ausführlichen Brief.
Wir erklärten ihm, dass wir nach Winterfell kommen würden, um dort zu heiraten, und baten ihn, schon einmal erste Vorbereitungen treffen zu lassen.
Die Gästezimmer sollten geprüft werden.
Der Götterhain sollte in gutem Zustand sein.
Und vor allem sollte er wissen, dass wir wirklich alle unsere Freunde und Familienmitglieder dabeihaben wollten.
„Schreib noch dazu, dass er bitte nicht sofort halb Winterfell umbauen lassen soll“, sagte ich.
Sansa lachte.
„Warum?“
„Weil ich Erik kenne.“
Sie schmunzelte.
„Gut.“
Also ergänzte sie, dass die endgültige Planung erst beginnen würde, wenn wir selbst dort angekommen waren.
Dann versiegelten wir den Brief.
Als Nächstes folgte Storm's End.
An Lennard, Stannis und Davos.
Ich nahm selbst die Feder.
Ich schrieb Lennard, wie froh ich sei, dass er seinen Vater wiedergefunden hatte, und dass ich hoffte, dass es ihm langsam besser ging.
Und dass Sansa und ich heiraten wollten.
Du bist einer meiner besten Freunde. Es würde mir unglaublich viel bedeuten, wenn du dabei wärst.
Ich hielt kurz inne.
Dann ergänzte ich:
Und falls du denkst, dass ich dich bei meiner Hochzeit nicht mit Stormbreaker sehen will, liegst du falsch.
Sansa las es und lachte leise.
„Sehr romantisch.“
„Das ist Lennard.“
„Stimmt.“
Danach schrieben wir an Tarth, damit auch Selwyn über die Hochzeit informiert wurde und eine Einladung erhielt.
Ein weiterer Rabe ging an die Bäreninsel – an Kevin und Rina Mormont und die übrigen Freunde dort.
Dann folgte einer an Jon und Ygritte an der Mauer.
Sansa lächelte besonders, als sie deren Namen schrieb.
„Ich hoffe, sie können kommen.“
„Bestimmt.“
„Jon wird sich freuen.“
Ich nickte.
„Und Ygritte wird sich vermutlich darüber lustig machen, dass ich eine Stark heirate.“
Sansa lachte.
„Vermutlich.“
Dann ging ein Rabe nach Horn Hill.
An Dickon und Sam Tarly.
Und schließlich einer an Gyrontius Greyjoy und Sandor Clegane, den Hound, nach Blessed Springs.
Ich sah Sansa an.
„Stell dir vor, Sandor auf einer Hochzeit.“
Sie lachte.
„Er wird wahrscheinlich die ganze Zeit schimpfen.“
„Und Gyrontius wird danebenstehen und behaupten, dass ihm alles egal ist.“
„Bis es Essen gibt.“
Ich grinste.
„Genau.“
Als wir fertig waren, betrachtete ich die Briefe.
Sansa lehnte sich gegen meine Schulter.
„Ganz schön viele.“
„Halb Westeros.“
Sie lächelte.
„Unsere Familie.“
Ich sah sie an.
Dann gab ich ihr einen Kuss.
„Ja.“
Die folgenden Tage vergingen mit Vorbereitungen.
Cengiz und Daenerys kümmerten sich um die Drachen.
Zahaeryx war natürlich wenig begeistert davon, dass Cengiz plötzlich längere Zeit nicht bei ihm sein würde.
Als ich mit Papa und Sansa eines Morgens beim Dragonpit vorbeischaute, stand Cengiz direkt neben seinem weinroten Drachen und redete mit ihm.
„Du bleibst hier.“
Zahaeryx brummte.
„Ja.“
Noch ein Brummen.
„Nein.“
Ich musste lachen.
„Diskutierst du mit deinem Drachen?“
Cengiz sah zu mir.
„Er versteht mehr, als du denkst.“
Papa verschränkte die Arme.
„Das macht mir Sorgen.“
Daenerys hatte inzwischen mit den Drachenpflegern gesprochen.
Vaerax ruhte in einem größeren, offenen Bereich der Anlage, während Zahaeryx sich immer wieder an Cengiz schmiegte.
„Beide werden täglich versorgt“, erklärte einer der Pfleger. „Wir achten auf ihre Nahrung, die Bewegung und darauf, dass sie sich nicht gegenseitig stören.“
Daenerys nickte.
„Und niemand nähert sich ihnen ohne Erlaubnis.“
„Natürlich, meine Khaalesi.“
Cengiz strich Zahaeryx über die Schnauze.
„Benimm dich.“
Der Drache schloss kurz die Augen und drückte seinen Kopf gegen ihn.
Ich grinste.
„Ich glaube, er hört dir gar nicht zu.“
„Doch.“
Zahaeryx brummte.
Papa schnaubte.
„Eindeutig ein Targaryen.“
Währenddessen hatte Onkel Tyrion etwas getan, womit niemand wirklich gerechnet hatte.
Er hatte unsere gesamte Reiseroute ausgearbeitet.
Eines Morgens rief er uns in einen kleineren Saal.
Auf dem Tisch lag eine riesige Karte von Westeros.
Daneben mehrere Pergamente.
Und natürlich Wein.
Ich sah ihn an.
„Du hast gearbeitet?“
Tyrion hob den Blick.
„Eine erstaunliche Beobachtung.“
Papa trat neben mich.
„Bist du krank?“
„Ich bereue bereits, euch eingeladen zu haben.“
Sansa lachte.
Tyrion deutete auf Dragonstone.
„Wir fahren von hier aus mit einem Schiff nach White Harbor.“
Er führte seinen Finger entlang der Küste nach Norden.
„Vorbei an Crackclaw Point, entlang der östlichen Küsten und schließlich durch die Bite nach White Harbor.“
Ich nickte.
