Das Blut des Drachen
Tyrion saß an seinem Tisch, über das große schwarze Buch gebeugt, das wir vor Wochen aus der versteckten Kammer geholt hatten. Seine Finger blätterten hektisch über die Seiten, seine Stirn glänzte vor Konzentration. Cengiz stand dicht hinter ihm, sah ihm über die Schulter.
Nina saß zusammengekauert in der Ecke. Ihr Blick war leer, verängstigt, als hätte sie etwas gesehen, das sie nicht losließ.
Als wir eintraten, hob Tyrion den Blick. „Lewyn, komm her.“
Lewyn trat sofort neben ihn, warf einen schnellen Blick auf die Seite, die offenlag, dann auf die nächsten. Er verstand schneller als ich.
Papa und ich tauschten einen Blick. Ich trat näher. „Was ist los?“
Cengiz antwortete. Seine Stimme war ruhig, aber angespannt. „Am Blue Fork… bei der Kapelle… als Nina und ich Zireael berührt haben… da ist etwas passiert.“
Er erzählte es in wenigen Sätzen. Wie sich die Farbe des Stahls verändert hatte. Wie die Klinge geglüht hatte. Wie sein und Ninas Haar sich weiß gefärbt hatten, als würde etwas durch sie hindurchfließen. Wie sich das Schwert für einen Moment angefühlt hatte – als würde es etwas erkennen.
„Und seitdem“, fügte Cengiz hinzu, „fühlt es sich anders an. Als würde es… warten.“
Tyrion sah nur kurz auf, seine Stimme war leise: „Ich hatte eine Vorahnung. Eine Erinnerung. Ich wusste, ich hab irgendwas über dieses Schwert gelesen. Ich such's seit heute Nacht.“
Er schlug eine Seite um – und Lewyn hielt ihn an. „Stopp. Da. Da steht’s.“
Tyrions Finger blieben stehen. Er wich etwas zur Seite. „Lies.“
Lewyn trat näher, beugte sich vor. Und begann:
„Vor Jahrhunderten… in den Tagen, als die Rhoynar noch Magie in die Wüsten webten, wurde dieses Schwert geschmiedet. Sein Name: Zireael. Der Schmied? Nymor Stardust – ein Halbblut, Rhoynar und Erster Mensch. Kein gewöhnlicher Schmied, oh nein. Er war ein Seher. Ein Mann, der behauptete, die Stimmen der Sterne zu hören.
Eines Nachts hatte er eine Vision – von einer Klinge, geboren aus Feuer und Schatten, aus dem Herzen eines gefallenen Sterns, getränkt mit dem Blut eines Sanddrachen. Und ich weiß, wie das klingt… aber so erzählt man es in Dorne.
Die Klinge war leicht wie der Wind, tödlich wie ein Skorpion. Der Griff – verziert mit Schlangen, die sich um einen Opal winden, in dem die Seele des Sanddrachen wohnen soll.
Zireael… wählt ihren Träger. Immer. Und wehe dem, der nicht würdig ist. Manche sagen, sie brennt die Hand eines falschen Trägers, andere, dass sie sich in Luft auflöst.
Nymor übergab sie an Ashara Sandviper, die berühmteste Schwertkämpferin ihrer Zeit. Sie schlug hundert Männer in einer Schlacht nieder… und dann verschwand die Klinge. Manche sagen, Ashara versteckte sie in der Klinge der Dämmerung – andere glauben, das Schwert ging seinen eigenen Weg.
Seitdem tauchte es nur vereinzelt auf. Wanderer, Träumer, Seherinnen… niemand hielt es lange. Zireael prüft. Sie gehört keinem Menschen. Sie gehört einem Zweck.“
Alle im Raum schwiegen. Nur das Umblättern der nächsten Seite war zu hören, als Tyrion weiterblätterte – auf der Suche nach mehr.
Tyrion blätterte um. Die Seiten raschelten trocken, seine Augen flogen über die ersten Zeilen. Ich trat näher, wollte gerade etwas sagen, da kam es mir selbst: „Das da… das wissen wir doch schon. Das mit Nymor Stardust und Ashara Sandviper.“
Tyrion nickte knapp, aber dann zeigte er mit dem Finger auf den unteren Teil der Seite. „Hier. Das ist neu.“
Lewyn trat heran, runzelte die Stirn und begann vorzulesen:
„Wenn Zireael in Kontakt mit einem Träger tritt und ihre Farbe sich in Schimmern aus Feuer, Silber oder Schatten wandelt – und wenn die Haare der Berührenden sich für einen Moment weiß oder silbrig färben – so ist dies laut den Legenden ein Zeichen für das Blut des Drachens. Ein Zeichen, dass in den Adern der Person einst das Erbe der alten Blutlinie floss. Jene, die solch ein Zeichen empfangen, gelten in alten Schriften als berufen, das Erbe der Drachen nicht nur zu bewahren – sondern zu wandeln.“
Ich spürte, wie sich ein Schauer über meine Haut zog. Cengiz machte einen Schritt zurück.
