Hinterhalt im Nebel
Doch als wir hinaustraten… veränderte sich alles.
Dunkelheit hatte sich gesenkt, tiefer Nebel wälzte sich vom Red Fork her über das Land. Die Sicht war kaum zehn Meter weit.
Ich lief mit Papa, Sansa, Erik und Bronn in Richtung unserer Unterkunft, als es passierte.
Ein Knall. Ein gleißendes Licht. Dann die Schreie.
„Achtung!“ „HINTERHALT!“ „WIR WERDEN ANGEGRIFFEN!! RETTET EUCH!!“
Ich zuckte zusammen – mein Herz raste. Neben uns explodierte einer der Wägen mit einem ohrenbetäubenden Knall, Flammen schlugen in den Nebel. Die Druckwelle schleuderte uns zu Boden. Ich schmeckte Staub und Blut auf meiner Zunge. Dann – Gestalten im Nebel.
Mutationen. Verzerrte, entstellte Kreaturen – einst Menschen. Gefallene Soldaten. Jetzt verdrehte, gebrochene Dinge. Tot, aber lebendig.
„LUKAS! AUFSTEHEN! JETZT!“ brüllte Papa. Er zog mich auf die Beine, Schwert gezückt. „WIR MÜSSEN HIER WEG! ES IST EINE FALLE!“
„Wir müssen die anderen finden!“ rief ich. „Wenn du bleibst, stirbst du!“ schrie er, während er einem Angreifer die Klinge in den Leib stieß.
Bronn, Erik, Papa – sie standen im Kreis um uns. Ich riss Argentus aus der Scheide, mein Herz hämmerte. Eine Mutation stürmte auf Sansa zu. Ich sprang dazwischen, stieß Argentus tief in ihren Leib – das Ding kreischte, bevor es in Asche zerfiel.
Papa griff einen brennenden Pfahl aus einem zerstörten Wagen, hob ihn hoch wie eine Fackel.
„FOLGT MIR! WER NOCH LEBT, FOLGT MIR! NEHMT PFERDE! RENNT!“
Um uns herum Chaos. Männer schrien, Stahl sang durch die Luft. Eine zweite Explosion riss weitere Wägen in Stücke.
Wir rannten. Ich spürte Sansas Hand an meiner. Dann, im Nebel –
„LEWYN!!“ Er lag am Boden, eine Kreatur über ihm.
Ich sprang hin, schnitt die Mutation mit einem Aufschrei nieder.
„Los, los! HALT DICH FEST!“ Ich packte ihn am Arm, zog ihn mit aller Kraft zu unserem Wagen. Bronn saß schon auf dem Pferd vorn, Erik schlug mit seinem Schwert wild um sich.
Wir warfen uns in den Wagen, der rumpelnd losriss. Hinter uns: Feuer, Chaos, Tod. Vor uns: das dunkle Wasser des Red Fork und der Weg nach Norden.
Der Hinterhalt war überstanden – aber der Albtraum hatte gerade erst begonnen.
Flucht am Red Fork
Der Wagen ratterte über das feuchte, schlammige Ufer des Red Fork, die Hufe der Pferde warfen klatschnasse Erde in die Luft. Hinter uns war das Crossroad-Inn kaum mehr zu sehen – nur noch leuchtende Flammen und ein fahler Lichtschein, begleitet vom Grollen weiterer Explosionen und den gequälten Schreien derer, die zurückgeblieben waren.
Ich saß zwischen Papa, Sansa und Ortengryn, der schwer atmete, den Kopf gegen die hölzerne Wand des Wagens gelehnt hatte. Seine Rüstung war an mehreren Stellen zerkratzt, sein Mantel angesengt. Auf seiner Stirn glänzte Blut, aber seine Augen waren wach. Und voller Trauer.
Ich beugte mich näher zu ihm, noch immer außer Atem, mein Herz pochte wild in meiner Brust.
„Lewyn… was ist passiert? Weißt du, wo die anderen sind? Geht es ihnen gut?“ Meine Stimme zitterte. Ich brauchte Hoffnung. Ein Anker.
Ortengryn hob langsam den Blick. In seinem Gesicht mischten sich Schmerz, Erschöpfung, aber auch die alte Ruhe, die ich an ihm immer bewundert hatte.