„Und von dort?“
„Kutschen.“
Er deutete auf die Kingsroad und die nördlichen Verbindungswege.
„Wir reisen von White Harbor aus auf dem Landweg nach Winterfell.“
Papa verschränkte die Arme.
„Wie lange?“
„Abhängig von Wind, Wetter und Straßenverhältnissen. Die Schiffsreise dürfte einen guten Teil der Strecke ausmachen.“
Ich grinste.
„Also länger als drei Tage.“
Tyrion sah mich an.
„Lukas, ich werde dich irgendwann aus einem Fenster werfen.“
„Bitte nicht wieder mit sowas anfangen“, murmelte Papa.
Alle lachten.
Sansa betrachtete die Karte.
„Das ist eine gute Route.“
Tyrion verbeugte sich leicht.
„Vielen Dank, zukünftige Lady Lannister.“
Sansa wurde tatsächlich etwas rot.
Ich grinste.
„Das gefällt dir, hm?“
Sie gab mir einen kleinen Stoß.
„Vielleicht.“
Schließlich war es so weit.
Der Morgen unserer Abreise war kühl, aber sonnig.
Über Dragonstone lag ein heller Himmel. Das Meer war ruhig, und ein leichter Wind wehte vom Wasser herauf.
Im Hafen wartete bereits unser Schiff.
Groß genug für unsere Reisegruppe, die Vorräte und das Gepäck.
Ich stand einen Moment auf dem Kai und betrachtete es.
Neben mir Sansa.
Ihre Hand in meiner.
Ein Stück weiter vorne redeten Papa und Tyrion bereits darüber, wie viel Wein man auf eine solche Reise mitnehmen durfte.
„Genug für die Fahrt“, sagte Papa.
„Also alles“, antwortete Tyrion.
Bronn kontrollierte mit Tyene einige Gepäckstücke.
Paul half Lewyn, seine Sachen an Bord zu bringen.
Brienne hielt Joren an der Hand, während dieser aufgeregt auf das Schiff zeigte.
Cengiz und Daenerys kamen gemeinsam den Weg zum Hafen herunter.
Ich blickte noch einmal zurück zur Burg.
Dragonstone.
Die schwarzen Türme.
Die Klippen.
Irgendwo dahinter die beiden Drachen.
Dann sah ich Sansa an.
Sie lächelte.
„Bereit?“
Ich atmete tief durch.
„Ja.“
Sie drückte meine Hand.
„Dann geht's nach Hause.“
Ich grinste.
„Zu dir nach Hause.“
Sansa schüttelte den Kopf.
Dann sagte sie etwas, das mich einen Moment lang vollkommen still werden ließ.
„Zu unserem Zuhause.“
Ich lächelte.
Und küsste sie.
Hinter uns rief Papa:
„Lukas! Wenn ihr zwei irgendwann fertig seid, würden wir gerne noch vor dem nächsten Winter losfahren!“
Ich löste mich lachend von Sansa.
„JA, PAPA!“
Tyrion hob seinen Becher.
„Der Junge ist noch nicht einmal verheiratet und hört schon nicht mehr auf seinen Vater!“
„Das hat er noch nie!“, rief Papa zurück.
Alle lachten.
Ich nahm Sansas Hand fester.
Dann gingen wir gemeinsam über den Steg.
Hinauf auf das Schiff.
Vor uns lag der Norden.
White Harbor.
Winterfell.
Und irgendwann, unter den roten Blättern eines alten Wehrholzbaumes, unsere Hochzeit.
Zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit musste ich nicht daran denken, welchen Krieg wir als Nächstes führen würden.
Ich dachte nur daran, wie Sansa im Schnee auf mich zukommen würde.
Und daran, dass Papa wahrscheinlich tatsächlich weinen würde.
Ich grinste.
Das würde wunderschön werden.
Überfahrt in den Norden
Die Überfahrt verlief erstaunlich ruhig.
Und ehrlich gesagt?
Ich war froh darüber.
Nach dem, was Papa, Lewyn und ich im Vale erlebt hatten, hatte ich wirklich keine Lust mehr auf irgendeine Katastrophe.
Keine Mutationen.
Keine violetten Zepter.
Keine verfluchten Dörfer.
Und vor allem keine Drachen, die plötzlich über unseren Köpfen auftauchten.
Stattdessen verbrachten wir die nächsten Tage auf einem ziemlich gemütlichen Schiff.
Onkel Tyrion hatte tatsächlich eine vernünftige Route geplant, die Mannschaft kannte die Gewässer, und selbst das Wetter spielte mit.
Meistens zumindest.
„Mir ist kalt“, beschwerte sich Cengiz eines Morgens.
Ich stand neben ihm an der Reling.
„Wir fahren nach Winterfell.“
„Ja, danke.“
„Was hast du erwartet? Dorne?“
Er sah mich an.
„Ein bisschen Sonne wäre trotzdem nett.“
Hinter uns kam Papa mit zwei warmen Bechern.
Er reichte mir einen davon.
„Hier.“
Ich nahm ihn dankbar entgegen.
„Danke, Papa.“
Cengiz sah erwartungsvoll zu ihm.
Papa trank aus seinem eigenen Becher.
Cengiz wartete.
„Und meiner?“
Papa hob eine Augenbraue.
„Du hast doch einen Drachen. Lass dich von dem wärmen.“
Ich fing sofort an zu lachen.
Cengiz schüttelte den Kopf.
„Ich hasse euch.“
„Wir dich auch“, antwortete ich liebevoll.
Die Tage vergingen mit Gesprächen, gutem Essen und erstaunlich viel Ruhe.
Sansa und ich verbrachten häufig Zeit an Deck.
