Eurons Schiffe
Der Nebel war plötzlich da. Nicht wie Dunst, der sich leise heranschleicht – sondern wie eine Mauer, die sich mit einem einzigen Atemzug über das Ufer legte. Dick, schwer, klamm. Er roch nach Eisen, nach feuchter Erde und etwas anderem… etwas Altem.
Die Männer um Paul, Kevin, Dickon, Jorah und Rodrik wurden zu Schemen, Schatten, kaum mehr als verschwommene Umrisse in einer Welt ohne Horizont.
„Das… das steigt wirklich“, murmelte Jorah, seine Stimme ein Hauch.
Er trat näher an das Wasser, das unaufhörlich über das Ufer trat. Seine Stiefel sanken in den nassen Schlamm, und das kalte Lehmwasser schob sich über seine Zehen. „Das ist nicht normal…“ flüsterte er. Doch keiner antwortete.
Nur das Grollen.
Tief. Dumpf. Fast wie das Knurren eines gewaltigen Tieres in der Tiefe.
Paul hob zuerst den Kopf. „Was zum…“
Dann brach das Grauen durch die Stille.
Drei Schiffe. Massiv. Schwarz. Die Segel zerrissen vom Wind, die Masten splitternd, als wären sie selbst lebendig. Sie schnitten durch das Nebelmeer wie Dolche durch schwaches Fleisch.
Auf dem Bug des vordersten Schiffes stand Euron Greyjoy. Die Haare vom Wind zerzaust, das Gesicht zu einem irren Grinsen verzogen. In der einen Hand ein Schwert. In der anderen eine schwarze Flagge mit dem blutverschmierten Kraken. „Willkommen zu eurem Untergang!“ brüllte er. Seine Stimme schnitt wie ein Fluch durch den Nebel.
Rodrik schob sich nach vorn. „Bogenschützen! Bereitmachen!“ Dickon zog trotz der schmerzenden Wunde sein Schwert. Jorah trat neben ihn. Paul stellte sich an Rodriks Seite, Schild und Schwert bereit, das Kinn erhoben.
Dann krachte der erste Eisenmann ans Ufer.
Mit einem wilden Schrei stürzten sich Eurons Krieger vom Bug – eine schwarze Welle aus Wut, Ketten, Eisen und Blut. Der Boden bebte. Pfeile sirrten. Schreie, Eisen, Fleisch. Die Welt wurde zu einem Mahlstrom.
Rodrik warf sich in den Kampf, brüllend. Jorah schrie einen uralten Mormont-Kriegsschrei. Dickon hieb trotz seines Beins zwei Männer in einem Atemzug nieder. Paul duckte sich unter eine Klinge und trieb seinen Dolch in eine Kehle.
Die Klinge aus Obsidian
Kevin jedoch… blieb stehen. Nicht aus Furcht. Aus Pflicht. Er zog sich zurück, suchte Überblick. Seine Augen tanzten über das Schlachtfeld, er zählte, rief, lenkte. Bis er ihn sah.
Etwas bewegte sich. Nicht wie ein Krieger. Nicht wie ein Mensch.
Ein Mann, allein. Oder… war es ein Mann?
Seine Haut: fahlgrün, als wäre Leben aus ihm gesogen worden. Seine Augen: leer, aber leuchtend in fahlem Weiß. Sein Gang: lautlos, wie durch Wasser.
Und in seiner Hand – ein Schwert.
Kein Stahl. Kein Eisen.
Obsidian. Tiefschwarz. Die Klinge lebte. Rote Linien pulsierten durch sie wie Adern, wie Tentakel, die sich über den Stahl wanden. Das Ding in seiner Hand atmete – und mit jedem Hauch starb jemand.
Zwei Männer sprangen auf ihn zu. Sie fielen in derselben Sekunde. Ein Wisch – und sie sackten ein, wie Puppen ohne Fäden.
Kevin wich zurück. Dann rannte er.
„Rodrik! Paul!“ rief er. Seine Stimme war heiser, brüchig.
Er sprang über Leichen, wich Klingen aus, rutschte auf Blut. „Da ist noch was!“ keuchte er. „Ein Mann… oder ein Ding. Es tötet, ohne berührt zu werden. Es ist… nicht menschlich!“
Rodrik riss den Blick vom Gegner vor ihm los. Paul erstarrte.
Ihre Blicke trafen sich.
Und in der Dunkelheit zwischen den Kriegsrufen verstanden sie: Das hier war kein gewöhnlicher Kampf. Es war ein Ritual. Ein Ruf. Ein Auftakt.
Etwas war hier. Etwas, das nicht sterben konnte. Etwas, das gekommen war, um die Welt zu verdunkeln.