„Ich war gerade mit Rodrik, Jorah, Paul, Dickon und Kevin auf dem Weg zu unserer Hütte…“, begann er leise. „Hinter uns unser Teil der Armee… alles ruhig. Und dann… kam es aus dem Nichts.“
Er senkte den Blick, sprach langsam weiter:
„Ein brennender Pfeil schlug in einen Wagen ein, ganz plötzlich. Ich… ich konnte nicht mal reagieren. Die Explosion hat mich durch die Luft geschleudert. Ich weiß nicht, wie lange ich bewusstlos war…“ Er schluckte schwer. „Als ich wieder zu mir kam, war da nur noch Nebel. Alles war grau… überall brannten Wagen. Ich habe nach Rodrik geschrien… aber ich… ich konnte niemanden erkennen. Überall Mutationen… unsere Leute, zerfetzt, geschlagen, manche flohen… andere hatten keine Chance.“
Er schloss kurz die Augen, sein Atem zitterte.
„Ich wäre fast von einem Wagen überrollt worden… Ich glaube, ich habe Tyrion, Cengiz, Nina und Lennard darin gesehen – sie sind nach Osten gefahren, in Richtung des Blue Fork. Einige Reiter sind ihnen gefolgt… vielleicht konnten sie fliehen.“
Ich atmete hörbar auf.
„Dann haben sie es vielleicht geschafft…“ Neben mir nickte Papa, und als er hörte, dass Tyrion wohl entkommen war, atmete auch er tief durch, seine Schultern sanken etwas.
Aber dann stellte ich die nächste Frage, und Ortengryns Blick senkte sich wieder.
„Was ist mit Rodrik, Paul, Jorah, Kevin und Dickon?“
Eine Träne sammelte sich in seinem Auge und rollte über seine Wange.
„Ich… ich weiß es nicht, Lukas…“ flüsterte er gebrochen. „Ich habe sie nicht gesehen. Aber… ich kenne Rodrik. Und Jorah. Sie sind erfahren. Ich glaube… ich hoffe… sie haben ihre Männer genommen und sind nach Westen, zum Green Fork. Das wäre die logischste Route gewesen… wenn sie überlebt haben.“
Er wischte sich mit einer zittrigen Hand über das Gesicht, schloss die Augen und schien innerlich zu beten. Sansa legte ihm sanft eine Hand auf die Schulter und strich langsam und beruhigend darüber.
„Danke… dass du mich gerettet hast“, flüsterte er dann, kaum hörbar.
Ich nahm seine Hand, hielt sie fest und sah ihm in die Augen.
„Ich würde es jederzeit wieder tun. Ich bin froh, dass du lebst und bei uns bist.“
Er nickte, sprachlos, seine Lippen bebten. Für einen Moment war es ruhig im Wagen, nur das Rattern der Räder und das Schnaufen der Pferde war zu hören.
Dann blickte ich auf.
„Wo fahren wir hin? Was machen wir jetzt?“
Papa antwortete zuerst, seine Stimme ruhig, aber bestimmt.
„Wir ziehen am Red Fork entlang weiter. Wenn wir Glück haben, können wir Abstand gewinnen. Wir suchen eine offene Fläche, am besten auf einem Hügel. Einen Ort, an dem wir Halt machen können, um uns neu zu sammeln.“
„Und um zu überleben“, ergänzte Bronn mit rauer Stimme von seinem Pferd aus, welches den Wagen zog.
Ich nickte langsam, mein Blick wanderte in die Nacht hinaus, in die undurchdringliche Dunkelheit, die sich um uns gelegt hatte. Hinter uns war Feuer und Tod. Vor uns – das Ungewisse.
Aber wir waren am Leben. Und das bedeutete: Es war noch nicht vorbei.
Der Wagen nach Osten
Der Wagen rollte rumpelnd über den unebenen Boden, fernab der brennenden Ruinen des Crossroads Inn. Die Nacht war dicht, der Nebel hatte sich etwas gelichtet, doch die feuchte Kälte hing noch immer schwer in der Luft. Vorne saß Lennard, den Blick wachsam nach vorn gerichtet, die Zügel in beiden Händen. Das Pferd schnaufte schwer, aber es war gut trainiert, reagierte auf jedes Zucken seiner Hände.
Hinten im Wagen saßen Tyrion, Cengiz und Nina, in eine Decke gehüllt, noch immer staubbedeckt und angespannt von der Flucht. Ein kleines Licht brannte in einer Laterne über ihnen, warf flackernde Schatten auf ihre Gesichter.