Manchmal standen wir einfach nebeneinander, eingewickelt in unsere Mäntel, und sahen aufs Wasser hinaus.
Manchmal unterhielten wir uns über Winterfell.
Über die Hochzeit.
Über die Dinge, die wir dort machen wollten.
„Ich möchte dir unbedingt die heißen Quellen zeigen“, sagte sie eines Nachmittags.
„Die im Inneren der Mauern?“
Sie nickte.
„Ja. Wenn überall Schnee liegt und trotzdem warmer Dampf aufsteigt, sieht das wunderschön aus.“
Ich grinste.
„Klingt nach einem ziemlich guten Ort zum Entspannen.“
Sie lächelte.
„Das ist er.“
Ich legte einen Arm um sie.
„Dann zeigst du mir alles.“
Sie lehnte ihren Kopf an meine Schulter.
„Versprochen.“
Ab und zu sah ich sie dabei an, wie sie einfach nur lächelnd aufs Meer blickte.
Und ich merkte, wie viel ihr diese Reise bedeutete.
Winterfell.
Ihr Zuhause.
Der Ort, an dem wir heiraten würden.
Nach zwei Jahren voller Ungewissheit würde sie endlich dorthin zurückkehren, mit dem Mann, auf den sie so lange gewartet hatte.
Und ich durfte dieser Mann sein.
Allein dieser Gedanke machte mich glücklich.
Durch den Norden
Nach einigen Tagen erreichten wir schließlich White Harbor.
Die Hafenstadt lag unter einem grauen Himmel, und die Luft war deutlich kühler geworden.
Wir gingen von Bord, verstauten unser Gepäck in mehreren Kutschen und machten uns auf den letzten Teil unserer Reise.
Die Fahrt nach Winterfell dauerte noch einige Tage.
Wir legten Pausen ein, übernachteten in Gasthäusern und verbrachten die restliche Zeit auf den Straßen des Nordens.
Ich saß meistens mit Sansa, Papa und Joren in einer Kutsche.
Was für eine ziemlich interessante Mischung sorgte.
Vor allem, weil Joren beschlossen hatte, dass ich ihm sämtliche Kämpfe erklären musste, die Papa und ich jemals geführt hatten.
„Und dann?“, fragte er.
„Dann hat Papa den anderen Ritter umgehauen.“
Joren riss die Augen auf.
„Ganz alleine?“
Ich nickte.
„Natürlich.“
Papa grinste selbstzufrieden.
„Siehst du?“
„Aber danach musste ich ihn retten.“
Papa drehte sofort den Kopf.
„Moment.“
Sansa lachte.
„Lukas.“
Ich grinste.
„Was denn? Stimmt doch.“
Joren sah zwischen uns hin und her.
„Wer ist stärker?“
Papa und ich antworteten gleichzeitig.
„Ich.“
Sansa fing so laut an zu lachen, dass sie sich an meiner Schulter festhalten musste.
Joren überlegte kurz.
Dann sagte er:
„Ich glaube Papa.“
Ich starrte ihn an.
„Verräter.“
Papa lachte triumphierend.
„Kluges Kind.“
Ankunft in Winterfell
Als wir Winterfell erreichten, war es bereits spät am Abend.
Der Himmel war dunkelblau, beinahe schwarz, und vereinzelt fielen kleine Schneeflocken auf die Dächer und Mauern.
Die gewaltigen Türme erhoben sich vor uns.
Fackeln brannten entlang des Torhauses.
Und als unsere Kutschen langsam durch das große Tor rollten, bemerkte ich, wie Sansa meine Hand fester drückte.
Ich sah sie an.
Sie lächelte.
Aber ihre Augen glänzten.
„Zuhause“, flüsterte sie.
Ich gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Zuhause.“
Im Innenhof warteten bereits mehrere Menschen.
Ganz vorne stand Erik Stark.
Als die Kutsche anhielt, sprang er beinahe sofort die Stufen hinunter.
„SANSA!“
Sansa stieg aus und fiel ihm direkt in die Arme.
Er hob sie kurz hoch, während sie lachte.
„Endlich!“
Dann sah er mich.
Ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht.
„Und der zukünftige Bräutigam.“
Ich lachte.
„Hoffentlich.“
Er umarmte mich fest.
„Glückwunsch, Bruder.“
„Danke.“
Dann begrüßte er Papa, Tyrion, Paul und die anderen.
Als die ersten Wiedersehensumarmungen vorbei waren, führte Erik uns in die große Halle.
Dort brannte ein riesiges Feuer.
Warme Getränke standen bereit.
Und während wir uns etwas aufwärmten, erklärte er uns, was bereits vorbereitet worden war.
„Die Gästezimmer sind hergerichtet“, sagte er. „Die Küche weiß Bescheid, dass wir in den nächsten Tagen mehr Leute erwarten.“
Sansa lächelte.
„Und der Götterhain?“
Erik grinste.
„Den habe ich natürlich nicht vergessen.“
Er nahm einen Schluck.
„Die Wege werden freigehalten, die alten Bänke überprüft und ein paar kleinere Reparaturen erledigt. Ich habe aber bewusst noch keine großen Veränderungen vornehmen lassen.“
Sansa nickte zufrieden.
„Gut.“
„Ich dachte mir, ihr möchtet selbst entscheiden, wie alles aussehen soll.“
Ich lächelte.
„Genau.“
Erik sah uns beide an.
„Dann gehört Winterfell die nächsten Tage euch.“
Papa hob sofort eine Augenbraue.
„Eine gefährliche Aussage.“
Erik lachte.
„Ich habe schon Schlimmeres überstanden.“
Onkel Tyrion hob seinen Becher.
„Das sagen sie alle.“
Später bezogen wir unsere Zimmer.