„Was?“, sagte er leise. „Was hast du gerade gesagt?“
Lewyn wiederholte es nicht. Er senkte das Buch langsam.
Cengiz atmete flach, als hätte ihm jemand die Luft abgeschnürt. „Ich… als wir das Schwert angefasst haben… meine Haare…“
Ich sah zu Nina. Sie war immer noch in der Ecke, zitternd, fast versteinert vor Angst.
Tyrion sprach als Nächstes. „Ich hab’s geahnt“, murmelte er. „Was Qyburn bei der Kapelle gesagt hat… das war kein Wahnsinn. Es war eine Anspielung.“
Cengiz starrte ihn an. „Was bedeutet das? Was macht das aus mir?“
Tyrion überflog die nächsten Zeilen, las halblaut vor: „Zireael erkennt nicht nur die Blutlinie… sie markiert jene, die eine Bestimmung in sich tragen. In den Chroniken von Ny Sar heißt es: Wo Zireael flackert, da kann das Blut der Drachen neu entbrennen. Nicht als König – sondern als Wandel. Manche Seher glauben, dass ein solcher Moment der Anfang einer neuen Dynastie sein kann – oder das Ende einer alten.“
Ein schwerer Moment senkte sich über den Raum.
Ich legte meine Hand auf Papas Unterarm. Ich wusste, wie sehr ihn allein das Wort Targaryen innerlich treffen musste. Der Mad King. Kingslayer. Die Schreie. Das Battle of the Gold Road. Ich spürte, wie er flach atmete.
„Cengiz“, sagte ich vorsichtig, „hast du… hast du irgendwas gespürt? Etwas… seit der Berührung?“
Er nickte, zögernd. Dann sah er uns alle an, als wüsste er nicht, ob er es sagen sollte. Doch schließlich holte er tief Luft:
„In meinen Träumen“, sagte er leise, „sehe ich eine Frau. In Flammen gehüllt. Weißes Haar. Hinter ihr: ein Drache. Riesig. Sie sieht mich an… und flüstert etwas. Immer wieder das Gleiche: Finde mich. Rette mich. Ich warte.“
Tyrion hielt inne. Sein Blick wurde schmal. „Das klingt… das klingt nach ihr.“
Papa fragte: „Nach wem?“
Tyrion antwortete ruhig, aber die Worte trafen wie ein Gong: „Daenerys. Nach der Gold Road ist sie verschwunden. Niemand hat sie seither gesehen… keiner weiß, ob sie lebt oder wo sie ist.“
Lewyn sah ihn scharf an. „Und wer könnte das wissen?“
Tyrion senkte den Blick, als würde ihm die Antwort selbst Angst machen. „Vielleicht… Jon Snow.“
Papa sah mich an. Ich wusste, was er dachte, bevor er es aussprach.
„Dann… werden wir wohl zur Wall müssen. Mit ihm reden. Vielleicht hat er Antworten.“
Da – plötzlich – bewegte sich Nina. Sie stand auf, das Gesicht bleich, die Augen glasig.
„Ich… ich kann das nicht. Ich halt das nicht aus. Ich muss weg.“
Cengiz wollte zu ihr, doch sie hob sofort die Hand. „Bitte. Lass mich.“
Sie verließ den Raum ohne ein weiteres Wort. Die Tür fiel leise ins Schloss.
Wir blieben zurück. Um uns das offene Buch, das Flackern der Kerzen, und ein Name, der wie Asche in der Luft hing.
Daenerys.
„Ich hab Geschichten gehört über Daenerys“, sagte Cengiz. „Aber… an mir hat sich nichts verändert. Ich hab keine andere Stimme, kein anderes Wesen. Nur diese Träume.“
Papa, Lewyn und ich sahen ihn an. Ich nickte langsam. „Wir glauben dir. Und es klingt nicht so, als hätte das Schwert dich verändert. Vielleicht zeigt es dir nur was… was du sowieso schon tief in dir trägst.“
„Wie auch immer“, meinte Tyrion, der sich wieder setzte und sein Glas hob, „wir müssen zur Wall. Bald. Je länger wir warten, desto mehr Fragen werden aufkommen.“
Ich sah zu Papa, der nur nickte. Dann drehte ich mich zu Lewyn. „Vielleicht können wir in Winterfell eine Rast einlegen. Sansa wollte eh schon so lange hin – und es wäre auf dem Weg.“
„Und… Ironrath?“ Lewyns Stimme war vorsichtig. „Vielleicht nicht lange. Aber nur… nur um dorthin zurückzukehren. Auch wenn’s nur Ruinen sind.“
„Natürlich“, sagte ich sofort. „Wir machen das.“
Tyrion hob eine Braue. „Aber ich würde vorschlagen, wir sagen nicht gleich, was unser eigentliches Ziel ist. Vor allem in Winterfell. Die offizielle Version: ein Besuch, ein Zwischenhalt.“
Alle nickten. Ich spürte, wie sich alles in Bewegung setzte. Der nächste Schritt war klar.
