Die Blessed Springs
Der Morgen war kühl, der Himmel grau, aber klar. Im Hof von Casterly Rock standen die Kutschen schon bereit – drei große, lederverhangene Wagen, gut gefedert, mit Platz für all die Menschen, die uns begleiteten.
Ich ging direkt auf Cengiz zu. Er stand etwas abseits, den Umhang über die Schulter geworfen, dunkle Ringe unter den Augen. Kaum geschlafen, das sah man sofort. Wer konnte es ihm verübeln?
„Willst du bei uns mitfahren?“, fragte ich leise.
Er sah auf, wirkte kurz überrascht – dann nickte er. „Gern.“
Sein Blick wurde etwas weicher.
In diesem Moment sah ich, wie Gyrontius, tief schlafend, von zwei Wachen behutsam zur letzten Kutsche getragen wurde. Sein Körper war schlaff, sein Gesicht leer, als wäre er in einer anderen Welt. Die Wache, die vorne ging, drehte sich auf halbem Weg um, ging dann noch einmal zu Papa.
„Ser Jaime? Wohin mit dem Schwert?“
Papa sah kurz zu mir, dann zurück zu ihm. „Nicht zu ihm. Vorne, bei den anderen. Getrennt.“
Die Wache nickte und ging los, Dagonis in der schwarzen Kiste, mit dickem Leder umwickelt, als könne es so weniger flüstern.
Wir stiegen langsam in die Wagen. Im ersten saßen Erik, Bronn, Lennard, Paul und Dickon – schweigend, konzentriert, das Schwert zwischen ihnen wie ein unheilvoller Passagier.
In den zweiten stiegen Brienne, Sansa, Tyrion, Cengiz, Papa und ich. Joren war schon drin – er stand auf dem Sitz, kicherte, streckte die Arme aus wie ein Vogel. „Winn’fell!“, rief er begeistert.
In der letzten Kutsche nahmen Lewyn, Rodrik, Kevin, Jorah und Rina Platz. Gyrontius lag dort auf einer Decke, eingerollt, wie jemand, der langsam wiedergeboren wird.
Ich blickte ein letztes Mal zurück zur Burg. Dann nickte Papa, und die Kutschen setzten sich in Bewegung – das Tor öffnete sich, der Weg schlängelte sich hinaus aus dem Löwenfelsen.
Unser Ziel: Die Blessed Springs bei Castamere.
Und vielleicht… ein erster Schritt in etwas völlig Neues.
Die Fahrt verlief ruhiger als erwartet.
Die Kutschen rollten stetig Richtung Norden, über sanfte Hügel und schmale Pfade, durch dichte Wälder und an kleinen Dörfern vorbei. Die Straßen waren sicher, das Wetter hielt – nicht zu warm, nicht zu kalt. Alles lief nach Plan.
Cengiz sagte die meiste Zeit wenig. Er saß still, den Blick meist aus dem Fenster gerichtet. Aber Brienne und Sansa ließen ihn nicht allein. Joren hatte ihn schnell ins Herz geschlossen, krabbelte immer wieder zu ihm, zog an seinem Umhang oder kicherte, wenn Cengiz eine Grimasse machte. Brienne rückte ihm irgendwann einen Apfel in die Hand, fast beiläufig, aber ich sah wie Cengiz das Geschenk annahm – und sich dann bei ihr bedankte.
Sansa legte zwischendurch einfach ihre Hand auf seine. Sagte nichts, aber das reichte.
Zwei Tage vergingen wie in einem ruhigeren Kapitel unserer Geschichte. Und als sich in der Ferne endlich die dunklen, felsigen Hügel um Castamere zeigten, wussten wir alle: Wir waren da.
Die Blessed Springs lagen tiefer als der Rest des Landes, fast verborgen in einer Senke. Nebel hing über dem Wasser, sanft und geheimnisvoll. Eine kleine Hütte stand dort – windschief, aber stabil.
Als wir ausstiegen, öffnete sich die Tür der Hütte.
Ein großer Mann trat heraus. Verwittertes Gesicht, verbrannte Haut auf der einen Seite. Schwerer Schritt.
Sandor Clegane.
Der Hound.
Er kam direkt auf uns zu, sein Blick wanderte über die Gruppe – bis er bei Cengiz stehenblieb.
„Du hast ihn getötet“, sagte er. Keine Frage. Kein Zweifel.
Cengiz sah ihn an, etwas überrascht. „Ja.“
Der Hound nickte. Schwer. „Ich wollte es tun. Seit Jahren. Aber…“ Er zuckte mit den Schultern. „Danke. Auch wenn ich’s selbst hätte machen wollen.“
Sansa trat vor. „Sandor.“
Ein Moment der Stille – dann erwiderte er ihren Blick. Und tatsächlich, ein Hauch von Wärme in seinem Gesicht.
Tyrion trat neben sie. „Wir brauchen deine Hilfe.“
Ich erzählte ihm von Gyrontius – dass er der Sohn von Euron Greyjoy ist, verflucht durch das Schwert Dagonis, das wir dabei hatten. Dass er nicht mehr so leben will. Dass Euron ihn zurückgelassen hat wie einen Hund am Straßenrand.
Der Hound kniff die Augen zusammen, sah dann zu der Kiste, in der Dagonis lag, und zu dem schlafenden Körper, den Dickon und Rodrik vorsichtig trugen.
„Sicher, dass das keine Falle ist?“, fragte er.
Ich nickte sofort. „Ganz sicher.“
Er schwieg kurz, dann trat er zum Wasser, kniete nieder und berührte die Oberfläche. „Dann segnen wir das hier mal.“
Sein Lichtstein – ein einfach wirkender Talisman – leuchtete schwach auf, und ein sanfter Schein breitete sich auf der Wasseroberfläche aus. Fast sah es aus wie Mondlicht, obwohl keine Sonne mehr zu sehen war.
Dann vergruben wir Dagonis tief in einer Grube neben dem Wasser, unter reinem Sand, wie das Buch es beschrieben hatte. Keine Macht durfte es in dieser Nacht berühren.
Schließlich ließen wir Gyrontius langsam in das Wasser gleiten. Der Körper sank sachte, wie getragen von etwas, das ihn beschützen wollte. Und als er den Grund erreichte, geschah das, was das Buch nur andeutete: Er lag dort friedlich. Ohne Luft holen zu müssen. Keine Bewegung, kein Schmerz – einfach Ruhe. Das erste Mal seit Langem.
Wir setzten uns rund um das Becken. Niemand sagte etwas. Selbst Joren war ruhig – bis er einmal zu nah an den Rand kroch und fast hineinfiel.
Papa zog ihn sofort zurück, nahm ihn auf den Schoß. „Pass auf, kleiner Mann. Das ist kein Planschbecken.“
Joren kicherte. Der Hound beobachtete die Szene, dann wandte er sich an Papa.
„Dein Sohn?“
Papa nickte. „Ja.“
Der Hound schaute ihn einen Moment an. Dann kam ein Grunzen. „Respekt. Hätte nie gedacht, dass du mal... so wirst.“
Papa lächelte, ganz ehrlich. „Ich war auch nie besonders gut im Planen.“
„Hab gehört, was du für den Jungen getan hast.“ Der Hound sah mich an. „Nicht schlecht.“
Dann richtete er den Blick wieder aufs Wasser.
„Ich bin hierhergekommen, nachdem ich gehört hab, dass Gregor tot ist. Ich wollte nie zurück in die Städte. Nicht mehr kämpfen. Hab genug Tod gesehen. Ich will was Gutes tun… für andere.“
Wir nickten. Niemand sagte etwas dagegen. Es war… stark.
Und dann saßen wir einfach da. Um das Wasser. Um Gyrontius. Und warteten auf das, was kommen würde.
Der Morgen war still.
Die Sonne schob sich langsam über die Hügel hinter Castamere, ließ Nebel und Wasser in goldenem Licht glänzen. Alles war ruhig – bis auf das leise Gluckern im Wasser.
Dann bewegte sich etwas.
Ich stand sofort auf, die anderen folgten mir. Und da, aus der Tiefe, tauchte Gyrontius auf.
Langsam, fast würdevoll, wie aus einem Traum. Wasser lief ihm über Gesicht und Schultern, aber er wirkte nicht schwach. Nur… ruhig. Gelöst.
Als er ganz auftauchte, stand er still im Wasser, die Augen geschlossen – dann öffnete er sie und atmete tief ein. Ein langer, tiefer Atemzug, als hätte er seit Jahren nicht mehr richtig Luft geholt.
Ich trat einen Schritt vor. „Wie fühlst du dich?“
Er sah mich an. Sein Blick war klar. Kein Wahnsinn. Keine Schatten. Kein glasiger Nebel.
Er senkte den Blick, musterte seine Hände, dann seine Arme, fuhr sich über den Hals – keine Kiemenlinien mehr.
„Die Stimmen… sind weg“, sagte er. „Ich höre nichts mehr. Nur mich selbst. Es ist… leise.“ Und dann, ganz kurz – ein Lächeln. Fast ungläubig. „Ich fühle mich… normal. Frei.“
Brienne reichte ihm ein Tuch, das ich ihr gegeben hatte, und Gyrontius stieg langsam aus dem Wasser. Er setzte sich an den Rand, das Tuch um die Schultern gelegt, und starrte schweigend auf die Springs.
In diesem Moment zog Papa mich zur Seite.
„Was machen wir jetzt mit ihm?“, fragte er leise. „Er ist nicht mehr… wie vorher.“
Ich sah zu Gyrontius, wie er da saß, fast schmal wirkte – nichts von dem dunklen, gequälten Jungen, den ich im Kerker gesehen hatte. Ich schüttelte leicht den Kopf. „Ich weiß es nicht. Ich rede mit ihm…“
„Wenn er will“, sagte Papa, „kann er mitkommen. Ich hätte kein Problem damit.“
Ich nickte dankbar – und ging zurück.
Ich setzte mich neben ihn. Sagte nichts, sah einfach auf das Wasser, wie er.
Da kam der Hound.
In der Hand – Dagonis.
Aber das Schwert… war anders.
Die schwarze Farbe war geblieben, doch sie war jetzt matt, nicht mehr bedrohlich. Die roten Adern waren verschwunden – stattdessen zogen sich silbrige Linien durch die Klinge, wie Licht, das in einem ruhigen See gespiegelt wurde. Es sah aus wie ein Schwert, das kämpfen konnte – aber nicht musste. Wie ein Schwert, das verziehen hatte.
„Fluch ist weg“, sagte der Hound und legte es neben Gyrontius. „Was jetzt ist, finden wir noch raus. Aber es ist nicht mehr böse.“
Ich blickte Gyrontius an. „Was wirst du tun?“
Er sah weiter aufs Wasser. „Ich weiß es nicht. Mein Vater… hat mich nie gewollt. Und ich will euch nicht als Feinde. Nach allem, was ihr getan habt… Ich weiß nicht mal, ob ich noch kämpfen will. Ich… will irgendwas Gutes tun. Etwas, das einfach… friedlich ist.“
Ich wollte gerade ansetzen, ihm anzubieten, mit uns zu kommen – da sprach der Hound.
„Dann bleib hier“, sagte er rau. „Ich könnte Gesellschaft gebrauchen. Wir können gemeinsam Leuten helfen. Vielleicht durch die Dörfer ziehen. Weg von Krieg. Weg von Königen. Einfach… Menschen retten, bevor’s zu spät ist.“
Gyrontius sah ihn an. Länger. Und dann… ein kleiner, ehrlicher Ausdruck. Fast wie jemand, der zum ersten Mal gefragt wird, ob er bleiben will.
„Das… das klingt gut“, sagte er leise. „Das klingt richtig gut.“
Ich spürte, wie meine Schultern sich lockerten. Ich stand auf und ging zurück zu Papa, der mich schweigend ansah.
„Wir haben eine Lösung“, sagte ich. „Er bleibt. Der Hound nimmt ihn auf. Sie helfen Leuten. Ziehen vielleicht ein bisschen umher. Keine Schlachten. Keine Schwerter mehr. Nur… was Gutes.“
Papa sah zu ihnen rüber – Gyrontius, der jetzt mit einem kleinen Lächeln neben dem Hound saß. Der Hound hatte sich gesetzt, das Schwert auf dem Rücken abgelegt, und sprach mit ihm ruhig.
Papa nickte.
„Gute Lösung“, sagte er. „Wirklich gut.“
Und dann blickten wir ein letztes Mal auf das Wasser – und wussten: Hier war etwas Altes vergangen. Und etwas Neues hatte begonnen.
Die Sonne stand schon etwas höher, als wir aufbrachen. Die Luft war frisch, der Boden leicht feucht vom Tau. Wir standen alle zusammen am Rand der Blessed Springs, bereit zur Weiterreise.
Gyrontius stand neben dem Hound, frisch gewaschen, das neu erstrahlte Schwert Dagonis auf dem Rücken, eingepackt in ein Tuch. Er wirkte verändert – nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Aufrechter. Klarer. Aber auch irgendwie… leichter.
Wir verabschiedeten uns alle nacheinander von ihm. Kevin klopfte ihm auf die Schulter. Rodrik reichte ihm die Hand. Lewyn nickte ihm respektvoll zu. Jorah, Dickon, sogar Bronn – sie alle gaben ihm das Gefühl, akzeptiert zu sein.
„Wenn irgendwas ist…“, sagte ich, während ich ihn umarmte, „du weißt, wo du uns findest. Du bist willkommen, Gyrontius. Immer.“
Er schluckte schwer und nickte. „Danke… euch allen. Ich… werde es besser machen.“
Dann wandte sich Papa dem Hound zu.
Die beiden standen sich ruhig gegenüber. Zwei Männer, gezeichnet vom Leben – jeder auf seine Art.
„Pass auf ihn auf“, sagte Papa.
„Tu ich“, brummte der Hound. „Ist irgendwie schräg, aber… er erinnert mich an mich. Früher. Ohne Richtung. Und mit zu viel Dunkelheit.“
Papa nickte. „Er hat was Gutes verdient.“
Der Hound sah ihn einen Moment an – dann hob er leicht das Kinn.
„Weißt du… ich hab’s immer gespürt. Dass du mehr bist als nur der Kingslayer. Auch wenn du’s selbst nicht geglaubt hast. Und jetzt… naja. Du scheinst deinen Weg gefunden zu haben. Schön zu sehen.“
Papa lächelte, ganz ehrlich. „Ich hab meine Jungs. Ich hab Brienne. Tyrion lebt. Das ist mein Weg. Und… ich geh ihn, solange ich kann.“
Der Hound sagte nichts weiter – er nickte nur. Und das reichte.
Dann stiegen wir wieder in die Kutschen. Einer nach dem anderen. Die Wägen ruckelten leicht an, als wir uns in Bewegung setzten. Die Räder knirschten über das trockene Gras, die Pferde schnaubten.
Ich blickte noch einmal zurück. Gyrontius stand da, die Hand leicht zum Gruß gehoben. Neben ihm der Hound – groß, still, wachsam.
Zwei verlorene Männer, die sich gefunden hatten.
Und dann wandten sie sich ab, zurück zum Wasser. Während wir weiterzogen – in Richtung Norden. Richtung Winterfell.
Unser Weg war noch lang. Aber unser Herz war leichter.
Der Turm und die Gruft
Die Reise verlief überraschend ruhig. Kein Angriff, keine Störung. Einfach nur der gleichmäßige Rhythmus der Räder auf den Wegen Westeros’. Wir zogen den Trident entlang, der leise an den Steinen vorbei rauschte, so als würde er uns dieses Mal mit Frieden ziehen lassen. Keine Schreie, kein Blut. Nur die Reflexion der Nachmittagssonne auf dem Wasser.
Dann kamen wir an den Twins vorbei – das alte Gemäuer der Freys, das nun in neue Hände gefallen war. Die Banner waren andere, die Blicke der Wächter wachsamer. Dennoch – wir wurden durchgelassen, unbehelligt.
Weiter ging es, vorbei an den windgebeugten Ruinen von Moat Cailin. Die alten Türme warfen lange Schatten, und ein kalter Wind blies vom Meer herüber. Hier spürte man, dass der Norden begann.
Schließlich – nach weiteren Tagen auf der Kingsroad – lag es vor uns: Winterfell.
Zuerst nur eine dunkle Silhouette am Horizont, dann wuchs sie langsam, bis sich die Mauern deutlich abzeichneten, ehrfurchtgebietend und alt. Der Schnee war noch nicht gefallen, doch die Kälte lag schon in der Luft wie ein Versprechen.
Sansa richtete sich auf und sah hinaus – ihr Blick weich, voller Erinnerungen und Sehnsucht. Joren kletterte beinahe auf Papas Schoß, so aufgeregt war er. „Da! Da!“ rief er. Brienne lächelte sanft. Es war auch für sie eine Heimkehr.
Cengiz fröstelte und sagte halblaut: „Also hier ist’s ja ganz schön kalt…“ Alle im Wagen begannen zu lachen – Tyrion sogar lauter als gewöhnlich – und für einen Moment war alles leicht.
Aber ich bemerkte Papas Blick. Er sah nach draußen – zu den Mauern. Nicht mit Angst, aber mit etwas anderem. Etwas Unsicherem.
Als wir vor dem Hof hielten, öffneten sich die Tore.
Winterfell empfing uns.
Sansa und Erik wurden sofort erkannt und freundlich begrüßt – Hände, Umarmungen, Lächeln. Aber dann… fielen Blicke auf Papa. Auf Tyrion. Auf mich. Und auf Paul.
Skepsis. Misstrauen.
Manche tuschelten. Andere starrten nur. Ich spürte es in jeder Bewegung.
Während unsere Sachen abgeladen und in die vorbereiteten Zimmer gebracht wurden, drehte ich mich leicht zu Onkel Tyrion.
„Sie sehen uns so an… wegen unseres Namens, oder?“ fragte ich leise, fast rhetorisch.
Tyrion seufzte, blickte mir in die Augen und nickte dann nur. „Ja.“
Dann gingen wir hinein.
Sansas altes Zimmer war genau wie sie es in Erinnerung hatte. Als sie sich in ihr Bett warf, lachte sie – frei, wie ein Kind. Ich legte mich zu ihr, und sie kuschelte sich an mich.
„Du hast das auch gesehen, oder?“ fragte sie dann leise. „Wie dein Vater geschaut hat… Irgendwas bedrückt ihn.“
Ich nickte. „Ich hab’s auch gemerkt. Ich… mach mir Sorgen.“
Sie sah mich mitfühlend an. „Geh zu ihm. Frag ihn. Du weißt, er redet mit dir, wenn er mit jemandem redet. Er vertraut dir.“
Ich legte meine Stirn gegen ihre. „Danke“, flüsterte ich, küsste sie sachte und stand auf.
Dann machte ich mich auf den Weg, durch die langen Gänge von Winterfell – um Papa zu finden.
Ich ging durch die Korridore von Winterfell, das leise Knarzen der alten Dielen unter meinen Schritten. Ich kam an Kevins Zimmer vorbei – er war vertieft in eine Karte der Nordlande. Cengiz saß in der Nähe des Feuers, Sansa hatte ihm eine Decke umgelegt und Brienne war mit Joren beschäftigt, der wild mit einem Holzlöwen spielte. Lewyn schrieb etwas in sein Notizbuch. Rodrik übte mit Paul Schwertformen im Innenhof.
Dann fand ich Onkel Tyrion – er saß mit einem Becher Wein am Fenster, wie so oft.
„Weißt du, wo Papa ist?“ fragte ich ihn.
Er sah mich über den Becherrand hinweg an. „Vielleicht draußen… beim Turm.“
„Welcher Turm?“
Tyrions Blick wurde weicher, etwas dunkler. „Der Turm. Der, von dem er… du weißt schon. Damals, als Bran stürzte.“
Ich nickte langsam. „Danke. Ich schau nach.“
Als ich den Gang entlanglief, wurde es mir klar. Natürlich. Es machte Sinn. So lange war er nicht mehr hier gewesen – nicht in diesem Winterfell. Und wenn man sich der Vergangenheit stellt, dann manchmal dort, wo sie begonnen hat.
Der Turm ragte einsam in den Himmel. Grau, alt, wettergegerbt. Ich blieb davor stehen. Irgendwas zog sich in mir zusammen, als ich nach oben blickte.
Ich ging langsam die Wendeltreppe hoch, rief dabei:
„Papa?“
Keine Antwort.
Die Stufen knarrten unter meinen Füßen, der Wind pfiff durch die Ritzen der alten Steine. Dann – oben angekommen – sah ich ihn.
Er stand mit dem Rücken zu mir, am Fenster. Starrte hinaus.
„Hey, Papa…“ sagte ich leise.
Er drehte sich erschrocken um. Sein Blick war leer, gedankenverloren, glasig.
„Oh… Lukas. Ich… ich wollte nicht einfach verschwinden, ich—“
„War es hier?“ unterbrach ich ihn.
Er sah mich einen Moment lang an – dann nickte er langsam.
Er hob seine Hand, legte sie an die kalte, moosbedeckte Fenstermauer.
„Genau hier…“ flüsterte er. „Hier habe ich ihn gestoßen.“
Ich ging zu ihm. Zögernd. Dann nahm ich ihn fest in den Arm.
Seine Schultern begannen zu zittern. Dann brach es aus ihm heraus – ein unterdrücktes Schluchzen.
„Ich… ich weiß nicht, wie ich das tun konnte… wie… wie ich es je für richtig halten konnte…“
Ich führte ihn sanft vom Fenster weg, setzte mich mit ihm auf eine alte Steinbank im Raum. Seine Augen waren feucht, sein Blick verloren.
Ich legte einen Arm um ihn, streichelte beruhigend über seinen Rücken.
„Es war falsch, ja… aber ich kenne dich. Du hattest deine Gründe. Du wolltest Mutter schützen. Dich selbst. Joffrey. Myrcella. Tommen. Mich…“ Ich sah ihn an. „Du wolltest nicht töten, du wolltest… retten.“
Er schüttelte den Kopf. „Es war trotzdem falsch…“
Ich schwieg. Und dann… umarmte ich ihn einfach.
„Bran hat dir verziehen. Er ist jetzt der Three-Eyed Raven. Vielleicht musste alles genau so geschehen.“
Er nickte – langsam, aber Tränen liefen ihm über die Wangen.
„Ich habe ein Kind fast getötet, Lukas… Ned Starks Sohn. Sansas Bruder. Und ich konnte es Ned nie sagen… konnte ihm nie zeigen, wer ich wirklich bin. Wie sehr ich mich geändert habe. Wie sehr ich es bereue.“
Ich nahm sein Gesicht in meine Hände, sah ihm fest in die Augen.
„Du bist mein Held, Papa. Seit ich denken kann. Du warst für mich da. Immer. Du hast so viel Gutes getan. Mehr als so viele Männer, die nie gefallen sind.“
Er zog mich fest an sich. Wir saßen lange so.
Dann stand ich auf, zog ihn sanft mit mir hoch.
„Komm. Die anderen warten.“
Er nickte. Aber auf dem Weg nach unten… flüsterte er immer wieder: „Ned… Ned hätte es verdient, das zu wissen…“
Ich wusste, dass es ihm auf der Seele brannte – schwerer als alles, was wir auf der Reise dabei hatten.
Und ich wusste: Irgendwann würden wir diesen Schmerz heilen müssen. Zusammen.
Die große Halle von Winterfell war erfüllt vom Murmeln der Stimmen, dem Klirren von Besteck und den flackernden Schatten des Kaminfeuers. Ich ging an den langen Tafeln vorbei, grüßte ein paar vertraute Gesichter, und sah ihn: Papa – wieder gefasst, ruhig, charmant wie immer. Niemand hätte erkannt, was in ihm vorging.
Aber ich. Ich erkannte es sofort. Ich sah es in seinem Blick, wie er sich manchmal kurz verlor, bevor er wieder in Gespräche einstieg. Er trug es mit Würde – aber er trug es.
Ich ging weiter und setzte mich zu Sansa, die mit Joren spielte. Er saß auf der Bank, in eine dicke Decke gewickelt, und hielt einen geschnitzten Mini-Wolf in der Hand.
Als ich mich setzte, rief er sofort:
„Lu!!“ Er strahlte. Seine kleinen Ärmchen streckten sich nach mir.
Ich grinste. „Hey, mein kleiner Wolf. Gefällt es dir hier?“
Er nickte eifrig. „Hier gibt’s Schnee und Burgen und ich hab’n Wolf!“
Ich lachte leise und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn.
Dann fragte er: „Wo is’ Papa?“
Ich nahm ihn auf den Arm. „Komm, wir bringen dich hin.“
Ich trug ihn durch die Halle, an den Wachen vorbei, bis zu Papa, der gerade mit Brienne über die nächsten Reiserouten sprach. Als er uns sah, leuchtete sein Gesicht auf.
„Na, mein starker Ritter?“ sagte er liebevoll und streckte die Arme aus. Joren stürzte sich lachend auf ihn, klammerte sich an seinen Hals, und Papa drückte ihn fest an sich.
Ich blieb einen Moment stehen. Man sah, wie viel es ihm bedeutete. Wie sehr ihn allein dieser kleine Moment linderte.
Ich ging zurück zu Sansa.
Sie sah mich sofort mit diesem Blick an – diesem einen, der mir zeigte, dass sie alles spürte.
„Was ist los mit ihm?“ flüsterte sie leise.
Ich beugte mich etwas näher. „Er war oben im Turm. Dem Turm. Von damals.“
Sansas Miene wurde weich. „Oh…“
Ich nickte. „Er hat gesagt, dass es genau dort war… dass er Bran gestoßen hat. Er ist zusammengebrochen, Sansa. Hat geweint.“
Sie senkte den Blick. „Ich hab’ ihm längst verziehen… wenn du willst, sage ich ihm das nochmal.“
„Er weiß es, glaub mir. Aber… er hat deinen Vater erwähnt. Immer wieder. Ned Stark. Wie sehr er ihn enttäuscht hat. Dass er sich nie erklären konnte.“
Sansa seufzte leise. „Mein Vater… hat ihn gehasst. Das weiß ich. Aber…“ Sie sah zum Fenster. „Wenn ich hier bin, Lukas… spreche ich mit ihm. Mit seiner Statue. In der Gruft. Ich glaube… ich fühle ihn dort. Ich bin ihm nah.“
Ich schluckte. „Meinst du… wir könnten… ihn dorthin bringen?“
Sie sah mich wieder an. „Wenn du glaubst, es hilft ihm. Dann ja. Aber ich denke… er traut sich nicht. Nicht alleine. Wir müssten… ihn ein bisschen locken.“
Ein leises Lächeln stahl sich auf meine Lippen. „Ich ahne, du hast einen Plan.“
Sansa grinste. „Nach dem Essen sagen wir, wir wollen spazieren. Ich sag’ einfach, dass mir kalt ist und wir lieber durch den Gang in den Götterhain gehen – der Weg führt unten durch. Er wird nicht merken, wohin wir wirklich wollen.“
Ich schüttelte den Kopf. „Ich liebe dich und deine Pläne.“
„Ich weiß.“ Wir lachten leise – dann küssten wir uns.
Das Essen verging wie im Flug. Und als wir aufstanden, fragte ich: „Papa, hast du Lust mit uns einen kleinen Spaziergang zu machen?“
Er sah auf. Überraschung huschte über sein Gesicht – dann ein ehrliches, warmes Lächeln.
„Ja klar. Sehr gerne.“
Er hatte keine Ahnung, wohin dieser Spaziergang ihn führen würde. Aber wir wussten, dass er ihn dorthin führen musste.
Wir verließen die große Halle gemeinsam. Papa ging neben mir, Sansa ein Stück voraus. Die Fackeln an den Wänden warfen lange Schatten, als wir durch die Steinflure liefen.
„Und… wo soll's hingehen?“, fragte Papa.
Ich grinste. „Sansa kennt hier die schönsten Ecken, wir lassen sie entscheiden.“
Sie sah über die Schulter zurück und sagte ganz selbstverständlich: „In den Götterhain natürlich. Aber… draußen ist es eisig, wir sollten untenrum gehen.“
Papa runzelte die Stirn. „Untenrum? Hört sich an, als wollt ihr mich irgendwohin verschleppen.“ Sein Ton war belustigt, aber ein wenig Misstrauen schwang mit.
Ich zuckte mit den Schultern. „Hast du Angst, alter Mann?“
„Pah“, er schnaubte gespielt entrüstet. „Ich hab’ Drachen überlebt. Ich werd wohl einen kleinen Ausflug unter die Erde überleben.“
Dann, nach einer kurzen Pause, sah er uns mit hochgezogener Braue an. „Oder… wollt ihr mir was sagen? Etwas Wichtiges? Vielleicht… dass ihr heiraten wollt?“
Sansa und ich starrten ihn einen Moment an – dann mussten wir lachen. Sofort.
„Oh Gott, nein!“, sagte Sansa.
„Also irgendwann… wenn es mal ruhig ist…“, murmelte ich grinsend. „Aber jetzt? Bestimmt nicht.“
„Schade eigentlich“, sagte Papa ganz leise. Dann lachte er, aber ich sah es. Irgendwie meinte er es doch ernst.
Wir gingen weiter, durch den langen Seitengang, in dem die Luft langsam wärmer wurde. Es war fast wie ein geheimer Pfad – von draußen abgeschottet, in Stein gehauen, alt.
„Was ist das hier?“, fragte Papa schließlich, als wir tiefer hineinkamen. Seine Stimme hallte leicht.
„Die Gruft von Winterfell“, sagte Sansa ruhig. „Hier ruhen die alten Starks. Unsere Ahnen. Väter. Mütter. Brüder.“
Links und rechts tauchten die Schatten der steinernen Statuen auf. Sie blickten schweigend auf uns herab. Ihre Schwerter in den Händen, kalte Augen aus Stein.
Papa ging langsam. Ganz langsam. Dann – plötzlich – blieb er stehen. Stockte.
Seine Schultern hoben sich, als würde ihm die Luft fehlen.
Sansa und ich hielten auch an, ein paar Schritte hinter ihm. Ich sah ihn an – sein Rücken war leicht gekrümmt. Seine Hand hing zitternd an der Seite.
Ich trat näher, sagte leise: „Hey…“
Ich nahm seine Hand. Sie war kalt. Ich legte meine darüber, fuhr mit dem Daumen sacht über seinen Handrücken.
Er flüsterte: „Hier ist es also…“
Sansa kam langsam zu uns, ihre Stimme sanft. „Das ist das Grab meines Vaters. Ned Stark.“
Er hob den Blick. Vor ihm: die Statue eines Mannes mit strengem Gesicht, dem Schwert über den Knien. Der Blick geradeaus. Ruhig. Stark.
Sansa sprach weiter. „Ich komme oft hierher. Ich rede mit ihm. Manchmal… hilft es. Ich weiß, dass du mit dir kämpfst. Aber… ich habe dir verziehen. Alles. Und ich glaube, dass er es auch tun würde. Er sieht dich. Wo auch immer er jetzt ist. Und ich denke… er kennt die Wahrheit längst.“
Papa sagte nichts. Ich sah sein Gesicht, wie angespannt es war, wie sein Kiefer zitterte. Ich trat näher an ihn heran.
„Papa… rede mit ihm“, flüsterte ich. „Sag ihm, was du fühlst. Alles, was du nie sagen konntest. Du trägst das so lange mit dir rum. Vielleicht… ist jetzt der Moment.“
Er sah mich an. Sein Blick war voller Tränen. Dann nickte er ganz langsam – und trat vor.
