Die Wahrheit
„Was ist hier eigentlich los, Onkel?“ frage ich ihn schließlich, als wir ein Stück gegangen sind. Er bleibt kurz stehen, dreht sich zu mir um, und in seinen Augen sehe ich eine Mischung aus Ernst und etwas, das fast wie Reue aussieht.
„Es gibt etwas, das du wissen musst,“ sagt er langsam. „Ich bin nicht der, für den du mich gehalten hast. Ich bin nicht dein Onkel…, sondern dein Vater.“
Mir bleibt der Atem weg. „Was? Wie? Das kann doch nicht sein!“ stottere ich. Doch er schaut mich ruhig an, fast schon mitfühlend, als er fortfährt.
„Deine Mutter und ich…,“ sagt er, und die Worte lassen mich erstarren. „Es ist kompliziert, aber du musst wissen, dass wir verfolgt werden. Es gibt Menschen, die uns töten wollen, und wir müssen uns verstecken.“
Ich bin wie gelähmt von diesen Offenbarungen. Mein Vater war nicht Robert Baratheon, sondern mein Onkel Jaime Lannister? Meine Mutter Cersei hatte mir nie etwas davon erzählt? Fragen schießen mir durch den Kopf, aber gleichzeitig spüre ich, dass die Gefahr real ist. „Wer will uns töten?“ frage ich nervös.
„Das erzähle ich dir später,“ sagt Jaime und legt mir eine Hand auf die Schulter. „Aber jetzt müssen wir in eines meiner Verstecke. Dort sind wir vorerst sicher.“
Mit jedem Schritt wird die Lage ernster, und ich realisiere, dass ich mich mitten in einer gefährlichen Situation befinde. Die Landschaft wird rauer, und das Gefühl der Bedrohung wächst.
Während wir weiter durch die raue, unwirtliche Landschaft gehen, spüre ich, wie mein Herz schneller schlägt. Die Gedanken wirbeln in meinem Kopf: Wie kann es sein, dass Jaime Lannister mein Vater ist? Wie passt das alles zusammen? Ich gehe neben ihm her, und der kühle Wind peitscht über die Landschaft, als ich schließlich frage: „Wie kann das sein? Ich meine, du und Cersei… das ergibt keinen Sinn.“
Jaime seufzt leise, seine Miene bleibt ernst, als er anfängt zu erklären. „Es ist eine lange und schwierige Geschichte,“ sagt er, ohne mich direkt anzusehen. „Cersei und ich… wir haben immer versucht, die Wahrheit zu verbergen, aber sie kommt immer wieder ans Licht.“
„Aber jetzt haben sich die Dinge geändert. Es gibt Leute, die wissen, dass du Cersei und mein Sohn bist und die dich als Bedrohung sehen. Sie wollen dich – und mich – auslöschen.“
Seine Worte treffen mich wie ein Schlag. Ich, eine Bedrohung? Für wen? „Wer will uns töten?“ frage ich, meine Stimme zittert ein wenig vor Nervosität.
„Die Krone und meine Feinde,“ antwortet Jaime knapp. „Sie sehen einfach die Gelegenheit, uns beide zu treffen, um Rache zu üben, für das was unser Haus und ich den Menschen angetan habe.“ Seine Augen funkeln kurz, als er hinzufügt: „Wir haben viele Feinde.“
Ich spüre ein kaltes Gefühl in der Magengrube. Diese Welt, in die ich gezogen wurde, ist voller Machtspiele, Rachegelüste und tödlicher Intrigen. „Und was sollen wir jetzt tun? Wo gehen wir hin?“ frage ich, bemüht, die Angst zu unterdrücken.
Jaime bleibt für einen Moment stehen und blickt über die ferne Landschaft. „Wir gehen zu einem meiner Verstecke. Ein sicherer Ort, wo uns niemand finden wird – zumindest für eine Weile. Dort werden wir Pläne schmieden, wie wir zurückschlagen können.“ Er dreht sich zu mir um, und zum ersten Mal sehe ich in seinen Augen nicht nur den ernsten Kämpfer, sondern auch eine Art väterliche Sorge. „Wir müssen stark bleiben, Lukas. Es wird gefährlich, und wir werden kämpfen müssen – für unser Überleben.“
Während wir weiterziehen, denke ich über alles nach, was er gesagt hat. Ich bin sein Sohn, geboren aus einer verbotenen Beziehung zwischen ihm und Cersei. Und jetzt sind wir auf der Flucht vor Feinden, die uns töten wollen, weil ich anscheinend eine Bedrohung darstelle. Die Realität dieser neuen Situation trifft mich mit voller Wucht, aber gleichzeitig spüre ich eine gewisse Entschlossenheit in mir aufsteigen. Wenn Jaime Lannister wirklich mein Vater und nicht mein Onkel ist, dann muss ich die Stärke finden, die in mir steckt.
„Was ist unser Ziel?“ frage ich schließlich, als wir uns einem dichten Wald nähern.