Ich drehte mich zu Cengiz. „Was ist eigentlich mit Nina los?“
Er atmete tief durch, lehnte sich an die Wand. „Ich weiß es nicht genau. Ich vermute, dass sie… nicht klarkommt. Mit dem Gedanken. Dass in ihr… vielleicht Targaryen-Blut fließt. Wenn das stimmt, dann… dann ist ihr ganzes Leben eine Lüge.“
Ich sah ihn eine Weile an. „Ich weiß, wie das ist. Ich hab mein halbes Leben gedacht, Papa ist mein Onkel. Und Robert mein Vater.“
Er sah mich erstaunt an. Ich lächelte schwach. „Es war ein Schock. Aber… es hat mein Leben besser gemacht. Ehrlicher. Und vollkommener.“
Cengiz nickte. „Danke. Ehrlich. Ich… ich geh mal aufs Zimmer. Vielleicht ein bisschen schlafen.“
Ich nickte ihm zu, dann verließ ich Tyrions Gemach und ging durch den stillen Gang. Die Fackeln an der Wand flackerten leicht, es roch nach kaltem Stein und Asche.
Am Bettchen
Ich klopfte an Papas Tür.
Als ich sie öffnete, saß er auf dem Bett. Vor sich: Joren, der auf einem weichen Tuch lag, die Beine strampelnd. Papa war gerade dabei, ihn zu wickeln und summte dabei irgendwas leise vor sich hin.
„Lu! Lu!“ quietschte Joren, kaum dass ich zur Tür reinkam.
Ich musste lachen, setzte mich sofort zu ihm und kitzelte ihm ganz leicht den Bauch. Er war sofort außer sich, lachte mit diesen kleinen glucksenden Tönen, die nur Kinder hinbekommen. Seine Beine zappelten wild, als wäre er ein kleiner Drache im Schlafanzug.
Papa lachte ebenfalls. „Na, einer freut sich.“
Joren gähnte dann ganz plötzlich, rieb sich die Augen.
„Ich hol den Strampler“, sagte Papa und stand auf, während ich noch bei Joren blieb und ihm leise „Shhh“ zuraunte. Er beruhigte sich schnell. Papa kam zurück, hob ihn vorsichtig auf den Arm und wiegte ihn leicht hin und her, leise summend. Keine Minute später waren seine Augen schon zu.
Sanft legte er ihn in das kleine hölzerne Bettchen, deckte ihn mit einer weichen Decke zu und zog sie ihm ganz liebevoll über die Schultern.
Ich setzte mich neben ihn auf das Bett. Für einen Moment sagten wir nichts.
„Denkst du viel darüber nach?“, fragte ich leise.
Papa sah geradeaus, dann nickte er langsam. „Ich weiß, dass Cengiz nicht so ist wie der Mad King. Das ist er einfach nicht. Aber…“
Ich wartete.
„…aber die Sache mit Daenerys beschäftigt mich. Der Angriff an der Gold Road – ich hatte sie gesehen, auf dem Drachen. Ich bin mit dem Speer auf sie zugeritten. Bronn hat mich in letzter Sekunde runtergeschubst. Sonst wär ich heute Asche.“
Ich schluckte. Ich kannte die Geschichte. Aber nicht in dieser Ruhe.
„Und danach war sie weg“, fuhr er fort. „Verschwunden. Aber ich weiß nicht… ich hab das Gefühl, sie kommt zurück. Und wenn sie es tut… wird sie mich nicht mit offenen Armen empfangen. Ich hab ihren Vater getötet. Und versucht, sie zu töten.“
Ich sah ihn ernst an. „Dann machen wir ihr klar, dass du nicht mehr der bist, der du mal warst. Und wenn sie dir irgendwas androht, stelle ich mich ihr in den Weg.“
Er lachte leise. „Lukas, du wirst dich nicht zwischen mich und einen Drachen stellen, wenn der Drache Feuer speit.“
„Doch“, antwortete ich sofort.
„Nein.“
„Doch.“
„Nein!“
„Auf jeden Fall!“, sagte ich und schob ihn leicht an.
Er schüttelte den Kopf, lachte. „Die einzige Person, die dumm genug wäre, sowas zu tun… bin ich.“
Ich grinste und sah ihn an. „Na, dann weiß ich ja, woher ich’s hab.“
Er lachte, ich lachte mit – und für einen Moment war alles leicht.
Dann standen wir beide leise auf und gingen gemeinsam zu Jorens Bettchen. Er schlief tief, ruhig, eingekuschelt unter seiner Decke.
Papa beugte sich leicht vor. „Für ihn… müssen wir aufpassen. Dass es eine Welt ohne Drachen wird. Oder… zumindest ohne die, die alles niederbrennen wollen.“
Ich nickte. „Wir passen auf ihn auf. Versprochen. Wir sorgen dafür, dass alles gut wird.“
Papa sah Joren liebevoll an, dann drehte er den Kopf zu mir. Seine Stimme war ruhig, weich. „Du bist so ein guter Junge, Lukas.“
Er lächelte, doch seine Augen glänzten. „Ich bin so stolz auf dich.“
Da lächelte ich zurück – ehrlich, echt. „Ich hatte ja auch das beste Vorbild.“
Das brachte ihn zum Lachen. Es war dieses leise, ehrliche Lachen, das man kaum hörte, aber spürte.
