SEASON XI · KAPITEL 46

To the Wall · Teil II

Der Dornische Feldzug

WORUM ES GEHT

Ser Robby Selmy holt die Gruppe auf Lennards Schiff von Dragonstone ab und bringt sie nach Storm's End. Dort erzählen sie sich Erinnerungen an Joffreys Hochzeit und machen Witze über Hochzeiten. Dann tauchen Tyene, Maris und Lyssandra aus Dorne auf und bitten Cengiz, mit ihnen nach Starfall zu kommen, um seine Unschuld am Mord an Quentyn zu beweisen. Jon und Ygritte ziehen zurück zur Mauer, Lennard reist ins Vale. In Starfall lesen Lukas und Jaime unter Tränen Myrcellas Briefe. Mit dem neuen Verbündeten Oruc Uller, Truppen aus Sandstone, Hellholt und dem Haus Baratheon ziehen sie durch Dorne, schlagen einen Hinterhalt der Yronwood-Soldaten zurück und erobern Godsgrace. Dort betäubt der Verräter Qadir Jaime und Cengiz und verschleppt sie nach Sunspear. Lukas siegt in Planky Town und stürmt Sunspear, befreit die beiden und stellt Ellaria an der Küste. Bei Obaras Giftkuss stirbt er beinahe, Tyene rettet ihn mit dem Gegengift. Nymeria tötet Obara, Cengiz wird Herrscher über Dorne und erfährt aus einem Brief Oberyns, dass er ein Sohn von Rhaegar Targaryen und Lyanna Stark ist.

1

Heimkehr nach Storm's End

Schauplatz: Storm's End · Lukas Lannister, Jaime Lannister, Tyrion Lannister, Sansa Stark, Cengiz Martell, Lennard Baratheon, Lewyn Ortengryn, Daenerys Targaryen, Jon Snow, Ygritte, Robby Selmy

Vier Tage später. Am Nachmittag.

Ich stand mit Lennard auf einer der höher gelegenen Mauern, als ich etwas sah.

Ein Segel.

„Da!“

Ich zeigte hinaus aufs Meer. Ein Schiff näherte sich – auf dem Segel das Emblem der Baratheons: ein schwarzer Hirsch auf goldenem Grund.

„Ist das dein Schiff?“, fragte ich Lennard.

Er sah hinaus, seine Augen wurden heller.

„Ja. Es ist mein Schiff.“

Wir stürmten los, alarmierten die anderen. Alle packten schnell ihre Sachen – alles, was wir brauchten – und liefen dann gemeinsam zum Strand, wo die Wellen gegen die Überreste unseres alten Schiffs schwappten.

Das neue Boot legte an. Ein Mann stieg von Bord – etwa in meiner Größe, muskulös, offener Blick. Sein Gesicht kam mir vage bekannt vor, aber ich konnte es nicht einordnen.

Lennard rief:

„Ser Robert Selmy!“

Und umarmte ihn herzlich.

Da plötzlich – hörte ich neben mir ein lautes, fast kindliches Rufen:

„Robby?!“

Cengiz ging auf den Mann zu – und der drehte sich sofort um, lächelte überrascht. Die beiden fielen sich in die Arme.

Wir alle waren etwas verwirrt. Ich sah zu Sansa, die ebenfalls die Stirn runzelte.

Dann löste sich Cengiz aus der Umarmung und sah zu uns, grinsend wie ein Kind an Namenstag:

„Ich kann’s nicht glauben. Robby… Robby ist hier.“

„Ich hab ihn nach meiner Verbannung in Harvest Hall kennengelernt. Wir haben zusammen trainiert. Er hat mir das Leben gerettet, mehr als einmal.“

Robby – Ser Robert Selmy – nickte:

„Ich erinnere mich an jedes einzelne Mal davon.“

Sie lachten.

Während die beiden plauderten, verstauten wir unsere Ausrüstung auf dem Schiff. Ich half Papa beim Verstauen seiner Rüstung, und irgendwann, als wir alle an Bord waren, legte das Schiff ab.

Ich stand an der Reling – der Wind in meinen Haaren, die Gischt in der Luft, und hinter uns die dunkle Silhouette von Dragonstone.

Vor uns: Storm’s End. Und alles, was dort auf uns wartete.

Die Wellen waren diesmal gnädig. Kein Sturm, kein Kentern, kein Drama – nur das gleichmäßige Rauschen des Meeres und das leise Knarzen des Schiffs.

Papa und ich standen irgendwann an der Reling, beobachteten das offene Blau, bis wir die Stimmen von Lennard, Cengiz und einem vierten hörten – Robby.

Wir gingen zu ihnen rüber. Sie lachten gerade über irgendeine alte Geschichte aus Harvest Hall, und Cengiz klopfte Robby auf die Schulter, als hätte er ihn nie vermisst.

Papa trat einen Schritt vor und reichte Robby die Hand.

„Ser Jaime Lannister. Und das ist mein Sohn.“

Ich nickte.

„Ser Lukas Lannister.“

Robby nahm unsere Hände mit festem Griff.

„Ser Robby Selmy. Freut mich sehr.“

Papa musterte ihn einen Moment, dann fragte er ruhig:

„Selmy? Bist du mit Ser Barristan verwandt?“

Robby nickte sofort.

„Er war mein Onkel. Mein Vorbild. Mein Lehrer.“

Papa wurde für einen Moment ernster.

„Er war ein ehrenvoller Mann. Vielleicht einer der letzten von der Sorte, bevor alles aus den Fugen geriet.“

Robby sah ihn respektvoll an, sagte aber nichts weiter dazu.

Ich stellte die nächste Frage, während das Segel über uns leicht flatterte:

„Wie kam es denn, dass du jetzt Lord Commander in Storm’s End bist? Ich dachte, das wäre Teil von Dorne?“

Er lachte leise und sah hinaus auf die See.

„Viele glauben das. Aber die Dornischen Marschen – dieser Teil von Land – gehören zu den Stormlands, nicht zu Dorne.“ „Nach dem Tod meines Onkels konnte ich nicht mehr in Harvest Hall bleiben. Zu viele Erinnerungen. Ich wollte neu anfangen. Und Lennard hat mir das ermöglicht.“

Lennard legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Er war der Beste. In allem, was ich gebraucht habe. Ehrlich, stark, loyal.“

Ich nickte, dann fragte ich weiter:

„Und… warst du da, als wir das letzte Mal in Storm’s End waren?“

Robby dachte kurz nach.

„Ich glaube, ich habe euch kurz gesehen. Aber dann musste ich nach Harvest Hall zurück. Ein paar Wochen. Familiäre Dinge.“

Ich nickte langsam, froh, endlich zu wissen, wieso ich ihn damals nicht bemerkt hatte.

Die Tage auf See vergingen überraschend ruhig. Die Sonne brannte nicht zu stark, der Wind war angenehm, und das Meer – nicht annähernd so widerspenstig wie beim Hinweg.

Abends saß ich oft mit Papa am Bug. Manchmal mit Blick aufs Wasser, manchmal in die Sterne.

Eines dieser Abende sprach ich es an.

„Storm’s End… Es tut mir immer noch leid. Was ich dir damals angetan hätte.“

Er lachte leise. Ohne Spott – nur… väterliche Nachsicht.

„Du warst verletzt und sauer auf mich. Du hast gerade deine Frau und Mutter verloren und wurdest für den Mord an deiner Mutter verurteilt obwohl ich es war. Du hattest jedes Recht dazu, so zu reagieren. Aber ich bin dennoch froh, dass du gezögert hast.“

Ich verzog das Gesicht, immer noch schuldig fühlend.

Er sah mich dann ernst an, voller Wahrheit in seinen Augen. „Du hast mich nicht getötet, Lukas. Du hast mich gerettet. Daran denke ich lieber.“

Ich lehnte mich leicht gegen seine Schulter.

„Ich hab dich lieb.“

„Ich dich auch.“

Und für einen Moment… waren da keine Schatten mehr. Nur Meer, Wind und ein bisschen Hoffnung.

Drei Tage später.

Am Horizont erhob sich etwas Dunkles – massiv, stolz, fast uneinnehmbar.

„Storm’s End…“, flüsterte ich.

Die Festung wuchs mit jeder Welle, mit jedem Ruderschlag unseres Begleitboots.

Schließlich legten wir an. Holz krächzte unter unseren Füßen. Die Luft roch nach Salz und Stein. Ein vertrauter Geruch, aber diesmal ohne das Gefühl von Bedrohung.

Wir marschierten langsam Richtung Eingang. Die Mauern ragten über uns auf, als wollten sie alles abschirmen, was draußen passiert war.

Papa ging neben mir, Cengiz und Robby scherzten über alte Trainingskämpfe, Lennard sprach mit Tyrion und Lewyn über die Lage im Westen. Jon, Daenerys und Ygritte liefen hinten.

Ich blickte zu Sansa, die meine Hand nahm und leicht drückte.

„Willkommen zurück, dieses Mal sind wir sogar zusammen hier “, sagte sie.

Ich atmete durch.

„Ja… diesmal richtig.“

Storm’s End war ruhig in dieser Nacht. Nur der ferne Wind rüttelte an den hohen Mauern, während wir uns in unseren Kammern eingerichtet hatten.

Sansa und ich bezogen wieder ein gemeinsames Zimmer. Es war nicht besonders groß, aber gemütlich genug für den Moment. Ich hatte ihr geholfen, ihren Mantel abzulegen, sie mir mein nasses Hemd und gab mir ein frisches, und irgendwann lehnten wir beide einfach eine Weile ans Fenster und blickten auf das Meer hinaus, das unter uns schlug.

Später schickten wir gemeinsam mit Papa, Lennard und Lewyn einen Raben los. Nach Winterfell. Erik, Brienne, Joren, Bronn, Rodrik – sie alle sollten wissen, dass wir lebten. Dass wir auf Dragonstone waren. Dass wir nun in Storm’s End Schutz gefunden hatten und was wir über Daenerys, das Drachenglas und die Stepstones wussten.

Dann kam der Abend.

Wir saßen in einem der großen Wohnräume. Die Wände aus dunklem Stein, der Wein tiefrot, das Licht flackernd, aber weich. Eine Art Frieden lag in der Luft. Noch kein voller Frieden, aber... eine Atempause.

Papa saß neben mir auf dem Sofa, ein Bein ausgestreckt, das Weinglas locker in der Hand. Sansa hatte sich in eine Decke gewickelt, Cengiz lag halb quer auf einem Kissen vor dem Kamin. Tyrion auf seinem üblichen Hocker, Lennard im Schneidersitz. Und Robby stand an der Wand, lehnte sich dann aber irgendwann zu uns.

„Wenn du… also wenn Lukas dein Sohn ist… dann waren Joffrey, Tommen und Myrcella auch deine Kinder, oder?“

Papa blickte auf. Langsam. Dann nickte er.

Ich auch. Ein wenig traurig.

„Ja“, sagte er leise. „Sie waren es. Alle drei.“

„Ich wünschte, Tommen und Myrcella wären noch hier“, fügte ich hinzu. „Ich vermisse sie.“

Cengiz hob kurz den Blick.

„Ich hab Myrcella damals in Dorne kennengelernt. Wir haben uns wirklich gut verstanden. Sie war so nett… sanft. Echt.“

Papa trank einen Schluck.

„Sie war die Beste von uns“, murmelte er. „Und Tommen… war einfach nur ein Kind.“

Robby senkte verlegen den Blick.

„Es tut mir leid. Ich wollte kein schlimmes Thema anschneiden.“

Tyrion winkte ab.

„Ach, schlimme Themen gehören bei den Lannisters dazu. Das ist unser Erkennungszeichen.“

Wir lachten kurz. Wenigstens ein bisschen.

Dann fragte Robby, leiser:

„Und… stimmt es wirklich, was man über Joffrey sagt?“

Sansa, Tyrion und ich antworteten wie aus einem Mund:

„Ja.“

Papa atmete durch und nickte.

Sansa begann:

„Er ließ mich schlagen. Demütigte mich… täglich. Ich war sein Spielzeug. Seine… Trophäe.“

Tyrion:

„Er wollte mich ermorden lassen beim Battle of Blackwater Bay. Bei meiner eigenen Hochzeit wollte er mich demütigen. Und das war wahrscheinlich das Netteste, was er mir je antun wollte.“

Ich fügte hinzu:

„Er hat mich ständig geärgert. Immer dann, wenn niemand hinsah. Hat mich aufgezogen, mir Dinge versteckt, mir das Gefühl gegeben, ich bin nicht Teil dieser Familie. Ich war… nichts für ihn.“

Papa schwieg einen Moment.

„Joffrey war… grausam. Und ich konnte ihm nie sagen, dass ich sein Vater bin. Vielleicht… hätte es ihn nicht geändert. Vielleicht doch. Ich werde es nie wissen.“

Dann sah er ins Feuer.

„Aber so, wie er gestorben ist… das hat kein Mensch verdient. Nicht einmal er.“

Wir nickten. Alle.

Ein stilles Einverständnis. Keine Rechtfertigung, nur Mitgefühl – für ein verlorenes, verdorbenes Leben.

Ich drehte mich leicht zu Papa, mein Blick weich, leise.

„Weißt du noch… Margaerys Hochzeit? Der Tag, an dem es passiert ist?“

Er sah mich an.

Und nickte.

Langsam. Schwer.

Sansa legte ihr Weinglas beiseite. Die Flammen spiegelten sich in ihren Augen, als sie sich leicht zu mir wandte und fragte:

„Wo warst du eigentlich damals… bei Joffreys Hochzeit? Ich saß mit Tyrion direkt am Tisch… mit Cersei, Tommen, Tywin… Eigentlich hättest du doch auch dort sitzen müssen, oder?“

Ich wollte gerade ansetzen. Doch Papa kam mir zuvor.

„Joffrey wollte nicht, dass sein kleiner Bruder ihm die Show stiehlt“, sagte er ruhig. „Er meinte, Lukas soll zum Spielen gehen. Weil er seine Ruhe will.“

Alle sahen kurz zu mir. Ich nickte.

„Ich saß auf der Schaukel… ein Stück weiter hinten im Garten. Hab ein bisschen geschaukelt. Es war warm. Ich hab versucht, die Wolken zu berühren.“

Meine Stimme wurde leiser, als ich versuchte, mich ganz zurückzuversetzen. Und ich merkte, wie Papa neben mir ganz ruhig wurde.

„Ich kam zu ihm“, fügte er leise hinzu. „Als das Stück über den Krieg der Fünf Könige lief. Dieses… geschmacklose Schauspiel, das Joffrey aufbieten ließ. Niemand außer ihm fand es lustig.“

Er blickte ins Feuer.

„Ich wollte es mir nicht ansehen. Ich… bin stattdessen zu Lukas gegangen. Ich weiß noch, wie er da saß – die Füße in der Luft, den Blick nach oben, das Haar vom Wind zerzaust. Und wie er gelacht hat, als ich ihn angeschubst hab. Als ob nichts Schlechtes auf der Welt existiert.“

Ich schluckte.

„Ich hab ihn gefragt, warum er nicht bei der Aufführung ist… und er meinte, dass er lieber sehen wollte, was ich mache.“

Papa nickte, sein Blick ganz fern.

„Ich hab ihm zugesehen, wie er immer höher wollte. Und für einen Moment… war alles still. Nur sein Lachen. Nur dieser Wind.“

Ich fuhr fort – leiser jetzt.

„Dann… kam der Moment. Als Joffrey zu würgen begann.“

„Ich weiß noch“, sagte Papa, „wie ich die Schaukel mit der Hand gestoppt hab, wie ich nur sagte: 'Ich muss nachsehen.' Und bin losgelaufen.“

Ich senkte den Blick.

„Plötzlich… schrien alle Leute. Überall war Panik. Und dann… standen auf einmal zwei Männer der Kingsguard vor mir. Schwert gezogen. Einer nahm mich an die Hand, der andere stellte sich schützend vor mich. Sie haben mich sofort auf mein Zimmer gebracht. Ich hab gefragt, was los ist… aber niemand hat geantwortet.“

Ein Kloß saß mir im Hals.

„Ich hab dann… nur noch geweint. Ich war so verwirrt. Ich hatte… Angst. Und ich wollte wissen, ob Papa – also, damals noch ‚Onkel Jaime‘ – ob er auch dort war… ob ihm was passiert ist.“

Ich spürte seine Hand an meinem Rücken. Ein warmes, sanftes Streichen. Kein Wort. Nur Geste. Nur Herz.

Tyrion starrte in sein Weinglas, sein Ton trocken wie ein alter Weinkorken:

„Wisst ihr eigentlich, dass mir das bis heute nachgesagt wird? Dass ich Joffrey vergiftet habe? Immer noch. Von sehr vielen Leuten.“

Er hob das Glas und trank einen Schluck. Ich lächelte schwach, dann sah ich zu ihm rüber.

„Ich erinnere mich noch an den Abend“, sagte ich leise. „Ich saß oben in meinem Zimmer. Mutter kam rein… also Cersei. Und sie hat mir gesagt, dass du… du meinen Bruder getötet hast.“

Ich senkte den Blick.

„Ich hab ihr gesagt, dass ich das nicht glaube. Und sie meinte nur, ich sei verwirrt. Dass ich unter Schock stehe. Und dass ich jetzt schlafen soll.“

Ein paar Herzschläge Stille.

„Ich konnte nicht schlafen. Ich lag die ganze Nacht wach. Ich hab… gewartet. Auf irgendwen.“

Ich sah zu ihm. Er hatte das ganze Gespräch über nichts gesagt. Nur zugehört. Jetzt hob er den Blick, sein Ausdruck sanft.

„Ich weiß noch genau, wie ich zu dir kam“, sagte er, „die Tür knarrte leise, du lagst da mit offenen Augen, riesige Tränenspuren im Gesicht. Und als du mich gesehen hast – du bist mir förmlich entgegengesprungen. Ich hatte kaum die Tür ganz offen, da warst du schon in meinen Armen. Und hast geschnieft wie ein kleiner Welpe, als hätte man dir dein Lieblingskissen weggenommen.“

Alle lachten leise. Ich hielt mir die Hand vors Gesicht.

„Papa…!“ „Ich sag nur die Wahrheit“, grinste er.

Dann wurde er wieder ein bisschen ernster.

„Du hast mich gefragt, ob es stimmt, dass Tyrion es war. Und ich hab gesagt: Nein. Es war nicht Onkel Tyrion. Er würde sowas nicht tun. Und ich hab dir versprochen, dass wir rausfinden, was wirklich passiert ist. Und dass ich bei dir bin. Und dich beschütze.“

Er schüttelte leicht den Kopf, ein zärtliches Schmunzeln auf den Lippen.

„Keine zehn Sekunden später bist du eingeschlafen. Mitten im Satz. Wie ein Stein. Und hast geschnarcht, als hättest du mit der Nase gegen die Zugbrücke geschlagen.“

Alle mussten lachen. Sogar ich, obwohl ich rot wurde. Tyrion hob sein Glas.

„Ich danke dir, mein Junge“, meinte er mit einem gespielt feierlichen Ton. „Immerhin einer. Im ganzen Reich gab es… vielleicht fünf, die mir glaubten. Und einer davon war der kleine Lannister auf der Schaukel.“

Ich grinste, wischte mir ein Tränchen aus dem Augenwinkel.

„Ich wusste einfach, dass du nie so dumm wärst, jemanden zu vergiften… und dann direkt danebenzustehen.“

Tyrion hob sein Glas noch ein Stück höher.

„Wahrlich… die Dummheit war nie meine größte Tugend.“

Da beugte sich Cengiz vor, sein Blick amüsiert.

„Schon heftig, was bei euch allen auf Hochzeiten so passiert ist…“

Ich grinste.

„Was heißt denn bei uns? Woher kennst du überhaupt Hochzeiten?“

Cengiz lehnte sich zurück, sein Blick wurde versonnen.

„Ich war… glaub ich… auf genau einer. Da war ich zwölf. Vielleicht dreizehn. Irgendein Händlersohn hatte die Tochter von irgendeinem reichen Söldner geheiratet. Wir waren eingeladen, weil Oberyn den Bräutigam mal gerettet hatte oder so. War nicht sonderlich spannend… Bis jemand versuchte, Oberyn zu töten.“

Wir alle sahen ihn an. Sein Gesicht verzog sich zu einem verschmitzten Lächeln.

„Ich hab’s gesehen. Hab einfach instinktiv reagiert. Bin dazwischen. Hab dem Kerl sein eigenes Messer in die Kehle gerammt.“

Kurze Stille.

„War mein erstes Mal, jemanden zu töten. Und das Verrückteste: Ich war stolz. Und wir haben danach einfach weitergefeiert. Ich hab am selben Abend noch mit Tyene getanzt.“

Ein kurzer Moment des Schweigens, bevor wir alle in Lachen ausbrachen.

„Das ist niemals passiert!“, lachte ich.

„Doch, Mann!“, sagte Cengiz.

„Ich hab das Kleid von ihr immer noch in Erinnerung. Feuerrot. Und ich hab sie sogar gefragt, ob sie mir zeigt, wie man richtig tanzt. Hat sie gemacht. Die Blutspur auf dem Boden war ihr völlig egal.“

Wir waren alle kurz sprachlos. Dann lachten wir. Aber wir lachten aus tiefstem Schock heraus.

„Cengiz, das ist niemals passiert!“, rief Robby kopfschüttelnd, „Außerdem warst du mit mir auf der Hochzeit meiner Cousine – Maela Selmy! In Harvest Hall!“

Cengiz blinzelte ihn verwirrt an.

„Was redest du?“

„Die Dickere. Die, die beim Hochzeitstanz gestolpert ist und mit diesem dürren Lord aus Ashford in den Tisch mit dem ganzen Essen gefallen ist – der komplette Tisch ist zusammengebrochen!“

Einen Moment lang starrte Cengiz einfach nur. Dann… ein Lächeln… und plötzlich weiteten sich seine Augen.

„OHHH. Oh Götter… stimmt das war eine Hochzeit?! Ich dachte das wär einfach so ein Fest!“

„War’s auch. Aber wegen der Hochzeit!“, sagte Robby lachend.

„Alter…“, murmelte Cengiz, „Wir haben uns so die Kante gegeben. Ich erinner mich nur noch daran, wie sie in diesen riesigen Tortenhaufen fiel und alles wie in Zeitlupe aussah.“

„Und dann haben wir uns zwei Karaffen Wein geschnappt und sind einfach wortlos rausgegangen“, fügte Robby hinzu.

„Niemand wusste, ob wir uns schämten oder feiern wollten.“

„Ich glaub beides“, meinte Cengiz trocken.

Alle brachen in schallendes Lachen aus – sogar Papa hielt sich den Bauch. Ich wischte mir die Tränen aus den Augen.

„Ich kann aus eigener Erfahrung sagen…“, sagte ich traurig blickend, „dass Hochzeiten einfach immer eskalieren, wenn sie groß gefeiert werden.“

„Das stimmt“, murmelte Sansa und trank einen Schluck.

„Ganz Westeros ist traumatisiert“, nickte Tyrion.

Dann wandte sich Papa zu uns, sein Blick verschmitzt.

„Dann bleibt euch beiden ja eigentlich nur eine Option…“, sagte er mit einem Grinsen, „klein, ruhig, entspannt. Nur im engsten Kreis. Ohne Trubel.“

Sansa und ich sahen ihn an. Dann ein Blick zwischen uns. Dann zurück zu ihm.

„Du willst es wirklich“, sagte ich.

„Er würde uns morgen früh am liebsten zum Septon schleifen“, meinte Sansa lachend.

Papa lief rot an. Tyrion stieß ihn mit dem Ellbogen an.

„Du Romantiker, du.“

„Ich sag ja nur – ihr seid schon fast da“, murmelte Papa.

Dann ging es los. Sie wollten uns nicht in Ruhe lassen.

„Was ist mit den Wassergärten von Dorne?“, fragte Cengiz, „Wunderschön. Still. Überall fließendes Wasser. Und Pavillons.“

„Oder das Septrum von Maidenpool“, meinte Lennard, „am See, mit Blick auf die Sonnenuntergänge.“

„Oder einfach hier auf Storm's End. Am Klippenrand. Sonnenaufgang im Rücken, das Meer unter euch“, schlug Robby vor.

„Was ist mit der Alten Weirwoodlichtung bei Riverrun?“ sagte Papa, „Dort hat sich nie jemand geprügelt. Noch nie.“

„Beeindruckend“, meinte Tyrion, „aber ich würde einfach mit einem Fass Wein auf einem Boot heiraten. Weniger Stress.“

Wir lachten alle wieder. Die Stimmung war leicht, fast heiter. Und dennoch… als ich aufstand, spürte ich einen zarten Knoten in der Brust.

„Ich glaub, es ist Zeit fürs Bett“, sagte ich.

Sansa erhob sich ebenfalls.

„Eindeutig“, meinte sie.

Wir verabschiedeten uns – mit Umarmungen, Schulterklopfen und einem sanften Blick von Papa – und gingen gemeinsam in unser Zimmer.

Im Flur lachten wir weiter. Wanderten gedämpft durch die Steinkorridore von Storm’s End.

„Also…“, flüsterte sie, „die Wassergärten von Dorne?“

„Sehr heiß“, sagte ich, „aber schön. Und privat.“

„Storm's End war auch gar nicht schlecht…“, murmelte sie.

Ich nickte.

„Robby meinte Sonnenaufgang auf den Klippen. Ich wär dabei.“

„Ich auch“, sagte sie und legte ihre Hand in meine.

Ein paar Schritte noch, unsere Stimmen leise im Dunkeln. Und dann:

„Vielleicht… irgendwann. An einem dieser Orte. Nur du und ich.“

„Und Papa als Trauzeuge“, sagte ich. Sie lachte. „Dann müssen wir ihm vorher Taschentücher geben.“

2

Botschaft aus Dorne

Schauplatz: Storm's End · Lukas Lannister, Jaime Lannister, Tyrion Lannister, Sansa Stark, Cengiz Martell, Lennard Baratheon, Lewyn Ortengryn, Daenerys Targaryen, Jon Snow, Ygritte, Tyene Sand, Robby Selmy

Der Morgen war ruhig. Die Sonne stand schon über dem Horizont, das Meer war friedlich, und das Frühstück war gut. Vielleicht zu gut.

Ich konnte nicht widerstehen.

Als Papa und ich nach dem Essen allein waren, drehte ich mich zu ihm und versuchte so ernst wie möglich zu klingen:

„Papa… ähm… Sansa und ich… wir haben letzte Nacht auf den Klippen geheiratet.“

Er hielt inne. Sein Blick wurde sofort weich… …und dann sehr still. Er wirkte wie eingefroren.

„Was…?“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Ihr… ihr habt wirklich… ohne mir Bescheid zu sagen?“

Er sah mich an – nicht böse, nicht enttäuscht, nur… traurig. So richtig tief getroffen.

Ich blinzelte. Hatte ich das gerade… geschafft?

Dann brach ich in Lachen aus.

„Götter, nein! Wir haben nicht geheiratet! Du solltest mal dein Gesicht sehen!“

Er atmete tief durch, rieb sich mit einer Hand über die Stirn – und dann blinzelte er mich finster an.

„Das erzählst du keinem. Verstanden? Keinem.“

Ich grinste.

„Ich denk drüber nach.“

Er schüttelte den Kopf und knuffte mich in die Seite, aber ich sah, wie erleichtert er war. Und irgendwie auch gerührt.

„Mach das nochmal und ich lass dich bei der echten Hochzeit barfuß heiraten“, murmelte er.

Ich grinste.

„Dann heiraten wir in Sandalen. Auf Sand.“

Später standen wir mit den anderen – Sansa, Cengiz, Lennard, Jon, Ygritte, Daenerys, Lewyn, Onkel Tyrion und Robby – über eine Karte der Stepstones gebeugt.

Papier raschelte, Stimmen wurden laut und leiser, Pfeile und Ringe markierten Inseln, mögliche Landeplätze, Umrisse von Routen.

„Wenn wir diese hier zuerst ansteuern“, meinte Lennard und zeigte auf eine längliche Insel in der Mitte, „könnten wir von dort aus zwei weitere gleichzeitig anfahren, je nachdem wie sich das Gelände zeigt.“

„Oder wir teilen uns auf“, schlug Jon vor, „zwei Gruppen, eine nördlich, eine südlich.“

„Risiko dabei ist natürlich…“, murmelte Lewyn, „dass wir dann anfälliger sind, falls es eine Falle ist.“

„Was für eine Falle?“, fragte Ygritte, „Wir sind hier, um Priester zu finden. Nicht zum Krieg.“

„Sag das nicht zu laut“, warf Tyrion ein, „immer wenn jemand sagt ‚Es ist kein Krieg‘, kriechen irgendwo Untote, Meuchler oder Drachen aus einer Höhle.“

Wir waren gerade dabei, uns auf einen soliden Plan zu einigen – da öffnete sich die Tür.

Ein junger Diener trat zögerlich ein und verneigte sich leicht.

„Verzeiht… ich will nicht stören. Aber draußen vor dem Tor… stehen Frauen aus Dorne. Sie suchen nach… Cengiz Martell.“

Alle Köpfe drehten sich zu ihm.

Cengiz hob eine Augenbraue.

„Frauen? Aus Dorne? Wer?“

Der Diener zuckte mit den Schultern.

„Sie haben keine Namen genannt, Mylord. Soll ich sie… nach oben bringen?“

Cengiz blickte kurz in die Runde, sichtlich verwirrt.

„…Ja. Holt sie rein.“

Die Tür schloss sich wieder. Ein seltsames Schweigen legte sich über den Raum.

Sansa runzelte die Stirn. Jon sah fragend zu Cengiz. Papa hob eine Braue. Ich trat näher zu ihm.

„Irgendeine Ahnung, wer das sein könnte?“

Cengiz schüttelte den Kopf.

„Wenn das Ellaria ist, bin ich tot“, murmelte er halblaut.

Onkel Tyrion nippte an seinem Wein.

„Wenn das nicht Ellaria ist, bist du auch tot. Nur anders.“

Wir alle standen nun da – eine verschlossene Tür, eine Frage, und gleich würde sie sich öffnen.

Die Tür öffnete sich. Der Diener kehrte zurück – und hinter ihm traten drei Frauen ein.

Dornisch. Sofort zu erkennen. Die Art wie sie gingen, wie sie die Blicke musterten.

Cengiz’ Augen wurden groß. Die Frauen wirkten gleichzeitig erleichtert und angespannt, als würden sie seit Jahren auf diesen Moment hingelebt haben.

„Cengiz…“ Die erste sprach es kaum hörbar.

Er trat vor.

„Tyene?“

Sie nickte. Neben ihr die zweite Frau – mit langen Blonden Haaren und scharfen Augen – trat ebenfalls hervor.

„Hallo, ich bin Maris.“ Die Dritte, etwas jünger, leise: „Lyssandra.“

„Wir… müssen mit dir reden. Allein.“

Cengiz zögerte einen Moment. Dann nickte er langsam und sah in unsere Runde.

„Ich bin gleich zurück.“

Die Tür zum Nebenraum fiel leise ins Schloss.

Daenerys trat näher.

Zu meiner Überraschung stellte sie sich direkt neben Papa, Onkel Tyrion und mich.

„Wer sind die drei?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Noch nie gesehen.“

Onkel Tyrion schnaubte.

„Ich auch nicht. Was seltsam ist. Normalerweise kenne ich jede Dornische, die mir Wein oder Ärger bringt.“

Papa legte einen Finger ans Kinn.

„Ich habe Tyene mal gesehen. In Dorne. Damals war sie mit Ellaria unterwegs. Und mit Obara, Nymeria, Nina… und Myrcella.“

Daenerys runzelte die Stirn.

„Myrcella war doch… deine Tochter?“

Papa nickte langsam, sein Blick wurde etwas weicher.

„Sie war dort. Und Tyene… sie hat versucht, Bronn zu vergiften.“

„Was?!“, entfuhr es mir.

„Während sie mit ihm flirtete“, fügte Papa trocken hinzu.

Tyrion prustete los. Ich ebenfalls. Papa hob beschwichtigend die Hände.

„Aber sie war… trotzdem nett. Auf ihre Weise. Wenn man das Gift übersieht.“

Daenerys lächelte schmal, sichtlich irritiert.

„Und warum… sind sie jetzt hier?“

Ich zuckte mit den Schultern. Tyrion hob sein Weinglas.