Jaime schaut mich an, sein Blick scharf und entschlossen. „Unser Ziel ist es, zu überleben. Wir müssen die Feinde abwehren, die uns jagen, und uns eine sichere Zukunft schaffen. Aber vorerst müssen wir uns verstecken und Kräfte sammeln. Es wird der Zeitpunkt kommen, an dem wir zurückschlagen, aber zuerst brauchen wir Zeit.“
Ich nicke stumm. Die Verantwortung, die auf meinen Schultern lastet, ist erdrückend, aber ich weiß, dass ich an Jaimes Seite kämpfen muss. Wir sind nicht nur auf der Flucht – wir sind auf einer Mission, uns zu verteidigen und unser Überleben zu sichern.
Wir setzen unseren Weg durch den dichten Wald fort, die Atmosphäre wird immer bedrohlicher. Die Bäume stehen eng beieinander, werfen lange Schatten, und es ist still – zu still. Jeder Schritt knackt das Unterholz, und ich kann das leise Rascheln von Tieren oder vielleicht etwas anderem in der Nähe hören. Ich merke, dass ich immer wieder nervös hinter mich schaue, obwohl Jaime neben mir ruhig und gelassen wirkt. Doch seine Augen sind wachsam, als würde er jeden Moment auf einen Angriff warten.
„Wie lange wird es dauern, bis wir in deinem Versteck sind?“ frage ich, um die Spannung zu durchbrechen, aber auch, weil meine Nerven allmählich blank liegen.
„Nicht mehr lange,“ antwortet er knapp. „Vielleicht noch eine Stunde.“
Seine Stimme ist fest, aber ich bemerke einen leichten Anflug von Unruhe, der mich beunruhigt.
„Und was, wenn sie uns finden?“ Die Worte sind kaum ausgesprochen, bevor Jaime scharf die Luft einsaugt und mich mit einem intensiven Blick ansieht.
„Dann kämpfen wir,“ sagt er ohne Zögern. „Aber das werden sie nicht. Sie wissen nicht, wo wir sind – und wenn sie es wüssten, würden sie uns nicht lebend erwischen.“
Ich nicke, versuche, seine Sicherheit zu übernehmen, aber in mir pocht die Angst. Wir gehen weiter, und der Wald wird immer dichter. Plötzlich hebt Jaime die Hand und deutet mir, stehenzubleiben. „Schsch...“ flüstert er. „Hörst du das?“
Ich horche angespannt, und da höre ich es: Schritte. Sie sind leicht, fast unmerklich, aber sie sind da. Sofort spannt sich mein Körper an. „Sind das...?“ frage ich leise, aber Jaime schüttelt nur den Kopf, legt den Finger an die Lippen.
Wir ducken uns beide in die Deckung eines Baumes, die Spannung ist fast unerträglich. Die Schritte kommen näher, und ich kann meinen Herzschlag in meinen Ohren hämmern hören. Was, wenn uns jetzt jemand entdeckt? Was, wenn die Feinde uns aufgespürt haben?
Jaime zieht langsam ein Messer aus seinem Gürtel, und ich bereite mich instinktiv darauf vor, ebenfalls zu kämpfen – auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich überhaupt wüsste, wie so ganz ohne mein Schwert oder eine eigene Waffe. Die Schritte nähern sich weiter, und dann, plötzlich, taucht eine Gestalt zwischen den Bäumen auf. Es ist ein Mann, bewaffnet, und er sieht sich suchend um.
Mein Herz rast. Ich werfe Jaime einen fragenden Blick zu, doch er bleibt völlig ruhig, seine Augen fixieren den Fremden. Der Mann ist allein, das gibt mir ein wenig Mut. Ich sehe, wie Jaime überlegt, was er tun soll, doch bevor er sich bewegt, tritt der Fremde noch einen Schritt näher – und dann bleibt er stehen, als hätte er etwas gehört.
„Los,“ flüstert Jaime plötzlich, und bevor ich reagieren kann, stürzt er sich lautlos aus der Deckung auf den Fremden. In einer blitzschnellen Bewegung drückt er ihn zu Boden und hält ihm das Messer an die Kehle. Der Mann keucht auf, völlig überrascht, aber bevor er einen Laut von sich geben kann, hält Jaime ihm den Mund zu.
„Wer schickt dich?“ zischt Jaime, seine Stimme leise, aber bedrohlich. Der Mann zögert, will sich wehren, doch Jaime drückt das Messer fester an seinen Hals. „Antworte!“ fordert er.
Der Mann schluckt schwer, die Angst steht ihm ins Gesicht geschrieben. „Ich... ich war nur auf der Jagd...“ stottert er. „Ich schwöre, ich habe euch nicht gesucht...“
Jaime mustert ihn scharf, als wolle er herausfinden, ob der Mann lügt. Nach einer endlosen Sekunde lässt er ihn los und tritt zurück, das Messer noch immer in der Hand. Der Fremde bleibt auf dem Boden liegen, zitternd vor Angst.
„Verschwinde,“ sagt Jaime kalt. „Und vergiss, dass du uns gesehen hast.“
Der Mann nickt hastig, rappelt sich auf und stolpert davon, so schnell er kann. Ich schaue ihm nach, mein Herz noch immer rasend. „Glaubst du, er sagt die Wahrheit?“ frage ich.