„Was meinst du“, fragte ich dann, „wann sollen wir los?“
Er dachte kurz nach, sah wieder auf Joren. „In zwei, drei Tagen wäre, glaub ich, ideal. Dann haben wir genug Zeit, alles vorzubereiten.“
Ich nickte, sah auf meine Hände. „Ich muss dir noch was erzählen. Kevin hat mir vorhin was über Gyrontius gesagt… was am Green Fork passiert ist. Und dass er in einer Zelle liegt, noch außer Gefecht. Ich wollte gleich runtergehen und schauen.“
Er nickte sofort. „Mach das. Ich such nur kurz Brienne, damit sie Joren übernimmt, dann komm ich nach.“
„Gut“, sagte ich und stand auf. „Ich geh schon mal runter.“
Dagonis
Es war kühl im Gang, das Licht der Fackeln tanzte auf dem Steinboden. Zwei Wachen standen vor der schweren Tür, nickten mir zu, als ich mich näherte.
„Ser Lukas“, sagte einer. „Er sollte noch bewusstlos sein. Ser Kevin meinte, sein Mittel wirkt mindestens noch bis morgen früh.“
Ich nickte. „Gut. Danke euch.“
Der andere sah mich an. „Wollt Ihr sein Schwert sehen?“
Ich zögerte kurz, dann nickte ich. „Ja. Zeigt es mir.“
Sie führten mich zu einem Tisch hinter der Wache. Eine schwere Kiste stand dort, mit Eisenriegeln gesichert. Als sie sie öffneten, fröstelte es mich.
Das Schwert lag darin. Schwarz wie Obsidian, durchzogen von feinen, pulsierenden roten Linien, die wie lebende Adern über die Klinge krochen. Es wirkte… wach. Bedrohlich. Fast wie eine Kreatur, nicht wie ein Gegenstand.
Ich starrte es lange an.
„Wie heißt es?“, fragte ich leise.
Die Wache schüttelte den Kopf. „Hat keinen Namen gesagt.“
Ich sog die Luft ein, ließ den Blick nochmal darüber gleiten. „Sperrt es wieder weg. Und sagt niemandem, dass ich hier war.“
„Jawohl, Ser.“
Ich drehte mich um und ging den Gang zurück, die kalte Luft hinter mir. Noch während ich die letzte Stufe nach oben nahm, wusste ich schon, wohin mein nächster Schritt ging.
Papa kam mir gerade entgegen.
„Da bist du ja“, sagte er.
Ich nickte. „Ich hab’s gesehen. Das Schwert… es ist nicht wie andere. Schwarz wie Obsidian, rote Linien… irgendwas stimmt damit nicht. Ich glaub, wir müssen ins Buch sehen.“
Er nickte sofort. „Dann los. Hol Tyrion.“
Papa und ich klopften. Es dauerte einen Moment, dann öffnete Tyrion die Tür. Seine Haare waren zerzaust, ein Becher in der Hand – aber als er uns sah, wurde er sofort wachsam.
„Was ist los?“, fragte er.
„Ein Schwert“, sagte ich direkt. „Wir glauben, es ist etwas Besonderes. Etwas… Dunkles. Kevin hat Gyrontius damit kämpfen sehen. Es sieht aus wie Obsidian, aber mit roten Linien. Es fühlt sich falsch an. Unnatürlich.“
Tyrion trat zur Seite. „Kommt rein.“
Wir setzten uns um den Tisch, das große Buch der alten Waffen und Legenden in der Mitte. Tyrion schob ein paar Kerzen näher heran, öffnete es – und wir begannen zu blättern.
Seite um Seite. Stunde um Stunde. Papa las still, strich mit dem Finger über Zeilen. Ich notierte Merkmale. Tyrion murmelte vor sich hin. Aber wir fanden nichts. Kein Name, kein Symbol, kein Griff, der passte.
Bis plötzlich, irgendwo zwischen zwei vergilbten Seiten, Papa sagte: „Wartet. Hier.“
Wir beugten uns alle nach vorne.
Ein Bild. Die Klinge: exakt wie beschrieben. Schwarz, matt, durchzogen von rot leuchtenden Linien.
Der Name: Dagonis.
Darunter stand:
Fluch: Spürt alle Seelen, die das Schwert verschlungen hat. In der Nacht flüstern sie ihm zu. Langzeitwirkung: Wer das Schwert zu lange führt, wird vom Meer und Wahnsinn heimgesucht. Symptome: Albträume, glasiger Blick, Kiemenlinien am Hals.
Ich spürte eine Gänsehaut. Tyrion las weiter.