„Dorne ist nie einfach.“

Papa nickte.

„Wenn ich raten müsste, hat es mit Sunspear zu tun. Oder mit etwas, das dort nie wirklich abgeschlossen wurde.“

Im Nebenraum. Die Stimmung war eine andere.

Cengiz lehnte mit verschränkten Armen an der Steinwand. Er blickte von einer zur anderen.

„Also. Wieso jetzt? Und wieso so heimlich?“

Tyene trat vor.

„Es tut uns leid. Dass wir dich nicht eher kontaktiert haben. Wir… wussten oft nicht, wo du warst.“

„Wir haben nur Gerüchte gehört“, ergänzte Maris. „Vom Kampf mit dem Mountain. Dass du gewonnen hast.“

Lyssandra nickte eifrig.

„Die Nachricht hat sich überall verbreitet.“

Cengiz zuckte mit der Schulter.

„Dann wisst ihr sicher auch, dass man mit mir nicht reden darf, weil ich Dorne ja verraten und Quentyn ermordet habe, oder?“

Schweigen.

Tyene senkte den Blick.

„Ja.“

„Und ihr habt’s geglaubt?“, fragte er, nicht wütend, aber verletzt.

Maris trat einen Schritt näher.

„Nicht alle glauben es.“

„Obara glaubt es. Und Ellaria. Und viele in Sunspear.“

„Aber Starfall ist anderer Meinung, genau wie wir“, sagte Lyssandra.

Cengiz runzelte die Stirn.

„Starfall?“

Tyene nickte.

„Der Süden Dorne… Sunspear, die Water Gardens, Sandstone… alle halten an Ellarias Erzählung fest. Aber im Norden… Starfall, Blackmont, Skyreach, selbst die Marschen und am Tower of Joy… die Leute glauben, dass es nicht du warst.“

„Sie glauben, dass jemand mit Rang… in Dorne… Quentyn loswerden wollte“, sagte Maris. „Und dass du nur… das perfekte Opfer warst.“

Cengiz schwieg. Das Wort „Tower of Joy“ traf ihn hart. Er schluckte hörbar.

„Tower of Joy…“, murmelte er leise. Seine Stimme brüchig.

Die Frauen warfen sich kurze Blicke zu. Dann trat Tyene wieder nach vorn.

„Cengiz. Wir sind gekommen… um dich zu bitten.“

„Wir… wollen die Wahrheit. Du bist ein Martell. Dorne braucht Antworten. Und wenn du mit uns nach Starfall kommst… können wir sie finden.“

„Wir kennen sichere Routen“, ergänzte Maris. „Du wärst nicht allein.“

„Hilf uns“, bat Lyssandra. „Bring Dorne wieder zusammen.“

Cengiz sah die drei lange an. Du bist ein Martell. Dann senkte er langsam den Blick. Die Worte der drei Frauen wirkten in ihm nach. Zu viel war in letzter Zeit geschehen.

„Ich weiß es nicht“, murmelte er. „Nach allem mit Nina… ich… ich brauche Zeit. Und Raum. Und überhaupt…“

Er zögerte. Maris beugte sich leicht vor.

„Wo ist sie? Nina. Es gibt Gerüchte, dass sie bei dir war. Dass sie überlebt hat.“

Cengiz atmete tief ein.

„Sie… war bei mir. Für kurze Zeit. Aber sie ist dann gegangen. Sie meinte, sie würde nach Oldtown aufbrechen. Zur Citadel. Ich… ich weiß noch nicht alles. Ich erkläre es euch… wenn der Moment passt.“

Ein langes Schweigen.

Dann, fast gleichzeitig, sprachen die drei:

„Bitte, Cengiz. Komm mit.“ „Es ist keine Falle.“ „Wir sind nicht mehr bei Ellaria.“ „Wir sind nicht wie sie.“ „Wir… glauben dir.“

Tyene trat vor. Sie öffnete langsam ihre Tunika am Oberarm – eine breite, hässliche Narbe zog sich quer über die Haut.

„Obara. Sie… hat das getan. Weil ich nach deiner Verbannung sagte, dass ich glaube, du bist nicht schuldig.“

Cengiz starrte die Narbe an. Ein leiser Atemzug verließ ihn.

Dann hob er langsam den Kopf.

„Ich komme mit. Aber nur, wenn meine Freunde mitkommen können.“

Die drei sahen sich an – und nickten gleichzeitig.

Sie kehrten zurück in den Hauptraum.

Alle drehten sich um. Die Luft war gespannt.

Cengiz trat vor.

„Die drei… kommen aus Dorne. Und sie wollen mit mir nach Starfall. Dort soll es Hinweise geben. Und vielleicht… die Wahrheit. Über alles.“

Tyene sprach:

„Dorne ist gespalten. Ellaria und Obara haben noch Einfluss. Aber es gibt viele, die glauben, dass Cengiz unschuldig ist.“

„Und wir wollen das beweisen“, ergänzte Maris. „Mit ihm. Mit euch. Wenn ihr bereit seid.“

Cengiz drehte sich zu uns.

„Ich frag euch nicht leichtfertig. Aber… würdet ihr mich begleiten?“

Ohne Zögern trat Papa einen Schritt nach vorne.

„Natürlich.“

Ich nickte sofort.

„Bis zum Ende, Bruder.“

Tyrion hob sein Glas.

„Ich würde mich auch gern mal wieder an einem sonnigen Ort betrinken.“

Sansa lächelte sanft.

„Wenn du dort deine Vergangenheit klären kannst, Cengiz – dann sollen wir bei dir sein.“

Lewyn legte eine Hand auf Cengiz’ Schulter.

„Wir stehen das gemeinsam durch.“

Jon sah zu Ygritte, dann zu uns.

„Ich glaube… unsere Wege führen uns wieder zur Wall. Aber wenn ihr uns braucht… ihr wisst, wo wir sind.“

Ygritte nickte.

„Passt aufeinander auf.“

Dann drehte sich Lennard zu uns. Er schien kurz zu zögern.

„Ich werde nicht mitkommen. Ich… ich muss ins Vale. Politische Dinge. Es wird wichtig. Ich treffe Paul und Rodrik am Crossroad Inn.“

Alle sahen sich alarmiert an.

„Nicht schon wieder Crossroad Inn…“, murmelte ich.

Tyrion schnaubte.

„Was auch immer passiert, ich hoffe, diesmal kommt ihr mit mehr als einem Maultier an und geht nicht zu den Forks des Tridents.“

Lennard grinste.

„Ich schick euch Robby. Und… die halbe Baratheon-Armee. Wenn er bereit ist.“

Alle Blicke wanderten zu Robby. Er sah – nicht zu uns, sondern zu Maris.

„Ich bin dabei.“

Die Nacht kam. Die Vorbereitungen begannen.

In einem ruhigen Moment wandte ich mich Papa zu.

„Warst du jemals in Starfall?“

Er nickte, sachte.

„Einmal. Als ich jung war. Die Heimat von Ser Arthur Dayne. Die ‚Morgendämmerung‘ – sein Schwert – wird dort bewahrt. Eine der edelsten Städte in Westeros. Weißer Marmor. Türme, die in den Himmel ragen. Und über allem der Blick aufs Meer, wie aus einem Traum.“

Ich sah ihn an.

„Klingt schön.“

Er sah mich an.

„Es ist mehr als das.“

Später in der Nacht. Rüstungen, Stiefel, Ledergurte. Ein letztes Anpassen der Schwerter.

Papa und ich saßen an einem langen Tisch. Wir schrieben an Brienne, Joren und Bronn.

„Storm’s End. Kommt so bald ihr könnt.“

Ich nahm Argentus in die Hand. Die Linien aus Gold pulsierten leicht. Wie ein Echo.

Papa hob Aurelion. Die silbernen Adern glommen – als ob sie wüssten, was bevorsteht.

Cengiz trat dazu. Zireael an seiner Seite. Ein Schwert, das den Himmel zu schneiden schien.

Dann traten wir hinaus. Der Morgennebel hing schwer über den Feldern. Die ersten Vögel riefen aus den Bäumen.

Die Marschen warteten. Und irgendwo dahinter… Starfall.

Der Boden unter unseren Füßen war weich und feucht von der letzten Nacht. Dornische Marschen, mit schmalen Wegen durch das hohe Gras, kleine Hügel, Felsbrocken, immer wieder Wasserläufe und der salzige Wind, der von Süden herüberwehte. Wir bewegten uns in einer klaren, fast rituellen Ordnung, ohne sie besprochen zu haben.

Vorne Cengiz und Tyene.

„Nach deiner Verbannung… war Ellaria nicht mehr wie früher“, sagte Tyene leise, als würde sie nicht wollen, dass die anderen es hören. „Sie war voller Gift. Kein Tag verging, an dem sie dich nicht schlechtmachte. Sie hat dich bei jedem Fest, in jedem Gespräch, in jeder Ratsversammlung ins Dreckige gezogen. Und niemand wagte zu widersprechen.“ Sie blickte zur Seite. „Niemand… außer Oberyn. Ich habe einmal mitgehört, wie sie nachts mit ihm stritt.“

Cengiz sah sie an, wortlos.

„Sie war… grausam. Sie hat sogar gesagt, dass Quentyn feige war, dass er sich nie gegen sie gestellt hat. Und da ist Oberyn ausgerastet. Er hat gesagt, dass du sein Stolz bist. Dass du mehr Mut gezeigt hast als alle Sand Snakes zusammen. Und dass Quentyn so loyal war, wie sie es nie sein wird.“ Tyene schluckte. „Er ist gegangen. Einfach so. Hat sie stehen lassen.“

Cengiz sagte lange nichts. Dann flüsterte er:

„Ich wünschte… er hätte das öfter laut gesagt. Als ich noch da war.“

Etwas dahinter gingen Papa und ich. Unsere Schritte im Gleichklang, ohne dass wir es planten.

Ich war gerade dabei, ihm eine Frage zu stellen, als jemand neben uns trat – Lyssandra.

Sie sah Papa neugierig an, dann mich.

„Verzeiht. Ich wollte nicht stören. Aber… seid Ihr der Vater von Prinzessin Myrcella?“ fragte sie Jaime vorsichtig. „Und du… ihr Bruder?“

Papa und ich sahen uns an. Dann nickten wir beide.

Etwas schmerzlich. Etwas stolz.

Lyssandra lächelte, fast wehmütig.

„Sie war wunderbar. Myrcella… war sanft. Und klug. Sie hat mir oft geholfen, mit den Kindern der Diener, mit den Waisenkindern in den Water Gardens. Sie war… keine von diesen Prinzessinnen, die nur Befehle geben. Sie hat mit angepackt. Gelächelt. Geliebt.“ Lyssandra sah zu mir. „Und sie hat viel über dich gesprochen, Lukas. Und über dich, Ser Jaime.“

Ich fühlte, wie sich meine Kehle zuschnürte. Papa atmete langsam aus.

„Ich habe… ich habe Briefe“, fuhr Lyssandra fort. „Die sie geschrieben hat. Viele. An dich, Lukas. Und an dich, Ser Jaime. Aber… Ellaria hat sie mir jedes Mal weggenommen. Wollte, dass ich sie verbrenne.“

„Und… hast du?“, fragte Papa leise.

„Nein.“ „Ich habe sie alle aufgehoben.“ „Sie sind in Starfall. Und ihr könnt sie lesen, wenn ihr wollt.“

Ich blieb stehen. Wortlos.

Tränen sammelten sich in meinen Augen. Ich sagte nichts. Konnte nichts sagen.

Lyssandra legte eine warme Hand auf meine Schulter. Papa zog mich sanft näher, legte den Arm um mich, und wir gingen weiter.

Etwas weiter hinten, auf einem kleinen Hügel, liefen Robby und Maris nebeneinander.

„Also… du bist Robby Selmy?“, fragte sie. „Mit Ser Barristan verwandt?“

„Mein Onkel. Mein Held. Er hat mich ausgebildet, als ich ein Junge war. Ich wollte werden wie er.“ Robby lächelte.

„Er wäre stolz gewesen“, sagte Maris. „Und du kämpfst an der Seite von Cengiz. Wie kam das?“

„Lange Geschichte. Wir haben uns nach seiner Verbannung in Harvest Hall kennen gelernt. Wir sind wie… alte Brüder.“ Dann lächelte er sie an. „Und du?“

„Ich bin in Sunspear aufgewachsen. Mit ihnen allen. Cengiz. Nina. Tyene. Obara. Nymeria. Lyssandra. Tystane. Quentyn... Es war… wild. Und voller Sonne.“

Sie gingen weiter. Irgendwie… schien zwischen ihnen etwas zu fließen. Noch zaghaft. Aber ehrlich.

Ganz hinten gingen Sansa, Tyrion, Lewyn und Daenerys.

Daenerys wirkte auf den ersten Blick ruhig, aber ihr Blick glitt immer wieder zu Cengiz und Tyene.

Und ihre Augen verengten sich dabei leicht.

Sansa bemerkte es.

„Alles in Ordnung?“, fragte sie vorsichtig.

„Natürlich. Was sollte nicht in Ordnung sein?“, erwiderte Daenerys schnell. „Cengiz kann reden, mit wem er will. Ich bin hier, um Dorne zu helfen. Um Gerechtigkeit herzustellen.“

Tyrion hob eine Braue. Lewyn beugte sich zu ihm.

„Das klang verdächtig klar dafür, dass es ihr egal sein soll“, flüsterte Lewyn.

Tyrion antwortete:

„Ich hab's mir gedacht. Sie ist die Drachenmutter. Aber sie ist auch eine Frau.“

Beide lachten leise. Sansa unterdrückte ein Grinsen.

Und über allem wehte der warme Wind aus dem Süden. Der Wind, der uns zu neuen Wahrheiten führen sollte.

Die Sonne stand tief, als wir an den Ruinen von Vulture’s Roost vorbeikamen. Die alten Steine ragten wie gebrochene Zähne aus dem Boden – Zeugnis eines uralten Dornischen Widerstands, längst von der Zeit geschluckt.

Wir alle gingen in einem größeren Verband. Und ich konnte nicht anders.

Ich ging etwas schneller, bis ich neben Tyene war.

„Hey“, sagte ich und grinste. „Ich bin Lukas. Myrcellas Bruder.“

Sie drehte sich sofort zu mir um.

„Das hab ich mir schon gedacht“, sagte sie schmunzelnd. „Ihr habt dieselbe ruhige Wärme in den Augen. Was gibt’s, kleiner Löwe?“

Ich zögerte kurz, dann konnte ich nicht anders:

„Also… was war das eigentlich damals mit dir und Bronn, als mein Vater mit ihm in Dorne war? Ich hab da mal was gehört…“

Tyene brach in Lachen aus.

„Oh, Sieben! Das meinst du?“ „Er war in der Zelle. Ich hatte ein Messer. Und dann hab ich ihn ein bisschen… sagen wir… verwirrt.“ „Ich hab ihm ein Gegengift angeboten – aber erst, nachdem ich ihn mit einem ziemlich starken Gift fast aus den Latschen gehauen hab.“ „Aber was soll ich sagen… er war charmant. Und ganz ehrlich – ich glaube, er hätte fast mit mir geflirtet, selbst wenn ich ihm das Bein abgehackt hätte.“

Ich musste lachen.

„Und habt ihr euch später nochmal gesehen?“

„Nein, leider nicht“, sagte sie. „Aber ich hab oft an ihn gedacht. So ein harter Hund – und trotzdem weich ums Herz, wenn man wusste, wo man drücken muss.“

Ich lachte noch mehr und erzählte ihr:

„Gerade passt er auf meinen kleinen Halbbruder Joren auf. Und sieh ihn dir heute an – er spielt mit ihm, trägt ihn auf den Schultern, bringt ihm das Fluchen bei… Er ist komplett weich geworden.“

Tyene blieb stehen vor Lachen.

„Bronn? Babysitter? Ich muss das sehen. Sobald wir hier fertig sind, bringst du mich zu ihm. Das will ich mit eigenen Augen erleben.“

„Wird gemacht“, grinste ich.

Etwas hinter uns ging Cengiz zusammen mit Maris und Lyssandra. Sie sprachen gerade über alte Zeiten – Spiele in den Gärten, die geheimen Räume in Sunspear, wie Quentyn einmal in ein Weinfass gefallen war. Da näherte sich Daenerys, mit ruhigem, offenem Schritt.

„Was besprecht ihr da?“, fragte sie und schloss sich ihnen an.

„Vergangenes“, sagte Maris knapp. „Dinge, die uns geprägt haben.“

„Dinge, die man nicht vergessen sollte“, fügte Lyssandra hinzu.

Daenerys nickte nur, sagte nichts weiter. Sie ging mit, hörte zu. Aber man merkte, dass sie sich nicht wirklich einfügte. Sie stand dabei. Nicht mitten drin.

Noch ein Stück dahinter, in einem locker zusammengeführten Gespräch, gingen Papa, Sansa, Onkel Tyrion, Lewyn und Robby.

Sie blickten nach vorn zu der ungewöhnlichen Konstellation aus Cengiz, zwei Dornischen Frauen und der Drachenkönigin. Dann schauten sie sich an – amüsiert, aber auch wachsam.

„Also... ich will nichts sagen, aber das sieht aus wie der Anfang von… irgendetwas Großem“, meinte Tyrion und nippte an seinem Flachmann.

„Ein Bürgerkrieg?“, schlug Lewyn vor. „Ein Dornisches Erdbeben?“

„Ein Rückruf der Rosen?“, warf Sansa ein.

„Oh, ich hab’s: Sandstorm Rising“, sagte Robby trocken. „Weil alle, die was zu sagen haben, aus Sand geboren wurden.“

Papa schüttelte den Kopf lachend.

„Ich seh die Banner schon vor mir. Die Dornische Erhebung.“

„Oder wie wär’s mit: Rückkehr des Wahren Prinzen“, sagte Tyrion mit Blick auf Cengiz. „Klingt mystisch. Verkauft sich gut.“

„Oder einfach ganz simpel: Der Dornische Aufbruch“, schlug Sansa vor. „Weil es sich eben nicht wie ein Krieg anfühlt. Noch nicht.“

„Noch nicht“, murmelte Lewyn.

Sie wurden wieder ernster.

„Wie auch immer wir es nennen…“, sagte Papa, „…wir müssen vorsichtig sein. Wir wissen nicht, wer in Starfall wirklich für uns ist. Und wer sich nur verbündet, um uns zu beobachten.“

„Wenn wir schlau sind, reden wir zuerst mit den einfachen Leuten“, meinte Sansa. „Nicht mit den Lords. Die Stimmen auf der Straße sind der wahre Gradmesser.“

„Dann brauchen wir jemanden, dem man zuhört. Jemanden, der dort bekannt ist“, sagte Robby.

Alle sahen nach vorn – zu Cengiz. Der, ob er es wollte oder nicht, wieder ins Zentrum dessen rückte, was Dorne einmal werden würde.

Als wir den letzten Hügel passierten, wurde es still.

Niemand sagte etwas, als wir sie endlich sahen. Starfall.

Die weiße Festung ragte auf wie ein Traum aus Marmor, gebaut auf einer Klippe hoch über dem Torrentine. Die Sonne stand tief, und das Licht spiegelte sich im Wasser, ließ den Fluss wie flüssiges Silber wirken. Das Hauptgebäude – eine weite Halle mit violett schimmernden Glasfenstern – war von Gärten umgeben, Palmen wuchsen in geschützten Höfen, und der weite Himmel wirkte noch größer als anderswo. Das Wasser rauschte tief unter uns, klar und ewig. Und dort, weiter westlich auf einem kleinen Felsausläufer, sahen wir sie: den Sternenturm. Schmal, hoch, wie aus einer anderen Zeit.

„Wie gemalt“, murmelte Sansa neben mir.

Tyene, Maris und Lyssandra führten uns ein Stück weiter die Küste entlang, zu einem etwas abgelegenen turmartigen Haus aus hellem Stein – fast wie eine kleinere Schwester des Sternenturms. Ranken wuchsen die Mauern hinauf, Lavendelbüsche säumten den Pfad.

Als wir die kleine Treppe hinaufstiegen, öffnete sich die Tür. Eine Frau stand da – dunkles, leicht zerzaustes Haar, starke Gesichtszüge, die an Obara erinnerten, doch mit einem Ausdruck, der wärmer war.

Sie blinzelte.

„…Cengiz?“

Er blieb stehen und lachte leise.

„Ja. Ich glaube… ich bin’s.“

Sie trat näher, musste ihn zweimal ansehen.

„Sieben Höllen, du hast dich verändert. Lange Haare? Wer hätte das gedacht…“

Cengiz grinste nur. Nymeria legte kurz die Hand an seine Schulter – fest, aber sanft. Dann bat sie uns herein.

Das Innere war einfach, aber wunderschön. Warmes Holz, offene Fenster, gedämpftes Licht, Bücher überall. Ein Zuhause.

Ich bemerkte Daenerys, die am Rand stehen blieb. Ihr Blick glitt über Nymeria, dann über Maris, Lyssandra, Tyene – und schließlich zu Cengiz. Etwas in ihrem Blick… verschloss sich. Doch ich sagte nichts.

3

Myrcellas Briefe

Schauplatz: Starfall · Lukas Lannister, Jaime Lannister, Tyrion Lannister, Sansa Stark, Cengiz Martell, Lewyn Ortengryn, Daenerys Targaryen, Tyene Sand, Robby Selmy, Oruc

Sansa und ich bekamen ein kleines Zimmer mit Blick aufs Meer. Wir saßen am Fenster, die Knie angezogen, ihre Hand in meiner. Das Rauschen der Wellen war wie eine sanfte Stimme.

„Es ist so friedlich hier“, sagte sie. „Fast wie Winterfell. Aber wärmer. Und irgendwie… heil.“

„Ich wünschte, es bliebe so“, murmelte ich. „Vielleicht… vielleicht wird es das. Wenn wir Dorne wirklich heilen können.“

Wir sagten nicht viel mehr. Es reichte auch so.

Gegen Abend klopfte es. Ich öffnete – und da stand Papa, mit Lyssandra an seiner Seite. Beide lächelten ruhig.

„Lukas“, sagte Papa. „Willst du… die Briefe sehen?“

Mein Herz machte einen Satz. Ich nickte nur.

Wir gingen gemeinsam nach unten, durch die schmale Wendeltreppe. Im Vorbeigehen sah ich Cengiz in einem der Nebenräume mit Maris, Tyene und Nymeria sitzen. Er sprach leise, fast vorsichtig – als würde er alte Trümmer neu zusammensetzen. Daenerys kam uns entgegen, blieb stehen.

„Wo ist Sansa?“, fragte sie mich.

„Oben, in meinem Zimmer. Sie schaut aufs Meer.“

Daenerys nickte nur. Dann ging sie weiter nach oben.

Lyssandra brachte uns in ihr Zimmer – schlicht, aber liebevoll eingerichtet. Auf dem Tisch lagen sorgfältig aufgeschichtete Bündel. Sie beugte sich hinunter und öffnete eine Holzschatulle. Darin: Pergamentrollen, in Stoff eingewickelt, mit verschnörkelten Initialen. Auf manchen stand „An Lukas“, auf anderen „An Onkel Jaime“, bei einigen konnte ich Myrcellas Handschrift erkennen.

„Ich habe sie aufgehoben“, sagte Lyssandra leise. „Ellaria wollte sie zerstören. Aber ich konnte es nicht.“

Wir sagten nur „Danke“. Wirklich. Und sie ließ uns allein. Leise schloss sie die Tür.

Papa und ich standen da, allein mit der Vergangenheit.

Ich sah ihn an. Er wirkte bewegt, aber ruhig. Dann reichte er mir einen Brief mit meinem Namen darauf – und hielt selbst einen in Händen, adressiert an: „Meinen liebsten Onkel Jaime.“

Wir setzten uns nebeneinander auf den Boden.

Ein Moment, der größer war als wir. Und doch so still.

Es klopfte sanft an der Tür. Sansa blickte auf.

„Herein.“

Die Tür öffnete sich, Daenerys trat ein. Ihr Blick war ruhig, aber etwas darin verriet Unruhe. Sansa musterte sie kurz – dann legte sie das Kissen zur Seite.

„Du wirkst, als hättest du dich verlaufen – oder etwas auf dem Herzen.“ „Setz dich.“

Daenerys zögerte einen Moment, schloss dann die Tür hinter sich und kam ans Fenster, wo Sansa saß. Sie setzte sich, ließ den Blick über das Meer schweifen.

„Es ist wirklich schön hier…“, murmelte sie. „Zu schön, um nicht… irgendwas zu empfinden.“

Sansa sah sie ruhig an.

„Was ist los?“

Daenerys presste kurz die Lippen aufeinander, dann sah sie Sansa direkt an.

„Gibt es… irgendeine Verbindung? Zwischen Cengiz und einer von ihnen? Tyene. Oder Maris. Oder Lyssandra. Oder Nymeria? Oder gleich allen?“ Ihre Stimme wurde etwas lauter, das Tempo schneller. „Ich meine, sie sehen ihn alle so an, als wäre er irgendein... verlorener Prinz. Und Tyene läuft neben ihm, als wäre sie seine Ehefrau, und Maris lacht über jeden seiner Sätze, als hätte sie nie jemanden Besseres gehört. Und Lyssandra hat diese Art ihn anzusehen, als würde sie gleich—“

Sansa hob eine Augenbraue.

„Dany. Beruhig dich.“

Daenerys atmete durch.

„Ich bin ruhig.“

„Nein. Bist du nicht.“

Sansa lächelte sanft.

„Die meisten von ihnen sind mit Cengiz aufgewachsen. Wie Geschwister. Es war wirklich so – sie wurden gemeinsam großgezogen bei Oberyn und Ellaria.“

„Das… heißt nichts“, murmelte Daenerys. „Geschwister? Sag das jemandem in deiner Familie.“ Ein schiefer Blick.

Sansa lachte trocken.

„Fairer Punkt.“

Sie lehnte sich zurück und sprach ruhig weiter.

„Cengiz hatte nur mit einer von ihnen je… etwas anderes. Und das war Nina. Und die ist zur Citadel gegangen. Du weißt das. Er hat Gefühle für sie gehabt. Echte. Tiefe. Aber mit den anderen? Da ist nichts. Nichts als Erinnerungen, Kameradschaft, vielleicht ein bisschen Nostalgie.“

Daenerys sah sie an. Etwas in ihrem Blick schmolz. Erleichterung.

Sansa grinste.

„Ist da etwa jemand eifersüchtig?“

Daenerys verdrehte die Augen, musste aber lachen.

„Wenn du das irgendjemandem erzählst—“

„Nicht mal Lukas“, versprach Sansa. „Nicht mal ihm.“

Daenerys lächelte schwach und sah dann wieder hinaus.

„Ich weiß nicht… vielleicht sollte ich selbst mit ihm reden. Nur, um sicherzugehen.“

„Das solltest du. Er hat nichts zu verstecken.“

Für einen Moment schwiegen sie, nur das Meeresrauschen füllte den Raum.

Dann sagte Sansa:

„Aber wenn wir schon beim Thema sind… Hast du gesehen, wie Robby und Maris sich die ganze Zeit ansehen?“

Daenerys zog die Brauen hoch.

„Ansehen? Du meinst, wie sie sich mit den Augen ausziehen?“

Sie begannen zu lachen – diesmal gemeinsam. Die Stimmung war wieder leichter.

Papa öffnete den Umschlag zuerst.

Seine Finger zitterten kaum merklich, als er das Siegel brach. Ich sah, wie sich sein Blick auf die ersten Zeilen senkte – und noch bevor er wirklich gelesen hatte, veränderte sich etwas in seinem Gesicht. Als würde ihm der Boden unter den Füßen weggezogen.

Er schluckte.

Dann las er leise, fast flüsternd:

„Onkel Jaime, ich hoffe so sehr, dass es dir gut geht und dass du bald wieder nach Hause kommst. Ich bete jeden Abend dafür, dass dir nichts passiert ist und dass dich niemand verletzt hat.“

Seine Atmung stockte. Eine Träne fiel auf das Pergament, dann noch eine.

Ich rückte näher zu ihm, legte vorsichtig meine Hand an seinen Rücken und strich langsam, beruhigend, auf und ab. Er zog den Brief etwas dichter an sich, als hätte er Angst, ihn zu verlieren.

Er las weiter.

Myrcellas Worte waren weich, fast kindlich – und genau das machte es so schmerzhaft.

Sie schrieb davon, wie Dorne sich anfühlte. Von der Sonne, vom Meer, von den Gärten. Davon, dass Fürst Doran freundlich zu ihr sei und Oberyn sie immer zum Lachen bringe.

Dann die Namen.

Tystane, ihr Gemahl. Wie sanft er sei, wie bemüht, alles richtig zu machen. Wie sehr sie hoffe, dass sie ihm eine gute Frau sein könne.

Sie schrieb von Cengiz, von Nymeria, Tyene, Maris, Lyssandra, Nina, Obara und Quentyn – wie sie gemeinsam durch die Gärten liefen, lachten, lernten, stritten und sich wieder versöhnten. Wie sehr sie sich dort aufgenommen fühlte.

Und dann änderte sich der Ton.

„Ellaria ist nicht nett zu mir. Ich weiß nicht, warum. Manchmal habe ich das Gefühl, sie hasst mich. Sie sieht mich an, als wäre ich etwas, das nicht hierher gehört.“

Papa atmete scharf ein.

„Ich vermisse dich sehr. Und ich habe manchmal Angst, dass mir etwas passieren könnte. Ich hoffe du bist schnell wieder zurück in King’s Landing.“

Seine Schultern begannen zu beben.

Ich blieb ganz ruhig, strich weiter über seinen Rücken, lehnte meine Stirn kurz an seine Schulter.

Dann las er die letzten Zeilen.

„Wenn du wieder da bist, pass bitte gut auf Tommen und Lukas auf. Sie brauchen dich sehr, mehr als du wahrscheinlich denkst. Auch wenn du nur unser Onkel bist.“

Da brach es aus ihm heraus.

Er senkte den Kopf, presste den Brief an seine Brust, und ein leiser, kaputter Laut entwich ihm – irgendwo zwischen Schluchzen und Atemholen. Ich hatte ihn selten so gesehen.

„Papa…“, flüsterte ich, ganz leise. „Du bist da. Sie weiß nicht, was passiert ist. Sie hat dich geliebt.“

Er schüttelte den Kopf. „Ich hätte bei ihr sein sollen“, sagte er heiser. „Ich hätte sie beschützen sollen. Und ich war nicht da. Nur als sie dieses dumme Gift getrunken hat. Erst kurz davor konnte ich ihr sagen, wer ich wirklich bin und dann wurde sie mir...uns...weggenommen...“

Ich schob meinen Arm fester um ihn. „Du hast es ihr doch gesagt und du passt auf mich auf. Sie ist stolz auf dich Papa, da bin ich mir sicher.“

Er atmete schwer, versuchte, sich zu sammeln. Seine Hand strich zitternd über die Zeilen, als würde er ihre Stimme darin noch einmal hören wollen.

Langsam, ganz langsam, wurde sein Atem ruhiger.

Er sah mich an – die Augen rot, aber klarer.

„Danke“, sagte er leise. „Dass du hier bist.“

Ich nickte nur. „Immer.“

Papa saß noch immer da, den Brief in der Hand, die Augen feucht. Er fuhr sich einmal über das Gesicht, als wollte er sich sammeln, aber die Gedanken ließen ihn nicht los.

„Ich vermisse sie“, sagte er schließlich, die Stimme rau. „Mehr, als ich je sagen konnte.“

Er sah nicht mich an, sondern irgendwo durch den Raum.

„Weißt du… als ich ihr damals gesagt habe, wer ich wirklich bin…“ Er schluckte. „Sie hatte keine Angst. Keine Wut. Sie hat mich nur angesehen und gesagt, dass sich für sie nichts ändert. Dass ich immer ihr Papa sein werde, egal wie die Welt mich nennt.“

Mir zog es das Herz zusammen.

„Sie war so unglaublich lieb“, fuhr er fort. „So ruhig. So klug. Viel klüger als wir alle.“

Dann senkte er den Blick.

„Und Tommen…“ Seine Stimme brach. „Ich konnte ihn nicht beschützen. Nicht vor dem High Sparrow. Nicht vor dem, was er aus ihm gemacht hat. Ich war da – und doch nicht da.“

Ich rückte näher, legte meine Stirn kurz an seine Schulter.