Sansa und ich bekamen ein großes Gemach mit Kamin und Blick auf einen der verschneiten Innenhöfe.
Papa und Brienne wohnten mit Joren nicht weit entfernt.
Auch Lewyn bekam ein eigenes Zimmer.
Als wir uns schließlich schlafen legten, war Sansa auffallend glücklich.
Sie kuschelte sich an mich.
„Morgen zeige ich dir den Götterhain.“
Ich lächelte.
„Darauf freue ich mich.“
Sie hob den Kopf.
„Wirklich?“
„Natürlich.“
Ich küsste sie.
„Wir heiraten dort.“
Ihr Lächeln wurde ganz weich.
„Ja.“
Dann schliefen wir ein.
Und draußen fiel weiterhin leise Schnee.
Der Götterhain
Am nächsten Morgen verstand ich sofort, warum Sansa unbedingt hier heiraten wollte.
Winterfell war wunderschön.
Über den Mauern lag eine dünne Schneeschicht. Die Luft war kalt und klar, und aus den Schornsteinen stieg Rauch.
Sansa führte mich durch einen schmalen Torbogen.
Dann betraten wir den Götterhain.
Ich blieb stehen.
„Wow.“
Sansa lächelte sofort.
Vor uns erhob sich der gewaltige Wehrholzbaum.
Seine weiße Rinde wirkte im Schnee beinahe silbern, während die roten Blätter sich deutlich von der winterlichen Landschaft abhoben.
Unter seinen Ästen lag der dunkle, stille Teich.
Einige kleine Schneeflocken segelten langsam zwischen den Zweigen hindurch.
Es war unglaublich friedlich.
Ich hörte das leise Knirschen unserer Schritte.
Sonst fast nichts.
Sansa trat neben mich.
„Und?“
Ich sah sie an.
„Hier.“
Sie lächelte.
„Hier?“
Ich nickte.
„Genau hier.“
Sie strahlte.
„Wirklich?“
„Ja.“
Ich nahm ihre Hand.
„Ich kann mir keinen schöneren Ort vorstellen.“
Wir gingen langsam näher zum Baum.
Sansa betrachtete die Umgebung aufmerksam.
„Ich möchte eigentlich gar nicht so viel verändern.“
„Musst du auch nicht.“
Sie deutete auf einen offenen Bereich vor dem Wehrholz.
„Hier könnten wir stehen.“
Ich nickte.
„Und dort die Gäste.“
Sie überlegte.
„Vielleicht ein paar Bänke.“
„Mhm.“
„Aber keine riesige Menge Menschen.“
Ich sah sie an.
Sie wurde etwas ernster.
„Lukas…“
„Ja?“
„Ich möchte bei der eigentlichen Zeremonie wirklich nur unsere engsten Freunde und Familie dabeihaben.“
Ich lächelte.
„Das möchte ich auch.“
Sie atmete erleichtert aus.
„Wirklich?“
„Natürlich.“
Ich blickte zu dem Baum.
„Ich will dich heiraten. Nicht halb Westeros beeindrucken.“
Sansa lachte.
„Gut.“
„Danach können wir gerne mit allen feiern.“
„Genau.“
Sie strich mit ihren Fingern über meinen Handrücken.
„Aber hier…“
Sie betrachtete den Götterhain.
„Hier soll es nur um uns gehen.“
Ich zog sie näher.
„Dann machen wir das so.“
Sie küsste mich.
Und während wir dort unter den roten Blättern standen, fiel ein wenig Schnee auf unsere Schultern.
Es war genau dieses Bild, von dem wir auf Tarth gesprochen hatten.
Die Gäste treffen ein
Gegen Mittag hörten wir im Innenhof plötzlich mehrere Pferde.
Ich befand mich gerade mit Sansa und Erik in der Nähe der großen Halle, als ein Wachmann hereinkam.
„Die Mormonts sind eingetroffen.“
Ich grinste.
„Na endlich.“
Wir gingen hinaus.
Drei bekannte Gestalten stiegen gerade von ihren Pferden.
Jorah Mormont.
Kevin Mormont.
Und Rina Mormont.
Kevin entdeckte mich sofort.
„LUKAS!“
Ich lachte.
„KEVIN!“
Er kam auf mich zu und umarmte mich kräftig.
„Du verdammter Lannister!“
„Freut mich auch.“
Dann trat Jorah näher.
Er lächelte breit und nahm mich ebenfalls in den Arm.
„Herzlichen Glückwunsch.“
„Danke, Jorah.“
Rina kam direkt zu Sansa.
Die beiden umarmten sich herzlich.
„Du wirst heiraten!“, sagte Rina begeistert.
Sansa lachte.
„Ja!“
„Oh, das wird wunderschön.“
Dann sah Rina mich an.
„Und du hast hoffentlich vor, dich anständig zu benehmen.“
Ich grinste.
„Ich gebe mein Bestes.“
„Dann haben wir ja noch Hoffnung.“
Kevin lachte.
„Viel Hoffnung würde ich mir nicht machen.“
Ich stieß ihn leicht gegen die Schulter.
„Halt die Klappe.“
Sansa hatte unterdessen offenbar bereits Pläne.
Sie nahm Rina an der Hand.
„Komm mal mit.“
Rina sah sie neugierig an.
„Wohin?“
„Wir müssen über Blumen reden.“
Ich hob den Kopf.
„Blumen?“
Sansa drehte sich zu mir.
„Ja, Lukas. Blumen.“
„Okay.“
Sie grinste.
„Du darfst später mitentscheiden.“
„Wie großzügig.“
Rina lachte.
Kurz darauf holten die beiden Daenerys und Brienne dazu.
Ich sah ihnen nach.
Vier Frauen.
Eine Hochzeit.
Blumen.