Entstehung: Geborgen aus den Tiefen unter Harlaw, geschmiedet auf einer fluchbeladenen Insel, benetzt mit dem Blut des ersten Blutmagiers der Eiseninseln. Nur wer sich in die Tiefe stürzt, wo kein Licht mehr ist, und überlebt, kann Dagonis empfangen. Das Schwert findet den Träger – nicht umgekehrt.
Ich schluckte. Die nächste Seite offenbarte die Kräfte:
Stärken: Kann selbst durch Valyrischen Stahl schneiden, wenn vom Zorn seines Trägers genährt. Erkennt Schwächen im Körper des Gegners. Lässt den Träger schneller reagieren, wenn Blut in der Luft liegt. Kann mit einem Schnitt Seelen zerspalten – nicht nur Körper.
Ich erinnerte mich an alles was Kevin mir von Gyrontius’ Kampf erzählt hat. Wie er plötzlich jeden Schlag von Rodrik gekontert hatte. Wie sein Blick glasig war, seine Bewegungen präzise, fast… übernatürlich. Das hier erklärte alles.
„Das ist es“, flüsterte ich.
Tyrion blätterte weiter. Noch eine Seite.
Befreiung vom Fluch: Wer sich in den Blessed Springs von Castamere untertaucht und dort eine Nacht unter Wasser übersteht – ohne Luftholen – wird vom Fluch gelöst. Nur wenn das Schwert zugleich in reinem Wasser vergraben und mit Licht gesegnet wird, verliert es seine Stimmen.
„Castamere…“, murmelte ich. „Das ist gar nicht weit von hier.“
Papa sah mich an. Ich spürte, wie es in ihm arbeitete.
„Er tut mir leid“, sagte ich leise.
„Gyrontius?“, fragte Tyrion.
Ich nickte. „Ja. Damals, in King's Landing… er war nett. Seltsam ruhig. Aber nicht grausam. Nichts von dem, was wir heute gesehen haben. Ich glaube, es war das Schwert. Und Euron. Beides hat ihn verdreht.“
Papa sah mich lange an. Dann nickte er. „Du könntest recht haben. Wir sollten ihm helfen, wenn er es zulässt.“
Tyrion trank einen Schluck. „Wenn wir auf dem Weg nach Winterfell sind, führt uns der Pfad ohnehin nahe Castamere vorbei. Es wäre töricht, die Gelegenheit nicht zu nutzen.“
Ich atmete tief durch. „Dann machen wir das.“
Es war schon spät. Die Kerzen waren fast niedergebrannt.
„Ich geh schlafen“, sagte ich leise und sah die beiden an.
Papa nickte. Tyrion streckte sich. „Ich auch.“
Wir standen auf. Papa legte mir eine Hand auf die Schulter. „Du hast gut gehandelt. Heute und jetzt.“
Ich lächelte kurz. Dann gingen wir auseinander, jeder auf sein Zimmer.
Die Gänge von Casterly Rock waren still in dieser Nacht – aber mein Kopf war voll.
Als ich die Tür leise öffnete, lag sie noch halb im Schlaf, auf der Seite gedreht, das rote Haar über das Kissen gefächert. Doch kaum hörte sie das Knarren der Tür, bewegte sie sich leicht und blinzelte.
„Lukas…?“, murmelte sie schläfrig. „Ist alles gut?“
Ich zog mir das Hemd aus, setzte mich ans Bett und sah sie an. Ihre Augen wirkten klarer, jetzt, wo sie mich richtig erkannte.
„Ich war bei Papa und Onkel Tyrion…“, begann ich leise. „Wegen Cengiz und Nina und Gyrontius... Wir haben nach dem Schwert gesucht… dem von Gyrontius. Es heißt Dagonis. Und… es ist verflucht. Alles, was er am Green Fork getan hat, hat vermutlich auch mit dem Schwert zu tun. Wir wollen mit ihm zu den Blessed Springs. Vielleicht kann man den Fluch lösen.“
Sansa richtete sich langsam auf, stützte sich auf die Ellbogen. „Und Cengiz…?“
Ich nickte. „Er hat Träume. Von einer Frau mit weißen Haaren in Flammen. Mit einem Drachen. Die ihm sagt, er soll sie retten. Tyrion glaubt, es ist Daenerys. Und das Schwert, das er führt, Zireael… hat seine Haare bei Berührung weiß gefärbt.“
Sansas Gesicht wurde schlagartig ernster.
„Daenerys…“, flüsterte sie. „Ich hab sie gesehen. Wie sie war. Ich hab nie geglaubt, sie wäre unsere Rettung. Die gute Königin. Doch dann… als ich mitbekommen habe, was sie an der Gold Road getan hat. Alles. Unschuldige Soldaten. Niemanden verschont. Sie hat mit ihren eigenen Augen gesehen, dass sie schon gewonnen hat. Und sie hat es trotzdem getan.“
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog. Ich wusste, dass Sansa so über sie dachte – aber es tat weh, es nochmal so klar zu hören.