Cengiz hatte den Arm um Nina gelegt, seine Finger fuhren sanft und beruhigend durch ihr Haar, während sie mit dem Kopf an seiner Schulter lehnte. Es war still, nur das leise Klirren der Waffen, das Hufgetrappel und das Knarzen des Wagens begleiteten sie.
Tyrion hob eine kleine Karaffe aus seinem Mantel, nahm einen tiefen Schluck und schmatzte leise.
„Lennard“, rief er nach vorn, seine Stimme rau, aber gefasst, „es war verdammt klug von dir, direkt diesen Wagen samt Pferd zu nehmen. Die meisten hatten nicht mal Zeit, ihre Schwerter zu ziehen.“
Lennard warf einen kurzen Blick über die Schulter und lächelte müde.
„War mehr Instinkt als klug. Ich hab nur gewusst: Wer zuerst loskommt, lebt vielleicht noch.“ Sein Blick richtete sich wieder nach vorn. „Ich hoffe, das hat uns was gebracht.“
Cengiz wandte sich leicht zu Nina, seine Hand noch immer in ihrem Haar.
„Weißt du… das war unglaublich. Als du dieser Mutation das Schwert in die Brust gerammt hast. So schnell, so entschlossen.“ Er sah sie an, und in seinem Blick lag echter Respekt.
Nina zuckte leicht mit den Schultern, wirkte fast überrascht.
„Ich hatte Angst… aber ich wollte nicht, dass sie dich verletzen. Ich hab einfach… gehandelt.“
Tyrion nickte zustimmend.
„Angst ist keine Schwäche, wenn man sie zu einer Handlung zwingt. Im Gegenteil – es ist die größte Stärke.“
Dann wurde es kurz still, bis Lennards Stimme die Dunkelheit durchbrach.
„Was… was waren das für Kreaturen?“ Seine Stimme war rau vor Unruhe. „Die sahen aus wie… wie wiederbelebte Leichen. Mutationen… aber nicht wie normale Menschen.“
Tyrion stieß einen leisen Seufzer aus, leerte den Rest seiner Karaffe und lehnte sich gegen die hölzerne Wand des Wagens.
„Ich will nicht gleich das Schlimmste annehmen… aber ich vermute: Qyburn.“ Er sprach den Namen aus wie einen Fluch. „Er ist ein Meister der Verdorbenheit. Wenn jemand die Leichen von Soldaten in solche… Dinger verwandeln kann, dann er.“
Cengiz verzog das Gesicht.
„Das ist… krank.“
Tyrion zuckte mit den Schultern.
„Krankheit, Wahnsinn und Wissenschaft liegen manchmal näher beieinander, als uns lieb ist.“
Dann fragte Nina leise:
„Und… wohin fahren wir jetzt?“
Lennard antwortete sofort, ohne den Blick von der Straße zu nehmen:
„Wenn wir Glück haben, schaffen wir es bis zum Blue Fork. Dort gibt’s alte Kapellen, verlassene Hütten – Orte, an denen wir Halt machen können, ohne gesehen zu werden. Und mit der Armee, die uns gefolgt ist, können wir uns neu sammeln.“
Tyrion nickte.
„Es ist wahrscheinlich unser sicherster Ort aktuell. Nicht ideal – aber besser als im offenen Feld.“
Cengiz runzelte die Stirn.
„Glaubst du… die anderen haben’s geschafft? Lukas… Jaime… die, die hinter uns waren?“
Tyrion sah ihn an. Und obwohl seine Augen gerötet waren und sein Gesicht müde wirkte, sprach er mit fester Überzeugung:
„Ich bin mir sicher, dass Lukas lebt. Und Jaime auch. Bronn, Sansa, Erik – die sind zäh, die wissen, was sie tun.“ Er atmete kurz aus. „Ich hab Ortengryn gesehen, wie er in ihre Richtung lief – vielleicht ist er bei ihnen. Ich hoffe es.“
Dann senkte er den Blick, seine Stimme wurde leiser:
„Aber Rodrik… Paul… Kevin… Dickon… Jorah…“ Er schüttelte leicht den Kopf. „Ich weiß es nicht. Ich hoffe, sie haben’s in Richtung des Green Fork geschafft. Es war die einzige andere Fluchtrichtung… wenn sie schnell genug waren.“
Stille kehrte ein. Keiner sprach. Das Gewicht dieser Unsicherheit, der Verlust, der Trennung – es lag schwer auf allen.