„Papa“, sagte ich leise. „Du hast sie geliebt. Beide. Und sie haben das gewusst.“

Er schüttelte den Kopf, Tränen liefen ihm wieder über die Wangen.

Ich nahm sein Gesicht sanft zwischen meine Hände. „Du passt jetzt auf uns auf. Auf mich. Auf Joren. So, wie sie es gewollt hätten.“

Er sah mich an, suchend.

„Und…“, fügte ich hinzu, fester jetzt, „wir passen auf ihre Freunde auf. Auf Dorne. Auf das, was ihnen wichtig war. Wir machen das nicht umsonst.“

Er atmete tief ein, nickte langsam. „Ja“, murmelte er. „Du hast recht.“

Dann sah er auf den zweiten Brief in meiner Hand und wischte sich hastig über die Augen.

„Jetzt…“, sagte er leise, „jetzt solltest du deinen öffnen.“

Ich zögerte einen Moment. Dann brach ich das Siegel.

Schon die erste Zeile traf mich wie ein Schlag.

„Hey kleiner Bruder,“

Meine Sicht verschwamm sofort.

„ich hoffe, du bist brav und passt auf dich auf. Ich vermisse dich jeden Tag.“

Meine Hände begannen zu zittern.

„Bitte sag mir, dass Tommen noch lacht und dass Joffrey dich nicht zu sehr ärgert. Und dass alle lieb zu dir sind.“

Ich schluckte hart.

„Ich hoffe so sehr, dass Onkel Jaime wieder da ist. Ich weiß, wie sehr du ihn brauchst und er dich. Wenn er zurückkommt, umarm ihn ganz fest – für mich.“

Ein leises Schluchzen entwich mir.

Papa sah mich an, verstand sofort – und blieb ganz still.

„In Dorne ist es schön. Es gibt Wasser überall und Gärten und Sonne. Ich schwimme fast jeden Tag und denke dabei an dich.“

„Vielleicht kommst du mich eines Tages besuchen. Oder… wenn du willst, kannst du auch hier leben. Ich zeige dir die Wassergärten und wir schwimmen zusammen.“

Meine Tränen fielen auf das Pergament.

„Ich hab dich unfassbar lieb, kleiner Bruder. Vergiss das nie.“

Ich konnte nicht weiterlesen.

Der Brief glitt mir aus den Händen, und ich brach endgültig zusammen.

Ohne nachzudenken, rutschte ich näher zu Papa und warf mich in seine Arme – ganz genauso, wie sie es geschrieben hatte. Er schloss mich sofort fest an sich, hielt mich, eine Hand schützend an meinem Hinterkopf.

Ich vergrub mein Gesicht an seiner Schulter.

„Ich brauch dich“, flüsterte ich. „Bitte geh nicht weg.“

Er zog mich noch enger an sich.

„Ich bin hier“, sagte er leise. „Ich bin bei dir. Immer.“

Dann, nachdem wir einen Moment so verharrt waren lösten wir uns. „Komm, wir schauen mal nach den anderen ob es schon neue Informationen gibt und ob irgendwer was weiß und dann gehen wir der Sache auf die Spur und machen deine Schwester stolz hm?“ Ich nickte mit einem leichten Lächeln und er wuschelte mir durch die Haare.

Nachdem Papa und ich die Briefe von Myrcella gelesen hatten, brauchten wir noch ein paar Minuten, bis wir uns wieder gefasst hatten. Die Worte hallten nach – aber sie gaben uns auch Kraft.

Dann stiegen wir gemeinsam die Treppe nach oben, zurück zu den anderen. Cengiz, Nymeria, Maris, Tyene und Lyssandra saßen bereits beisammen. Cengiz hatte eine dieser weichen Ledermäntel aus Dorne übergestreift und sah so aus, als wäre er nie fort gewesen. Maris saß neben ihm und flüsterte ihm gerade etwas zu, als wir eintraten.

Kurze Zeit später kamen auch Sansa und Daenerys dazu. Und dieses Mal – zum ersten Mal seit Tagen – wirkte Daenerys nicht mehr eifersüchtig. Nicht kühl. Nicht zurückhaltend. Einfach… präsent.

Ich warf Sansa einen kurzen, fragenden Blick zu. Sie erwiderte ihn sofort – mit diesem leichten Kopfnicken und dem typischen Ausdruck von ihr, der ganz klar sagte: Ich hab das geregelt.

Ich grinste leise und wandte mich wieder zu Cengiz.

„Irgendwelche neuen Erkenntnisse?“, fragte Papa. Ich nickte nur bestätigend. „Irgendwas, das uns weiterhilft?“

Cengiz stützte die Arme auf den Tisch und zeigte mit dem Finger auf eine Stelle zwischen Starfall und High Hermitage auf der Karte.

„Nymeria meinte, dass Händler auf dem Markt erzählt haben, es gäbe da einen bestimmten Mann, der immer zwischen hier und High Hermitage unterwegs ist. Er verkauft neuartige Früchte… irgendwas, das er Wassermelonen nennt.“ Er zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, ob das stimmt. Aber angeblich hat er einen Bruder in Sunspear. Und der wiederum soll Dinge wissen, die man nicht erfahren soll.“

Daenerys legte nachdenklich den Kopf schief. „Klingt… vage. Aber vertraut.“

Nymeria nickte. „Es ist nicht das erste Mal, dass jemand versucht, über diese Art von Spuren Informationen zu verschleiern.“

Sansa beugte sich vor. „Also gehen wir dorthin?“

Cengiz sah zu mir, dann zu Papa. „Ich würde gehen. Nymeria will auch. Ihr zwei?“

„Natürlich“, sagte ich. Papa nickte. „Wenn das eine Spur ist, folgen wir ihr.“

Daenerys meldete sich ebenfalls. „Ich komme mit. Ich kenne mich mit diesem Spiel aus.“

Sansa streckte sich. „Ich lasse euch bestimmt nicht allein durch Dorne ziehen.“

In dem Moment lachten Maris und Lyssandra auf. Wir alle drehten uns verwirrt zu ihnen.

„Was?“, fragte ich grinsend. „Wollt ihr uns was sagen, bevor wir losreiten?“

„Ihr könnt nicht heute Abend noch los“, sagte Maris und verdrehte die Augen. „Schaut mal raus. Es ist stockfinster. Ihr seht nicht mal eure eigenen Spuren.“

Lyssandra schüttelte den Kopf, sichtlich amüsiert. „Und ihr wollt nicht morgen früh einfach in euren goldenen Lannister-Klamotten durch Dorne spazieren.“

Tyene lehnte sich zurück und grinste. „Ihr müsst euch anpassen. Dornisch. Unauffällig.“

Ich warf Papa einen langen Blick zu. Er sah zurück, zuckte nur mit den Schultern. „Na toll“, murmelte ich leise.

Dann gingen wir alle ins Bett – das Gefühl, dass morgen ein wichtiger Tag werden würde, lag wie ein dünner Schleier über uns.

Am nächsten Morgen trafen wir uns wieder im oberen Raum des Turmes. Die Sonne stand noch tief, das Licht fiel golden durch die Fenster. Draußen rauschte das Meer leise gegen die Felsen von Starfall.

Maris und Lyssandra kamen mit einem Arm voll Kleidung zurück. Typisch dornisch – leicht, aus feinem Stoff, in warmen Sand- und Rosttönen. Dazu sandfarbene Umhänge, dünne Stiefel… und Handschuhe.

„Die sind für euch zwei“, sagte Maris und reichte Papa und mir je ein Paar. „Damit ihr eure… besonderen Hände… nicht gleich jedem zeigt.“

Papa nahm die Handschuhe und drehte sie in der Hand. „Das ist das erste Mal, dass ich einen Grund hab, wirklich Handschuhe zu tragen.“

Ich musste lachen und streifte sie direkt über. Sie saßen erstaunlich gut.

Wir alle waren fast bereit, als plötzlich die Tür aufging – und Robby, Tyrion und Lewyn hereinkamen, grinsend bis über beide Ohren.

Tyrion sah Papa und mich an, musterte unsere neuen Outfits – dann hob er sein Weinglas, das er sich offenbar schon wieder organisiert hatte.

„Wenn ich euch zwei nicht kennen würde“, sagte er trocken, „würde ich denken, ihr seid auf dem Weg zu einem sehr unauffälligen Maskenball… mit extrem viel Sand.“

Robby lachte, Lewyn auch.

„Ihr seht aus wie zwei übergroße Dattelverkäufer“, fügte Lewyn hinzu.

Ich grinste. „Besser als erkannt zu werden.“

„Naja“, meinte Tyrion, „zumindest sieht niemand eure goldenen Klauen. Ein Fortschritt.“

Papa seufzte. „Ich bereue alles.“

Ich grinste. „Ich nicht.“

Und mit diesen Worten standen wir bereit – bereit, aufzubrechen in die Wüste. Bereit, herauszufinden, was in Sunspear verborgen wurde.

Wir brachen auf, sobald die Sonne sich über die Sandklippen erhob und den Horizont in bernsteinfarbenes Licht tauchte. Cengiz ritt vorne, gemeinsam mit Nymeria, die die Gegend wie ihre Westentasche zu kennen schien. Sansa und Daenerys folgten nebeneinander, beide in dornische Gewänder gehüllt, die mehr Staub als Farbe annahmen mit jeder Meile. Papa und ich ritten nebeneinander, unsere Hände in dünnen, aber stabilen Handschuhen verborgen – seine mit Aurelion am Sattel, meine mit Argentus.

Über die nächsten Stunden hinweg hielten wir immer wieder an. Wir sprachen mit Reitern, Hirten, sogar einem Händler mit einem Esel voller getrockneter Feigen. Nymeria übernahm das Reden, Cengiz stellte kluge Fragen. „Wir suchen nach jemandem, der neue Früchte verkauft – rund, grün, mit rotem Inneren… nennt sich Wassermelone“, sagten sie fast synchron. Einige Leute nickten nur vage, andere wussten nichts, wieder andere verwechselten es mit Granatäpfeln oder Kürbissen.

Es war ermüdend.

Die Sonne sank langsam, und die endlosen Sandflächen färbten sich goldenrot. Wir entschieden uns, die Suche für heute zu beenden. Nymeria schlug vor, eine windgeschützte Stelle unterhalb einer kleinen Klippe aufzusuchen, die sie kannte. Ein Rastplatz für Hirten, sagte sie. Gut genug für uns.

Während die anderen sich um das Lager kümmerten, schlug ich Papa auf die Schulter. „Komm. Lass uns ein Stück gehen. Vielleicht finden wir ein bisschen Feuerholz.“

Er nickte und folgte mir durch das niedrige Dornengestrüpp.

Wir umrundeten gerade die kleine Klippe – und da saß er.

Ein Mann, vielleicht ein paar Jahre älter als ich, mit welligem braunem Haar, markanten Zügen und einem entspannter Blick, als wäre er in dieser Welt schon lange angekommen. Er saß auf einem Stein neben einem kleinen Karren, der vollbeladen war mit seltsam runden, grün gestreiften Früchten. In der Hand hielt er ein Messer – und schnitt gerade ein großes Stück aus einer aufgebrochenen Frucht. Das Innere war leuchtend rot, mit schwarzen Punkten durchzogen.

Der Mann hob den Kopf, als er uns bemerkte, und lächelte.

„Oh? Besuch?“, sagte er gelassen. „Wenn ihr was wollt, müsst ihr’s sagen, bevor ich alles selbst aufesse.“

Ich schnaubte amüsiert. „Was… ist das?“

Er hielt das Stück hoch. „Wassermelone.“

Papa trat neugierig näher. „Und das da alles?“ Er zeigte auf den Wagen.

„Meine Ernte. Die besten Wassermelonen, die ihr in der südlichen Hälfte Westeros finden werdet.“ Er streckte die Hand aus. „Oruc. Aus Hellholt. Vielleicht sagt euch das was.“

Papa und ich warfen uns einen kurzen Blick zu. „Hellholt“, wiederholte ich langsam. „Also gehört ihr zu Haus Uller?“

„Geboren, gepeinigt, gezeichnet. Aber ja.“ Er grinste. „Meine Familie experimentiert mit dem Anbau dieser Früchte. Ich verkaufe sie auf den Straßen – und spreche dabei mit interessanten Leuten. Und ihr…?“

Er nahm noch ein Stück, kaute. Dann hielt er uns eines entgegen. „Wollt ihr probieren, oder wollt ihr nur gucken?“

Papa nahm es zuerst. Ich folgte. Als ich das Stück biss, war es kühl, saftig, süß – und eine absolute Offenbarung nach einem Tag voller Sand, Hitzeflimmern und trockener Feigen.

„…Das ist göttlich“, murmelte ich.

Oruc grinste. „Ich weiß.“

Dann sah er uns an. „Aber ihr zwei… ihr seht nicht aus wie gewöhnliche Händler. Und auch nicht wie Hirten. Also sagt mir – wer seid ihr?“

Sein Blick wurde ernster, fragender und er zog langsam seinen Speer und hielt ihn uns bevor wir reagieren konnten, an die Kehle. „Also?“, fragte Oruc und blickte zwischen Papa und mir hin und her, das Speerende mit der doppelten Spitze gefährlich nah an unseren Kehlen. Seine Haltung war angespannt, bereit, und doch ruhig – wie jemand, der gelernt hatte, zu überleben, ohne den ersten Schlag zu führen.

In dem Moment hörten wir Schritte. Cengiz trat hinter uns hervor, gefolgt von Nymeria, Daenerys und Sansa. Als Oruc Cengiz erkannte, veränderte sich alles. Sein Blick wurde schärfer. Er machte einen Satz zur Seite, hob den Speer wieder – dieses Mal noch näher an unsere Hälse.

„Du bist Cengiz Martell“, sagte er leise. „Und wenn du das bist… wer sind dann die hier? Wer wirklich?“

Nymeria zog ihre Klinge. Cengiz ebenso. „Lass die Waffe sinken.“, sagte Cengiz ruhig, aber mit Nachdruck. „Sie sind Freunde. Familie.“

Ich hob die Hände leicht, ohne Hast. „Lukas. Lukas Lannister. Mein Vater hier ist Jaime Lannister. Und das sind Sansa Stark, Daenerys Targaryen und Nymeria Sand. Wir… wir versuchen, Dorne zu retten. Die Wahrheit ans Licht zu bringen. Über Quentyn. Und was wirklich geschah.“

Oruc schwieg einen Moment. Dann senkte er den Speer. Ein prüfender Blick an Cengiz, ein letzter an Papa – dann deutete er mit dem Kopf in Richtung des Feuers.

„Setzt euch.“

Wir gehorchten. Einer nach dem anderen. Cengiz blieb stehen, bis Oruc sich ebenfalls setzte. Dann löste sich die Spannung in der Luft langsam auf.

„Was ich weiß“, begann Oruc schließlich, während er ein neues Stück Melone aufschnitt, „ist nicht viel. Aber es reicht, um zu wissen, dass irgendetwas faul ist.“

Er schnitt das rote Fruchtfleisch sauber in Stücke, reichte es weiter – an mich, an Papa, an Sansa, Cengiz, Nymeria, sogar Daenerys, die vorsichtig zugriff.

„Mein Bruder Iso“, fuhr er fort, „arbeitet in Sunspear. Offiziell wegen des Wassermelonenhandels – unser Haus hat darin das Monopol in Dorne. Inoffiziell… schickt er mir Briefe. Über unseren Onkel Serif.“

„Serif?“, fragte Nymeria. „Der mit Ellaria gesehen wurde?“

Oruc nickte. „Genau der. Immer öfter, immer enger. Ellaria ist überall, aber niemand sagt es laut. Und was bei ihr geschieht… fühlt sich schmutzig an. Korrumpiert. Nicht wie früher.“

Er sah Cengiz direkt an. „Dein Name darf nicht fallen in Hellholt. Du bist dort verurteilt worden, nicht vergessen. Aber – es gibt Zweifel. Manche sagen, Quentyns Tod war… zu passend.“

„Und du glaubst das?“, fragte Cengiz ruhig.

Oruc nickte. „Ich glaube nicht alles. Aber ich glaube dir mehr als denen da unten.“

Ich sah Papa an, während wir gleichzeitig ein weiteres Stück Melone nahmen. Es war kühl, süß, fast wie eine kleine Belohnung – mitten in diesem Sandmeer aus Lügen.

„Ich kenne Leute“, sagte Oruc dann. „Kann mich unauffällig bewegen. Wenn ihr plant, weiter vorzurücken – ich komme mit. Nicht wegen euch. Sondern weil ich will, dass mein Onkel fällt. Und Ellaria mit ihm.“

Ein Schweigen trat ein, und es war eines der angenehmen Art. Das Feuer knackte. Die Melonen waren saftig. Oruc war nicht mehr unser Gegner – er war ein neuer Verbündeter geworden.

Cengiz lehnte sich leicht zurück, und für einen Moment – einen winzigen Moment – legte Daenerys leise ihre Hand auf seinen Oberschenkel. Es war fast unmerklich, kaum sichtbar – aber ich bemerkte es. Und wie er kurz überrascht, dann lächelnd seine Hand auf ihre legen wollte – nur dass sie sie in letzter Sekunde errötend zurückzog, als Sansa ihr ein wissendes Lächeln schenkte.

Cengiz schüttelte leicht den Kopf, lachte leise – aber es war ein anderes Lachen.

4

Der Aufstand von Sandstone

Schauplatz: Sandstone · Lukas Lannister, Jaime Lannister, Tyrion Lannister, Sansa Stark, Cengiz Martell, Lewyn Ortengryn, Daenerys Targaryen, Tyene Sand, Robby Selmy, Oruc

Am nächsten Tag verließen wir die Klippe, unter der wir die Nacht verbracht hatten. Oruc ritt neben Cengiz, während Papa und ich dicht dahinter folgten, Daenerys und Sansa an unserer Seite. Der Wind war warm, trug aber schon den Geschmack des Südens – trockener, staubiger, gefährlicher.

Zurück in Starfall erwarteten uns Tyrion, Lewyn, Robby, Maris, Lyssandra und Tyene bereits in der Eingangshalle. Als sie Oruc sahen, zogen sich ihre Mienen fragend zusammen – bis wir ihnen erklärten, wer er war und was sein Bruder Iso tat.

Oruc war ruhig, sachlich. Er trat vor und sagte: „Ich werde einen Brief an Iso schreiben. Es wird klingen, als ginge es nur um neue Märkte für die Wassermelonen – aber er wird verstehen, was gemeint ist. Ich kann darin sagen, dass wir bald 'verkaufsbereit' sind und mit neuen 'Waren' anrücken. Das wird reichen.“

„Und du bist sicher, dass niemand es liest?“, fragte Tyrion skeptisch.

Oruc nickte. „Seit unserer Kindheit arbeitet ein Maester in Hellholt, der uns gut gesonnen ist. Niemand wird sich trauen, Briefe zwischen mir und Iso zu öffnen.“

Während Oruc zu schreiben begann, erklärten wir ihm unseren nächsten Schritt – dass wir an Sandstone vorbei müssen. Niemand wusste, wie die Lage dort war. Vielleicht erwartete uns Widerstand. Vielleicht war es friedlich. Doch sicher war: Wir mussten vorbereitet sein.

„Ich sage ihm, dass er mir neue Informationen nach Hellholt schicken soll“, sagte Oruc, ohne aufzublicken. „Wenn wir in Sandstone etwas erfahren kann ich ihm von dort aus am besten Bescheid geben und ich muss wissen, ob wir Iso in Sunspear treffen oder irgendwo anders.“

Der Plan stand: Morgen würden wir aufbrechen. Mit der Baratheon-Armee. Sandstone war kein kleines Ziel – und wir wussten zu wenig, um leichtsinnig zu sein.

Später, als die Sonne tief über den Klippen stand, saßen wir alle beisammen: Nymeria, Maris, Tyene, Lyssandra, Daenerys, Cengiz, Robby, Sansa, Papa und ich.

Ein Abend im Zwielicht, durchzogen von Stimmen, Lachen und Plänen.

Ich wandte mich zu Sansa, lehnte mich leicht zu ihr. „Willst du wirklich mitkommen? Du kannst auch hierbleiben. Starfall ist sicherer als alles, was vor uns liegt.“

Sansa sah mich ruhig an, dann schüttelte sie lächelnd den Kopf. „Ich bleibe nicht zurück. Nicht bei dem, was wir tun. Und nicht, wenn Daenerys auch mitkommt.“

„Ich bestehe darauf, mitzugehen“, sagte Daenerys klar. „Und wir beide sind nicht wehrlos.“

In dem Moment standen die Sandvipers auf. Maris trat vor. „Wir passen auf sie auf. Ausschließlich. Auf Sansa. Und auf Daenerys.“

Ich wollte gerade widersprechen, etwas sagen wie „Und wie sicher ist das?“ – doch bevor ich die Worte aussprach, sagte Cengiz mit ruhiger Stimme:

„So sicher, wie es nur sein kann. Es gibt keine besseren Leibwächterinnen in ganz Westeros.“

Kurz darauf stand Robby auf, sah in Richtung der anderen Ecke des Raums, wo Tyrion, Lewyn und Oruc Karten ausrollten. „Ich geb den Männern der Baratheon-Armee Bescheid. Wir müssen früh los.“

Einer nach dem anderen verabschiedete sich dann, die Müdigkeit kroch in unsere Glieder. Als der Raum sich leerte, blieb ich noch einen Moment mit Papa sitzen. Er trank einen letzten Schluck Wein, ich sah ihn still an.

„Versprich mir, dass du auf dich aufpasst“, sagte ich schließlich. „Ich hab so ein Gefühl, Papa. Dieses Mal… das ist nicht nur ein Schloss oder ein Gegner. Dieses Mal könnte es… viel größer sein. Ein ganzes Königsland, das sich bewegt.“

Er lachte leise, schüttelte den Kopf. „Du wirst langsam wie dein Onkel Tyrion. Immer am Grübeln. Aber du weißt doch… ich pass immer auf.“ Dann sah er mich etwas ernster an, stellte den Becher ab. „Und ich verspreche dir, dass ich nicht dumm sein werde. Ich bleib bei dir.“

Ich schluckte, lächelte schwach – dann umarmte ich ihn fest.

„Ich liebe dich“, flüsterte ich.

„Ich dich auch, mein Löwe“, antwortete er warm.

Dann ging ich nach oben – zu Sansa ins Zimmer. Der Mond stand bereits über dem Meer, als ich die Tür schloss. Und der nächste Morgen würde uns weiter in die Wüste führen. Nach Sandstone. Und weiter in die Wahrheit.

Der Mond stand hoch, als ich leise die Tür hinter mir schloss und zu Sansa ins Bett schlüpfte. Die Decke war warm, der Steinboden darunter kühl, draußen rauschte das Meer leise gegen die Felsen von Starfall.

Sansa drehte sich zu mir, ihre rötlichen Haare lagen locker über dem Kissen. „Kannst du nicht schlafen?“, fragte sie sanft.

Ich schüttelte den Kopf, legte mich neben sie und seufzte leise. „Ich… ich hab einfach Angst um dich. Wenn wir morgen nach Sandstone reiten.“

Sie lächelte sanft, fast liebevoll. „Lukas… ich bin nicht aus Zucker. Und Daenerys auch nicht. Und wir haben die Sandvipers.“

Ich musste grinsen, kurz. „Okay, fair. Die sind… schon ziemlich einschüchternd.“

„Genau“, sagte sie und boopte mir leicht die Nase. „Also kannst du ruhig schlafen. Ich hab ein ganzes Killer-Kommando um mich herum.“

Ich drehte mich leicht zu ihr und sah sie ernster an. „Ich vertraue dir ja… Aber… ich hab so ein komisches Gefühl. Nicht nur um dich. Um Papa.“

Sie blickte mich jetzt ruhiger an. „Was für ein Gefühl?“

„Ich weiß nicht. Es ist einfach dieses… was, wenn ihm was passiert? Ich denk die ganze Zeit dran. Er war schon bei Myrcella, als sie starb… und damals in King’s Landing… als der High Sparrow kam… da konnte er Tommen nicht mehr erreichen. Mama war in der Zelle. Ich war so allein, Sansa. Und… ich hab so Angst, dass ich wieder so allein dastehe. Natürlich wärst du da, ich weiß das. Aber… du weißt wie ich’s meine.“

Sie schwieg einen Moment, dann nahm sie meine Hand, drehte sich vollständig zu mir. „Ich weiß genau, wie du’s meinst.“

Ich schluckte, und sie fuhr mir ganz sanft mit den Fingern über die Wange. „Du bist nicht allein. Nie wieder. Und dein Papa? Lukas… du und er… ihr seid das beste Duo, das es im ganzen verdammten Land gibt. Wenn irgendjemand auf ihn aufpassen kann, dann du. Und wenn irgendjemand auf dich aufpasst, dann er.“

Ich schloss die Augen kurz, atmete tief durch. „Das sollte mich eigentlich entspannen…“

„Tut es auch, wenn du es zulässt“, flüsterte sie, und dann zog sie mich in ihre Arme. „Du bist nicht mehr der Junge aus King’s Landing. Du bist stark. Und du bist nicht mehr allein.“

Ich lag still eine Weile in ihrer Umarmung, die Decke halb über uns gezogen.

„Sansa?“, fragte ich dann leise. „Hm?“

„Was ist eigentlich los mit Daenerys? Ich mein… sie wirkt manchmal irgendwie so… angespannt.“

Sansa schwieg kurz. Ich spürte, wie sie überlegte – erinnerte sich daran, dass Daenerys ihr gebeten hatte, nicht zu viel zu sagen.

„Sie hat einfach viel zu verarbeiten“, antwortete sie schließlich leise. „Sie wurde aus ihrer alten Welt gerissen, Lukas. Hat viel verloren. Und das, was sie jetzt fühlt, ist ihr nicht ganz geheuer. Sie muss rausfinden, was davon echt ist.“

Ich nickte. Mehr wollte ich gar nicht wissen. Sansa küsste mir ganz sanft die Stirn. „Jetzt schlaf, ja? Wir haben morgen genug Wahnsinn vor uns.“

Ich kuschelte mich näher an sie. „Okay“, murmelte ich. „Danke, dass du bei mir bist.“

„Immer.“

Und so schliefen wir ein. Mit unseren Sorgen. Und der Hoffnung, dass wir sie morgen gemeinsam bezwingen würden.

Die Sonne warf ihre ersten Strahlen über die endlosen Dünen, als wir die Pferde sattelten und uns in gewohnter Formation in Bewegung setzten. Vorne ritten Cengiz, Papa, Daenerys und Nymeria – wachsam, doch ruhig. Sansa und ich folgten mit den Sandvipers, während Tyrion, Oruc, Robby, Lewyn und die restlichen Einheiten unser Rückgrat bildeten.

Die Tage auf dem Weg nach Sandstone zogen sich. Die Spannung war greifbar, selbst das Klirren der Hufe auf dem trockenen Boden klang gedämpft. Und doch – es geschah nichts. Keine Späher, keine Reiter, keine Vorzeichen.

Bis zu jenem Abend.

Sandstone tauchte am Horizont auf – aber etwas war… falsch. Es war bereits dunkel. Und doch leuchtete die Stadt wie ein Tag im Hochsommer.

Wir warfen uns hinter eine Düne und gingen in Deckung. Alle duckten sich instinktiv. Kein Laut kam aus der Stadt. Keine Glocken, keine Rufe. Nur Licht. Zu viel Licht.

„Was bei den Sieben…?“, murmelte Sansa.

„Täuschung?“, fragte Daenerys leise.

Doch die Kundschafter, die wir im Schutz der Dunkelheit losschickten, berichteten nichts Verdächtiges. „Kein Widerstand. Kein Lärm. Keine Bewegung.“

Am nächsten Morgen zogen wir vorsichtig weiter. Schritt für Schritt, Tor für Tor – nichts. Die Stadt wirkte ausgestorben.

Straßen voller Asche. Fassaden halb verkohlt. Fenster eingeschlagen. Der Geruch von Rauch in jeder Gasse.

Cengiz, Oruc und Nymeria übernahmen die Führung. „Dort entlang“, sagte Oruc. „Der alte Palast der Qorgyles.“

„Oberyn hat hier mal gelebt“, murmelte Cengiz zu mir, als wir nebeneinander ritten. „Bevor er nach Sunspear ging. Mit 15.“

Ich wollte etwas sagen – aber dann standen wir vor dem Haus. Und es verschlug uns die Sprache.

Die schweren Türen waren aufgebrochen. Der Innenhof roch nach Verbranntem.

Und überall… Leichen.

Die Angehörigen des Hauses Qorgyle. Aufgehängt. An den Mauern, an den Galerien, an den Balkonen.

In roter, tropfender Schrift stand an der größten Wand: „ER WAR ES NICHT“

Niemand sprach. Nur das leise Summen des Windes.

„Die Bevölkerung“, sagte Tyrion schließlich. „Sie haben rebelliert. Und glauben, dass Cengiz nicht der Mörder ist.“

„Oder sie wussten es längst“, fügte Lewyn leise hinzu. „Und warteten auf ein Zeichen. Scheinbar hat sich herumgesprochen, dass wir hier sind.“

„Und sind dann verschwunden“, murmelte Oruc. „Alle fort. Die Stadt verlassen.“

Ich sah Cengiz an. Er stand still, seine Hand locker am Schwertgriff, aber sein Blick tief versunken.

Wir gingen einige Schritte zur Seite.

„Wie fühlt sich das an?“, fragte ich ihn. „Dass du doch nicht allein bist?“

Cengiz holte tief Luft. Seine Stimme war rau. „Unnormal. Einfach… unnormal. Ich dachte wirklich, alle hätten mich verurteilt. Ganz Dorne. Aber vielleicht… vielleicht war das nie ganz so.“

Ich nickte. Wollte gerade etwas sagen.

Da flog die große Eingangstür krachend auf.

Ich riss den Kopf herum – Cengiz hatte bereits reagiert, Robby stürmte zu ihm.

Ich lief direkt zu Papa, der sich sofort schützend vor mich stellte.

Und dann…

Sie standen da. Mehr als ein Dutzend. Vielleicht zwei. Bewaffnet. Dornisch. Speere erhoben, Schwerter gezogen, Augen kühl und abwartend.

Die Stille zerriss die Luft wie ein dünnes Seil vor dem Zerreißen.

Ihre Waffen richteten sich auf uns. Und niemand bewegte sich.

Die Luft stand still, als einer der Männer aus der bewaffneten Gruppe einen Schritt nach vorn machte. Seine Haut war sonnengegerbt, sein Haar zu einem dornischen Zopf gebunden, die Waffe noch in der Hand – doch sein Blick war nicht feindselig. Nur prüfend.

„Wer seid ihr?“, fragte er. Seine Stimme hallte durch die ausgebrannte Halle wie der Ruf eines Wächters.

Gerade als Papa, Tyrion und ich reagieren wollten, trat Daenerys einen Schritt vor. Ihr weiß-goldenes Gewand wehte leicht im Morgenwind, ihr Blick fest, ihr Ton unmissverständlich:

„Wir sind gekommen mit Cengiz Martell, Sohn von Dorne, um seine Unschuld zu beweisen. Um den wahren Mörder von Quentyn Martell zu finden. Und um Gerechtigkeit nach Dorne zurückzubringen.“

Ein Moment Stille. Dann… ein Geräusch.

Metall auf Stein.

Der erste ließ seine Waffe fallen. Dann der zweite. Der dritte. Alle anderen folgten.

Schließlich knieten sie sich – einer nach dem anderen – … bis die ganze Gruppe vor uns auf den Boden sank.

Der Mann, der zuerst gesprochen hatte, hob nun den Blick. „Wir wissen, wer ihr seid. Wir wissen, dass Cengiz Martell nicht der Mörder ist. Wir… sind bereit, uns euch anzuschließen.“

Ich spürte, wie sich die Muskeln in meinen Schultern lockerten. Der Mann sprach weiter, blickte jetzt besonders zu Cengiz:

„Seit deiner Verbannung hat Ellaria Sand alles übernommen. Sie kontrolliert Sunspear. Hellholt. Viele Maester. Selbst den Handel.

Fürst Doran… man sagt, er sei gestorben. Doch die Menschen glauben, dass sie ihn getötet hat. Auch Areo Hotah, sein Wächter – ist verschwunden. Seit Jahren kein Lebenszeichen.“

Ich drehte mich langsam zu Cengiz. Er stand still. Aber seine Augen… glänzten.