„Ich mach mir Sorgen“, sagte ich. „Um Papa. Was sie ihm vielleicht vorwerfen könnte. Was sie ihm… antun würde. Wegen Aerys. Und der Gold Road.“
Sansa setzte sich nun richtig auf und sah mich direkt an. „Wenn sie zurückkommt, Lukas… und glaubt, sie hätte das Recht, über uns zu richten… dann wird sie mich an dir vorbei nicht erreichen.“
Ich sah sie an. Ihre Stimme war leise gewesen, aber felsenfest. Kein Zögern, kein Zweifel.
„Ich bin bei euch. Wenn es so weit kommt.“
Ich konnte nichts sagen. Ich beugte mich nur vor, zog sie sanft in den Arm. Sie kuschelte sich eng an mich, ihre Stirn an meinem Hals.
Wir lagen eine Weile so da. Einfach still.
Dann flüsterte ich: „Danke.“
Sie flüsterte zurück: „Schlaf jetzt. Ich bin da.“
Ich hielt sie noch fester. Und irgendwann schliefen wir ein – Arm in Arm.
Gyrontius fleht um Hilfe
Ich zog mir leise das Hemd über, während Sansa sich noch einmal im Bett drehte. Sie öffnete die Augen halb, als ich zur Tür ging.
„Ich schau bei Gyrontius nach“, flüsterte ich. „Sag beim Frühstück bitte allen Bescheid, die’s noch nicht wissen… Wir brechen in zwei Tagen auf. Erst Winterfell. Dann die Wall.“
Sie nickte verschlafen und murmelte etwas, das nach „Pass auf dich auf“ klang. Ich schloss leise die Tür und machte mich auf den Weg.
Die Treppen zum Kerker waren kühl. Draußen schien gerade erst das Licht über die Felsen von Casterly Rock zu kriechen. Zwei Wachen am Eingang grüßten mich.
„Ser Lukas.“
„Morgen. Ich würde gern zu Gyrontius.“
„Natürlich. Er ist wach.“
Sie führten mich den Gang entlang. Die Fackeln warfen flackerndes Licht auf die Steine, die Luft war schwer und kalt. Als wir bei der Zelle ankamen, öffnete einer der Männer die Tür und ich trat ein.
Ich ließ sie hinter mir wieder schließen.
Gyrontius saß in der hinteren Ecke. Zusammengekauert. Die Arme um die Knie gelegt. Als ich eintrat, hob er den Kopf – langsam, träge – und unsere Blicke trafen sich.
Sein Gesicht war eingefallen. Die Haut um die Augen grau, der Blick… glasig. Und da waren sie: feine Linien an seinem Hals, wie Spuren von Kiemen, kaum sichtbar, aber da. Sein Atem flach, seine Schultern schwer.
Er starrte mich an. Dann flüsterte er: „Bitte… erlöse mich. Ich halt das nicht mehr aus.“
Ich ging langsam näher, bis ich ein paar Schritte vor ihm stand. Dann kniete ich mich hin.
„Ich hab nachgelesen. In einem Buch, mit Tyrion. Ich weiß, was Dagonis ist. Ich weiß, was es tut. Und… ich weiß auch, wie man dich befreien kann. Es gibt einen Ort. Die Blessed Springs bei Castamere. Wenn du willst… können wir dich dorthin bringen.“
Er runzelte die Stirn. Der Gleichmut, den er früher immer ausgestrahlt hatte – diese Gleichgültigkeit – war verschwunden. Er wirkte… lebendig. Gequält, aber lebendig.
„Mein Vater…“ Er schluckte. „Hat er… hat er irgendwas getan? Um mich… zurückzuholen?“
Ich antwortete nicht sofort. Er wirkte wie ein Junge, der sich seine Enttäuschung noch nicht eingestehen will.
„Ich weiß nicht mehr, ob ich’s mir eingebildet hab“, murmelte er. „Aber am Green Fork… als alles um mich herum brannte… ich dachte, ich seh ihn. Wie er sich abwendet.“
Ich senkte den Blick. Dann nickte ich. „Er hat dich zurückgelassen.“
Seine Lippen zitterten. Er drehte sich ein Stück zur Wand, lehnte den Kopf dagegen. „Dieses Schwert… ich… es ist in meinem Kopf. Die Stimmen… jede Nacht. Ich spür sie. Seelen, die geschrien haben, als sie starben. Ich seh sie. Immer wieder. Ich kann nicht mehr schlafen. Ich will einfach nur, dass es aufhört.“
Ich sagte nichts. Was hätte ich sagen sollen?
„Und weißt du, was das Schlimmste ist?“ Seine Stimme brach. „Ich bedeute niemandem etwas. Nicht mal ihm. Ich… bin nur leer. Wenn ich sterbe… würde es niemand merken.“
Es zog mir das Herz zusammen. Ich kannte dieses Gefühl. Zu gut.
„Als du geschlafen hast“, fragte ich leise, „nach Kevins Mittel… hast du sie dann auch gehört?“
Er schüttelte den Kopf. „Nichts. Nur Stille. Es war… der friedlichste Moment seit Jahren.“
Ich nickte. Dann atmete ich tief durch. „Wir können dir wieder etwas davon geben. Nur ein wenig. Nicht zu viel. Und dann bringen wir dich zu den Blessed Springs. Wenn du das willst.“
Gyrontius hob den Blick. Seine Augen glänzten. Zum ersten Mal sah ich darin so etwas wie Hoffnung.