Ich hatte das Gefühl, dass ich besser nicht im Weg stand.
Kevin trat neben mich.
„Na?“
„Na?“
„Bereit?“
Ich grinste.
„Fürs Heiraten?“
„Ja.“
Ich nickte.
„Auf jeden Fall.“
Jorah lächelte.
„Dann sollten wir vielleicht die anderen suchen.“
Also gingen wir zu Papa, Paul und Tyrion.
Die saßen natürlich bereits in der Nähe des Kamins.
Papa sah auf, als wir hereinkamen.
„Jorah!“
Er stand sofort auf.
Die beiden begrüßten sich herzlich.
Auch Kevin wurde von Papa umarmt.
„Schön, euch zu sehen.“
Tyrion hob sein Glas.
„Wunderbar. Noch mehr Männer, die mir den Wein wegtrinken.“
Kevin grinste.
„Du hast genug.“
„Diese Aussage halte ich für gefährlich.“
Wir verbrachten den Rest des Tages zusammen.
Redeten.
Lachten.
Erzählten Geschichten.
Und ich merkte, wie schön es war, endlich wieder alle um mich herum zu haben.
In den folgenden Tagen trafen nach und nach die restliche Familie und unsere Freunde ein.
Selwyn Tarth kam aus Tarth und wurde von Brienne und Joren herzlich begrüßt.
Aus Horn Hill erreichten uns Sam und Dickon Tarly.
Sam war sichtlich gerührt, als er von der Hochzeit erfuhr.
Dickon dagegen grinste mich nur an.
„Du heiratest tatsächlich.“
„Sieht so aus.“
„Freiwillig?“
Ich lachte.
„Ja.“
„Erstaunlich.“
Auch Gyrontius und Sandor Clegane erreichten Winterfell.
Als ich Sandor im Innenhof begrüßte, betrachtete er die verschneiten Mauern.
„Scheißkalt hier.“
Ich grinste.
„Auch schön, dich zu sehen.“
Er knurrte.
„Wenigstens gibt's hoffentlich ordentlich Fleisch.“
Gyrontius stand daneben und zuckte mit den Schultern.
„Mir egal.“
Ich sah ihn an.
„Du bist extra hergekommen.“
„Ja.“
„Also ist es dir nicht egal.“
Er schwieg kurz.
„Ein bisschen.“
Ich musste lachen.
Es war erstaunlich schön, ihn so zu sehen.
Nicht mehr als den Jungen, der einst an Eurons Seite gekämpft hatte.
Sondern als jemanden, der langsam seinen Platz unter uns fand.
Auch aus Storm's End erreichte uns schließlich Nachricht.
Lennard, Stannis und Davos hatten unsere Einladung erhalten und wollten kommen.
Der Brief war knapp, aber ich war unglaublich erleichtert.
Besonders über Lennard.
Ich wollte ihn endlich wiedersehen.
Nach allem, was mit Lyalla passiert war.
Nach den zwei Jahren.
Nach allem.
Nur zwei Gäste fehlten noch.
Jon und Ygritte.
Von der Mauer erreichte uns ein Rabe.
Sansa las die Nachricht beim Frühstück vor.
„Sie kommen.“
Ich grinste.
„Gut.“
„Allerdings vermutlich erst am Tag der Zeremonie.“
Papa nickte.
„Dann sollten wir ihnen einen Platz freihalten.“
Sansa lächelte.
„Natürlich.“
Beim Schneider
Wenige Tage vor der Hochzeit stand Papa plötzlich morgens vor meiner Tür.
Ich öffnete.
„Morgen.“
Er grinste.
„Anziehen.“
Ich blinzelte.
„Wie bitte?“
„Wir gehen zum Schneider.“
„Jetzt?“
„Nein, in drei Jahren.“
Ich lachte.
„Okay, okay.“
Wenig später liefen wir gemeinsam durch Winterfell.
Es schneite leicht.
Papa hatte einen dunklen Mantel an, dessen Kragen mit Fell besetzt war.
Ich ging neben ihm.
„Ist mein Gewand schon fertig?“
„Ja.“
„Und deins?“
„Auch.“
Ich sah ihn an.
„Du hast auch eins machen lassen?“
Er grinste.
„Natürlich.“
„Warum?“
Er blieb stehen.
„Lukas.“
„Ja?“
„Mein Sohn heiratet.“
Ich lächelte.
Er legte mir eine Hand auf die Schulter.
„Glaubst du wirklich, ich komme in irgendeinem alten Wams?“
Ich lachte.
„Fair.“
Der Schneider erwartete uns bereits.
Ein älterer Mann mit grauem Haar, ruhiger Stimme und erstaunlich vielen Nadeln in seiner Kleidung.
„Ser Jaime. Ser Lukas.“
Er verbeugte sich.
„Die Gewänder sind fertig.“
Papa nickte.
„Wunderbar.“
Der Schneider deutete auf zwei vorbereitete Kleiderständer.
Ich blieb stehen.
Mein Gewand war…
wirklich wunderschön.
Ein tief weinrotes, fein gearbeitetes Festwams aus schwerem, aber weichem Stoff.
Entlang der Ärmel und Schultern verliefen dezente goldene Stickereien, die an die geschwungenen Linien des Lannister-Löwen erinnerten.
Die Knöpfe waren aus dunklem Gold gefertigt.
Darunter lag ein helles Hemd.
Ein schwarzer Gürtel mit einem kleinen goldenen Löwenkopf vervollständigte das Ganze.
Dazu eine dunkle Hose und sorgfältig gearbeitete Stiefel.
Und ein langer Mantel in tiefem Rot mit dunklem Fellbesatz.
Ich starrte es an.
„Wow.“
Papa grinste.
„Gefällt's dir?“
Ich nickte.