Allein, vor der Statue von Ned Stark.
Wir traten langsam zurück, leise, um ihn nicht zu stören. Sansa flüsterte mir zu, dass der Weg zum Götterhain gleich dort hinten entlangführte, und ich nickte. „Wir warten dort“, sagte ich leise zu Papa. Er nickte kaum merklich, den Blick nicht von der Statue abgewandt.
Sansa und ich gingen die Treppe hinunter, setzten uns auf die unterste Stufe. Von dort sahen wir ihn – allein vor der Statue, inmitten der uralten Schatten, die das flackernde Fackellicht an die Steinwände warf. Er stand still. Nur sein Atem war zu hören, schwer, zittrig.
Dann hob er den Kopf, sah zu Neds steinernem Gesicht.
„Hallo, Ned…“, begann er leise. „Ich weiß nicht, ob du mich hörst. Vielleicht wäre es besser, wenn du es nicht tust. Aber falls doch… ich will dir etwas sagen.“
Seine Stimme zitterte leicht, aber sie wurde fester.
„Ich war es. Ich war derjenige, der Bran aus dem Turm gestoßen hat. Ich hab es getan, um Cersei zu schützen. Um… uns zu schützen. Und ich weiß – du hättest mich getötet, wenn du es erfahren hättest. Ich hätte dich verstanden. Ich verstehe es immer noch.“
Er atmete schwer aus, stützte sich kurz am Sockel der Statue ab.
„Es tut mir leid… für Bran. Für dich. Für Robb. Für Catelyn. Für alles, was euch widerfahren ist. Und ich weiß, ich habe meine Strafe bekommen. Locke hat mir die Hand genommen. Ich dachte damals, das wäre das Ende von mir. Vielleicht… war es auch das, was ich verdient hatte. Aber jetzt… jetzt funktioniert sie wieder, auch wenn sie aus Gold ist. Und jedes Mal, wenn ich sie ansehe, erinnert sie mich daran, was ich war – und was ich nie wieder sein will.“
Er sah kurz nach unten, dann wieder zu Neds Statue.
„Ich habe versucht, ein besserer Mensch zu werden. Vielleicht zu spät. Aber ich hab’s versucht. Ich hab Lukas gerettet – Sansas Lukas – vor Cersei, als sie ihn töten lassen wollte, im Red Keep weil er mich, obwohl er da nicht wusste dass ich sein Vater bin, mehr geliebt hat als sie. Ich hab ihm die Wahrheit gesagt, wer ich bin. Und er…“ Seine Stimme brach kurz. „Er hat mich angenommen. Einfach so. Ohne Zorn, ohne Scham. Er hat mich gesehen, Ned. Und ich hab’ zum ersten Mal das Gefühl gehabt, dass ich jemand sein kann, auf den man stolz sein darf.“
Er schluckte, und seine Hand ballte sich kurz zur Faust.
„Er hat so viel durchgemacht. Ramsay Bolton hat ihm auf Pyke die Hand abgetrennt – wie Locke mir damals. Und als ich das erfahren habe, ihn gesehen habe meinen kleinen Jungen wie er dasselbe Schicksal erleidet wie ich… dachte ich, das ist immer noch meine Strafe und meine Schuld. Dafür, dass ich dich betrogen habe. Dafür, dass ich dein Kind für sein Leben verkrüppelt habe. Dafür, dass ich zugesehen hab, wie alles zerfällt.“
Er trat einen Schritt näher zur Statue.
„Ich hab dich immer respektiert, Ned. Auch wenn ich’s nie gezeigt hab. Ich hab gesehen, was du für deine Kinder warst – und ich will das jetzt auch sein. Für Lukas. Für Joren.“
Sein Blick wurde weich.
„Ich hab Cersei getötet. Weil sie Marlis getötet hat. Und Lukas… er hat die Schuld auf sich genommen, damit ich weiterleben kann. Jetzt halten ihn alle für denselben Mann wie mich, obwohl er das nicht ist. Aber er… er hat mich gerettet, Ned. So, wie ich ihn einst gerettet hab und er tut es jeden einzelnen Tag, in dem er einfach nur da ist. Und das bricht mir das Herz, weil die Welt nie verstehen wird, wer er wirklich ist.“
Er legte die Hand auf das kalte Steinbein der Statue.
„Ich liebe Brienne. Und ich hab noch einen Sohn mit ihr bekommen, Joren. Er ist mit Lukas, das Beste, was mir je passiert ist. Ich will ihn beschützen. Ich will, dass er nie so werden muss wie ich. Nie so gebrochen.“
Dann atmete er tief durch, ein zittriges, schweres Atmen, das den Raum füllte.
„Sansa… sie hat mir verziehen. Und sie ist mit Lukas zusammen. Sie sind das Schönste, was ich kenne. Sie verdienen alles Glück dieser Welt. Ich hoffe, ich lebe lang genug, um zu sehen, wie sie heiraten… und ihre Kinder haben. Ich würd’s lieben, Ned. Ich würd’s wirklich lieben.“
Er senkte den Kopf. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Ich weiß, ich kann nichts rückgängig machen. Aber ich hoffe… dass du mir irgendwann verzeihst. Nicht für das, was ich war, sondern für das, was ich jetzt versuche zu sein.“
Einen Moment lang war nur Stille. Dann – ein leises Rascheln. Eine der Fackeln an der Wand flackerte, als würde sie im Wind tanzen – doch kein Luftzug war da. Ein kleiner Schneehauch fiel durch die Ritze über der Gruft, glitt langsam herab, direkt auf die Statue, und blieb auf Neds steinernem Schwert liegen.
Papa sah es. Und lächelte schwach.
Als Papa zu uns zurückkam, wirkte er… anders. Etwas in seiner Haltung war weicher geworden. Die Schultern nicht mehr so schwer, der Blick nicht mehr so leer. Sansa sah es auch.
Sie stand auf und nahm sanft seine Hand. „Hat es dir geholfen?“ fragte sie leise.
Er nickte, schloss kurz die Augen und sagte dann: „Ich glaube… ja. Ich fühl mich leichter. Nicht ganz frei, aber… befreit.“ Ich erkannte es sofort in seinem Blick – da war nicht mehr dieser dunkle Schatten, der ihn noch gestern begleitet hatte.
Dann grinste er ein wenig und sah zwischen uns hin und her: „Also… wollt ihr jetzt wirklich noch spazieren gehen oder war das alles nur ein Trick, um mich hier runterzulocken?“
Ich musste lachen. „Also ehrlich gesagt… schon irgendwie beides.“ Sansa schmunzelte und zuckte mit den Schultern. „Hat ja funktioniert.“
Er schüttelte lachend den Kopf. „Ihr seid unmöglich.“
Dann machten wir uns auf den Weg zum Götterhain. Wir gingen still, nicht weil wir nichts zu sagen hatten – sondern weil es dieser Ort einfach mit sich brachte. Als wir den Götterhain erreichten, war alles in goldenes Abendlicht getaucht. Der Schnee glitzerte auf den Ästen, das rote Herzbaumgesicht blickte still auf den kleinen Teich in der Mitte.
Wir setzten uns direkt an den Baum, ganz nah beieinander. Der Atem von uns allen war weiß und leicht in der Luft.
Ich sah von Sansa zu Papa – und dann sagte ich: „Ich liebe euch beide so sehr. Ich wüsste wirklich nicht, wo ich ohne euch wäre.“
Sansa nahm meine Hand, sah mich an, ernst und sanft zugleich. „Du wärst irgendwo ganz oben“, sagte sie. „Aber du wärst nicht du. Und ich wäre nicht ich.“ Dann küsste sie mich auf die Wange und lehnte sich an meine Schulter.
Papa legte eine Hand auf meinen Rücken, klopfte einmal sanft. „Ich bin so stolz auf dich, Lukas. Und… ich liebe euch auch. Mehr als ich jemals in Worte fassen kann.“
Ein paar Sekunden vergingen, ohne dass jemand sprach. Nur der leichte Wind raschelte durch die Blätter.
Dann schielte ich zu Papa rüber. „Also wenn du jetzt noch anfängst zu dichten, dreh ich durch.“
Er grinste. „Was? Ich bin ein Lannister – wir sind für vieles bekannt. Schönheit, Schwerter, und… schreckliche Lyrik.“
„Achso? Willst du sagen, du warst der Barde in Casterly Rock?“
„Nein, aber ich war der Einzige, der die Barden vom Dach werfen durfte.“
Sansa prustete los vor Lachen. Ich auch. Dann stichelte ich weiter. „Du meinst, so wie du früher Leute aus Türmen geschubst hast?“
Er riss gespielt empört die Augen auf. „Unverschämtheit! Das war einmal, ich bin jetzt geläutert.“
Ich lachte. „Schon klar, alter Mann.“
„Pass auf, Bürschchen“, sagte er, zog mich halb zu sich rüber und wuschelte mir durch die Haare, während ich versuchte zu entkommen. „Ich hatte die goldene Hand als Erster, ich kann sie dir abnehmen lassen.“
„Frechheit! Ich verklag dich!“
„Mit welchem Anwalt? Tyrion? Viel Glück.“
Wir lachten alle. Und es fühlte sich an wie Familie. Wie Zuhause. Es war leicht. Endlich mal wieder leicht.
Sansa lehnte sich an uns beide, der Sonnenuntergang spiegelte sich auf der Oberfläche des Teiches. Papa wirkte… glücklich. Vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit.
Dann, mit der einbrechenden Dunkelheit, begann es zu schneien. Erst nur ein paar sanfte Flocken. Dann wurde es mehr. Ein leichter Schneesturm zog auf – nicht bedrohlich, sondern einfach winterlich, wie ein freundlicher Wind, der uns erinnerte: Es ist Zeit.
Wir standen lachend auf und liefen gemeinsam zurück, der Wind in unseren Haaren, der Schnee auf den Schultern.
Durch die Gruft ging es zurück nach innen, der warme Stein unter unseren Füßen, die Fackeln warfen tanzende Schatten.
Oben angekommen, traten wir in die große Stube. Dort saßen bereits Cengiz, Erik und Lennard an einem Tisch, eine halbleere Flasche vor sich, das Feuer prasselte im Kamin.
„Na, ihr Verlorenen im Schneesturm“, rief Erik grinsend. „Sucht ihr Unterschlupf oder einfach nur Gesellschaft?“
Ich grinste, trat näher. „Beides. Und vielleicht ein warmes Getränk.“
Papa schloss leise die Tür hinter uns. Er sah zu mir – und ich wusste: Heute Nacht würde er gut schlafen. Vielleicht sogar träumen. Von Frieden.
Ein Schwur am Feuer
„Ich hol uns was zu essen“, sagte Sansa irgendwann und stand auf, während draußen der Schneesturm weiter an die Fenster peitschte. „Ich helf dir“, sagte Papa sofort und erhob sich mit ihr.
Ich nickte beiden zu, lächelte. Sansa warf mir noch einen kurzen, warmen Blick zu, dann verschwanden die beiden durch den Seitengang zur Küche.
„Sansa?“, begann Papa leise. Sie drehte sich zu ihm. „Ja?“
Er zögerte einen Moment, dann blieb er stehen, der Gang nur schwach beleuchtet vom Licht aus der Küche. „Ich wollte dir… einfach nochmal danke sagen. Nicht nur für heute, sondern… für alles.“ Er blickte sie ehrlich und weich an. „Dass du mir verziehen hast – das bedeutet mir mehr, als ich in Worte fassen kann. Und… dass du bei Lukas bist… Sansa, du bist eine wundervolle Frau. Ich hätte mir für meinen kleinen Buben niemand Besseres wünschen können als dich, ehrlich.“
Sansa war einen Moment lang gerührt und sah ihn still an. Dann lächelte sie sanft. „Früher… hab ich dich gehasst. Ich dachte, du wärst kalt, grausam, wie der Schatten deiner Schwester. Aber ich hab dich nie gekannt. Und was ich heute sehe, ist jemand, der kämpft, liebt, sich verändert hat – und Vater ist. Ich sage dir das ehrlich und du musst mir glauben, okay?“ Papa nickte. „Ich habe Lukas in wahrscheinlich jeder mentalen Situation gesehen und die einzige Konstante, auf die er bauen konnte und die er immer hatte, warst du. Das meine ich ehrlich. Er liebt mich aus ganzem Herzen, das weiß ich und ich liebe ihn auch mehr als alles auf der Welt. Aber du… ihr zwei… ich habe noch nie etwas gesehen was so rein war und sich so gut ergänzt wie ihr beide euch.“ Sie hielt inne. „Vertrau mir bitte. Du weißt wer mein Vater war und was für ein guter Vater er war.“
Tränen sammelten sich in ihren Augen, aber sie sprach weiter. „Du bist es auch. Deine zwei Jungs sind perfekt. Joren ist so süß, der süßeste kleine Junge, den ich, seit Rickon gesehen habe. Und Lukas… Ich hab noch nie jemanden so geliebt. Wirklich. Ich hoffe, dass wir eines Tages heiraten. Kinder haben. Ich hoffe, ich darf an seiner Seite bleiben und dass du für sie da bist als ihr Großvater.“
Papa lächelte sie warm an. „Das wirst du. Und wenn nicht…“, er schmunzelte, „…zieh ich in den Krieg. Niemand tut meinem Buben weh.“ Beide lachten, und die Spannung, die den Tag begleitet hatte, war wie weggewaschen.
Ich saß mit Cengiz, Erik und Lennard am Feuer. Die Stimmung war leicht, fast ausgelassen.
„Also ehrlich, wenn ich heute Nacht wieder so schnarche wie letzte Woche in Moat Cailin, dann bitte ersticken, ja?“, sagte Erik und warf ein Stück Brot nach mir. „Erik, du klangst wie ein verfluchter Riese, der Steine frisst“, sagte Lennard trocken. „Nein, falsch“, warf Cengiz ein. „Eher wie ein betrunkener Drache, der versucht zu pfeifen.“
Ich lachte laut, lehnte mich zurück. „Götter, ich liebe euch. Ihr seid meine besten Freunde. Ehrlich.“
Alle drei sahen mich an, kurz ernst. Dann nickte Lennard. „Du bist unser Bruder, Lukas. Immer.“ Erik hob seinen Becher. „Durch Feuer, Blut und Schnee.“ Cengiz grinste. „Lannister, Baratheon, Stark… Martell… vielleicht sogar Targaryen… wer weiß.“
Ich hob auch meinen Becher. „Ganz egal. Wir vereinen unsere Kraft. Und wir schwören, in jeder Schlacht aufeinander aufzupassen.“
„Abgemacht“, sagten sie gleichzeitig. Dann hielten wir die Becher aneinander, das Klirren hallte in der Stube nach.
„Und wenn einer fällt, holen wir ihn zurück“, sagte Cengiz leise. „Oder rächen ihn“, murmelte Lennard.
Ich sah in die Runde, voller Dankbarkeit. „Wir machen die Welt besser. Gemeinsam.“
In dem Moment öffnete sich leise die Tür – Sansa und Papa kamen zurück, ein paar Teller mit Käse, Brot und getrocknetem Fleisch in den Händen, sowie eine große Kanne warmen Weins.
„Habt ihr die Welt gerettet, oder nur wieder irgendwelche Schwüre geschworen?“, fragte Papa mit schiefem Lächeln.
„Beides“, antwortete ich und grinste. Dann rückten wir zusammen, tranken, aßen – und ließen die Nacht einfach sein, wie sie war: still, warm, und für einen Moment voller Frieden.
Die Nacht wird länger. Der Wein wärmer. Und mein Lachen lauter.
Ich sitze noch mit Erik, Lennard und Papa zusammen, längst ist das Feuer heruntergebrannt, und unsere Zungen sind schwer geworden. „Ich schwöre bei allen alten Göttern“, lallt Lennard, „dieser Stuhl bewegt sich.“ „Das liegt an deinem Hintern, nicht an Magie“, kontert Erik und fällt halb vom Hocker. Ich lache Tränen. Papa schüttelt den Kopf, aber er lacht mit.
Es ist… friedlich. Es ist… schön.
Irgendwann schlafen Lennard und Erik betrunken nebeneinander auf dem Sofa ein, die Mäntel halb über sich gezogen, die Münder offen, die Gedanken irgendwo in anderen Welten. Ich will gerade aufstehen, um noch… irgendwas zu tun – keine Ahnung was –, aber als ich wanke, zieht mich die Welt plötzlich seitlich weg. „Whoa–“
In der nächsten Sekunde bin ich in Papas Armen. „Hey, hey, langsam“, sagt er ruhig. „Ich kann noch laufen…“ „Du läufst gerade rückwärts gegen den Kamin, Lukas.“ Ich kichere. Und dann – wird mir plötzlich richtig übel.
„Oh Götter–“ Bevor ich es schaffe, mich wegzudrehen, übergebe ich mich halb an seiner Schulter.
„Scheiße…“ murmele ich sofort, schuldbewusst, das Gesicht vergraben. „Es tut mir leid… so leid…“
Aber er trägt mich einfach ruhig weiter, ohne einen einzigen Vorwurf. „Lukas“, sagt er leise, „es ist nur ein bisschen Wein. Mach dir keinen Kopf. Ich hab dich schon mit schlimmerem Blut bedeckt gesehen.“
Er bringt mich auf ein Gästezimmer in Winterfell, legt mich vorsichtig auf ein Bett, zieht mir vorsichtig die Schuhe aus, deckt mich zu. Ich bin etwas klarer jetzt. Mein Magen rebelliert nicht mehr ganz so schlimm.
Er setzt sich an die Bettkante, bleibt einfach da. Ich sehe ihn an. „Wieso… willst du nicht, dass Sansa mich so sieht?“
Er schweigt einen Moment. Dann setzt er sich näher. Sein Blick wird weich. „Weil mir das früher mal passiert ist…“ Er wirkt nachdenklich. „Bei Cersei. Ich war… kaputt. Hab mich betrunken. Sie hat mich angesehen, als wär ich ein Wrack. Und in dem Moment hab ich gespürt… dass da nichts mehr zu retten war. Und ich weiß, Sansa ist ganz anders. Ich seh das. Aber ich will nicht, dass sie sich Sorgen macht. Du bedeutest ihr alles.“
Ich lege meine Hand auf seine Schulter. Er sieht mich an.
„Ich hab dich wirklich lieb, Papa.“ Meine Stimme ist ehrlich, leise, warm.
Er lächelt. Nicht nur mit dem Mund, sondern mit den Augen. „Ich weiß. Ich hab dich auch lieb, Bube.“ Er streicht mir eine Strähne aus der Stirn. „Jetzt schlaf. Ich bleib hier, bis du aufwachst. Und morgen… machen wir den letzten Plan mit allen. Dann ziehen wir los.“
Ich nicke langsam, blinzele. Der Raum verschwimmt leicht. Aber ich weiß, dass er bleibt. Ich weiß, dass ich sicher bin.
Und so schlafe ich ein – mit einem warmen Gefühl in der Brust, seiner Nähe im Rücken und dem Wissen, dass ich nicht allein bin.
Ich öffne die Augen langsam. Mein Kopf pocht ein wenig, mein Hals ist trocken, mein Körper fühlt sich an wie von einem Ochsenkarren überrollt. Neben mir liegt Papa, auf dem Rücken, die Hände verschränkt hinter dem Kopf, den Blick zur Decke.
„Na, wach?“, fragt er grinsend. Ich knurre nur. „Du siehst aus wie eine Leiche.“ Ich rolle mich stöhnend auf die Seite. „Fühlt sich auch so an.“
Wir lachen beide, und er klopft mir auf den Rücken. „Komm, Held. Frühstück wartet.“
Im großen Saal riecht es nach warmer Brotsuppe, geräuchertem Fleisch und süßem Gebäck. Ich lasse mich neben Sansa nieder.
Sie sieht mich, zieht die Augenbrauen hoch – und fängt sofort an zu lachen. „Na, hast du ein bisschen zu viel Wein getrunken, mein Lord?“ Ich lache mit. „Ich wollte dich nicht belästigen, ich war echt voll.“ „Hat dein Vater mir schon gesagt“, grinst sie. „Aber ich find’s süß. Trotzdem…“ Sie wird kurz ernst, liebevoll. „Du musst aufpassen, Lukas. Wenn du so betrunken bist, schau dass immer jemand bei dir ist. Versprich mir das.“
Ich richte mich dramatisch auf. „Bei den alten und den neuen Göttern, den sieben Königen und allen Drachen, die es je in Westeros gab… Ich, Lukas Lannister, gelobe dir feierlich: Ich werde auf mich aufpassen. Und zu dir zurückkehren.“
Sie lacht wieder, nimmt mein Gesicht in ihre Hände und gibt mir einen Kuss. „Idiot.“ „Dein Idiot.“ „Immer.“
Nach dem Frühstück versammeln wir uns im Saal vor der großen Karte von Westeros. Die Stimmung ist konzentriert, aber ruhig. Papa übernimmt das Kommando, wie immer mit diesem unaufgeregten Tonfall, in dem sich Ruhe und Entschlossenheit mischen.
„Also. Jorah, Kevin, Rina – ihr geht zur Bäreninsel. Kevin, zeig ihr, wo du aufgewachsen bist. Und Jorah – sieh nach dem Rechten.“ Die drei nicken.
„Sansa, Brienne, Bronn – ihr bleibt in Winterfell. Passt auf euch auf. Und auf Joren.“ Sansa lächelt, Brienne nickt still. Bronn murmelt etwas von „wird ja immer besser hier oben im Norden“.
„Ich gehe zur Wall – gemeinsam mit Lukas, Tyrion, Cengiz, Lennard, Erik, Paul, Dickon, Rodrik und Lewyn.“ Sein Blick wandert einmal über jeden von uns. „Wir klären, was geklärt werden muss. Und dann kommen wir alle zurück.“
Als ich auf dem Gang bin, laufe ich Bronn über den Weg. „Wieso kommst du nicht mit zur Wall?“ Er zieht die Augenbraue hoch. „Junge, hier ist es mir schon zu kalt. Die Wall ist kein Ort für einen wie mich. Außerdem hab ich mein ganzes Leben lang versucht, nicht zu erfrieren.“ Ich lache laut auf.
In dem Moment taucht Sansa auf – Joren auf dem Arm, der glucksend zu uns rüberschaut. „Ich finde es ehrlich gesagt angenehm, wenn Bronn hier ist“, sagt sie mit einem kleinen Lächeln. „Mit Brienne passt du super auf uns auf.“ „Bronn!!“ ruft Joren begeistert – oder besser gesagt: „Bwon!! Bwon! Hihi!“ Sansa und ich lachen.
Bronn schüttelt grinsend den Kopf. „Aber ich bin nicht verpflichtet, Babysitter zu spielen.“ „Sag das ihm.“ „Bwon!!!“, ruft Joren wieder und klatscht in die Hände.
„Weißt du“, sagt Bronn an Joren gewandt, „dein Papa und dein Bruder sind echte Dickköpfe. Beide können beim Kartenspielen nicht verlieren und müssen deswegen immer beschummeln, um zu gewinnen oder Ausreden finden wieso sie verloren haben. Wollen wir mal sehen, ob du genauso geworden bist wie die Zwei.“ „Hihihiii!!“ Joren quietscht vor Lachen, während ich den Kopf schüttele. „Keine Sorge, er kommt nach uns,“ sagte ich lachend. „Na klasse, das wird ein Spaß.“
Ich verabschiedete mich herzlich von Bronn der schon mit Joren spielte.
Zwei Stunden später. Wir sitzen auf unseren Pferden.
Die Sonne steht blass über dem Horizont. Die Rüstungen glänzen gedämpft im kühlen Licht, die Schwerter sind geschärft.
Papa reitet neben mir. Tyrion richtet seine Kapuze. Cengiz nickt mir zu, Erik lacht leise mit Lennard, Paul überprüft seinen Sattel. Lewyn, Rodrik, Dickon – alle bereit.
Ich sehe ein letztes Mal zurück zu Winterfell. Sansa steht mit Brienne, Bronn und Joren im Hof. Joren winkt mit beiden Händen. „Biiiitte aufpasseeeen!!!“ ruft er laut. Ich nicke. „Versprochen.“
Dann hebt Papa den Arm. „Los!“
Und wir reiten – Richtung Wall. Richtung Norden. Richtung Wahrheit.
Ankunft an der Mauer
Die Luft wird kälter mit jedem Meilenstein, den wir hinter uns lassen. Der Himmel ist offen, wolkenlos, ein stahlblaues Dach über weißer, harter Erde. Unser Zug bewegt sich stetig voran. Pferde dampfen, Metall klappert, Fellmäntel rascheln im Wind.
Ich reite neben Cengiz, der seinen Blick auf die ferne weiße Linie am Horizont richtet. Die Wall. „Aufgeregt?“, frage ich. Er grinst, verschränkt die Arme vor der Brust. „Ich? Bitte. Ich bin ein Martell. Und vielleicht ein Targaryen. Wir fürchten keine Kälte.“ Ich ziehe eine Braue hoch. „Ah ja? Und warum hast du heute Morgen geflucht wie ein alter Händler aus Volantis, als du in deinen kalten Sattel gestiegen bist?“ „Das war kulturell bedingte Wärmeverteidigung!“
Ich lache. „Schon klar, Khaleesi.“ Er schaut mich an. „Pass auf, Lannister. Ich verbrenne dich. Feuer und Blut.“ „Und ich bezahle dich danach für die Asche. Gold und Zinsen.“ Wir lachen beide laut.
Tyrion, der uns hört, murmelt: „Die Targaryens hatten Drachen, die Lannisters hatten Gold. Jetzt haben wir euch zwei Clowns.“ „Ein Gewinn fürs Reich“, sagt Cengiz und verneigt sich übertrieben auf seinem Pferd. „Ein Sicherheitsrisiko“, murmelt Lewyn von hinten.
Später reite ich ein Stück weiter vor zu Dickon. „Hey, sag mal… ist dein Bruder eigentlich noch an der Wall?“ Er überlegt kurz. „Samwell? Hoffentlich. Er ist nicht der Typ, der einfach abhaut. Wenn er noch lebt, dann ist er da oben. Ich würde ihn gerne wiedersehen.“ Ich nicke. „Das wäre schön. Vielleicht bekommt ihr ein Wiedersehen ohne Schläge dieses Mal.“ Er grinst schief. „Keine Versprechungen.“
Die Stunden ziehen sich. Wir kommen durch dünn bewaldete Abschnitte, überqueren vereiste Furten und schmale Holzbrücken. Paul erzählt von einem Traum, in dem er auf einem Riesen geritten ist. Lewyn murmelt, dass das sogar mal passiert sein könnte – in alten Zeiten.
Cengiz will Dickon davon überzeugen, dass Dracheneier in kaltem Wasser besser schlüpfen würden. Dickon glaubt ihm fast. Erik verliert fast seinen Handschuh in einen gefrorenen Bach. Lennard wirft ihm einen neuen zu und meint: „Ich wusste, dass du ihn wieder versaust.“ Rodrik erzählt zum zwanzigsten Mal eine Geschichte über eine Bärin und einen Nachtwächter, keiner weiß ob’s wahr ist. Und irgendwann – ist sie da.
Als es dämmert, taucht sie am Horizont auf. Die Wall. Wie eine Festung aus gefrorenem Atem. Wie ein uralter Riese aus Eis, der sich in den Himmel streckt.
Wir alle verstummen. Selbst die Pferde wirken kleiner, stiller.
Tyrion pfeift leise. „Sieht aus wie beim letzten Mal. Nur... größer.“ Ich schüttle den Kopf. „Wie groß ist sie wirklich?“ „Über 200 Meter. Vielleicht mehr. Ich hab mal von ganz oben runtergepinkelt. Ich schwöre dir – es hat mindestens eine Minute gedauert, bis es unten aufkam.“
Ich schaue ihn ungläubig an. „Onkel...“ „Was denn? Ich wollte es wissen.“ Cengiz schnaubt. „Wissenschaftlicher Beweis. Im Dienste des Fortschritts.“ „Ich nenne es: Die Goldene Dusche des Nordens“, sagt Tyrion und wir brechen alle in Gelächter aus.
Als wir näher kommen, sehen wir das schwarze Tor am Fuß der Wall. Davor stehen Männer in dunklen Mänteln, schwarze Rüstungen, ernste Gesichter. Die Night’s Watch.
Sie beobachten uns ruhig, aber mit erhobenen Lanzen. Einer tritt vor. „Wer kommt?“
Papa reitet ein Stück vor. „Ser Jaime Lannister. Wir suchen Einlass.“ Einige in der Wache blicken sich an. Einer von ihnen flüstert dem anderen etwas zu.
Ich sitze aufrecht in meinem Sattel. Die Wall ragt vor uns auf. Eis. Geschichte. Wahrheit.
Die Wachen sahen uns an, als wären wir Geister. Die Speere in ihren Händen standen fest wie gefrorene Bäume, der kalte Wind trieb dunkle Schleier um ihre Schultern. Einer trat vor. „Was wollt ihr hier?“
Papa wollte gerade antworten, da kam Tyrion neben ihn geritten. „Wir suchen Jon Snow, den Lord Commander. Es geht um... alte Dinge.“ Seine Stimme war ruhig, sein Blick fest.
Die Männer tauschten Blicke. Einer von ihnen trat einen halben Schritt vor. „Lord Snow wurde seit Monden nicht mehr gesehen. Er ist nicht hier.“ Stille legte sich über uns.
Dickon trieb sein Pferd vor. „Was ist mit Samwell Tarly? Ist er hier?“ Der Hauptmann runzelte die Stirn. „Sam Tarly? Doch... der ist hier.“
Dickon hob seine Stimme. „Ich bin sein Bruder. Ich... ich muss mit ihm reden.“ Eine Sekunde lang schien sich nichts zu rühren – dann gab der Hauptmann das Zeichen. „Tor auf!“
Die schwarzen Eiswände öffneten sich knirschend. Wir führten unsere Pferde durch den dunklen Gang unter der Wall hindurch, banden sie an den eisernen Pfosten am Ende fest – und traten dann in den Aufzug.
Der Aufstieg war still. Nur das Klirren von Metall und das Knarzen der alten Seile begleitete uns. Der Wind wurde stärker, je höher wir kamen – und als ich nach vorne trat, den Blick über das Land schweifen ließ, stockte mir der Atem.
Eine weiße Weite lag vor uns, endlos, kalt, rein. Der Himmel war so klar, dass man fast den Rand der Welt sehen konnte.
Cengiz trat neben mich. „Wenn ich jetzt springe… meinst du, ich fliege oder friere zuerst?“ „Du frierst, mein Prinz. In Schönheit.“ Er grinste, aber seine Augen waren wachsam.
Als wir ganz oben ankamen, warteten schon Männer der Nachtwache auf uns. Sie führten uns durch Gänge aus schwarzem Stein, an knisternden Feuerstellen vorbei – bis sich vor uns eine Tür öffnete.
Drinnen: ein großer Raum, einfach, aber sauber. Und in der Mitte: Samwell Tarly.
Dickon stürmte sofort los. „Sam!“ Sein Bruder drehte sich um – und kaum hatte er ihn gesehen, da ließ er alles fallen, was er in der Hand hielt, und rannte auf ihn zu.