Jaime sieht mich an, und für einen Moment wirkt er fast nachdenklich. „Vielleicht,“ antwortet er schließlich. „Aber selbst wenn er uns nicht gesucht hat, könnte er uns verraten. Wir müssen schneller vorankommen.“
Mit diesen Worten setzen wir unseren Weg fort, aber ich merke, dass Jaime jetzt noch wachsamer ist. Der Vorfall hat uns beide gewarnt – wir sind nicht so sicher, wie wir gehofft hatten. Jeder Schritt fühlt sich jetzt riskanter an, und ich frage mich, wie lange es noch dauern wird, bis unsere Feinde uns wirklich aufspüren.
„Lukas,“ sagt Jaime plötzlich, seine Stimme ernst, „du musst dich darauf vorbereiten, dass es bald schlimmer wird. Wenn sie uns finden, gibt es kein Zurück mehr.“
Ich nicke stumm. In meinem Kopf formt sich die Erkenntnis, dass dies nur der Anfang ist.
Das Versteck in den Marschen
Als wir das Versteck erreichen, wird es allmählich dunkler, und die Kälte beißt in meine Haut. Das Versteck, wie sich herausstellt, ist eine verlassene, halb verfallene Festung tief in den Wäldern, die kaum jemand noch kennt. Das Gebäude steht auf einem abgelegenen Felsen, versteckt zwischen alten Bäumen, und es ist fast vollständig von Moos und Efeu überwuchert. Die Mauern sind brüchig, und nur ein kleiner Teil des inneren Raums bietet Schutz vor dem Wind. Drinnen gibt es einen Kamin, der seit Jahren nicht benutzt wurde, und ein paar grobe Decken auf dem kalten Steinboden.
Jaime führt mich hinein, und ich schlage meine Arme um mich, um mich vor der Kälte zu schützen. „Das ist es?“ frage ich skeptisch, und Jaime nickt.
„Es ist alt und nicht mehr viel wert, aber es ist sicher,“ sagt er und beginnt, Feuerholz in den Kamin zu werfen. „Niemand wird uns hier suchen.“
Als das Feuer endlich prasselt, setzen wir uns vor den Kamin. Die Kälte weicht langsam von meinen Gliedern, doch die Anspannung bleibt. Jaime holt eine alte, verblichene Karte von Westeros hervor, die er sorgfältig auf den Boden ausbreitet. Das Licht des Feuers wirft flackernde Schatten auf das Pergament, während ich mich über die Karte beuge.
„Wo sind wir hier genau?“ frage ich und schaue auf die alten, verblassten Linien.
Jaime zeigt mit seinem Finger auf einen Punkt im Westen. „Hier, in der Nähe der Dornischen Marschen,“ erklärt er. „Wir sind nicht weit von den Grenzen zu Dorne entfernt. Es ist abgelegen genug, um nicht so leicht entdeckt zu werden, aber wir dürfen uns nicht zu lange hier verstecken. Unsere Feinde sind näher, als du vielleicht denkst.“
Er deutet auf die Karte und fängt an, die verschiedenen Orte und Personen zu erklären, die in unser Schicksal verwickelt sind. „Hier oben im Norden,“ sagt er und zeigt auf Winterfell, „befindet sich einer unserer stärksten Verbündeten: das Haus Stark. Sie wissen vielleicht noch nichts von unserer Situation, aber sie könnten uns helfen, wenn wir es bis dorthin schaffen. Aber der Weg dorthin ist lang und gefährlich.“
Ich nicke langsam und folge seinen Erklärungen. „Und hier,“ fährt er fort, als sein Finger nach Süden wandert, „liegt King’s Landing. Dort herrscht deine Mutter, Cersei. Sie hat uns in diese Lage gebracht ... Sie hat viele Feinde und noch mehr Geheimnisse, die sie um jeden Preis schützen will – sogar, wenn es bedeutet, uns beide zu opfern.“
Mir stockt der Atem. „Und wer verfolgt uns?“
„Es sind nicht nur einfache Soldaten,“ sagt Jaime ernst. „Es sind Leute, die Cersei loyal ergeben sind, aber auch einige, die ihre eigenen Interessen verfolgen. Die Sparrows haben ihre Spione überall, und die Iron Fleet könnten uns entlang der Küsten aufspüren. Auch die Lannisters in King’s Landing von denen wir dachten, wir könnten ihnen trauen, sind nicht mehr auf unserer Seite.“
„Also sind wir so gut wie allein?“ frage ich, mein Herz rast.