Und draußen zog die Nacht weiter an ihnen vorbei, während der Wagen in Richtung Blue Fork fuhr – der Hoffnung entgegen, dass es dort ein Morgen geben würde.
Lager am Green Fork
Die fünf Reiter bewegten sich schwer atmend durch das nächtliche Dickicht, die Hufe der Pferde matschten durch den feuchten Waldboden. Der Nebel lag noch immer träge in der Luft, schien sich an sie zu klammern wie der Nachhall der Schreie, die sie am Crossroads Inn zurückgelassen hatten. Alle waren gezeichnet – körperlich und seelisch.
Jorah saß vorn auf einem großen, dunkelbraunen Pferd, Kevin hinter ihm, eine Hand krampfhaft an Jorahs Seite, um nicht vom Sattel zu rutschen. Auf einem zweiten Tier saß Rodrik allein, seine Schultern schwer, das Schwert noch in der Hand, als könne er nicht loslassen. Paul teilte sich das dritte Pferd mit Dickon, der stark blutete, sein Oberschenkel war notdürftig verbunden, und sein Gesicht war schweißnass und blass. Doch er sagte kein Wort – sein Kiefer war fest zusammengepresst, seine Augen auf den Pfad gerichtet.
Hinter ihnen zog der Rest ihrer zerstreuten Armee, manche verwundet, manche noch unter Schock, alle jedoch getrieben von Überlebenswillen – und Hoffnung, irgendwo auf Verbündete zu treffen.
Jorah drehte sich kurz um, rief:
„Nach Osten! Zum Green Fork! Wir müssen in Deckung – wenn sie uns folgen, brauchen wir Bäume über den Köpfen!“ Rodrik stimmte ihm zu: „Sucht nach einem Waldrand – wir müssen Sicht auf das Ufer haben. Wenn wir Glück haben, erkennen wir früh genug, wenn etwas kommt!“
Kevin hielt sich an Jorah fest und murmelte, fast mehr zu sich selbst:
„Ich… ich hoffe, den anderen geht’s gut. Ich hab sowas noch nie gesehen. Diese Kreaturen… sie waren schnell. Zu schnell. Kein gewöhnlicher Feind.“ Er schluckte. „Weder lebendig noch tot. Wie kann man gegen so etwas kämpfen…?“
Keiner antwortete. Es gab keine Antwort darauf.
Stunden zogen sich hin wie Ketten an ihren Füßen, bis sie schließlich eine kleine Anhöhe am östlichen Waldrand erreichten. Das Rauschen des Green Fork war in der Ferne zu hören, ein gleichmäßiges Geräusch, das tröstlich wirkte inmitten des Chaos. Das Lager wurde errichtet – spärlich, leise. Niemand sprach viel. Die Männer errichteten Zelte, machten kleine Feuer, die sie mit Zweigen und Laub tarnen mussten.
Die fünf saßen am Rand des Lagers, die Pferde in Sichtweite, ihr Blick aufs Wasser gerichtet. Rodrik saß am Boden, die Arme auf die Knie gestützt, der Blick leer.
Neben ihm saß Paul, der ihm Wasser reichte.
Rodrik nahm einen Schluck, dann senkte er den Blick. Seine Stimme war brüchig.
„Ich hab nach ihm gerufen… nach Lewyn. Als die erste Explosion kam. Ich hab seinen Namen geschrien…“ Er schloss die Augen. „Ich hab nur noch gesehen, wie er durch die Luft flog. Danach… nichts mehr. Und ich…“ Er hielt inne. „Ich weiß, dass wir nicht blutsverwandt sind. Aber er… er ist mein Bruder. Der Einzige aus meiner Familie, der noch…“ Seine Stimme versagte kurz. „Ich hab Ironrath überlebt. Ramsay. Alles. Und Lewyn war immer da. Immer. Wenn ihm etwas passiert ist… ich… ich könnte mir das nie verzeihen.“
Paul legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter.
„Rodrik… ich verstehe dich. Ich schwör’s dir – ich versteh dich.“ Er hielt kurz inne, sah in die Flammen. „Ich hab gesehen, wie Lukas auf ihn geachtet hat. Wenn Lewyn es irgendwohin geschafft hat… dann ist er bei ihnen. Und dann ist er sicher.“
Rodrik nickte, wenn auch nur schwach. Doch Pauls Gesicht verdüsterte sich.