Die beiden fielen sich in die Arme. Ich sah, wie Dickon die Augen schloss und ihn fest an sich drückte. „Ich hab dich vermisst“, sagte er. Sam lachte, ein Ton, der wie warmer Honig in dem kalten Raum wirkte. „Ich dich auch. Ich dachte… du wärst vielleicht…“ „Ich bin hier“, sagte Dickon. „Und du bist hier. Das zählt.“
Sie lösten sich, Sam blickte uns an. „Wer seid ihr alle?“
Dickon deutete auf uns. „Das ist Lukas. Das ist Jaime Lannister, sein Vater. Tyrion kennt ihr ja. Das sind Erik Stark, Paul Lannister, Rodrik Forrester, Lewyn Ortengryn, Lennard Baratheon, Cengiz Martell… oder Targaryen… vielleicht beides, wir wissen’s noch nicht.“
Sam hob die Braue. „Targaryen?“
Dickon nickte. „Deshalb sind wir hier. Es geht um Träume. Cengiz hat Visionen von Daenerys Targaryen. Nach einem Kampf mit seinem alten Schwert – Zireael – hat sich seine Haarfarbe verändert. Weiß. Er sieht sie. Und wir glauben… wir glauben, dass Jon Snow uns helfen kann.“
Sam sah uns lange an. Er wirkte blass. „Daenerys... Jon...“ Er drehte sich um. „Dann habt ihr einen weiten Weg gemacht... um vielleicht eine Wahrheit zu finden, die niemand hören will.“
Ich trat nach vorne. „Aber wir müssen sie hören.“
Sam trat näher ans Feuer. Die Flammen warfen zuckende Schatten auf sein Gesicht, während draußen der Wind gegen die Mauer peitschte. „Jon… ist nicht mehr hier“, begann er. Seine Stimme war leise, fast zögerlich. „Nachdem Daenerys verschwand, hat er das Kommando abgegeben. Er… er ist mit den Wildlingen gegangen. Er sagte, er gehört nicht mehr hierher. Dass es Zeit sei, zu verschwinden.“
„Wohin?“, fragte ich.
Sam schüttelte den Kopf. „Niemand weiß es. Er wollte keinen Spuren hinterlassen. Ich war der Letzte, dem er etwas gesagt hat. Und das war: 'Kümmere dich um die Mauer. Ich kann das nicht mehr.'“ Sein Blick senkte sich. „Er war nicht aufzuhalten.“
Wir tauschten Blicke. Ich sah Papa an, dann Cengiz, Erik, Lennard – alle schwiegen.
„Können wir ihn suchen?“, fragte Tyrion schließlich. Seine Stimme war ruhig, aber in seinen Augen brannte der alte Hunger nach Antworten.
Sam zögerte. Dann sagte er mit belegter Stimme: „Vielleicht. Aber ihr müsst wissen… es ist nicht mehr wie früher dort draußen.“
Er trat ans Fenster, blickte hinaus. „In letzter Zeit… wurden Berichte laut. Sichtungen. Bewegungen. Und Kälte, die nicht erklärt werden kann.“
Ich runzelte die Stirn. „Du meinst…?“
Sam nickte. „White Walker. Und nicht nur einer.“ Sein Blick wanderte von Gesicht zu Gesicht. „Ich weiß, wie es klingt. Märchen. Träume. Doch ich habe sie gesehen. Und andere auch.“ Er atmete tief ein. „Sie kehren zurück.“
Mir wurde kalt. Nicht wegen des Winds.
„Und Jon ist da draußen?“, fragte ich. „Allein?“
„Vielleicht mit Wildlingen. Vielleicht ganz allein. Ich weiß es nicht.“
Dickon trat vor. „Bitte, Sam. Es ist wichtig. Wir brauchen ihn. Es geht um mehr als nur unsere Träume. Es geht um das, was kommt. Um das, was sie planen. Die Sieben Königreiche müssen wissen, was sich im Norden zusammenbraut.“
„Und du musst nicht allein sein“, fügte er leise hinzu. „Ich bin bei dir. Und…“ – er zeigte hinter sich – „…die besten Schwertkämpfer in Westeros stehen bereit.“
Papa hob grinsend die Hand. „Und Tyrion.“
Gelächter brach aus. Sogar Sam lächelte kurz.
Dann wurde er wieder ernst. „Wenn ihr es wirklich wollt… dann ruht euch aus. Es gibt viel, was ich euch zeigen muss. Heute Nacht werde ich euch alles sagen, was ich weiß. Über Jon. Über die White Walker. Und über das, was jenseits der Mauer auf euch wartet.“
Ein leichtes Zittern ging durch mich. Cengiz sah aus, als wolle er etwas sagen – dann schwieg er.
Papa nickte langsam. „Dann brechen wir auf morgen auf.“
Und ein Schatten legte sich über uns alle. Nicht aus Angst. Sondern aus dem Wissen, dass dies vielleicht der Anfang von etwas war, das größer war als alles zuvor.
Am Abend sitzen wir alle in einem einfachen, aber warmen Raum an der Wall. Ein Kamin knackt leise, während draußen der Wind die uralten Steinmauern umspielt. Sam sitzt auf einem alten Holzstuhl und sieht in die Flammen, bevor er zu uns spricht.
„Über Jon… kann ich nicht mehr sagen, als ich bereits sagte. Er gab mir das Kommando… dann ging er. Seitdem habe ich kein Wort mehr von ihm gehört. Keine Krähe, kein Gerücht. Nur die Stille.“
Papa nickt langsam. Er scheint die Leere zu spüren, die diese Worte hinterlassen.
Dann stellt er die nächste Frage: „Und die White Walker? Was genau wurde gesagt? Was… weißt du, Sam?“
Sam schaut auf, seine Augen ernst. „Es fing mit Sichtungen an. Schatten in der Ferne. Tiere, eingefroren und mit blauen Augen. Dann Männer, die verschwanden. Grenzer, die nie zurückkehrten. Und schließlich... Berichte von lautlosen Gestalten in der Nacht. Niemand hat einen von ihnen lebend gesehen. Aber ich kenne diese Geschichten. Und ich weiß, was ich selbst gesehen habe.“
Ein leises Schaudern geht durch unsere Gruppe.
Cengiz lehnt sich zurück, versucht entspannt zu wirken. „Wenn sie kommen… dann kämpfen wir. Wir haben nichts zu befürchten.“
Sam sieht ihn an. „Doch, habt ihr. Ihr könnt sie nicht mit gewöhnlichen Schwertern töten. Nicht mit Stahl. Nicht mit Feuer. Nur… mit Drachenglas. Obsidian.“
Die Stille im Raum ist plötzlich bedrückend.
Ich sehe Papa an. Er runzelt die Stirn. „Und wir haben kein Drachenglas.“
„Doch“, antwortet Sam ruhig. „Ein wenig. Wir haben eine kleine Sammlung für unsere Grenzer. Nicht viel. Aber vielleicht genug für euch… wenn ihr vorsichtig seid.“
Wenig später führt Sam uns durch einen dunklen Gang zu einer gut verschlossenen Kammer. Er öffnet sie mit einem eisernen Schlüssel – und darin liegt eine Holzkiste.
Als er den Deckel hebt, sehen wir fünf Schwerter, jedes mit einer dunklen, glatten Klinge, tiefschwarz mit einem bläulichen Schimmer – Obsidian.
„Das ist alles, was wir haben. Fünf.“
Wir sehen uns an. Tyrion flüstert trocken: „Dann muss einer von euch besser nicht sterben.“
Wir stellen einen schnellen Plan auf. – Papa nimmt eines der Schwerter. Er bleibt bei mir und Paul. – Cengiz bekommt eines. Er bleibt bei Tyrion. – Lennard bekommt eines. Er bleibt bei Erik. – Rodrik nimmt eines. Er bleibt bei Lewyn. – Dickon nimmt das letzte. Er bleibt bei Sam.
Fünf Männer mit Klingen. Fünf Paare, die sie schützen.
Es ist nicht ideal. Aber es ist etwas.
Schließlich zeigt uns Sam die Unterkunft.
Ein schmaler Gang, alt, steinern, aber sauber. Fünf Räume, je mit zwei Betten. Jeweils durch eine Tür miteinander verbunden – wie Kettenglieder eines alten Hauses. Schutz durch Nähe.
– Papa und ich beziehen das erste Zimmer. – Neben uns: Cengiz und Tyrion. – Danach Lennard und Erik. – Rodrik und Lewyn. – Ganz am Ende: Dickon und Paul.
Ich werfe Papa einen Blick zu. Er sieht müde aus – aber entschlossen.
„Bist du bereit?“, frage ich ihn leise.
„Für alles, was kommt“, antwortet er. Und das glaube ich ihm.
Die Nacht über der Wall war still. Nur das dumpfe Rauschen des Windes drang durch den Nebel, der über dem Eis hing wie ein leiser Schleier. Ich lag wach in unserem Zimmer, und als ich merkte, dass auch Papa nicht schlief, drehte ich mich zu ihm.
„Willst du ein bisschen raus?“ Er sah mich kurz an und nickte nur. Wortlos standen wir auf, zogen unsere Mäntel über und schlichen uns leise durch den Gang.
Oben auf der Wall war es totenstill. Die Dunkelheit lag schwer auf dem Horizont, nur vereinzelt flackerte Licht von den Fackeln, die an den Türmen befestigt waren. Der Wind war schneidend, aber ich fühlte mich nicht kalt – eher leer.
Eine Weile gingen wir einfach nebeneinander her. Ich schaute nicht zu ihm, aber ich spürte, dass er mich musterte. Schließlich blieb ich stehen.
„Ich weiß ehrlich nicht, ob ich bereit bin.“
Er blieb auch stehen, sah mich an. „Wofür denn nicht?“
Ich schluckte. „Für das, was wir über Cengiz vielleicht erfahren. Seine Herkunft. Wenn das alles wirklich stimmt... Wenn er wirklich ein Targaryen ist… Ich hab Angst, Papa. Ich hab Angst, was dann passiert. Was wir tun sollen.“
Er schwieg einen Moment, legte dann eine Hand auf meine Schulter. Die andere führte er an meine Wange, ganz sanft. Ich hob den Blick zu ihm.
„Wenn alles wirklich schlimm wird…“, begann er leise, „wenn es so schlimm wird, dass wir nicht mehr atmen können vor Angst – dann nehmen wir ein Boot.“
Ich runzelte leicht die Stirn.
„Brienne. Joren. Tyrion. Sansa. Du und ich. Wir fahren weg. Irgendwohin, wo die Welt noch nicht erkundet ist. Eine Insel. Sonne, Ruhe. Frieden. Nur wir. Kein Krieg mehr, keine Schwerter. Nur das, was zählt.“
Ich blinzelte. „Das klingt wunderschön… aber was, wenn wir keine Gelegenheit dazu haben? Was, wenn Daenerys wirklich zurückkommt? Wenn sie dich hinrichten will? Was, wenn wir keine Zeit mehr haben, Papa?“
Ich hörte, wie meine Stimme zitterte. Noch während ich sprach, stieg die Panik in mir hoch – Worte, die ich selbst kaum zu Ende bringen wollte.
Er sagte nichts. Er nahm einfach meine Hand und führte mich langsam zu einem kleinen Wachposten, wo ein schwaches Feuer brannte. Eine alte Bank stand dort, bedeckt mit einem Fell und einer groben, dicken Decke.
Er setzte sich hin, zog mich mit runter und legte die Decke um uns beide. Ich spürte seine Wärme. Seine Nähe. Und die Ruhe, die er ausstrahlte.
Dann lächelte er plötzlich. „Weißt du, wir sind inzwischen ja echt Profis darin, zu überleben, wenn man eigentlich hingerichtet werden soll.“
Ich sah ihn irritiert an. Er lachte. „War ein Scherz. Ein schlechter. Ich weiß. Aber hey – wir leben doch noch, oder?“
Ich konnte nicht anders als leicht lächeln. „Ein bisschen schwarzer Humor, hm?“
Er zuckte mit den Schultern. „Vielleicht. Aber was ich meine: Ich hab ein Schwert aus Drachenglas. Und du bleibst in meiner Nähe. Und du weißt ganz genau, was ich mit jedem anstellen würde, der dir was antun will oder uns irgendwie auseinander bringen will.“
Ich sah ihn an. Sein Blick war sanft, aber seine Stimme hatte diesen entschlossenen Tonfall. Ich grinste. „Ich weiß.“
Ich lehnte mich für einen Moment leicht an ihn. Er streichelte mir über den Rücken durch die Decke hindurch, ruhig, rhythmisch.
Der Wind zischte über das Eis, aber ich fühlte mich warm.
Eine Weile saßen wir nur da, sagten nichts. Dann bewegte er sich leicht. „Komm, mein kleiner Löwe. Ich erfrier hier gleich. Wollen wir rein?“
Ich nickte. „Ich auch. Meine Nase ist schon taub.“
Er lachte leise und zog mich mit sich, zurück in Richtung der Treppe. Zurück in Richtung unserer kleinen Kammer aus Holz und Stein, mitten im ewigen Eis.
Wir kamen gerade wieder oben an der Tür zu unserem Zimmer an, als plötzlich Cengiz und Onkel Tyrion heraustraten. Noch bevor ich etwas sagen konnte, blieb Cengiz abrupt stehen – sein Blick gehetzt, die Augen weit aufgerissen. Ich spürte sofort, dass etwas nicht stimmte.
„Ich hatte wieder eine Vision“, sagte er atemlos. „Gerade eben... sie war... sie war da. Daenerys.“
Papa und ich tauschten einen Blick. Ich schluckte. „Was hast du gesehen?“ fragte ich vorsichtig.
Cengiz sah mich an, als könnte er es selbst kaum fassen. „Sie stand in Flammen. Um sie herum war Feuer, alles hat gebrannt. Ihre Haare, ihre Haut – aber sie war... sie war lebendig. Ihre Augen und Lippen waren wunderschön. Und sie hat nach mir gegriffen... sie hat mich angesehen und gesagt: ‚Die Antwort liegt in der Höhle. Die mit dem Baum.‘“
„Ein Baum?“ wiederholte ich leise.
Er nickte. „In der Mitte. Und oben war ein Loch in der Decke. Schnee fiel hinein. Es war kalt, aber... da war etwas. Ich weiß nicht, was das bedeutet.“
Ich zitterte leicht. Es war die Mischung aus Angst und Ungewissheit, die mir die Luft nahm. Ich fühlte, wie sich meine Finger verkrampften. Doch in dem Moment legte Papa seine Hand leicht auf meinen Rücken, beugte sich zu mir und flüsterte mit einem kleinen, schiefen Grinsen: „Alles gut, Lukas. Ich bin da.“
Ich atmete tief ein. Sein Blick wirkte wie ein Schild gegen alles, was da draußen war. Und ich nickte nur. „Danke…“
Cengiz fuhr sich durchs Haar, sichtlich überfordert. „Ich will einfach nur die Wahrheit. Wer ich wirklich bin. Ich will das... verstehen.“
Tyrion legte ihm die Hand auf die Schulter. „Dann finden wir die Wahrheit. Gemeinsam.“
Die beiden sagten, dass sie noch kurz draußen Luft schnappen gehen, um sich zu beruhigen. Papa und ich gingen wieder ins Zimmer. Wir sprachen nicht mehr viel – wir legten uns hin, ließen das leise Heulen des Winds gegen die Mauer dringen und schliefen ein, mit der Kälte draußen und der Wärme zwischen uns.
Am nächsten Morgen waren wir früh auf den Beinen. Draußen herrschte eine beißende Kälte, die sogar durch die dicken Steinmauern kroch. Wir trafen uns in der großen Halle der Night’s Watch. Sam wartete bereits auf uns, mit einem großen Stapel dunkler, dicker Jacken.
„Die zieht ihr über eure Mäntel“, erklärte er. „Sonst erfriert ihr nach ein paar Stunden da draußen.“
Jeder nahm seine Jacke, zog sie über – ich fühlte mich darin wie ein wandelnder Pelzball, aber es war warm. Sam hatte uns sogar heiße Tees vorbereitet. Ich sah, wie Papa ein bisschen vom dampfenden Becher trank und mir dann zuzwinkerte und ebenfalls einen Tee gab, auf den er vorher gepustet hatte, um ihn abzukühlen. „Jetzt kannst du nicht mal mehr sagen, ich wäre kein fürsorglicher Vater.“
Ich musste lachen. Und das Lachen tat gut.
Wir packten unsere Sachen, nahmen Proviant, Waffen, zusätzliche Fackeln – alles, was wir brauchen konnten. Dann betraten wir den Aufzug, der uns nach unten bringen würde. Als das ratternde Geräusch losging und wir langsam an Höhe verloren, war der Ausblick… beängstigend schön.
Unendlich viel Weiß. Schnee, Wald, Himmel. Kein Ende. Kein Geräusch außer dem Knarren des Holzes unter uns.
„Was glaubt ihr, was da draußen auf uns wartet?“ fragte Lennard, eher leise, als würde er die Stille nicht stören wollen.
„Antworten“, sagte Cengiz. „Oder neue Fragen“, murmelte Tyrion.
Ich stand zwischen Papa und Paul, unsere Jacken berührten sich leicht im Wind, der von unten heraufwehte. Ich fühlte mich kleiner als sonst – nicht schwächer, aber... verletzlicher. Und doch war ich nicht allein.
Als wir unten ankamen, öffnete sich langsam das große eiserne Tor der Mauer. Ein dumpfer Laut, wie ein uraltes Ungeheuer, das gähnte. Und dann: Kälte. Schneefelder. Der dunkle Streifen des Haunted Forest.
Sam trat nach vorn. „Wir nehmen den Pfad durch den Haunted Forest. Und gehen vorbei an Craster’s Keep. Wenn wir Glück haben, hat Jon dort eine Spur hinterlassen… oder ist selbst dort.“
Wir alle nickten. Niemand stellte Fragen. Jeder wusste, was auf dem Spiel stand. Dann stellte sich unsere Gruppe in Formation auf, wie geplant.
Vorne: Dickon und Sam, entschlossen und ruhig. Dahinter: Papa, Paul und ich – unser Herz, unsere Familie. Dann: Cengiz und Tyrion – der Suchende und der Denker. Danach: Lennard und Erik – Freunde, Brüder im Kampf. Und ganz hinten: Rodrik und Lewyn – still, aber wachsam.
Ein letztes Mal blickte ich zurück zur Mauer. Dann zogen wir los – hinein in den weißen Wald, auf der Suche nach einem Schatten, einer Wahrheit, einem König ohne Krone.
Nacht bei Craster's Keep
Der Schnee knirschte unter unseren Stiefeln, während wir durch den Haunted Forest stapften. Die Kälte war beißend, durchdringend – selbst durch die dicke Jacke, die Sam uns gegeben hatte, fühlte sich der Wind an wie Nadeln auf der Haut. Überall um uns: weiß. Verschneite Äste, gefrorene Böden, leise rieselnder Schnee aus den Baumwipfeln. Kein Vogel, kein Laut. Nur unsere Schritte, unser Atem.
Vorne ging Dickon, neben ihm Sam, der sich sichtlich anstrengte, mit seinem Bruder mitzuhalten. „Also… siehst du, wir haben Riverrun eingenommen…“, hörte ich Dickon erzählen, leise, aber deutlich genug, dass man es verstand, „…und dann kamen die Mutationen von Qyburn. Es war der blanke Wahnsinn. Und einige Monate zuvor hat Cengiz den Mountain besiegt. Kein Witz.“ Sam sah aus, als hätte er soeben eine neue Geschichte für seine Chroniken gefunden.
Neben mir gingen Papa und Paul, und ich grinste. „Weißt du, Papa“, meinte ich scherzend, „wir hätten vielleicht auch lieber zur Bäreninsel sollen. Ich hab gehört, da gibt’s warme Quellen.“ „Und Bären“, warf Paul trocken ein. Papa zuckte mit den Schultern. „Ich hab ein Trauma von Bären, da ist mir ein bisschen Kälte lieber.“ Ich lachte trocken. „Ja ich bevorzuge Kälte und White Walker auch über Bären, stimmt.“ Papa schmunzelte und boxte mir spielerisch in die Schulter. „Was bin ich froh, dass du mein Sohn bist, Lukas. Du bringst mich immer wieder zum Lachen. Selbst im Eis.“
Ich drehte mich um, um nach den anderen zu sehen – und hörte in dem Moment Cengiz’ Stimme: „…und ihre Haare… die waren silberweiß. So leuchtend. Ihre Augen, wunderschön. Und diese Haltung… wie eine Königin. Sie war wie gemalt, Tyrion. Nicht nur schön – schön schön.“ Tyrion nickte, wissend wie Daenerys aussieht. „Wie viel davon wohl Vision war und wie viel hormonelle Einbildung?“ murmelte er.
Ich grinste, blieb kurz stehen und rief über die Schulter: „Cengiz, beruhig dich mal. Du hast sie nur im Traum gesehen – kein Grund, direkt zu heiraten.“
Cengiz tat so, als sei er empört. „Du hast sie nicht gesehen, Lukas! Ich schwöre dir, das war wie ein göttliches Bild – so… perfekt. Ihre Haut war…“
Ich hob die Hand. „Bruder, ich glaub dir ja schon! Aber in Winterfell wartet jemand auf mich, die ist wirklich perfekt. Und vor allem echt.“
Cengiz grinste und hob die Hände. „Okay, okay. Touché.“
Tyrion brummte. „Ich hoffe, Daenerys hat nicht mitgehört. Sonst bekommt er im nächsten Traum eine Ohrfeige.“
Wir lachten alle. Und obwohl der Wald um uns herum so still und leblos war, schien für einen Moment Wärme durch die Gruppe zu gehen – wie ein kleines Lagerfeuer aus Worten.
Stunden vergingen. Die Sonne war schon lange nicht mehr zu sehen, stattdessen nur trübes, graues Licht, das zwischen den verschneiten Bäumen hing. Schließlich stiegen dunkle, verfallene Hütten vor uns auf – Craster’s Keep.
Wir hielten an. Die Gebäude waren halb eingestürzt, das Holz morsch, von der Zeit und dem Schnee gezeichnet. „Sieht aus, als hätte hier schon lange niemand mehr gelebt“, meinte Rodrik leise.
Wir gingen vorsichtig durch das verlassene Gelände. Ein paar alte, umgekippte Stühle. Spinnweben. Ein verkohltes Feuer in einer offenen Feuerstelle. Kein Zeichen von Leben. Keine Spuren. Nur... Leere.
Lennard ging an einem zerbrochenen Tisch vorbei und hob ein altes Holzspielzeug auf. „Irgendwer… hat hier mal gewohnt.“ „Oder überlebt“, fügte Lewyn hinzu.
Nach einigem Durchsuchen entschieden wir uns, hier zu übernachten. Die Mauern boten zumindest etwas Schutz vor dem Wind, und das Feuer ließ sich notdürftig wieder zum Leben erwecken. Wir sammelten Holz, legten Decken aus, zogen uns noch wärmer an.
„Wir halten Wache“, sagte Papa entschlossen. „Immer drei Leute, im Wechsel. Und jede Gruppe nimmt drei Schwerter aus Drachenglas mit.“
Ich ging zum Waffenstapel. Fünf dieser dunklen, matten Schwerter lagen nebeneinander – seltsam unscheinbar, und doch unsere einzige Hoffnung, sollten die Legenden stimmen.
Rodrik, Lennard und Dickon erklärten sich bereit, die erste Wache zu übernehmen. Ich sah Papa an, der sich gerade setzte und mir zunickte. „Mach dir keine Sorgen, Lukas. Heute Nacht stirbt niemand.“ Ich lächelte leicht – aber ich spürte trotzdem das Zittern in mir.
Draußen pfiff der Wind um das verlassene Keep. Die Nacht hatte begonnen. Und irgendwo im Norden… wartete eine Antwort.
Wir legten uns hin, einer nach dem anderen. Rodrik, Dickon und Lennard übernahmen die erste Wache, während der Rest von uns in Decken gehüllt in der halb verfallenen Hütte schlief. Ich lag eng an Papa, seine Wärme schirmte mich ein wenig ab von der klirrenden Kälte, die selbst durch Fell und Mantel kroch. Ich spürte seinen Atem ruhig an meinem Haar. Die Welt war still.
Irgendwann – ich wusste nicht wie viele Stunden vergangen waren – wurde ich geweckt. Rodrik beugte sich über mich. „Lukas. Wach auf. Wachewechsel.“
Ich richtete mich langsam auf, fröstelte sofort. Papa öffnete neben mir verschlafen die Augen. „Alles ruhig?“, fragte er mit rauer Stimme. Lennard nickte. „Still wie ein Grab. Kein Laut, kein Tier.“
Wir krochen aus unseren Decken, zogen unsere Mäntel enger und übernahmen. Rodrik, Dickon und Lennard schlurften müde ins Innere. Cengiz, Papa und ich liefen eine Runde außen um die halb beleuchtete Hütte. Der Schnee knirschte, die Sterne hingen klar über dem Wald. Der Atem dampfte uns vor dem Gesicht.
Nach der ersten Runde trennten wir uns für einen Moment. Papa verschwand zur anderen Seite, und Cengiz und ich gingen gemeinsam im Bogen am Rand entlang.
Er schwieg eine Weile. Sein Blick lag starr auf dem gefrorenen Boden. Ich musterte ihn aus dem Augenwinkel. „Du siehst aus, als wärst du grad ganz woanders“, murmelte ich. Er atmete tief aus. „Ich war bei ihr.“
„Daenerys?“, fragte ich. Er nickte.
Wir gingen weiter. Ich trat gegen einen vereisten Ast, der mit knackendem Geräusch zerbrach. Dann fragte ich leise: „Denkst du… die Träume werden dich verändern?“
Cengiz zögerte. Dann blieb er kurz stehen. „Ich weiß es nicht. Ich will nicht, dass sie mich verändern. Aber… sie fühlt sich so real an. Als wäre sie nicht nur jemand, den ich sehen soll – sondern jemand, der ein Teil von mir ist. Als wär sie… eine Göttin. Eine, die mich ruft.“
Ich schluckte. „Empfindest du… was für sie? Auch wenn’s komisch klingt?“
Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare, dann lachte er leise, fast schmerzhaft. „Ich weiß es nicht, Lukas. Ich… ich hab Nina ja auch noch im Kopf. Und ich weiß nicht, ob das Thema abgeschlossen ist. Sie hat mich halt jetzt zwei Mal verlassen. Ich weiß nicht, ob da noch was kommen kann… und ich weiß nicht, ob ich überhaupt noch hoffen will.“
Ich legte eine Hand auf seinen Arm. „Tut mir leid, Cengiz. Wirklich. Aber hör auf dein Herz. Vielleicht wird alles ganz anders. Vielleicht kommt Nina ja auch nochmal zurück. Vielleicht…“ Ich verstummte.
Er schaute mich an. „Was ist?“
Ich holte tief Luft. „Kannst du mir einen Gefallen tun? Wenn wir Daenerys wirklich finden…“
Er runzelte die Stirn. „Was denn?“
Ich fuhr mir nervös mit der Hand durch den Nacken. „Wenn sie zurückkommt… und auf Papa sauer ist. Ich mein… ich versteh’s ja. Er hat ihren Vater getötet. Ich bin mir sicher, sie wird Rache wollen. Aber…“ Meine Stimme zitterte. „Bitte… kannst du versuchen, sie zu überzeugen? Sie bitten… dass sie ihm nichts tut? Dass sie ihn nicht hinrichten lässt?“
Ich spürte, wie sich meine Augen füllten. Mein Herz klopfte laut. „Ich… ich könnt nicht leben ohne ihn, Cengiz. Ich wüsste nicht, was ich tun soll. Wenn… wenn sie wirklich ihn töten will… dann sag ihr, dass wir abhauen. Dass wir irgendwohin verschwinden. Wo uns keiner kennt. Wo alles egal ist. Hauptsache er lebt.“
Cengiz sah mich lange an. Dann… lachte er leise. Nicht spöttisch. Sondern warm. Er legte eine Hand auf meine Schulter. „Lukas… natürlich. Natürlich werd ich das. Ich würd nicht zulassen, dass sie ihm was antut. Niemals. Wir sind doch bei ihm. Du, ich, Tyrion, Sansa. Und ich kenn deinen Vater. Ich weiß, wer er ist. Sie wird’s auch erkennen.“
Ich blinzelte die Tränen weg. „Danke.“
Er wollte gerade etwas erwidern, als plötzlich Papas Stimme erklang – leicht angespannt, durch die Dunkelheit: „Lukas? Cengiz? Kommt bitte mal schnell her!“
Mein Herz setzte aus. Ich drehte mich sofort um.
Cengiz und ich rannten durch den Schnee, das Herz klopfte bis in die Ohren. „Was ist los?!“, rief ich, als wir Papa erreichten.
Er stand reglos da, die Hand erhoben, der Blick auf den Rand des Waldes gerichtet. „Da vorne…“, murmelte er leise. Wir folgten seinem Blick.
Und da war sie.
Weit entfernt, kaum mehr als ein dunkler Schatten gegen das fahle Mondlicht – die Gestalt einer Frau. Rotes Haar, das trotz der Entfernung in der kalten Luft aufleuchtete wie Glut im Nebel. Sie ging langsam. Als würde sie uns gar nicht bemerken. Dann… bog sie in einen kleinen Hang ein – und verschwand. Spurlos. Als hätte der Wald sie verschluckt.
Ich rutschte dichter an Papa, unwillkürlich. „Was… war das?“, flüsterte ich. Cengiz sagte gar nichts. Er starrte nur.
Wir warteten. Zwei Minuten. Fünf Minuten. Zehn. Doch sie kam nicht wieder.
Papa atmete langsam aus. „Kommt. Wir setzen uns kurz. Ich will nicht, dass ihr friert, wenn nichts passiert.“
Wir gingen zur einfachen Holzbank vor der Hütte. Das Licht des Feuers hinter dem Fenster flackerte schwach auf unsere Gesichter. Ich sah zu Cengiz. Er wirkte bleich. Wie jemand, der einen Geist gesehen hat. Und vielleicht… hatte er das ja.
„Hey“, sagte ich. „Was ist los mit dir? Du schaust aus wie… wie ich, nach zu viel Dornwein.“
Er blinzelte. Dann schüttelte er den Kopf, rieb sich das Gesicht. „Es ist nur… ich glaub ich kenn sie.“
Ich zog die Stirn hoch. „Wen?“
„Die Frau. Der Schatten da. Ich mein… ich weiß nicht sicher. Aber sie sah aus wie jemand, den ich vor Jahren getroffen hab. Als ich… verstoßen wurde.“
Papa und ich wechselten einen Blick.
„Und? Wer war sie?“, fragte ich leise.
Cengiz sah in die Ferne. „Sie nannte sich Melisandre. Eine Rote Priesterin. Vom Herrn des Lichts, so hat sie’s gesagt. Ich dachte, sie spinnt erst. Aber… sie hat Dinge gewusst. Über mich. Über mein Blut. Sie meinte, ich sei ‚besonders‘… und ja, es war dunkel. Ich war allein. Sie war schön. Und… naja, wir hatten was. Sie hat mir das Gefühl gegeben, dass ich wichtig bin. Und am nächsten Morgen war sie einfach… weg. Als hätte sie nie existiert.“
Ich riss die Augen auf. „Du hattest was mit einer mysteriösen Feuermagierin?!“ Er zuckte die Schultern. „Ich war jung. Verloren. Und sie war… wirklich heiß.“ „Im wahrsten Sinne“, murmelte Papa trocken.