Ich trat zu ihm, legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er sog den Atem ein.

„Doran…“ murmelte er leise. „Er hat mich verbannt, ja… aber ich weiß, dass Ellaria ihn beeinflusst hat. Er hat es nicht aus Hass getan. Er… er war Vater. Quentyn war sein Sohn. Natürlich hat er reagiert. Aber… er war kein schlechter Mann.“

Die Stimme zitterte. Nur ein wenig.

Dann atmete Cengiz tief durch. „Areo Hotah…“, murmelte er, fast wehmütig. „Der hat mir damals die Hölle heiß gemacht. Sessions…“

Ich schmunzelte und stieß ihn leicht an. „Was für Sessions denn?“, fragte ich neckend.

Er sah mich an, blinzelte – und dann, endlich, ein schwaches Lächeln. „Kampftraining. Was denkst du denn?“, lachte er und boxte mir spielerisch gegen den Oberarm. Ein Moment Leichtigkeit.

Dann wandten wir uns wieder der Gruppe zu.

Der Anführer der Sandstone-Männer richtete sich langsam auf. „Wenn ihr es zulasst… wir möchten euch folgen. Es wäre uns eine Ehre, mit euch den wahren Mörder zu finden – und das alte Dorne zurückzubringen.“

Ich blickte zu Papa. Zu Robby. Zu Cengiz. Und wir nickten fast gleichzeitig. Ein stilles Einverständnis.

Die Männer richteten sich auf. Und bildeten, ohne ein weiteres Wort, eine Gasse. Ein Weg – hinaus aus dem alten Palast.

Cengiz trat vor. Papa, Robby und ich gingen mit. Daenerys stellte sich an Cengiz’ Seite, legte ihm – sanft und ruhig – die Hand auf den Arm.

Und gemeinsam traten wir ins Licht.

Draußen stand eine riesige Menschenmenge. Tausende. Frauen, Männer, Kinder. Alle still. Alle wartend.

Als sie uns sahen, als sie ihn sahen – senkten sich Waffen. Verneigungen.

Und dann, einer nach dem anderen – ein Ruf. Wieder und wieder:

„Azantys iā gevives!“ (Valyrisch: Der Ritter – und die Retter.)

Die Stadt rief. Und Dorne war nicht mehr stumm.

Draußen, im warmen Licht des späten Tages, verstummte die Menge. Die valyrischen Rufe verebbten, flossen langsam über in gespannte, ehrfürchtige Stille.

Daenerys trat einen Schritt vor. Ihre silbernen Haare fingen das Licht, ihre Stimme war klar – kraftvoll wie Wind, ruhig wie Wasser:

„Vor euch steht ein Mann, den man aus seiner Heimat verbannte, den man beschuldigte, ohne ihm je Gehör zu schenken. Ein Sohn Dornes, gezeichnet von Lüge, nicht von Schuld. Und doch ist er hier – nicht mit Zorn, sondern mit dem Willen zur Wahrheit.

Cengiz Martell. Der Mann, dem ihr einst den Rücken kehren musstet – steht heute nicht als König, nicht als Ankläger, sondern als Bruder. Und als Hoffnung auf Gerechtigkeit.“

Sie trat zur Seite.

Cengiz trat vor. Für einen Moment war es still. Dann atmete er tief ein – und hob die Stimme:

„Ich habe Quentyn nicht getötet. Ich habe ihn gefunden. Tot. Und als ich Hilfe holen wollte, kamen die Wachen. Ellarias Männer. Sie verhafteten mich. Ich bekam keine Chance, zu reden. Keine Möglichkeit, die Wahrheit zu erklären. Alles, was ich sagte, wurde verdreht.

Ich… Ich bin kein Heiliger. Aber ich bin kein Mörder. Und ich bin nicht hier, um mir meinen Namen reinzuwaschen. Ich bin hier, weil ich glaube, dass Dorne mehr verdient.“

Er machte eine kurze Pause. Sein Blick wanderte über die Gesichter der Menschen. Dann wurde seine Stimme lauter, bestimmter, wie getragen von etwas Höherem:

„Es ist Zeit. Zeit, dass dieses Land – unsere Heimat – wieder ein Ort wird, an dem Männer, Frauen und Kinder nicht in Angst leben müssen. Nicht unter Kontrolle. Nicht unter Lüge.

Ich will euch nicht befehlen. Ich will euch einladen. Kommt mit uns. Für Frieden. Für Wahrheit. Für Quentyn.

Für Dorne.“

Es war, als würde der letzte Satz durch die Luft geschnitten wie ein Dolch.

Einen Atemzug lang: völlige Stille.

Dann fiel der erste Bürger auf die Knie. Dann der zweite. Dann – alle.

Auch wir. Papa und ich. Tyrion, Robby, Daenerys, Oruc. Cengiz stand allein, umgeben von knienden Menschen – und für einen Moment war es, als stünde Oberyn Martell selbst neben ihm.

Später, als sich die Menge langsam auflöste, ging Robby zusammen mit Tyrion und dem Mann aus Sandstone los zur Koordination mit der Baratheon-Armee. Ich trat mit Papa an Cengiz' Seite.

„Das war…“ Ich schüttelte kurz den Kopf, beeindruckt. „… wenn ich dich nicht eh schon kennen würde, hätte ich dir bei der Rede auch gehorcht.“

Papa lachte leise. „Eindrucksvoll. Da kommt wohl doch mehr von Doran und Oberyn in dir durch, als du dachtest.“

Wir nickten ihm anerkennend zu. Dann wandten wir uns an Daenerys. „Dein Einsatz im Gebäude… deine Worte draußen… Respekt“, sagte ich. Sie lächelte nur still, dankbar. „Ich tue, was getan werden muss.“

Zurück im Lager außerhalb von Sandstone: Es wurde erweitert, Zelte aufgebaut, Versorgung geplant. Denn unsere Armee war gewachsen – um hunderte von Männern und Frauen.

Den Rest des Tages verbrachte ich unter den Soldaten. Sie fragten mich viel – direkt, aber respektvoll. „Stimmt es… dass du Cersei getötet hast?“

Ich nickte nur langsam. „Ja. Auch wenn ich es tat, um jemanden zu schützen. Und weil ich es musste.“

Sie sahen mich an. Manchen war es sichtlich unangenehm. Aber sie hörten zu. „Und Cengiz… hat mir mein Leben gerettet. Er hat den Mountain getötet. Im Kampf um mein Schicksal. Und…“ Ich stockte kurz. „Er hat damit auch eure Prinzessin gerecht.“

Wir redeten auch über Myrcella. Einige der dornischen Soldaten hatten sie gesehen, früher, in Sunspear. Sie sagten, sie sei freundlich gewesen. Hell. Ich nickte – und kämpfte kurz gegen das Brennen in meiner Kehle.

Am Abend versammelten wir uns im Hauptzelt: Papa, Sansa, Cengiz, Tyrion, Lewyn, Robby, Oruc, Daenerys, die Sandvipers.

Tyrion beugte sich über die Karten. „Der nächste Schritt: Hellholt.“

Oruc nickte. „Dort werde ich vortreten. Ich kenne die Leute. Ich kann sie… beruhigen. Lenken. Offiziell bin ich seit dem Rückzug meines Onkels der Fürst von Hellholt.“

Robby legte den Finger auf eine Route. „Wenn wir geschickt marschieren, sind wir innerhalb von zwei Tagen dort.“

„Und Iso wird den nächsten Brief schicken?“ fragte ich.

„Er wird kommen“, bestätigte Oruc. „Unser Maester ist loyal. Die Codes sitzen seit Jahren. Niemand wird sie entschlüsseln.“

Wir stimmten zu. Und dann – langsam, wie unter Freunden – ließen wir den Abend ausklingen.

Ich beobachtete die Sandvipers. Sie hatten nie eine Lücke gelassen, nie Sansa oder Daenerys aus den Augen verloren.

Und so… sanken meine Sorgen.

Ein Stück. Für heute.

5

Hellholt und Yronwood

Schauplatz: Hellholt · Lukas Lannister, Jaime Lannister, Tyrion Lannister, Sansa Stark, Cengiz Martell, Lewyn Ortengryn, Daenerys Targaryen, Tyene Sand, Robby Selmy, Oruc

Wir zogen los. Langsam, schwer, wie eine Welle, die sich formte.

Angeführt von Oruc, aufrecht im Sattel. Cengiz an seiner Seite, die Haare im Wind, der Blick ernst. Daneben Daenerys – ruhig, fokussiert, und doch mit einer unterschwelligen Energie, die man spüren konnte.

Ein Teil der Sandvipers begleitete sie, teils schützend, teils stolz.

Etwas weiter hinten ritten Papa und ich, mit Tyrion, Lewyn und Sansa. Die anderen Sandvipers umrahmten Sansa mit einer Wachsamkeit, die mich staunen ließ.

Robby ritt dicht hinter uns – sein Blick wie immer scharf, strategisch. Er leitete die Baratheon-Armee und koordinierte die Sandstone-Truppen, als wären sie nie getrennt gewesen.

Der Weg nach Hellholt war staubig und still. Die Landschaft veränderte sich: rote Erde wurde trockener, Felsen schroffer.

Hitze lag schwer in der Luft, aber es war nicht feindlich – eher… wachsam.

Wir passierten vereinzelte Oasen, sahen kleine Karawanen von Händlern, die ihre Tiere an Wasserstellen führten und uns mit neugierigen, aber respektvollen Blicken ansahen.

Niemand stellte sich uns in den Weg. Doch wir wussten: Hellholt war kein Ort, an dem man mit offenen Armen empfangen wurde. Nicht ohne Grund.

Nach einer Woche endlich: Die Silhouette von Hellholt zeichnete sich vor uns ab. Weniger elegant als Sunspear, mehr Festung als Palast.

Und wie erwartet: Diesmal warteten keine jubelnden Bürger. Sondern bewaffnete Reiter.

Sie standen in Formation – Schwerter gezogen, Speere erhoben.

Unsere Armee kam zum Stillstand.

Es war still.

Dann trieb Oruc sein Pferd nach vorn.

Einen Moment lang blieb alles angespannt. Doch dann, als er nahe genug war, erkannten die Männer ihn – und langsam, einer nach dem anderen, senkten sie ihre Waffen.

Ganz vorne stieg ein Mann von seinem Pferd. Sein Bart schwarz, seine Haltung würdevoll, sein Blick wachsam.

Oruc tat es ihm gleich. Die beiden gingen aufeinander zu – und umarmten sich.

Ich spürte, wie sich um uns die Luft lockerte.

„Kommt“, rief Oruc uns zu. Wir ritten vor.

„Das ist Adil“, sagte er. „Maester von Hellholt. Und…“ – er grinste – „ein Freund. Meistens.“

Wir grüßten höflich, aber wachsam. Der Mann musterte uns mit ruhigem Blick – aber ohne Feindseligkeit.

Gemeinsam gingen wir in den Palast von Hellholt. Eine massive Halle mit hohen Decken, Sandstein und wehenden Bannern.

Dort richteten wir uns ein. Während Oruc und Adil sich um den Brief von Iso kümmerten, versammelten wir uns in einem großen Raum – Cengiz, Daenerys, Papa, Sansa, Tyrion, Lewyn, Robby, die Sandvipers und ich.

Der Wind wehte leise durch die Fensterläden, und in der Mitte des Raums brannten kleine Ölschalen mit Myrrhe.

Dann, nach einiger Zeit, kehrten Oruc und Adil zurück – begleitet von zwei Frauen.

Die eine war etwas älter – würdevoll, klug in der Ausstrahlung. Dunkle Haare, weiche Augen.

„Das ist Esme“, sagte Adil. „Meine Frau.“

Die andere, jünger, mit offenen Zügen und einem Lächeln, das Leben ausstrahlte und die von ihre Art des Auftretens an Esme und Adil in sanfter erinnerte, stellte Oruc vor: „Das ist Aleyna. Meine Frau.“

Ich hob überrascht die Augenbrauen.

„Moment“, grinste ich. „Das heißt…“ Ich blickte zwischen Adil und Aleyna hin und her. „… das ist deine Tochter?“

Oruc lachte. „Japp. Der Grund, warum ich früher oft Angst um mein Leben hatte.“

Adil schüttelte nur leicht den Kopf. „Nicht oft. Nur regelmäßig.“

„Und dann war da noch mein Onkel“, fügte Oruc hinzu. „Lange Geschichte. Glaub mir, du willst sie nicht hören.“

Ich lachte. Die Atmosphäre war überraschend warm.

Dann aber legte Adil den versiegelten Brief auf den Tisch. „Die Antwort von Iso.“

Wir setzten uns. Alle.

Oruc öffnete den Brief, faltete ihn langsam auf – und begann zu lesen.

Oruc legte den Brief auf den Tisch. Alle sahen ihn an. Dann faltete er das Pergament auf, las ihn leise für einen Moment, hob dann den Kopf und begann laut vorzulesen:

„Lord Oruc Uller,“ „wir im Namen von Sunspear danken für deine Einschätzung zu den Früchten des Osthangs – besonders die, die bei Starfall gedeihen, scheinen gut geeignet für unsere kommende Saison. Auch die Nachfrage in High Hermitage scheint laut deinen Angaben vielversprechend. Wie ich mitbekomme, läuft auch der Verkauf in Sandstone gut und Hellholt wird folgen. Was Sunspear betrifft: Es gibt Gerüchte, dass sich andere Früchte im Schatten bewegen – Dinge, die unter dem Licht der Sonne verdorren könnten, wenn sie zu früh reifen.“

Er stockte. Dann sah er uns an. „Das ist sein Code dafür, dass sie nervös werden“, murmelte er.

Dann las er weiter:

„Die Händler berichten, dass das Paar, welches die Märkte lange beherrschte, nun Unruhe zeigt. Ellaria und Serif scheinen Wind davon bekommen zu haben, dass es Konkurrenz mit neuen Früchten in Dorne gibt. Sie verstärken ihren Anbau – leise, aber sichtbar. Doch was ihnen mehr Angst macht, ist, dass sowohl Sandstone als auch Yronwood sich in den letzten Tagen für unsere Früchte entschieden haben.“

Ein Raunen ging durch den Raum. Ich sah Cengiz an – sein Blick war scharf, aber zufrieden.

„Die beiden halten sich meist in der Zitadelle von Sunspear auf oder in Serifs privatem Anwesen nahe der östlichen Palastmauer – dort, wo einst die alten Märkte waren. Wenn ihr nach Sunspear kommt, findet ihr sie dort um über das Geschäft zu reden. Aber Godsgrace wird schwer zu überzeugen sein – dort stehen noch viele loyal zu ihren Melonen.“

Oruc nickte ernst.

Dann las er weiter, leiser:

„Ich werde vorsichtig sein was den Handel betrifft. Niemand darf erfahren, was ich weiß. Fadime geht es gut. Sie kümmert sich um das Haus wie immer – ihre Neugier ist aber schwer zu bremsen. Sie vermisst euch.“

Ich schnaubte leicht durch die Nase, lächelte. Dann sah ich zu Oruc.

„Also… warte mal. Du bist mit der Tochter von Adil verheiratet…“ Ich nickte zur Seite. „…und dein Bruder mit der Schwester?“

Oruc lachte verlegen, fasste sich in den Nacken. „Tja… das ist…“

Adil fiel ihm ins Wort: „Ich weiß auch nicht, wie das passiert ist! Und glaub mir – ich find’s immer noch nicht gut.“

Alle lachten. Dann begannen Oruc und Adil sich zu streiten – spielerisch, aber doch so lebendig, dass Esme mit leichtem Zischen aufsprang: „Ihr zwei seid wie Kinder!“

Aleyna seufzte, erhob sich ebenfalls und stellte sich dazwischen. „Bitte! Wir haben Gäste!“

Papa und ich wollten schon aufstehen, aber Cengiz winkte ab. „Nein, nein – alles gut. Das ist… Dorne.“

Wir alle lachten. Tyrion grinste nur. „Ich wusste, ich hätte lieber jemanden aus Lys heiraten sollen…“

Dann, während Esme Adil etwas zurechtrückte, hörten wir plötzlich:

„Kocari… stirb!“

Ich zuckte zusammen. Adil stand unschlüssig da.

„Ich will doch nur helfen, Frau…“

Doch Esme ging schon weg – Aleyna direkt hinter ihr. Adil zögerte. Dann rief er leise: „Warte! Ich komm ja nicht mit. Ich komm ja nicht mit…“

Er lief ihnen hinterher.

Ich sah zu Cengiz, zu den Sandvipers und dann zu Oruc.

Sie zuckten gleichzeitig mit den Schultern.

„Dorne“, sagten sie im Chor.

Nach ein paar Minuten kehrten die drei zurück – diesmal ruhiger.

Adil trat vor. „Es tut mir leid. Ich werde euch nicht begleiten können… So sehr ich auch möchte.“

Tyrion hob ein Glas. „Dann wirst du uns wenigstens nicht in den Rücken fallen, wenn alles den Bach runtergeht.“

„Das ist das Netteste, was er heute gesagt hat“, murmelte Oruc.

Dann legte er die Hand auf Adils Schulter. „Ich bin froh, dass du hier bleibst. Und auf Esme und Aleyna aufpasst.“

Adil nickte. Zum ersten Mal lächelte er ohne Anspannung.

Nachdem der Streit zwischen Oruc und Adil sich gelegt hatte und alle wieder an ihren Plätzen saßen, erhob sich Oruc erneut, um uns den Brief noch einmal zusammenzufassen.

„Also…“, begann er, das Pergament leicht in der Hand schwingend, „…wir müssen als Nächstes nördlich nach Yronwood. Laut Iso hat sich die Bevölkerung dort ebenfalls von Ellaria und Serif abgewandt. Das heißt, wenn wir dort auf Zustimmung stoßen, können wir mit ihrer Unterstützung rechnen – und mit ihren Truppen.“

Ein Aufatmen ging durch den Raum.

„Von dort aus“, fuhr Oruc fort, „ziehen wir dann nach Süden, den Scourge entlang, bis Godsgrace. Das ist der Punkt, an dem es vermutlich ernst wird. Iso geht davon aus, dass dort noch Loyalität gegenüber Sunspear herrscht. Wir müssen mit einer offenen Schlacht rechnen.“

Lewyn verschränkte die Arme.

„Dann müssen wir vorsichtig sein. Wenn die beiden dort ihre Streitmacht konzentrieren, könnten sie auch einen Hinterhalt vorbereiten. Wir dürfen uns nicht zu sicher fühlen.“

Tyrion nickte. „Paranoia ist eine Tugend in diesen Zeiten.“

Cengiz beugte sich vor. Die Sandvipers rückten näher.

Nymeria sprach zuerst. „Yronwood ist gut befestigt. Der Fürstensitz liegt strategisch stark – aber wenn die Bürger wirklich auf unserer Seite stehen, dürfte es kein Problem sein.“

„Und die Umgebung ist wunderschön“, warf Maris dazwischen. Ihre Augen glänzten. „Die Olivenhaine, die schroffen Hügel, der alte Stein… Ich war früher oft dort. Ich liebe es.“

Cengiz lächelte. Dann zeigte er auf die Karte.

„Godsgrace liegt am Fluss. Die Stadt ist offen gebaut, aber die Ebene davor ist weit und trocken. Wir müssen dort mit Kavallerie rechnen – Sunspears Pferde sind bekannt. Aber mit unseren Verbündeten aus Sandstone, den Baratheon-Truppen und vielleicht Yronwood, sollten wir zahlenmäßig im Vorteil sein.“

Adil ergänzte:

„Die Hitze dort wird entscheidend. Wer sich schneller erschöpft, verliert. Ihr müsst Wasserrationen und Schattenstrategien einplanen.“

Ich nickte langsam. Ich hörte zu, aber meine Gedanken drifteten immer wieder ab. Zu Papa. Zu Sansa. Zu dem, was passieren könnte.

Am Abend stand ich schließlich vor Papas Tür. Ich klopfte leise – und trat ein.

Er saß auf dem Rand des Bettes und zog gerade sein Hemd aus. Er sah zu mir, lächelte leicht.

„Ich dachte, du schläfst längst bei deiner Prinzessin.“

Ich zuckte mit den Schultern. „Ich konnte nicht schlafen. Ich… ich wollte kurz reden.“

Er nickte. „Komm rein.“

Ich setzte mich auf die kleine Couch am Fenster. Er stand auf, kam rüber, lehnte sich an die Wand gegenüber.

Ich atmete tief ein. „Glaubst du, das wird schlimm in Godsgrace?“

Er sah mich lange an. „Ich glaube, es wird alles andere als leicht.“ Dann grinste er. „Aber ich hab schließlich dich an meiner Seite. Was soll da schiefgehen?“

Ich verzog das Gesicht. „Du weißt, dass ich mir Sorgen mache. Um dich. Und… und dass ich dieses Gefühl nicht loswerde, dass etwas passiert.“

Er kam rüber. Setzte sich neben mich. Legte einen Arm um meine Schulter.

„Lukas“, sagte er sanft, „wenn du in jeder Schlacht Angst hättest, wärst du längst wahnsinnig. Wir gehen da rein – wie immer. Schulter an Schulter. Wie zwei Löwen.“

Ich sah ihn an. „Ich weiß… aber damals, als Myrcella starb… und du bei ihr warst… und ich… ich war so allein. Tommen hatte sich abgewandt. Und Mama war in dieser Zelle…“

Meine Stimme wurde leise. „Ich will einfach nicht, dass das nochmal passiert.“

Er zog mich fester an sich. „Du bist nicht allein. Nicht mehr. Und ich bin nicht der, der stirbt, während du zusehen musst. Nicht diesmal. Versprochen.“

Ich schloss die Augen. Irgendwann sagte er noch irgendwas Albernes. Irgendein dummer Witz darüber, wie er im Kampf einen Melonenschild basteln würde. Ich lachte leise. Dann sackte ich langsam zur Seite – die Müdigkeit holte mich ein.

Irgendwann wachte ich auf. Ich hörte leise Stimmen.

„Er hat sich so viele Gedanken gemacht“, flüsterte Papa.

Sansa.

„Ich weiß“, sagte sie. „Er redet nicht darüber, aber ich seh’s ihm an.“

„Er ist manchmal immer noch mein kleiner Junge, weißt du das?“ Papas Stimme war weich. „Ich weiß, er ist ein Mann. Aber manchmal… manchmal seh ich ihn da sitzen wie früher, in Casterly Rock, als er nicht schlafen konnte, und zu mir kam.“

Sansa kicherte leise. „Und du hast ihn mit Geschichten über Drachen und Tapferkeit beruhigt.“

„Oder mit schlechten Witzen über Tyrion.“

Ich bewegte mich nicht. Ich wollte nur hören. Nur sein.

Dann spürte ich, wie jemand sich neben mich legte. Sansa.

Sie zog mich sanft in ihre Arme. Ich murmelte im Halbschlaf: „Ich hab euch lieb.“

„Wir dich auch“, flüsterte sie.

Papa sagte nichts. Aber ich spürte seinen Blick.

Ich wusste: Was auch kommen würde – wir waren bereit.

Die Sonne brannte erbarmungslos auf unsere Rüstungen, als wir aufbrachen – in Richtung Yronwood. Alle trugen wir leichte, dornische Rüstung. Schutz aus gegerbtem Leder, mit dünnem Kettengeflecht darunter. Keine schweren Platten, keine mächtigen Brustpanzer.

Ich zog die Riemen an meinen Schultern nach. Sie war leicht, wendig – ideal für das Klima. Aber in mir wuchs ein mulmiges Gefühl. Kein metallischer Schild, keine feste Schulterplatte. Alles fühlte sich… zu offen an. Zu verletzlich.

Doch ich schwieg.

Neben mir ritt Sansa, geschützt von zwei der Sandvipers. Vorne sah ich Daenerys mit Cengiz und Oruc, ihr Pferd schimmerte silbern im Sonnenlicht. Papa war dicht bei mir. Seine Augen immer nach vorne gerichtet, der Griff von Aurelion fest in der Hand. Ich atmete tief durch.

Plötzlich hörte ich Maris. „Dort!“, rief sie und zeigte mit ausgestrecktem Arm. Sie ritt gerade neben Robby – ihr Pferd hob den Kopf.

Und tatsächlich: Yronwood.

Die alten Mauern, halb verschlungen von der roten Erde, erhoben sich vor uns. Der Fürstensitz der Yronwoods. Stolz, kräftig. Oder… sollte es sein.

Doch etwas stimmte nicht.

Als wir näherkamen, spürte ich es.

Die Tore standen offen. Die Stadt wirkte verwüstet – aber nicht verbrannt. Keine Rauchfahnen, kein Feuergeruch. Nur Zerstörung. Zerbrochene Fenster. Zerschlagene Karren. Offene Türen.

Aber: Keine Menschen.

Keine Stimmen. Keine Schritte. Nicht einmal Tiere.

Wir zogen geordnet in die Stadt. Vorsichtig. Jede Gasse wurde überprüft, jede Straße durchkämmt.

Aber nichts. Ein leerer Körper ohne Seele.

Schließlich versammelten wir uns wieder – mitten im alten Marktplatz. Ich blickte zu Robby, zu Oruc, zu Cengiz. Alle schüttelten den Kopf.

„Nichts“, sagte Lewyn leise. „Nicht ein Mensch. Nicht ein Kind. Kein einziger Laut.“

„Aber keine Leichen“, warf Sansa ein. „Das hier war keine Hinrichtung. Es ist… als wären sie einfach verschwunden.“

Robby runzelte die Stirn. „Sie könnten geflohen sein. Richtung The Tor. Oder nach Südosten – nach Godsgrace.“

„Oder sie wurden verjagt“, meinte Maris. „Von wem auch immer jetzt über Sunspear herrscht.“

„Aber dann… wohin?“, fragte ich. „Eine ganze Stadt kann nicht einfach so verschwinden.“

Tyrion seufzte. „Oder vielleicht doch. In diesen Zeiten scheint selbst das möglich.“

Wir standen dort, inmitten zerborstener Steinplatten. Cengiz sah sich lange um. Dann trat er vor.

„Wir ziehen weiter. Nach Godsgrace. Wenn jemand weiß, was passiert ist – dann dort. Aber seid wachsam. Es riecht nach Falle.“

Niemand widersprach.

Die nächsten Tage ritten wir dem Scourge entlang. Ein träge fließender, dunkelgrüner Strom, der sich durch Dorne wand. Er war schmaler, als ich ihn mir vorgestellt hatte – aber tief.

Die Landschaft war trocken, doch stellenweise bewachsen. Dornige Büsche, krumme Bäume. Der Himmel war so grell, dass selbst der Sand blendete. Wir ritten in Stille. Keiner sprach mehr als nötig.

Wir wussten: Etwas stimmt nicht.

Ein paar Tage später, etwa einen Tagesritt vor Godsgrace, errichteten wir ein Lager. Eine kleine Anhöhe, Windschutz von Felsen, Wasser in der Nähe. Wachen wurden postiert. Feuer gemacht. Die Pferde versorgt.

Ich saß später im Hauptzelt – bei Sansa, Onkel Tyrion, Lewyn, Oruc, Daenerys, Robby und den Sandvipers. Der Geruch von gekochtem Reis, Datteln und gebratenem Ziegenfleisch hing in der Luft.

Wir aßen schweigend, als ich irgendwann aufblickte und in die Runde fragte:

„Wo sind eigentlich Papa und Cengiz?“

Tyrion hob den Blick. „Sie sind mit dem Anführer der Sandstone-Leute losgezogen. Haben sich den alten Weg angeschaut, der in die Berge führt – falls wir einen zweiten Zugang brauchen. Nichts Großes. Sie wollten gleich wieder da sein.“

Daenerys nickte. „Drei der Männer aus Sandstone sind bei ihnen. Gut bewaffnet. Es ist reine Vorsichtsmaßnahme – keine Gefahr.“

Ich nickte langsam. „Okay…“

Ich versuchte, weiter zu essen. Aber mein Magen zog sich zusammen.

Die Zeit verging. Und sie kamen nicht zurück.

Ich sah immer wieder zum Zelteingang. Keine Silhouette. Kein vertrautes Klirren.

Ich spürte, wie meine Brust enger wurde.

Sansa legte sanft ihre Hand auf meine. „Hey“, flüsterte sie. „Warte noch ein bisschen.“

Auch Tyrion wurde ruhiger. Lewyn starrte ins Feuer. Selbst Daenerys, obwohl sie äußerlich ruhig wirkte, hielt ihren Löffel ein wenig zu fest.

Ich sah zu ihr. Sie bemerkte meinen Blick – und lächelte. Aber ich sah, dass auch sie innerlich zu kämpfen hatte.

Und draußen – wurde die Nacht schwärzer.

Ich hielt es nicht mehr aus.

Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als ich Argentus zog und aus dem Zelt trat. Die Nacht war still – zu still. Der Vollmond stand hoch, klar und hell.

Und genau in diesem Moment hörte ich Hufschläge.

Ich blickte auf.

Papa. Cengiz. Der Anführer aus Sandstone. Die drei Männer.

Sie kamen galoppierend auf uns zu – zu schnell, zu hektisch.

Und Papa rief.

„AUFPASSEN!“ „BEREITMACHEN!“

Ich drehte mich um – und dann sah ich es.

Hinter ihnen, wie eine schwarze Welle im Mondlicht, eine Armee. Schilde. Speere. Banner.

Mir wurde eiskalt.

Ich sprintete los, zurück ins Lager. „ANGRIFF!“, rief ich. „SIE SIND DA – EINE GANZE ARMEE!“

Chaos – aber kein Panikchaos.

Die Sandvipers waren sofort in Bewegung. Kein Wort, kein Zögern – Formation.

Tyrion und Lewyn rissen Robby mit sich zur Baratheon-Armee und zu den Männern aus Sandstone. Befehle flogen. Schilde wurden gehoben. Pfeile gespannt.

Oruc packte mich am Arm. „Komm.“

Wir rannten nach vorne.

Papa und Cengiz sprangen gerade von ihren Pferden. Aurelion glühte schwach. Zireael lag ruhig, tödlich in Cengiz’ Hand.

Ich stellte mich dicht an sie. Schulter an Schulter.

Die Armee formierte sich – und dann trafen sie auf uns.

Die ersten Soldaten prallten auf uns wie eine Brandung.

Yronwood. Ich erkannte das Wappen sofort.

Sie waren gut. Schnell. Diszipliniert.

Aber wir waren bereit.

„Rücken halten!“, rief Papa. „Links offen!“, rief ich. „Jetzt!“, kam es von Cengiz.

Oruc trat einen Schritt zurück und ließ seinen zweizackigen Speer kreisen. Er hielt uns den Rücken frei wie eine Mauer – jede Bewegung präzise, jede Spitze tödlich.

Papa, Cengiz und ich standen vorne.

Ich ließ Argentus singen.

Silber blitzte. Ein Soldat ging zu Boden – Kehle aufgerissen. Der nächste kam – Papa fing ihn ab, Aurelion schnitt diagonal durch Rüstung und Brust. Cengiz trat vor, Zireael tief, kurz, endgültig.

„Nicht auseinander!“, rief Papa. Ich nickte, drehte mich, blockte einen Schlag, rammte dem Gegner den Knauf ins Gesicht und zog die Klinge nach.

Sie fielen. Einer nach dem anderen.

Ich sah aus dem Augenwinkel nach hinten.

Sansa. Daenerys.

Die Sandvipers um sie herum waren wie Schatten. Tyene bewegte sich schneller als mein Blick. Nymeria ließ niemanden auch nur nahe kommen. Maris und Lyssandra schnitten Angriffe ab, bevor sie entstanden.

Ich hatte – für einen Moment – fast Mitleid mit den Soldaten, die es versuchten.

Ein Bolzen zischte an mir vorbei. Ich hörte Tyrions Stimme. Dann einen dumpfen Einschlag.

Lewyn lud bereits nach.

Ich kehrte zurück in den Kampf.

Mein Fokus war Papa. Jeder, der ihm zu nahe kam, bekam meinen Zorn ab.

Und ich wusste: Er tat genau dasselbe für mich.

Cengiz kämpfte wie ein Sturm. Kein Zögern. Kein Zweifel. Jeder Schlag trug Jahre aus Wut, Ungerechtigkeit, Schuld, die nie seine war.

Dann bemerkte ich es.

Der Mond.

Er war nicht mehr weiß.

Das Licht auf dem Schlachtfeld war rot. Blutrot.