„Nicht ganz.“ Jaime zeigt auf das Eyrie, die Heimat der Arryns. „Haus Arryn hat kein großes Interesse an den aktuellen Machtkämpfen. Wenn wir es schaffen, ihre Neutralität zu wahren, könnten wir sie als Zufluchtsort nutzen.“ Dann wandert sein Finger wieder nach Süden. „Und hier, in Storm’s End, ist Haus Baratheon. Sie haben ihre eigenen Probleme, aber wenn wir Glück haben, könnten wir sie auf unsere Seite ziehen. Doch auch das ist riskant.“
Ich spüre, wie sich ein Knoten in meinem Magen bildet. „Und wer sind unsere größten Feinde?“
„Haus Frey ist uns gegenüber misstrauisch, und sie werden keinen Moment zögern, uns an Cersei auszuliefern, wenn sie eine Gelegenheit wittern,“ erklärt Jaime. „Und auch Haus Tully könnte uns Schwierigkeiten bereiten. Sie sind Anhänger der Krone, und wenn sie uns finden, werden sie uns ohne Zögern ausliefern.“
Ich blicke auf die Karte und versuche, mir die Wege und Orte einzuprägen, während Jaime weiterredet. „Wir müssen strategisch vorgehen. Zuerst sollten wir uns von den Küsten fernhalten und nach Norden ziehen. Wenn wir es schaffen, King’s Landing zu umgehen und die Unterstützung von Haus Stark zu gewinnen, haben wir eine Chance. Aber es wird schwer, Lukas. Wir müssen bereit sein zu kämpfen – mit allem, was wir haben.“
Ich schlucke schwer und schaue Jaime an. „Und was, wenn wir es nicht schaffen?“
Jaime sieht mich an, seine grünen Augen leuchten im Schein des Feuers. „Das ist keine Option,“ sagt er entschlossen. „Wir werden es schaffen – weil wir es müssen.“
Ich schaue wieder auf die Karte, mein Kopf schwirrt von den Informationen. Die Aufgabe erscheint mir überwältigend, aber ich weiß, dass es keinen Weg zurück gibt. Wir müssen weiter, immer weiter, bis wir entweder die Flucht geschafft haben oder in den Fängen unserer Feinde enden.
Während wir vor dem knisternden Feuer sitzen, nimmt Jaime einen tiefen Atemzug und schaut mich an. Ich sehe die Last, die auf seinen Schultern liegt, in seinen Augen. „Lukas,“ beginnt er leise, „es tut mir leid, dass du all das durchmachen musst. Ich weiß, dass du verwirrt bist, dass alles so plötzlich kommt. Und ich... ich habe dir so lange nicht die Wahrheit gesagt.“ Er zögert, seine Stimme bricht leicht. „Man sucht sich nicht aus, wen man liebt. Es war nie einfach mit Cersei, aber—“
Ich unterbreche ihn mit einem leichten Lächeln, das ihn kurz aus der Fassung bringt. „Jaime...“ Ich setze bewusst seinen Vornamen ein, was ihn sichtlich überrascht, „ich habe es mir schon gedacht.“ Er sieht mich mit einer Mischung aus Schock und Erleichterung an. „Und weißt du was? Ich bin froh, dass du mein Vater bist.“
Für einen Moment bleibt er stumm, seine Augen weiten sich, als hätte er mit allem gerechnet, nur nicht mit diesen Worten. „Lukas...“ Seine Stimme zittert leicht, aber er lächelt. Er sieht aus, als sei ihm ein riesiger Stein vom Herzen gefallen. „Ich habe immer gespürt, dass du mehr als nur mein Onkel bist.“ fügte ich hinzu. Dann umarmen wir uns. Sein Griff ist fest, und für den Bruchteil einer Sekunde spüre ich die Wärme, die zwischen uns entsteht. Es ist ein Moment, der uns beide in dieser kalten, gefährlichen Welt zusammenhält.
„Ich wusste nicht, wie du reagieren würdest,“ murmelt Jaime, während er mich loslässt. „Ich dachte, du würdest mich hassen oder noch mehr verwirrt sein...“
„Nein,“ sage ich fest. „Es gibt nichts, was du mir erklären musst. Es ist okay.“
Aber als ich mich wieder ans Feuer setze, überkommt mich doch die Neugier. Ich schaue in die tanzenden Flammen und frage schließlich: „Warum ist Cersei so wütend auf dich... und auf mich?“
Jaime seufzt tief, sein Blick wird schwer. „Cersei und ich... wir hatten immer eine komplizierte Beziehung. Sie war schon immer besessen von Macht und Kontrolle. Am Anfang war ich ihr Verbündeter, ihre größte Stütze. Aber irgendwann wurde klar, dass ihre Liebe zu mir..., dass sie nicht nur von Zuneigung getrieben war. Es war mehr. Ein Verlangen nach Kontrolle, nach Besitz. Als ich mich von ihr abwandte – als ich begann, andere Entscheidungen zu treffen und mich selbst zu hinterfragen – hat sie das als Verrat empfunden.“
Seine Stimme wird leiser. „Und dann... kamst du ins Spiel. Sie sah dich als Bedrohung, als etwas, das ihr von mir weggenommen hat. Ich glaube, in ihren Augen stehst du für den Verlust der Kontrolle, die sie über mich hatte. Und Cersei kann es nicht ertragen, jemanden zu verlieren.
Am Tag, als wir geflüchtet sind, ging ich früh morgens zu ihr. Sie war mir gegenüber in den letzten Wochen immer schlechter aufgelegt und war dementsprechend sauer, dass ich sie überhaupt ansprach.“ er schluckte.
„Ich versuchte mit ihr über Tommen zu reden… du weißt schon…“ fuhr er fort, während sich Tränen in seinen Augen sammelten. Auch mir wurde anders, als er den Namen meines Bruders erwähnte.
„Sie schrie mich an, wieso es mich auf einmal interessiert was mit ihren Kindern passiert ist. Ich sagte ihr, dass es mich immer interessiert hatte und ich es nicht zeigen konnte und sie genau wusste wieso… Dass ich dir noch irgendwie ein guter Vater sein möchte, da du unser letztes Kind bist…“ schluchzte er.
„Sie ohrfeigte mich und schrie wie wahnsinnig, ob das mein Ernst ist und dass sie niemals zulassen wird, dass ich dir sagen kann dass du mein Sohn bist…
Geschockt und voller Wut über das, was sie sagte, fragte ich sie provokant, wie sie das denn verhindern will.