„Ich denke… die ganze Zeit… an Gorwin.“ Er sah zu Boden. „Und dann an Lukas. Daran, wie er mir gesagt hat, dass ich mit ihm kämpfen soll, wenn ich Angst hab. Und ich habe solche Angst.“ Seine Stimme wurde leise. „Ich hab nicht mal gesehen, ob er’s geschafft hat. Ich hab nur diese… Kreaturen gesehen. Diese verdammten, unnatürlichen… Dinger. Und ich dachte nur: Wenn sie ihn erwischen…“
Rodrik sah ihn an, dann legte er ihm die Hand auf den Rücken.
„Er lebt. Er lebt. Er ist wie du… wie wir. Zäh. Und nicht allein. Er ist bei Jaime mit Sansa und Bronn und Erik. Die lassen ihn nicht zurück. So wie wir uns nicht zurückgelassen hätten.“
Langsam beruhigte sich Paul. Die Nähe, das Mitgefühl – sie gaben ihm Halt.
Kevin, Jorah und Dickon saßen schweigend daneben. Kevin hatte sein Schwert noch immer über dem Knie, Jorah starrte ins Feuer, und Dickon, obwohl erschöpft und blass, hielt sich wacker.
Jorah stand schließlich auf.
„Wir müssen Ruhe finden. Wachen einteilen. Wir wissen nicht, ob sie uns folgen.“
Rodrik und Paul nickten. Die fünf bestimmten die Wachen, gaben Befehle mit ruhiger Stimme. Trotz der Erschöpfung wirkten sie geschlossen – und getragen von der Hoffnung, dass sie nicht die Letzten waren.
Und in der Stille des Waldes, unter dem bleichen Licht des Mondes, legten sie sich schließlich nieder – in der Ungewissheit, was der nächste Tag bringen würde. Doch in der Gewissheit, dass sie einander noch hatten.
Qyburns Falle
Das verlassene Dorf am Ufer des Blue Fork lag still und grau vor ihnen. Die wenigen Hütten, die noch standen, waren windschief, von Moos und Zeit zerfressen. Einige Dächer waren eingestürzt, andere hingen schief wie vom Sturm gezeichnet. Nur wenige Feuer der kleinen Armee, die ihnen gefolgt war, brannten bereits, während sich die Männer zwischen den Hütten sammelten, Zelte aufschlugen und ihre Pferde versorgten.
Lennard hielt die Zügel seines Pferdes fest in der Hand und blickte sich um.
„Sieht ruhig aus… merkwürdig ruhig.“ Er ließ seinen Blick über das Nebelmeer streifen, das weiter westlich in den Wäldern hing – doch hier war die Luft klarer, als hätte das Dorf selbst eine stille Grenze gezogen, jenseits derer der Nebel scheute, sich niederzulassen.
„Unnatürlich ruhig“, murmelte Tyrion und stieg vom Wagen. Die Karaffe war leer, aber seine Gedanken wach. „Aber besser als nichts.“
Die vier beschlossen, sich gemeinsam die halb zerfallene Kapelle am Rande des Dorfes anzusehen – ein kleiner Bau aus grauem Stein, einst wohl von Fischervolk oder reisenden Septonen genutzt, nun aber vom Zahn der Zeit gezeichnet. Das Dach war an einer Stelle eingestürzt, das Fenster über dem Eingang von Staub und Rissen durchzogen.
„Vielleicht finden wir dort einen Ort zum Planen. Stein schützt besser als Leinen“, sagte Cengiz leise und sah zu Nina, die wortlos nickte.
„Und wir müssen entscheiden, wie wir die anderen finden“, fügte Lennard hinzu, während er Stormbreaker auf den Rücken zog und die Hüfte lockerte. „Wenn sie noch leben…“
„Sie leben.“ Tyrions Stimme war fest. „Ich spüre es. Lukas lebt. Jaime lebt. Die Frage ist nur: wie weit sie entfernt sind – und wie wir sie erreichen.“
Sie näherten sich der Kapelle. Die knarzenden Stufen knirschten unter Lennards Stiefeln, während Tyrion vorsichtig mit der Hand gegen die Tür drückte.
Doch bevor sie eintreten konnten, geschah es.