„Sehr.“
„Gut.“
Sein eigenes Gewand war ähnlich, aber etwas dunkler.
Ein elegantes, schwarz-weinrotes Wams, dessen Schultern mit feinen goldenen Ornamenten versehen waren.
Die goldenen Stickereien liefen entlang des Kragens und der Ärmel, während ein dunkler Mantel darüberlag.
Es war nicht übertrieben.
Nicht protzig.
Aber es sah unglaublich edel aus.
Und vor allem…
Es sah nach uns aus.
Nach Haus Lannister.
Papa betrachtete mein Gewand.
Dann mich.
„Probier's an.“
Einige Minuten später trat ich hinter dem Vorhang hervor.
Der Schneider hatte alles sorgfältig angepasst.
Das Wams saß perfekt.
Nicht zu eng.
Nicht zu locker.
Der Mantel fiel schwer über meine Schultern, und das Gold auf dem Weinrot glänzte im Licht der Kerzen.
Papa stand gerade vor einem Spiegel.
Als er mich sah, drehte er sich um.
Und blieb stehen.
Ich grinste unsicher.
„Und?“
Er sagte nichts.
Ich hob eine Augenbraue.
„Papa?“
Er blinzelte.
Dann lächelte er.
Ganz langsam.
„Oh, Lukas.“
Ich musste lachen.
„Ist das gut oder schlecht?“
Er schüttelte den Kopf.
„Komm her.“
Ich trat näher.
Papa betrachtete mich von oben bis unten.
Dann legte er mir beide Hände auf die Schultern.
„Du siehst wunderschön aus, mein Junge.“
Ich wurde tatsächlich etwas verlegen.
„Danke.“
Er schluckte.
Seine Augen glänzten.
„Wirklich.“
Ich sah ihn an.
„Papa…“
Er lächelte.
„Entschuldige.“
„Du musst dich nicht entschuldigen.“
Er lachte leise.
„Ich sehe dich da stehen und…“
Seine Stimme wurde weicher.
„Ich denke daran, wie klein du einmal warst.“
Ich lächelte.
Papa strich mir kurz über den Kragen.
„Und jetzt stehst du hier.“
Er schüttelte ungläubig den Kopf.
„Mein Sohn.“
Ich umarmte ihn.
Fest.
„Ich liebe dich, Papa.“
Er hielt mich ebenso fest.
„Ich liebe dich auch, mein Junge.“
Als wir uns lösten, betrachtete ich ihn.
Und grinste.
„Du siehst übrigens auch ziemlich gut aus.“
Er hob eine Augenbraue.
„Ziemlich?“
„Sehr.“
„Danke.“
„Fast so gut wie ich.“
Papa lachte.
„Träum weiter.“
Wir betrachteten uns nebeneinander im Spiegel.
Zwei Lannisters.
Beide in Weinrot und Gold.
Beide mit derselben goldenen rechten Hand.
Und beide mit diesem völlig bescheuerten Grinsen im Gesicht.
Ich musste lachen.
Papa auch.
Der Schneider räusperte sich.
„Dann seid Ihr zufrieden?“
Papa sah ihn an.
„Mehr als zufrieden.“
Unter dem Wehrholzbaum
Nachdem wir unsere Gewänder wieder vorsichtig abgelegt hatten, machten Papa und ich uns auf den Rückweg.
Doch statt direkt in unsere Gemächer zu gehen, schlug er vor, noch etwas spazieren zu gehen.
„Wohin?“, fragte ich.
Er deutete Richtung Götterhain.
„Dorthin.“
Ich lächelte.
„Gerne.“
Wir gingen langsam durch die verschneiten Wege Winterfells.
Es war angenehm ruhig.
Ab und zu begegneten uns Diener oder Wachen, die uns freundlich grüßten.
Schließlich erreichten wir den Götterhain.
Der Schnee fiel inzwischen etwas stärker.
Nicht viel.
Gerade genug, dass sich kleine weiße Flocken auf unseren Schultern sammelten.
Wir setzten uns auf eine der niedrigen Steinbänke in der Nähe des Wehrholzbaumes.
Vor uns lag der dunkle Teich.
Über uns bewegten sich die roten Blätter im Wind.
Eine Weile sagten wir nichts.
Papa saß neben mir.
Seine Schulter berührte meine.
Und ich starrte einfach auf den Baum.
Dann fragte er:
„Na?“
Ich sah ihn an.
„Was?“
„Wie geht's dir?“
Ich lächelte schwach.
„Gut.“
Papa sah mich prüfend an.
„Nur gut?“
Ich atmete aus.
„Ja.“
Eine Pause.
Dann schüttelte ich den Kopf.
„Also…“
Papa sagte nichts.
Er wartete.
Ich rieb meine Hände aneinander.
„Ich bin irgendwie nervös.“
Er lächelte sofort.
„Das wäre ich auch.“
Ich schnaubte.
„Du?“
„Natürlich.“
„Du bist Jaime Lannister.“
Er hob eine Augenbraue.
„Und?“
„Du bist nie nervös.“
Papa lachte.
„Lukas, ich bin ständig nervös. Ich bin nur sehr gut darin, so zu tun, als wäre ich es nicht.“
Ich grinste.
Doch dann wurde ich wieder ernst.
„Es ist nicht nur wegen der Hochzeit.“
Sein Gesicht veränderte sich sofort.
„Was ist es dann?“
Ich blickte auf meine Hände.
Auf das Gold meiner rechten Hand.
Dann auf den Schnee.
„Marlis.“
Papa schwieg.
Ich schluckte.
„Ich weiß, dass das hier etwas völlig anderes ist.“
Er nickte langsam.
„Ja.“
„Aber…“
Ich suchte nach Worten.