Und in diesem Licht kämpften wir weiter.

Robby sprang plötzlich neben uns in die Linie, schlug einen Soldaten von den Füßen, drehte sich elegant, präzise – Ich sah es sofort.

Ser Barristan Selmy.

Er war sein Neffe. Und man sah es.

Der Kampf zog sich – Minuten, die sich wie Stunden anfühlten.

Dann, mit einem letzten Schrei, fiel der letzte Soldat. Cengiz’ Klinge steckte noch in ihm, als er zu Boden sackte.

Stille.

Nur schweres Atmen. Knirschender Sand.

Wir blickten uns um.

Nur unsere Leute standen noch.

Verluste – ja. Aber wir standen.

Ich ließ Argentus sinken und ging sofort zu Sansa. Sie sah mich an, legte ihre Stirn kurz an meine. „Du lebst“, sagte sie leise.

Papa war bei Tyrion und Lewyn. Kurze Worte. Schulterklopfen. Erleichterung.

Cengiz trat zu Daenerys. Sie musterte ihn kurz – dann nickte sie. „Gut, dass es dir gut geht.“ Mehr brauchte es nicht.

Die Sandvipers überprüften sich gegenseitig. Keine Panik. Nur Routine.

Robby stand bei Maris. Oruc bei ihnen.

Wir setzten uns schließlich, irgendwo zwischen Zelten und umgestürzten Schilden. Jemand reichte Wasser. Jemand etwas Starkes.

Ich trank, setzte mich neben Papa.

Der Himmel wurde langsam heller.

Die Nacht war noch nicht ganz vorüber, als die Soldaten draußen die ersten Rufe der Wachen übergaben.

Sie hielten Wache, während wir versuchten, für ein paar Stunden zu schlafen. Der Sand unter uns war warm vom Tag, die Luft trocken, die Körper schwer vom Kampf – aber das Adrenalin machte das Einschlafen fast unmöglich.

Irgendwann dämmerte es.

Ich richtete mich auf, griff nach dem Wasserschlauch neben mir und trank. Neben mir bewegte sich Papa, streckte die Arme, rieb sich über den Nacken. Cengiz saß schon, die Beine angezogen, die Augen halb geschlossen – ganz der, der nie wirklich schläft.

Oruc saß ein paar Meter weiter entfernt, auf einem umgestürzten Schild. In Gedanken versunken.

Tyrion trat zu ihm. „Was ist los, Oruc? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“

Oruc runzelte die Stirn. „Iso hat mir geschrieben, dass Yronwood auf unserer Seite steht. Und dann sowas.“

Tyrion verschränkte die Arme. „Bist du sicher, dass Iso... nun ja... wirklich auf deiner Seite steht?“ Es lag keine Anklage in der Stimme, nur vorsichtige Strategie.

Oruc blickte sofort auf. „Auf jeden Fall. Er ist mein Bruder. Wenn Iso auf Ellarias Seite stehen würde, würde ich es merken. Niemals.“

Lewyn trat näher. „Vielleicht ist er’s auch. Oder vielleicht ist er in Gefahr und weiß es nicht. Oder Ellaria und Serif streuen gezielt Fehlinformationen, um uns in eine Falle zu locken.“

Oruc zögerte. Dann stand er wortlos auf, zog Papier, Feder und Tinte aus seiner Tasche und setzte sich ans nächste Brett.

„Ich schreib ihm sofort. Sag ihm, er soll wachsam sein.“

Während er schrieb, trat ich zu Papa und Cengiz. Wir lehnten nebeneinander an einem Fels, unsere Körper vom Sand gezeichnet, aber wach.

„Weißt du noch, Papa“, sagte ich und grinste, „als du diesen Typen mit dem Doppelschwert geblockt hast, nur um dann mit der goldenen Hand seinen Helm zu zerbeulen?“

Er lachte. „Er hat gekuckt wie ein Trottel, bevor er fiel.“

Cengiz schnaubte. „Und Lukas hat sich mit drei gleichzeitig angelegt. Ich dachte erst, du wärst übermütig. Und dann hast du sie einfach abgearbeitet.“

„Und du?“ Ich sah Cengiz an. „Du hast dich da durchgepflügt wie ein Rachsüchtiger aus alten Legenden. Der letzte, der vor dir stand, hat sich noch umgedreht – und dann gemerkt, dass es nichts bringt.“

Papa nickte. „Wir waren ein gutes Team.“

Wir wurden unterbrochen, als zwei Wachen mit ernster Miene auf uns zukamen. Sie schoben zwei Gefangene vor sich – Soldaten aus Yronwood.

Die Männer wirkten jung, aber hart. Verschmutzt, aber nicht geschlagen. Feindselig. Stolz.

„Sollen wir sie... verhören?“, fragte einer der Wachen.

Wir nickten.

Die Befragung war nicht angenehm. Sie wollten nicht reden. Ihre Augen funkelten, ihre Münder spuckten Beleidigungen.

„Ihr seid Dreck. Verräter. Der Bastard hat Quentyn ermordet und ihr schützt ihn.“

„Ellaria wird euch jagen wie Hunde.“

„Sunspear ist stärker, als ihr ahnt.“

Wir blieben ruhig.

Dann – als Cengiz sich vor sie stellte und sie mit messerscharfer Stimme fragte, was der Befehl an Yronwood gewesen sei – brach der erste.

„Wir... sollten uns in den Bergen verstecken. Dann nachts angreifen. Wie es von Sunspear kam.“

„Warum?“, fragte ich.

„Um euch zu demoralisieren. Euch schwächen, bevor ihr nach Godsgrace kommt. Dort... dort steht die Mauer.“

„Die was?“

„Die Mauer aus Stahl und Blut. Sie erwarten euch. Bereit. Und sie wissen, dass ihr kommt.“

Cengiz sah zu mir. Dann zu Papa. Dann wieder zu den Gefangenen.

„Mehr brauchen wir nicht.“

Ein Augenblick.

Dann ein silbernes Zischen. Zireael beendete es.

Beide Körper sackten zusammen, ohne ein weiteres Wort.

Stille.

Ich atmete durch. Nicht schockiert – nicht mehr. Nur entschlossener.

Wir riefen alle zusammen. Sandvipers, Baratheon-Offiziere, die Kommandeure aus Sandstone.

Papa trat nach vorne, Cengiz an seiner Seite, Robby, Oruc, Daenerys, ich, die anderen.

Wir erzählten, was wir erfahren hatten.

Godsgrace war vorbereitet. Die Mauer wartete.

6

Verrat am Scourge

Schauplatz: Godsgrace · Lukas Lannister, Jaime Lannister, Tyrion Lannister, Sansa Stark, Cengiz Martell, Lewyn Ortengryn, Daenerys Targaryen, Tyene Sand, Robby Selmy, Oruc, Qadir

Die Morgendämmerung ließ den Sand golden aufleuchten, während wir vorsichtig, aber bestimmt weiterritten. Die Schlacht in Yronwood hatte Spuren hinterlassen – in den Gesichtern, in der Haltung, in den Gedanken.

Ich ritt ein Stück neben Cengiz, sein Blick wachsam, sein Schwert am Sattel festgezurrt. „Sag mal…“, begann ich leise, „was denkst du eigentlich, wer Quentyn wirklich getötet hat?“

Er antwortete nicht sofort. Dann sagte er, ohne mich anzusehen:

„Ich weiß es nicht sicher. Aber ich glaube, es war jemand aus Ellarias engstem Kreis. Vielleicht sogar Serif selbst. Jemand, der Quentyns Wunsch nach einem fairen Dorne… gefährlich fand. Oder es war jemand aus Sunspear, der Angst hatte, dass Quentyn Dorne wieder an Westeros binden will. Aber was ich weiß: Ich war’s nicht. Und ich hätte es auch nie gekonnt.“

Ich nickte langsam. Seine Stimme war ruhig, aber ich spürte das alte Feuer in ihm. Die Entschlossenheit, das zu beenden, was man ihm angetan hatte.

Ein paar Stunden später hielten wir. Vor uns, in der Ferne, lag das breite Tal, in dem sich Godsgrace befand – ein fruchtbares Fleckchen Grün inmitten der trockenen Weite, durchzogen vom Scourge-Fluss.

Wir sammelten uns hinter einer Felsformation. Cengiz, Papa, Daenerys, Oruc, Tyrion, Lewyn, die Sandvipers, Robby, ich.

Die Karten lagen vor uns, beschwert mit Steinen. Papa deutete mit der Hand auf die Flussgabel.

„Wenn wir hier lang ziehen“, murmelte er, „und dann über den alten Handelsweg, wie die beiden Gefangenen sagten… können wir direkt ins Herz von Godsgrace stoßen, bevor sie sich formieren können.“

„Und dort“, ergänzte Daenerys, „müssen wir nicht gegen die volle Front kämpfen. Wir greifen sie seitlich, schwächen sie, verwirren sie.“

Lewyn nickte. „Und vor allem: wir nehmen ihnen den Vorteil der Position.“

Robby, der sich über den Plan beugte, grinste. „Dann marschieren wir. Leise. Schnell. Und tödlich.“

Der Sand knirschte unter unseren Stiefeln. Kein Wort wurde gesprochen.

Wir kamen näher. Und dann – genau wie erwartet – entdeckten wir die Späher.

Drei Männer, halb schlafend, auf einem kleinen Hügel oberhalb des Flusses.

Cengiz gab das Zeichen.

Drei Pfeile – lautlos abgeschossen von Nymeria, Maris und Lewyn – drei Körper fielen, ohne Alarm zu schlagen.

Es war Zeit.

Wir griffen an.

Es war, als würde der Sand selbst sich gegen Godsgrace erheben.

Die Armeen bewegten sich wie eine Welle – von zwei Seiten gleichzeitig, flankierend, genau wie wir es geplant hatten.

Ich stürmte an der Seite meines Vaters, Argentus gezogen, der Griff heiß in meiner Hand. Cengiz links von uns, Oruc hinter uns mit den Speerträgern, die Baratheon-Reihe dicht gestaffelt wie ein stählernes Bollwerk.

Die ersten Wachen von Godsgrace erkannten uns – zu spät. Sie schrien, rannten, griffen zu den Waffen, aber die Pfeile hatten bereits ihren Weg gefunden. Die Sandvipers hatten sich auf den Mauerrand geschlichen und stürzten sich mit tödlicher Präzision auf jeden Gegner, der uns zu flankieren drohte.

„Zwei von links!“, rief Papa, und ich duckte mich instinktiv, während er die goldene Hand hob – der Stahlprall ließ das Schwert des Gegners abbrechen. Ich stieß zu, und Argentus durchtrennte den letzten Widerstand.

„Vorne! Schildreihe!“, rief Cengiz, und wir warfen uns gegen die verdichteten Reihen. Zireael schnitt durch, tanzte zwischen den Schwertern, und ich schwor, dass ich noch nie jemanden so wütend, so gezielt kämpfen gesehen hatte.

Die Gegner waren viele – sehr viele. Aber sie waren überrascht. Verwirrt. Zerrissen zwischen Flucht und Verteidigung.

Unsere Leute drangen weiter vor. Haus Baratheon, Sandstone, Hellholt – alles vereint in einer einzigen Bewegung, wie ein lebendiger Organismus.

Maris sprang von einer Balustrade, landete auf einem Kommandanten und riss ihn mit sich. Tyene ließ zwei Dolche gleichzeitig fliegen. Tyrion war hinter uns, mit seiner Armbrust, präzise wie ein Uhrwerk.

Ich drehte mich einmal kurz um – sah Sansa, sicher zwischen den Sandvipers, Daenerys stand neben ihr, mit gezogenem Dolch, wachsam, doch stolz.

Und dann – nach Stunden, die wie Minuten vergingen – war es vorbei.

Godsgrace war gefallen.

Die letzten Soldaten warfen ihre Waffen. Die Glocken der Stadt wurden geschlagen – nicht zur Warnung, sondern zur Kapitulation.

Die Bevölkerung, verwirrt, aber nicht feindlich, sammelte sich auf dem Marktplatz, wie wir es befohlen hatten. Sie erwarteten Strafe. Aber sie bekamen Hoffnung.

Daenerys trat vor. Neben ihr Cengiz, auf der anderen Seite Oruc.

Die Sonne ging auf, rotgold über den Häusern. Daenerys’ Stimme war ruhig, aber unüberhörbar:

„Lange hat dieses Land unter Angst gelitten. Unter Macht, die ohne Recht kam. Heute beginnt etwas Neues. Der Mann, den ihr für einen Mörder hieltet, wurde belogen. Von denselben, die euch unterdrücken. Cengiz Martell ist kein Feind Dornes. Er ist Dornes Blut.“

Cengiz trat vor. Seine Stimme war klar, rau vom Staub, aber felsenfest:

„Ich habe Quentyn geliebt wie einen Bruder. Ich bin nicht hier für Rache. Ich bin hier für Wahrheit. Ich verspreche euch: Von heute an wird Dorne nicht mehr durch Furcht geführt. Sondern durch Gerechtigkeit.“

Oruc hob die Hand.

„Godsgrace steht. Und Dorne wird stehen. Für die Zukunft. Für alle, die leben wollen – nicht unter einem Thron aus Lügen.“

Die Menschen hörten zu. Und sie jubelten. Die Stadt bebte – nicht vor Angst, sondern vor Erleichterung.

Später, als der Staub sich gelegt hatte, saßen wir zusammen, alle. Die Müdigkeit übermannte uns.

Papa neben mir, der goldene Handschuh abgenommen, die Schultern schwer. Cengiz, schweigsam, aber mit einem Hauch Lächeln auf den Lippen. Sansa lehnte sich an mich, trank Tee. Daenerys sprach leise mit Tyrion und Lewyn. Die Sandvipers lachten mit Robby und Oruc, als wäre nie etwas gewesen.

Wir schliefen alle früh.

Und zum ersten Mal seit langem – richtig ruhig.

Am nächsten Morgen versammelten wir uns zum Frühstück auf der Terrasse eines der großen Stadthäuser. Es war warm, aber nicht heiß. Frisches Brot. Wasser. Ein paar Früchte.

Tyrion hob sein Glas. „Ich schlage vor, wir verweilen ein wenig. Die Stadt steht. Unsere Männer brauchen Ruhe. Und ich ehrlich gesagt auch.“

Wir alle nickten.

Cengiz sah mich an, Papa daneben. „Ein paar Tage Pause“, sagte er. „Bevor es nach Sunspear geht.“

Der Scourge war kühl, aber angenehm – und nach all dem Staub und Blut der vergangenen Tage fühlte es sich an wie ein Stück Himmel auf Erden.

Papa und ich waren schon längst im Wasser, machten Quatsch wie eh und je. Er tauchte plötzlich unter und riss mich an den Beinen nach unten, woraufhin ich prustend wieder auftauchte und ihn verfolgte.

„Ihr benehmt euch wie kleine Kinder“, rief Sansa vom Ufer, halb belustigt, halb tadelnd.

„Kinder, die besser tauchen können als du!“, rief ich zurück, ehe Papa und ich uns wortlos ansahen und synchron auf sie zuschwammen. „Nein!“, rief sie, noch lachend, doch zu spät.

Das Wasser platschte in alle Richtungen, sie schrie, tauchte unter – und als sie wieder auftauchte, klatschte sie uns beide mit einem Schwall Wasser ab. „Ihr seid unmöglich!“ Aber sie grinste. Und machte mit.

Lewyn schwamm in aller Ruhe etwas abseits, seine Haare glatt vom Wasser, der Blick heiter. „Wenn das die neue Kriegsstrategie ist, bin ich dabei“, lachte er.

Irgendwann lagen wir einfach nur im Wasser, ließen uns treiben.

Papa sah zu mir rüber. „Lukas“, meinte er ruhig, „wie stellst du dir eigentlich Sunspear vor? Ich meine… was genau haben wir da vor?“

Ich drehte mich auf den Rücken, ließ den Himmel auf mich wirken. „Ich hab einen Plan im Kopf. Nichts Festes. Aber… lass uns das morgen besprechen, ja? Wenn alle da sind. Ich will gerade einfach nur… nichts denken.“

Er lächelte leicht. „Das ist okay.“

Da hörten wir Huftritte.

Der Anführer der Sandstone-Truppen kam am Ufer entlang und winkte Papa zu sich. „Lord Jaime – Tyrion bittet Euch zu sich. In den Westflügel der Residenz. Es geht wohl um ein Glas Wein… und, nun… eine Überraschung für Lady Sansa und Lord Lukas.“

Papa blinzelte. Ich sah ihn an. „Weißt du was davon?“

Er hob beide Hände. „Ich schwör’s dir – nichts. Aber wenn’s um dich geht, bin ich dabei. Könnte gefährlich sein.“ Er grinste schief, drückte mir freundschaftlich die Schulter, dann stieg er aus dem Wasser.

Ich sah Sansa an, die auf mich zuschwamm. „Was… glaubst du, was das sein soll?“, fragte ich sie.

„Keine Ahnung…“, sagte sie vorsichtig. „Aber ich hab mitbekommen, dass für unsere Herberge eine Torte geliefert wurde.“

„Eine… Torte?“, fragte ich. „Sansa. Denkst du, die… die wollen uns verheiraten?“

Sie wurde still.

„Ich meine“, fuhr ich flüsternd fort, „wir sind hier… alle zusammen… Dorne liebt große Gesten… und Onkel Tyrion ist immer für sowas zu haben…“

Sansa schob die nassen Haare zurück. „Ich hoffe nur, sie machen keinen Unsinn.“

„Ich will ja nicht sagen, dass ich… also ich… ich wär ja nicht komplett dagegen“, murmelte ich.

„Aber wir sind mitten im Krieg“, ergänzte sie, „und vielleicht ist es auch einfach nur… eine Art Fest.“

Lewyn hörte unsere halbleisen Spekulationen, schüttelte lachend den Kopf. „Ich geh rein. Ihr zwei solltet nicht zu viel nachdenken – oder ihr überzeugt euch selbst, dass ihr heute Nacht Eltern werdet.“

„Sehr hilfreich!“, rief ich ihm nach.

Nach ein paar Minuten war ich allein am Ufer. Ich ließ meine Füße im Wasser baumeln.

Der Gedanke ließ mich nicht los. Was, wenn sie wirklich…?

Vielleicht ein kleiner Saal? Oder draußen bei Sonnenuntergang? Vielleicht etwas mit Dornischer Musik, Mandeln, Granatäpfeln, die typischen Stoffbanner? Vielleicht hat Papa einen Ring geschmiedet – nein, das wäre zu viel – Oder sie machen einfach ein Fest, bei dem sie uns "offiziell" zusammen zeigen wollen?

Ich würde sie ansehen, würde ihre Hand nehmen – Ich stellte mir vor, wie sie aussieht, in einem hellen Kleid, das sie bei der Ankunft in Hellholt geschenkt bekommen hatte.

Ich atmete tief ein. „Das wär… eigentlich wunderschön.“

Da klopfte es an meiner Schulter.

Ich schreckte leicht zusammen, drehte mich um.

Onkel Tyrion.

„Wovon hast du geträumt, Jungspund? Du sahst aus, als wärst du auf einer rosaroten Wolke davongetrieben.“

Ich grinste. „Du kannst’s dir denken.“

„Oh, ich hab da so meine Theorien. Lass hören.“

Ich blieb still.

„Na komm schon“, sagte er, setzte sich neben mich, „du bist ja sonst nicht so still. Rede oder ich halte dich für… verliebt.“

Ich verdrehte die Augen. „Du weißt genau, wovon ich rede.“

„Was?“

„Na…“, sagte ich, nun etwas ernster, „von der Überraschung, die du gerade mit Papa in deinem Zimmer geplant hast. Die Überraschung für Sansa und mich.“

Er sah mich schief an. „Welche Überraschung?“

Ich hielt inne. „Die… Überraschung. Es wurde doch extra eine Torte für unsere Herberge geliefert.“

Tyrion runzelte die Stirn. „Eine Torte?“

„Ja“, sagte ich langsam. „Ich dachte, ihr… wollt, dass wir heiraten. Oder ein Fest oder so. Du hast doch Papa zu dir gerufen. Und—“

Tyrion hob beide Hände, legte sie dann auf meine. Sein Blick war ernst. Sehr ernst.

„Lukas. Ich weiß nichts von einer Torte. Und ich plane ganz sicher keine Überraschung für dich und Sansa. Woher genau hast du das? Wer hat dir das gesagt? Hast du irgendetwas anderes gesehen? Irgendwas… was dir komisch vorkam?“

In meinem Magen wurde es schlagartig kalt.

„Du… verarschst mich nicht?“, fragte ich. „Du weißt nichts davon? Wirklich nichts?“

Tyrions Augen verengten sich. „Ich schwöre dir bei allen Göttern, Lukas – ich weiß von nichts. Und ich habe niemanden um eine Torte gebeten. Wenn irgendetwas zu euch gebracht wurde, dann… hat es jemand anderes getan.“

Ich sah ihn an. Die Welt um mich schien sich plötzlich verlangsamt zu haben.

„Dann… was zur Hölle ist das?“

Ich sagte Onkel Tyrion leise, wer Papa geholt hatte. Was er gesagt hatte. Wie beiläufig es geklungen hatte – eine Überraschung, ein Glas Wein, nur kurz.

Tyrion schwieg einen Moment zu lange.

„Glaubst du…“, begann ich, die Stimme schon rau, „…dass der Anführer von Sandstone irgendwas vorhat?“

Er verzog den Mund. „Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht.“

Das reichte.

Ich sprang auf. „Dann dürfen wir keine Sekunde verlieren. Wir müssen sofort in dein Zimmer.“

Wir rannten los.

Ich war schneller – viel schneller. Meine Beine trugen mich, als hätten sie nur auf diesen Moment gewartet. Die Stufen der Herberge flogen unter mir hinweg, mein Atem ging stoßweise. Gerade als ich den Flur erreichte, prallte ich mit jemandem zusammen.

Nymeria.

Ich taumelte kurz, fing mich ab. „Alles okay?“

„Ja“, sagte sie sofort, dann runzelte sie die Stirn. „Aber etwas stimmt nicht. Ich habe gehört, Cengiz plane etwas mit Tyrion – und dann habe ich Tyrion rennen sehen. Das passt nicht.“

Mein Herz sackte. „Mir wurde genau dasselbe erzählt. Über Papa.“

Nymerias Blick verhärtete sich. „Dann nach oben. Sofort.“

Wir stürmten die Treppe hoch. Der Lärm ließ Türen aufspringen. Lewyn, Sansa, Robby. Daenerys. Maris, Lyssandra, Tyene, Oruc. Alle fragten durcheinander, was los sei.

Ich antwortete nicht.

Ich ging auf Tyrions Tür zu. Sie lag am Ende des Flurs. Abseits. Zu still.

„Papa?“, rief ich. „Cengiz?“

Nymeria erklärte hastig, was wir wussten. Ich hörte nur Bruchstücke. Dann sagte Maris, die Stimme angespannt:

„Der Anführer von Sandstone – Qadir al-Sahra – ist vorhin hier reingegangen. Mit einer Torte. Er sagte, Tyrion, Jaime und Cengiz hätten ihn gebeten.“

Meine Hand lag schon auf der Klinke.

Ich öffnete die Tür.

Der Raum war leer.

Zwei Stücke der Torte fehlten. Aurelion lag am Boden. Zireael daneben. Zwei umgestoßene Stühle.

Mir wurde schwindlig.

Ich ging zu Aurelion, kniete mich daneben. Als ich Argentus zog, glühte die Klinge schwach. Nicht hell. Nicht warnend. Nur… wach.

Sansa war sofort bei mir, schlang die Arme um mich. „Hey. Alles ist okay. Vielleicht sind sie nur—“

„Nein“, flüsterte ich tonlos. „Sie würden niemals ohne ihre Schwerter gehen.“

Ich spürte, dass sie es wusste. Sie sagte nichts mehr, hielt mich nur fester.

Aus dem Augenwinkel sah ich Daenerys zu Zireael treten. Lewyn hob warnend die Hand – zu spät. Sie nahm das Schwert auf. Kein Schmerz. Keine Abwehr.

Das Licht der Klinge spiegelte sich in ihren Augen. Für einen Herzschlag war sie einfach nur… verletzlich.

„Ach ja“, murmelte Lewyn trocken. „Targaryen… da war ja was.“

Ein leises, unpassendes Lachen ging durch den Raum. Es tat weh.

Robby reagierte als Erster. „Ich gehe zu den Sandstone-Truppen. Wir finden Qadir. Jetzt.“

Mehrere folgten ihm. Sansa ging mit den Sandvipers. Daenerys ebenfalls.

Ich sagte nichts.

Ich ging hinaus. Zum Scourge.

Der Sand war noch feucht. Papas Fußabdrücke waren da. Deutlich.

Tyrion, Lewyn und Oruc kamen hinter mir her, blieben aber ein paar Schritte zurück. „Lukas… es wird—“

Ich hörte nicht zu.

Ich starrte auf den Fluss. Scourge. Strafe. Plage. Züchtigung.

Meine Knie gaben nach. Ich fiel in den Sand, rang nach Luft.

Schritte hinter mir. Sansas Hand auf meiner Schulter. Dann Robbys Stimme – vorsichtig, aber klar:

„Die Sandstone-Armee hat Qadir gesehen. Vor ein paar Stunden. Mit einem Planenwagen. Zehn Männern. Richtung Sunspear.“

Ich wusste es.

Ich ging ein paar Schritte nach vorne. Dann brach es aus mir heraus. Roh. Laut. Ungefiltert. Es hallte durch die Nacht, über das Wasser, zurück von den Felsen:

„PAPAAAAAA!“

Robby sah mich an. „Was sollen wir tun? Was befehle ich den Truppen?“

Ich stand langsam auf. Jeder Muskel in mir war angespannt, aber mein Kopf war klar. Unheimlich klar.

„Mach sie bereit“, sagte ich ruhig. Zu ruhig. „Wir ziehen nach Sunspear. Und wir hören nicht auf, bis wir Papa und Cengiz haben. Wir kämpfen gegen jede einzelne Person, die sich uns in den Weg stellt, und wir stampfen sie in den Boden.“

Robby zögerte keine Sekunde. Er nickte nur einmal – hart – und drehte sich um.

Sansa, Tyrion, Lewyn und Oruc traten näher. Ihre Stimmen überschnitten sich.

„Lukas, hast du—“ „Das ist überstürzt—“ „Du musst überlegen—“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Ich muss handeln. Entweder falle ich auf diesem Weg – oder ich finde sie. Beides ist mir lieber als stillzustehen.“

Ich ging zurück in die Herberge.

Die Sandvipers standen bereits im Raum. Daenerys bei ihnen. Alle sahen mich an.

Ich hob Aurelion auf, legte den Griff fest in meine linke Hand. Dann zog ich Argentus und hielt es rechts. Die Klingen fühlten sich… richtig an. Schwer. Echt.

„Wir ziehen jetzt los“, sagte ich. „Bereitet euch vor. Wir holen Cengiz. Wir holen Papa.“

Mein Blick traf Daenerys.

Das Feuer in ihren Augen war nicht laut. Es war tief. Entschlossen. Persönlich. Cengiz war ihr nicht egal. Nicht mehr.

Ich drehte mich um und ging hinaus.

Draußen schlossen sich mir Sansa, Oruc, Lewyn und Tyrion an.

„Wir stehen hinter dir“, sagte Tyrion leise. „Auch wenn wir uns sorgen.“

Oruc trat neben mich. „Und wenn wir Qadir finden“, sagte er kalt, „wird er leiden.“

Daenerys kam hinter uns. „Er hat sie genommen“, sagte sie nur. „Also holen wir sie zurück.“

Robby wartete bereits mit den Truppen.

Die Armee setzte sich in Bewegung.

Dunkelheit. Schwankende Bewegung. Dumpfer Schmerz.

Jaime kam als Erster zu sich.

„…Cengiz?“ Seine Stimme war rau.

„Hier“, murmelte Cengiz. „Gefesselt. Wagen.“

Jaime blinzelte. „Der… Kuchen.“

Cengiz atmete scharf ein. „Ja. Danach wurde mir schwindlig.“

Die Plane wurde ruckartig geöffnet.

Qadir trat ein, ein breites, selbstzufriedenes Grinsen im Gesicht.

„Na, meine Herren.“

„Was soll das?“ fauchte Jaime. „Wohin bringst du uns?“

Qadir lachte. „Nach Sunspear. Serif und Ellaria zahlen gut. Land. Gold. Macht.“

„Und die anderen?“ fragte Jaime sofort.

Qadir beugte sich dicht zu ihm. „Wahrscheinlich tot.“

Cengiz und Papa schrien gleichzeitig auf, wanden sich gegen die Fesseln.

Qadir winkte ab. „Ach. Ein Scherz. Sandstone ist hitzköpfig. Cengiz du weißt das doch... Ich habe nur zehn Vertrauten Bescheid gesagt und die sind alle hier.“

Jaime und Cengiz sahen sich an. Und dann lachten sie. Kurz. Dunkel.

„Unsere Familie und Freunde kommen“, sagte Cengiz. „Und sie töten euch.“

Qadir grinste nur und wandte sich wieder Cengiz zu. „Vertraust du deinen Sandvipers wirklich? Gegen Ellaria? Und deiner Daenerys? Ohne Drachen ist sie nutzlos.“

Cengiz spuckte ihm ins Gesicht.

Qadir schlug zu. Hart. Einmal. Zweimal. Cengiz sackte bewusstlos zusammen. Jaime wollte ihn erreichen doch Qadir trat vor ihn und wandte sich ihm zu. Musterte ihn. Dann dieses Lächeln.

„Sag mir Königsmörder… nach dem, was ich von deinem Sohn gesehen habe, wie sehr er um dich bangt – glaubst du wirklich, er ist gerade mental in der Lage, ein Schwert zu führen? Eine Armee zu leiten? Ich nehme an er weiß mittlerweile schon, dass sein armer Papa entführt worden ist.“

Jaime hob den Kopf. Ein arrogantes, ungebrochenes Grinsen.

„Du hast keine Ahnung, wie weit mein Sohn für mich gehen würde. Du solltest lieber Angst haben. Wie du schon sagst, er wird mittlerweile wissen, was passiert ist und du stehst ganz oben auf seiner Liste.“

Qadir hob eine Braue.

„Du hast gerade den Löwen und den Drachen geweckt,“ sagte Jaime voller Vertrauen.

Qadir schlug zu. Wieder. Und wieder.

„Wo sind sie denn?“ höhnte er. „Ich sehe nur Gefangene.“

Jaime lachte heiser, Blut lief ihm von der Stirn, aus der Nase und aus dem Mund. „Mach weiter. Jeder Schlag kommt zu dir zurück.“

Qadir knurrte, griff nach einem Knüppel – und ließ ihn niedersausen.

Dunkelheit.

Die Hufe unserer Pferde schlugen stetig auf den trockenen Boden, Sand und Staub wirbelten auf, und der Scourge glitzerte schwach neben uns, wie eine träge, heiße Narbe, die sich durch das Land zog.

Ich hörte ihre Stimmen – Robby, Oruc, Lewyn, Onkel Tyrion – sie diskutierten hinter mir, neben mir, über Planky Town. „…wenn wir dort auf Verstärkung treffen, können wir den äußeren Ring von Sunspear schneller einnehmen…“ „…aber dann müssten wir einen Umweg reiten, Lukas wirkt nicht so, als wolle er warten…“

Ich hörte sie. Ich verstand jedes Wort. Aber ich sagte nichts.

Weil es mir egal war. Egal, wie viele wir waren. Egal, ob es taktisch klüger war, zu warten. Egal, ob wir zu müde waren, zu wenige oder überrannt würden. Ich würde nicht anhalten. Nicht essen, nicht schlafen, nicht rasten. Nicht, solange Papa und Cengiz nicht wieder bei uns waren.

Mit jeder Minute, jeder Stunde, jedem weiteren Tag, der verging, wuchs etwas in mir. Keine Angst. Nicht nur.

Etwas Wilderes. Etwas, das tief unter meiner Brust brannte. Ein Zorn, der in meinen Fingern vibrierte, wenn ich Argentus berührte. Ein Feuer, das mich kaum schlafen ließ.

Sansa kam manchmal zu mir, reichte mir Wasser, ein Stück Fladenbrot.

„Bitte, Lukas. Nur ein Biss. Bitte.“

Ich lächelte schwach, nahm es. Ich biss nie ab.