Ein plötzlicher Windstoß – dann eine Bewegung im Nebel. Die klare Luft veränderte sich, als hätte jemand einen Schleier über das Dorf gezogen. Innerhalb weniger Augenblicke war der Nebel wieder da – diesmal nicht diffus, sondern schneidend, dick wie kalter Rauch. Die Welt wurde grau, dann fast weiß.
„Was zur Hölle…“, flüsterte Nina und griff nach Cengiz’ Arm.
Und dann – ein Geräusch. Erst dumpf. Dann hallend.
Klack.
Klack.
Oben im zerbrochenen Fenster der Kapelle erschien eine Gestalt.
Hager, in eine schwarze, verfledderte Robe gehüllt. Eine alte, rostige Maesterkette hing ihm schief um den Hals, als würde sie ihn mehr knebeln als auszeichnen. In seiner knochigen Hand: ein lilanes Zepter, pulsierend, wie von düsterem Leben erfüllt.
Sein Gesicht war bleich, eingefallen, die Augen groß und wahnsinnig, die Lippen zu einem irren Grinsen verzogen. Qyburn.
„Willkommen… willkommen…!“ rief er mit einer Stimme, die wie ein verrosteter Dolch durch die Luft schnitt. „Was für ein entzückender Besuch… Ich hatte gehofft, dass ein paar von euch klug genug sind, sich in den Nebel zu wagen.“ Er lachte. Ein keuchendes, hysterisches Kreischen.
Dann hob er das Zepter… und stieß es hart auf den Boden unter sich.
Ein dumpfes Grollen ging durch die Erde. Die Kapelle erzitterte leicht, als etwas in der Tiefe erwachte. Dann, aus dem Boden vor ihnen, aus Rissen und Spalten im feuchten Matsch, erhoben sie sich:
Mutationen.
Verrottete Soldaten, in alter Rüstung, ihre Körper von Narben, Stichen, Alchemie und Wahnsinn durchzogen. Die Augen leuchteten krankhaft violett. Schwerter in der Hand. Zuckend. Schlurfend. Lebendig – aber nicht wirklich.
„Ihr seid in meine Falle getappt!“, brüllte Qyburn. „Genießt den Tanz mit meinen Schöpfungen… vielleicht findet ihr dabei euer Ende – wie eure Freunde es werden oder schon haben!“
Tyrion spannte wortlos seine Armbrust. Cengiz stand aufrecht, Zireael in der Hand, die leicht summte. Lennard zog Stormbreaker, das Schwert zuckte elektrisch in der Luft. Nina griff nach ihrem Speer, die Lippen zusammengepresst.
Sie standen Rücken an Rücken, umringt vom Nebel, von langsam näher rückenden Monstern, deren Atem heiß und feucht war, obwohl ihre Körper kalt waren.
„Nicht trennen“, flüsterte Cengiz. „Bleibt nah“, sagte Nina. „Und wenn einer von euch stirbt – stellt sicher, dass ihr ihn vernichtet, bevor Qyburn ihn zurückholt“, murmelte Tyrion.
Der Nebel zog sich um sie zusammen wie ein Vorhang vor dem letzten Akt.
Die Schlacht hatte begonnen.
Hunde im Wald
Wir kamen auf einem leicht erhöhten Hügel an. Der Wind war kühl, trug aber keinen Frost mehr mit sich – nur das Flüstern der Blätter, das leise Rauschen des Red Forks rechts von uns, dessen Ufer lehmig und weich im goldenen Abendlicht glänzte. Hinter uns zog sich der sanfte Anstieg zurück in die Hügellandschaft. Links von uns breitete sich ein offenes Feld aus – grasbewachsen, friedlich. Und vor uns, am Fuße des Hügels: ein dichter Wald, das hohe Gebüsch wirkte wie eine natürliche Mauer, die uns von dem trennte, was kommen mochte.
Wir schlugen unser Lager auf. Männer unserer Armee riefen sich Befehle zu, Hämmer schlugen auf Heringe, Rüstungen klirrten. Ich setzte mich auf einen der Felsbrocken am Rand der Feuerstelle. Neben mir: Papa, schweigsam wie immer in diesen Momenten. Sansa war an meiner Schulter eingeschlafen, Lewyn lag ebenfalls ausgestreckt, der Kopf zur Seite gedreht. Bronn und Erik waren losgezogen, um Wasser und Proviant zu holen. Ich hörte nur das rhythmische Atmen meiner Freunde. Und das Fließen des Flusses.