„Ich hab nicht vergessen, was nach meiner letzten Hochzeit passiert ist.“
Papa sah mich aufmerksam an.
Ich rieb mit meinem Daumen über meine goldene Hand.
„Ich weiß noch, wie glücklich ich damals war.“
Eine Pause.
„Wie ich gedacht habe, dass jetzt endlich alles gut wird.“
Papa bewegte sich etwas näher.
„Lukas…“
Ich schüttelte leicht den Kopf.
„Und dann kam alles anders.“
Ich starrte auf den Teich.
„Marlis war plötzlich tot.“
Das Wort hing zwischen uns.
Tod.
Ich schluckte.
„Mama hat sie mir genommen.“
Papa senkte den Blick.
Er wusste es.
Natürlich wusste er es.
Und vor allem weil es meine Mutter gewesen war, tat allein der Gedanke daran noch immer weh.
„Ich weiß, dass Sansa nicht Marlis ist“, sagte ich leise.
Papa nickte.
„Natürlich.“
„Und ich weiß, dass Mama nicht mehr da ist.“
Wieder Stille.
„Aber manchmal denke ich trotzdem daran.“
Meine Stimme wurde etwas brüchig.
„Was, wenn wieder irgendetwas passiert?“
Papa sah mich an.
„Was meinst du?“
Ich zuckte hilflos mit den Schultern.
„Qyburn läuft noch irgendwo herum. Ich habe Angst dass nochmal so ein Ramsay kommt. Lennard hat gerade selbst alles verloren, worauf er sich gefreut hat. Euron regiert...“
Ich lachte bitter.
„Und wir haben zwei Jahre verloren, weil wir in irgendein verdammtes Dorf gegangen sind.“
Papa sagte nichts.
Ich blickte zu ihm.
„Was, wenn ich Sansa heirate und wir wieder nicht einfach glücklich sein dürfen?“
Die Frage war draußen.
Endlich.
Papa sah mich lange an.
Dann legte er langsam einen Arm um meine Schultern.
„Komm her.“
Ich rückte näher.
Er zog mich an seine Seite.
Eine Weile sagte er nichts.
Dann begann er ganz ruhig zu sprechen.
„Lukas, ich möchte dir etwas sagen.“
Ich sah ihn an.
„Okay.“
Er blickte zum Wehrholzbaum.
„Ich weiß, was damals mit Marlis passiert ist.“
Seine Stimme war ernst.
„Ich weiß, wie sehr du sie geliebt hast. Und ich weiß, was ihr Tod mit dir gemacht hat.“
Ich schluckte.
Papa drückte meine Schulter.
„Und ich werde dir jetzt nicht erzählen, dass du das einfach vergessen sollst.“
Ich nickte langsam.
„Weil du das nicht kannst.“
Er sah mich an.
„Und auch nicht musst.“
Eine kleine Schneeflocke landete auf seinem dunklen Haar.
Ich lächelte schwach.
Er sprach weiter.
„Aber ich möchte, dass du etwas verstehst.“
„Was?“
Papa nahm meine goldene Hand.
Er hielt sie zwischen seinen eigenen Händen und betrachtete sie einen Moment.
„Deine erste Hochzeit und deine Hochzeit mit Sansa sind nicht dieselbe Geschichte.“
Ich sah ihn an.
„Marlis wird immer ein Teil deiner Vergangenheit bleiben.“
Er drückte meine Hand.
„Aber Sansa ist deine Gegenwart.“
Eine Pause.
„Und wenn ihr beide es wollt, auch deine Zukunft.“
Meine Augen wurden feucht.
Papa lächelte sanft.
„Du musst nicht aufhören, Marlis zu vermissen, um Sansa glücklich lieben zu dürfen.“
Ich schluckte.
„Ich weiß.“
„Weißt du es wirklich?“
Ich dachte kurz nach.
Dann nickte ich langsam.
„Ja.“
Papa legte wieder seinen Arm um mich.
„Gut.“
Wir saßen eine Weile schweigend da.
Dann sagte ich:
„Ich hab einfach Angst, dass ich wieder jemanden verliere.“
Papa atmete tief durch.
Sein Gesicht wurde weich.
„Das verstehe ich.“
Ich sah ihn an.
„Wirklich?“
Er nickte.
„Mehr, als du denkst.“
Seine goldene Hand strich langsam über meinen Rücken.
„Jedes Mal, wenn du mit mir in einen Kampf ziehst, habe ich Angst.“
Ich blinzelte.
„Du?“
„Ja.“
Er lächelte schwach.
„Als wir gegen diese beiden Mutationen gekämpft haben…“
Seine Augen wurden ernster.
„Als dieses Ding mit Barristans Gesicht vor dir stand und ich gesehen habe, wie du getroffen wurdest…“
Er schüttelte den Kopf.
„Da war ich nicht der große Jaime Lannister.“
Ich sagte nichts.
„Da war ich einfach nur dein Vater.“
Mein Herz zog sich zusammen.
Papa blickte mir direkt in die Augen.
„Und ich hatte eine Scheißangst um meinen Jungen.“
Ich musste schlucken.
Er lächelte leicht.
„Weißt du, was ich damit sagen will?“
Ich schüttelte den Kopf.
Er drückte mich näher an sich.
„Dass wir Menschen lieben, obwohl wir wissen, dass wir sie verlieren könnten.“
Ich sah auf unsere Hände.
„Und dass diese Angst nicht bedeutet, dass wir etwas falsch machen.“
Seine Stimme wurde sanfter.
„Sie bedeutet nur, dass uns jemand unglaublich viel bedeutet.“
Ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter.
Papa strich mir langsam über die Haare.
„Du liebst Sansa.“
„Ja.“
„Und sie liebt dich.“
„Ja.“
„Dann sollt ihr heiraten.“
Ich schloss kurz die Augen.