Onkel Tyrion ritt oft schweigend an meiner Seite. Einmal murmelte er: „Du führst jetzt. Aber Führen heißt auch, sich selbst nicht zu verlieren.“

Ich antwortete nicht.

Ich konnte nicht.

Wenn ich anhielt, dachte ich zu viel. Und wenn ich dachte, sah ich Papa – …in einem dunklen Raum …gefangen …verletzt …vielleicht… nein.

Ich verbot mir, weiterzudenken.

Meine Gedanken waren eine Linie. Eine schmale, klare Schneise aus Entschlossenheit: Sunspear. Finden. Rückholen.

Was danach kam – war egal.

Es war Nacht, als sie ankamen.

Der Wagen rollte durch die äußeren Mauern Sunspears, vorbei an Palmen, Türmen, glühendem Stein. Die Luft war schwer. Glühend heiß selbst im Dunkeln. Die Fesseln an ihren Händen schnitten ein.

Dann wurde der Wagen angehalten. Wachen rissen die Tür auf. „Raus mit euch.“

Cengiz stolperte leicht, Papa hielt ihn aufrecht.

Man stieß sie durch ein Tor, einen langen Gang aus gelbem Sandstein – und schließlich in eine Zelle, tief unter einem der kleineren Türme. Kein Fenster. Nur eine schmale Öffnung unter der Decke. Hitze wie eine Decke. Stickig. Schwül. Stille.

Papa setzte sich langsam an die Wand, stützte den Rücken gegen den heißen Stein.

„Wie viele Tage sind wir unterwegs gewesen?“

„Vier“, murmelte Cengiz, „vielleicht fünf.“

Stille. Dann:

„Sie werden kommen“, sagte Papa leise.

„Ich weiß.“ Aber Cengiz klang nicht ganz überzeugt.

Sie sahen sich an, schweißnass, erschöpft – aber noch nicht gebrochen.

„Zireael“, sagte Cengiz dann. „Wenn das jemand anfasst, der es nicht kann… ich… ich hoffe, dass niemand verletzt wird. Man kann sich verbrennen. Es ist kein Spielzeug.“

Papa nickte langsam. „Tyrion kennt die Geschichten. Und Lewyn auch. Sie wissen, dass das Schwert besonders ist.“

Cengiz sah zu Boden. „Und wenn sie es nicht tun?“

„Dann wird Daenerys es spüren“, sagte Papa sofort. „Ich wette, sie hat es genommen. Und Lukas hat Aurelion.“

Cengiz lachte kurz. Bitter. „Glaubst du echt, sie interessiert sich so sehr für mich? Sie wirkt manchmal so… kühl. Als wäre ich einfach nur… jemand.“

Papa lachte leise, auf eine abgekämpfte, aber ehrliche Art.

„Du denkst das. Aber hast du nicht gemerkt, dass sie bei jeder Stadt, die wir erobert haben, immer mit dir gesprochen hat? Und dass sie jedes Mal, nach jeder Schlacht, die Erste war, die fragte?“

Cengiz sah ihn an.

„Und meinst du, sie wäre jetzt mit uns unterwegs – durch ganz Dorne – wenn du niemand für sie wärst? Du bist für sie wie…“

„… ein nerviger Dornisher Junge?“ warf Cengiz trocken ein.

„Nein“, grinste Papa. „Wie jemand, der ihr nicht gleichgültig ist. Vielleicht mehr, als du denkst. Und eigentlich bist du ein Targaryen.“

Cengiz schwieg aber schmunzelte.

Dann: „Glaubst du, sie kommt?“

„Ich glaube“, sagte Papa leise, „sie reiten jetzt schon. Und sie werden nicht anhalten. Nicht einen Moment.“

7

Battle of Greenblood

Schauplatz: Planky Town · Lukas Lannister, Tyrion Lannister, Sansa Stark, Lewyn Ortengryn, Daenerys Targaryen, Tyene Sand, Robby Selmy, Oruc, Iso, Fadime, Maester Qezar

Die Sonne brannte senkrecht über unseren Köpfen, als wir den Hügelkamm überquerten – und zum ersten Mal die staubigen Außenhöfe von Planky Town sahen.

Zwei Tage.

Zwei Tage lang hatte ich kaum gesprochen. Kaum gegessen. Kaum geschlafen. Ich funktionierte nur noch.

„Wir machen hier Halt“, sagte Robby.

Ich nickte. Nur mit dem Kopf. Aber innerlich tat ich es nicht. Ich hatte keinen Halt mehr. Nur ein Ziel. Nur Richtung. Nur Flammen.

Wir versammelten uns an einem kleinen Felsplateau vor der Stadt, strategisch gut gelegen. Robby, Oruc, Lewyn, Onkel Tyrion – sie diskutierten. Sonnenstand, Truppenbewegung, Rückzugsrouten.

Mir war das egal.

Völlig.

Ich würde gewinnen. Ich würde alles niederbrennen. Ich würde Papa und Cengiz zurückholen – oder ich würde fallen, mit meinen Schwertern in der Hand.

„Ich nehme Zireael“, hörte ich Oruc sagen. Ich zuckte leicht zusammen. Mein Blick schoss zu ihm.

Er stand schon bereit, streckte die Hand aus – doch noch bevor er das Schwert berührte, sprach Daenerys: „Nein.“ Ein Wort. Kühl. Klar. Der Wind schien für einen Moment still zu stehen.

„Ich werde es führen.“

Alle sahen sie an. Die Sandvipers richteten sich unwillkürlich auf, stellten sich etwas dichter um sie. Schutzinstinkt. Ehrfurcht.

Lewyn nickte knapp. Tyrion fügte hinzu: „Zireael lässt sich nur führen von Cengiz – und Daenerys. Keiner sonst kommt ungeschoren davon.“

Oruc seufzte. Hob beschwichtigend die Hände. „Schon gut. Ich bleib bei meinem Speer. Hatte nur gedacht… vergesst es.“

Ich trat zwei Schritte zurück und sah auf meine Hände. Argentus. Aurelion. Zwei Schwerter. Zwei Herzen. Zu viel für einen einzigen Mann.

Ich sah hinüber zu Sansa. Sie stand ruhig, aber ich kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie nervös war. Vorsichtig ging ich zu ihr.

„Hey…“ Sie drehte sich zu mir. „Möchtest du eins davon führen? Nur zur Sicherheit. Ich meine, du brauchst keins – aber… ich vertrau dir.“

Ich hielt Aurelion in der linken, Argentus in der rechten Hand. Ein Moment des Zögerns – dann hielt ich ihr Aurelion hin.

„Der hier ist etwas eigensinnig, ist ja auch Papa‘s“, sagte ich und zwinkerte. „Also nicht verbrennen, ja?“

Sie nahm ihn. Langsam. Vorsichtig. Dann tat sie so, als würde sie sich die Finger verbrennen und schrie leise auf. Ich riss die Augen auf – doch sie lachte sofort.

„War nur ein Spaß.“

„Götter…“, murmelte ich, halb lachend, halb schockiert. „Vielleicht sind Papa und ich doch Targaryens. Oder Lannister-Schwerter gehorchen einfach niemandem außer uns.“

„Oder du bist einfach ein bisschen zu dramatisch“, neckte sie.

Tyrion trat zu uns, hob sein Weinglas wie ein Zauberer seine Stab und sagte:

„Vielleicht ist das Schwert einfach eifersüchtig, weil du es lieber Papa gegeben hättest. Schwerter sind sensibel, weißt du? Besonders die männlichen. Immer dieses Machogehabe.“

Gelächter ging durch die Gruppe.

Ich atmete tief ein. Und dann wurde ich wieder still. Ich sah zur Stadt.

Und ich wusste: Jetzt ging es los.

Formation.

Ich vorne. Reitend. Schwer atmend. Zu meiner Linken: Robby. Zu meiner Rechten: Oruc. Hinter uns: Tyrion, Lewyn. Dann: Daenerys, umringt von den Sandvipers – Zireael in ihrer Hand, das Licht flackerte über der Klinge. Sansa neben ihr, Aurelion fest in der Hand, ihr Blick entschlossen.

Dann – unsere Armee. Banner im Wind. Staub in der Luft.

Der Weg senkte sich. Planky Town kam näher. Ich konnte die Tore sehen. Die Mauern. Die Wachen oben.

Ein Moment der Stille.

Und dann – bewegten sie sich.

Die Tore öffneten sich. Ruckartig. Knirschend. Soldaten. Dutzende. Hunderte. Sie stürmten hinaus.

Ich sah es – und mein Herz schlug fester.

Ein offenes Feld.

Keine Deckung. Kein Rückzug.

Perfekt.

Genau das wollte ich.

Ich beugte mich leicht vor. Spürte den Schweiß auf meiner Stirn. Zog Argentus.

„Niemand…“, flüsterte ich. „… wird mich aufhalten.“

Dann setzte ich mein Pferd in Bewegung.

Ich spürte es, noch bevor ich dachte. Dieses Ziehen in der Brust, dieses Brennen in den Armen. Argentus vibrierte in meiner Hand, als würde das Schwert wissen, was kommt.

Die Tore von Planky Town standen offen. Zu offen.

Die gegnerische Armee brach aus der Stadt hervor wie eine Flut aus Staub, Stahl und Schreien.

„JETZT!“ rief Robby.

Ich trat die Sporen.

Mein Pferd schoss nach vorne, der Wind peitschte mir ins Gesicht, und in dem Moment, in dem der Abstand zwischen uns zusammenschmolz, ließ ich los.

Nicht aus Wut. Nicht aus Hass. Sondern aus absoluter Klarheit.

Ich sprang aus dem Sattel, noch bevor mein Pferd vollständig zum Stehen kam.

Argentus nach oben – Drehung – Schnitt.

Der erste Gegner fiel, noch bevor er begriff, dass er tot war. Der zweite kam von links – zu langsam.

Ich ließ ihn an mir vorbeirutschen, drehte die Hüfte, Stich unter die Rippen, zog die Klinge wieder heraus, während er bereits fiel.

Der dritte versuchte, mich mit einem Speer auf Distanz zu halten.

Fehler.

Ich schlug die Spitze zur Seite, trat nach vorne, Ellbogen gegen den Kehlkopf, dann ein kurzer, sauberer Hieb.

Blut spritzte auf den Sand.

Ich hörte hinter mir Orucs Speer – zwei Spitzen, präzise, brutal. Robby kämpfte wie ein Sturm, sein Schwert in fließenden Bewegungen.

„LINKS!“ rief Oruc.

Ich drehte mich, parierte im letzten Moment einen Schlag, ließ den Gegner in die Leere schlagen – Konter, Handgelenk ab, dann ein Schritt nach vorne, finaler Stoß.

Die Schlacht war kein Chaos. Sie war ein Rhythmus.

Vor mir: Stahl. Hinter mir: Vertrauen.

Ich spürte die Armbrustbolzen von Tyrion und Lewyn, hörte das trockene Schnappen der Sehnen, sah Gegner fallen, bevor sie überhaupt bei uns ankamen.

„Weiter nach vorne!“ rief Robby.

Wir drängten sie zurück – Meter um Meter.

Ich kämpfte arrogant. Ich wusste es. Aber ich konnte es mir leisten.

Ich ließ Schläge absichtlich nah kommen, nur um sie im letzten Moment zu kontern. Spielte mit Timing. Mit Angst.

Ein Soldat starrte mich an, die Augen weit. Er zögerte.

Ich lächelte nur kurz.

Dann war er tot.

Irgendwann war ich zu weit vorne.

Ich merkte es erst, als der Lärm hinter mir kurz abebbte – und ich plötzlich alleine stand.

Sieben Gegner.

Sie kamen gleichzeitig.

Gut.

Der erste stürmte frontal – Ausfallschritt, Stich durch die Kehle. Der zweite und dritte von rechts – ich ließ mich fallen, rutschte durch den Sand, Schnitt über beide Unterschenkel, sie schrien, fielen.

Ich stand auf, drehte mich, blockte einen Schlag von oben, Schwertstoß in den Bauch.

Drei.

Die letzten vier kamen im Halbkreis.

Ich atmete aus.

Dann – Bewegung aus dem Augenwinkel.

Die Sandvipers

Stahl blitzte.

Tyene. Nymeria. Maris. Lyssandra.

Sie waren da, bevor ich überhaupt reagieren musste.

Tyene glitt an einem Gegner vorbei, Dolch unter das Kinn, ließ ihn fallen wie eine Puppe. Nymeria wirbelte, ihre Klinge zeichnete eine Linie durch die Luft – Hals, Schulter, Brust. Maris trat einem Soldaten das Knie weg, Lyssandra vollendete es mit einem kurzen Stoß.

Die vier Gegner fielen innerhalb von Sekunden.

Ich stand da, schwer atmend, sah sie an.

„Timing“, sagte ich grinsend.

Tyene grinste zurück. „Immer.“

Hinter ihnen standen Daenerys und Sansa.

Zireael & Aurelion

Zwei Gegner brachen aus der Menge und stürmten direkt auf sie zu.

Mein Herz setzte einen Schlag aus.

Ich setzte zum Sprint an – doch ich kam nicht mehr dazu.

Daenerys bewegte sich zuerst.

Zireael zog eine glühende Linie durch die Luft, ein einziger, sauberer Schnitt – der erste Gegner fiel.

Der zweite versuchte, Sansa zu erreichen.

Aurelion hob sich.

Sansa stand fest. Kein Zögern. Kein Zittern.

Parade. Drehung. Stich.

Der Soldat sackte zusammen.

Beide standen ruhig da, die Schwerter noch erhoben.

Ich blieb stehen.

Sah sie an.

Nickte – ehrlich beeindruckt.

„Gut“, sagte ich laut. „Sehr gut.“

Sansa lächelte schief. Daenerys sagte nichts – aber ihr Blick brannte.

Der letzte Widerstand.

Ich drehte mich wieder zur Schlacht.

Und ging weiter.

Keiner konnte mir mehr standhalten.

Ich war schnell. Präzise. Unerbittlich.

Ein Gegner stolperte – ich trat ihm das Schwert aus der Hand. Der nächste versuchte zu fliehen – Robby holte ihn ein.

Oruc stand wieder neben mir, sein Speer rot vom Blut.

„Wir haben sie!“ rief Tyrion von hinten.

Die letzten Reihen brachen.

Flucht. Schreie. Aufgabe.

Einige warfen die Waffen weg. Andere starben trotzdem.

Dann – Stille.

Der Staub senkte sich.

Die Sonne stand hoch.

Ich stand mitten auf der Straße von Planky Town, Argentus schwer in meiner Hand, Schweiß und Blut auf der Stirn.

Wir hatten gewonnen.

Ohne Zweifel. Ohne Gnade. Ohne Zurück.

Oruc trat neben mich. Robby auf die andere Seite.

„Planky Town ist gefallen“, sagte Robby ruhig.

Ich nickte.

Dann setzte ich mich in Bewegung.

In die Stadt hinein. An der Spitze.

Oruc neben mir. Die Armee hinter uns.

Und in meinem Kopf nur ein Gedanke:

Das ist erst der Anfang. Sunspear wartet. Die Straßen von Planky Town lagen still.

Kein Jubel. Kein Widerstand. Nur ein dumpfes Echo von Metall, das gegen Leder schlug, Schritte, die sich durch Blut und Sand bewegten. Unsere Banner flatterten über den Mauern – Lannistergold, Martellrot, Drachensilber.

Wir marschierten geschlossen durch das Haupttor der Stadt. Ich an der Spitze, Argentus in der Scheide an meiner Seite.

An meiner Flanke: Oruc, angespannt wie ein gespannter Bogen. Daenerys mit Zireael an der Hüfte, ihre Augen wie Glut. Sansa, Aurelion geschultert, still aber fokussiert. Und Onkel Tyrion, der als einziger von uns allen ruhig wirkte – äußerlich zumindest.

Robby, Lewyn und die Sandvipers hatten sich mit der Armee aufgeteilt, um die Stadt zu sichern, die Bürger zu beruhigen und Verbündete zu trennen von Mitverschwörern.

Aber mein Ziel war klar. Nichts anderes als Antworten.

Der Palast von Planky Town war klein für einen Palast, aber er gab sich Mühe. Weißer Stein, verwittert von der Sonne. Zitronenbäume im Vorhof. Ein roter Teppich – inzwischen schmutzig – führte zu einem hohen Thronstuhl, der fast zu pompös für diesen Ort war.

Drei Männer warteten dort. Alle drei in feinen dornischen Gewändern, Sandfarben, mit bestickten Mustern.

Der erste, schlank mit grauem Bart: Malrik of the Dunes

Der zweite, breitschultrig, mit Glatze und goldenen Armreifen: Ghazan Santar

Der dritte, jünger, nervös, feuchte Stirn: Rylan Quar

Sie versuchten, Haltung zu bewahren.

Ein Fehler.

Ich trat direkt vor. Schlug Argentus mit dem Griff vor mir in den Boden, dass der Stein splitterte.

„Wo. Ist. Mein. Vater.“ Meine Stimme war kalt. Kein Schrei. Aber schneidend wie die Klinge selbst.

Malrik begann zu sprechen, diplomatisch, ausweichend. „Wir… wir haben keine direkten Informationen zu—“

„Lügen.“ unterbrach ich. Oruc trat neben mich, sein Blick drohte mehr als jedes Schwert.

Daenerys‘ Stimme war ruhig, aber wie Feuer unter Eis: „Versucht es nicht. Ihr wisst, dass ihr nicht verhandeln könnt. Planky Town gehört uns. Bald auch Sunspear. Wenn ihr helfen wollt, redet. Wenn nicht – dann verlasst euch nicht auf die Gnade eines Drachen.“

Ghazan hob die Hände. „Wir… wir handeln nur im Namen unserer Fürstin. Ellaria hat—“

Ich trat einen Schritt nach vorne, die Hand fest um Argentus. „Noch ein Satz über Ellaria und ich fange mit dir an. Rede. Oder stirb.“

Rylan – der nervöse von den dreien – brach zuerst.

„Sie… sie sind in Sunspear!“ Er schluckte. „Eingesperrt. Im alten Gewölbe unter dem Speer. Ellaria und Serif… sie wollen, dass ihr kommt. Sie wollen euch sehen. Euch vernichten, wenn ihr versucht, sie zu retten. Sie warten auf euch – und halten Jaime und Cengiz nur am Leben, bis…“

„Bis wir auftauchen.“ Ich lachte kurz. Hart. Ohne Freude. „Dann wissen sie, dass sie keine Chance mehr haben. Kein Druckmittel außer zwei Gefangene, die sie nicht einmal opfern können, ohne ihren einzigen Schutz zu verlieren.“

Plötzlich – Ghazan drehte sich zu Oruc.

Mit einem schiefen Grinsen.

„Wie geht es deinem Bruder eigentlich, Oruc? Du weißt schon… in Sunspear?“

Orucs Gesicht veränderte sich sofort.

Kein Zorn. Keine Wut. Nur… Leere. Für einen Moment.

Dann hob er sein Schwert. Zwei Schläge. Zwei Körper.

Malrik und Ghazan sackten zusammen, bevor sie um Gnade flehen konnten.

Nur Rylan lebte noch – zitternd, kniend, nicht wagend, sich zu bewegen.

Oruc stand keuchend da. Dann flüsterte er: „Iso…“

Sansa war sofort bei ihm. Ich auch. „Oruc“, sagte ich leise. „Was auch passiert ist – sie wollen uns zerstören. Aber sie leben noch. Sie brauchen Papa. Sie brauchen Cengiz. Sie brauchen Iso. Tot sind sie wertlos.“

Tyrion trat neben uns. „Sie wollten dir wehtun, Oruc. Dich destabilisieren. Dich spalten. Aber du bist unser Fels. Wenn du brichst, bricht was in uns allen.“

Daenerys legte ihm die Hand auf die Schulter. „Wir holen sie alle zurück. Und dann bringen wir Sunspear zum Einsturz.“

Oruc sah hoch. Ich sah in seinen Augen dasselbe Leuchten, das ich selbst spürte. Das Feuer, das dich nicht loslässt, wenn jemand, den du liebst, dir genommen wird.

Er sagte nichts.

Er brauchte es auch nicht.

Ich trat einen Schritt zurück. Dann blickte ich in die Gesichter der anderen.

„Wir ziehen weiter.“ „Sunspear.“

Keiner widersprach.

Nicht Daenerys. Nicht Sansa. Nicht Tyrion. Und am allerwenigsten Oruc.

Wir drehten uns um – ließen Rylan kniend zurück. Der Staub am Boden färbte sich langsam rot hinter uns.

Dorne würde brennen. Und die Löwen würden brüllen, bis die Speere gefallen sind.

Es war stickig. Selbst für Dornische Verhältnisse. Die Luft stand – feucht, dick und schweißtreibend – und in der Dunkelheit flackerten zwei winzige Fackeln, zu wenig, um die Hitze zu rechtfertigen.

Cengiz saß mit dem Rücken an der Wand, sein Hemd schweißdurchtränkt, eine Schramme zog sich über seine Wange. Papa – Jaime – saß ihm gegenüber, das Haar nass, die linke Schulter blutig und Stirn, seine rechte – die goldene Hand – fest auf dem Knie abgestützt. Beide wirkten erschöpft. Aber keiner von ihnen gebrochen.

„Ich schwöre dir“, murmelte Jaime, während er sich die Haare zurückstrich, „wenn ich Ellaria oder Serif in die Finger bekomme…“

Cengiz grinste müde. „…dann lachst du sie zu Tode, oder was?“

„Ich lache erst, wenn dein Schwert wieder in deiner Hand ist.“

Schritte. Stimmen. Ketten klirrten.

Die Tür des Kerkergangs öffnete sich. Zwei Wachen führten eine Frau und einen Mann in die angrenzende Zelle – abgeschirmt durch Gitter, aber nah genug, dass man sich sehen und hören konnte.

Die Frau war schlank, mit auffälligen Wangenknochen, einem ernsten, durchdringenden Blick. Ihr Haar in einem dichten Zopf, die Kleidung verraten durch ihre Herkunft: Dornisch, aber schlicht. Der Mann – kräftiger gebaut, mit blondem Haar, kantigem Kiefer und Narben an den Händen – trat aufrecht, trotz der Ketten.

Kaum waren die Wachen gegangen, rief Jaime herüber: „Hey! Wer seid ihr?“

Der Mann antwortete ruhig: „Ich bin Iso. Das ist Fadime.“

Cengiz blinzelte. „Iso… wie Iso, der Bruder von Oruc?“

Iso nickte nur.

„Und ihr?“, fragte er zurück. „Woher kennt ihr meinen Bruder?“

Cengiz lächelte bitter. „Cengiz Martell und Jaime Lannister. Oruc kämpft an unserer Seite. Wir… sind wegen Verrat hier. Schlafmittel im Kuchen. Lange Geschichte.“

Jaime lachte kurz. „Mein Sohn wird explodieren, wenn er das erfährt.“

Iso runzelte die Stirn. „Dann habt ihr Planky Town nicht mehr gesehen?“ Er setzte sich auf die Steinbank, Fadime ebenso.

Cengiz schüttelte den Kopf und Jaime blickte Iso nervös an.

Iso atmete tief durch. „Dann freut euch: Planky Town ist gefallen. Ihr habt fast alles. Nur Sunspear steht noch. Aber das wird sich ändern.“

Jaime grinste plötzlich, so echt und stolz, dass es durch den Kerker hallte. „Mein Junge…“

Auch Cengiz konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Dann haben sie’s geschafft. Lukas… Robby… Daenerys… alle.“

Iso fuhr fort: „Serif hat uns durchschaut. Fadime und ich wollten euch helfen. Er hat’s gespürt. Deswegen sind wir hier. Ich weiß nicht, was passiert, wenn die Schlacht losgeht… aber wir müssen vorher raus. Sonst sind wir erledigt, wenn sie Panik kriegen. Aber ich habe schon einen Plan.“

In genau diesem Moment öffnete sich wieder die Tür. Ein einzelner Mann trat ein. Älter, gebeugt, aber wachsam. Ein weites Gewand mit Dornischer Stickerei, ein abgenutzter Maester-Ring um den Hals.

Sein Name war Maester Qezar – ein Dornischer, den Cengiz kannte.

Cengiz’ Augen weiteten sich. „Maester Qezar?!“

Der alte Maester blieb stehen. Dann, mit zitternder Stimme: „Cengiz… bei den alten Göttern… du bist es wirklich.“

„Du bist noch hier?“ Cengiz stand auf, trat ans Gitter. „Ich dachte, du wärst in Ghost Hill.“

Qezar lächelte. „Bis Serif mir sagte, ich solle ‘neutrale Berichte’ für seine neuen Gefangenen schreiben.“ Er sah zu Iso und Fadime, nickte ihnen warm zu. Doch als sein Blick auf Jaime fiel, verengten sich seine Augen leicht.

„Ein Lannister“, sagte er. „Ich habe meine Zweifel.“

Bevor Jaime etwas sagen konnte, trat Cengiz dazwischen. „Er ist kein gewöhnlicher Lannister. Er ist mein Freund, Familie. Er hat mich verteidigt. Mehrmals.“

Iso fügte ruhig hinzu: „Er ist mit Oruc ebenfalls eng Verbündeter. Das reicht.“

Der Maester schwieg einen Moment. Dann nickte er. „Ich werde es glauben – weil ihr’s sagt.“ Er trat näher, senkte die Stimme.

„Ich bin auf eurer Seite.“ „Ich tue so, als wäre ich einer von ihnen. Aber wenn der Angriff beginnt, werde ich euch rausholen.“

Er blickte zu allen vieren.

„Ich habe noch drei, vielleicht vier, die mir helfen. Ehemalige Bedienstete der Martells. Cengiz, du kennst sie: Silia, Dorek, Mena und Vallos.“

Cengiz’ Gesicht hellte sich auf. „Silia war die Heilerin aus den Gärten, oder? Und Vallos der Küchenbursche, der immer alles wusste.“

Qezar grinste. „Genau die. Sie bringen euch Essen. Wasser. Und wir schauen nach euren Wunden. Heute Nacht zum Beispiel.“ Er öffnete eine kleine Kiste – Tücher, eine Phiole mit Salbe.

Er begann mit der Versorgung, während Jaime leise fragte: „Habt Ihr… habt Ihr irgendwas gehört? Über meinen Sohn?“

Der Maester sah ihn an. Dann nickte er. „Nur Gerüchte. Aber sie sind beeindruckend. Man spricht davon, dass ein junger Krieger mit goldener Hand in Planky Town gekämpft hat wie Jaime Lannister einst in seiner besten Zeit. Die Leute sagen… so eine Gleichheit war noch nie zu sehen.“

Jaimes Brust hob sich. Ein warmes Lachen entwich ihm. „Das ist mein Junge…“

Cengiz lächelte auch. „Und… weißt du was über Daenerys?“

Qezar nickte. „Lebt. Kämpft. Und sieht aus, als hätte sie wieder Flammen in den Augen. Die Wachen sprechen von einer Frau mit weißem Haar, die ein spezielles Schwert zu führen scheint.“

Cengiz atmete auf. Ein klein wenig. „Dann ist sie da. Mit Zireael.“

8

Sturm auf Sunspear

Schauplatz: Sunspear · Lukas Lannister, Jaime Lannister, Tyrion Lannister, Sansa Stark, Cengiz Martell, Lewyn Ortengryn, Daenerys Targaryen, Ellaria Sand, Robby Selmy, Oruc, Iso, Fadime, Maester Qezar

Ich konnte nicht schlafen. Nicht mal still sitzen. Ich war wie auf heißen Kohlen. Während andere ruhten, beteten oder leise Karten sortierten, saß ich allein draußen auf der niedrigen Mauer nahe dem zentralen Platz, wo gerade die Banner überprüft wurden. Argentus lag neben mir, das Metall kühl im Mondlicht, doch mein Innerstes brannte. Papa. Cengiz. In irgendeiner verdammten Zelle, vielleicht verletzt, vielleicht…

Ich schloss die Augen, aber der Schmerz ließ sich nicht wegdrücken. Was, wenn ich zu spät komme?

Plötzlich hörte ich Schritte. Ich sah nicht auf – ich wusste, wer es war. Oruc ließ sich neben mich fallen, ohne ein Wort. Nur sein leises Atmen war zu hören. Dann, nach einer Weile: „Iso…“ Ich drehte langsam den Kopf zu ihm.

„Er ist nicht nur mein Bruder, Lukas. Er war wie mein Schatten. Ich war der Vordere. Der Lautere. Aber er… er war derjenige, der nachgedacht hat.“ Er atmete flach. „Ich weiß nicht, was ich mache, wenn sie ihm was angetan haben.“

Ich legte ihm die Hand auf die Schulter. Fester, als ich dachte. „Ich kenn das Gefühl.“

Er sah mich an. Und dann sagte er, ganz ruhig: „Du bist wie eine Mauer aus Sand. Sieht weich aus. Aber wenn jemand versucht durchzubrechen… kommt der Sturm.“

Ich blickte kurz auf meine Hände. Und flüsterte nur: „Ich spür’s. Da ist was in mir… Und es kennt kein Erbarmen.“

Drinnen hockten Tyrion, Daenerys, Sansa und Lewyn über Karten, die mit Sand beschwert waren. Als ich eintrat, sahen sie alle auf.

„Ah, unser schlafloser Löwe“, meinte Onkel Tyrion trocken. „Na gut – dann planen wir eben bei Mondlicht.“

Ich stellte mich neben ihn. Und wir gingen durch, was wir wussten: – Die Sandvipers hatten Infos über alte Zugänge in die Stadt. – Vor allem zwei Tunnel, kaum bewacht, längst vergessen. – Der nördliche, so sagten sie, führte in die alten Gewölbe – zu den Kerkern.

„Dort“, sagte Lewyn, „werden Jaime und Cengiz gehalten. Wenn sie noch leben.“

Ich hob den Blick. „Sie leben.“

Stille.

„Dann gehen Oruc, du und ich diesen Weg“, fuhr Lewyn fort.

Robby, der leise hinter einer Stütze stand, trat nach vorne. „Wir greifen die Haupttore an. Machen Lärm. Binden Kräfte. Wenn’s klappt, habt ihr ein Fenster.“

Sansa legte ihre Hand auf die Tischkante. „Ich kämpfe mit.“

„Ich auch“, sagte Daenerys.

Ich wollte was sagen, aber Daenerys kam mir zuvor. Ihr Blick war felsenfest. „Ich habe mit Zireael gekämpft. Sansa mit Jaime‘s Schwert. Wir können das.“

Ich atmete durch. Dann nickte ich. „Bleibt bei den Sandvipers. Sie beschützen euch. Und passt auf euch auf.“

Sansa antwortete leise: „Du auch.“

Die Sonne war gerade dabei, über dem Sandmeer aufzusteigen. Die Luft war klar, der Boden noch hart von der Kälte der Nacht.

Wir ritten. Zwei Gruppen. Zwei Wege. Ein Ziel: Sunspear.

Vor einem letzten Hügel hielten wir.

Ich blickte zurück auf die anderen.

Zu Sansa zuerst. Ich nahm ihr Gesicht sanft in meine Hände, küsste ihre Stirn. „Du bist stärker, als du denkst. Ich zähl auf dich.“

Dann Onkel Tyrion. Ich zog ihn an mich, fester als sonst. Er flüsterte mir zu: „Wenn du deinem Vater zur Begrüßung eine schepperst, mach’s nicht tödlich.“

Ich lachte leicht. Kurz.

Robby schlug ich die Hand ein. „Wenn du mich aufhalten willst – dann überlebe.“

Und bei Daenerys… war es nur ein Blick. Ein kurzes Nicken. Ich wusste, dass sie ihn retten will.

Dann wandte ich mich an Oruc und Lewyn. Keine Worte mehr. Nur Bewegung.

Wir ritten leise rechts vom Weg ab. Durch eine Senke, verborgen zwischen alten Steinen und verfallenen Mauern. Dort wartete der alte Versorgungstunnel.

Ich blickte ein letztes Mal zurück. Und dann… nichts mehr.

Nur wir drei. Und der Weg, der zu Papa und Cengiz führen würde.

Der Ritt dorthin war still. Kein Wort. Nur Sand unter den Hufen, nur das gleichmäßige Atmen von Oruc, Lewyn und mir.