Ich sah zu Papa. „Ich bin froh, dass ihr hier seid…“, sagte ich leise. „Dass du hier bist. Aber ich hab Angst. Nicht nur wegen Ramsay. Ich weiß einfach nicht, was kommt. Wer uns da draußen jagt oder was. Und ob wir… ob wir das überleben.“
Papa sah mich an. In seinem Blick lag etwas, das ich nicht sofort deuten konnte. Dann legte er mir ruhig eine Hand auf den Arm und deutete mit dem Kopf zum Red Fork.
„Sieh dir das Wasser an“, sagte er ruhig. „Wie ruhig es fließt. Kein Zorn. Keine Angst. Nur Bewegung. Immer weiter. Schließ die Augen, Lukas. Hör nur zu.“
Ich tat es. Ich schloss meine Augen und hörte auf das Fließen des Wassers. Und in der Stille schien die Angst tatsächlich für einen Moment zu weichen.
Bis ich es hörte.
Ein Bellen. Kurz. Scharf. Dann ein zweites. Ein drittes.
Ich öffnete meine Augen und runzelte die Stirn. „Seit wann haben wir denn Hunde dabei?“, fragte ich mit einem belustigten Lachen.
Papa antwortete nicht sofort. Dann, mit angespannter Stimme, seine Augen noch immer auf das Dickicht gerichtet: „Wir haben keine Hunde dabei.“
Mir wurde schlagartig kalt. Ich sah ihn an, und er sah mich an. Seine Hand wanderte zu Aurelion. Ich hörte das leise Zischen, als das Schwert aus der Scheide glitt. Ich spürte, wie meine Hand zu Argentus wanderte, fast wie automatisch.
Sansa riss plötzlich die Augen auf, als hätte sie ein Alptraum geweckt. Sie richtete sich auf, zitterte. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, aber jedes Wort darin war von Panik durchzogen. „Die Hunde… ich… ich kenne dieses Bellen…“
Ich stand auf. Papa stand auch. Wir blickten gemeinsam in Richtung des Waldes.
Das Gebüsch bewegte sich.
Zuerst waren es nur vereinzelte Hunde, die fast schleichend aus dem Unterholz hervortraten. Schwarze, braune, gefleckte Tiere mit blutunterlaufenen Augen, schaumigem Maul. Dann mehr. Ein ganzes Rudel. Sie kamen langsam, bedrohlich, die Lefzen hochgezogen.
Und dann kam die Armee.
Aus dem Wald, zwischen den Büschen, brachen langsam Männer hervor. Banner flatterten im leichten Wind – schwarze Stoffe, darauf der gehäutete Mann auf dem Kreuz aufgehängt: das Wappen der Boltons.
Und mittendrin – hoch zu Ross – ritt er. Umgeben von schwer bewaffneten Männern. Ein sadistisches Lächeln auf den Lippen, als würde er ein lang ersehntes Fest eröffnen.
Ramsay Bolton.
„Ramsay…“ flüsterte Sansa und ich spürte, wie meine Knie schwankten. Alles in mir zog sich zusammen. Ich konnte nicht atmen. Ich… ich war wieder da. In den Kerkern. In den Schmerzen. In dem Verlust.
Doch dann: Papas Hand griff nach meinem Arm. Fest. Haltgebend.
„Bleib bei mir, mein kleiner okay“, sagte er, während Aurelion in seiner Faust glänzte.
Ich zog Argentus. Hinter uns rührte sich etwas. Sansa trat zurück und rüttelte Lewyn wach, der sofort mit einem keuchenden Atem hochfuhr. „Los! Alarm!“, rief er, sprang auf, rannte in Richtung des Lagers. „Bronn! Erik! Sofort zurück! Waffen ziehen!“
Die Geräusche unserer Männer wurden lauter. Rüstungen klapperten, Schwerter wurden gezogen. Stimmen riefen Befehle.
Bronn und Erik rannten zurück zu uns. Beide mit gezückten Waffen, kampfbereit. Die Männer hinter uns stellten sich auf, reihten sich in Formationen.
Ich stand da – zwischen Papa, Bronn, Erik, Sansa, Lewyn. Mein Schwert in der Hand. Mein Herz raste.
Und vor uns stand die Armee des Mannes, der mir alles genommen hatte.