„Bitte… Lukas. Es tut mir alles leid. Was ich getan hab. Ich… will nicht mehr so sein. Ich will nur… dass es aufhört.“
Ich legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Ich kümmer mich darum.“
Er flüsterte: „Danke.“
Dann stand ich auf, ging zur Tür und klopfte. Als sie geöffnet wurde, trat ich hinaus – auf der Suche nach Kevin.
Ich fand Kevin im kleinen Arbeitsraum beim oberen Westflur, über einige Schriftrollen gebeugt. Als ich klopfte, hob er den Blick und richtete sich sofort auf.
„Du warst bei ihm?“ fragte er.
Ich nickte. „Er hat geweint. Gefleht. Und ich… glaub ihm. Kevin, wir müssen ihm helfen. Bitte.“
Er seufzte tief, lehnte sich zurück und strich sich durch die Haare. „Ich hab’s geahnt, als ich ihn damals gesehen hab. Seine Augen, seine Stimme…“ Er stand auf. „Die Mixtur kann man anpassen. Etwas schwächer, aber immer noch beruhigend. Wir geben ihm damit die Zeit ohne Qual bis zu den Blessed Springs.“
„Danke“, sagte ich leise.
Zusammen arbeiteten wir an dem neuen Trank. Kevin mischte Kräuter, Flüssigkeiten, Tropfen aus einem kleinen Glasfläschchen, die violett glänzten. Es dauerte vielleicht eine halbe Stunde. Dann war es fertig.
Ich nahm das kleine Gefäß, atmete tief durch – und ging los.
Ich klopfte zweimal, dann trat ich ein. Papa saß auf dem Sofa, Tyrion an seinem Schreibtisch. Beide sahen auf, als sie mich mit dem Trank in der Hand sahen.
„Ich war bei Kevin“, begann ich. „Wir haben eine schwächere Version des Mittels gemacht. Gyrontius will, dass es aufhört. Er will, dass wir ihm helfen.“
Tyrion stand auf. „Und du glaubst ihm?“
„Ja“, sagte ich sofort. „Und… ich will euch mitnehmen. Falls ihr euch selbst überzeugen wollt.“
Papa tauschte einen Blick mit Tyrion. Dann stand er auf. „Gut. Gehen wir.“
Die Wachen öffneten die Tür. Der Geruch war scharf, schwer. Düstere Luft. Kaum Licht.
Ich trat zuerst ein. Papa und Tyrion blieben dicht hinter mir.
Gyrontius lag auf der Seite, zusammengerollt, das Gesicht halb vergraben. Er zitterte. Kratzige Geräusche kamen aus seiner Kehle. Die Linien an seinem Hals waren dunkler als zuvor. Er krümmte sich und stöhnte leise.
„Macht… dass es aufhört… bitte…“
Ich kniete mich zu ihm, vorsichtig.
„Hey… Gyrontius. Ich bin’s. Lukas.“
Seine Augen flatterten, suchten mich. Er war völlig neben sich.
„Ich hab das Mittel. Willst du es?“
Ein Nicken. Schwach, aber eindeutig.
Ich öffnete das Fläschchen, half ihm, sich aufzurichten. Seine Lippen zitterten, doch er trank. Erst zögerlich, dann gierig. Tropfen liefen ihm über das Kinn.
Danach sackte er zurück, atmete tief durch, immer wieder.
„Danke“, murmelte er. „Danke… danke…“
Seine Augen fielen langsam zu. Der Körper wurde ruhiger. Er schien endlich loszulassen.
Ich richtete mich auf und drehte mich zu Papa und Tyrion.
Sie hatten ihn schweigend beobachtet. Jetzt sahen sie mich an.
„Ich glaub dir“, sagte Tyrion leise. „Ich hab Männer gesehen, die so geredet haben wie er… bevor sie starben. Aber er hat sich stattdessen entschieden, dich um Hilfe zu bitten.“
Papa nickte nur. Dann klopfte er mir auf die Schulter.
„Lass uns gehen.“
Ich sah noch einmal zurück, bevor wir die Tür hinter uns schlossen.
Vorbereitungen und Abschied
Wir saßen alle um den langen Tisch. Tyrion hatte Karten ausgerollt, Lewyn markierte Routen, Kevin machte sich Notizen. Rina sprach mit leiser Stimme mit Sansa, während Jorah und Dickon über Vorräte und Wetterverhältnisse diskutierten.
Ich lehnte mich zurück, hörte zu, beobachtete.
„Morgen früh“, sagte Tyrion dann. „Wir ziehen zuerst nach Norden. Die Blessed Springs bei Castamere sind nicht weit. Dort kümmern wir uns um Gyrontius. Danach... Richtung Winterfell. Einige Tage Rast, Vorräte auffüllen, und dann... sehen wir weiter.“
Einige nickten, andere murmelten leise Zustimmung.