Der Eingang lag genau dort, wo die Sandvipers es gesagt hatten – eine kleine, halb eingestürzte Ruine zwischen zwei Felswänden, etwa eine halben Stunde von den Haupttoren entfernt. Kaum sichtbar. Nur wer es wusste, würde überhaupt erkennen, dass sich zwischen den Mauern ein schmaler Spalt befand, der in eine steinerne Öffnung führte.

Lewyn prüfte die Karte. „Das muss er sein.“

Wir versteckten die Pferde hinter Felsen und warteten. Ich lehnte an der Wand, Argentus locker in meiner rechten Hand. Mein Herz schlug schneller als sonst – aber nicht vor Angst. Es war… dieser Hunger. Der Wille. Die Nähe zu dem, was ich retten wollte.

Dann hörten wir es.

Glocken.

Laut. Dumpf. Sie hallten durch die Wüste. Sunspear wurde angegriffen.

Ich nickte nur und trat in den Eingang.

Der Gang war alt, feucht und roch nach Salzwasser und Erde. Die Wände bestanden aus grob behauenem Stein, teilweise überwuchert von dornigem Wurzelwerk. Die Decke hing niedrig, Wasser tropfte von oben. Wir mussten uns an einigen Stellen ducken.

„Wie alt ist dieser Tunnel?“ murmelte Oruc. „Alt genug, um vergessen zu sein“, antwortete Lewyn.

Dann – Stimmen. Zwei Wachen am anderen Ende des Gangs, bewaffnet mit Speeren. Sie standen bei einer Lichtquelle, die vom offenen Gitter eines Luftschachts hereindrang.

Ich hob die Hand. Oruc verstand sofort. Im Bruchteil eines Moments stürmten wir vor.

Zwei dumpfe Geräusche. Zwei Leiber sanken zu Boden.

„Nicht laut“, flüsterte ich. „Jetzt beginnt’s.“

Wir schoben das schwere Gitter beiseite und krochen ins Freie. Sunspear lag in Feuer und Staub. Schreie, Hufgetrampel, Pfeile, Banner.

Wir standen hinter einem Lagerhaus in einer kleinen Gasse, die Richtung Westen führte. „Hier sind wir“, sagte Lewyn. „Aber wo… ist das Gewölbe?“

Ich biss die Zähne zusammen. „Es muss unterhalb des alten Palastes liegen… Da, wo die Sonne das Pflaster dunkler färbt.“ Ich zeigte auf den höchsten Punkt der Stadt. „Wenn ich jemand wäre, der jemand wie Papa gefangen nimmt… dann dort.“

Die Kerker von Sunspear waren dunkel, aber stickig warm. Der Stein speicherte die Tageshitze, und es roch nach Schweiß, Metall und Blut.

Trotzdem… war Lachen zu hören.

„Und dann“, sagte Iso und grinste, „hat Oruc wirklich gedacht, dass ich von der Klippe gefallen bin. Ich hab nur im Gebüsch gelegen und ihn beobachtet, wie er heulend einen Busch geschlagen hat.“ Alle lachten. Selbst Jaime – Papa – lachte. Cengiz auch, sein Lächeln entspannter als die Tage zuvor.

Sie waren… Freunde geworden. In diesen wenigen Tagen. Verbunden durch Hoffnung, Sorge – und ihren Hass auf Serif und Ellaria.

Dann – ein Schlag gegen die Tür.

„Was zum—“ Cengiz sprang auf.

Maester Qezar kam hereingerannt, sein Gesicht voller Schweiß. Hinter ihm: Silia, Dorek, Mena und Vallos. Ihre Kleidung war zerfetzt, Staub bedeckte ihre Gesichter. Silia blutete leicht an der Stirn.

„Sunspear wird angegriffen“, rief Qezar. „Es ist soweit.“

„Lukas?“ fragte Jaime sofort.

Qezar nickte. „Er. Eure Leute. Die Schlacht tobt.“ Dann zog er ein Bündel hervor – dunkle, leichte Kapuzenumhänge aus Dornischer Wolle. „Zieht das über. Es wird euch tarnen.“

Während alle sich umkleideten, ging Qezar zu Cengiz. „Du erinnerst dich an den alten Tunnel? Hinter der Basilika, dort wo du früher mit meinem Sohn gesessen hast?“

Cengiz’ Augen weiteten sich. „Der, der ins Lager führt?“

Qezar nickte. „Der ist offen. Die Wachen draußen haben wir… entfernt.“

Jaime fasste Iso an der Schulter. „Wie hast du das gemacht?“

Iso grinste. „Ich hab zugehört. Und die richtigen Verbündeten.“

Qezar sah jeden der vier an. „Wir begleiten euch ein Stück. Wenn ihr es bis zum Tunnel schafft, seid ihr frei. Danach… entscheidet das Schicksal.“

Die Tore bebten, als sie anrückten. Robby vorneweg, seine Rüstung staubig, sein Blick wie aus Stein gemeißelt. Neben ihm: Tyrion, die schwere Armbrust in der Hand, bereit – nicht elegant, aber tödlich.

Hinter ihnen: Sansa, in tiefem Rot und Gold, die Kapuze zurückgeschlagen, Aurelion in beiden Händen. Daenerys, Zopf geflochten, Blick flammend, Zireael wie ein Blitz in ihrer Faust. Und rund um sie: die Sandvipers – beweglich wie Schatten, tödlich wie Schlangen.

Als die Tore sich öffneten, war es, als hätte jemand eine Flut entfesselt.

Hundert. Zweihundert. Mehr.

Sie kamen mit Schilden, mit Speeren, mit Kriegsrufen – doch sie standen bereit.

Robby brüllte und stürmte voran. Sein Schwert schnitt sich durch den ersten Schildwall wie durch trockenes Holz. Tyrion schoss – ein sauberer, präziser Bolzen durch den Helm eines Anführers. Daenerys duckte sich, parierte einen Angriff, Zireael glühte auf und schnitt in einer silbernen Linie durch zwei Gegner. Sansa kämpfte Seite an Seite mit ihr, Aurelion wirkte in ihren Händen graziös.

Und die Sandvipers? Sie tanzten. Sie wirbelten zwischen den Feinden hindurch, tauchten auf, griffen an, verschwanden wieder. Eine sprang über drei Köpfe hinweg, landete mit beiden Dolchen im Rücken eines Hauptmanns. Eine andere beschützte Daenerys, als ein Bogenschütze auf sie zielte – ein Messer flitzte, der Mann sank zu Boden, ehe der Pfeil gelöst wurde.

Für einen Moment… war es, als würde die Wüste selbst brennen.

Wir liefen. Oruc, Lewyn und ich.

Der Tunnel hinter uns, der Lärm der Schlacht vor uns. Aber in den Gassen… herrschte Chaos. Soldaten liefen durcheinander – einige ignorierten uns, rannten in Richtung des Haupttors. Andere blieben stehen, sahen uns – und griffen an.

Drei auf einmal.

Ich duckte mich unter dem ersten Schlag, riss Argentus nach oben und spaltete das Brustbein eines Offiziers. Oruc stieß seinen zweispitzigen Speer nach vorne – ein sauberer, tiefer Stich. Der dritte Soldat wollte fliehen – doch Lewyns Bolzen traf ihn zwischen die Schulterblätter, bevor er zwei Schritte weit kam.

Ich drehte mich zu Lewyn. „Hast du mit Onkel Tyrion geübt?“

Er zuckte die Schultern. „Nach dem ich mit dem Schwert mehr mir selbst weh getan hab als anderen… ja. Tyrion war ein guter Lehrer.“

Ich nickte. „Dann danke ihm, wenn wir ihn sehen.“

Wir liefen weiter. Argentus vibrierte leicht in meiner Hand – diese Verbindung… ich spürte es. Sansa ging es gut. Aurelion war in Bewegung, und er war nahe. Es beruhigte mich, ohne dass ich es erklären konnte.

Sie rannten durch einen Nebengang, nachdem Qezar und die anderen sie nach draußen begleitet hatten. Dornische Kleidung, Kapuzen tief im Gesicht, der Sand unter den Sohlen. Jaime und Cengiz hielten sich eng an den Wänden, während Iso und Fadime vorausschlichen.

Dann – zwei Soldaten tauchten aus dem Nichts auf.

Jaime hob die Fäuste. Cengiz schob Fadime zurück – Doch die lächelte nur kalt.

„Hey!“, rief sie. Die Männer drehten sich – und Fadime war schon in Bewegung.

Sie sprang auf einen von ihnen, trat ihm gegen das Knie, drehte sich und rammte ihm den Kopf gegen die Wand. Iso nutzte das Momentum, packte den zweiten von hinten, zog ihn zu Boden – zwei schnelle Schläge, der Mann blieb reglos.

Jaime und Cengiz starrten.

Iso grinste. „Wir waren nicht umsonst zwei Jahre in Sarnor im Untergrund.“ Dann hob er die Schwerter der Soldaten auf und reichte sie den beiden. „Ihr könnt besser damit umgehen als wir.“

Jaime nahm das eine, testete das Gewicht. Cengiz drehte das andere in der Hand.

„Ich hätte jetzt echt gern Zireael zurück“, murmelte Cengiz. „Ich glaub dir das sofort“, sagte Jaime. „Ich hätte auch gern Aurelion… allein, um zu wissen ob Lukas…“ Er hielt inne. Beide sahen sich an. Keine Worte nötig.

Dann – Cengiz hielt inne. Er zog Jaime am Arm. „Dort. Sieh… das ist… Ellaria.“

Sie lief schnell, durch eine Seitengasse, begleitet von nur zwei Wachen. Richtung Water Gardens.

Iso trat neben sie. „Wir sollten weiter. Wenn sie uns entdecken—“

„Geht“, sagte Jaime ruhig. „Sagt Lukas und Oruc Bescheid. Wir… wir erledigen das.“

Fadime wollte protestieren, aber Cengiz hob die Hand. „Es ist besser so. Wir sehen uns beim Tunnel.“

Dann trennten sie sich. Iso und Fadime rannten weiter, Richtung Fluchtweg. Papa und Cengiz warfen sich einen Blick zu, setzten die Kapuzen auf – und folgten Ellaria.

Wir hetzten weiter durch die verwinkelten Gassen Sunspears, das Dröhnen der Schlacht klang entfernt, doch mein Puls donnerte mir direkt in den Schädel. Ich wollte nicht stehenbleiben. Ich konnte nicht.

Doch dann spürte ich plötzlich, wie Oruc mich am Ärmel zurückzog.

„Warte…“

Ich drehte mich um, irritiert – da starrte er auf zwei Gestalten, die uns entgegenliefen. Kaum eine Sekunde verging, da rief er laut:

„Iso?!“

Und tatsächlich – es war Iso, lebendig, abgekämpft, aber aufrecht. Neben ihm eine junge Frau mit entschlossenem Blick und zerrissener Kleidung. Oruc sprintete los, warf sich in Isons Arme und hielt ihn fest. Ich blieb zurück, kurz sprachlos.

„Das ist Fadime, Iso’s Frau“, stellte Oruc vor, nachdem sie sich gelöst hatten. „Das sind meine Freunde, Lukas und Lewyn. Ohne sie wär ich nicht hier.“

Ich nickte nur knapp, der Moment war zu schnell, zu viel – aber ich zwang mich zur Höflichkeit. „Schön, dass ihr heil rausgekommen seid.“

Ich trat einen Schritt näher. „Habt ihr was von meinem Vater gehört und Cengiz?“

Iso und Fadime wechselten einen Blick. Dann sagte Fadime ruhig: „Sie sind mit uns geflohen. Dann haben sie Ellaria gesehen. Und… verfolgen sie jetzt.“

Ich riss die Augen auf. „Bitte was?! Zu zweit?! Ohne Verstärkung?! Und ihr lasst sie einfach laufen?!“

Ich war lauter als ich sein sollte. Zu laut. Aber es war mir egal.

„Sie… haben sich entschlossen“, sagte Iso ruhig. „Und sie haben sich jeweils ein Schwert genommen von den Soldaten, die wir erledigt haben.“

Das beruhigte mich ein wenig. Aber nur ein wenig.

„Großartig. Zwei Männer, die gerade noch in einer verdammten Zelle saßen, rennen jetzt bewaffnet und ungeschützt hinter der gefährlichsten Frau in Dorne her. Was kann da schon schiefgehen?!“ Ich schüttelte den Kopf, trat einen Schritt zur Seite und ließ meinen Blick über die Straße wandern, als könnte ich sie irgendwo sehen. „Er ist schlimmer als ich. Ich schwör’s. Wenigstens Cengiz hat manchmal Hirn… manchmal.“

Lewyn trat an meine Seite. „Du schreist wieder.“

Ich drehte mich zu ihm. „Wir sind mitten in einem Krieg. Denkst du, irgendjemand hört meinen Monolog über Papas Tollkühnheit?! Die Geräusche da vorne sind lauter als mein ganzer Stammbaum!“

Lewyn hob die Hände. „War ja nur 'ne Feststellung…“

Ich seufzte, drehte mich wieder zu Iso und Fadime. „Sorry, mein Vater macht mich manchmal fertig... Ihr habt gesagt: Richtung Water Gardens?“

Fadime nickte. „Wenn ihr schnell seid, holt ihr sie ein.“

Ich atmete tief durch und nickte. „Danke.“

Dann wandte ich mich an Oruc, legte ihm die Hand auf die Schulter. „Geh mit ihnen. Nutzt unsere Pferde. Reitet zu den anderen – sie kämpfen an den Toren. Sag ihnen, dass Papa und Cengiz frei sind und dass Lewyn und ich ihnen folgen.“

Oruc nickte. Kein Zögern. Wir klatschten uns zur Verabschiedung eine Faust.

„Pass auf dich auf, Lukas.“

„Du auch.“

Dann liefen Iso, Fadime und Oruc zurück in Richtung des Tunnels – und Lewyn und ich bogen in die nächste Straße ein. Ich lief zügig, schnaufte wütend vor mich hin, während ich immer wieder die Gassen scannte.

„Weißt du, manchmal wünsche ich mir, Papa wär ein bisschen… vernünftiger.“

„Du meinst wie du?“, fragte Lewyn mit einem Grinsen.

Ich schnaufte. „Ich bin impulsiv, ja. Aber ich lauf wenigstens nicht aus 'nem Gefängnis raus und direkt in die Arme von Dornes gefährlichster Frau. Vielleicht sollten wir ihm nen Schild um den Hals hängen – ‚bitte nicht töten, bin nur emotional motiviert‘.“

Lewyn lachte. Ich nicht. Ich konnte nicht.

Ich musste sie finden.

Die Straßen waren leerer geworden, je näher Jaime und Cengiz dem Rand von Sunspear kamen. Über ihnen zitterte die Luft in der Hitze, die Mauern warfen flackernde Schatten, als die Sonne erbarmungslos auf Dorne brannte.

„Dort“, flüsterte Jaime plötzlich und deutete mit dem Kinn nach vorne.

Ellaria Sand – ihr unverwechselbarer Gang, das wallende Gewand, das dunkelbraune Haar. Sie verschwand in einem flachen, unscheinbaren Haus direkt am Ende der äußeren Mauer.

Die beiden blieben stehen, huschten hinter eine Mauer. Zwei Wachen standen vor dem Eingang – reglos, konzentriert.

„Wir erledigen sie, lautlos“, sagte Jaime leise.

Cengiz nickte nur. Es war kein Platz mehr für Worte. Die beiden umkreisten das Haus in entgegengesetzten Richtungen, kamen lautlos heran. Ein leiser Pfiff – das Signal.

Wie Raubkatzen fielen sie über die Wachen her. Cengiz stieß dem einen die Faust gegen den Kehlkopf und nahm ihm mit einem schnellen Schlag das Bewusstsein. Jaime streckte den anderen mit einem präzisen Tritt nieder, sein neu erbeutetes Schwert blitzte auf – ein Hieb, ein Schnitt, alles vorbei.

Dann standen sie vor der Tür. Kurz ein Blick. Ein Nicken. Sie betraten das Haus.

Drinnen war es kühl, schlicht. Kalkwände, spärliche Möbel, ein leises Ticken einer alten Uhr. Kein Laut. Kein Lebenszeichen. Sie durchsuchten Raum um Raum – angespannt, bereit. Aber leer.

Im letzten Zimmer standen sie nun.

Niemand.

„Verdammt“, murmelte Cengiz. „Sie war doch hier. Eben noch.“

„Sie kann sich nicht aufgelöst haben“, sagte Jaime grimmig. Dann – ein Geräusch.

Hinter ihnen.

Beide wirbelten herum – doch zu spät.

Peitschen schossen durch die Luft, schlugen wie gezähmte Blitze zu. Jaime und Cengiz versuchten noch auszuweichen, aber die Schläge waren präzise, durchtrainiert, brutal. Die Peitschen wickelten sich um ihre Arme, Beine, zogen ihnen die Waffen aus der Hand – dann wurden sie zu Boden gerissen, gefesselt.

Zwei Männer traten aus den Schatten – groß, maskiert, mit dunklen Lederrüstungen. Ihre Augen waren kalt.

Zwischen ihnen trat Ellaria Sand hervor. Sie trat ins Licht, ihr Lächeln kühl wie der Stahl einer Klinge.

„Cengiz. Immer noch ein so dummer Junge wie früher.“

Cengiz knurrte. „Und du immer noch eine Schlange ohne Gift, Ellaria.“

„Wer hat Quentyn getötet?“, fauchte er.

Ellaria lachte. Ein dunkler, kehliger Laut. „Du warst es.“

„Du weißt, dass das nicht stimmt!“, rief Cengiz.

„Ich weiß nur, was alle wissen“, sagte sie leise, dann wandte sie sich an Jaime. „Ser Jaime. Wie lange ist es her, hm? Myrcella… sie war so hübsch. So still. So zerbrechlich. So... leicht zu brechen.“

Jaime zuckte nicht einmal. „Warum? Was hat sie dir getan? Was hat Quentyn dir getan? Was hat Cengiz dir getan, Ellaria?“

„Myrcella war eine Lannister.“, zischte sie. „Elia war mein Herz. Und ihr Großvater… dein Vater… hat den Befehl gegeben. Und euer Monster, der Berg, hat ihn ausgeführt.“

„Myrcella war ein Kind“, sagte Jaime, leise, fast flüsternd. „Ich hätte für sie alles getan.“

„Aber du hast es nicht. Und dass du sie nicht retten konntest ist die größte Befriedigung für mich.“

Cengiz sprach nun wieder. „Warum hast du mich immer gehasst? Ich war wie ein Sohn für Oberyn. Ich habe ihn gerächt. Ich habe Elia gerächt.“

Ellaria trat näher. Sie blickte ihn an – fast mitleidig.

„Weil ich es von Anfang an wusste. Oberyn hat es mir gesagt. Dass du kein Martell bist. Sondern ein Targaryen. Eine tickende Zeitbombe in unserem Haus. Du warst nie Dorne. Du warst immer Gefahr.“

Sie trat näher an ihn heran. „Du warst der Keil zwischen mir und Oberyn. Du warst der Grund, warum wir uns stritten. Warum er sich immer mal wieder entfernte. Ich habe so viel von ihm verloren – an dich.“

Cengiz sah sie an. Fassungslos. Traurig. Und doch voller Zorn.

„Du warst nie seine Familie“, spuckte Ellaria. „Du warst sein Irrtum.“

Dann wandte sie sich ab, ging zu einem alten, unscheinbaren Schrank an der Wand. Sie öffnete ihn – und darunter lag eine versteckte Falltür. Steinplatten, die sich in eine Treppe nach unten öffneten, in die Tiefe. Wahrscheinlich ein Fluchttunnel.

Sie drehte sich noch einmal um, ihre Silhouette im Licht.

„Lebt wohl, ihr zwei. Genießt eure letzten Minuten.“

Dann sagte sie zu den Wachen: „Nehmt euch Zeit. Macht es nicht schnell.“

Die Männer grinsten. Die Peitschen zischten wieder durch die Luft.

Und Ellaria Sand verschwand langsam die Treppen hinunter – Schritt für Schritt – und ließ nur Schatten, Schmerz und Rachelust zurück.

Die Luft wurde stickiger, je weiter wir uns vom Zentrum entfernten. Es roch nach Staub, nach Sand, nach Blut, nach Krieg. Ich lief schneller. Lewyn keuchte hinter mir.

„Irgendwo hier müssen sie sein!“, rief ich, halb zu ihm, halb in die flirrende Hitze hinein. „Es kann doch nicht sein, dass sie einfach… verschwinden?!“

Dann blieb Lewyn stehen und zeigte nach vorne. Zwei regungslose Körper – Wachen, direkt vor einem kleinen, schlichten Haus, das beinahe mit der Mauer verschmolz.

Wir sahen uns nur kurz an. Kein Wort. Dann liefen wir los. Lewyn spannte seine Armbrust, ich hatte Argentus längst in der Hand. Ich öffnete vorsichtig die Tür. Kein Laut. Kein Licht.

Nur irgendwo aus dem hintersten Raum: dumpfe Schläge. Geräusche, die sich durch Mark und Bein zogen. Ich kannte sie. Ich hasste sie.

Wir schlichen durch den engen Flur, Schritt für Schritt, Lewyn hinter mir. Dann blickte ich vorsichtig um die Ecke ins letzte Zimmer.

Zwei Wachen. Groß. Maskiert. Jeweils mit Peitschen, die sie mit brutaler Präzision auf irgendetwas – auf jemanden – niedergehen ließen.

Ich zuckte zusammen. Dann sah ich es. Papa. Cengiz.

Am Boden. Gefesselt. Keuchend. Aber… am Leben.

Ich blickte zu Lewyn. Er verstand sofort. Dann – gleichzeitig: Ich stürmte vor, rammte Argentus quer durch den Leib der ersten Wache. Ein einziger Schrei, dann Stille. Lewyns Bolzen durchbohrte die Kehle des anderen. Beide fielen. Sofort.

Ich ließ das Schwert fallen, lief ein paar Schritte nach vorne. Und erst da konnte ich atmen. Papa lag vor mir.

Er war leicht verletzt, blutverschmiert, sein Haar klebte an der Stirn, aber er lebte. Seine Augen fanden meine, und er… lächelte.

„Wirst du mich nicht losbinden, mein Junge?“, fragte er mit einem verschmitzten, völlig unpassenden Lächeln.

Ich sog die Luft ein, wischte mir mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen und kniete mich hin. „Wieso… wieso bist du so dumm?! War das deine Idee, allein Ellaria hinterherzugehen?“

„Eigentlich war’s meine“, kam es gleich von Cengiz, der sich gerade von Lewyn die Fesseln abnehmen ließ. „Er hat sich mir nur angeschlossen.“

Ich schüttelte nur den Kopf. Alles an mir war Zorn, Sorge, aber darunter war nur eins: Erleichterung. Ich löste Papas Fesseln. Kaum war er frei, riss ich ihn in die Arme. Fest. Ganz fest.

„Ich hab dich so vermisst“, flüsterte ich, meine Stirn an seine Schulter gedrückt.

Seine Arme legten sich um mich, so stark und beschützend wie früher. Wie damals. Wie immer. Er lachte leise, zog mich noch fester an sich.

„Ich weiß, mein Kleiner… ich weiß. Aber ich hab gehört, dass da draußen, beim Battle of Planky Town, ein junger Mann mit goldener Hand gekämpft haben soll – wie Jaime Lannister in seiner besten Zeit. Und der soll mein Sohn sein.“

Ich grinste, zog mich ein Stück zurück und sah ihn an. „Ich hab's halt vom Besten gelernt. Aber… können wir’s bitte nicht Battle of Planky Town' nennen? Das klingt wie ein Kinderbuch. Ich schlag vor: Battle of Greenblood. Klingt epischer.“

Lewyn räusperte sich. „Sorry, dass ich den Moment ruiniere, aber… wo ist Ellaria?“

Cengiz zeigte zum Schrank. „Da. Falltür. Sie ist vor ein paar Minuten runter. Wahrscheinlich ein Fluchttunnel außerhalb von Sunspear.“

Ich sah zu Papa. Dann zu Lewyn. Cengiz zog sich sein erbeutetes Schwert fest, Papa nahm das seine, drehte es mit vertrauter Geste in der Hand, wie er es immer getan hatte.

Ich griff wieder nach Argentus. Mein Griff war ruhig. Sicher.

„Dann sind wir jetzt zu viert“, sagte ich, fast schon grinsend.

Lewyn spannte seine Armbrust.

Ich öffnete die Schranktür. Eine steinerne Treppe führte in die Tiefe. Dunkel. Kalt. Ungewiss.

„Na dann“, murmelte ich. „Auf zur letzten Runde.“

Einer nach dem anderen stiegen wir hinab.

9

Showdown in den Water Gardens

Schauplatz: Water Gardens · Lukas Lannister, Jaime Lannister, Tyrion Lannister, Sansa Stark, Cengiz Martell, Lewyn Ortengryn, Daenerys Targaryen, Ellaria Sand, Tyene Sand, Robby Selmy, Oruc, Iso, Fadime

Die Treppen waren eng, feucht und dunkel. Jeder Schritt hallte dumpf in den steinernen Wänden wider. Vor mir liefen Cengiz und Lewyn, beide angespannt, aber konzentriert. Hinter mir – Papa. Seine Präsenz war beruhigend und beunruhigend zugleich. Ellaria hatte mindestens zehn Minuten Vorsprung. Zehn Minuten, in denen sie alles Mögliche hätte vorbereiten können. Oder abhauen.

Wir liefen in stillem Tempo. Nur das Klacken unserer Schritte. Der Klang unserer Atmung. Das Wispern des Krieges, ganz weit oben – dumpf wie ein Sturm, der unter Wasser tobt.

Nach ein paar Minuten, fast flüsternd, drehte ich mich leicht zu ihm und murmelte: „Du hättest sterben können.“

Er sagte nichts sofort. Im flackernden Licht seiner Fackel konnte ich gerade so erkennen, wie er leicht nickte. „Ich weiß“, sagte er. „Und du hast recht.“

Ich schüttelte den Kopf, leise, zornig, aber auch… müde. Er stupste mir mit der Schulter leicht gegen den Arm. „Aber hey… alles gut. Ich lebe ja. Und außerdem – bist jetzt du derjenige, der auf mich aufpasst, oder?“

Ich musste grinsen. „Ja, genau. Großartig. Ich rette dich aus ’nem Kerker, jag dich dann durch die halbe Stadt und jetzt darf ich dich auch noch babysitten.“

„Siehst du? Ist der Ausgleich dafür, dass ich dir als Baby die Windeln gewechselt hab.“

Ich lachte – wirklich. Zum ersten Mal an diesem Tag richtig. Er grinste mich an, dann fiel sein Blick auf mein Schwert. „Sag mal… hast du Aurelion eigentlich dabei?“

Ich schüttelte den Kopf. „Sansa hat ihn. Zum Schutz. Und Daenerys hat Zireael.“

Er blieb kurz stehen, lächelte stolz. „Haben sie damit gekämpft?“

„Beim Battle of Greenblood, ja.“

„Meinst du das Märchen von Planky Town?“, fragte er neckend.

„Ja genau“, sagte ich trocken. „Das große Battle of Greenblood. Klingt wenigstens nach etwas, das nicht von Kindern nacherzählt wird.“

Er nickte anerkennend. „Weißt du, wenn ich so drüber nachdenke… dein Sieg-Niederlagen-Verhältnis in großen Schlachten ist deutlich besser als meins.“

Ich zuckte mit den Schultern. „Du warst ja auch bei all meinen Schlachten dabei. Außerdem ist das Battle of Sunspear noch nicht vorbei. Wir wissen nicht, wie’s den anderen da oben geht. Und wenn ich ehrlich bin… ich hätte diese Schlacht verloren, wenn ich dich dafür zurückbekommen hätte.“

Er sah mich kurz an. Dann zog er eine Augenbraue hoch, halb grinsend. „Na dann ist ja alles gut. Du hast mich wieder. Ziemlich großer Gewinn, würd ich sagen. Vielleicht sogar der größte Preis der ganzen Kampagne, hm?“

„Ja, besonders dein Charme.“

„Den gab’s gratis oben drauf.“ Er zwinkerte.

Ich schüttelte lachend den Kopf. Mein Herz war schwer, aber in dem Moment auch leicht. Nur für diesen Moment.

Dann – plötzlich – blieben Cengiz und Lewyn stehen. Lewyn drehte sich um und hob die Hand.

„Da vorne…“ flüsterte er. „Das muss der Ausgang sein.“

Wir schlichen zu viert weiter den Tunnel entlang, das Licht wurde heller. Vor uns zeichnete sich eine Art kreisförmige Luke ab – aus dunklem Metall, leicht verzogen, mit Sand und Staub um die Ränder. Sie war ein Stück aufgeschoben. Nur ein kleiner Spalt, gerade genug, um hindurchzusehen.

Cengiz und ich knieten uns hin und warfen vorsichtig einen Blick durch den Schlitz. Die Luft roch anders – wärmer, süßer. Blütenduft vermischt mit salziger Küste. Ich konnte nichts erkennen. Nur ein kleiner Ausschnitt von Steinen, Büschen, Schatten. Ich zuckte die Schultern. „Keine Ahnung wo wir sind.“

Cengiz antwortete sofort, fast als wäre es ein Reflex: „Das sind die Water Gardens. Ich erkenne das Pflaster da draußen… und diese Bögen. Wir sind direkt unter den alten Seitenwegen.“

Ich sah ihn an. „Also… was ist der Plan?“

Er überlegte nur kurz. „Wenn Ellaria nicht geflohen ist, dann ist sie dort. Die Water Gardens waren schon immer ihr Rückzugsort. Entweder sie versteckt sich oder… sie will noch irgendetwas tun. Ich würde sagen, wir bewegen uns halbkreisförmig durch den Westweg – dort sind die Gärten dichter und es gibt weniger Sichtachsen. Wenn sie sich irgendwo aufhält, dann entweder am Innenhof… oder auf der alten Terrasse mit Blick aufs Meer.“

Ich nickte langsam. Klingt vernünftig. Doch dann… merkte ich, wie alle drei mich anschauten. Papa, Cengiz, Lewyn.

„Was denn?“, fragte ich leise. „Warum schaut ihr so?“

Papa war es, der als Erster sprach. Seine Stimme war ruhig, aber voller Stolz – dieser typische Ton, den er nur anschlug, wenn er wirklich etwas meinte. „Weil wir beide“ – er sah zu Cengiz – „in den letzten Stunden genug unüberlegten Müll gemacht haben. Wir haben’s irgendwie überlebt. Aber diesmal… entscheidest du, Lukas. Du wägst ab, was wir tun.“

Lewyn hob leicht die Hand, ein halbes Lächeln auf den Lippen. „Ich bin eh nicht gut in Spontankämpfen. Ich höre auf dich. Ich vertraue dir.“

Dann nickte Cengiz mir zu. Langsam, still – fast feierlich. „Mach, was du für richtig hältst. Du führst uns.“

Ich schluckte kurz. So viele Male war ich gefolgt. Jetzt… standen sie da. Mein Vater. Mein ältester Freund. Mein Onkel im Geiste. Und sie alle warteten auf mich.

Ich überdachte Cengiz’ Plan noch einmal, veränderte ein, zwei Dinge – die genaue Route, der Abstand zueinander, ein Zeichen im Fall eines Angriffs. Ich sprach ruhig, klar. Und alle drei nickten. Keine Widerrede. Nur Vertrauen.

Dann schoben wir die Luke ganz vorsichtig zur Seite und traten hinaus.

Die Water Gardens empfingen uns mit spätnachmittäglicher Stille. Die Sonne lag tief über Dorne, goldenes Licht floss durch Olivenbäume und über das Mosaikpflaster. Das Wasser der kleinen Kanäle glitzerte ruhig, als wäre nie ein Tropfen Blut in dieser Welt vergossen worden. Die Palmen standen still. Kein Wind. Kein Vogel.

Wir gingen los. Vier Schatten zwischen Stein und Sonne. Langsam. Lautlos. So wie Cengiz es gesagt hatte. In die Richtung, in der wir Ellaria vermuteten.

Die Water Gardens wirkten wie aus einer anderen Welt.

Das Licht war blasser geworden, der Himmel über Sunspear in ein fahles Grau getaucht. Die langen Schatten der Palmen zogen sich wie Finger über die verlassenen Wege. Das leise Plätschern der Kanäle klang nicht friedlich – eher wie ein Flüstern. Irgendetwas an diesem Ort war falsch. Zu leer. Zu still. Selbst die Vögel schwiegen.