Papa fuhr fort:
„Nicht irgendwann, wenn die Welt perfekt ist.“
Er lachte leise.
„Lukas, wir leben in Westeros. Die Welt wird vermutlich niemals perfekt sein.“
Ich musste ebenfalls lachen.
„Stimmt.“
„Sondern jetzt. Wenn ihr glücklich seid. Wenn ihr euch sicher seid.“
Ich nickte.
Papa gab mir einen Kuss auf die Haare.
„Und das seid ihr.“
Ich lächelte.
„Ja.“
Eine Weile blieben wir so sitzen.
Dann hob Papa meinen Kopf leicht an und sah mich direkt an.
„Und jetzt hör mir gut zu.“
Ich grinste schwach.
„Okay.“
„Diese Hochzeit wird wunderschön.“
Ich lachte leise.
„Du klingst ziemlich überzeugt.“
„Bin ich auch.“
Er deutete auf den Wehrholzbaum.
„Schau dich doch um.“
Ich sah mich um.
Die roten Blätter.
Der Schnee.
Der stille Teich.
Das weiche Licht zwischen den Ästen.
Papa lächelte.
„Hier wird dein Leben mit Sansa nicht von irgendeinem König, irgendeinem Krieg oder irgendeinem Lannister bestimmt.“
Er sah mich an.
„Sondern von euch beiden.“
Ich schluckte.
„Und ich werde dort stehen“, sagte er leise.
Er deutete auf einen Platz neben dem Baum.
„Ganz vorne.“
Ich grinste.
„Natürlich.“
„Und ich werde dich ansehen, wie du dort auf Sansa wartest.“
Seine Stimme wurde etwas brüchig.
„Und dann wird sie kommen.“
Ich stellte es mir vor.
Sansa.
Im Schnee.
Mit ihrem Hochzeitskleid.
Langsam auf mich zukommend.
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
Papa bemerkte mein Lächeln.
„Siehst du?“
Ich sah ihn an.
„Was?“
„Du lächelst schon.“
Ich lachte leise.
Er drückte meine Schulter.
„Genau daran solltest du denken.“
Ich nickte.
Dann wurde er plötzlich etwas ernster.
„Lukas.“
„Ja?“
„Du musst keine Angst davor haben, glücklich zu sein.“
Ich sah ihn an.
Er lächelte sanft.
„Du hast genug durchgemacht.“
Seine Hand wanderte an meine Wange.
„Und ich möchte, dass mein Sohn endlich einmal etwas bekommt, das ihm nicht wieder genommen wird.“
Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen.
„Papa…“
Er zog mich sofort in seine Arme.
Ich umarmte ihn fest.
Richtig fest.
Er hielt mich ebenso fest.
Eine ganze Weile.
Dann flüsterte er:
„Ich bin so unfassbar stolz auf dich.“
Ich drückte mich näher an ihn.
„Ich liebe dich, Papa.“
Er küsste mich auf die Stirn.
„Ich liebe dich auch, mein Junge.“
Wir blieben einfach sitzen.
Unter dem Wehrholzbaum.
Während langsam Schnee auf unsere Mäntel fiel.
Nach einer Weile löste ich mich ein kleines Stück.
„Papa?“
„Hm?“
Ich grinste.
„Du wirst bei der Hochzeit heulen.“
Er schloss die Augen.
„Lukas.“
„Was?“
„Wir hatten dieses Gespräch.“
Ich lachte.
„Ja, aber ich wollte es nochmal sagen.“
Er schüttelte den Kopf.
„Ich werde nicht heulen.“
„Du heulst doch jetzt schon fast.“
„Das ist der Schnee.“
Ich blickte demonstrativ nach oben.
„Der Schnee ist trocken.“
Papa sah mich an.
Dann mussten wir beide lachen.
Er legte seinen Arm wieder um mich.
„Du bist unmöglich.“
„Hab ich von dir.“
„Leider.“
Ich kuschelte mich noch einmal kurz an seine Seite.
Er strich mir über den Rücken.
Und diesmal war die Stille nicht schwer.
Sie war angenehm.
Friedlich.
Irgendwann stand Papa auf und hielt mir seine goldene Hand hin.
„Na komm.“
Ich ergriff sie.
Er zog mich hoch.
„Wir sollten zurückgehen, bevor Sansa denkt, ich habe ihren Bräutigam entführt.“
Ich grinste.
„Hat sie wahrscheinlich schon.“
Papa lachte.
Wir machten uns langsam auf den Rückweg.
Doch kurz bevor wir den Götterhain verließen, drehte ich mich noch einmal um.
Der Wehrholzbaum stand still im Schnee.
Seine roten Blätter bewegten sich leicht im Wind.
Und für einen Moment sah ich es vor mir.
Die wenigen Menschen, die uns am wichtigsten waren.
Joren mit seinem kleinen Holzschwert.
Tyrion, der vermutlich irgendeinen Kommentar machen würde.
Lewyn.
Cengiz.
Unsere Freunde.
Papa.
Und Sansa.
Meine wunderschöne Sansa.
Ich lächelte.
Papa bemerkte es.
„Na?“
Ich sah ihn an.
„Ich freue mich.“
Er lächelte zurück.
„Gut.“
Dann legte er seinen Arm um meine Schultern.
Und gemeinsam gingen wir zurück in die Wärme Winterfells.
Noch wenige Tage.
Dann würde ich Sansa heiraten.
Und obwohl die Vergangenheit weiterhin zu mir gehörte, fühlte sich die Zukunft zum ersten Mal seit langer Zeit nicht mehr wie etwas an, vor dem ich Angst haben musste.
Sondern wie etwas, auf das ich mich freuen durfte.