Ich lachte, halb fassungslos, halb neugierig. „Okay warte. Also… Nina, Melisandre… muss ich noch irgendwas wissen? Wer kommt als nächstes, eine Schattenprinzessin? Eine Meerjungfrau?“
Cengiz grinste. „Ein paar… einzelne gab’s. Aber ernsthaft nur Nina. Bisher.“
Er sah uns an, dann grinste noch breiter. „Und wie sieht’s bei euch aus? Sag du mal, Jaime.“
Papa schüttelte leicht den Kopf, und sein Blick wurde für einen Moment anders. „Cersei“, sagte er leise. Es war das erste Mal seit Langem, dass er ihren Namen offen aussprach.
Man sah, wie es ihn kostete. „Und… Brienne.“
Cengiz nickte nur. Kein Kommentar. Nur Respekt.
Dann sah er zu mir. „Und du, Lukas?“
Ich war kurz überrumpelt. „Äh… Marlis… und… Sansa.“ Ich zögerte kurz, schluckte, und sagte nichts weiter. Mein Lachen war ein bisschen zu schnell, ein bisschen zu hell. Ich war ertappt worden – irgendwie.
Cengiz grinste. „Ihr seid anständiger als ich.“
Papa hob die Braue. „Definier anständig.“ Wir lachten alle. Ich mehr über mich selbst.
Cengiz stand schließlich auf, dehnte sich theatralisch. „Ich geh kurz aufs Klo – hol noch was zu essen und trinken. Schafft ihr’s ein paar Minuten ohne mich?“
„Knapp“, sagte ich. „Aber irgendwie“, ergänzte Papa mit gespielt ernster Miene.
Cengiz ging lachend los, verschwand im Halbdunkel der Nacht. Ich zog meine Decke enger um mich. Aber da war wieder dieses Bild in meinem Kopf. Rotes Haar, schwarzer Wald. Und eine dunkle Erinnerung...
Wir saßen noch immer auf der Bank, eng unter die Decke gekuschelt, das Feuer hinter der Fensterscheibe warf flackernde Schatten über Papas Gesicht.
Er sah mich schräg von der Seite an. „Sag mal… warum hast du eigentlich vorhin so komisch reagiert, als Cengiz dich gefragt hat, mit wem du mal was hattest?“
Ich zog die Decke fester über uns beide, mein Blick wich seinem aus. „Hab ich gar nicht“, murmelte ich leise, fast trotzig.
Er lachte leise. „Du tust es schon wieder. Lukas… ich kenn dich. Was ist los? Oder… was war?“
Ich atmete tief durch. Mein Magen zog sich leicht zusammen. „Du musst mir versprechen… schwören… dass du das niemandem erzählst. Niemandem. Nicht Sansa. Nicht Tyrion. Nicht mal Brienne.“ Er runzelte die Stirn, sichtlich verwundert, aber sah mich dann ernst an und nickte. „Ich schwör’s dir. Du kannst mir alles erzählen, das weißt du.“
Ich schluckte, schob die Decke noch enger an mich heran. Seine Hand lag ruhig auf meiner Schulter.
„Es ist… eine komische Geschichte. Irgendwie.“ Ich sah ihn an. Er wartete. Keine Eile, nur Offenheit.
„Es war nach Opa Tywins Tod. Ich war kurz auf Casterly Rock, du weißt das. Und… erinnerst du dich an Ellyn Lannister?“ Seine Augenbraue hob sich leicht. „Ellyn? Die Tochter von Onkel Kevan? Pauls Schwester?“ Ich nickte.
„Wir… haben uns damals richtig gut verstanden. Schon früher, aber da… war es irgendwie intensiv. Sie meinte immer, ich wär wie sie. Dass wir uns ähneln. Und wir haben viel gemacht… alleine. Und… naja…“ Ich rang mit den Worten. „Wir hatten was. Einen Abend haben wir uns geküsst. Und dann wurde daraus… mehr. Es war geheim, nur wir beide. Niemand wusste es.“ Mein Blick wurde glasig. „Ich dachte, es ist was Besonderes. Etwas… Existenzielles. Etwas, das einfach da ist, ohne dass man es versteht. Mit meiner eigenen Cousine…“
Ich sah ihn an. Sein Blick war ernst geworden. Irgendwo zwischen Erschrecken und Verständnis.
Mir rann eine Träne über die Wange. „Ich weiß, es war nicht richtig. Ich fühl mich schuldig. Aber ich konnte’s dir nie sagen. Weil ich Angst hatte. Dass du’s mir übel nimmst. Oder du denkst, es war deine Schuld.“
Er schüttelte sofort den Kopf, rückte näher zu mir und legte den Arm wieder um mich. „Hey. Lukas. Ich sag’s dir so, wie’s ist. Ja, das… überrascht mich. Aber ich verurteile dich nicht. Du darfst dich nicht schlecht fühlen. Schau mal, wer deine Eltern sind.“ Er zwinkerte ganz leicht. Ich musste trotz allem leicht grinsen.
„Ich mein’s ernst“, fuhr er fort. „Ich… hab das damals nicht gestoppt. Ich war nicht klug genug. Bei Cersei und mir war das nicht nur eine Verbindung – es war eine Besessenheit. Wir waren abhängig voneinander. Es war… falsch. Und wir wussten es. Aber wir konnten nicht aufhören.“
Er atmete durch. „Du… du hast’s unterbrochen. Auch wenn’s wehgetan hat. Du hast sie gehen lassen. Und das war das Richtige. So schwer es war.“
Ich ließ den Kopf leicht an seine Schulter fallen. „Es tut mir leid. Ich hab einfach nie den Mut gehabt, dir das zu sagen.“
„Du brauchst dich nie vor mir zu verstecken. Nie. Ich verurteile dich nicht. Weißt du, unter den Umständen… wer wir sind, wie wir aufgewachsen sind… es ist eigentlich ein Wunder, dass dir das nicht öfter passiert ist.“
Wir sahen uns an. Einen langen Moment lang sagten wir nichts. Dann grinsten wir fast gleichzeitig.
„Wir kommen beide in die Hölle“, murmelte ich. „Hölle?“, wiederholte Papa trocken. „Wir haben die goldene Kutsche dorthin schon reserviert.“
Ich prustete los. „Mit rotem Teppich und den Lannister-Löwen auf den Sitzen.“ „Und Tyrion bringt den Wein.“
Wir lachten so, wie man nur lacht, wenn alles raus ist. Ich fühlte mich leicht. Endlich. Papa sah mich an und sagte dann sanft: „Ich verspreche dir. Niemand wird’s je erfahren.“
Ich nickte und lehnte mich kurz an ihn. „Danke…“
Dann hob er eine Braue. „Aber sag mal… gibt’s noch was, was ich wissen sollte? Irgendwas anderes?“
Ich grinste breit. „Naja… da war mal was mit einem Septon aus Volantis… und einem Tunnel…“ Sein Gesichtsausdruck wurde alarmiert. „Was?!“
Ich brach in Gelächter aus. „War ein Witz! Keine Sorge. Gibt sonst nichts, was du nicht weißt.“ Er schüttelte den Kopf und schnaubte. „Ich werd langsam zu alt für dich.“ „Du wirst perfekt alt“, grinste ich.
Und in diesem Moment, unter der Decke, neben dem Feuer, mit der Erinnerung an rote Haare im Schnee und einer längst vergessenen Geschichte, war es, als würden Vater und Sohn einmal mehr genau wissen, was sie aneinander hatten. Alles.
Cengiz kam zurück, zwei kleine Flaschen, ein paar Stücke Brot und getrocknetes Fleisch in den Händen. „Ich hab das beste von dem genommen, was noch übrig war“, sagte er mit einem Grinsen, während er sich wieder zu uns setzte.
Ich nahm ihm eines der Stücke ab, biss hinein, trank etwas – und spürte, wie sich mein Brustkorb langsam beruhigte. Es war… Erleichterung. Nicht wegen des Essens. Sondern weil ich es Papa endlich erzählt hatte. Alles. Und weil er bei mir geblieben war – wie immer. Ich war nicht allein. Nicht mehr.
Cengiz schaute mich an. „Schmeckts?“, fragte er leise.
Ich nickte. „Ja… exzellent. Danke.“
Doch kaum hatte ich die Worte gesprochen, zog plötzlich ein harter, feuchter Luftzug über den Boden. Ich runzelte die Stirn.
Ein Nebel wallte auf. Nicht wie gewöhnlicher Dunst. Er war schwer. Dick. Milchig grau. Und die Luft – sie stach. Nicht wie Schnee. Nicht wie Frost. Sie stach wie kleine Nadeln in die Haut.
„Was zum…?“ Papa stand bereits auf, legte instinktiv eine Hand auf das Schwert an seiner Seite.
Dann – ein Geräusch. Knackend. Wie Eis, das unter Füßen bricht. Tief aus dem Wald heraus.
Mir riss es das Herz hoch in den Hals. Ich rannte los. Direkt hinein in die Hütte. „Sam! Sam, aufstehen! Dickon! Onkel Tyrion – bitte, alle wach! Etwas ist da draußen, ein Geräusch… der Nebel…“
Sam fuhr sofort hoch, noch im Halbschlaf. Aber er sah mein Gesicht. Sah, wie ernst ich es meinte. „Verdammt“, murmelte er. „Das… das sieht aus wie…“
„Wie was?“, keuchte ich.
Er schnappte sich seinen Mantel, rannte zur Tür. „Wie ein Angriff. Von einem White Walker.“
Mein ganzer Körper spannte sich an. Es war, als würde mein Blut gefrieren – im wahrsten Sinne. Ich konnte die Kälte nicht mehr nur auf der Haut spüren, sondern tief in den Knochen.
Dickon stand neben mir, bereits sein Schwert in der Hand. „Ich weck die anderen. Raus mit euch, wir brauchen Sicht!“
Wir stürmten wieder hinaus.
Doch die Sicht war… Gleich null. Der Nebel war jetzt wie eine Wand. Und die Kälte – stechend, unerträglich. Ich fröstelte unkontrolliert.
„Verdammt…“, murmelte Papa, der jetzt neben mir stand, das Schwert gezogen, sein Blick flackerte zwischen Nebel und mir. Ich stellte mich direkt an ihn, mein Drachenglasschwert fest in der Hand. Ich war froh, dass ich es hatte.
Dann kam Dickon wieder – hinter ihm Lennard, Erik, Paul, Lewyn und Rodrik. Müde, verwirrt, aber bereit. Rodrik und Lennard hatten sich noch je ein Schwert aus Drachenglas geschnappt – mehr gab es nicht. Paul, Lewyn und Erik hatten normale Waffen. Ich sah es in ihren Blicken – sie wussten, dass das möglicherweise nicht reichen würde.
Wir stellten uns auf. Papa, Cengiz und ich in der vorderen Linie, Sam, Dickon und Onkel Tyrion direkt hinter uns. Dann eine kleine Lücke – und dort formierten sich Lennard, Rodrik, Paul, Lewyn und Erik, bereit, das Lager zu halten.
Und dann… Die Augen.
Leuchtend. Kalt. Unmenschlich. Höllisch.
Blau. Zwei eisige Flammen, die uns aus dem Nebel heraus fixierten.
Mein Atem stockte. Ich sagte kein Wort. Niemand tat das. Wir alle starrten nur.
Ein kratzendes, verzerrtes Geräusch gellte durch die Nacht.
Dann bebte der Boden.
Knacken. Risse. Die Erde vor uns brach auf – und dunkle, gefrorene Hände drückten sich aus dem Waldboden. Ein Dutzend. Zwei Dutzend. Leichen. Untote. Soldaten, Bauern, Ritter – alle verdreht, erfroren, leer in den Augen, die Haut grau-blau, Eiskristalle auf den Lidern.
Cengiz hob sein Schwert. „Das ist… wie bei Qyburn… nur schlimmer.“
Papa drehte sich zu uns, brüllte: „Vorwärts! Jetzt! Wir stoppen sie hier – sonst kriegen sie die anderen!“
Er stürmte los – Cengiz direkt neben ihm, ich hinterher, das Herz donnernd. Sam, Dickon und Onkel Tyrion formierten sich in der Mitte – verteidigend, wehrend, versuchend, den Überblick zu behalten.
Rodrik, Paul, Erik, Lewyn, Lennard – sie hielten hinten die Stellung, bekämpften die kleineren Untoten, die sich wie Tiere bewegten, gebückt, zischend, springend. Schnee wirbelte auf. Das Klirren der Schwerter. Schreie. Nebel.
Ich sah Papa kämpfen, sein Drachenglasschwert, selbst durch das Grau. Neben ihm Cengiz, ebenfalls mit dem Drachenglasschwert.
Und ich… ich schrie meinen Mut in den Sturm, schwang das Schwert, hielt mich dicht bei ihnen.
Wir waren mitten im Chaos.
Und es hatte gerade erst begonnen.
„Wir müssen den Anführer töten — dann fallen die anderen automatisch auseinander!“, ruft Sam über das Heulen des Windes hinweg.
Die Reihen schließen sich instinktiv. Für einen Herzschlag sind wir nur eine Maschine aus Stahl, Atem und Angst: zuschlagen, ausweichen, weitermachen. Stück für Stück reißen wir uns durch die kleineren Kreaturen — sie sind schnell, heimtückisch, kalt am Griff der Klinge. Ich merke, wie mein Arm schwer wird, wie der Atem oberflächlicher wird; trotzdem trete ich immer wieder vor, weil ich weiß, dass Rückzug hier Tod heißt.
Dann sehe ich ihn — der Anführer. Er ist größer als die anderen, irgendein dunkler Turm aus Eis und Schatten, die blauen Augen wie zwei Bohrer in der Nacht. Er schiebt sich vor, weiter in den Wald hinein, als wolle er uns davonführen. Mein Magen zieht sich zusammen. Ohne zu überlegen stürmen Papa, Cengiz und ich hinterher. Dickon, Tyrion und Sam sind dicht hinter uns, und wir laufen zusammen, Fuß vor Fuß, die Stiefel knirschen im Schnee, Äste peitschen gegen unsere Gesichter.
Der Nebel ist hier so dicht, dass die Welt nur noch aus Atem und Klingen besteht. Immer wieder weichen wir aus, reißen Hiebe, und immer wieder fallen welche — stöhnend, splitternd, gefroren zu Boden. Ich höre meinen eigenen Herzschlag im Ohr, jedes Hämmern so laut wie Trommeln.
Und dann — plötzlich — öffnet sich der Wald. Wie aus dem Nichts stehen wir auf einer kahlen Lichtung, der Atem hängt als Rauch in der Luft, und da, nicht weit vor uns, ist er. Der Anführer dreht sich um, bläuliches Licht in den Augen, ein Klang wie zerbrechendes Glas kommt aus seinem Mund.
„Vorwärts!“, schreit Papa; seine Stimme ist eine Axt im Wind.
Ich renne. Das Drachenglasschwert liegt in meiner Hand wie ein Teil von mir. Alles andere fällt weg — die Kälte, die Angst, sogar die Erschöpfung. Ich hebe die Klinge, stoße vorwärts und treffe. Die Klinge fährt durch das Eis seines Rumpfes mit einem Klang, der sich anfühlt, als würde das Herz der Nacht selbst gespalten. Der Anführer kreischt — ein langer, hohler Ton wie zerreißendes Blei — und die Kreatur zerfällt. Nicht Blut, kein Fleisch, nur splittriges Eis und Asche, die in Flocken vom Wind verweht werden.
Und mit ihm… lösen sich die anderen. Wie eine Kette ohne letzten Ring beginnen sie an Ort und Stelle zu zerbröseln, einzelne Kristalle werden zu Staub, Leiber brechen auseinander, und der Nebel über der Lichtung dünnt sich. Der Stechapparat in meiner Brust entspannt sich langsam; die Kälte beißt nicht mehr so tief.
Ich sinke auf ein Knie, die Hand um den Griff des Schwertes gekrallt. Die Luft schmeckt nach Eisen und Schnee. Kurz kommt es mir vor, als hätte ich etwas falsch gemacht — nicht eine einzelne Person getötet, sondern etwas Unnatürliches beendet. Es fühlt sich anders an. Leerer. Sam kommt zu mir, seine Augen noch weit, der Atem schwer.
„Es ist… es ist anders“, sagt er kaum hörbar. „Man spürt nicht die gleichen... Schuldgefühle. Es ist unnatürlich. Es ist, als würden wir gegen Schatten kämpfen, nicht gegen Menschen.“
Ich nicke, weil er recht hat, und weil ich nicht recht weiß, wie ich das sonst erklären soll. Die Erleichterung mischt sich mit einer eigenartigen Leere.
Tyrion kommt zu uns, die Stirn in Falten. „Gut gemacht“, murmelt er, aber dann schiebt er ein anderes Wort dazwischen: „Ähm aber — weiß jemand, wo Lennard, Erik, Rodrik, Lewyn und Paul sind?“
Wir blicken uns um. Die Lichtung ist jetzt leer bis auf uns. Keine Spur von den anderen. Kein Fußabdruck, nichts, was auf ein Gehen hindeutet — als wären sie einfach verschluckt worden.
„Vielleicht sind sie zurück zur Wall gegangen“, sagt Papa endlich, die Stimme eng. „Vielleicht haben sie sich zurückgezogen, sind in Sicherheit. Ich hoffe es.“
Sam nickt. Er hat den Blick auf die weite, mit Hügeln gesprenkelte Ferne gerichtet. „Ich bin mir nicht sicher, wo wir genau sind. Aber… ich glaube, wir sind schon lange an der Fist of the First Men vorbeigekommen. Die Orientierung kann einen hier schnell täuschen, besonders nach dem Nebel.“
Wir stehen da, kalt, müde, mit dem Schnee knirschend unter unseren Stiefeln. Für einen Moment herrscht nur das Geräusch unseres Atems.
„Also was nun?“, fragt Tyrion. Seine Stimme klingt klein in der Weite der Nacht.
Sam zeigt auf die verschneiten Hügel und Berge in der Ferne, eine dünne, graublaue Linie am Horizont. „Wir gehen dort entlang. Richtung Wall. Wir versuchen, wieder auf den Weg zurückzukommen. Vielleicht treffen wir sie — Jon, die anderen — oder finden zumindest Spuren. Wir müssen überprüfen, ob es ihnen gut geht, und sehen, ob es eine Spur gibt, wo die anderen hingegangen sind.“
Wir nicken. Es ist die beste Option, die wir haben. Die einzige, vielleicht. Also sammeln wir uns, richten die Mäntel, prüfen die Waffen, und jeder von uns zieht die Kapuze tiefer in die Stirn. Die Müdigkeit drückt schwer, die Glieder brennen.
Wir heben die Köpfe, blicken ein letztes Mal zur Lichtung, und dann gehen wir los in Richtung der Hügel — gegen den Wind, gegen die Ungewissheit, Schritt für Schritt auf dem Schneepfad, den nur der Wille markiert.
Ans Ende der Welt
Die Hügel ragten gespenstisch aus dem Nebel, ihre Spitzen kaum zu erkennen im fahlen Licht, das durch die dichte Wolkendecke drang. Der Schnee war tiefer geworden, jeder Schritt ein Kampf gegen das Einsinken, gegen die Müdigkeit, die uns schwer in den Gliedern lag. Ich hielt mich dicht bei Papa, meine Finger klamm an den Griff meines Schwertes, die Luft brannte noch immer kalt in meiner Kehle.
„Ich kann nicht mehr, Papa …“, murmelte ich schließlich und sah ihn mit glasigem Blick an. Meine Beine fühlten sich an wie Blei.
Er sah mich an, mit dieser Mischung aus Entschlossenheit und Fürsorge, die nur er hatte. „Ich weiß, mein Junge … ich auch. Aber wir müssen irgendetwas finden, wo wir uns hinlegen können. Irgendwas.“ Seine Stimme war rau vor Kälte.
„Dort vorne!“, rief Sam plötzlich, der uns über seine Schulter hinweg ein Zeichen gab. „Da sieht’s aus wie ein kleiner Vorsprung – da liegt kein Schnee.“
Wir stapften weiter, bis wir den Ort erreichten: eine Einkerbung im Gestein, fast wie ein kleiner Hohlraum, der sich in den Hang gefressen hatte. Der Schnee hatte sich dort nicht gehalten. Es war nicht viel, aber es reichte. Cengiz und Dickon sahen sich an.
„Wir übernehmen die erste Wache“, sagte Cengiz ruhig, und Dickon nickte entschlossen.
Sam und Onkel Tyrion ließen sich direkt an der hinteren Wand nieder, ihre Körper sanken förmlich zu Boden, und schon nach wenigen Minuten waren beide eingeschlafen, erschöpft bis in die Knochen.
Papa und ich gingen noch ein Stück tiefer hinein. Die Höhle bog sich leicht zur Seite, bot eine kleine Ecke, etwas abseits von den anderen. Er richtete mit ruhigen Handgriffen eine Decke für uns her, breitete sie aus, legte noch eine kleine Lage Fell darunter, die er von Sam erhalten hatte.
Wir legten uns nebeneinander hin. Es war eng, aber das war gut. Die Nähe half gegen die Kälte.
Ich starrte eine Weile an die graue Höhlenwand vor mir, während mein Körper versuchte zu ruhen, aber mein Kopf raste. Die Bilder des Kampfes, das Knirschen von Eis, die Schreie, das Zerfallen des White Walkers – es ließ mich nicht los.
„Papa …“, flüsterte ich leise.
Er drehte den Kopf zu mir. „Hm?“
„Ich hab Angst“, gab ich zu. „Vor den White Walkern. Was, wenn wir nochmal auf sie treffen? Ohne Drachenglas … wir …“ Ich stockte.
Er atmete tief durch, streckte den Arm aus und legte ihn um mich, zog mich leicht zu sich. „Ich hab auch Angst. Glaub nicht, dass ich das nicht spüre. Aber im Moment – hoffen wir einfach, dass wir ihnen nicht nochmal begegnen. Wir haben überlebt. Das zählt.“
Ich nickte leicht und schloss meine Augen. Der Gedanke, dass er wach war, gab mir Halt. Ich drehte mich nach einer Weile noch einmal, weil mein Körper einfach nicht zur Ruhe kam, und irgendwann – fast wie instinktiv – legte ich den Arm um ihn, eng, fast kindlich. Er reagierte nicht mit Worten, aber ich spürte, wie sein Atem ruhig wurde. Und endlich – endlich – fiel auch ich in den Schlaf.
Ich weiß nicht, wie lange wir geschlafen hatten. Die Höhle hatte die Wärme gut gespeichert. Nur dieses dumpfe Geräusch weckte mich – Stimmen, mehrere, draußen. Ich blinzelte. Papas Arm lag noch halb über mir, schwer und warm. Er bewegte sich zuerst, hob den Kopf, lauschte.
„Hörst du das?“ flüsterte ich. Er nickte nur, legte mir kurz einen Finger auf die Lippen. Still.
Dann, wieder: eine tiefe Männerstimme, dann eine hellere, weibliche – und dazwischen das unverkennbare Lachen von Onkel Tyrion. Ich spannte mich an, griff automatisch nach dem Schwert neben mir. Papa schob sich schon hoch, seine Augen wach, ernst, aber ruhig.
„Komm“, murmelte er, „sehen wir nach.“ Er zog sich die Jacke über, ich folgte, das Herz klopfend. Als wir zum Ausgang gingen, blies uns kalte Luft entgegen. Draußen: Stimmen, wieder Gelächter.
Wir schlichen näher, Papa ein Stück vor mir, die Hand am Griff seiner Klinge, ich die an meinem Schwert. Dann, hinter der Ecke – Bewegung. Ein dunkler Haarschopf, dann eine Frau mit roten Locken, und – Tyrion, Sam und Dickon neben ihnen, alle am Feuer.
„Na, schaut mal, wer endlich wach ist!“ rief Tyrion breit grinsend, als hätte er uns schon erwartet. Das Lachen kam aus mehreren Kehlen gleichzeitig. Cengiz saß da, grinste, in der Hand ein Stück Brot, und der schwarzhaarige Fremde – verdammt, der sah Cengiz wirklich ähnlich – drehte sich zu uns.
Papa blieb kurz stehen, dann zog sich dieses seltene Lächeln auf sein Gesicht. „Jon?“
Der Mann nickte, ein Lächeln, das mehr sagte als Worte. „Ser Jaime.“
„Also doch kein Geist“, meinte Papa. „Ich dachte schon, dich hätte der Norden endgültig verschluckt.“
„Hat er fast“, erwiderte Jon ruhig, dann zeigte er auf die Frau neben sich. „Das ist Ygritte.“
Sie nickte mir zu, die Augen scharf, aber amüsiert. „Und wer bist du? Der jüngere Löwe?“ Ich trat vor, reichte ihr die Hand. „Lukas.“
Sie ergriff sie, sah auf das Metall, das darunter aufblitzte. „Na, bei dir und deinem Vater scheint ja einiges schiefgelaufen zu sein, hm? Hat ein Drache dran genagt?“
Ich lachte, schüttelte leicht den Kopf. „So ähnlich. Lange Geschichte.“
„Dann erzähl sie mir irgendwann,“ sagte sie grinsend. „Aber bitte nicht vor dem Frühstück.“
Jon lachte leise. „Sie ist immer so charmant.“ Papa schnaubte. „Ich mag sie schon jetzt.“
Wir setzten uns dazu. Sam kam sofort mit einem Topf, aus dem es nach gebratenem Fleisch roch. „Wir haben was erlegt. Kein Festmahl, aber besser als Frostbeeren.“
Cengiz’ Augen leuchteten. „Wild? Echte Jagdbeute? Ich liebe euch.“ Dickon lachte. „Du liebst alles, was man essen kann.“
Jon sah zu mir. „Wir leben schon eine Weile außerhalb der Mauer. Ziehen viel umher, sammeln, was wir über die White Walkers erfahren können. In Hardhome haben wir uns niedergelassen. Es ist… rau, aber sicher genug.“
Papa nickte. „Und du bist immer noch am Leben – das ist mehr, als man von vielen sagen kann.“
Jon rückte näher ans Feuer, sein Blick wurde ernster. „Ich hab gehört dass ihr mich sucht. Aber mehr weiß ich auch nicht, was Daenerys angeht. Nach der Gold Road ist sie verschwunden.“
„Verschwunden?“ fragte Papa.
„Ich war auf Dragonstone“, sagte Jon. „Sie kam nie zurück. Das Einzige, was ich gesehen hab, war Drogon – hoch am Himmel, flog Richtung Westen. Ob sie dabei war, weiß ich nicht.“
Einen Moment war es still, nur das Knistern des Feuers. Dann hob Tyrion eine Augenbraue. „Aber genug von alten Geistern. Ihr seid wach, also esst. Wir haben nicht frierend auf euch gewartet, damit wir hungern.“
Papa setzte sich neben mich, und zum ersten Mal seit Tagen roch alles nach Leben: Rauch, Fleisch, Erde. Cengiz hatte schon den ersten Bissen genommen, grinste mit vollem Mund. „Sagen wir mal so, Jon – du kochst besser als du aussiehst.“
Jon grinste zurück. „Ich nehm das als Kompliment.“
Das Feuer knackte ruhig, der Schnee glitzerte in der Ferne. Wir saßen in einem engen Kreis, die Hitze des Feuers im Gesicht, die Kälte des Nordens im Rücken. Jon hatte gerade Fleisch nachgelegt, Ygritte hielt das Messer in der Hand, und Onkel Tyrion schien endlich wieder so etwas wie gute Laune zu haben.
Cengiz erzählte davon was wir erlebt hatten, die Hände lebhaft bewegt, die Augen auf das Feuer gerichtet. „Nach dem Blue Fork hat’s angefangen“, sagte er leise. „Träume. Oder Visionen, keine Ahnung. Ich hab Daenerys gesehen. Immer gleich. Erst fern, dann… immer näher. Und jedes Mal sagt sie das Gleiche: ‘Rette mich.’“
Jon und Ygritte tauschten einen Blick, ernst, aber aufmerksam. „Seit damals?“ fragte Jon. Cengiz nickte. „Ja. Ich weiß nicht, ob’s echt ist oder Wahn, aber irgendwas in mir glaubt, dass sie lebt.“
Ich spürte, wie Papas Blick kurz zu mir glitt – dieses gemessene, aber warme Nicken, das hieß: Ich glaub ihm auch, selbst wenn ich’s nicht versteh. Jon atmete tief ein. „Dann weißt du mehr als alle Maester zusammen.“ Cengiz grinste schwach. „Na endlich sagt’s mal jemand.“
Wir erzählten Jon und Ygritte, was nördlich der Mauer passiert war – über die White Walker, die verlassenen Dörfer, die Stille im Wald. Ygritte schüttelte den Kopf, als hätte sie die Hälfte davon schon geahnt. „Ich sag’s seit Jahren,“ meinte sie, „da draußen bewegt sich was, was selbst die Wildlinge nicht erklären können.“
Jon sah ins Feuer. „Wir haben’s auch gespürt. Immer, wenn der Wind zu still ist. Immer, wenn die Tiere verschwinden.“
„Das klingt ganz nach unserem letzten Tag,“ murmelte Papa trocken. Tyrion stieß ihm lachend den Ellenbogen in die Seite.
Dann wechselte das Gespräch, leichter jetzt. Ich erzählte Jon, dass ich mit Sansa zusammen war. Er hob überrascht den Kopf. „Sansa? Meine kleine Schwester?“ Ich nickte, spürte, wie Papas Blick mich streifte – dieser stolze, fast väterlich verschmitzte Ausdruck, der mir immer ein Lächeln entlockte. „Ihr geht’s gut,“ sagte ich. „Besser als je zuvor. Sie führt, sie kämpft, sie glaubt wieder.“ Jon atmete auf, lehnte sich zurück. „Das zu hören… das tut gut.“
Ygritte grinste. „Ich mochte sie nie, aber… klingt, als hätt sie sich gemacht.“ Jon schnaubte leise. „Sie war schon immer härter als sie aussah.“
Dann fragte Cengiz, plötzlich wieder ernst: „Jon, Ygritte… würdet ihr uns helfen? Bei der Suche nach Daenerys?“ Beide sahen sich an, zögerten. Jon starrte in die Flammen. „Wir haben unsere eigenen Spuren zu folgen,“ sagte er zuerst. Aber Cengiz ließ nicht locker. „Ich hab das Gefühl, sie hängt mit allem zusammen, was hier passiert. Wenn wir sie finden, finden wir vielleicht auch den Grund.“ Jon sah ihn an – und in diesem Moment, als sich ihre Blicke trafen, war irgendwas da, so eine stille Verständigung. Er nickte schließlich. „Wenn das stimmt, dann gehen wir mit. Ich hab schon zu viele verloren, um jetzt tatenlos zu bleiben.“
Cengiz grinste breit, schlug ihm die Hand auf die Schulter. „Dann sind wir jetzt ein Team. Lasst uns zusammen unser Wissen sammeln.“ Jon nickte zustimmend. „Das klingt nach einem Plan, dann wissen wir mehr.“
Alle lachten. Das Feuer spiegelte sich in Papas goldener Hand, als er sich durch die Haare fuhr. Für einen Moment war alles friedlich.