„Und wer will“, fügte Lewyn hinzu, „kann danach nach Ironrath. Auch wenn es nur noch Ruinen sind – ich würde gerne... einfach dort gewesen sein.“
Keiner widersprach.
Papa und ich tauschten einen kurzen Blick. Nur wir, Tyrion, Lewyn, Sansa, Cengiz und Nina wussten von dem wahren Ziel danach – der Wall.
Als sich die Gruppe langsam auflöste, begannen alle zu packen. Ich ging mit Sansa zurück auf unser Zimmer. Der Himmel draußen wurde bereits dunkler, und als wir das Fenster öffneten, wehte kühle Abendluft herein.
Ich saß auf dem Bett, Sansa stand am Regal, faltete eine Tunika, als es klopfte.
„Herein“, sagte ich, und im selben Moment ging die Tür auf.
Papa trat ein – mit Joren auf dem Arm, der sofort zu glucksen begann, als er uns sah.
„Na, seht mal einer an“, grinste Papa. „Jemand ist ganz aufgeregt. Erste große Reise.“
Joren klatschte in die kleinen Hände. „Lu! Lu!“
Ich lachte. „Na komm her, Abenteurer.“
Doch Sansa war schneller. Sie nahm ihn Papa vorsichtig ab, drehte sich mit ihm, flüsterte ihm liebevoll etwas ins Ohr.
„Wir zeigen dir Winterfell, mein Schatz“, sagte sie. „Du wirst es lieben.“
Papa und ich traten auf den Flur, schlossen die Tür leise hinter uns.
Ich sah ihn an. Seine Haltung war ruhig, aber ich kannte ihn gut genug. Da war etwas in seinem Blick.
„Du bist nervös“, sagte ich leise. „Wegen morgen. Wegen Joren. Brienne.“
Er atmete tief durch und stützte sich gegen die Wand. „Ein bisschen, ja. Ich weiß, es ist nicht mehr Krieg wie früher. Aber… ich hab's mir geschworen. Kein Kind von mir soll je wieder in Gefahr geraten.“
Ich nickte. Schweigend.
„Ich weiß, du passt auf“, fügte er hinzu. „Aber es ist etwas anderes, ihn dabei zu haben. Und Brienne… sie war so lange so stark, aber… sie wird auch älter. Wir alle werden es.“
„Du wirst das gut machen“, sagte ich. „Wir lassen sie nie allein. Nie.“
Er sah mich an. Dann lächelte er. „Ich weiß.“
Ich legte Papa den Arm um die Schulter. „Komm, alter Mann. Jetzt trinken wir noch einen.“
Er lachte leise, schüttelte den Kopf. „Frech wie eh und je.“
Wir gingen los Richtung Stube. Der Flur war ruhig, die Lichter der Wandleuchter warfen flackernde Schatten über den Stein.
Doch plötzlich hörten wir Stimmen weiter vorne. Streit. Cengiz. Und… Nina.
„Lass mich doch mitkommen!“, rief Cengiz, laut, fast flehend.
„Nein!“ Ninas Stimme war aufgewühlt. „Ich muss das alleine machen, lass mich, bitte…“
Sie kam schnellen Schrittes den Gang entlang. In der Hand eine Tasche, den Blick starr nach vorn gerichtet. Als sie an uns vorbeiging, trat ich leicht zur Seite.
„Nina? Alles in Ordnung?“, fragte ich vorsichtig.
Sie blieb kaum stehen. Sah uns beide an – traurig, entschlossen. „Es tut mir leid. Wirklich. Aber ich kann das nicht.“
Dann ging sie weiter. Ohne sich umzudrehen. Fort.
Papa und ich sahen uns an. Dann gingen wir weiter zu Cengiz.
Er stand mitten im Gang. Starr. Die Schultern hingen, der Blick leer.
„Was ist los?“, fragte Papa.
Cengiz reagierte kaum. „Sie geht“, murmelte er. „Zur Citadel. Weil sie das nicht aushält. Nicht mitkommt. Nicht sehen will, was wir vielleicht herausfinden.“
Ich trat neben ihn. „Hat sie gesagt, warum?“
Er nickte langsam. „Sie sagt, sie muss das allein machen. Sie will nicht, dass ich sie begleite. Ich kenn sie… wenn sie so ist, können wir nichts tun.“
Ich sah ihn an. Wollte etwas sagen. Doch er hob nur die Hand.
„Wir gehen zur Wall“, sagte er. „Finden heraus, was das bedeutet. Ich komme mit. Ich muss. Aber… sie kommt zurück. Irgendwann.“
Papa legte ihm die Hand auf die Schulter. „Wenn du dir sicher bist, akzeptieren wir das.“
Cengiz nickte schwach. „Ich geh schlafen. Wir sehen uns morgen.“
Dann ging er langsam davon. Allein.
Papa und ich standen noch einen Moment dort, bevor wir wortlos weitergingen – in die Stube, um noch einen letzten Wein zu trinken.