Sie lachte und rief Qyburn hinein, der sofort die Tür öffnete und sie befahl ihm mit einer Macht und Ernsthaftigkeit, welche ich nur selten bei ihr erlebt hatte, den Mountain mit seinem Schwert ausgerüstet in dein Zimmer zu schicken…“
„Das wirst du nicht wirklich tun.“ winselte ich verzweifelt, voller Panik und verdrehte meinen Kopf da ich sie noch nie so außer sich gesehen hatte.
„Und wie ich das tun werde… Und du wirst es ansehen. Es wird das Letzte sein, was du dummer Nichtsnutz jemals sehen wirst, bevor ich auch dich ihm überlasse!“ schrie sie laut.
„Sofort stieß ich sie zur Seite und rannte los, um vor dem Mountain bei dir zu sein. Den Göttern sei Dank erinnerte ich mich daran, dass du an diesem Tag immer heimlich kämpfen übst, wovon deine Mutter keine Ahnung hatte. Ich war so panisch, dass ich so schnell rannte wie noch nie, voller Angst, dass du vielleicht nicht dort bist. Du glaubst nich was für ein Stein mir vom Herz gefallen ist, als ich dich an der Bucht sah...“
Stille und Schock lagen in der Luft und ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Ich schluckte und ließ die Worte auf mich wirken. Die Tragweite dessen, was er sagte, war schwer zu ertragen. „Sie wollte mich töten?“ Meine Stimme stockte, als ich diese Frage aussprach. „Ja…“ sagte Vater mir und schluckte schwer, den Tränen nahe.
Er sah mich an, seine Augen voller Schmerz und Bedauern. Er öffnete den Mund, als wolle er noch etwas sagen, doch er zögerte. Dann senkte er den Blick und seufzte tief.
Während wir am Feuer saßen und unsere Route planen, hörten wir plötzlich das vertraute Schlagen von Flügeln in der kalten Luft. Ein Rabe landete direkt vor uns. Seine dunklen Augen funkelten im Schein des Feuers, und an seinem Bein war eine kleine Nachricht befestigt. Jaime griff danach, und ich sah, wie sich seine Augen beim Lesen der Nachricht weiteten. „Es ist von Tyrion,“ sagte er, seine Stimme ernst.
„Was schreibt er?“ fragte ich neugierig.
Jaime las laut vor: „Lukas, Jaime, ich weiß, wo ihr seid. Kommt zu mir nach Casterly Rock. Es ist sicherer hier als irgendwo sonst. Cersei weiß nicht, dass die Menschen in Casterly Rock auf unserer Seite stehen. Beeilt euch, die Zeit ist knapp, bevor euch jemand in eurem Versteck findet.“
Er verstummte für einen Moment, während er die Worte auf sich wirken ließ „Tyrion... Er ist also auf Casterly Rock,“ sagte ich nachdenklich. „Das könnte eine gute Gelegenheit sein.“
„Ja,“ nickte Jaime langsam. „Er kennt Cersei besser als die meisten anderen und weiß, wie wir uns vor ihr schützen können. Wenn er sagt, dass wir dorthin müssen, dann sollten wir ihm vertrauen.“
Wir beide beugten uns über die Karte, die vor uns ausgebreitet war. Casterly Rock liegt weit im Westen, auf einer steilen Klippe über dem Meer, die Heimat unserer Familie. Doch der Weg dorthin war gefährlich. Zwischen uns und dem Felsen der Löwen gab es zahlreiche Hindernisse, darunter gefährliche Gebiete voller möglicher Feinde.
„Wir werden die Weststraße nehmen,“ schlug Jaime vor und fuhr mit dem Finger über die Karte. „Sie führt uns am schnellsten in die Nähe von Casterly Rock. Aber wir müssen wachsam sein. Cersei wird uns nicht einfach so entwischen lassen.“
Ich nickte, die Anspannung stieg in mir auf. „Was ist mit Verbündeten? Gibt es Häuser auf dem Weg, die uns helfen könnten?“
Jaime musterte die Karte genau. „Das Haus Reyne war einst ein Verbündeter, aber sie sind längst gefallen. Vielleicht könnten wir auf die Tarlys setzen, auch wenn sie unter Cerseis Einfluss stehen... Tyrion erwähnte einige Verbündete, aber er hat keine Namen genannt. Vielleicht trifft er uns mit einer Truppe vor den Toren von Casterly Rock.“
Ich lasste seinen Plan auf mich wirken und dachte nach. „Und was ist mit Feinden? Wer könnte uns auflauern?“
„Cerseis Augen und Ohren sind überall. Die Lannisters, die loyal zu ihr stehen, könnten uns auf Schritt und Tritt verfolgen. Die Boltons im Norden haben auch noch ihre eigenen Pläne. Und vergessen wir nicht die Freys – sie waren schon immer Opportunisten.“
Wir planten unsere Route sorgfältig, gingen mögliche Fluchtwege durch und versuchten, uns die kürzesten, aber sichersten Wege zu sichern. Es war eine gefährliche Reise, aber wir hatten keine Wahl. Casterly Rock war unsere beste Hoffnung.