Dann – ein Geräusch. Ein Flüstern, kaum hörbar. „Jon Snow… Cengiz Martell… ihr wisst gar nichts…“
Wir erstarrten. Ich sah zu Papa, seine Hand ging sofort zum Schwert. Wir drehten uns um, alle Blicke auf die dunkle Höhle hinter dem Feuer. Schritte. Schnee rieselte. Und dann trat sie hervor.
Die Frau aus dem Wald. Rote Haare, Augen wie flüssiges Kupfer, der Mantel schneeverkrustet.
Jon und Cengiz sagten gleichzeitig: „Melisandre…“
Tyrion starrte. Sam sog hörbar Luft ein. „Was zur Hölle macht sie hier?“ fragte Cengiz.
Melisandre blieb stehen, lächelte schwach. „Der Herr des Lichts hat mich zu euch geführt.“
Papa und ich tauschten einen Blick. „Der Herr des Lichts?“ fragte ich. „Wer soll das denn sein?“ Sie sah uns an, als wären wir Kinder. „Nicht für euch bestimmt,“ sagte sie ruhig. „Euer Weg liegt im Schatten, nicht im Feuer.“
Onkel Tyrion prustete los, beinahe seinen Wein verschluckend. „Na, wenigstens weiß ich jetzt, wo ich nicht hingehöre,“ sagte er trocken. Papa und ich sahen uns an – und lachten kurz mit.
Melisandre sah wieder zu Jon und Cengiz. „Wenn ihr Antworten wollt,“ sagte sie, „folgt dem Pass der Frostfangs, bis ihr das Ende der Welt erreicht. Dort, wo der Fels aus Eis wächst. Dort werdet ihr erwartet.“
„Von wem?“ fragte Ygritte.
Sie sah kurz auf, lächelte, aber antwortete nicht. Der Wind frischte auf, Schnee wirbelte um sie, als würde die Luft selbst sie verschlucken. Und ehe einer von uns etwas sagen konnte, war sie verschwunden – nichts blieb als der Abdruck ihrer Schritte und ein leises Echo im Wind.
Wir standen alle still, das Feuer knackte, sonst nichts. Cengiz sah zu Jon. „Ich glaube, das war keine Einladung, oder?“ Jon seufzte. „Bei ihr weiß man nie.“
Papa legte mir die Hand auf die Schulter, sein Blick zwischen Faszination und Müdigkeit. „Na,“ sagte Tyrion schließlich, „wenigstens wissen wir, dass der Norden nie langweilig wird.“
Und über uns zog der Wind weiter, als hätte er die Antwort schon gehört.
Der Wind biss uns ins Gesicht, als wir den Pfad der Frostfangs entlangzogen – den, den Melisandre uns gewiesen hatte. Jeder Schritt knirschte unter dem gefrorenen Schnee, und das Atmen fiel schwerer, je tiefer wir in die weiße Weite vordrangen.
Ich lief neben Papa und Onkel Tyrion, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. Mein Atem dampfte, als ich fragte: „Was meint sie eigentlich mit ‘dem Ende der Welt’? Ich meine… klingt nicht gerade einladend.“
Tyrion schnaufte. „Wenn ich raten müsste, irgendwas Mystisches, Unbequemes und furchtbar metaphorisches. Vielleicht eine Klippe. Oder ein Abgrund. Oder ein sehr unbequemer Truthahn.“
Papa warf ihm einen Seitenblick, schüttelte den Kopf, aber schmunzelte. „Wenn wir da sind, werden wir’s wissen. Und was uns erwartet… das wissen nicht mal die Götter.“
Ich nickte, auch wenn die Unruhe in meiner Brust nicht kleiner wurde.
Dann plötzlich hörten wir von vorne Cengiz rufen: „Kommt mal her! Ihr müsst das sehen!“
Wir sprinteten durch den tieferen Schnee den Hügel hinauf, rutschten, stolperten, und standen dann keuchend neben Cengiz, Sam, Dickon, Jon und Ygritte – alle am höchsten Punkt des Kamms.
Was wir sahen, raubte mir den Atem.
Schnee. Nichts als Schnee – ein endloses, weißes Meer, das sich bis zum Horizont zog. Die Welt wirkte stiller als jemals zuvor, als hätte sie das Atmen vergessen. Der Himmel war wolkenverhangen, ein kaltes, bleiches Licht brach durch die grauen Schleier.
„Wo zur Hölle sollen wir da lang?“ fragte Jon und stemmte die Hände in die Hüften. „Sieht alles gleich aus.“
Tyrion blinzelte in die Ferne. „Vielleicht… einfach mittendurch. So macht man’s doch bei Märchenreisen, oder?“
Sam zuckte zusammen. „Wir müssen aber sichergehen, dass wir den Rückweg finden. Wenn ein Sturm kommt, sind wir verloren.“ Dann bückte er sich, trat ein tiefes Loch in den Schnee. „Wir markieren alle paar Minuten so einen Tritt. Wenn wir zurück müssen, folgen wir einfach der Spur.“
Es klang simpel – zu simpel. Aber wir hatten keine bessere Idee.
Und so marschierten wir los, hinein in das blendende Nichts, in gleichmäßigen Abständen große Löcher hinterlassend. Die Sonne stand irgendwo über uns, aber sie wärmte nicht.
Stunde um Stunde verging. Das Gefühl für Zeit ging verloren. Meine Füße waren taub, mein Gesicht eingefroren, aber keiner klagte. Je tiefer wir in das weiße Reich liefen, desto stiller wurden wir – nicht aus Müdigkeit, sondern weil uns allen dasselbe durch den Kopf ging: Was ist, wenn wir hier wirklich nichts finden?
Und dann – wie aus dem Nichts – blieb Jon stehen, die Hand ausgestreckt. „Da. Seht ihr das?“
Wir alle blickten nach vorn. Zwischen Nebelschlieren und Schnee stach eine dunkle Silhouette aus dem Weiß. Ein Fels, abgerundet, fast glatt, ragte wie ein schwarzes Herz aus dem Boden.
„Meint ihr…?“ flüsterte ich.
„Der Fels aus Eis“, murmelte Papa. „Das muss er sein.“
Cengiz nickte langsam. „Sie hat gesagt: dort werden wir erwartet.“
Ygritte schnaubte. „Na dann, Löwen und Bastarde. Lasst uns herausfinden, wer auf uns wartet.“
Und ohne ein weiteres Wort setzten wir uns wieder in Bewegung – auf das Ende der Welt zu.
Der Weg zum Felsen war zäh. Unendlich kam er uns vor – ein stummes Monument inmitten endloser Kälte, immer in der Ferne, nie wirklich näher kommend. Jeder Schritt schien sich gegen uns zu stemmen, als würde der Schnee selbst uns nicht durchlassen wollen.
Aber wir gaben nicht auf.
Und irgendwann, vielleicht Stunden später, standen wir endlich davor. Der Fels ragte hoch auf, glatt, schwarz, von Eis überzogen – doch anders als gewöhnlicher Stein. Er wirkte alt, älter als alles, was ich je gesehen hatte, und lebendig in einer stillen, lauernden Art.
Wir umrundeten ihn langsam, suchten nach einer Öffnung – einem Spalt, einem Tor, irgendetwas. Aber da war nichts. Nur Stein, Schnee, Eis. Kein Geräusch außer dem Wind, der durch die Frostfangs strich.
Dann – plötzlich – ein Kichern.
Helles, seltsam klingendes Kichern. Es kam von hinten, aus dem Schnee.
Wir wirbelten alle gleichzeitig herum, Hände an den Schwertern. Papa trat schützend vor mich, Cengiz hob sein Schwert. Jon kniff die Augen zusammen.
Und dann sahen wir sie.
Kleine Gestalten, kaum größer als Kinder. Haut wie Rinde, leuchtende Augen, geschwungene, organisch wirkende Kleidung, als hätte der Wald selbst sie gewebt. Ihre Bewegungen waren leicht, fast lautlos, und sie sahen uns neugierig an – nicht feindselig, aber wachsam.
„Habt keine Angst“, sagte eine von ihnen in einer Stimme, die wie Wind durch Blätter klang. „Wir tun euch nichts.“
„Wer… seid ihr?“ fragte ich, leise, verwirrt.
Die Gestalt neigte den Kopf. „Wir sind die Kinder des Waldes. Die Ersten. Wir waren hier, lange bevor die Menschen die Bäume fällten und die Steine formten.“
Sam schnappte nach Luft. „Die Kinder…? Ich dachte, ihr wärt… ausgestorben.“
Ein anderes Wesen, kleiner, mit goldenen Augen, trat hervor. „Das denkt ihr Menschen über vieles, was ihr nicht mehr seht.“
Papa trat näher, das Schwert sinkend, aber noch immer in der Hand. „Und was wollt ihr?“
„Ihr seid hier, am Ort, wo der Rabe wacht. Ihr habt gesucht – also habt ihr gefunden.“
Jon trat vor. „Der Rabe… ist mein Bruder. Bran Stark.“
Die Kinder sahen sich an, und ich spürte etwas in der Luft – wie ein unsichtbares Flirren, ein leichtes Beben unter der Oberfläche.
Dann nickten zwei von ihnen. „Wenn das wahr ist… dann muss er euch gesehen haben. Dann wartet er.“
„Könnt ihr uns zu ihm bringen?“ fragte ich.
„Er wird sich zeigen. Aber der Weg ist verborgen. Geschützt.“ Sie sahen sich an, dann legten sie sich im Kreis auf den Boden, die Hände in den Schnee gedrückt, ihre Körper wie Teile eines uralten Symbols.
Ein leises Summen entstand, eine Energie, die die Luft um uns zu verändern begann. Der Fels vor uns begann zu beben – kaum hörbar, aber spürbar.
Dann – aus dem Nichts – entstand ein Spalt in der Felswand. Erst schmal wie ein Ritz, dann langsam weiter werdend, bis ein dunkler Durchgang vor uns lag, der in Tiefe und Schwärze führte.
„Ihr müsst schnell gehen“, sagte eines der Kinder. „Wenn ihr zögert, kann der Weg sich wieder verschließen. Und andere könnten euch folgen.“
Ich sah Papa an, er nickte und streckte mir kurz die Hand hin, wir alle traten gemeinsam vor.
Und dann gingen wir – durch das uralte Tor aus Eis und Stein – hinein in das Unbekannte, dorthin, wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vielleicht nur einen einzigen Namen trugen: Bran.
Hinter uns schloss sich der Eingang mit einem kaum hörbaren, dumpfen Grollen – fast wie das Atmen des Felsens selbst. Kein Licht mehr von draußen. Kein Laut. Kein Weg zurück. Auch die Kinder des Waldes waren verschwunden.
Das Einzige, was vor uns lag, war ein schmaler, feuchter Gang, so eng, dass selbst meine Schultern beinahe die kalten Wände streiften. Die Luft war still, doch irgendwie… durchdrungen von etwas Altem. Wie Geschichte, die man riechen konnte.
Ich drehte mich leicht zu Papa, sah, wie er wachsam den Gang musterte. Leise, so dass die anderen es nicht hörten, fragte ich: „Bist du… bereit, ihn wiederzusehen?“ Er sah mich an. Kurz. Und ehrlich. „Ich weiß nicht.“ Ich griff seine Hand. „Ich bin da. Es wird gut.“
Er drückte sie sanft, und gemeinsam setzten wir uns in Bewegung, dicht hinter Cengiz und Tyrion.
Cengiz stieß sich nach wenigen Schritten den Kopf an einer niedrigen Stelle, fluchte leise. „Verdammte…“ Tyrion grinste. „Tja. Vorteile eines bescheidenen Wuchses. Ich könnte aufrecht hier drin tanzen.“ Ein paar leise Lacher. Selbst Papa schnaubte. Es half. Nur ein bisschen – aber es half.
Dann öffnete sich der Gang.
Wir traten in eine gewaltige Höhle, durchwachsen von Wurzeln und glimmendem Moos. In der Mitte – ein riesiger, blasser Weirwood-Baum, seine Äste weiß wie Knochen, die Blätter rot wie altes Blut. Und inmitten der Äste – wie ein Teil des Stammes selbst – saß er.
Bran.
Nicht mehr wie früher. Nicht wie ein Bruder. Nicht wie ein Junge. Er war… still. Und tief. Als hätte er keinen Körper mehr – nur noch ein Dasein.
„Ich habe euch erwartet“, sagte er, ohne den Mund zu bewegen.
Cengiz trat vor, begann zu sprechen – „Bran, ich hatte Visionen, und ich dachte vielleicht—“
Bran hob eine Hand. „Ich weiß.“
Cengiz stockte. „Was meinst du mit… du weißt? Woher? Was genau?“ Seine Stimme war nervös, beinahe gereizt. Bran sah ihn nur ruhig an. „Berührt den Baum. Einen Ast. Ihr alle. Fürchtet euch nicht.“
Ich war der Erste, der zögernd die Hand ausstreckte. Der Ast war kalt – aber nicht unangenehm. Er vibrierte, leise, wie eine entfernte Melodie. Nach und nach taten es auch die anderen. Papa, Sam, Jon, Cengiz, Ygritte, Dickon, Tyrion. Ein sanftes Leuchten umhüllte uns, dann – ein Sog.
Die Vision des Raben
Und wir waren… woanders.
Kein Felsen. Kein Baum. Nur Himmel. Gebirge. Und ein einzelner Turm – steil, einsam, von der Sonne getränkt. Ich drehte mich erschrocken um, suchte Papas Blick. „Wo… sind wir?“ Er war ebenso verwirrt.
Dann – Cengiz, der leise sagte: „Tower of Joy…“
Ich sah ihn an. „Ist das nicht… der Ort, wo Quentyn damals… wo sie ihn umgebracht haben?“ Er nickte, langsam.
Sein Blick flog zu Bran, der ruhig neben uns stand, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. „Kannst du uns sagen, was passiert ist? Wer Quentyn getötet hat?“ fragte Cengiz mit fester Stimme.
Bran antwortete ruhig: „Das ist eure Aufgabe.“
„Warum zeigst du uns dann das hier?“ fragte Cengiz, fast schon fordernd.
Bran ging los, langsam, mit diesen beinahe schwebenden Schritten. „Weil ihr begreifen müsst, dass die Wahrheit nicht nur in Worten liegt.“
Wir folgten ihm um den Turm herum – und plötzlich hörte ich Papa neben mir leise, scharf einatmen.
Ich drehte mich sofort zu ihm. „Was ist?“ Sein Blick war nach unten gesenkt – auf einen Körper. Ruhig. Friedlich. Und tot.
„Arthur Dayne…“, flüsterte Papa. Ich trat neben ihn, betrachtete die Rüstung. Das Schwert in der Nähe. Die Haltung. „Ist er das wirklich?“ „Ja… ja, das ist er.“ Er trat einen Schritt zurück. „Dann muss Ned auch hier sein.“
Bran nickte. „Ned ist hier. Aber nicht draußen.“
Papa sah mich an, sichtlich verwirrt. „Sie haben uns immer gesagt… Ned Stark hat Arthur Dayne im Zweikampf besiegt. Einer gegen einen. Aber das hier…“ Er schüttelte den Kopf. „Vielleicht war das eine Lüge.“
„Was ist hier passiert?“ fragte ich leise. „Das“, antwortete Bran, „geht tiefer als du denkst.“
Dann trat er durch eine halb geöffnete Steintür. Und wir folgten ihm – in den Turm, der mehr Geheimnisse trug als irgendein Buch je aufschreiben konnte.
Die Treppen nach oben waren schmal und gewunden. Ich bemerkte, wie schwer sich Cengiz tat, als wäre jeder Schritt eine Erinnerung, die er nicht wollen würde.
Und dann – ein Raum.
Sonnenlicht fiel durch das Fenster. In der Mitte – ein Bett. Darauf eine Frau, jung, bleich, blutend. Und davor – kniend, schwankend – Ned Stark. Sein Blick voller Schmerz. Voller Dringlichkeit.
Papa blieb abrupt stehen. Sein Gesicht… wurde ganz still.
Und ich fragte mich, was uns Bran hier wirklich zeigen wollte.
Ich spürte, wie Papas Griff an meinem Arm stärker wurde. Sein Blick hing an der Szene vor uns, an der Frau im Bett, die schwach atmete – und an Ned Stark, der an ihrer Seite kniete, verzweifelt, hilflos, so menschlich, dass mir selbst das Herz schwer wurde.
Cengiz flüsterte: „Wer… wer ist sie?“ Seine Stimme hallte leise in dem Raum wider.
Bevor Bran antworten konnte, trat Jon näher, bleich geworden. „Das… das ist Lyanna Stark“, sagte er stockend. „Meine… Tante.“
Bran nickte nur, ruhig, beinahe mitleidig. „Ja.“
Ned kniete bei ihr, Tränen in den Augen. „Lyanna, bitte… bleib bei mir…“ Sie lächelte matt, ihre Finger tasteten nach seiner Hand. „Ned… du musst… auf sie aufpassen.“
Wir alle blickten uns an – verwirrt. Sie? Wer war sie?
Dann legte Lyanna ihm ein in Tücher gewickeltes Bündel in den Arm. Ein Baby. Winzig, kaum sichtbar unter all dem Stoff. Ned begann zu zittern, Tränen fielen auf das Kind.
„Du musst auf ihn, seinen Bruder und seine Schwester aufpassen“, flüsterte Lyanna mit brüchiger Stimme. „Und… niemand darf wissen, wer sie sind. Niemals.“
Ich starrte sie an. „Was…?“ Aber Bran sagte nichts.
Ned drückte das Baby an sich, weinte still. „Wie… wie heißt er?“ Lyanna schloss für einen Moment die Augen, flüsterte: „Aegon… Aegon VI.“ Dann lächelte sie sanft, erschöpft, während Ned nickte – traurig, ergeben.
Wir alle standen sprachlos da, die Luft im Raum still wie vor einem Sturm. Ich konnte kaum denken. Aegon VI. Der Name hallte in meinem Kopf wider.
Und dann – Schritte. Zwei Gestalten traten ein.
Ich erkannte die Gesichter sofort. Jory Cassel. Und… Oberyn Martell.
Beide trugen etwas in den Armen – Babys. Jory hielt ein kleines Mädchen. Oberyn einen kleinen Jungen.
Lyanna lachte schwach, ihr Atem schwer, aber in ihren Augen lag Zärtlichkeit. „Das sind sie“, flüsterte sie. „Aegons Geschwister… Aenara… und Aemon.“ Sie hustete, das Blut an ihren Lippen glänzte dunkel. „Sie sind Rhaegars Kinder… meine… und seine.“
Der Name fiel wie ein Schwert in den Raum. Rhaegar Targaryen. Der Prinz, der am Trident fiel.
Mein Herz raste. Ich hörte, wie Papa leise Luft einsog. Cengiz war bleich geworden. Er starrte auf Oberyn, als könnte er nicht glauben, was er sah.
„Oberyn…“ flüsterte er.
Oberyn – so jung, so lebendig, so anders als der Mann, den wir verloren hatten – wiegte den kleinen Jungen in den Armen, sein Blick voller Wärme. Aber er reagierte nicht auf Cengiz’ Stimme.
Cengiz’ Knie gaben nach. Ich war sofort bei ihm, stützte ihn, mein Herz klopfte wild. „Hey, hey…“ Papa kam her, legte Cengiz die Hand auf die Schulter, half, ihn aufzurichten.
„Bran…“ presste Cengiz hervor. „Was… was soll das heißen?“
Brans Stimme war ruhig, fast sanft. „Siehst du es noch nicht? Siehst du, wer du bist?“
Aber Cengiz konnte nur den Kopf schütteln. Und Bran flüsterte: „Warte.“
Wir alle sahen wieder zu Lyanna. Ihr Atem war flach, ihre Haut bleich. „Ned…“ hauchte sie. „Ich liebe dich…“
Er nickte, Tränen liefen über sein Gesicht. „Ich verspreche es, Lyanna. Ich passe auf sie auf. Ich passe auf alle auf.“
Dann… ihr letzter Atemzug. Leise. Friedlich. Stille.
Ned weinte, hielt das Baby – Aegon – fest im Arm. Nach einer Weile trat er zu Jory, der das Mädchen, Aenara, behutsam schaukelte, und zu Oberyn, der Aemon trug.
Ned sprach leise: „Ich kann nicht alle drei mitnehmen. Man würde Fragen stellen. Ich werde sagen… Aegon ist mein Bastard, den ich auf dem Schlachtfeld gezeugt habe. Er wird sicher sein – bei mir.“
Jory schüttelte den Kopf. „Ich kann keine Kinder aufziehen, Ned. Ich habe keine Frau, kein Heim…“
Oberyn sah auf die beiden Kleinen, dann wieder zu Ned. „Ich nehme sie mit“, sagte er. „Nach Dorne. Ich werde sagen, sie sind Kinder aus einer fremden Linie, gerettet im Krieg. Ich werde sie wie meine eigenen aufziehen – aber die Wahrheit bleibt hier. Niemand darf sie erfahren.“
Ned nickte dankbar. „Dann… leb wohl, mein Freund.“
Er sah in das Bündel in seinen Armen. „Jon“, flüsterte er. „Sein Name wird Jon sein.“
Jon – neben mir – erstarrte. Sein Blick war leer. Fassungslos.
Dann sah Oberyn auf die Kinder in seinen Armen. Zuerst auf das kleine Mädchen. „Aenara…“ flüsterte er. „Aber ich werde dich Nina nennen.“ Dann auf den Jungen. „Aemon… Cengiz.“
Cengiz’ Atem stockte. Ich spürte, wie er neben mir zusammensackte, seine Schultern zitterten. „Das kann nicht… das…“ Ich zog ihn an mich, Papa kam näher, legte seine Hand auf Cengiz’ Rücken, stützte ihn.
Tränen liefen über Cengiz’ Gesicht. „Das… das ist unmöglich…“
Brans Stimme durchdrang die Stille. „Nichts ist unmöglich, Cengiz Martell. Nicht, wenn Blut und Feuer sich erinnern.“
Ein dumpfes Grollen durchzuckte den Raum, die Wände flackerten, als würde die Welt selbst atmen. Ich schloss instinktiv die Augen – und als ich sie wieder öffnete, standen wir wieder in der Höhle.
Kein Tower of Joy. Kein Oberyn. Kein Ned. Nur wir. Bran. Und das Echo der Wahrheit, das nicht mehr aus unseren Köpfen wich.
Bran sah uns alle nacheinander an, aber sein Blick blieb am längsten bei Jon und Cengiz. „Jetzt kennt ihr die Wahrheit“, sagte er ruhig, aber mit Nachdruck. „Ihr seid die Söhne von Rhaegar Targaryen und Lyanna Stark. Brüder. Geboren im Schatten eines untergegangenen Reiches.“
Jon schwieg. Sein Blick war leer, nach innen gekehrt. Cengiz wischte sich über die Augen, schluckte. „Die Träume… die Visionen…“, flüsterte er. „…die kamen also von ihr. Von Daenerys.“
Bran nickte. „Sie ist eure Tante. Euer Blut erkennt sich. Deswegen hat sie dich gerufen – sie erwartet von euch befreit zu werden.“
Papa und ich tauschten einen Blick, beide tief beeindruckt von dem, was wir gerade gehört hatten. Dann trat Jon vor. „Aber… wo ist sie?“ „Niemand weiß, wo sie ist“, sagte Tyrion leise, doch Bran hob die Hand.
„Ich weiß es“, sagte er ruhig. „Ich habe sie gesehen. Auf einem Ort aus schwarzem Stein, geformt von Feuer und Salz. Eine Insel im Westen, umgeben von Klippen, mit einem Thronsaal, der von Drachen bewacht wird – aber leer ist.“
Ich sah zu Sam, der blass wurde. „Das klingt wie…“ „Ja“, murmelte Papa. „Dragonstone.“
Bran sah uns eindringlich an. „Sie ist dort. Eingesperrt. Vielleicht verwundet, vielleicht nicht mehr sie selbst – aber lebendig. Wenn ihr sie finden wollt, müsst ihr euch auf den Weg machen. Und zwar bald.“
Die Höhle begann leicht zu beben, ein grollendes Echo vibrierte in den Wänden. Bran drehte sich zum Baum und berührte ihn. „Geht. Ich werde euch nicht begleiten. Mein Platz ist hier – in den Wurzeln der Welt. Aber wenn ihr mich je wieder braucht… ihr werdet es spüren.“
Die Höhlentür öffnete sich wie von selbst – kein Licht dahinter, nur der kalte, weiße Schleier des Schnees.
Jon trat vor. „Bran…“ „Nein“, sagte Bran sanft. „Du musst gehen. Wenn ich mit euch komme, wird sich etwas verschieben, was noch nicht bereit ist.“
Papa nickte langsam. „Wir werden deinen Rat eh nicht vergessen.“ Bran lächelte schwach. „Das hoffe ich.“
Einer nach dem anderen gingen wir durch das Tor, hinaus in den Schnee. Kaum war der letzte von uns draußen, schloss sich der Eingang lautlos hinter uns. Wir standen da, im leichten Schneefall, auf offener Fläche, allein.
Nichts erinnerte mehr an den Ort, an dem wir gerade noch standen. Nur wir – still, schneebedeckt, ein Kreis aus alten Freunden und neuen Wahrheiten.
Tyrion trat nach vorn, blinzelte gegen den Wind. „Ich schlage vor, wir gehen zurück zur Wall. Ich habe Sehnsucht nach einem Feuer, das nicht von Visionen spricht.“
Sam nickte. „Eine gute Idee. Wir können dort Vorräte holen. Und planen.“
Papa blickte zu Jon und Cengiz. Ich tat es auch. „Wie… wie geht’s euch?“ fragte ich leise. „Kommt ihr klar?“
Jon atmete tief durch. „Ich weiß nicht, was ich fühlen soll. Alles… fühlt sich anders an.“
Cengiz trat einen Schritt zurück, sah auf den Boden. „Ich habe es geahnt“, sagte er leise. „Immer. Irgendwas war… nicht richtig. Aber ich verstehe nicht, warum Oberyn es mir nie gesagt hat. Warum hat er geschwiegen? Er wusste es… er war dabei.“
Papa trat zu ihm, legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Vielleicht, um dich zu schützen“, sagte er ruhig. „Ich weiß, wie es ist, wenn man seinem eigenen Kind nicht sagt, wer er wirklich ist. Man glaubt, es ist besser so. Sicherer.“ Dabei sah er mich an, ein schiefes Grinsen auf den Lippen. „Und manchmal geht der Plan auch auf. Zumindest ein bisschen.“
Ich grinste zurück und griff nach einem Schneeballen, den ich ihm direkt an die Schulter warf. „Das war für damals, als du mir gesagt hast, ich wär einfach nur dein Neffe.“
Er tat empört, wischte sich den Schnee ab. „Unverschämt“, murmelte er – aber ich sah das Glitzern in seinen Augen.
Jon trat nun zu Cengiz, umarmte ihn wortlos. Kein Druck, kein Zwang – einfach nur Nähe. „Wir sollten reden“, sagte Jon leise. „Über sie. Über uns. Über alles.“
Cengiz nickte, atmete tief durch. „Ja. Das sollten wir. Ich will das verstehen.“
Papa schob seine goldene Hand in seinen Umhang. „Dann los“, sagte er. „Bevor der Schnee uns ganz frisst.“
Wir wandten uns um und begannen den Weg zurück zur Mauer. Hinter uns lag das, was war. Vor uns das, was kommen musste. Und inmitten von beidem: wir.
Der Wind war ruhiger geworden, fast so, als hätte selbst der Norden verstanden, dass wir lange genug gekämpft hatten. Unsere Schritte knirschten im Schnee, gleichmäßig, erschöpft, aber stetig. Cengiz und Jon liefen ein Stück vor mir – ihre Stimmen waren leise, aber vertraut.
Sie redeten über alles. Über Oberyn, über die Visionen, über Jons Zeit jenseits der Mauer und was es bedeutete, nie zu wissen, woher man wirklich kam. Und obwohl ich ihre Worte nicht alle verstand, sah ich, wie sich zwischen ihnen etwas aufbaute, das nicht so leicht zu erschüttern war: Vertrauen. Vielleicht sogar so etwas wie Familie.
Es rührte mich mehr, als ich sagen konnte.
Papa lief neben mir, die Schultern schwer, aber der Blick wach. Ich war froh, dass er da war. Und trotzdem… mein Blick wanderte immer wieder zurück. Erik. Lennard. Paul. Lewyn. Rodrik.
Fünf Menschen, die in einem eisigen Wald verschwunden waren, während wir weiterzogen. Ich hoffte so sehr, dass sie es zurück zur Wall geschafft hatten. Dass sie dort auf uns warteten. Oder wenigstens… am Leben waren.
Irgendwann, als die Füße schon brannten und der Atem wie Eis in der Kehle saß, begannen wir über das Nächste zu reden. Über das, was kommt. Über Dragonstone.
„Also“, meinte Papa, „nachdem wir uns an der Wall gesammelt haben, ziehen wir nach Winterfell zurück.“ Tyrion nickte. „Sansa muss informiert werden. Und Brienne. Und Bronn… na ja, den nimmt man besser immer mit.“
Sam, dick eingepackt, fügte hinzu: „White Harbour ist der nächste große Hafen. Von dort sollten wir ein Schiff nehmen – wenn das Wetter es erlaubt.“
„Und was, wenn es das nicht erlaubt?“ fragte Dickon. Jon antwortete ruhig: „Dann finden wir einen Weg. Wir haben schlimmeres überlebt.“
Ich schwieg, sah vor mich in das endlose Weiß. Ein Teil von mir wollte losstürmen, alles hinter mir lassen, Daenerys finden, die Wahrheit verkünden. Ein anderer Teil wollte nur zurück nach Winterfell. Zu Sansa. Zu Joren. Zu all den Menschen, die mir Halt gaben.
„Was glaubst du, erwartet uns auf Dragonstone?“ fragte ich Papa leise.
Er überlegte. „Entweder eine Verbündete – oder eine neue Gefahr. Wenn sie so ist wie an der Gold Road und nicht so wie in den Erzählungen der anderen… dann müssen wir bereit sein.“
Ich nickte. Nichts war mehr sicher.
Die Tage verstrichen im Rhythmus der Stille. Schnee fiel, wurde zu Eis unter unseren Füßen. Wir sprachen weniger, ruhten häufiger, aber der Blick blieb stets nach vorn gerichtet.
Und dann – an einem der kältesten Morgen – sah Sam plötzlich auf. „Da“, flüsterte er. Wir alle hoben die Köpfe.
In der Ferne ragte sie auf, wie ein dunkler, scharfer Schnitt im Horizont – die Wall. Majestätisch. Undurchdringlich. Ein stummes Versprechen, dass wir bald wieder ankommen würden.
Papa blieb stehen, sein Blick fest, und ich sah, wie seine Hand leicht zitterte. Nicht vor Kälte – sondern vor Hoffnung. Ob sie da waren. Ob wir noch vollständig waren.
Cengiz trat neben mich. „Fast geschafft“, murmelte er. Jon sah ihn an und nickte – und zum ersten Mal seit Tagen wirkte es, als wären beide angekommen. Nicht nur körperlich.
Wir setzten den letzten Marsch fort, tiefer in Richtung der Wall. Mit schweren Schritten – und pochenden Herzen.