Wir bewegten uns in Formation: Cengiz voran, dann Lewyn, Papa und ich. Kein Wort fiel. Nur Schritte auf uralten Steinen, das leise Knarzen von Rüstungen und mein Atem, den ich kaum zu kontrollieren wusste.

Cengiz führte uns durch eine Reihe schmaler Durchgänge, vorbei an offenen Innenhöfen, durch Säulengänge und über niedrige Brücken. Schließlich hielt er an einem mit dunklem Holz verkleideten Gebäude – die ehemalige Bibliothek des Gartens, wenn ich mich recht erinnerte.

„Hier“, murmelte er. „Wenn sie noch hier ist, dann da.“

Wir nickten. Dann – auf drei – stürmten wir den Raum.

Leer.

Staub wirbelte in der Luft. Die Bücherregale ausgeräumt, einzelne Seiten lagen zerrissen am Boden. Irgendetwas knisterte. Ich drehte mich langsam. Überall Spuren von Flucht. Gehetzt. Reste von Essen. Sand auf dem Boden.

„Verflucht…“, murmelte Papa.

Dann hörte ich Lewyn flüstern: „Da! Am Fenster!“

Ich trat neben ihn. Und da war sie – eine Gestalt, die sich hastig über einen schmalen Kiespfad bewegte, eine schwere Tasche über der Schulter, das dunkle Haar flatternd im Wind. „Ellaria…“, hauchte ich.

Wir sahen uns alle an – und rannten los.

Raus aus dem Gebäude, durch das Tor in Richtung Küste, an Marmorstatuen vorbei. Die Sonne war fast verschwunden – und in diesem Moment: Peitschenschlag.

Etwas Hartes traf mich direkt an der Stirn, ich fiel nach hinten, mein Blick verschwamm. Noch bevor ich richtig begriff, was geschah, spürte ich, wie mich jemand zu Boden riss. Und dann… ein Kuss. Ich weiß nicht warum. Ein wirrer Moment. Ihre Lippen schmeckten nach Blut und Salz.

„Runter von ihm!“, brüllte Papa – und mit einem Schlag schleuderte er die Gestalt einige Meter weg von mir.

Ich japste. „Alles okay?“, fragte Papa, sofort bei mir, und half mir auf. „Ja…“, murmelte ich, „was zur Hölle war das?!“

Dann hörte ich ein Lachen.

„Obara…“, knurrte Cengiz. Die Frau erhob sich, Peitsche in der Hand, die Miene verzogen zu einem sadistischen Grinsen. „Habt ihr mich vermisst, Bastarde?“

Und plötzlich – überall Bewegung. Aus den Schatten, hinter Bäumen, Mauervorsprüngen – 30, vielleicht 40 Wachen, rund um uns. Mit gezogenen Waffen, Schilden, Speere. Wir standen eng beieinander. Rücken an Rücken.

Sie trieben uns vor sich her, in Richtung Meer, runter zu den Docks.

Ich hörte Cengiz neben mir knurren. „Das sieht nicht gut aus.“

„Was meinst du?“, sagte Lewyn und sah sich um, die Armbrust bereit – aber viel würde die hier nicht bringen.

„Das nennt man… Scheiße“, murmelte Papa.

Ich rieb mir die Stirn, spürte das getrocknete Blut. „Ich glaub… ich hab ne neue Hassperson.“

„Willkommen im Club“, sagte Cengiz. Ein Soldat stieß mich mit dem Schild, ich taumelte. Papa stellte sich enger an mich. „Fass ihn nochmal an, und ich schlag dir die Zähne aus“, knurrte er.

Wir liefen weiter – bis wir das Meer sahen. Ein kleiner Steg. Ein einsames Boot. Und auf dem Sand vor dem Boot… stand sie.

Ellaria Sand.

Ihr Lachen hallte über die Wellen.

Sie trat auf uns zu, elegant, wie eine Königin. Das Kleid wehte um ihre Beine. Ihre Augen glitzerten.

„Was für ein schönes Wiedersehen“, säuselte sie. Dann trat sie vor Lewyn. „Und wer ist das?“, fragte sie schnippisch und blickte zu Cengiz.

Er schwieg. Sie nickte an Obara – ZACK – ein Peitschenhieb über seinen Rücken. Ich wollte losspringen, Papa hielt mich fest.

„Lewyn Ortengryn“, knurrte Cengiz. „Ein Mann, den du nie verdienst, kennenzulernen.“

„So charmant wie immer“, sagte sie und drehte sich dann zu mir.

Ihr Blick glitt zu meiner goldenen Hand. Dann wieder zu meinem Gesicht.

„Und du musst der Bastard sein“, flüsterte sie und trat nahe heran. Papa spannte sich neben mir an. „Der Junge mit dem goldenen Händchen. Du siehst ihm so ähnlich… deinem Vater. Und scheinbar… bist du genauso dumm.“

Ich starrte sie an. Keine Furcht. Nur Hass. Ich spürte, wie Papa sich noch enger an mich stellte. Ich sah, wie sich seine Finger zur Faust ballten.

„Er ist mein Sohn“, sagte Papa. Nicht laut. Aber fest. Nicht „Bastard“. Sohn.

Ellaria lächelte. „Wie süß.“

Dann wandte sie sich an Cengiz – und hielt eine kleine, bösartige Rede.

„Weißt du, Cengiz…“ begann sie, „du hast alles verloren. Alles. Dein geliebtes Dorne liegt in Trümmern. Die Leute, die dir einst gefolgt sind, tot oder auf der Flucht. Deine heilige Rache – bedeutungslos. Deine Helden – Marionetten in meinem Spiel. Ich habe dich fallen sehen, ohne auch nur einen Finger zu rühren. Und jetzt werde ich Dorne verlassen… mit Serif. Er kommt gleich. Und wenn er hier ist, werden wir uns ein letztes Mal von euch verabschieden – in Flammen oder Blut, das ist mir egal.“

Sie trat näher. „Du warst nie Oberyns Sohn. Nur ein Schatten… der zu viel Licht wollte. Und wie alle Schatten – wirst du in der Sonne vergehen.“

Dann blickte sie uns alle an. „Ihr vier… werdet hier euer Ende finden.“

Dann öffnete ich den Mund. Noch bevor Cengiz antworten konnte.

„Ich glaube, du irrst dich.“

Ellaria runzelte die Stirn. „Ach ja?“

Ich trat einen Schritt vor. „Weil du wirklich glaubst, wir wären allein gekommen?“

Papa, Cengiz und Lewyn sahen mich erst fragend an… Dann verstanden sie. Und alle begannen zu lachen.

Und dann kam der Sturm.

Wie aus dem Nichts – pfeifend, sirrend – durchbrachen Bolzen die Luft. Dann Speere. Sie flogen von hinten auf die dornischen Soldaten zu, präzise und gnadenlos. Mehrere fielen sofort, ohne zu schreien. Der Rest wirbelte herum, versuchte verzweifelt, den Feind zu erkennen – doch es war sinnlos.

„Deckung!“, rief Papa – und wir warfen uns hinter zwei gefallene Soldaten, schoben ihre Schilde über uns und duckten uns.

Ich hob den Kopf kurz. Und was ich sah, ließ mein Herz beben.

Robby, das Haar vom Wind zerzaust, sprang über eine niedrige Mauer, sein Schwert hell im Licht. Neben ihm – Tyrion, mit gezückter Armbrust und einem breiten Grinsen. Die Sandvipers: Nymeria, Tyene, Maris, Lyssandra – in perfekter Formation, wie sie Sansa und Daenerys umringten, beide schwer atmend, aber strahlend. Und dann: Oruc, mit Iso und Fadime – alle lebendig. Alle hier. Unsere Armee, hinter ihnen. Wie aus einer vergessenen Sage.

In weniger als drei Minuten war es vorbei. Die restlichen Wachen lagen im Sand. Stille kehrte zurück.

Ellaria und Obara hatten in der Zwischenzeit versucht zu fliehen – durchs flache Wasser, in Richtung des Bootes. Doch Nymeria und Tyene hatten sie längst im Blick. Mit einem gleichzeitigen Wurf schleuderten sie ihre Peitschen – sie wickelten sich um die Beine der beiden Frauen und rissen sie unsanft ins Wasser. Gleich darauf hatten Maris und Lyssandra sie gepackt und in unsere Richtung gezerrt, nass, schreiend, fluchend. Gefesselt. Besiegt.

Ich atmete tief durch.

Dann kamen sie zu uns – Oruc, der mich sofort packte und an sich zog. „Verdammt, Junge… du bist verrückt, weißt du das?!“ Ich lachte. „War nicht mein Plan.“ Iso grinste. „Aber er war gut.“

Dann trat Tyrion zu Papa. „Du siehst aus, als wärst du auf einem Dorffest geprügelt worden.“ Papa lachte. „Dann war es ein Dornisches.“

Sansa kam zu mir – und ohne ein Wort fiel sie mir um den Hals. Ich drückte sie fest an mich. „Alles okay bei dir?“, fragte ich leise. Sie nickte und löste sich, die Augen leuchtend. „Ich glaube, das war… das Aufregendste, was ich je erlebt habe.“

„Erzähl.“

„Also: Wir waren am Nordtor. Robby hatte mit Tyrion einen genialen Plan. Als die Soldaten angriffen, haben wir sie in die Gassen gelockt – die Sandvipers sind wie Dämonen durch die Schatten gekrochen. Ich schwöre, Maris hat vier Leute in drei Sekunden erledigt! Daenerys hat mit Zireael gekämpft – und ich mit Aurelion…“ Sie hielt inne und sah mich an. „Ich hab gespürt, dass es dir gut geht… Ich weiß, es klingt verrückt, aber ich wusste es.“

Ich lächelte nur. „Das ist die Verbindung von Aurelion und Argentus.“

Sansa lachte. Dann drehte sie sich zu Papa. „Ich glaube, das gehört dir.“ Sie hielt ihm Aurelion hin. Er nahm das Schwert, betrachtete es – dann Sansa. „Danke… dass du darauf aufgepasst hast. Ich hab gehört, du bist sehr gut damit umgegangen.“

„Ein paar Leute haben’s überlebt“, neckte sie.

„Vielleicht brauchst du ein eigenes.“

Sansa lachte. „Ich glaub, ich komm klar. Lass das lieber euer Ding bleiben.“

Währenddessen blickte ich zu Cengiz – und zu Daenerys, die sich ihm langsam näherte. Es war fast zärtlich, wie sie ihre Arme um ihn legte – aber viel zu kurz. Sie hätte ihn länger halten wollen, das sah man. Aber irgendetwas in ihr hielt sie zurück. Cengiz sagte nichts. Nur ein kurzes Nicken. Ein flüchtiger Moment.

Dann kamen die Sandvipers mit Obara und Ellaria. Beide wehrten sich, schrien, tobten. Doch die Peitschen waren straff um ihre Handgelenke geschlungen. Obara spuckte Nymeria ins Gesicht. „Verräterin! Dreckige Blutschwester!“

Nymeria trat vor – und mit einem gnadenlosen Stich ins Herz war Obara tot. Ein einziger, kalter Blick.

Dann wandte sich Nymeria an Ellaria. „Sie kommt nach dir du ekelhafte Bitch.“

Ellaria schrie: „Serif!“ Ihre Stimme zerbrach fast.

Doch Oruc trat nach vorn. Iso an seiner Seite. „Er kommt nicht“, sagte Oruc ruhig. „Qezar hat gesehen, wie er Richtung Berge floh. Wir haben Leute losgeschickt. Es ist vorbei.“

Ellaria blickte leer vor sich hin. Ein schwaches, ungläubiges Lächeln.

Und dann wurde es still. Alle blickten auf Cengiz. Es war sein Moment.

Er trat vor – das Meer rauschte, der Wind trug den Sand durch die Luft.

„Weißt du, Ellaria… Ich habe viele Jahre gedacht, dass du einfach nur voller Trauer bist. Dass du deinen Schmerz nicht bewältigen konntest. Dass du aus Liebe zu Oberyn so geworden bist.

Aber ich sehe jetzt: Es war nie Liebe. Es war Besitz. Groll. Neid. Und vor allem – Angst.“

Er trat näher.

„Du hast alles zerstört, weil du nicht diejenige sein konntest, die an seiner Seite unantastbar war. Du konntest nicht ertragen, dass ich ihm etwas bedeutete. Dass er mich geliebt hat – wie einen Sohn. Und du weißt das. Du hast es gespürt. Er hat dich respektiert. Aber mich… hat er auf Händen getragen.“ Ich blickte Papa und und sagte ihm, „Klingt so als würde er über unsere Situation damals an Mama reden.“ Papa lachte kurz und stieß mir gegen den Arm.

Ellaria fauchte. Doch Cengiz blieb ruhig.

„Du hast versucht, mich zu brechen. Quentyn zu benutzen. Sunspear zu entehren. Du hast Dorne zur Waffe gemacht. Doch sie ist dir in der Hand explodiert.“

Er atmete tief durch.

„Aber jetzt… ist es vorbei. Deine Spiele. Dein Hass. Deine Schatten.“

Er sah sich um. Auf Sansa, auf Daenerys, auf Papa. Auf mich.

„Dorne wird sich erheben – nicht in Blut, nicht in Reue, sondern in Freiheit. Die Gärten werden wieder blühen. Die Kinder werden wieder lachen. Die Städte werden wieder singen. Wir werden Dorne zurückholen. Nicht wegen dir. Trotz dir. Und vielleicht… wird es schöner denn je.“

Dann trat er einen letzten Schritt vor. „Du hast verloren. Du hast ihn verloren.“ Er blickte in den Himmel. „Aber ich? Ich trage ihn immer noch in mir. Oberyn. Der Mann, den du nie verdient hast.“

Irgendwie wird mir plötzlich schlecht. Nicht schlagartig – eher wie eine Welle, die sich langsam aufbaut. Ich schiebe es auf die Hitze, auf den langen Tag, auf das Adrenalin, das jetzt erst beginnt abzufallen. Ich zwinge mich, ruhig zu atmen.

Neben mir hebt Daenerys Zireael an und hält es Cengiz hin. Er nimmt das Schwert. Seine Hand ist fest, entschlossen.

Er tritt vor Ellaria.

„Hast du noch letzte Worte?“

Ellaria lacht. Es ist kein echtes Lachen mehr – es klingt hohl, gebrochen. „Tu es“, sagt sie. „Töte mich. Aber glaub ja nicht, dass es das war.“ Sie hebt leicht den Kopf. „Das Gras ist voller Schlangen. Und ich hatte immer ein Ass im Ärmel.“

Verwirrte Blicke. Niemand versteht, was sie meint.

Dann geschieht es.

Ellaria blickt mich an. Nur einen Herzschlag lang.

Und in genau diesem Moment reißt es mir die Luft weg.

Es fühlt sich an, als hätte mir jemand die Brust zugeschnürt. Meine Lungen wollen nicht mehr. Ich schwitze plötzlich, eiskalt, und ein stechender Druck breitet sich in meinem Kopf aus. Ich hebe die Hand an mein Gesicht – Blut. Nasenbluten.

Was… ist das? Reiß dich zusammen.

Ich versuche zu atmen. Es geht nicht. Panik steigt auf, roh und unkontrollierbar.

Um mich herum richtet sich alle Aufmerksamkeit auf Cengiz. Auf Zireael. Niemand sieht mich.

Ich greife instinktiv nach Papas Arm. Er steht direkt neben mir.

Er dreht sich zu mir – und in seinem Blick ist sofort etwas anderes. Er kennt diesen Blick. Er hat ihn schon einmal gesehen.

„Lukas?“ Seine Stimme wird sofort ruhig. Zu ruhig.

Ich will antworten, aber es kommt nichts. Kein Satz. Nicht einmal ein Wort. Meine Knie geben nach.

Papa ist sofort da. Er fängt mich ab, zieht mich fest an sich, setzt sich mit mir auf den Boden, hält meinen Kopf an seiner Brust.

„Hey… hey… bleib bei mir. Hörst du mich? Ich bin da. Du bist nicht allein.“

Er ruft nach den anderen. Seine Stimme bleibt ruhig, aber sie trägt Dringlichkeit.

Ich ringe nach Luft. Jeder Atemzug brennt. Mein Sichtfeld wird enger. Alles verschwimmt.

„Ganz ruhig… schau mich an. Atme mit mir. Langsam.“

Ich schaffe es, meine Stirn gegen seine Brust zu lehnen. Seine Hand liegt fest in meinem Nacken. Erdend. Sicher.

„Ich hab dich… du bist sicher.“

Meine Lippen bewegen sich. Es kostet mich alles.

„Hab… dich… so… lieb…“

Seine Arme ziehen mich fester an sich. „Ich weiß. Ich weiß, mein Junge. Ich dich auch. Ich bin hier.“

Dann wird es dunkel.

Ich stehe in einem Tunnel aus Licht. Warm. Still. Friedlich.

Vor mir läuft Myrcella auf mich zu. Sie lacht, wie damals. Unbeschwert. Echt.

„Hey“, sagt sie, als wäre alles ganz normal. „Was machst du denn hier?“

„Sterbe ich gerade?“ frage ich leise.

Sie nickt. Aber ohne Angst. „Ja. Ein bisschen.“

Mein Herz zieht sich zusammen.

„Aber du darfst noch nicht“, sagt sie sofort. „Nicht jetzt. Papa braucht dich.“ Sie legt den Kopf schief. „Und du kannst ihn doch nicht schon wieder allein lassen.“

Ich schlucke. Nicke.

„Dann… gehe ich zurück.“

Sie lächelt breiter. „Gut. Lauf.“

Ich drehe mich um – und renne.

Weg vom Licht.

Ein tiefer Atemzug reißt mich zurück.

Luft füllt meine Lungen. Brennend. Echt. Noch einer.

Ich öffne die Augen.

Ich liege auf Papas Schoß. Seine Hand hält meinen Kopf, seine Stirn liegt kurz an meiner. Er zittert. Nur ganz leicht.

Sansa sitzt neben mir und hält meine linke Hand mit beiden ihren. Ihre Augen sind rot, Tränen stehen darin – aber sie lächelt. Ehrlich. Erleichtert.

Um uns herum Gesichter. Cengiz. Daenerys. Tyrion. Lewyn. Die Sandvipers. Manche weinen offen. Andere atmen einfach nur aus, als hätten sie die Luft angehalten, seit ich gefallen bin.

Papa beugt sich zu mir, seine Stimme bricht diesmal ein wenig.

„Du bist wieder da.“

Ich blinzele. „Ja.“

Sansa drückt meine Hand fester. „Bleib bitte.“

Ich nicke schwach.

„Ich bleib.“

Ich atme. Noch etwas schwer, aber ich atme.

Ich liege immer noch halb in Papas Armen, mein Kopf an seiner Schulter, als ich leise frage:

„Was… was war das? Was ist passiert?“

Papa sieht mich an, sein Blick ist weich, aber ich merke, wie tief es ihn trifft. Er schluckt. Dann sagt er:

„Obara… sie hat dir beim Kuss ein Gift verabreicht. Es war Dornisches Schlangengift – das gleiche, das… Myrcella getötet hat.“

Ich spüre, wie mir der Magen zusammenfällt. Das war also… fast mein Ende. Ich klammere mich fester an ihn. Er hält mich ganz fest.

Dann höre ich Sansas Stimme. Sie kniet sich zu uns.

„Zum Glück“, sagt sie leise, „hat Tyene wie immer eine Flasche des Gegengifts dabei. Das ist Ellarias Standardmethode – Tyene kennt sie besser als jeder andere.“

Ich blicke sie an – dankbar bis ins Mark.

„Danke… danke…“ Ich ziehe sie in eine Umarmung, halte sie ganz fest.

„Du hast mir das Leben gerettet.“

Tyene lächelt. „Ich hab Bronn damit auch mal fast getötet. Er sollte mir nur sagen, dass ich die hübscheste Frau der Welt bin.“

Ich lache auf, obwohl mir noch etwas schwindelig ist.

„Ernsthaft? Du musst Bronn unbedingt treffen.“

Sie lacht mit. „Klingt nach einem guten Abend.“

Dann kommen Cengiz, Lewyn und Onkel Tyrion zu uns.

„Wie geht’s dir?“ fragt Cengiz. Lewyn mustert mich vorsichtig. Tyrion sagt: „Wenn du wieder Sprüche machen kannst, geht’s dir vermutlich besser als uns allen nach einer durchzechten Nacht.“

Ich grinse schwach. „Ich lebe. Reicht fürs Erste.“

Sie nicken erleichtert – jeder von ihnen auf seine Art.

10

Oberyns Vermächtnis

Schauplatz: Sunspear · Lukas Lannister, Jaime Lannister, Tyrion Lannister, Sansa Stark, Cengiz Martell, Lewyn Ortengryn, Daenerys Targaryen, Robby Selmy, Oruc, Iso, Fadime, Maester Qezar

Der Marsch zurück nach Sunspear ist ruhig. Überall liegen Spuren der Schlacht. Wir lassen die brennenden Feuer löschen, helfen Verletzten, geben Anweisungen – es gibt keine direkte Bedrohung mehr.

Es ist… vorbei.

Wir ziehen uns schließlich in den Hauptsitz von Sunspear zurück. Die Sonne senkt sich langsam über die Stadt, färbt alles in warmes Gold.

Am Abend sitzen wir alle beisammen. Die meisten in leichter Rüstung oder einfachen Leinengewändern. Manche mit Schrammen, manche mit Bierkrügen, alle mit müden, aber entspannten Gesichtern.

Ich stoße mit Onkel Tyrion und Papa an.

„Auf uns“, sage ich leise. „Ich bin so froh, dass wir uns haben.“

Beide nicken. Tyrion hebt sein Glas. Papa legt den Arm locker um mich und sagt: „Wir drei… wir sind die besten Verrückten, die dieses Land je gesehen hat.“

Ich lehne mich zurück. Dann flüstere ich Papa zu:

„Wir haben gewonnen. Und wir leben noch. Ziemlich gute Bilanz.“

Er hebt die Augenbraue.

„Ich erinnere dich nur daran, dass ich streng genommen jede deiner Schlachten mitgekämpft habe. Außer Planky Town. Und selbst da hab ich keine Niederlage eingesteckt.“

Ich grinse. „Okay, ich geb dir den Sieg von Planky Town – aber nur wenn du’s Battle of the Greenblood nennst.“

Er lacht und zerwuschelt meine Haare. „Deal.“

Später gehe ich zu Cengiz. Ich strecke ihm die Hand hin. Er nimmt sie – fest, freundschaftlich.

Wir schütteln sie lange, mit einem breiten Grinsen.

„Gratulation“, sage ich. „Du bist jetzt Herrscher über Dorne.“

Er lacht trocken. „Klingt irgendwie weniger glamourös, wenn man das Schlachtfeld vorher gesehen hat.“

„Stimmt. Aber immerhin brauchst du keine Krone – du hast das coolste Schwert.“

Ich deute auf Zireael.

Dann blicke ich ihn kurz ernst an, lege ihm die Hand auf die Schulter.

„Sag mal… sind die Feindseligkeiten zwischen Dorne und den Westerlands jetzt offiziell vorbei?“

Er überlegt eine Sekunde. Dann schlägt er mit der freien Hand ein.

„Ab jetzt – Frieden.“

Wir lachen.

Der Abend vergeht in Gesprächen, in Musik, in kleinen Bechern Wein, die umhergereicht werden. Zum ersten Mal seit Wochen… vielleicht Monaten… ist es still in mir. Keine Schlacht. Kein Plan. Kein Schmerz. Nur Ruhe.

Nur wir.

Und ich weiß: Was auch immer kommt – wir haben das hier. Jetzt.

Zusammen.

Der Morgen danach beginnt früh. Die Sonne steigt langsam über Sunspear, als wäre sie selbst erleichtert, dass wieder Frieden herrscht.

Wir treffen uns alle im großen Saal – Cengiz, Daenerys, Papa, Sansa, Tyrion, Robby, die Sandvipers, Oruc, Iso, Fadime, Lewyn, Ich… fast wie eine Familie. Cengiz legt eine große, leicht vergilbte Karte von Dorne auf den Tisch. Er fährt mit dem Finger über die Orte, die wir verteidigt, befreit oder zurückgewonnen haben – Hellholt, Sandstone, Planky Town…

„Zeit, Dorne wieder aufzubauen“, sagt er leise.

Dann beginnen die Gespräche.

Oruc blickt zu Cengiz. „Iso und Fadime würden gerne zurück nach Hellholt. Wir haben Adil schon einen Brief geschrieben – alles scheint ruhig bei ihnen. Und… Adil, Esme und Aleyna überlegen sogar, ob sie ein wenig Urlaub machen könnten.“

Fadime lächelt sanft. Iso nickt. „Es fühlt sich an wie… endlich nach Hause kommen.“

Cengiz schaut die drei an – er zögert nicht eine Sekunde.

„Natürlich. Hellholt wird euch wieder brauchen. Und wir auch.“

Ein warmes Nicken geht durch die Gruppe.

Dann blickt Papa zu Oruc.

„Wir… also Lukas und ich – wir fahren bald mit Sansa, Tyrion und Lewyn nach Tarth.“

Ich sehe ihn überrascht an, aber lächle sofort.

„Strände, Ruhe… und Joren wird dort sein. Mit Brienne.“

„Wir haben sie bereits informiert“, sagt er. „Vielleicht… treffen wir uns alle dort. Ein paar Tage Frieden.“

Oruc’s Gesicht hellt sich auf.

„Das klingt… wunderschön.“

Robby tritt einen Schritt vor, legt den Arm um Maris, die seine Hand drückt.

„Wir wollten dich fragen, Cengiz… ob wir Yronwood neu errichten dürfen. Gemeinsam.“

Cengiz zieht die Augenbraue hoch. „Gemeinsam, ja?“

Maris nickt. „Er hat’s offiziell gemacht.“

Robby grinst.

„Wir würden es Sandspire nennen – liegt direkt am Meer. Wir könnten von dort schnell nach Harvest Hall und sogar bis Storm’s End.“

Ich runzle die Stirn.

„Wie bitte? Schnell nach Storm’s End?“

Robby lacht. „Ein neuer Kanal. Der Fluss verläuft bei Stonehelm und Grandview. Spart uns den ganzen Umweg durchs Rainwood-Waldgebiet. Viel direkter.“

Ich pfeife beeindruckt. „Smart.“

Nymeria und Lyssandra lehnen sich nach vorne, als Cengiz zu ihnen spricht:

„Was ist mit Sandstone? Es war einst ein starker Ort – und es braucht jetzt Führung.“

Beide schauen sich kurz an, dann nicken sie.

„Wir nehmen’s“, sagt Nymeria.

„Aber es soll nicht mehr Sandstone heißen“, fügt Lyssandra hinzu.

„Habt ihr einen Namen?“, fragt Cengiz.

„Serpent Temple“, sagen sie gleichzeitig. Und irgendwie… passt es perfekt.

„Und was ist mit Planky Town?“ fragt Cengiz dann und blickt in die Runde. „Ideen für einen neuen Namen?“

Ich springe sofort auf.

„Greenblood Town!“

Alle lachen.

Cengiz sieht mich an, schüttelt grinsend den Kopf. „Hm. Vielleicht bleibt es doch Planky Town…“

Ich tue empört. „Unverschämtheit.“

Dann… klopft es an der Tür.

Maester Qezar tritt ein. Sein Blick ernst, aber ruhig.

„Verzeiht die Störung…“ sagt er.

Alle verstummen.

„Cengiz… ich war heute früh in einem der Häuser, die einst Oberyn Martell bewohnte. Besonders eines – sein persönliches Studierzimmer.“ Er hält einen gefalteten, leicht vergilbten Brief hoch.

„Ich habe diesen Brief gefunden. Adressiert an dich.“

Cengiz erstarrt. Kein Wort verlässt seine Lippen für einen Moment.

Dann steht er langsam auf.

„Ich komme gleich wieder.“

Er nimmt den Brief mit, geht ruhig zur Tür – und wir alle bleiben zurück, still, in Ehrfurcht vor dem, was da gleich gelesen wird.

Drinnen, im großen Saal, lehnt Papa locker an einem Tisch, das Chaos draußen scheint plötzlich weit weg. Er sieht mich von der Seite an, mit diesem ganz bestimmten Blick, den er immer hat, wenn er etwas nicht ganz einordnen kann.

„Sag mal…“ beginnt er langsam, „wie hast du das eigentlich gemacht?“

Ich blinzele. „Was genau?“

„Na das mit Ellaria am Strand.“ Er hebt eine Augenbraue. „Du hast Robby, Tyrion, die Sandvipers und gefühlt eine halbe Armee punktgenau dahin beordert. Perfektes Timing. Ich dachte kurz, du hättest alles von Anfang an geplant.“

Ich lache leise, fast ungläubig.

„Gar nicht“, sage ich ehrlich. „Ich hab einfach… geblöfft.“

Er starrt mich an.

„Geblöfft?“

Ich nicke. „Die Situation war komplett ausweglos. Ich dachte, wenn wir schon verlieren, dann wenigstens selbstbewusst. Ich hab einfach so getan, als wären wir nicht allein. Mehr war’s nicht.“

Einen Moment sagt er nichts. Dann schnaubt er leise, schüttelt den Kopf und lacht.

„Weißt du“, sagt er und legt mir kurz eine Hand auf die Schulter, „ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, so zu tun, als hätte ich alles unter Kontrolle. Und du… du machst es einfach, wenn’s zählt.“

Er mustert mich von oben bis unten, dieses typische halb-ernste, halb-stolze Jaime-Lächeln im Gesicht.

„Bluffen, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht… das ist entweder genial oder komplett wahnsinnig.“

Kurze Pause.

„In deinem Fall“, fügt er hinzu, „leider beides.“

Ich grinse.

Vor der Tür bleibt Cengiz stehen. Maester Qezar reicht ihm schweigend den Brief.

Das Siegel ist alt, leicht gebrochen. Die Handschrift unverkennbar.

Cengiz’ Finger zittern, als er den Brief öffnet.

Er liest.

„Mein Junge, wenn du diesen Brief liest, habe ich versagt. Nicht als Fürst, nicht als Krieger – sondern als Vater.“

Cengiz schluckt.

„Ich schreibe dir diesen Brief, weil ich dir etwas schulde, das ich dir nie gesagt habe. Nicht aus Feigheit – sondern weil ich dich schützen wollte.“

Der Wind bewegt leicht das Pergament.

„Du wurdest im Tower of Joy geboren. In einer Nacht voller Blut, Lügen und sterbender Träume. Du bist ein Drilling, hast einen Bruder namens Aegon und eine Schwester namens Aenara. Dein Vater ist Rhaegar Targaryen. Deine Mutter… Lyanna Stark.“

Cengiz’ Atem stockt.

„Ich war dort. Ich habe dich gesehen. Und ich habe dich und deine Schwester aus diesem Turm getragen, als alles andere verloren war. Ich habe geschworen, dass euch niemand finden wird – weder Robert Baratheon, noch die Krone, noch die Wahrheit.“

Eine Träne fällt auf das Pergament.

„Ich weiß, dass man dich des Mordes an Quentyn beschuldigt. Und ich schwöre bei allem, was mir heilig ist: Du hast ihn nicht getötet. Ich weiß es. Ich habe es immer gewusst.“

„Ich weiß nicht, wer es war. Aber ich weiß, dass die Wahrheit verzerrt wurde. Gegen dich.“

Cengiz’ Schultern beginnen zu beben.

„Ich reite nach Königsmund. Ich werde den Mountain töten. Nicht aus Rache – sondern aus Gerechtigkeit. Wenn ich nicht zurückkehre, dann verzeih mir, dass ich dir nie alles gesagt habe.“

Die letzten Zeilen sind fast verwischt.

„Du warst nie mein Neffe. Du warst mein Sohn. Und ich habe dich geliebt, mehr als Worte es je sagen könnten.“

Der Brief sinkt langsam.

Cengiz weint nicht laut. Es ist dieses stille, gebrochene Weinen, das tief aus der Brust kommt.

Qezar legt ihm behutsam eine Hand auf die Schulter.

„Er hat dich bis zum Ende geliebt“, sagt er ruhig. „Und… ich habe noch mehr Briefe gefunden. In seiner Kammer. Wenn du möchtest… ich kann dich hinbringen.“

Cengiz nickt. Kein Zögern.

„Ja.“

Er wischt sich hastig über die Augen, atmet tief durch und öffnet die Tür zu uns.