Als wir die Route endgültig festgelegt hatten, hörte ich, wie Jaime das Feuer schürte. „Wir brechen bei Sonnenaufgang auf,“ sagte er. „Bis dahin sollten wir etwas schlafen. Es wird eine harte Reise, aber wir schaffen das.“
Wir ließen den Raben wieder fliegen und setzen uns für den letzten ruhigen Moment des Abends ans Feuer. Die Vorfreude auf das, was vor uns liegt, mischt sich mit der Sorge um das, was hinter uns war.
Als der Rabe in die Nacht davonflog, blieb nur noch das leise Knistern des Feuers zurück. Jaime und ich packen unsere Sachen zusammen und bereiten uns auf den Aufbruch vor. Die Route zu Casterly Rock war festgelegt, und wir wussten beide, dass uns eine gefährliche Reise bevorstand.
„Wir brechen bei Sonnenaufgang auf,“ sagte Jaime, während er die Karte zusammenrollte und sie sicher in seine Tasche steckte. „Die Straße nach Westen wird nicht leicht, aber wir haben keine andere Wahl. Tyrion wartet auf uns.“
Ich nickte und warf einen letzten Blick auf die Karte, bevor wir uns ein paar Stunden Ruhe gönnten. Die Route führte uns durch die Riverlands, ein Gebiet voller unberechenbarer Lords und Plünderer. Wir werden versuchen, größere Städte wie Harrenhal zu meiden, um nicht aufzufallen, und müssen uns vor Cersei’s Lannister-Spionen hüten, die überall sein könnten.
Der Weg nach Westen
Der Morgen brach kühl und grau an, als wir aufbrachen. Das Feuer war längst erloschen, und der Frost hatte sich auf das Gras gelegt. Jaime zog seinen Mantel enger um sich und warf mir einen prüfenden Blick zu. „Bereit?“
„Bereit,“ antwortet ich und folgte ihm, als wir den engen Pfad in den Wald verließen.
Die ersten Stunden des Marsches verliefen schweigend. Die karge Landschaft zog langsam an uns vorbei, und hin und wieder durchbrach das Krächzen eines Vogels die Stille. Meine Gedanken schwiffen ab, immer wieder zurück zu der Tatsache, dass ich nun auf der Flucht war — und dass Jaime mein Vater ist. Es war komisch, aber ich spürte eine seltsame Art von Stolz und Verantwortung.
„Was denkst du?“ fragte Jaime plötzlich, als wir einen Hügel hinaufstiegen.
Ich blickte zu ihm und lächlte leicht. „Ich frage mich nur, wie Tyrion es geschafft hat, in Casterly Rock Fuß zu fassen. Ich meine, nach allem, was passiert ist…“
„Tyrion ist schlauer, als die meisten ihm zutrauen,“ antwortete Jaime und warf mir ein schelmisches Lächeln zu. „Er mag nicht der größte Krieger sein, aber er weiß, wie man das Spiel spielt. Er wird einen Plan haben.“
Wir marschierten weiter durch den Wald, den Blick stets aufmerksam nach vorn gerichtet. Der Weg war mühsam, aber ich spürte, wie das Adrenalin in mir stieg. Jeder Schritt brachte uns näher an Casterly Rock, und gleichzeitig wuchs die Spannung.
„Pass auf,“ warnte Jaime plötzlich und blieb stehen. Vor uns verlief eine offene Ebene, und in der Ferne sah ich eine kleine Gruppe Reiter, die uns entgegenkamen. „Wir sollten einen Umweg machen. Es könnte eine Patrouille sein.“
Ich nickte und folgte Jaime, als er uns in ein Dickicht führte, um den Reitern auszuweichen. Der Umweg dauerte länger als geplant, aber wir schafften es, unbemerkt zu bleiben. Die Gefahr war real, und jeder Moment fühlte sich an, als könnten wir entdeckt werden.
Als die Sonne sich dem Horizont näherte und der Himmel sich in ein tiefes Rot verfärbte, erreichten wir eine kleine Lichtung. Jaime hielt inne und deutete auf eine alte, verlassene Hütte am Rande des Waldes. „Das könnte für die Nacht reichen,“ sagte er. „Wir müssen uns ausruhen, bevor wir weiter in Richtung Westerlands ziehen.“
Ich nickte, und wir betraten die Hütte. Drinnen war es kühl und dunkel, aber es bot Schutz vor den Elementen. Wir machten ein kleines Feuer, und bald schon breitete sich die Wärme im Raum aus. Es war still, nur das Knacken der Flammen und der Wind draußen waren zu hören.
„Wir sind fast da,“ sagte Jaime schließlich, als wir am Feuer saßen. „Wenn wir die Riverlands erst hinter uns gelassen haben, sind wir in Reichweite von Casterly Rock. Dort wird Tyrion uns erwarten… und dann sehen wir, was als nächstes passiert.“
Ich nickte, doch in meinem Kopf kreisten noch immer so viele Fragen. Aber eine drängte sich nach vorn: „Was wird passieren, wenn wir dort ankommen? Wird Tyrion uns wirklich helfen können?“
Jaime sah mich an, seine Augen funkelten im Licht des Feuers. „Tyrion wird uns nicht verraten. Er hat seine eigenen Gründe, gegen Cersei zu kämpfen. Und wenn wir einmal in Casterly Rock sind, wird er wissen, wie wir weiter vorgehen.“
Ich lehnte mich zurück und ließ Jaimes Worte sacken. Der Weg nach Casterly Rock war noch lang, aber es fühlte sich an, als wären wir auf dem richtigen Weg.