Wiedersehen an der Mauer
Der Schnee knirschte unter unseren Stiefeln, als wir endlich vor dem großen Tor der Wall zum Stehen kamen. Schwarz, gewaltig, frostüberzogen – und doch ein Ort, der nach all den Tagen im Nirgendwo wie eine Verheißung wirkte.
Sam trat nach vorne, das Symbol seiner Stellung als Maester sichtbar. Er klopfte mit dem Handschuh gegen die metallene Glocke. „Öffnet das Tor! Die Brüder kehren zurück!“
Es dauerte nur einen Moment – dann hörten wir das schwere Rattern der Ketten, das Knarzen der alten Mechanik. Das Tor öffnete sich langsam, und im Inneren standen mehrere Männer in schwarzen Mänteln. Ihre Gesichter kalt, prüfend.
Sie musterten uns, als wären wir Geister aus einer vergessenen Zeit.
Ich trat unwillkürlich näher an Papa heran. Cengiz hob leicht das Kinn, und Dickon sah sich aufmerksam um. Nur Jon wirkte… angespannt. Ruhig, aber innerlich weit weg.
„Wieso trittst du nicht vor?“ fragte Cengiz leise. Jon antwortete nicht.
Stattdessen trat einer der Männer vor. Dunkles Haar, ein etwas spöttischer Blick – und eine Hand, die schon nach dem Schwertgriff wanderte.
Er blieb direkt vor Jon stehen. „Du hast Nerven, hier wieder aufzutauchen“, knurrte er.
Jon sagte kein Wort.
„Glaubst du wirklich, du kannst einfach so zurückkommen?“ Er zog sein Schwert. Die Klinge blitzte im Winterlicht.
Wie aus einem Reflex zogen Papa, Cengiz, Dickon und ich ebenfalls unsere Waffen. Argentus war wie ein Teil meiner Hand – die Bewegung war schnell, flüssig. Wir richteten unsere Klingen auf den Mann.
„Willst du das wirklich?“ fragte ich ruhig.
Cengiz trat einen Schritt näher. „Du solltest dir genau überlegen, auf wen du dein Schwert richtest.“
Der Mann schnaubte. „Denkt ihr, ich hab Angst vor euch?“ Seine Stimme war kalt. Die Anspannung lag wie ein dünnes Glas über uns – bereit zu zerspringen.
Dann – auf einmal – lachte er. Laut, warm, echt.
Er ließ das Schwert in den Schnee fallen und trat auf Jon zu. „Du verdammter Narr“, sagte er – und umarmte ihn fest. „Du bist zurück. Endlich.“
Jon schloss die Augen, legte ihm die Arme um die Schultern. „Tut mir leid, Pyp.“
Ich blinzelte. „Pyp?“
Jon drehte sich zu uns. „Das ist Pyp. Einer meiner ältesten Freunde an der Mauer.“ Er klopfte ihm auf den Rücken.
Pyp sah uns an – das Lachen noch in den Augen, aber mit ehrlichem Bedauern in der Stimme. „Tut mir leid für den Auftritt vorhin. Ich war wütend. Nicht, weil ich Jon hasse – sondern weil ich ihn verdammt nochmal vermisst hab.“
Wir sahen uns alle verwirrt an – und dann lachten wir. Cengiz streckte ihm die Hand entgegen. „Okay, aber versprich mir eines: Nie wieder ein Schwert auf meinen Bruder richten.“
Pyp runzelte die Stirn. „Dein… Bruder? Bist du auch ein Stark?“
Wir brachen alle in Gelächter aus. Tyrion klopfte Pyp auf die Schulter. „Es ist komplizierter, als du denkst. Aber du hast Zeit, es zu erfahren.“
Gemeinsam gingen wir zum Aufzug, der schon bereitstand. Als wir einstiegen und die Holzplattform unter uns zu vibrieren begann, schaute Pyp uns immer wieder mit einem Blick an, der irgendwo zwischen Unglauben und Staunen pendelte.
„Also… ihr seid wirklich Brüder?“ fragte er Jon und Cengiz. Jon nickte, Cengiz sagte leise: „Bran hat es uns gezeigt. Unsere Mutter ist Lyanna Stark. Unser Vater war Rhaegar Targaryen.“
Pyp starrte ihn an. „Was zum…“ Dann schüttelte er den Kopf. „Die anderen werden ausflippen.“
Ich lächelte. „Das hoffen wir.“
Pyp lehnte sich leicht gegen das Geländer. „Eure Freunde… die, die euch gefehlt haben… sie sind da.“ Mein Herz machte einen Sprung. Ich spürte Papas Hand auf meinem Rücken.
„Vor etwa einer Woche“, fuhr Pyp fort, „kamen sie an. Nachts. Sie waren erschöpft, voller Schnee und Wunden, und sagten, sie seien von White Walkern angegriffen worden. Aber sie haben’s geschafft. Alle.“
Ich sog hörbar Luft ein.
Cengiz’ Augen weiteten sich. „Alle?“
Pyp grinste. „Alle. Erik. Paul. Lewyn. Lennard. Rodrik. Die hocken oben in der Halle. Haben euch jeden Tag erwartet.“
Ein stilles Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus – und zum ersten Mal seit Tagen… war ich mir sicher: Wir waren nicht mehr nur unterwegs.
Wir waren fast wieder ganz.
Kaum hatten wir den obersten Rand der Wall erreicht, ließ Pyp uns durch das Haupttor. Der Schnee hatte sich zu einer fast kniehohen Schicht getürmt, doch mir war auf einmal warm.
„Pyp – in welcher Halle sind sie?“ fragte ich schnell.
Er zeigte nach rechts. „Große Halle, zweite Tür von links. Da halten sie sich meistens auf, wenn sie nicht trainieren oder schlafen.“
Ich nickte und setzte mich sofort in Bewegung, die anderen folgten. Meine Schritte wurden schneller, fast ein Lauf. Meine Hand legte sich auf den Griff der schweren Holztür – und dann stieß ich sie auf.
Der erste, den ich sah, war Lennard.
Seine hellen Haare, ein Becher in der Hand, eingefroren in der Bewegung. Seine Augen weiteten sich, und er stand langsam auf. Neben ihm erhoben sich Lewyn, Rodrik – und Paul.
„Lukas?!“ rief Paul. Und dann – alle vier gleichzeitig. Wir liefen aufeinander zu, und es war, als wäre keine Zeit vergangen.
Lennard drückte mich zuerst fest an sich, klopfte mir auf den Rücken. „Verdammt, du lebst.“ „Du auch, du Idiot“, murmelte ich.
Lewyn schloss mich als Nächstes in die Arme. „Du siehst schlimmer aus als ich dachte“, grinste er. „Dann kennst du mein Spiegelbild nicht“, konterte ich.
Rodrik legte mir eine Hand auf die Schulter, umarmte mich mit seinem üblichen brummigen Grinsen. Und Paul… Paul drückte mich besonders lang.
„Du hast’s wirklich geschafft…“ flüsterte er. Ich nickte. „Wir alle.“
Nach ein paar Sekunden trat ich einen Schritt zurück. „Wo ist Erik?“ fragte ich.
Paul deutete zur Seite. „Er holt aus dem Speisesaal noch mehr Wein und Tee. Der Vorrat war knapp. Jetzt brauchen wir definitiv mehr. Geh ruhig, er freut sich bestimmt. Und ihr erzählt mir was bei euch passiert ist, nachdem wir getrennt wurden.“
Ich grinste. „Oh ja, viel Spaß vor allem Cengiz wird nicht wissen, wo er anfangen soll.“
Cengiz hob die Braue. „Da hast du Recht Freundchen!“ Paul, Rodrik, Lewyn und Lennard warfen ihm verwunderte Blicke zu.
Ich grinste, drehte mich um – und dann, leise hinter mir:
„Lukas?“ Es war Jon.
„Darf ich mitkommen?“ fragte er. „Ich hab Erik das letzte Mal gesehen, als er vielleicht zehn war. Und… na ja… er ist mein Cousin. Egal, was ich jetzt über mich weiß – das bleibt er und ist er streng genommen auch noch.“
Ich lächelte. „Klar. Komm.“
Gemeinsam liefen wir durch den Gang, unsere Schritte hallten durch die alten, kalten Steine der Wall. Als wir beim Speisesaal ankamen, schob ich leise die Tür auf.
Drinnen war es warm. Erik stand an einem der alten Regale, drehte eine Weinflasche in der Hand, den Blick konzentriert.
Ich schlich mich näher… und tippte ihm ganz leicht an die Seite.
„AUA! Verdammt, Lukas!“ Er fuhr herum – und stieß sich den Kopf mit voller Wucht am Schrank über ihm.
„Du bist ein Idiot“, keuchte er und rieb sich die Stirn. Dann… erkannte er mich.
Sein Blick veränderte sich. Die Augen wurden weit, die Lippen zitterten leicht.
„Du bist… zurück.“
Ich nickte. „Ja.“
Er trat auf mich zu, legte erst eine Hand auf meine Schulter – und zog mich dann in eine feste, unerwartet emotionale Umarmung. „Geht’s dir gut?“ fragte er. Seine Stimme war rau. „Ich hab mir solche Sorgen gemacht…“
„Mir geht’s gut“, sagte ich. „Und dir?“
„Jetzt besser.“ Er atmete tief aus. „Ich bin so froh, dass du hier bist.“
Ich grinste leicht. „Ich hab auch was für dich.“
„Was meinst du?“ „Eine Überraschung.“
Er runzelte die Stirn – und in diesem Moment trat Jon ein. Er blieb in der Tür stehen. Erik starrte ihn an – und die Weinflasche rutschte ihm fast aus der Hand.
„…Jon?“
Jon trat näher. Und dann… Erik ließ alles stehen und lief auf ihn zu, umarmte ihn fest.
„Ich hab dich nicht mehr gesehen, seit ich ein Kind war…“, murmelte Erik. Jon lächelte. „Ich weiß. Aber du bist gewachsen.“
„Du auch. Vielleicht nicht in der Höhe“, grinste Erik. Jon lachte. „Touché.“
Dann packten wir Flaschen, Krüge, einen dampfenden Topf mit Tee, und einige Becher zusammen. Der Weg zurück zur Halle war ruhig – aber in der Luft lag ein neues Gefühl.
Familie. Freude. Und… Hoffnung.
Die große Halle war erfüllt von Stimmen, Lachen, Klirren, Umarmungen. Die Nachricht über Daenerys, über Jon und Cengiz – sie hatte alle geschockt, bewegt, aber auch enger zusammengeschweißt. Und irgendwann… wurde aus Gesprächen ein Fest.
Dickon hatte noch irgendwo Met aufgetrieben, Paul entdeckte einen Karren mit altem Käse, und Rodrik fand in einer Schublade eine Laute, auf der er erstaunlich gut spielen konnte – zumindest, solange niemand zu genau hinhörte. Wir aßen, tranken, lachten.
Lewyn hielt eine improvisierte Rede – irgendwo zwischen ernst und komplett daneben – und Lennard tanzte mit Pyp auf einem Tisch, bis der unter ihnen zusammenbrach. Es war schön. Verrückt, laut, warm. Lebendig.
Irgendwann – während ich mit Cengiz und Erik eine hitzige Diskussion darüber hatte, welcher von uns am meisten trinkt – spürte ich einen Arm um meine Schultern.
„Lukaasss…“ Die Stimme war weich, tief – und mehr als nur betrunken. Ich drehte mich zur Seite.
Papa.
Sein Blick war glasig, seine Wangen gerötet. Er schwankte leicht, obwohl er noch stand wie ein Ritter, der sich nicht eingestehen will, dass der Wein gesiegt hatte.
„Du sollst nicht so viel trinken“, nuschelte er. „Morgen geht’s nach Winterfell. Und… und Sansa… du sollst ja nicht… du sollst nicht stinken. Nach… Wein und nach Löwe.“
Ich grinste, hob meinen Becher. „Also wenn ich stinke, Papa, dann bist du ein ganzer Weinkeller.“
Er knuffte mich an der Schulter, lachte laut – und torkelte weiter, um sich mit Jon über den besten Jahrgang in Casterly Rock zu streiten.
Irgendwann begann das Chaos.
Rodrik war der Erste, der am Tisch zusammensackte – mit einer halbleeren Schale Fleisch in der Hand und seinem Kopf darin. Er schnarchte zufrieden.
Lewyn schlief unter dem Tisch, die Laute auf dem Bauch, beide Arme um einen Brotlaib geschlungen, als wär’s sein Schatz.
Cengiz hatte sich auf einem Bärenfell zusammengerollt, die Beine halb über Pyp geschlungen, der mit offenem Mund auf einer Bank lag und sich nicht mehr bewegte, als Cengiz im Schlaf leicht auf ihn trat.
Lennard schlief eingerollt in einem Vorhang, den er sich kunstvoll um den Körper gewickelt hatte, mit einem Dolch in der Hand, den er wie einen Teddybären hielt.
Jon hatte es geschafft, mit einem Becher in der Hand an die Wand zu rutschen – Augen zu, Arme verschränkt, der Ausdruck: Ich bin nicht betrunken, ich ruhe nur meine Gedanken aus.
Sam war eingeschlafen mitten im Satz, den Kopf auf ein Buch gestützt, das noch immer offen vor ihm lag.
Paul und Dickon lagen Rücken an Rücken auf dem Boden, wie zwei gefallene Krieger – allerdings mit Käsebroten in der Hand.
Erik hatte sich halb auf eine Bank, halb auf einen Stapel Pelze gerollt – und schlief dort friedlich, den Arm über einen Weinschlauch gelegt, den er offenbar mit ins Traumland nehmen wollte.
Und ich?
Ich lag irgendwann mitten in der Halle – zwischen zwei kleinen Feuerstellen, auf einer alten Decke, die wie ein Umhang über mir ausgebreitet war. Mein Kopf ruhte auf Papas goldenem Mantel, den er mir im Halbschlaf zugeworfen hatte, mit dem Satz: „Das hier ist Königsstoff. Schlaf wie ein Prinz.“
Und ich? Ich schlief wie ein Sohn. Mit einem Lächeln im Gesicht.
Der Morgen begann langsam. Wir waren alle nicht ganz wach, nicht ganz nüchtern – aber bereit. Pyp bekam das Kommando über die Night’s Watch übergeben, was ihn zuerst verwirrte, dann stolz machte, und als Jon ihm die Schulter tätschelte und sagte, dass er ihm vertraue, strahlte er, als hätte man ihn zum Lord Commander gemacht.
Wir stiegen auf unsere Pferde, in kleinen Gruppen – manche noch mit Restwein in der Stimme, andere schon wieder in Planungslaune. Der Ritt dauerte Tage, doch je näher wir Winterfell kamen, desto stärker wurde das Gefühl, wirklich nach Hause zu kommen.
Zurück in Winterfell
Und dann: Endlich. Winterfell.
Die Tore öffneten sich, und gerade als ich vom Pferd glitt, sah ich sie. Sansa.
Neben ihr Brienne, hoch aufgerichtet, stolz wie immer. Aber mein Blick… mein Blick fiel nur auf sie.
Sansa kam direkt auf mich zu, warf mir einen Blick zu, der irgendwo zwischen Lächeln und Tränen lag, und küsste mich, noch bevor ich richtig stehen konnte.
„Ich hab dich so vermisst“, hauchte ich. „Ich… dich tatsächlich auch“, flüsterte sie mit einem kleinen Lächeln – eines dieser Sansa-Lächeln, die gleichzeitig stolz und weich waren.
Ich lachte. „Ich hab eine Überraschung für dich.“ Und dann sah sie ihn.
Jon.
Sie hielt inne – nur für den Bruchteil eines Atems – und dann liefen ihr die Tränen übers Gesicht. Sie rannte auf ihn zu, umarmte ihn fest, hielt ihn lange, während er ihr direkt erzählte, was passiert war. Ihre Hand zitterte, als sie über seinen Rücken strich.
Ich stand daneben, ein warmes Gefühl im Herzen. Dann drehte ich mich zu Brienne. „Und wo ist Joren?“, fragte ich neugierig.
Brienne grinste – richtig breit. „Bei Bronn.“
Papa und ich sahen uns an. „Bei Bronn?“, fragte er stirnrunzelnd. „Ja. Sie spielen zusammen. Irgendwas mit Figuren. Und Joren will jeden Abend wissen, wann ihr wiederkommt. Er hat euch echt vermisst.“
Papa lachte. „Ich glaub, ich brauch gleich einen Maester. Ich bilde mir ein, Bronn beim Spielen mit einem Zweijährigen vor mir zu sehen.“
„Kommt. Schaut selbst.“
Wir gingen durchs alte Gemäuer, vertraute Schritte, vertrauter Wind. Und dann standen wir vor Jorens Tür. Ich wollte gerade reingehen, als Papa mir die Hand auf die Schulter legte.
„Warte. Hör zu.“
Ich blieb stehen. Und dann hörte ich es.
„Nein, Ser Flauschohr, du darfst nicht einfach durch das Drachentor galoppieren, wenn du nicht vorher den König gefragt hast“, kam eine Stimme von drinnen – Bronn, eindeutig Bronn – in einem Ton, den ich in meinem ganzen Leben nie für möglich gehalten hätte.
„Aber der Drache ist böse!“, kam Jorens Stimme, aufgebracht. „Das heißt nicht, dass du mit deiner Plüschlanze auf ihn eindreschen darfst, mein kleiner Kommandant.“
Ich presste mir eine Hand auf den Mund, Papa lehnte sich an die Wand, beide völlig am Ende vor Lachen.
Ich öffnete die Tür.
Drinnen saß Bronn mit überkreuzten Beinen auf dem Boden, eine Decke um die Schultern, ein halb zerkauter Stoffdrache in der einen Hand, ein Holzkönig in der anderen. Joren hockte vor ihm, mitten in einem Schlachtfeld aus Kissen, Figuren und Plüsch.
Bronn sah auf, gefror.
„Oh nein.“
Joren sprang sofort auf, lief auf uns zu und klammerte sich an Papa und mich. Ich hob ihn auf den Arm, während er vor Freude quiekte und mir ins Ohr flüsterte: „Papa! Lu! Ihr seid wieder da! Bronn hat mich Drachen kämpfen lassen! Und hat Prinzessin gerettet, die mein Pferd ist!“
Ich blickte zu Bronn, der mittlerweile mit leerem Blick auf das Spielfeld sah, so als wolle er es am liebsten abbrennen.
„Das Spielfeld ist zerstört“, murmelte er. „So fängt jede Tragödie an.“
Papa lachte sich halb tot. „Du bist ja richtig weich geworden, Bronn.“
Bronn stand auf, klopfte sich ab, trat beinahe auf eine Plüschziege. „Wenn irgendjemand davon erfährt… dass ich Flauschohr gesagt habe… ich schwöre, ich bring euch beide um.“
Ich grinste. „Schade, ich wollte es gerade Paul erzählen.“ „Und ich Tyrion“, fügte Papa hinzu.
Bronn warf uns einen tödlichen Blick zu – der allerdings weniger tödlich wirkte, wenn man gleichzeitig eine pinke Plüschprinzessin in der Hand hielt. Joren winkte ihm fröhlich zu. „Bronn, sag Tschüss Flauschohr!“
Bronn schloss die Augen.
Das Abendessen war einfach. Warmes Fleisch, dornischer Wein, Brot, Wurzelgemüse, ein paar geröstete Nüsse – nichts Prunkvolles, aber genau das, was wir nach so einer Reise brauchten.
Wir saßen beisammen an der langen Tafel in Winterfell: Papa, Joren, Sansa, Brienne, Tyrion, Bronn und ich. Kein Krieg. Keine White Walker. Kein Geheimnis, das aufgedeckt werden musste. Nur Wärme, Lachen und vertraute Stimmen.
Joren hatte nach dem Essen Platz auf Papas Schoß genommen. Er saß dort wie selbstverständlich, fast königlich, und spielte mit dem weiten Ärmel von Papas Wams. Ab und zu griff seine kleine Hand auch zu mir rüber und zwirbelte an meinem Stoff, so als müsste er sicherstellen, dass wir wirklich da waren.
Papa fuhr ihm mit der Hand durch die wuscheligen Haare. Mehrmals. Mit leichtem Schmunzeln.
Joren verzog das Gesicht, zog die Stirn kraus und sagte genervt: „Nicht schon wieder, Papa… hör auf damit!“
Ich musste lachen. „Ist gar nicht so schlimm wie du denkst, Joren. Eigentlich ziemlich angenehm.“
Papa zog sofort triumphierend die Augenbrauen hoch. „Ha! Siehst du? Sag ich doch!“
Joren schmollte gespielt, ließ aber meine Hand nicht los. Er schwieg einen Moment, und dann – mit leiser, aufrichtiger Stimme – sah er zu mir hoch:
„Ich hab dich vermisst. Ganz doll. Du bist der beste große Bruder auf der Welt.“
Ich spürte, wie es mir die Kehle zuschnürte, aber ich lächelte.
„Und du bist der beste kleine Bruder auf der Welt.“
Ein kurzer, fester Griff seiner kleinen Finger an meinem Handgelenk. Mehr brauchte es nicht.
Dann drehte er sich um – zu Bronn. „Bronn? Spielen wir morgen wieder weiter?“
Bronn, gerade dabei sich ein Stück Brot mit Käse in den Mund zu schieben, erstarrte. Sein Blick wanderte langsam zu Tyrion, der schon fragend eine Augenbraue hob.
„Was spielt ihr denn so, ihr zwei?“, fragte Tyrion grinsend.
Und Joren… … begann zu erzählen. Alles. Wirklich alles.
Wie Bronn „Ser Flauschohr“ gerettet hat. Wie der fliegende Teppich mit der Keksarmee gegen die Drachenkönigin verlor. Wie Bronn mit der Plüschlanze in Zeitlupe über die erste große Schlacht der Kissen im Plüschreich gerannt ist.
Tyrion brach als Erster in Lachen aus. Dann ich. Dann Papa. Dann sogar Brienne. Und selbst Sansa konnte nicht anders, als sich das Gesicht mit beiden Händen zu verdecken, um nicht zu laut loszuprusten.
Bronn jedoch stand auf. Langsam. Er richtete sich auf wie ein Mann, dem große Ehre genommen wurde.
„Ich… gehe jetzt. In eine Taverne. Mit Bier. Viel Bier.“
Er sah Joren gespielt verletzt an. „Ich bin nicht wütend. Nur… enttäuscht.“
Dann wandte er sich zur Tür.
Doch als er an uns vorbeiging, beugte er sich leicht zu Joren runter, so dass nur der Kleine es hören konnte – aber ich bekam es trotzdem mit:
„Natürlich spielen wir morgen weiter. Aber dann bist du der mit dem rosa Helm.“
Joren nickte stolz.
Bronn ging raus – und wir lachten weiter.
Die letzten Tage in Winterfell waren… ehrlich gesagt wunderschön.
Wir haben nichts Großes getan – und genau das war das Beste daran. Spaziergänge durch die verschneiten Höfe, ein Kartenspiel vor dem Kamin, Joren auf dem Rücken von Papa, während Bronn fluchend seine Runden im Burghof drehte. Es war… ruhig. Und es fühlte sich an wie Zuhause. Vielleicht das erste Mal, seit langer Zeit, wirklich.
Aber der Plan stand. Morgen früh würden wir aufbrechen – Richtung White Harbour. Von dort aus sollte das Schiff nach Dragonstone gehen.
Cengiz, Jon, Ygritte, Lennard, Tyrion, Lewyn, Papa und ich. Kein leichtes Trüppchen – aber bereit für alles, was kommt.
Es war spät geworden, als ich mit Sansa in unserem Zimmer lag. Das Kaminfeuer brannte leise, und sie lag neben mir, ihren Kopf leicht auf meiner Schulter. Ich spielte mit einer Strähne ihres roten Haares, und wir redeten nicht viel. Es war diese stille Art von Nähe, die sich nicht beweisen muss.
Dann – ganz plötzlich – sagte sie:
„Ich komme mit.“
Ich drehte leicht den Kopf zu ihr. „Was meinst du?“
„Nach White Harbour. Und auf das Schiff. Ich will mit nach Dragonstone.“
Ich richtete mich etwas auf, blinzelte sie verwundert an. „Sansa… du kannst nicht einfach mitkommen. Es ist gefährlich, wir wissen nicht mal genau, was uns erwartet, und—“
„Ich habe mit den anderen gesprochen“, unterbrach sie mich sanft. „Mit Brienne. Mit Tyrion. Sogar mit deinem Vater.“
Ich wollte etwas sagen, irgendein Gegenargument, irgendetwas Vernünftiges – doch sie war schneller.
„Denk doch mal nach, wer alles mitkommt. Glaubst du, ich bin allein? Ich habe genug Leute, die auf mich aufpassen – wenn es nötig ist. Und vielleicht… kann ich ja auch auf dich aufpassen.“
Ich blinzelte. „Auf… mich?“
„Ja“, sagte sie und schmunzelte. „Und auf deinen Vater. Ihr zwei tut beide immer so, als hättet ihr keine Angst – damit der andere keine bekommt. Aber ich weiß, dass ihr sie habt. Jeder Mensch hat Angst. Und vielleicht ist es gut, wenn jemand dabei ist, der euch ein bisschen davon abnimmt.“
Ich schluckte. Ihr Blick war so ernst und warm zugleich. Sie hatte recht. Natürlich hatte sie recht. Aber noch mehr als das… sie kannte uns.
Kannte mich.
Ich konnte nichts sagen. Ich wusste einfach nicht wie. Stattdessen legte sie einen Arm um mich und zog mich an sich.
„Keine Sorge“, flüsterte sie lachend an meinem Ohr. „Ich hab schon gepackt.“
Ich schloss die Augen. Und für einen Moment war alles gut.
Der Morgen bricht früh an. Die ersten Sonnenstrahlen sickern durch die Fensterläden, und es liegt diese ganz besondere Stille in der Luft – die, bevor ein Abschied kommt. Sansa hatte sich gerade aus dem Bett geschwungen, sich kurz zu mir heruntergebeugt und mir einen Kuss auf die Stirn gedrückt.
„Ich sprech noch kurz mit Brienne wegen Winterfell“, sagte sie sanft. „Geh du ruhig schon zu Joren. Du weißt ja, wie schwer ihm sowas fällt.“
Ich nickte. Mehr als das: Ich wusste es nur zu gut.
Ich zog mich an, trat in den Flur und ging zu seiner kleinen Holztüre. Einmal, ganz sanft, klopfte ich an.
„He’hein…“ kam es leise und ein wenig brüchig von drinnen. Ich drückte die Tür auf – und da saß er. Joren. Im zu großen Hemd, die Decke nur halb über die Beine geworfen, trauriger Blick, hängende Schultern.
Ich ging zu ihm, setzte mich ans Bett und nahm ihn in den Arm. Er klammerte sich sofort an mich, sein Kopf gegen meine Brust gedrückt.
„Was ist los, mein Kleiner?“, fragte ich leise.
Er schniefte. Dann kam’s kleinlaut:
„…bin traurig.“
Ich hielt ihn fester. „Wieso denn?“
„Will nich’… will nich’, dass du und Papa weggeht…“
Ich drückte meine Wange an seinen weichen Schopf. „Wir kommen doch wieder. Versprochen. Und weißt du was? Wenn wir zurück sind, dann fahren wir alle zusammen nach Tarth. In den Urlaub. Und dann gehen wir zusammen ins Meer, du, Papa und ich. Und Brienne zeigt dir alles. Und wir spielen und schauen uns alles an, was es da gibt – Seesterne, Felsen, Höhlen… das wird richtig toll.“
Er hob kurz den Kopf, als würde die Vorstellung ihn aufmuntern – aber dann kamen wieder die Tränen. Und er drückte sich noch fester an mich.
„…aber… Papa hat so komisch Tschüss gesagt…“ murmelte er. Seine Stimme war zittrig, fast ein Flüstern. „…hat… hat mir ganz lang auf d’ Kopf gefasst… und… und dann gesagt, dass ich… tapfer sein muss… und dass er mich lieb hat… ganz viel… und… und das klang… das klang wie wenn er… wie wenn er nicht…“
Er brachte den Satz nicht zu Ende. Er schluchzte. Klein. Verletzt. Zwei Jahre alt – und voller Angst.
Ich schloss die Augen, hielt ihn fester, streichelte sanft seinen Rücken. Dann flüsterte ich ganz ruhig:
„Hey… hey, Joren… Papa kommt wieder. Ich komme wieder. Wir lassen dich nicht allein, hörst du? Wir haben dir versprochen, dass wir zu dritt im Meer schwimmen gehen. Und du weißt doch – Papa und ich halten immer unsere Versprechen.“
Sein Weinen wurde leiser.
„Und weißt du was noch?“, fügte ich hinzu, während ich ihm durch die Haare fuhr, so wie Papa es immer tat. „Du musst ganz, ganz viel mit Bronn spielen bis wir zurück sind, okay? Du bist doch sein bester Freund.“
Da lachte er tatsächlich. Noch mit feuchten Wangen – aber das erste Lächeln war wieder da. Ein kleines, ehrliches Kinderlächeln.
Ich küsste ihn auf den Kopf, drückte ihn nochmal ganz fest. „Ich hab dich lieb, kleiner Bruder.“
„Ich hab dich auch lieb“, murmelte er.
Dann ließ ich ihn los – langsam, vorsichtig. „Ich such jetzt Papa, ja? Und dann holen wir dich später nochmal zum Winken. Aber du musst stark sein, Joren. Du bist doch unser kleiner Löwe hmm.“
Er nickte und wischte sich über die Augen. „Und ich spiel mit Bronn. Aber… du musst auch mit mir spielen wenn du wieder da bist.“
„Ganz sicher“, versprach ich. Und lächelte, als ich zur Tür ging.
Ich stürmte durch die Gänge.
Meine Schritte hallten auf dem kalten Steinboden, schneller mit jedem Meter. Ich war so voller Wut. Nicht auf ihn… oder vielleicht doch. Aber eigentlich war es Angst. Reine, nackte Angst. Wie konnte er Joren so etwas sagen? Wie konnte er so… endgültig klingen?
Ich bog um die Ecke und riss die Tür auf zum Nebenraum der Stallungen. Der Geruch von Leder, Heu und kalter Morgenluft schlug mir entgegen.
Und da war er. Papa. Gerade dabei, eine Satteldecke zu falten. Der Blick konzentriert – fast zu ruhig.
„Wie konntest du nur?!“, platzte es aus mir heraus. Er blickte auf, erschrocken – aber sagte nichts. Ich trat ein, die Tür schlug hinter mir zu.
„Wie konntest du ihm nur so Angst machen?! Er ist zwei! Zwei, Papa! Und er saß da, ganz allein in seinem Zimmer und hat geweint – weil er denkt, du kommst nicht zurück!“
Er atmete schwer. „Ich… ich wollte ihn nicht anlügen, Lukas. Ich will’s ihm nicht versprechen, wenn ich’s nicht weiß.“
„Was?!“ Ich war fassungslos. „Was sagst du da eigentlich?!“
Ich ging auf ihn zu, legte beide Hände an seine Wangen, zwang ihn mich anzusehen. „Du hörst dir selbst zu, oder? Du bist nicht allein. Du hast Joren. Du hast mich. Und du sagst so etwas…?“
Er blinzelte. Ein Schmerz flackerte in seinen Augen auf, den ich viel zu gut kannte.