Geschichten vom Mad King
Als wir uns Casterly Rock nähertn, war der Himmel bedeckt und ein kalter Wind wehte vom Meer herüber. Es waren nur noch circa zwei Stunden bis zu unserer Ankunft, und ich konnte den gewaltigen Felsen bereits in der Ferne erkennen. Die Festung ragte mächtig und imposant über der Landschaft auf, ein Symbol für die Macht und das Vermächtnis der Lannisters.
Während wir langsam vorankamen, beschloss ich, eine Frage zu stellen, die mich schon lange beschäftigte. „Vater,“ begann ich zögerlich, „kannst du mir etwas über den Mad King erzählen? Und über die Hand des Königs? Wie war es damals?“
Jaime warf mir einen langen, nachdenklichen Blick zu. Er atmete tief durch, als würde er die Erinnerungen, die tief in ihm vergraben waren, hervorholen. „Aerys II., der Mad King, Beschützer des Reiches...“ begann er leise, „war einst ein vielversprechender König. Er hatte Visionen von Größe und Macht, aber irgendwann kippte alles. Paranoia, Wahnsinn und Grausamkeit übernahmen sein Denken. Er sah Feinde in allen Ecken und verlor jegliches Vertrauen.“
Er blieb für einen Moment stehen, als ob die Last der Vergangenheit ihn überkam, und fuhr dann fort: „Ich war noch jung, gerade 16, als ich der Königsgarde beitrat. Es war eine Ehre, die nur wenigen zuteilwurde. Aber bald erkannte ich, dass ich mehr Zeuge seines Wahnsinns war als seines Königtums. Er verbrannte Menschen bei lebendigem Leib, aus purer Lust und Furcht vor Verrat.“
Ich spürte den Ernst in seiner Stimme, während er weitersprach. „Die Hand des Königs, mein Vater, dein Großvater Tywin, war zu dieser Zeit die rechte Hand des Mad King. Sie führten lange Jahre erfolgreich Krieg, und unter Tywins Führung blühte das Reich auf. Doch Aerys begann, sich vor ihm zu fürchten, ebenso wie vor allen anderen. Er misstraute sogar seiner eigenen Hand, meinem Vater.“
„Was ist passiert?“ fragte ich, neugierig auf die Wendung, die die Geschichte nahm.
Jaime schüttelte den Kopf. „Aerys hat Tywin öffentlich gedemütigt. Er misstraute ihm so sehr, dass er ihn schließlich entmachtete. Das führte zu einem Bruch zwischen ihnen. Mein Vater zog sich nach Casterly Rock zurück, doch Aerys ließ ihn nie aus den Augen.“
Dann wurde Jaimes Stimme leiser, als er zu dem Moment kommt, den ich am meisten hören wollte. „Als Robert’s Rebellion ausbrach und die Stadt fiel und dein Großvater mit der kompletten Lannister Armee vor den Toren von King’s Landing stand, entschied der Mad King, dass er lieber alles niederbrennen würde, als den Thron aufzugeben, obwohl sowohl ich ihn als auch Lord Varys ihn um jeden Preis darum baten, friedlich aufzugeben. Er wollte King's Landing in Flammen aufgehen lassen, deshalb ging er zu seinem Pyromanen der zuvor Wildfeuer überall in der Stadt platziert hatte. Er sagte es immer wieder: Verbrenn sie alle, verbrenn sie in ihren Häuser, verbrenn sie in ihren Betten... Das war der Moment, als ich eingreifen musste…
Als erstes tötete ich seinen Pyromanen… dann als Aerys fliehen wollte, rammte ich mein Schwert in seinen Rücken… Ich glaube, er dachte nicht, dass er sterben würde… Immer wieder sprach er davon, mit dem Rest von uns zu verbrennen und dann wiedergeboren zu werden, als Drache, um seine Feinde zu Asche zu machen. Deshalb schnitt ich seine Kehle auf, um sicherzugehen dass dies nie passieren würde… Fertig von allem was passiert war setzte ich mich auf den Iron Throne und starrte in die Leere… das war der Moment, als Ned Stark mich fand… der Mad King leblos neben mir am Fuße des Iron Thrones…
Seine Augen wurden schwer, als er das nächste Wort sprach: „Königsmörder. Eidbrecher. Mann ohne Ehre. So nennt man mich seitdem, weil ich ihn getötet habe. Ich habe ihn von hinten erstochen, um das Leben von Tausenden zu retten. Aber niemand wird das je verstehen…“
Ich war für einen Moment sprachlos. Es war schwer zu begreifen, wie schwer diese Entscheidung auf ihm lasten musste, wie tief der Schmerz darüber sitzen musste, nicht nur seinen Eid als Königsgardist gebrochen, sondern auch ein Monster getötet zu haben und dies alles, ohne dass jemand die ganze Geschichte kannte.
„Du hattest keine Wahl,“ sagte ich schließlich. „Ich hätte genau dasselbe getan…“ fügte ich hinzu. Er sah mich an und ich sah ihm an, dass es, auch wenn es nur ein minimaler Teil war, Last von seinen Schultern nahm.