„Ich weiß nicht, was passiert, Lukas…“, sagte er rau. „Wenn Daenerys noch immer… wenn sie mich sieht… was, wenn–“
„NEIN!“ Meine Stimme zitterte. „Du lässt uns nicht allein! Du kannst das nicht! Ich… ich hab ihm gesagt, dass wir zusammen nach Tarth fahren, wenn das hier vorbei ist. Dass wir Urlaub machen und im Meer schwimmen und dass du bei uns bist. Ich hab ihm das versprochen – weil ich geglaubt hab, dass du's mir versprochen hast!“
Da brach auch er. Seine Arme kamen hoch, stark und doch zitternd. Er zog mich an sich, presste mich an seine Brust, und ich fühlte, wie sein Herz raste.
„Ich verspreche es dir“, flüsterte er heiser. „Hoch und heilig. Ich komme zurück, wir. Für Joren. Für dich. Für uns.“
Ich schloss die Augen. Seine Stimme bebte – aber sie war ehrlich.
„Versprich’s dir auch selbst“, flüsterte ich gegen seine Schulter. „Nicht nur für uns. Für dich. Du willst das doch auch.“
Er hielt mich fester. „Ich will das auch.“
Ein Moment verging in dieser Stille, die nur vom entfernten Wiehern der Pferde unterbrochen wurde. Dann, leise, schob ich mich etwas zurück.
„Aber mal ehrlich…“, murmelte ich, „du hättest mir ruhig sagen können, dass Sansa mitkommt.“
Er grinste. „Ja schon, aber du hättest dich gewehrt, obwohl es das Beste für dich und uns ist wenn sie mitkommt. Ich kenn doch deinen Dickschädel.“
Ich lachte, schlug ihm leicht gegen die Brust. „Wahr.“
„Also?“ Er hob die Augenbraue. „Hilfst du mir jetzt mit den Pferden oder willst du dich noch zehn Minuten ausweinen?“
„Ich helf dir, alter Mann.“
Sturm auf See
Etwas mehr als eine Stunde später saßen wir im Sattel. Cengiz und Lennard ritten vorne, Tyrion war mit Lewyn in ein Gespräch vertieft, und Sansa ritt dicht neben mir. Papa – wie immer – im Blick auf alle.
Mit dabei waren: Papa, Cengiz, Tyrion, Jon, Ygritte, Lennard, Lewyn, Sansa und ich. Neun Reiter – entschlossen, leise, aber bereit.
Der Ritt nach White Harbour zog sich über mehrere Tage. Es war ein ruhiger, beinahe meditativer Marsch durch das winterliche Land. Sansa wurde – kaum angekommen – mit Respekt begrüßt, und allein ihr Rang öffnete uns sofort die Tore zum nächsten Schritt.
Ein Schiff. Stark, schnell und bereit. Ein großes Segel mit einem weißen Wolf auf grauem Grund.
Und so stachen wir in See. Mit Blick gen Osten. Gen Dragonstone.
Das Boot war kleiner als gedacht. Nicht instabil – aber man merkte, dass es schon bessere Tage gesehen hatte. Die Planken knarrten bei jedem Schritt, und das salzige Rauschen des Meeres schien durch jede Spalte zu kriechen.
Der Kapitän, der uns am Hafen von White Harbour in Empfang genommen hatte, war… eigen. Er trug eine rote Kapuze, darunter graues, ungepflegtes Haar, und sein langer Mantel wirkte fast wie eine zweite Haut – durch Wind, Salz und Wetter gegerbt. Sein Name war Moryn – oder so stellte er sich vor.
„Seit Jahren war niemand mehr auf Dragonstone“, hatte er mit tiefer, schleppender Stimme gesagt. „Und das Meer… das Meer vergisst nicht, wenn man es stört.“
Ein seltsamer Satz. Aber keiner von uns widersprach. Wir wussten: Was auch kommen würde – wir mussten dorthin.
Die Kabinen waren eng, aber ausreichend. Am ersten Abend versammelten wir uns im kleinen Saal unter Deck – alle auf Holzbänken, ein paar alte Lampen warfen flackerndes Licht auf die Wände.
Ich lehnte mich zurück und sah zu Cengiz.
„Wann bist du eigentlich das letzte Mal mit einem Schiff gefahren?“, fragte ich ihn, grinsend.
Er schüttelte den Kopf. „Nie. Ich… mag das nicht. Ich bin lieber auf Land. Da wackelt nichts.“
Ich lachte leise. Doch als er mich im Gegenzug fragte, wann ich zuletzt auf einem Schiff war… Da blieb mir das Lachen im Hals stecken.
Ich sah kurz zu Papa und Sansa – sie spürten es sofort. Ohne Worte, nur mit einem Blick. Ich erinnerte mich nur zu gut. Nach Ramsay… Ich hatte damals auf dem Schiff Blut verloren, fast den Verstand. Aber Papa hatte in der Nacht kein Auge zugetan, um über mich zu wachen und mich, als ich ankam, direkt in den Arm genommen.
Sie wussten es. Sie sprachen es nicht aus. Aber sie waren da. Wie immer.
Mit jeder Stunde wurde der Wellengang heftiger. Die nächsten Tage zogen sich in einem eigenartigen Rhythmus dahin – mal war das Meer ruhig, dann wieder tobte es wie ein Tier.
Cengiz begann von Visionen zu erzählen. Immer wieder. Von ihr.
„Sie sitzt an einer Steinwand“, sagte er mir leise, in der Nacht, als wir oben an der Reling standen. „Ketten an Händen und Füßen. Und sie schreit… nicht wütend. Verzweifelt. Sie ruft nach Hilfe.“ Er zögerte. „Sie will, dass wir sie befreien.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Aber ich spürte, dass es nicht bloß Träume waren.
Am Abend darauf saßen nur noch Sansa, Papa, Tyrion, Lewyn und ich im kleinen Saal. Jon, Ygritte, Lennard und Cengiz hatten sich früh verabschiedet – verständlich. Das Schiff machte uns allen zu schaffen.
Tyrion hob seinen Becher, drehte sich leicht zu Sansa. „Sag mal, erkennst du den Kapitän eigentlich? Irgendwie wirkt er… sagen wir… merkwürdig.“
Sansa lachte leise. „Ich hab keine Ahnung wer das ist. Ich hab ihn noch nie gesehen. Und ja… er ist komisch.“
Papa runzelte die Stirn. „Ich dachte nicht, dass die Starks eigene Schiffe haben.“
Sansa lachte wieder. „Tun sie nicht.“
Erst war es lustig. Dann… nicht mehr. Unsere Lacher wurden kürzer. Fast… nervös.
Lewyn und ich wechselten einen Blick.
Dann flog plötzlich die Tür auf – Cengiz.
Schweiß auf der Stirn. Atem schwer.
„Ich hatte eine Vision“, sagte er schnell. „Aber nicht von Dragonstone.“
Wir alle waren sofort still.
„Es war… vom Meer. Ich hab Dragonstone gesehen. Schnee… über den Klippen. Aber das war nicht das Schlimmste. Ich hab Trümmer gesehen. Von einem Schiff. Unserem Schiff, glaub ich. Und die Wellen… Götter, sie waren mehrere Meter hoch. Der Himmel war schwarz.“
Stille.
Dann stand Papa auf. „Weck Jon, Ygritte und Lennard. Jetzt. Sofort.“
Cengiz nickte und rannte los.
Papa drehte sich zu mir, Tyrion, Sansa und Lewyn. „Kommt. Wir gehen zum Kapitän.“
Wir eilten aus dem Saal.
Draußen schlug uns sofort der Sturm entgegen. Stockfinstere Nacht. Die See wütete wie ein Drache unter dem Kiel. Der Wind brüllte. Die Planken ächzten.
Cengiz riss die Kabinentür auf. „Jon! Lennard! Ygritte! Aufwachen! Sofort!“
Jon richtete sich halb auf. „Was—?“
„Keine Zeit! Kommt mit. Es ist ernst, ich hatte eine Vision. Jaime ist schon oben, Lukas auch! Beeilt euch!“
Lennard war sofort hellwach. Ygritte fluchte kurz, zog sich dann aber mit einem geübten Griff ihren Mantel über. In weniger als einer Minute standen sie draußen – der Boden unter ihren Füßen vibrierte vom peitschenden Meer.
Oben auf dem Deck schlugen uns Wind und Salzwasser ins Gesicht. Papa, Tyrion, Sansa, Lewyn, Lennard und ich suchten die gesamte obere Fläche ab.
„Kapitän Moryn!“, rief Papa gegen den Sturm an. „Wo seid Ihr!?“, rief Sansa, den Mantel eng um sich geschlungen.
Keine Antwort. Nur das Toben der See und das Knarren des Holzes. Die Segel schlugen wild im Wind, das Schiff tanzte auf dem Wasser wie eine zerbrechliche Nussschale.
Wir teilten uns auf:
– Papa und Sansa rannten zurück unter Deck, suchten die Kabinen ab. – Lennard und Lewyn prüften erneut den großen Saal. – Cengiz, Jon und Ygritte liefen zum Bug und hielten dort Ausschau. – Und Tyrion und ich machten uns auf den Weg zum Steuerrad am Heck.
Dort angekommen fiel unser Blick gleichzeitig darauf. Ein Umschlag, an das Holz gebunden – direkt unterhalb des Steuerrads, festgeklemmt mit einer rostigen Messerklinge.
„Was zur Hölle…?“ murmelte Tyrion.
Ich riss den Umschlag ab. Er war mit einem dunklen roten Siegel verschlossen – einem aufgerissenen Auge, umrandet von Flammen.
„Los!“, sagte ich. „Schnell, zu den anderen!“
Wenige Sekunden später standen wir wieder in der Mitte des Decks, der Wind zerrte an unseren Mänteln.
„Seht euch das an!“ rief ich und hielt den Umschlag hoch.
Lewyns Gesicht erbleichte.
„Das ist das Zeichen der Roten Priester…“, sagte er gepresst.
Ich sah ihn entgeistert an. „Was bedeutet das?“
Er antwortete vorsichtig, fast beschwörend: „Dass… wir nie hätten herkommen sollen.“
Sansa nahm ihm den Umschlag aus der Hand, brach das Siegel und zog das Pergament heraus. Sie las laut, während der Sturm um uns kreischte:
„An jene, die den Pfad der Flamme und des Blutes betreten haben...
Ihr wart gewarnt.
Dragonstone ist kein Ort für Suchende mehr.
Das Feuer, das dort schlummert, soll nicht geweckt werden – denn es brennt nicht für euch.
Möge die See euch verschlingen.
Für das Wohl der Welt: Lasst das Geheimnis ruhen.
Ihr habt das Gleichgewicht gestört. Jetzt kommt der Preis.“
Stille.
Nur das Heulen des Windes füllte den Raum, den ihre Worte hinterlassen hatten.
Lennard flüsterte: „Was soll das bedeuten…?“
Tyrion sah sich um, dann schnaubte er auf. „Heißt das… der Kapitän hat uns verlassen!? Er war einer von ihnen!?“
Sansa sah mich fassungslos an. „Wir wurden hier rausgebracht, um zu sterben.“
Tyrion hob die Hände. „Okay! Wer zur Hölle kann ein Schiff steuern!? Irgendwer!?“
Stille.
Dann stürmten Cengiz, Jon und Ygritte zurück. „Wir versuchen’s!“, sagte Cengiz. „Irgendwie!“
Wir rannten gemeinsam nach hinten um sie zu unterstützen, versuchten verzweifelt, das Steuer zu kontrollieren. Die See war entfesselt. Wellen krachten gegen das Schiff, peitschten über das Deck. Gischt brannte in den Augen. Die Segel flatterten, unbeherrschbar.
Ich griff zu den Seilen, Papa neben mir, Tyrion brüllte Kommandos, ohne je gesegelt zu sein. Wir gaben alles. Aber es war, als würde das Schiff selbst gegen uns kämpfen.
Dann – Ein Leuchten in der Ferne.
Nicht wie eine Lampe. Nicht wie Feuer. Ein schwaches, pulsierendes Rot. Wie eine Aura. Wie… Magie.
Und es schneite.
Obwohl wir mitten im Ozean waren.
„Dragonstone…“, flüsterte Cengiz ehrfürchtig.
Wir richteten das Schiff darauf aus. Alle gemeinsam.
Und genau dann kam sie.
Die Welle.
Größer als alle zuvor. Ein schwarzer Berg aus Wasser. Erhob sich direkt vor uns, nahm uns den Himmel.
„HALTET EUCH FEST!!“ rief Papa.
Ich sah Sansa noch neben mir. Lewyn. Tyrion. Jon. Alle…
Dann zerbrach die Welt.
Die Welle traf. Das Schiff neigte sich. Holz splitterte. Das Deck riss auf. Und wir – alle – wurden über Bord geschleudert.
Kälte. Tosen. Finsternis.
Ich versuchte, Cengiz zu erreichen. Ich hörte Sansas Stimme. Ich sah Papas Hand im Wasser.
Wir klammerten uns aneinander. Kämpften. Blieben beieinander. Mussten beieinander bleiben.
Und über uns… am Horizont… flackerte noch immer das rote Leuchten.
Asche über Dragonstone
Meine Augen öffneten sich schwer. Alles war nass. Sand klebte an meinem Gesicht, meine Lippen schmeckten nach Salz und etwas anderem – etwas Bitterem.
Ich blinzelte gegen das fahle Licht. Etwas fiel vom Himmel. Ich glaubte zuerst, es sei Schnee. Doch die Flocken waren zu grau, zu träge, zu… tot.
Asche.
Ich richtete mich langsam auf, hustete Wasser aus, atmete zittrig. Um mich lagen sie alle, reglos im Sand verstreut, wie ausgespuckt vom Meer.
Papa. Sansa. Cengiz. Tyrion. Jon. Ygritte. Lennard. Lewyn.
„Nein… nein, bitte…“, flüsterte ich und kroch durch den schwarzen, feuchten Sand. Doch einer nach dem anderen begann sich zu regen. Erst Cengiz, dann Papa, dann Sansa. Ich fiel Papa um den Hals, hielt ihn fest, dann Sansa. Mein Herz pochte noch zu laut, zu schnell, zu real – wir lebten.
Die Trümmer des Schiffs lagen wie gebrochene Knochen zwischen uns, halb in den Sand gebohrt. Ein Mast ragte schräg aus dem Wasser, Tuchfetzen flatterten im Sturm.
Lennard setzte sich auf, wischte sich übers Gesicht und sah zum Himmel. „Was… ist das für Schnee?“, fragte er irritiert.
Ich streckte die Hand aus, ließ eine Flocke auf meiner Zunge schmelzen und verzog das Gesicht. „Kein Schnee“, sagte ich. „Schmeckt beschissen. Es ist Asche.“
Lennard starrte mich an. „Woher weißt du das?“
Ich grinste erschöpft. „Weil Schnee nicht so schmeckt. Glaub mir.“
Wir alle standen auf, ein bisschen taumelnd, ein bisschen benommen. Doch wir lebten.
Dann sahen wir sie – Dragonstone.
Die Burg thronte über uns, der Pfad dorthin war steil, gesäumt von verkohlten Felsen und Ascheschichten. Und die Burg selbst… sie glühte. Ein dunkles, unheimliches Rot. Nicht wie Feuer, sondern wie altes Blut unter Stein. Als würde sie leben.
Ich trat neben Cengiz, blickte nach oben. „Dort also?“, fragte ich.
Er nickte zögernd. „In der Vision war sie angekettet. Eine Steinwand. Keine Fenster. Ich kann es nicht genau sagen… aber ich glaube, ja.“
Lewyn trat zu uns. „Bist du dir sicher?“
Tyrion antwortete für ihn: „Ob sicher oder nicht – es ist das Einzige, was wir haben.“
Und so gingen wir. Der Weg war rau, der Wind scharf. Asche stob bei jedem Schritt auf, klebte uns an die Kleidung, mischte sich mit Salz und Blut und Angst.
Ich lief dicht neben Papa und Sansa. Ich merkte, wie seine Schulter bei jedem Schritt leicht zuckte – angespannt, genauso wie ich.
Dann drehte sich Sansa zu uns, grinste schief und fragte: „Habt ihr noch Wasser in den Lungen? Ich meine, nur zur Sicherheit.“
Wir husteten beide gleichzeitig, spuckten etwas aus – und mussten lachen. Es war echtes, brüchiges Lachen. Lachen, das lebt.
„Hast du keine Angst?“, fragte ich sie leise.
Sansa sah mich ernst an. „Gar keine. Daenerys ist allein. Vielleicht schwach. Vielleicht… nicht feindlich. Und selbst wenn – du bist hier. Jaime ist hier. Cengiz, Jon, Lennard. Ihr würdet sie innerhalb von Sekunden besiegen, wenn es sein müsste.“
Ich konnte ihr nicht widersprechen. Aber es war kein Trost. Nur kalte Logik.
Dann, auf einer Kurve mit Aussicht auf die Küste, blieb Cengiz stehen. Er wirkte abwesend, fast verloren. Ich trat neben ihn.
„Was ist los?“, fragte ich.
Er atmete langsam aus. „Ich… denke an Nina. Immer noch. Ich weiß nicht, was zwischen uns ist, ob sie in Sicherheit ist, ob sie… weiß, wer sie ist. Ob sie’s herausgefunden hat.“
Seine Stimme klang weich, fast brüchig.
„Ich hätte mich gerne verabschiedet.“
Ich nickte. „Ich versteh dich. Aber ich bin mir sicher, sie ist in Sicherheit. Und wenn das hier vorbei ist, können wir der Citadel schreiben. Fragen, ob sie angekommen ist. Und ob sie weiß… was sie ist.“
Cengiz sah mich dankbar an. Dann grinste er müde. „Dieser Ort hier… ist gerade der schlimmste Platz für jemanden mit meinen Gedanken.“
Ich lachte. „Oh, ganz sicher.“
Er nickte. „Aber nicht so schlimm wie Dorne.“
Ich konnte nicht anders als laut lachen. „Stimmt. Aber in Dorne bist du zumindest nicht fast ertrunken.“
„Dafür will mich dort jeder tot sehen für einen Mord, den ich nicht begangen habe!“ rief er. Ich lachte weiter und klopfte ihm auf die Schulter und sagte ihm, dass mir die Situation bekannt vorkommt.
Der Pfad endete an den gewaltigen Toren von Dragonstone. Schwarz, kalt, von Asche bedeckt.
Jon und Tyrion traten vor. Ohne ein Wort stemmten sie sich gegen die schweren Türen – ein Knarzen, ein Echo, das viel zu laut schien in dieser toten Stille.
Wir traten ein. Und alles fühlte sich… falsch an.
Die Burg wirkte verlassen. Nicht leer – verlassen, als hätte sie jemand fluchtartig aufgegeben. Asche lag überall wie dünner Schnee, selbst auf den Fackelhaltern, den Stufen, den Mauervorsprüngen.
Ich trat neben Lennard, der sich umsah und sichtbar schluckte.
„Wusstest du… dass dein Vater früher mal hier war?“, fragte ich leise.
Er nickte. „Ja. Dragonstone war damals der Stützpunkt seiner Armee. Aber… ich war nie hier.“
Ich nickte, ließ mich ein Stück zurückfallen. Papa ging langsamer als die anderen. gespannter. Sein Blick glitt über die Wände, als hätte jede einzelne Fliese Erinnerungen, die er begraben hatte – oder begraben glaubte.
Ich nahm seinen Arm, fest. „Alles gut“, flüsterte ich.
Er atmete tief ein – flach, fast unmerklich – und nickte. Aber ich spürte an den Muskeln in seinem Arm, dass es gelogen war.
Wir gingen weiter, durch enge Gänge, durch schwarze Flure, vorbei an einem langen Tisch mit verbrannten Kerzen. Bis wir vor einer Tür standen.
Der Tür zum Thronsaal.
Cengiz und Jon packten die Griffe. Und drückten.
In genau dem Moment stellte sich Tyrion vor uns – direkt vor Papa und Sansa. „Wartet“, sagte er leise. „Ich bin mir nicht sicher, ob wir—“
Doch Papa griff einfach nach meinem Arm und zog mich an sich heran und durch die Tür.
Ich trat neben ihn, wollte fragen, was—
Dann erstarrte ich.
Der Thronsaal war eine Gruft. Nur dass niemand ihn begraben hatte.
Mitten im Raum lag der Schädel eines Drachen, größer als ein Wagen, mit offenen Fängen. Um ihn herum brannte ein perfekter Kreis aus Wildfire – grün, lodernd, aber… kontrolliert. Wie ein heiliges Symbol. Wie ein Ritual.
Das Symbol der Targaryens formte sich im Feuer. Dreiköpfig. Unheilig.
Und dann sah ich ihn.
Auf dem Thron.
Ein Skelett. Reglos. Eingesunken, aber aufrecht genug, dass man noch die Haltung erkennen konnte. Eine verrostete, schwarze Krone hing schief auf dem Schädel.
Mein Atem stockte. Ich hielt Papas Arm noch fester.
Er trat ein paar Schritte vor. Langsam. Wie in Trance. Sein Blick unverrückbar auf den leblosen König gerichtet.
Und dann hörte ich ihn flüstern. Ganz leise. Wie jemand, der etwas Erlerntes aus den dunkelsten Winkeln seines Geistes hervorholt.
„Burn them all…“ Ein zweites Mal. Zitternder. „Burn them all…“
Ich spürte, wie mir kalt wurde – nicht wegen Dragonstone, nicht wegen der Asche, sondern wegen dem Ausdruck auf seinem Gesicht.
„Papa…“, flüsterte ich. „Ist das… wirklich… er?“
Er sagte nichts. Nur ein Atemzug. Dann:
„Aerys II.“ Seine Stimme war brüchig, kaum wiederzuerkennen. „Der Mad King.“
Ich wusste es. Ich hatte es geahnt. Aber die Wahrheit aus seinem Mund zu hören… ließ die Luft im Thronsaal schwerer werden.
Papa starrte den Schädel an, als würde jede Erinnerung aus seiner Jugend wieder aufstehen. Als würde der Geist des Königs ihn noch immer flüstern hören.
Ich legte meine Hand an seinen Rücken, fester jetzt. Er blinzelte, atmete schwer, und ich spürte, dass er kurz davor war, zusammenzubrechen – nicht körperlich, sondern unter der Last von allem, was dieser Raum bedeutete.
Hinter uns kamen die anderen jetzt ebenfalls herein – langsam, mit gesenkten Stimmen.
Keiner sagte etwas. Niemand wagte es, die Stille zu stören.
Nur Papa, der weiter starrte. Weiter hörte. Weiter dort stand vor dem Mann, den er getötet hatte – und den er gleichzeitig nie richtig losgeworden war.
„Kommt die Asche vom Wildfire?“ Lewyns Stimme hallte in dem düsteren Raum wider, dumpf durch den dichten Staub in der Luft.
Tyrion schüttelte den Kopf, trat näher an den grün lodernden Kreis aus Feuer. „Nein. Das hier brennt kontrolliert. Nichts in der Burg scheint zu glimmen außer diesem Symbol.“ Er sah uns alle an. „Was auch immer das hier ist – es wurde bewusst gemacht. Jemand will, dass es gesehen wird.“
Jon trat vor, legte eine Hand auf sein Schwert und sah sich um. „Wir sollten das löschen. Ich hole Sand. Da draußen unter den Felsvorsprüngen liegt genug, der trocken geblieben ist.“ Ygritte trat zu ihm und nickte wortlos. Gemeinsam verließen sie den Saal.
„Und wir?“ Cengiz sah fragend in die Runde. „Suchen. Nach ihr.“ Er sprach es aus, was alle dachten. Daenerys. Irgendwo musste sie sein.
Nach und nach gingen alle los, verließen den Raum. Als Papa und ich am brennenden Symbol vorbeigingen, legte er instinktiv den Arm vor mich – schützend. Er sagte nichts. Aber sein Blick wich nicht vom Feuer.
Vor der Tür erklärte Tyrion kurz die Struktur der Burg, zeigte mit der Hand nach oben und unten. „Zimmer dort oben. Keller dort drüben. Es gibt alte Tunnel. Jeder nimmt einen Bereich.“
Ich trat kurz zu Cengiz, senkte meine Stimme. „Ich nehm Papa kurz mit raus, er braucht frische Luft. Danach helfen wir euch suchen.“
Er nickte, voller Verständnis. „Alles gut. Ich geh mit Lennard runter zu den Kerkern.“
Tyrion teilte sich mit Sansa und Lewyn nach oben ein. Und ich drehte mich zu Papa um, legte ihm die Hand auf den Rücken. „Komm mit mir.“
Er sagte nichts. Aber er folgte mir.
Wir verließen die Burg. Stiegen einen alten Pfad hinauf, der früher einmal mit Gras bewachsen gewesen sein musste – jetzt aber von Asche bedeckt war. Der Regen aus weißen Flocken hörte nicht auf. Leise, unaufhaltsam, wie Schnee in einer Welt, die zu viel gesehen hatte.
Als wir oben ankamen, am Rand der Klippe, blieb ich stehen. Der Blick war atemberaubend – die Burg hinter uns, der Strand vor uns, das Meer… und über allem Asche.
Ich setzte mich hin. „Setz dich“, sagte ich leise.
Er zögerte kurz. Dann ließ er sich müde neben mich sinken.
Lange sagten wir nichts. Der Wind strich durch die Fetzen seiner Kleidung. Sein Blick war irgendwo, wo ich ihn nicht erreichen konnte.
Dann sprach er. „Hier sieht nichts nach ihr aus.“
Ich wusste, wen er meinte. Daenerys.
Ich sah ihn an. „Nein“, sagte ich. „Aber hier sieht auch nichts nach ihm aus.“ Ich meinte den Mad King.
Er schwieg. Ich legte den Arm um ihn, zog ihn leicht zu mir. „Du hast es selbst gesehen. Er ist tot. Seit Jahrzehnten. Nur ein Skelett.“
Er atmete tief ein – scharf, zittrig.
„Vielleicht war das alles ein Ritual“, fuhr ich fort. „Von den Roten Priestern. Vielleicht hält es sie gefangen. Vielleicht hat sie damit gar nichts zu tun.“
Ich sah ihn an. „Du darfst keine Angst vor etwas haben, das schon vergangen ist. Vor ihm schon gar nicht. Denn du… bist nicht mehr der, der du damals warst. Und er… ist nur noch Staub.“
Er blinzelte. Die Schultern sackten leicht ab.
„Und außerdem“, sagte ich und drückte ihn leicht, „sind wir hier. Ich. Du. Und wir schaffen das – wir zwei vor allem. So wie immer.“
Und in dem Moment… spürte ich, dass er mir glaubte. Vielleicht zum ersten Mal heute. Etwas in ihm löste sich – nicht alles. Aber genug, dass der Griff seiner Hand an meinem Bein endlich weicher wurde.
Nachdem wir auf der Klippe durchgeatmet hatten, ging es wieder zurück zur Burg. Der Ascheregen hatte nicht aufgehört, aber er wirkte fast wie Teil dieses Ortes – als würde er schon immer so fallen. Als wir das Burgtor erreichten, trafen wir auf Jon und Ygritte. Ihre Gesichter waren vom Wind gerötet.
„Das Feuer ist gelöscht“, sagte Jon sofort.
Ich sah Papa an. „Gehen wir wieder rein?“
Er nickte nur.
Im Inneren fanden wir uns wieder bei Cengiz, Lennard, Sansa, Lewyn und Onkel Tyrion. Alle hatten dieselben erschöpften Blicke – keiner hatte irgendetwas gefunden. Verlassene Räume, kalte Gänge, tote Stille.
Zu müde für mehr.
Also beschlossen wir, uns auszuruhen.
Sansa und ich bezogen eines der alten, aber erstaunlich gut erhaltenen Zimmer. Papa ging mit Onkel Tyrion – ich nahm ihn noch kurz beiseite und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Pass bitte auf ihn auf, ja?“ Tyrion nickte. „Mit meinem Leben.“
Cengiz, Lennard und Lewyn teilten sich ein anderes Zimmer. Jon und Ygritte zogen sich zurück. Die Mauern von Dragonstone schienen uns in der Nacht zu verschlucken.
Das Gefängnis aus Drachenglas
Es war schon fast wieder Morgen, als mich ein Geräusch aus dem Schlaf riss. Ein grollendes, durchdringendes Brüllen. Kein Wind, kein Tier. Etwas… anderes.
Ich fuhr hoch. Sansa ebenfalls.
„Was war das?“, flüsterte sie.
Ich sprang ans Fenster – das Glas war beschlagen. Ich wischte es frei – und dann… sah ich es.
Ein gewaltiger Schatten am Himmel. Die Form eindeutig: Ein Drache. Aber keiner aus Fleisch und Blut. Kein Körper. Nur ein Schatten.
Er glitt durch die Luft wie Rauch, lautlos nun – bis er hinabflog. Richtung Küste. Und dann: gegen einen Felsen. Doch er zerschellte nicht – er verschwand in ihm, als sei der Stein durchlässig.
„Sansa… hast du das auch gesehen?“
Sie nickte. Ich warf mir meinen Mantel über. „Wir müssen sofort runter. Vielleicht haben die anderen es auch gesehen.“
Wir eilten aus dem Zimmer, die Treppen hinunter – und kamen gleichzeitig mit allen anderen in die große Halle mit der Karte von Westeros.
Alle hatten es gehört. Die Gesichter: bleich, aufgewühlt, wach.
Wir setzten uns, der Tisch wirkte plötzlich viel kleiner als sonst. Ich blickte zu Cengiz. Er sah fahl aus, fast so als wäre er nicht ganz da.
„Hattest du… wieder was?“
Er nickte langsam. „Ich hab sie gesehen. Oder gehört, eher… Ihre Stimme. Daenerys. Sie sagte, es ist eng… dunkel… nur Stein. Aber ich war nah. Sie hat gesagt… ich bin ihr nah.“
Ich schluckte. „Ich… ich hab den Schatten gesehen. Es war ein Drache, ganz sicher. Er ist gegen den Felsen am Strand geflogen – aber nicht zerschellt. Er ist einfach… hineingeglitten.“
„Ich auch“, sagte Jon sofort. „War wach, ich hab das gesehen.“
Lewyn ebenfalls. „Der Schatten war riesig. Ich dachte zuerst, es wär ein Sturm.“
Und dann: Papa. Klar. Ruhig. Aber mit einer Entschlossenheit, die mich überraschte.
„Dann gehen wir dahin.“
Ich sah ihn an. Er meinte es ernst. Er war nicht mehr zögernd wie gestern. Etwas hatte sich verändert.
Und so sammelten wir uns – alle zusammen.
Jon, Ygritte, Cengiz, Lennard, Lewyn, Sansa, Onkel Tyrion, Papa… und ich.
Und wir machten uns auf zum Strand. Zu jenem Felsen, in den ein Schatten verschwunden war. Und womöglich mehr als nur das.
Am Strand mischte sich nun nicht mehr nur Asche in die Luft, sondern auch echter Regen. Tropfen und Staub vermengten sich, klebten an Haaren und Kleidung. Die Welt um uns war grau, verschleiert, gespenstisch.
Trotzdem – oder gerade deswegen – waren es Jon, Lewyn und ich, die zuerst den Teil der Klippe erkannten, in den der Drachenschatten geflogen war. Etwas war anders. Die Felswand wirkte nicht natürlich. Als wir nähertraten, sahen wir ihn: Einen schmalen Eingang. Fast unsichtbar, kaum mehr als eine dunkle Furche im Gestein. Ein Tunnel.
Ich drehte mich um und blickte in die Gesichter der anderen. Keiner sagte etwas – aber jeder wusste: Wir müssen da durch.
Cengiz trat als Erster ein. Dann Jon. Dann Ygritte. Lennard. Tyrion. Lewyn. Papa warf mir einen scharfen Blick zu, als ich an ihm vorbeigehen wollte. „Hinter mir“, sagte er nur.
Ich lachte leise, fast schon liebevoll genervt, und nickte. Dann folgte ich ihm – und hinter mir trat Sansa ein. Der Gang war eng. Der Stein feucht. Unser Atem dampfte in der kalten, abgestandenen Luft.
Doch dann wurde der Tunnel breiter. Fast wie eine Halle unter der Erde. Und plötzlich – begann es zu leuchten.
Nicht durch Magie, sondern durch das flackernde Licht unserer Fackeln, das auf uralte Wandmalereien fiel. Schwarz auf Stein. Weiß auf Grau. Zeichnungen, von Jahrhunderten gezeichnet, von der Zeit fast verschluckt.
Lewyn trat näher, seine Stimme leise vor Ehrfurcht: „Das… das stammt von den Ersten Menschen. Vielleicht noch früher…“
Die Bilder zeigten viel: → Wie die Children of the Forest aus dem Dickicht traten, mit flammenden Händen und leuchtenden Augen. → Wie sie sich mit den First Men bekriegten – riesige, wütende Schlachten mit primitiven Waffen. → Und dann: eine Wendung. Die Long Night. Weiße Wanderer, kalt, gesichtslos. Eine Armee im Schatten. → Und schließlich: der Schwur. → Die Einheit. Children und First Men, Hand in Hand, vor einem lodernden Feuer, gegen die Dunkelheit.
Ich fröstelte. „Stell dir vor, das passiert wieder…“, murmelte ich, und der Gedanke ließ mich nicht los.
Wir gingen weiter – tiefer. Die Bilder hörten nicht auf. → Eine Frau mit weißem Haar auf einem Drachen, der Feuer auf einen Abgrund spie. → Männer in roten Roben, die um sie herumstanden – ihre Gesichter leer, doch ihre Hände ausgebreitet zum Himmel. → Dann: ein Drache, der im Kampf fiel. → Und schließlich… ein schwarzer Fels. Ein Grab. Ein Opfer.
Ich fühlte, wie sich meine Hand verkrampfte.
Und dann… standen wir vor ihr.
Eine schwarze Wand – doch kein gewöhnlicher Stein. Drachenglas. Tiefschwarz, glatt, fast leuchtend in der Dunkelheit. Und darin – verschwommen, verblasst – die Silhouette einer Frau. Arme an den Seiten. Kopf geneigt. Haare… Ich konnte es nicht genau sagen. Aber… sie war da.
„Ist das… sie?“, fragte ich.
Cengiz trat einen Schritt vor. Seine Stimme zitterte. „Ja… Das ist sie.“ Dann sah er mich an. „Wir müssen es zerstören. Irgendwie. Sie befreien.“
Ich spürte, wie mein Herz raste. Ich trat zurück – direkt zu Papa. Er sagte nichts. Aber seine Augen… Er war starr. Nicht vor Angst. Vor… Geschichte. Schuld. Erinnerung.
Ich stellte mich dicht an ihn. Sansa kam leise zu mir und legte mir die Hand an die Wange. Sie lächelte sanft – aber ich sah, dass auch sie besorgt war.
„Was, wenn sie… tot ist?“, flüsterte ich.
„Dann holen wir sie trotzdem raus“, sagte sie.
Lewyn trat näher zur Wand. „Hier ist etwas…“, murmelte er. Nicht Teil der alten Zeichnungen. Eine Inschrift. Frisch. Deutlich. Nicht in der Sprache der Ersten Menschen.
Er kniete sich. „Das ist Valyrisch…“, sagte er.
Und dann: Ein leiser Schauder ging durch den Raum. Ein Windzug, der nicht von außen kam.
Etwas wartete hier unten. Etwas, das nicht nur Vergangenheit war.
Lewyn strich mit der Hand über die Wand, fuhr die Zeichen nach – sie waren in das Gestein gebrannt, nicht gemeißelt. Wie mit Feuer geschrieben. Fast flüssig und doch so präzise.
„Es ist Hochvalyrisch…“ Er murmelte es, als würde er sich selbst zur Vorsicht mahnen. Dann begann er, langsam, flüsternd zu übersetzen:
„Was aus Feuer kam, muss durch Schatten gehen.
Der Sturm hat sie getragen, das Blut hat sie gereinigt.
Das Lied von Asche und Nacht verlangt den Preis:
Eine Königin für die Dämmerung.
Eine Seele für den Sturm.
Sie darf zurückkehren –
…wenn das Herz bereit ist, zu sterben.“
Wir standen schweigend da.
Ein Kribbeln zog sich meinen Rücken hinab. Sansa presste ihre Hand fester an meine Wange. Papa trat einen Schritt nach vorne, seine Augen auf das dunkle Drachenglas gerichtet.
„Eine Seele für den Sturm…“, wiederholte er. „Das ist kein Spruch. Das ist ein Schwur.“
Lewyn drehte sich zu uns, sein Blick ernst: „Ich denke… Daenerys wurde nicht nur gebannt. Sie wurde geopfert – oder eingetauscht. Ein uraltes Ritual, vermutlich durch rote Priester oder sogar durch sie selbst ausgelöst. Sie ist… gefangen im Obsidian. Ihr Körper vielleicht noch intakt, aber ihre Seele… irgendwo dazwischen.“
„Und dieser Drachenschatten?“, fragte Jon mit belegter Stimme. „War das ihr Drache? Oder sie selbst?“
Lewyn zuckte kaum merklich mit den Schultern. „Vielleicht beides. Vielleicht nur ein Teil von ihr… eine Erinnerung. Ein Ruf.“
Cengiz trat näher ans Gestein, starrte tief in die Silhouette. Er flüsterte fast tonlos: „Sie hat mich gerufen. Nicht mit Worten… mit Schmerz. Sie ist noch da, Lukas. Ich hab sie gespürt.“
Ich trat neben ihn. Mein Blick ging zwischen Cengiz und dem Gestein hin und her. Dann zu Lewyn. „Was… bedeutet das für uns?“, fragte ich leise.
Lewyn sah zu mir, dann zu Papa, dann zu Sansa. „Wenn wir sie retten wollen – müssen wir etwas geben. Jemand… muss sich opfern. Oder den Tod herausfordern.“
„Aber wir wissen doch nicht einmal, was sie dann ist, wenn sie zurückkommt“, warf Tyrion ein. „Vielleicht ist sie nicht mehr… sie selbst. Vielleicht ist sie das, was diese roten Priester wollten.“
Papa knirschte mit den Zähnen. „Oder vielleicht ist sie nur ein Mensch, der zu viel geopfert hat.“
Ich schluckte. Der Raum fühlte sich enger an. Die Luft dicker.
Dann sagte Sansa leise: „Was meint ihr… mit 'wenn das Herz bereit ist, zu sterben'?“
Lewyn antwortete nicht sofort. Er schien selbst noch zu überlegen.
Aber dann sagte Cengiz mit fester Stimme – klarer, als ich ihn je gehört hatte: „Es meint mich.“
Alle sahen ihn an. Er wich keinem Blick aus. Nicht einmal meinem.
„Ich bin derjenige, den sie gerufen hat. Ich bin der, den sie kennt. Wenn jemand ihr Herz zum Schlagen bringen kann – dann ich. Aber wenn es schiefgeht… bin ich auch der Preis.“
Ich wollte etwas sagen. Irgendwas. Ihn zurückhalten. Aber ich wusste – es war nicht der Moment dafür.
Noch nicht.
„Cengiz!“ Ich stürmte vor – doch Lewyn riss mich zurück. „Nicht!“, rief er ernst. „Wenn du ihn da rausziehst, kannst du mitgezogen werden – oder schlimmer.“
„Er ist mein Freund!“, schrie ich. Doch ich sah in Lewyns Augen, dass er recht hatte. Ich… konnte nur zusehen. Meine Brust zog sich zusammen.
Cengiz stand ganz dicht vor dem Drachenglas. Er legte die Hand darauf. Einen Moment geschah nichts – dann begann es zu glühen. Nicht golden. Nicht warm.
Schwarz.
Schwarzes Licht. Wie Schatten, die flackerten. Die Wand sog ihn langsam hinein. Wir schrien seinen Namen. Ich stürzte vor, doch Papa hielt mich zurück – mit einer Kraft, die er sonst nur im Kampf hatte. „Lukas – NEIN!“
Cengiz wandte sich noch ein letztes Mal zu uns um, die Augen offen, aber fast… leer. Dann verschwand er.
Ich konnte kaum atmen. Papa packte meine Hand. Drückte sie fest. „Atme. Ich bin hier.“
Dann – das Geräusch.
Knisternd. Bröckelnd. Wie Glas, das reißt.
Ein Riss zog sich durch das Drachenglas. Dann noch einer. Und dann: Es explodierte in tausend kleine Teile, aber sie flogen nicht – sie lösten sich einfach auf. In der Luft. Wie Staub aus Licht.
Und vor uns: Zwei Gestalten.
Cengiz. Lebendig. Verwirrt, leicht schwankend, aber unverletzt. Seine Augen suchten meine – und ich war schon bei ihm. „Geht’s dir gut?!“, rief ich. Er nickte, keuchend. „Ich glaub… ja. Ich weiß nicht, was passiert ist. Es war… wie ein Traum. Nur tiefer.“
Und dann: Sie.
Daenerys.
Langes weißes Haar, das sanft nach hinten fiel. Asche klebte daran wie Schnee. Ihre Haut blass, fast durchscheinend. Und doch: Leben in ihren Augen.
Sie sah uns an. Langsam. Prüfend.
Ihr Blick blieb auf Jon. Dann Sansa. Dann Tyrion.
„Jon… Sansa… Tyrion?“
Ihre Stimme war brüchig, als hätte sie seit Jahren nicht gesprochen. Die drei traten vor – unsicher. Jon nickte leicht. Sansa antwortete mit einem stillen Lächeln. Tyrion atmete hörbar aus.
„Du erinnerst dich?“, fragte Jon. Daenerys nickte zögerlich.
„Ich erinnere mich… dass ich nach der Gold Road fortgeflogen bin. Drogon hat mich getragen. Weg von allem. Süden. Eine Insel. Ich weiß nicht wo. Aber dann… waren da Männer. Viele. Ich habe nur gekämpft. Und dann… Nichts.“
Sie sah uns an. Ihre Stimme wurde sanfter, aber brüchiger. „Ich weiß nicht, was mit Drogon ist… Mein Baby…“ Ein Zittern lag in jedem Wort.
Dann wandte sie den Blick.
Zuerst auf Ygritte. Dann Lennard. Dann Lewyn. Sie musterte uns. Prüfte uns.
Dann… mich. Und Papa.
Und ihr Blick veränderte sich.
Da war kein Staunen mehr. Kein Zögern. Nur Dunkelheit.
Ihr Kiefer spannte sich an. Die Augen – diese so fesselnden Augen – zogen sich schmal zusammen. Ein winziger, kaum wahrnehmbarer Schritt nach vorne. Ihr Blick klebte an Papa.
Papa wich keinen Zentimeter zurück.
Ich spürte, wie ich automatisch näher an ihn trat. Und ich erkannte etwas in ihren Augen:
Nicht nur Zorn. Nicht nur Misstrauen. Erinnerung.
Ich spürte es. Noch bevor sie sprach. Den Blick. Die Wut. Die Erinnerung, die sich wie Klingen hinter ihren Augen formte.
Daenerys trat langsam näher. Schritt für Schritt. Ihr Blick auf Papa gerichtet, aber ich spürte, wie sich seine Hand in meiner verkrampfte. Ich hielt sie fest. Fester. "Ich bin da", flüsterte ich leise. Er hörte es. Aber sein Blick lag allein auf ihr.
Dann blieb sie stehen. Ihre Stimme kam leise, brüchig – doch in jeder Silbe lag Feuer.
„Du… warst es.“ „Du hast meinen Vater getötet, obwohl du einen Eid abgelegt hast ihn zu schützen.“ „Du hast dein Schwert in seinen Rücken gestoßen und dich auf den Iron Throne gesetzt als seine Leiche neben dir auf dem Boden lag und das Blut von ihm tropfte.“ „Du Monster.“
Ich sah zu Papa. Sein Blick senkte sich. Er sagte kein Wort.
„Und jetzt… stehst du hier. Lebendig, als wäre nie etwas geschehen. Als wäre ich das Gespenst. Als wäre ich es, die den Wahnsinn verdient hätte.“
Sie machte einen Schritt näher. Doch plötzlich – Jon trat dazwischen. „Dany, hör zu–“
Dann Sansa. Sie legte die Hand an Daenerys’ Arm. „Er ist nicht mehr der, der er mal war.“ „Er ist anders und es tut ihm leid, aber du weißt doch, dass dein Vater verrückt war und die Welt verbrennen wollte.“
Tyrion stellte sich dazu. „Und du weißt, wie leicht die Welt uns zwingen kann, Dinge zu tun die man selbst nicht will. Mein Bruder hat dort etwas getan, was ihn sein Leben lang verfolgt und er bereut es zutiefst wie die Welt ihn sieht aber glaub mir, er ist ein guter Kerl. Manchmal etwas eitel aber im Herzen ein guter Mensch.“
Sie schwieg. Zittrig. Atem schnell. Zorn in der Kehle.
Dann: Cengiz.
Er trat vor. Behutsam. Legte seine Hand an ihren Arm – ganz leicht.
„Das reicht.“
Daenerys drehte sich zu ihm. Die Augen schossen Funken.
„Wer bist du?! Was erlaubt Ihr Euch?! Ich bin Daenerys Sturmtochter, von Hause Targaryen, Erstgeborene von Aerys II., Mutter der Drachen, Die dazu bestimmt ist, die Sieben Königslande zu regieren – Und ich werde jeden vernichten, der sich mir in den Weg stellt. Und du stehst gerade ganz weit oben auf meiner Liste.“
Er sah sie ruhig an. Unbewegt. Aber ich kannte ihn – ich sah, wie es ihn traf. Tief.
„Du willst wissen, wer ich bin?“ „Ich bin der, dessen Visionen uns zu dir geführt haben. Ich bin der Grund, warum du nicht mehr hinter schwarzem Glas vergraben bist. Ich bin der, dessen Stimme du Nacht für Nacht gehört hast.“ „Und ja – ich darf dich anfassen. Ich darf sogar noch viel mehr sagen. Weil ich nicht dein Untertan bin, sondern dein Retter.“
Stille. Dann – ihr Blick. Ein Moment der Erkenntnis. Ihr ganzer Ausdruck veränderte sich.
„Du… Du warst das? Der… der mit mir gesprochen hat?“
Er nickte.
Daenerys trat einen halben Schritt zurück. Etwas schien in ihr zu brechen – nicht aus Schwäche, sondern aus Erkenntnis.
„Dann… Danke. Und… Verzeih mir.“
Ein Moment des Atems. Des Friedens.
Tyrion nutzte ihn sofort. „Dir ist kalt, oder?“, fragte er. „Es regnet Asche, wir sind durchnässt – und ehrlich gesagt, habe ich keine Lust, von der Wiedergeburt noch eine Lungenentzündung zu bekommen.“
Daenerys nickte. Noch immer vorsichtig. Noch nicht ganz da.
Wir wandten uns um. Die Höhle schien endlos. Aber wir gingen.
Papa und ich vorne. Immer noch Hand in Hand. Ich ließ sie nicht los. Er auch nicht.
Sansa hinter uns. Dann Ygritte, Lewyn, Lennard. Ganz hinten Cengiz, Daenerys und Jon.
Ich sah zu Papa. Sein Blick war leer, aber nicht kalt. Nur… müde.
„Alles okay?“, fragte ich leise.
Er nickte. Dann, als wir durch den Ascheregen zur Burg liefen, sagte er:
„Sie hätte mich töten können, Lukas. Und es wäre verdient gewesen.“
Ich blieb kurz stehen. Drehte mich leicht zu ihm. „Nein“, sagte ich ernst. „Du hast immer gesagt, dass es egal ist, was andere denken. Solange wir uns haben.“
Er sah mich an. Erst für einen Moment. Dann nickte er. Zog mich näher an sich.
„Stimmt“, flüsterte er. „Und ich hab dich.“
Zorn und Gnade
Der Regen war schwächer geworden. Die Asche lag noch in Flocken auf unseren Schultern. Doch wir waren wieder in der Burg.
Die Halle war düster, das Licht der Fackeln zitterte an den alten Mauern. Daenerys hatte frische Kleidung bekommen, dazu eine Decke über die Schultern. Jon und Sansa hatten sich darum gekümmert. Wir saßen alle im Raum – Papa und ich nebeneinander, meine Hand in seiner.
Ich war beunruhigt. Nicht wegen ihr. Wegen ihm. Seinem Blick. Seiner Atmung. Seiner Stille.
Dann hob sie den Kopf. Ihr Blick lag auf Papa. Und sie begann.
„Als ich ein Kind war, erzählte mir mein Bruder vor dem Schlafengehen eine Geschichte über den Mann, der unseren Vater ermordet hat. Der ihm in den Rücken gestochen hat und dann seine Kehle durchschnitt. Der sich auf den Eisernen Thron setzte und zusah, wie sein Blut auf den Boden floss.“
Papa sah sie an. Ohne Flucht. Ohne Rechtfertigung. Nur – mit diesem Ausdruck, den ich kannte. Der ihn seit Jahren verfolgte.
„Er erzählte mir auch andere Geschichten. Über all die Dinge, die wir mit diesem Mann anstellen würden, sobald wir die Sieben Königreiche zurückerobert und ihn in unserer Gewalt hätten.“
Ich konnte nicht mehr. Ich merkte es gar nicht richtig. Aber ich weinte. Leise. Verloren.
Papa sah es. Er nahm meine Hand fester, und fuhr mit seiner Daumenfläche ganz leicht über meinen Handrücken. Ein Trost, der mehr sagte als Worte.
Daenerys sah zu Jon und Sansa.
„Und ihr – wie könnt ihr von mir erwarten, dass ich ihn ungestraft davonkommen lasse?“
Sansa antwortete sofort – ohne Zögern, klar, direkt:
„Weil er nicht mehr der ist, der er mal war. Er hat meinen Vater damals in den Straßen von King's Landing angegriffen. Aber er hat sich geändert. Und ich habe ihm verziehen.“
Cengiz, Lewyn, Lennard, Tyrion – alle sprachen. Ein jeder auf seine Art. Jeder mit eigenen Worten. Doch alle sagten dasselbe.
Papa hielt mich währenddessen fest. Er zog mich ein Stück näher, legte einen Arm um meine Schultern, und flüsterte mir leise ins Ohr:
„Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, Lukas. Sie hat jedes Recht, mich so zu sehen. Ich hab es verdient, das zu hören. Ich will nur, dass du in Sicherheit bist.“
Ich wollte ihm widersprechen. Wollte sagen, dass das nicht stimmt. Dass er sich gequält hat. Gelitten hat. Dass niemand mehr bereut als er.
Aber ich konnte nicht sprechen. Ich konnte nur weinen.
Dann stand Daenerys auf.
Ich hielt die Luft an.
Sie ging um den langen Tisch herum. Schritt für Schritt. Bis sie vor uns stand. Nur ein paar Schritte entfernt.
Papa stand sofort auf. Schob sich schützend vor mich. Sein Arm vor meiner Brust.
Daenerys sah zu mir.
„Bist du der Sohn des Mannes, der meinen Vater getötet hat?“
Ich zögerte keine Sekunde.
„Ich bin es, Lukas“, sagte ich. „Aber… er hat keine bösen Absichten. Die Situation damals ließ nichts anderes zu.“ „Ich flehe dich an… tu ihm nichts. Ich… Ich kann nicht leben ohne ihn.“
Mir war heiß im Gesicht. Rot. Alle hatten es gehört. Aber es war wahr.
Ich spürte, wie Papa kurz zu mir zurücksah – mit diesem Blick, der alles bedeutete.
Dann trat er selbst einen Schritt vor. Seine Stimme war ruhig. Tief. Fast brüchig.
„Bitte hör mir zu“, sagte er. „Ich weiß, was ich getan habe. Ich weiß, wer dein Vater war. Und ich weiß, dass ich derjenige war, der ihn tötete.“ „Aber ich tat es nicht aus Hass. Ich tat es, um Tausende zu retten. Er wollte King’s Landing verbrennen. Frauen, Kinder, Unschuldige. Ich habe ihn getötet, um das zu verhindern.“ „Und seitdem… hat es mich nie verlassen. Jede Nacht. Jede Stunde.“ „Ich bin nicht hier, um dich zu verletzen. Ich bin hier, weil ich helfen will. Aber wenn du mich töten willst… dann tu es. Ich bitte dich nur um eines: Verschone ihn.“ – Er sah zu mir. „Versprich mir, dass du meinem Sohn nichts tust.“
Daenerys blickte ihn an. Lange. Prüfend. Und dann – sah sie zu mir. Wie ich zitterte. Papa an der Seite. Wie er mich ganz sanft zu beruhigen versuchte, obwohl er selbst kaum noch atmete.
Dann rief sie:
„Sansa.“
Sansa kam langsam näher. Daenerys flüsterte:
„Ist er wirklich so? Kümmert er sich immer so? Hat er sich… verändert?“
Sansa nickte. Ohne Zweifel.
„Er ist nicht mehr der Mann, den dein Bruder beschrieben hat. Nicht mehr der, der einst auf dem Thron saß. Er ist jemand… der jeden Tag mit sich selbst kämpft. Und für ihn kämpft.“ Sie zeigte auf mich.
Tyrion trat daneben.
„Ich würde sagen, mein Bruder und mein Neffe… sind wie ein Buch und sein Einband, eine Einheit, die zusammen gehört, voller Geschichten und Dramen und Tragödien aber doch eine wunderschöne Geschichte im Ganzen. Gib ihnen eine Chance.
Ich verspreche dir, du wirst sie putziger finden als ein kleines Ferkel, dass sich im Schlamm wälzt.“ Er zwinkerte.
Ein kleines, kaum sichtbares Lächeln zuckte an Daenerys’ Lippen.
Sie trat wieder einen Schritt auf uns zu. Papa und ich standen immer noch dicht nebeneinander, seine Hand auf meiner Schulter, meine in seiner. Ihr Blick war nicht mehr voller Zorn – aber auch nicht frei davon.
Dann sagte sie:
„Auch wenn ich es immer noch nicht fassen kann… auch wenn der Hass tief in mir sitzt, und ich es dir niemals vergeben werde – ich werde euch nichts tun.“
Sie sah direkt Papa an, dann zu mir.
„Nicht, weil ich es verzeihe. Sondern weil ich sehe, wie du dich um ihn kümmerst. Wie du dich veränderst. Und weil ich nicht möchte, dass Kinder ohne ihre Eltern aufwachsen müssen.“
Ihre Worte trafen mich wie ein Sturm – aber nicht zerstörerisch. Eher wie etwas, das über mich hinwegzog und dann… Luft zum Atmen ließ.
Ich konnte nur nicken. Ein Kloß im Hals. Ich schluckte hart und flüsterte:
„Danke…“
Papa nickte ebenfalls, tief. Seine Stimme war rau:
„Ich verstehe das. Und… danke, dass du es trotzdem sagst. Ich will, dass du weißt, dass es mir… wirklich leid tut. Für dich. Für alles.“
Da trat Onkel Tyrion heran – ganz Tyrion-haft, mit hochgezogenen Brauen:
„Wunderbar. Die erste emotionale Anklage wurde überstanden, wir leben alle noch, und niemand hat Feuer gespien. Dürfen wir dann jetzt endlich klären, was hier eigentlich passiert ist?“
Ein leises Lächeln huschte über manche Gesichter – nur kurz. Aber es war da.
Lewyn sah zu Daenerys und fragte ruhig:
„Habt Ihr schon einmal von den Roten Priestern gehört? Dem Kult des Roten Gottes? R'hllor?“
Sie nickte langsam.
„In Essos. Vor Jahren. Eine Frau… Kinvara, glaube ich, war ihr Name. Sie sprach von einem gemeinsamen Zweck, nannte mich auserwählt – aber ich… ich habe ihr nicht vertraut.“ „Sie war wie eine Flamme. Hell. Aber undurchschaubar.“
Jon trat näher und fragte:
„Weißt du noch, wohin du damals mit Drogon geflogen bist? Nach der Gold Road?“
Daenerys trat an die große Karte heran. Ihr Finger glitt über die bekannten Formen Westeros'. Dann zeigte sie auf eine zerklüftete Kette kleiner Inseln, östlich unterhalb der Dornischen Küste.
„Dorthin. Eine von diesen Inseln – die Stepstones. Ich weiß nicht welche genau. Aber da sind wir gelandet.“
Papa runzelte die Stirn.
„Das würde Sinn ergeben… Die Stepstones sind nicht nur die Verbindung nach Essos, sie sind auch ein Ort, an dem alles Mögliche sich versteckt: Piraten, Priester, alte Kulte. Wenn die Roten Priester sie versteckt haben… dann dort.“
Ygritte fragte knapp:
„Dann fahren wir also dorthin?“
Die Gruppe sah sich an. Alle nickten.
Bis Tyrion sich rührte, den Zeigefinger hochhob.
„Und mit welchem Schiff genau? Ich weiß nicht, ob ihr es mitbekommen habt, aber unser letztes liegt in dekorativen Einzelteilen am Strand.“
Ein kollektives, erschöpftes Seufzen ging durch den Raum.
Lennard hob ruhig die Stimme:
„Storm’s End. Ich kann eine Nachricht schicken. Der Lord Commander der Baratheon-Armee hält dort gerade die Stellung. Er kann uns ein Schiff senden. Wir segeln dorthin, bereiten alles genau vor und überlegen dann, wie wir weitermachen.“
Alle sahen sich an. Dann nickten wir.
Lewyn trat mit Lennard beiseite, sie begannen sofort, die Nachricht zu verfassen und zu versiegeln.
Ich atmete gerade ein wenig auf – da fiel mir Daenerys’ Blick auf. Sie war unruhig. Etwas an ihr hatte sich verändert.
Ich wollte sie gerade fragen, da stellte sich Cengiz neben sie und grinste:
„Storm’s End ist übrigens echt cool. Ich glaub, du wirst’s mögen.“
Sie drehte sich zu ihm. Langsam. Und sagte:
„Weißt du denn nicht, was Robert Baratheon mit Targaryen-Kindern getan hat? Dass er sie alle ermorden ließ? Meinen Bruder Viserys und ich… wir wurden gejagt. Und du… du bist selbst ein Targaryen.“ „Wie kannst du dich auf diesen Ort freuen?“
Cengiz senkte den Blick. Still. Er wusste, dass er etwas übersehen hatte. Etwas tiefes, altes. Etwas Schmerzhaftes.
Dann trat Lennard wieder heran. Sein Blick war klar.
„Ich verstehe deinen Zorn. Wirklich. Aber Storm’s End… ist nicht mehr das, was es war. Die Männer dort dienen unter mir. Und ich gebe dir mein Wort, dass dir nichts passieren wird. Nicht dir. Nicht Jon. Nicht Cengiz. Nicht irgendeinem von uns.“
Daenerys sah ihn lange an. Noch immer war da etwas Dunkles in ihrem Blick – aber auch etwas, das anerkennt. Dass Lennard nicht Robert ist. Und Cengiz nicht Viserys.
Nachdem die Nachricht verschickt war, saßen wir noch kurz in der großen Halle. Die Aufregung des Tages hing noch in der Luft, aber eine gewisse Erschöpfung hatte sich darübergelegt – wie Nebel über einem ausgebrannten Schlachtfeld.
Cengiz stand neben Daenerys, mit leichtem Grinsen, die Arme verschränkt, und bot ihr an:
„Ich könnte ja Wache halten, wenn du willst. Für den Fall, dass wieder jemand nach deinem Leben trächtet.“
Sie blieb stehen. Drehte sich langsam zu ihm. Der Blick… leicht abwertend aber voller Feuer in ihren Augen.
„Ich kann auf mich selbst aufpassen.“
Ihre Stimme klang wie flüssiges Silber – klar, kühl, und irgendwo darin ein Tropfen Stolz, der fast schon schmeckte.
Cengiz ließ sich nicht beeindrucken.
„Na das glaub ich dir nicht. Sonst wär ich nicht hier, oder?“
Daenerys verdrehte die Augen, sagte „Gute Nacht“ in unsere Runde und verschwand in Richtung ihres Zimmers.
Keine Minute später trottete Cengiz hinterher. Ehrlich gesagt… wie ein kleiner, zu gut gelaunter Windhund.
Ich tauschte mit Papa einen Blick und musste leise lachen.
Nach und nach verabschiedeten sich alle. Nur Papa, Onkel Tyrion, Sansa und ich blieben noch am Tisch in der Halle zurück. Ein leiser Moment, wie ein letzter Funke Glut, bevor das Feuer ausgeht.
Onkel Tyrion sah zu Papa, ernst, aber nicht schwer.
„Und? Wie geht’s dir, großer Bruder?“
Papa nickte langsam. Sein Blick ging zu mir, dann zum Feuer.
„Ich bin erleichtert. Ich hätte nie gedacht, dass sie… uns verschont. Ich will ihr beweisen, dass ich anders bin. Dass ich nicht mehr der Mann bin, der ihren Vater getötet hat.“ „Und ich hoffe… vielleicht irgendwann… kann sie mir vergeben.“
Tyrion hob sein Weinglas, nahm einen Schluck, und sagte nur:
„Ich geb dir eine Woche. Dann flirtet sie mit dir oder erschlägt dich. Nichts dazwischen.“
Ich lachte. Sogar Papa schüttelte leicht den Kopf und grinste ein wenig.
Dann gingen wir alle gemeinsam durch die Gänge der Burg, bis wir an unseren Zimmern waren. Papa und Onkel Tyrion verschwanden in eines – Sansa und ich nahmen unseres.
Ich ließ mich aufs Bett fallen, rieb mir die Augen und sah zu ihr rüber.
„Danke“, sagte ich leise. „Dafür, dass du uns geholfen hast. Dass du für uns gesprochen hast… für Papa.“
Sansa lächelte sanft. Dann setzte sie sich zu mir und sagte:
„Du hättest dasselbe für mich getan. Und ich hab dich nur laut ausgesprochen. Jeder kann sehen, wie sehr er dich liebt. Selbst sie.“
Ich sah sie an, gerührt. Dann küssten wir uns – zart, aber ehrlich.
Die nächsten Tage vergingen ruhig. Keine Visionen. Keine Magie. Keine Wutausbrüche. Es war fast… normal.
Papa und ich hielten uns zurück, wenn Daenerys im Raum war. Ein höflicher Abstand. Aber auch… respektvoll.
Cengiz dagegen… der klebte förmlich an ihr. Er versuchte es mit allem – Reden, helfen, sticheln, dabeistehen. Und ehrlich? Ich konnte es ihm nicht übelnehmen. Er hatte sie in Träumen gesehen, in Flammen stehend, und jetzt war sie hier – lebendig.