„Alles in allem, ist es eine lange Geschichte von Ehre und Schande,“ sagte Jaime. „Die Hand des Königs und der Mad King... Dein Großvater hätte das Reich besser regiert, aber die Paranoia hatte Aerys in den Wahnsinn getrieben. Es endete so, wie es enden musste.“
Die Worte hallen in der kalten Luft wider, und für einen Moment schwiegen wir beide.
Ich schaute Jaime an, während er noch immer in seine Gedanken über die Vergangenheit versunken war. Es war schwer, jemanden wie ihn in solch einem Zustand zu sehen – voller Reue und doch so viel Ehre in seinen Taten, auch wenn die Welt das nie zu schätzen wusste. Nach einem Moment der Stille sagte ich: „Für mich bist du mehr als das, was die Leute behaupten, Vater. Du hast das Richtige getan. Du hast das Leben Tausender gerettet. Du bist ein Held.“
Jaime sah mich nochmal an, seine Augen weicher, erleichterter, als er meine Worte nochmals hörte, als hätte er es nochmal von mir hören müssen. Ein schwaches Lächeln huschte über seine Lippen, auch wenn das Thema für ihn damit natürlich niemals beendet war. „Danke,“ murmelte er leise, „das bedeutet mir viel, ehrlich...“
Ich zögerte, doch dann fragte ich ihn: „Wenn es dir nicht zu viel ist darüber zu reden, aber was genau ist mit deiner rechten Hand passiert? Ich weiß nur, wovon Mutter mir erzählte, was aber nicht viel war.
Seine Miene verdunkelte sich erneut, als die Erinnerung an dieses schmerzhafte Kapitel seines Lebens zurückkehrt. „Es war während des Krieges,“ begann er leise, während seine Augen ins Leere starrten. „Ich war ein Gefangener der Starks – Catelyn Stark wollte mich gegen ihre Töchter eintauschen, aber ich hatte wenig Hoffnung, lebend aus der Sache herauszukommen.“
Er hielt einen Moment inne, seine linke Hand schloss sich um den Stumpf, wo einst seine Rechte war, als würde er den Verlust erneut spüren. „Auf dem Weg nach Harrenhal traf ich auf einen Mann namens Locke. Er war einer von Roose Bolton’s Männern – brutal, ohne Skrupel. Ich habe ihn provoziert, sagte dass dein Großvater alles bezahlen würde um mich lebend wiederzubekommen… Da er selbst nie viel Geld hatte und genervt von der Protzigkeit war, hat er mir meine Hand abgehackt.“
Sein Ton war so ruhig, dass es mir einen Schauer über den Rücken jagte. „Ich war nichts mehr ohne meine Hand,“ sagte Jaime weiter. „Die rechte Hand eines Schwertkämpfers, das war alles, was ich hatte, alles, worauf ich mein Leben aufgebaut hatte. Und plötzlich war sie weg.“
„Es war eine Lektion in Demut,“ fügte er hinzu, als ob er das Wort schmecken müsste, bevor er es aussprach. „Es hat mich verändert. Nicht nur körperlich, sondern auch innerlich.“
Ich wusste, dass es schwer sein musste, darüber zu sprechen. Die rechte Hand als Kämpfer zu verlieren – das war mehr als nur ein körperlicher Verlust. Es war, als würde ein Teil der Identität herausgerissen werden. Und doch stand Jaime hier, stark, widerstandsfähig, und vor allem – war er immer noch derselbe Mann, der einst alles opferte, um das Richtige zu tun.
„Aber du hast mehr als nur deine Hand,“ sagte ich und lege meine Hand auf seine Schulter. „Du bist ein Kämpfer, mit oder ohne Schwert. Das, was dich ausmacht, ist nicht deine Hand, sondern dein Herz und dein Verstand.“
Jaime nickte langsam und zog mich in eine kurze, aber feste Umarmung. „Ich hoffe, du hast recht,“ murmelte er, bevor er sich wieder von mir löste und in die Ferne blickte, wo sich die Silhouette von Casterly Rock am Horizont immer deutlicher abzeichnete.
Die Vergangenheit lag schwer auf ihm, aber ich wusste, dass wir vor einer neuen Herausforderung standen – eine, die all das, was wir bisher durchgemacht haben, in den Schatten stellen würde.
Ich sah Jaime fest in die Augen und sagte entschlossen: „Wir schaffen das, Vater. Ich werde immer an deiner Seite kämpfen. Was auch kommen mag, wir stehen das gemeinsam durch.“
Jaime musterte mich, sein Blick voller Dankbarkeit, aber auch etwas überrascht von meiner Entschlossenheit. „Und ich will von dir lernen,“ fügte ich hinzu. „Ich will ein so guter Schwertkämpfer werden wie du – und wie Ser Arthur Dayne.“
Ein Hauch von Nostalgie schlich sich in Jaimes Lächeln, als ich Ser Arthur Dayne erwähnte. „Dayne war der Beste,“ sagte Jaime leise, „aber es war nicht nur sein Schwert, das ihn auszeichnete. Es war seine Ehre. Seine Entschlossenheit.“ Er legte eine Hand auf meine Schulter. „Wenn du das in dir trägst, wirst du weit kommen.“